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Full text of "Das System des Katholicismus in seiner Symbolischen Entwickelung"

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oder 
Siforifhfrieinne und dogmatiſchkomparative 
Darren 
R des 
Fatholifhen, Lutherifhen, reformirten 
und focinianifhen Lehrbegriffs; 
n\eb ft 
einem Abriß der Lehre und Verfaffung der übrigen veeidentalifchen 
Keligionsparthenen, wie auch der griechiichen Kirche. 


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Von 
Philipp Marheinede, 


Doctor und Profeffor der Theologie an der Königl. Univerfität zu Berlin, 





Der erften Abtheilung 
Dritter Band. 


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Heide elb erg, 
ben Mohr und Zimmer 


28:82. 


ng Das 
Sy tem 
des 
Katholicisſsmus 


feiner ſymboliſchen Entwickelung. 


Von 


Philipp Marheinecke, 


Doctor und Profeſſor der Theologie an der Königl. Univerfität zu Berlin. 





Dritter Band. 





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Derdelh erg, 
be» Mohr und Zimmer 


1.8 1,2. 


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Am Schluſſe dieſes Theils der Darſtellung des 
katholiſchen Syſtems bin ich endlich an dem Ziele 
angelangt, welches ich mir bey Anlage dieſes Wer— 
kes als den naͤchſten Graͤnzpunct feſtgeſtellet hatte. 
Ueberzeugt, daß alles Einzelne an der diſciplinari— 
fben Seite des. Syftems fein Licht empfängt von 
der Fatholifchen Lehre, ir der es feinen Grund hat, 
Fonnte ich von Anfang an die Entwicelung aller 
einzelnen Cerimonien und Theile der Liturgie in 
meinen Plan nicht mit aufnehmen. Es verfehwin- 
det auch, je mehr man hier ins Einzelne geht, an 
der großen Verfchiedenheit und den oft entgegenge- 
ſetzten Obfervanzen der einzelnen Kirchen das Fa- 
tholifche Prinzip almählig felbft und ebendamit 
der nothwendige Zufammenhang diefer Dinge mit 
dem Wefentlichen des Syſtems. 

Sch Habe uͤberall in diefem Werf, wie in den 
beiden erften Bänden, fo hier, nach möglichft treuer 
Darlegung des Fatholifhen Syſtems, die Eritif 
deffelben aus dem proteftantifchen Standpunct voll- 


vI 


zogen. Ich leugne deswegen nicht, daß eine Eri- 
tif des profeftantifchen Syſtems aus katholiſchem 
Standpunct eben fowohl möglich ſey. Wird diefe 
erft vorhanden feyn in ähnlicher Art, wie jeng, fo 
durften wir ohngefähr an das Ziel gefommen feyn, 
wo fih das gegenfeitige Verhaltmß beider zum 
Chriſtenthum uberfehen und beffimmen, auch die 
Frage beantworten ließe: wie denn nun die von 
beiden Kirchen fo dringend verlangte Negeneration 
des verfallenen Firchlihen Lebens im wahren Gei- 
fie des Chriftenthums vorzunchmen fey, nah den 
Bedurfniffen einer nicht mehr, wie früherhin vom 
Aberglauben, fondern vom Unglauben geängftigten 
zeit und nach den Fatholifhen Prinzipien der Ein- 
heit, der Allgemeinheit und des Alterchums, welche 
die proteftantifhe Kirche jederzeit für die ihrigen 
ausgegeben hat. So aber Fann mein Verſuch im- 
mer nur ein geringer und einfeifiger Beitrag zur 
Beantwortung jener großen Frage fenn, welche mit 
Ernft und Nachdenfen aufzuwerfen und zu beant— 
worten, wenigftens auf das nicht mehr weit entfernte 
dritte Secularfeft der Reformation, ſich wohl gezie— 
men möchte. 
Berlin. Am zo. October 1813. 





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Anhaltsverzeidnif. 


— — — 


Erſtes Kapitel. 
Vom Zuſtande des Menſchen vor und nach dem Fall. Eben— 
bild Gottes. Erbſuͤnde. Unbefleckte Empfaͤngniß der Marie. 
Zweites Kapitel. u: 34- €. 
Don der Rechtfertigung. 
Drittes Kapitel. 7:68- 22. 
Bon der Gnade und den guten Werfen. 
Biertes Kapitel. 2:72 — /FS. 

Bon den Sacramenten Überhaupt. Bon fieben Sacramenten, 
vom opus operatum, signum indelebile und den facrament- 
lichen Cerimonien. 

Zünftes Kapitel. 4:/48-/f 

Vom Saerament der Taufe, der Priefterweihe und Buße und 

von deren Theilen, der Keue, der Beichte und Genugthuung. 
Sechſtes Kapitel. A-7262. 


Vom Sacrament der Eonfirmation, der Ehe und Iexten Des 
lung. 


Siebented Kapitel. 2.2 — FCb. 
Vom Sacrament des Abendmahls. Don der Transſubſtantia⸗ 
tion, Refervation und Adoration ; Frohnleichnamsfeſt. 


Ach tes Kapitel. 4: F0E — 350. 


Fortſetzung. Vom Saerament des Abendmahlss; von der Coms 
munion, Concomitanz und Kelchentziehung. 


VIII 


Neuntes Kapitel. A— ISO V. 


Fortſetzung. Vom Sacrament des Abendmahls. Von dem 
Opfer im Abendmahl oder von der Meſſe. 


Zehntes Kapitel. 4:4/_ 739. 
Fortferung. Vom Sacrament des Abendmahls. Uriprung der 
Meile. 


Elftes Kapitel. 7- 439 4IF3. 

Bon der Verehrung der Heiligen, der Reliquien und Bilder. 
Zwölftes Kapitel #: 773 77. 

Dom Fegfeuer und Ablap. 


Spyftem 


des 


Kur ITEM ER, 


Zweiter, fpecieller Theil, 
oder 


die einzelnen Lehren der katholiſchen Kirche. 


Marheinecke Soſt. d. Kacholicismus II. 1 





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Erfies Kapitel 


— — 


Vom Zuſtande des Menſchen vor und nach dem Fall. Ebenbild 
Gottes. Erbſuͤnde. Unbefleckte Empfaͤngniß der Maria. 


* 


Wenn ſich das Chriſtenthum zu allen Zeiten in der 
Theologie der Einzelnen und verſchiedener Gemeinden 
ſehr verſchieden darſtellte, ſo iſt davon der Grund, aus 
welchem naͤmlich Veraͤnderungen dieſer Art entſpringen, 
nicht in jenem, ſondern einzig und allein in dieſer auf— 
zuſuchen. Denn ewig eins und objectiv, auf ſich ſelbſt 
beruhend, göttlicher Abkunft und feinem Weſen nach 
unveränderlich ift das Chriſtenthum. Won theologifchen 
Gedanken und Syfiemen hängt feinesweges ab, was das 
Chriſtenthum an fich, Fondern nur, was es der jedesing: 
ligen Zeit und Welt ſeyn und werden fol. Vergebens 
fucht der Menſch, mit allem feinem Unternehmen und 
Denken im Zeitlichen befangen, ſelbſt wenn er fich zur 
Erfenntniß des Ewigen erhebt, dadurch über dag, was 
feiner Natur nad) überfinnlich und ewig und mithin 
über jede Veränderung erhaben iſt, eine Herrſchaft zu 
üben oder in demfelben irgend eine Veränderung hervor: 
zubringen. Wäre es fo mir dem Chriſtenthum beftelle 
und dieſes, ftatt daß in deffen Hand der Menſch dahin: 
* 


— 4 — 


gegeben iſt, ſo ganz und gar in die ſeinige gelegt, dann 
haͤtte laͤngſt nichts mehr, am wenigſten aber menſchliches 
Gegenſtreben, ſelbſt der Beſten und Einſichtsvollſten, den 
Untergang deſſelben aufhalten moͤgen. So aber hat es 
ſich ſelbſt allein durch ſich erhalten und nur ſich ſelbſt 
haben diejenigen entwuͤrdigt und mishandelt, von denen 
man ſagt, daß ſie das Chriſtenthum entwuͤrdigt und 
mishandelt haͤtten. 

Die Aufgabe aller Theologie iſt, den Grund des Ver— 
haͤltniſſes Gottes zu den Menſchen und des Menſchen 
zu Gott, ſowie daſſelbe ohne die ſpeculativen Zwi⸗ 
ſchenglieder der theologiſchen Erkenntniß, im Chriſten⸗ 
thum practiſch dargeſtellt iſt, theoretiſch nachzumeifen. 
Die aͤltere Theologie der katholiſchen Kirche hat die 
eine Seite dieſer Aufgabe, nämlich die theologiſche Ents 
wickelung der Lehre des Chriftenthums von dem We: 
fen Gottes, von dem Verhältnig der drey Verfonen in 
der Einen Gottheit; von den Naturen Chrifti, als Gott 
und Menfch, mit Glück verfucht, zur Zufriedenheit und 
Beruhigung der proteftantifchen Kirche vollzogen, auch 
diefe Lehren jederzeit unverfälfcht in ihrem dogmatifchen 
Syftem beibehalten, aus welchem fie dann unverändert 
in dag proteftantifche übergegangen find. Jene Theolo- 
gen, deren menfchlichem Geift und Gemuͤth die göttliche 
Wahrheit des Chriftenthums rein und gründlich ſich zu 
erfennen gab, deren Frömmigkeit, Tieffinn und unmittel- 
bares Leben im Chriftenthbum gleich groß und lebendig 
war; haben für Alle, die nicht blos als Chriſten das 
Chriftenthun zu leben haben, fondern zugleich als Theo, 
Iogen Grund und Nechenfchaft davon angeben follen, und 
welche mit frommen und freyen Sinn ihnen nachden- 
fend den Gang und innern Zufammenhang ihrer Ideen 
verfolgen, diefe auf eine Are entwickelt, auf die man in 


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der Folge jederzeit zurückgefommen ift und immerdar zu: 
rückfommen wird. 

Anders verhält es ſich hingegen mit der andern Gei- 
te jener Aufgabe aller Theologie. Die Beftimmung des 
menfchlichen Verhältniffes zu Gott oder die dogmatifche 
Anthropologie, obgleich fie faft zu derjelbigen Zeit und 
nicht gang hundert Jahre fpäter in ihren tefentlichften 
Grundgügen entworfen, mit nicht weniger Scharfjinn 
und Frömmigkeit im Sinne des Chriftenthums entwif- 
felt und in das Syftem der Kirche aufgenommen wur; 
de, bat fich folcher unveränderten Aufnahme nicht zu er; 
freuen gehabt. Die Fatholifche Kirche felbft war eg zu: 
erft, welche diefelbe wieder aufgab und eine andere Lehre 
an deren Stelle ſubſtituirte, welche feitdem mit jener in 
faſt ununterbrochenem Kampf begriffen war. Unter meh— 
reren Urfachen diefer Erfcheinung laßt ſich eine. beſon— 
ders nicht überfehen. Wenn die Theologie auf dem Grun: 
de und im Geifte des Chriſtenthums fich eine tiefe und 
klare Erfenntniß Gottes zu bilden und die perfönlichen 
Verhaͤltniſſe des göttlihen Wefens dogmatifch zu ſym— 
bolifiren hatte, fo konnte die richtige Erfenntnig ihr nur 
infofern gelingen, als fie unverwande dabey und fireng 
ihren Blick allein auf Gott und in die Tiefen feines hei- 
ligen Wefens richtete, foweit daffelbe aus der in uns le— 
bendigen Idee Gottes uns Flar werden fann. Die theo— 
logifhe Anthropologie hingegen, welche ſich gleichfalls 
einzig und allein nur auf diefem Wege entivickeln kann, 


und wirklich auch dem. theologifchen Urheber derfelben 


nur fo gelingen Fonnte, war immer der Gefahr augge- 
feßt, mehr oder weniger in den rein menfchlichen Stand: 
punct gezogen, von Diefem aus, das heißt, mehr oder 
weniger im Bewußtſeyn der menfchlichen Natur, ihrer 
Eigenfchaften und Kräfte entwickelt, nach dem Maaßſta— 


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be ihrer finnlichen Neigungen und Leidenfchaften beftimmt 
und fo von ihrem wahren Grunde auf ein ganz anderes 
Gebiet verpflanzt, und auf demfelben dann mit willen: 
fhaftlihem Schein und Scharffinn behandelt zu werden. 

Was menfhliche Kraft und Geifteganftrengung in 
diefen Beziehungen zu leiſten vermag, iſt erfchöpft in 
den zwey allein möglichen Syſtemen, dem Auguſtiniſchen 
und Pelagianifchen, wozu noch ein. drittes in die Mitte 
tritt, das GSemipelagianifche, welches nur die Extreme ver: 
mittelt. Jedes der folgenden Zeitalter mußte fich ent: 
weder zu dem einen, oder zu dem andern, oder zu dem 
vermittelnden Moderatismug befennen, Wo irgend auch 
feit dem fünften Jahrhundert der Streit über diefen Ge- 
genftand neu begann, erneuerten ſich twefentlich jedes: 
mal dieſe alten Gegenſaͤtze. Bei folcher Unvereinbarfeit 


‚derfelben in ihren Ertremen ſteht das Ehriftenthum al: 


fein, welches beide erflären wollen, über beiden und ohne 
foldye Gegenfäse, als welche nämlich, rein theologifch, 
fo fort verfchwinden, alg beide ſich der wiſſenſchaftlichen 
Geftalt und Unterſuchung entichlagen. Wo fie beide fo 
zurückkehren in das Ewige dieſer Lehren des Chriften: 
thums felbft, ohne den Grund, das Wefen und alle eins 
zelne Fäden im Gewebe derfelben ſpeculativ ausmitteln 
zu wollen, da fließt dag Licht der fheologifchen Erkennt— 
niß eugenblicklich zufammen mit der Lehre felbft oder 
vielmehr es erliſcht fofert in dem bloßen Glauben dar: 
an. Nichts iſt daher leichter, als die auch im Verhält: 
niß des Fatholtfchen und proteftantifchen Syſtems im 
ſechszehnten Jahrhunderte neu belebten Gegenfäße in Die: 
fen Lehren ganz zu verwifchen und auszulöfchen und ei— 
ne völlige Uebgreinffimmung beider Syſteme darzuthun, 
fobald fie nur in ber höheren Allgemeinheit der unmit- 
telbar chriftlichen Lehre felbft dargeftelft und auf die Vor: 


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* 


— 7 — 


ſtellung und Sprache der heiligen Schrift beſchraͤnkt oder 
zuruͤckgefuͤhrt werden. Sie koͤnnten ſich nicht ſo ſtreng 
und genau theologiſch entgegengeſetzt ſeyn, waͤren ſie re— 
ligios nicht eins in dem letzten Grunde des Glaubens 
und hätten fie nicht ein gemeinſames Gebiet: Hieraus 
kann keinesweges Indifferentismus gegen die Wahrheit 
und SFalfchheit der entgegengefesten Grundfäge erwach— 
fen: vielmehr bleibt, fobald danach) gefragt wird, auch 
bier der alte und ewige Unterfchied; aber nur dag un— 
mittelbare Leben im Glauben und Chriftenthum kennet 
überhaupt diefe entgegengefeßten Spfteme fo wenig, als 
den Indifferentismus dagegen. Sobald hingegen ein: 
mal dag Leben im Chriſtenthum auch in die Reflexion 
eingegangen, und fich der Geift Probleme über Grund, 
Urfach, Wirkung, Verhältniß und Zufammenhang aufge: 
worfen, Sobald er dann fich durch die Nothwendigkeit 
feines Sorfchungstriebes immer meiter gereist und nicht 
eher beruhigt findet, als bis er auch) von dem Grunde 
des Lebens und Glaubens ſich Zeugniß und Nechenfchaft 
abgelegt: dann gilt e8 auch die Behauptung desjenigen, 
was als das wahre Leben Jedem auf feinem eigenen 
Wege Far geworden, und dann beginnt nothwendig der 
Streit, der dann auch nur im Indifferentismus gegen 
das Leben in der Religion. felbft aufhören und endigen 
fann. Denn nicht leer find diefe Gegenfäge, fondern 
die Religion felbft ift vermittelft der Reflexion in diefel: 
be eingegangen. Das aber allein ift jedem Geifte die 
Wahrheit, worin er fein Leben hat und führet und eing 
der mwichtigften Mittel in der Hand der Vorfehung,” das 
Intereſſe an der Religion rege und lebendig zu erhal- 
ten, war jederzeit die theologifche Diffenfion und Strei— 
tigfeit. | 


er, 


Wenn gleich nun eine Lehre des Ehriftenthumg, über 
welche der Streit entftanden, göttlich ıft und wahr, ewig 
und nothwendig, fo ift e8 nicht auch zugleich dag, mag 
der menſchliche Geift zur Erklärung, zur wiffenfchaftlich 
gründlichen Entwicfelung und Geftaltung aus fih hin— 
zugethan. Hier tritt vielmehr die Möglichkeit des Ser. 
thums ein; die mwiffenfchaftliche Beftrebung ift zugleich 
eine Kunſt, die nur für Wenige iſt; die Theologie iſt 
nicht für Alle, wie die Religion; das Gelingen einer 
theologifchen Erörterung bangt von vielen Umftänden 
und Bedingungen ab, und eine Lehre wird darum nicht 
unmahr oder grundlog, weil eine Wiffenfchaft fich nicht 
mit Glück in die Erforfchung ihres Grundes eingelaf- 
fen: denn in diefem Falle müßte die göttliche Wahrheit 
de8 Chriftentbums von menfchlichen Bemühungen um 
diefelbe abhängig fenn, was fich ſchon ſelbſt widerfprichk. 
Allein weil vor der Feftigfeit und Tiefe der auf dem 
Wege der Forfchung in der Religion gewonnenen Ue— 
berzeugung fein Verdacht gegen die Wahrheit derſel— 
ben auffommen oder beftehen Fann, vielmehr jedes Mis— 
trauen in eben dem Grade verfchwinden muß, als die 
Ueberzeugung zunimmt an Tiefe und Gründlichkeit, fo 
nimmt dann aucd die Religion und das Leben in ihre 
die Seftalt der Wahrheit an, die einem Geifte in feinen 
Sorfchungen aufgegangen if, und wird eins mit ihr, 
und daher nothwendig die Verwerfung der enfgegenge: 
fegten, durch welche jener mit der Wahrheit auch, die 
Religion felbft genommen würde, und daher der Tadel 
der fiemden, als einer der Religion felbft zuwider lau: 
fenden Lehre. Aus den Gegenfägen erfchallen mit Necht 
immer zugleich die Vorwürfe, daß jede fremde Lehre 
niche nur ein Irrthum, ein miglungener Verſuch des 
Geiftes und Denkens, fondern auch das Widerfpiel des 


— 9 — 


Chriſtenthums, in dieſem durchaus nicht begruͤndet, ja 
vielmehr unchriſtlich ſey. 


Dieſe Bemerkungen, abſichtlich in dieſer Allgemein— 
heit ausgeſprochen, ſchienen nothwendig, um in den 
rechten Geſichtspunct einzuleiten, aus welchem ganz be— 
ſonders die nun zu fuͤhrende Unterſuchung uͤber die zu— 
naͤchſt in der dogmatiſchen Anthropologie zwiſchen der 
katholiſchen und proteſtantiſchen Kirche ſtreitigen Lehren 
zu betrachten find. 


Die Fatholifche Kirche geht, um das Verhältnig des 
Menfchen zu Gott im Sinne des Chriſtenthums theolo— 
sifh zu beftimmen, mit der proteftantifchen von einem 
gemeinfchaftlichen Puncte aus, naͤmlich von der Lehre 
über die Sünde. Auch fie nimmt an, daß der Menſch 
ſich urfprüänglih und vor feinem Fall in einem ganz 
andern Zuftande befunden, als jegt, und daß durch die: 
fen Fall eine traufige Zerrüttung in feine Natur gefoms 
men fey. ie lehret gleichfalls, daß durch die Sünde 
des Urmenſchen Gottes Ebenbild, die’ Heiligkeit und Ge 
vechfigfeit verloren gegangen, dadurch der Tod und die 
Sünde in die Weit gefommen, und allen Nachfommen 
Adams die Sünde deffelben zugerechnet worden fey. Sie 
lehree endlich auch, dag nad) dem Falle der Menſch fi) 
in einem Zuftande befinde, in welchem ihm das Ber: 
trauen auf Chrifti Verdienft und die Zurechnung deffel- 
ben zu feiner Rechtfertigung, fowie überhaupt die Gnade 
Gottes in Chrifto Jeſu zu allem Guten unentbehrlich 
ſey. Mehrere Entfcheidungen der Synode zu Trient 
über diefe Yuncte ſtimmen vollfommen überein mit der 
proteftantifchen Lehre, find infofern ganz überflüffig oder 
offenbar nur hingeſtellt, entweder ihre völlige Ueberein- 
fimmung mit der proteftantifchen zu declariren, oder die: 


fer den Schein zu erwecken, als lehre fie von allem bie: 
ſem dag Gegentheil a), | 
Gleichwohl hat die Synode felbft bei diefen dogma— 
tiſchen Beflimmungen ix einige abfichtlich gewählte Auss 
drüce und Wendungen ıhre eigenthümlichen Grundfäße 
hineinzulegen gewußt oder gefucht. Die Art, wie diefeg 
Decret gleih nach) der Synode von ihren Theologen 
ausgelegt und verſtanden, das Verhaͤltniß, in welches 
daffelbe zur Lehre des heiligen Auguftinus geſetzt wor— 
den, und der bedeutende Einfluß, der fi von folcher- 
Lehre der Kirche über den urfprünglichen Zuftand des 
Menfchen auf die folgenden Lehren von der Nechtfertis 
gung verbreitet, deren eigenthümliche Geftalt im Fatholie 
fhen Spftem fih wirklich nur aus ihren Grundfägen 
von der Erbfünde und vom goöftlichen Ebenbild erflären 
läßt, laſſen über die wichtige Differenz keinen Zweifel 
übrig, welche fchon hier in beiden Syſtemen obwaltet. 
Die Fatholifche Kirche hat in Ruͤckſicht des urfprüng: 
lichen Zuftandes vor dem Tall und des unglüclichen nach 
demfelben eine von der profeftantifchen ganz abweichende 
Borftelung von dem Ebenbild Gottes, welches der 
Menfh vor dem Falle befeffen, und nach demfelden und 
durch denfelben eingebüßt, Die Synode Iehret zwar, 
daß der erfte Menfch, da’ er Gottes Gebot übertrat, Die 
Heiligkeit und Gerechtigfeit fogleich verloren habe, Die 
er vorher befefen: allein nicht ohne Abſicht fage fie bier 
nicht, daß er damit oder darin gefchaffen worden, fon: 
dern überhaupt nur, daß ihm die Heiligkeit und Gerech- 
tigkeit zu Iheil geworden b). Gie hat hiebei die ſcho— 


a) Es gebören bieber die vier ibrer fünften Gefion zu Gfande 
eriten Abfebnitte und ein Theil des brachte. £ 
fünften von dem Decref über die b) — primum hominem, cum 
Erbfünde, welches die Ennode in mandatum Dei in Parauiso fuis- 


— 11 — 

laſtiſche Lehre vorausgeſetzt oder beguͤnſtigt, daß dieſe 
Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht eben ein weſentlicher 
Beſtandtheil feiner Natur, ſondern nur eine hinzugekom— 
mene Gabe Gottes (donum supernaturale, super- 
additum) geweſen. Eine Lehre, welche im Zufammen- 
hang des Syſtems nicht wenig austraͤgt, und nicht ohne 
oroße Folgen ift für die Art, wie nach dem Verluſt des 
Ebenbildeg die Natur des Menfchen zu denken fey. 
Denn ift es einmal angenommen, nur als ein gleichſam 
obenein gegebenes Gnadengefchenf Gottes und nicht noth— 
wendig zu feiner Natur gehörend ſey dieſes Ebenbild 
zu denfen, fo ift auch nach dem Verluſt deffelben die 
Natur felbfe und im Wefentlichen durch den Fall niche 
verändert worden, alle natürliche Fähigkeiten, Anlagen 
und Kräfte, welche von jenem. Ebenbild fich noch recht 
gut unterfcheiden laſſen, koͤnnen geblieben und e8 kann 
alfo durch den GSündenfall nur verloren gegangen feyn, 
was ihm Gott zu feinen urſpruͤnglichen Anlagen nod) 
außerdem verliehen hatte Diefe Vorſtellung ift durch 
Bilder und Vergleichungen, welche Farbolifche Theologen 
darauf angewendet haben, Flar und unzweideutig gewor— 
den. Sie vergleichen die nefprüngliche Gerechtigkeit und 
Heiligfeit oder das göttliche Ebenbild mit einem Kleide, 
womit der erfte Menfch umgeben war, und welches ihm 
ausgezogen ihn zwar in der Nacktheit, aber übrigens 
doch in feiner reinmenfchlichen Integrität darftellte, mit 








set transgressus, statim sanclifa- 
tem et justitiam, in qua cpn- 
stitutus fuerat, amisisse, Sess, 
V. cap. 1. Und ein fetbolifcer 
Theolog, der auf der Spnode ſelbſt 
noch war, giebt darüber folgende 
Erlauterung: Sancta Synodus ita 
oralionem temperavit, ut nıhil de 
re dubia et quae nullis erat aut 


scrıpturae certis testimonis aut 
ecclesiae definitione, aut Patrum 
sententiis illuminata definiret. Ne- 
que enim conuditum, sed con- 
&titutum hominem inquit fuis- 
se in justitia et sauckitate. Payvae 
Andradii Defensio Trid. fidei ca- 
thol. I, V. p. 363 


einem Kranz auf dem Haupt einer Jungfrau, nad) def: 
fen Verluſt fie dennoc nichts defto weniger Jungfrau 
bleibt c), und mit den Haaren Simſons d). 

Die eigentliche GStreitfrage, welche zwiſchen beiden 
Syſtemen ſich bier erhebt, ift num nicht die, ob nicht 
überhaupt im Stande der Unfchuld bey dem Menfchen 
eine uͤbernatuͤrliche Gnade ſtatt gefunden und ob nicht 
wegen feines Urfprungs aud) das Ebenbild Gottes zu 
diefen Gnadengaben Gottes zu rechnen fey, felbft nicht 
die allein, ob es weſentlich und nothwendig zur Natur 
des Menfchen gehörte. Denn alle diefe Puncte fönnen 
noch von beiden Syſtemen aus ganz gleicy bejahet wer— 
den; fondern die Controverfe liegt hauptfächlich und we— 
fentlich allein in der Frage: ob das Ebenbild, welches 
proteftantifch als der wefentlichfien Natur des Menfchen 
angehörend, Fatholifh nur als eine feiner Natur obenein 
verliehene Gabe Gottes vorgeſtellet wird, urſpruͤnglich 
und bey Erfchaffung des Menfchen mit der Natur deg 
Menfhen entweder wefentlich eins gemwefen, oder nur 





€) Der römifhe Catechismus 
vergleiht das Ebenbild mit ei« 
nem goldenen Zügel, durch welcde 
die untern Krafte des Menſchen 
an die böbern geknüpft und aljo 
mit Got£ verbunden wurden. Sci- 
endum est, divınam providentiam 
initio creationis, ut remedium ad- 
hiberet languori naturae huma- 
nae, qui ex conditione materiae 
oriebatur, addidisse homini de- 
num quoddam insigne, justitiam 
originalem, qua velut aureo fre- 
no pars inferior parti superiori 
et pars superior Deo subjecta 
eonlineretur. Catech. Rom. P. I. 
P. 22. Sierauf läßt fih die An» 
ſicht der Gcholaftifer reduziren, 
nad welcher vor dem Kalle des 
Menfchen feinen reinen Naturfä— 


bigkeifen eine urfprünglidhe Ge— 
rechtigfeif beigegeben wurde, wels 
che die Lüfte des Fleifches dampft 
und ale böfe Regungen unter« 
drüdt. Nach dem Derlufte des 
Ebenbildes wird der Menſch durch 
feine £üfte, wie ein Pferd obne 
Zügel, biebin und dabın geriffen, 
Andrad. Explic. orth. p. 217 sqgq. 

d) — qui post crines resectos 
cum insignem illam fortitudinena 
divinitus acceptam amisisset, in- 
firmus factus dicitur, non quod 
esset jam infirmior, quam ipsi 
hemines ut plurimum esse so- 
leant, sed quod esset infirmior, 
quam iam antea fuisset. Bellar- 
min. de gratia primi hom. c. 5. 
Cfr. Gerbardi Locc. theol. ed. 
Cotta. IY. p. 252 —267. 


gleichſam aͤußerlich und im der Zeit mit derfelben vers 
fnüpft worden fey? Indem das Fatholifche Syſtem dag 
legtere annimmt, muß es nothwendig dem Empfang und 
Beſitz deg Ebenbildes noch einen frühern Zuftand voran; 
gehen laffen, diefen wenigftens von jenem fich verfchies 
den denfen, und das eben ift es, was die Scholaftifer 
fagen wollten mit ihrer berühmten Lehre ven einem sta- 
tus purorum naturalium, welche fie ganz fichtbar 
ausgedacht hatten, um einen natürlichen Zuftand des 
Menſchen von dem Beſitz des Ebenbildes felbft noch 
unterfcheiden zu koͤnnen e). | 

Diefe Lehre, welcher die profeftantifche Kirche die fe- 
fie Behauptung von einem göttlichen Ebenbild, welches 
einen wefentlichen Beftandtheil der urſpruͤnglichen Natur 
des Menfchen ausmachte, entgegenfest, ift zwar nur 
eine Schulopinion der Scholaftifer, auch nicht unmittels 





e) Die meiften Scholaftifer neb» 
men an, daß Adam fihb wirklich 
(actu) f&hot:, vor dem Fall, in 
diefem, status pur. nat. befunden, 
und daß felbit die Zeit dieles Zus 
ftandes fih noch von demjenigen, 
in weldem er nun audb noch. die 
justitia superaddita beſaß, wohl 
unferfebeiden laſſe. Ep Scotus 
Sent. I. I. Disi. 59. Eonavent. 
Dist. 39. art. 2. qu. 2. Hugo de 
S. Vict. de Sacram. J. I.p. 6. Alex. 
ab Hales. P. II. qu. gö. Allein 
Thomas von Aquin (!. qu. 95. 
art. 9.) und Bellarmin, der an 
Diefen fich anſchließt, weichen dar— 
in ab, daß fie bebaupcren, Adam 
babe fib wirklich niemals vor 
dem Kale und in der Zeit in die» 
fem status befunden, foudern es 
fey derfelbe Zujtand, zu welchem 
er pom Moment feiner Ghsrfung 
an fon das donum supernatu- 
rale binzubetommen, nur ın Ge. 
danken von jenem abzjufondern: 


dieß befonders in Rüdfiht auf 
die Zeit feines Falles, wo er dann 
wirfli nad Derluft des Eben» 
bildes gan; in puris naturalibus 
daſtand. Es ift nicht zu leugnen, 
daß diefe ſcharfſinnige NMleinung, 
nach weicher do& der Menſch von 
Anbeginn das Ebenbild wirflich 
befaß, und das binzugefommene 
donum in feinem Augenblide pon 
feiner urfprüngliben Natur vor 
dem Sale getrennt war, der pro» 
teftantif&en Lebre um einen Schritt 
naber kommt. Selfarmin ſagt da> 
ber: vitis Omnia privariones sunt 
naturalum bonorum i. e, natura- 
lis recntudinis, non qualis in pri- 
mo homine fuir, sed qualis esse 
poruit, si ın prmis naturalibus 
Conditus fuisser. De grat. Prim. 
hom. c. 7. Er fprid£ daber von 
einem Zuſtande, ın quo esse po- 
tuisset, si in puris naturalibus 
creatus fuisset. ]. c. c. 6 


— 4 — 


bar und beftimmt durch die Synode vorgetragen Mor: 
den, aber fo deutlich zu werfichen gegeben, daß fic) ohne 
Diefelbe Alles, was fie darauf hinaufgebaut hat, gar 
nicht verfichen laßt. Es war auch wirklich von jeher 
und ift für alle, welche fi) auf Beftimmung der Natur 
des Urmenfchen in dem Zufammenhang mit dem darauf 
folgenden Sundenfall nachdenfend eingelaffen haben, nur 
eine dreyfache Wahl zu treffen, welche wiederum im Au: 
guftinifchen, Pelagianifchen und dem Mittlern Semipe— 
lagianifchen Syſtem gegeben iſt. Es muß entweder mit 
Pelagius angenommen werden, daß das göttliche Eben: 
bild in urfprünglichen Kräften und Anlagen beftanden, 
welche, der Natur wefentlich verknüpft, felbft durch ir: 
gend eine Art des Falles nicht Fonnten verloren gehen, 
alfo noch jest dem Menfchen nad) dem Fall, wie vor 
demfelben beiwohnen; oder mit Auguftinus, daß das 
urfprängliche Ebenbild fo wefentlic) und innig der Na: 
tur des Menfchen angehörte, daß, als daffelbe in dem 
Falle fo ganz und gar untergegangen war, mit und in 
der menfchlichen Natur nur die Sünde allein übrig 
blieb; oder mit den Scholaftifern, fich grüändend auf 
Caffians Semipelagianismus, daß dem Menfchen auf: 
fer und neben feinen natürlichen Anlagen noch höhere 
Kräfte von Bott verliehen worden, welche leßtere al: 
lein der Suͤndenfall hinweggenommen, indeß jene durch 
diefe Hinwegnahme nur gefchwächt, aber doch an fich 
und unverfehrt geblieben feyen. Wie nun das profeftan: 
tifche Spftem ſich ganz und genau an die Auguftinifche 
Lehre anfchließt, fo erneuert hingegen das Fatholifche 
ganz unverhohlen die femipelagianifche Meinung F). 


f) Bellarmin gieb£ in feinee AHifo an, wobey det jefuitifche 
Urs den dreyfachen Standdunet Gemipelagianismus ohne Scheu 


— 15 — 


Denn entſteht nun weiter die Frage nach der Form 
der Erbſuͤnde, ſo ſetzet die proteſtantiſche Lehre dieſelbe 
zwar gleichlautend dem katholiſchen in den voͤlligen Ver— 
luſt des Ebenbildes: aber nothwendig entſteht nach den 
verſchiedenen Vorſtellungen von dieſem auch in beiden 
Syſtemen ein ganz anderer Menſch durch den Fall. Die 
proteſtantiſche Lehre hieruͤber war dazumal ſchon aufs 
beſtimmteſte ausgeſprochen, und wie ſehr fie der Augu— 
ſtiniſchen conform gebildet worden, auch der Synode zu 
Trient nicht unbekannt. Dieſe Ruͤckſicht auf den heili— 
gen Auguſtinus war es hauptſaͤchlich, wodurch eine offe— 
ne und unumwundene Erklaͤrung uͤber dieſen Punct ſo 
ſehr erſchwert und verzögert wurde. Doch wurde dieſel—⸗ 
be von der Synode auf eine unzweideutige Weiſe aus— 
geftelle. Sie hat mit einem Wort dem Dienfchen auch) 
nach dem Fall, auch in feinem gegenwärtigen, allerdings 
verfchlimmerten Zuſtande doch, die urfprünglichen Krafte 
und die Fähigfeit zum Guten durc) feine eigene Natur 
pindicirt. Eine folche Anficht Fonnte nur entfichen im 
engften Zufammenhange mit andern Prinzipien, welche 





bervorfriff. Pelagianı cum in pri- 
mo homine nullum supernaturale 
donum, sed naturales tantum fa- 
cultates agnoscerent et simul 
animadverterent, nihil in homine 
nunc desiderari, quod ad natu- 
ram humanam constituendam re= 
quiratur, in eam sententiaın ve- 
nerunt, ut existimarent, per Ada- 
mi peccarum nihil omnino homi- 
nes perdidisse, talemque nunc 
quoque humanam esse naturam, 
qualem -initio primus homo de 
manu conditoris acceperat. Con- 
tra Lutherani, cum pro comperto 
habeant , hominem per lapsum 
primi parentis factum esse dete- 
riorem et cum nulla supernatura- 


lia dona (in quö cum Pelagianıs 
conveniunt) in primo homine fuis= 
se cotitendaüt, eo venire compul- 
si sunt, ut dicant, aliquid natu- 
sale, quale imprimis est Jiberum 
aıbitrium, naturae humanae nunc 
deesse. Porro catholicı doctores, 
qui multis supernaturalibus donis 


- primum nostrum parentem initio 


creationis ornatum fuisse non du= 
bitant, duos illos errores sine 
ulla dificulrate declinant. Docent 
enim, per Adae peccatum totum 
hominem _vere deterinrem esse 
facrum et tamen nec liberim ar- 
bitrium;, neque alia naturalia do- 
na, sed solum Supernaturalia per- 
didisse. 1. c. cap. 1. 


— 16 — 


ſie bereits in der Lehre vom Ebenbilde angenommen 
hatte. Denn haͤtte die Synode mit dem proteſtanti— 
ſchen Syſtem den Beſitz jenes goͤttlichen Ebenbildes fuͤr 
den eigentlich natuͤrlichen Zuſtand des Menſchen vor dem 
Falle und nicht fuͤr einen blos extraordinaͤren, zu ſeiner 
Natur blos noch hinzugekommenen Vorzug gehalten, al— 
fo nicht außer und neben dem Ebenbild noch die Natur 
des Menfchen an und für fich beftehend angenommen; 
fo Hätte ihr auch nach dem Falle und nach dem Verluft 
des Ebendbildes nicht noch eine urfprüngliche Natur des 
Menfchen übrig bleiben Fönnen, fo hätte fie diefer Natur 
auch nach dem Falle nimmermehr noch eine gewiffe Bol. 
fandigfeit und Integritaͤt aller urfprünglichen Kräfte 
und Fähigkeiten reſerviren fünnen. Go aber Ichret fie 
nun, daß, obgleich die Menfchen von Natur Kinder des 
Zorns und Knechte der Sünde, doch das Vermögen, 
Gutes durch fich felbft namlich und aus eigner Kraft 
zu wollen und die Sreyheit des Willens keineswegs auß: 
gelöfcht; fondern nur geſchwaͤcht und verringert worden 
fey g). Sie kann alfo nicht, wie das proteftantifche 
Syſtem, den Verluſt des göttlichen Ebenbildes finden in 
einem gaͤnzlichen Mangel und einer Beraubung aller zur 
fittlihen Selbfterhebung zum Guten fähigen und durch 
fich felbft zur Erlöfung fich erhebenden Kraft und feldft 
die Freyheit des Willens d. 5. die in ihrem Testen 





g) Primnm declarat S. Syno- peccati et sub potestate diaboli 


dus, ad justifcationis doctrinam 
probe et sincere ıntelligendam 
oportere, ut unusquisque agnos- 
cat et fateatur, quod, cum omnes 
homines in praevaricatione Adae 
innocentiam perdidissent , facti 
immundi et, ut Apostolus inquit, 
natura filii irae, — He nd 
in decreto de peccato originali 
exposuit, usque adeo seryi erant 


ac mortis, ut non modo gentes 
per vim naturae, sed ne Judaei 
quidem per ipsam etiam literam 
legis Mosis, inde liberari aut sur- 
gere possent: tametsi in eis libe- 
rum arbitrium minime exstinctum 
esset, viribus licet attenuatum et 
inclinatum. Sess. VI. de Justi£ 
cap: 1. 





935 re 


Grunde allein auf fich felbft ruhende fittliche und reli- 
giöfe Kraft dadurch nicht aufgehoben und vernichtet fes 
ben h). Sondern von allem diefem ift das Gegentheil 
fatholifche Lehre i). Denn melche fchlimme Folgen 
auch immer der Fall nach fich gezogen, nicht vernichtet 
ift nach Diefer Lehre durch den Fall alle in Beziehung 
auf ewige Seligfeit und Tugend thatige Kraft und Bes 
wegung durch fich ſelbſt, fondern nur verbogen gleich» 
fam, gefhwächt und in Unordnung gerathen, kurz der 
Menich nur in feinem eigentlichen, natürlichen und urs 
fprünglichen Zuftand zuruͤckgekehrt, in welchem er fich 
vor dem Sal und ohne das Ebenbild befand, we— 
nigftens in Gedanken fich denken läßt. Nicht geiftig 
oder ſittlich und religiös todt in Bezug auf das ewige 
Leben, fondern nur ein Kranker ift der gefallene Menfch. 
Wie wer in eifernen Ketten liegt; zwar an fich die an 
gebohrne Kraft zu gehen befigt, aber doch nicht gehen 
kann, ehe die Seffeln, die ihn halten, zerfprenge worden 





/ 


h) Denn nur anf diefes Berbält: 
niß des fündenpollen zur Öelbfter: 
Töfung durchaus unfähigen Men: 
ſchen zu Sott und dejjen Eriöfung 
durh Ehriftum wollte man im 
alten Frofeftanfismus den Ber: 
Iuft der Srteibeit bezogen, nicht 
aber verffanden wiſſen als Ber: 
Iuft des Willeus überbaupf voer 
des Derftandes und der Dernurft, 
fofern Ddiefe Kräfte auf andere 
Dinge, als auf die Eriofung und 
auf eigene erlöfende Thätigkeit 
im Guten gemender find Neis 
nesmwegs alfo bat nach dem pre: 
feftantifeben Syſtem die Erbfünde 
die Gubjtanz des menſchlichen Gei: 
ftes und Willens felbit verdorben 
oder nach dein Kalle gar die Sub— 
ftan; des Menſchen ausgemacht, 
wie &lacius lebrte und Pie pre- 
£eftantifche Kirche ausdrücklich ver» 


warf, fo efton, dag nun auch im 
nod) nichf wiedergeborenen Jlten: 
sen der Sinn und Wille gar £ei: 
ne Bemegung, Nıdfung und Sande 
fung äußern Eöntife, wie dieſes 
ibm bon der Eafbolifben Lehre 
oft vorgeworfen worden; ſondern 
nur jur eıguen Erlöfung und Be: 
februng zum Guren durch ſich 
feibjt ift der Menſch nicht Frey 
und jtarE genug, fondern dieß 
Wollen and DBoldringen dewirkt 
allein der heilige Geifi, nach 2. 
Cor. 3,5 Joh 15, 4. ı Cor. 4, 7. 


ı) Si quis liberum hominis ar- 
bitrium post Adae peccatum amis 
sum et exstinrtum esse dixerit, 
aut reın esse de solo titulo, imo 
titulum sine re, fiementum de— 
niıque a Satana invectum iu ec=- 
clesıam, anathema sit. I, c. can. 3, 


Marheinede Epft. d. Katholicismus. 2 


— 18 — 


find, alſo auch der Sünder mit feiner Kraft zu wollen. 
Er ift der unter die Mörder Gefallene, zwar ausgezo- 
gen und mißhandelt, aber darum doc) nicht feiner ur; 
fprünglichen Natur beraubt k). 

Die Divergenz beider Spfteme wird endlich erſt recht 
groß und offen, wenn beide fich über dasjenige genauer 
erklären, twag fie gemeinfchaftlich das durch den Fall in 
die Natur gefommene und angeerbte Verderben nennen. 
Das proteftantifche Syſtem nimmt namlich an, daß feit 
dem Sündenfalle eine befondere Neigung zu fündigen in 
der menfchlichen Natur hervorgetreten und mächtig ge 
worden fey, daß ein eigner Hang zum Bofen in diefelbe 
gefommen, und daß eben in Ddiefer Luft und Neigung 
zum Boͤſen, welche von Adam fich auf alle Menfchen 
fortgepflanzt; die Erbfünde felbft befiehe. Auch das fa: 
tholifche Syſtem weigert fich nicht, diefen Hang zum 
Höfen, anzuerfennen: aber wie devfelbe im protefianti- 
ſchen Syſtem für etwas eigenes, pofitives, für ein ganz 
neues böfes Prinzip erflärt wird, welches auf dem Wege 
des Sundenfalls in die Natur gefommen, fo will hin- 
‚gegen das katholiſche Syſtem ihn nur als etwas nega- 
tives betrachten und ihn eben nur aus dem Verluſt des 
Ebenbildeg erklaͤren, alfo für eiren Defect halten, wel— 
cher zur Folge hatte, daß der Menſch nun in feinen ur 
fprünglichen Zuftand zuruͤckkehrte, in welchem er, ohne 





k) Quare non magis differt sta- 
tus hominis post lapsum Adae a 
statu eiusdem in puris naturali- 
bus, quam differat spoliatus a 
nudo, neque deterior est huma- 
na natura, si culpam originalem 
detrahas, neque magis ignorantia 
et infirmitate laborat, quam esset 
et laboraret in puris naturalibus 
condita. Proinde corruptio natu- 
rae non ex alicuius doni natura- 


lis carentia, neque ex alicuius ma- 
lae qualitatis accessu, sed ex sola 
doni supernäturalis ob Adae pec- 
catum amissione profluxit. Quae 
sententia comniunis est doctorum 
scholasticorum veterum et recen- 
tiorum. Bellarm. I, c. cap. 5. Cfr. 
de amissione gratiae et statu pecc. 
1. V. c. 3. et Petayii Dogm. theol. 
Ur 4%, 5, 





— 9 — 


den Schuß des göftlichen Ebenbildeg, nun auch fündi- 
‚gen kann. Der Zufammenhang diefer Lehre mit den 
Grundfägen von dem status purorum naturalium und 
den donum superadditum et supernaturale läßt 
fi) von diefem Puncte aus nicht verfennen, und in 
folcher Verbindung war allerdings dag katholiſche Sy— 
ſtem nicht gezwungen, ein eignes, durch den Fall in 
die Natur gefommenes böfes Prinzip anzuerfennen. Es 
leugnet daher die Erbjünde im proteftantifchen Sinn. 
Etwas ganz anderm legt e8 diefen beibehaltenen Namen 
bey. Denn ift e8 richtig und im Geifte der. heiligen 
Schrift gedacht, nicht einen fo wefentlichen Beftandrheil 
der menfchlichen Natur habe das Ebenbild Gottes auf: 
gemacht, um getrennt davon und eingebüßt, alle einer 
wahrhaft fittlichen und religiöfen Thätigfeit fähige Kraf: 
te in derfelben zu zerftören, nur etwas Außerordentlicheg, 
wenn gleich noch fo Wichtiges und Göttlicheg fey dagfel- 
be in Berhältnig zur Natur felbft und zu ihren befondern 
Kräften geweſen, fo laßt fi) höchftens annehmen, daß 
durch die Trennung des Ebenbildes von der Natur die 
nun immer noch vorhandene, aber nur fich felbft über: 
laſſene Kraft der Natur bey weitem nicht mehr die 
Sicherheit in der Wahl des Guten, die Neinheit und 
Energie in der Ausübung des Guten und die beftändige 
Abneigung vor dem Böfen, aber doch darum noch nicht 
nothwendig eine conftante Richtung auf dag Böfe ge: 
nommen habe und in einen fo zerrütteten Zuftand gera: 
then fey, im welchem fte, fich ſelbſt überlaffen, gar 
nicht8 weiter mehr, als fündigen fönne. 

Die Luft am Böfen, der Hang zur Sünde ift bin: 
gegen im proteftantifchen Syſtem felbft fchon Sünde; 
die Sinnlichkeit, als der Innbegriff diefer Concupiſcenz, 
wird dort als durch die Erbfünde durchaus inficire und 

2* 


— A — 


vergiftet betrachtet, und iſt in allen Dingen, welche ſich 
auf das geiſtliche und ewige Wohl des Menſchen bezie— 
hen, ohne Heil und Segen; ſie traͤgt die Folgen jenes 
ungluͤckſeligen Falles in einer wirklichen und weſentlichen 
Zerruͤttung ihrer Kraͤfte, in einer ungeordneten Verfaſſung 
und verkehrten Richtung ihrer Neigungen und Leidenſchaf— 
ten und gleichwie vor dem Fall das Ebenbild des Ewi— 
gen ein weſentlicher Beſtandtheil der menſchlichen Natur 
und die permanente Richtung aller geiſtigen und ſittli— 
chen Kraͤfte auf das Ewige und Goͤttliche war, ſo iſt 
nach dem Falle nun nicht nur dieſelbe Kraft erſtarret 
und erſtorben, ſondern auch die unordentliche Luſt dafuͤr 
eingetreten, eine Neigung, die durch ſich in einer beſtaͤn— 
digen Richtung auf das Irdiſche, Zeitliche und Boͤſe 
begriffen iſt. Nach der katholiſchen Lehre beſtehet das 
Ungluͤck, welches durch den Fall die Natur getroffen, 
in der bloßen Abweſenheit jener der Natur noch oben— 
ein gegebenen Erbgerechtigkeit und Vollkommenheit, ſo 
daß die religiofe und ſittliche Kraft jetzt zwar unvoll— 
fommen und befchränft, aber keineswegs ausgelöfcht ift, 
fo daß die urfprüngliche Luft der Natur, welche ſich 
fchon vor dem Falle neben dem Ebenbilde denfen läßt, 
jetzt fich nur freyer erhebt und vorwaltet, jegt mächtiger 
und ungezügelter fi) auc, zum Böfen hinwenden fann, 
ohne deswegen felbft fchon mefentlic und an ſich nichts 
anderes, als Sünde, zu feyn. Was alfo im proteftan- 
tifchen Syſtem feinem Wefen nad) als Günde gilt, 
wird im katholiſchen für etwas feiner eigentlichen Na— 
fur nad) Indifferentes gehalten, das heißt für ein fol- 
ches, was eben fo leicht zum Guten als zum Boͤſen 
ausfchlagen kann. Es verweigert daher der finnlichen 
Luft, als folcher, den Namen der Sünde, weil fie den 
Character derfelben (rationem peccati) nicht. hat, weil 








fie etwas auffer der Suͤnde fichendeg iſt, obgleich auch) 
leicht zur Sünde fich hinneigt 1). 

Die verſchiedenen dogmatifchen Beſtimmungen beider 
Spfteme über diefen Punct werden befonders wichtig in 
ihren Folgen und weiten Beziehungen. Wenn nämlich) 
nun die Frage entfteht, wie diefer Hang (concupiscen- . 
tia), den beide annehmen, aber in ſo verfchiedenem 
Sinn, fih äußere bey dem gegenwärtigen Menſchen, 
welche Form er befonders annehme bey den durch die 
Taufe wiedergeborenen, fo coincidirt die Trage mit ber 
von der Kraft-und Wirkſamkeit der Taufe. Einig find 
beide noch) darin, daß nach der Taufe diefer Hang nicht 
mehr derfelbige bleibe, daß durch die in der Taufe con: 
ferirte Gnade Gottes in Chrifto Vergebung aller Suͤn— 
den gefchehe, fo daß die VBerdammung nicht mehr tref— 
fen fünne die, fo in Ehrifto Jeſu find. Der wahre 
Streitpunct liegt auch immer noch nicht in der Frage: 
ob die durch die Taufe begonnene Erneuerung in diefem 
Leben nicht fchen fo vollendet und vollkommen fey, dag 





1) — Hanc concupiscentiam, laſſen, das nicht für Günde zu 


quam aliquando Apustolus pecca- 
tum appellat, S. Synodus de- 
clarat, eeclesiam catholicam nur- 
quam intellexisse peccatum ap- 
pellari, quod vere er proprie ın 
renatis peecatum sit, sed quia ex 
peccato est et ad peccalum in- 
clinat. Si quis autem contrarium 
senserit, anathema sit. Sess. V. 
cap. 5. Zweideutig if bier offen» 
bar der Ausdrud qua ex pecca- 
to est, gefielf. Wollte vielleicht 
die Gynode dadurch nicht ſowobl 
den Urjprung, als nur das Ber: 
hältniß der Luft zur Günde, in 
welcher fie nicht mitbegriffen ſey, 
bezeichnen? Denn fonft mödhte 
es fied doch ſchwerlich vor cinem 
theologiſchen Urtheil rechtfertigen 


balten, was wirfli aus der Sün— 
de ift und ſtammet. Oder dachte 
fie ih unfer dem ex peccato viel⸗ 
leicht, was blos aus einem Jünds 
baften Zuftande überbaupt ber» 
vorgeb£ und in Demfelben unter— 
nommen wird umd deswegen nicht 
nothwendig Günde ift? Es baf 
der Gpnode nicht gefallen, nad 
der Eorrection des Apoſtels Paus 
lus auch die Begriffe ibrer näch— 
fien Gegner genauer, zu berichti« 
gen. Statt deffen berufe fie ſich 
auf die Autorifäf£ der Kirche, wels 
cer ces cinmal ſo beliebe bake, 
was der Apoſtel Doch noch zumeis 
fen Eünde genannf, gar nice 
dafür anzufeben. 


— 2 — 


auch in dem Getauften und Wiedergebornen gar nichts 
mehr uͤbrig geblieben von der alten Schuld der Erbſuͤn— 
de; vielmehr find beide auch noch darin einig, daß, ob— 
glei) die Vergebung von Seiten Gottes und Chrifti 
für ganz und vollfommen angenommen und die Schuld 
der Erbſuͤnde (formaliter) ausgetilgt; doch das Ma: 
terlelle derſelben, nämlich) der Hang zum Böfen oder die 
Eorenpifeens auch in den Getauften und Wiedergebors 
nen noch üdrig bleibe; auch iſt es gar nicht Streitfrage, 
ob diefe Ueberbleibſel der Erbfünde in den Wiedergebor⸗ 
nen ſchon verdammlic) machen in Gottes Augen: denn 
von beiden Seiten wird diefes negirt nach Roͤm. 8, 1. 
fordern dieß allein ift die Frage, über deren Beantwor- 
fung beide Syſteme zerfallen, was jene Ueberbleibfel, 
auch nach der Taufe und Wiedergeburt, an fich feyen: 
nach) profeftantifcher Lchre immer noch fehlechthin Böfes 
und Suͤnde, nad) Fatholifcher etwas Indifferentes, zum 
Guten und Böfen gleich bewegliches, nur Veranlaſſung, 
nur Zunder der Sünde m). Wenn alfo dort diefe Con- 
eupifcens nach der Taufe noch immer der Form nad) 
Sünde heißt, fo ift fie hier nur mögliche Urfach derfele 








m) Si quis per Jesu Christi Do- 
mini nostri gratiam, quae in bapti- 
smate conferiur, reatum originalis 
peccati remitti negat, aut etiam 
asserit, non tolli totum id, quod 
veram et propriam peccati ratio- 
nem habet, sed illud dicit tantum 
radi aut non impulari: anatlıema 
sit. In renatis enim nihil odit 
Deus, quia nihil est danınationis 
in iis, qui vere consepulti sunt cum 
Christo per baptisma in mortem, 
qui non secundum carnem am- 
bulant, sed veterem hominem 
exuentes et novum, qui secun- 
dum Deum creatus est, induentes, 
innocentes,, immaculati, puri, in- 


noxii ac Deo dilecti effecti sunt, 
haeredes quidem Dei, cohaeredes 
autem Christi, ita ut nihil pror- 
sus eos ab ingressu coeli remo- 
retur. Sess. V. cap. 5. In die 
fer Anfih£ Iebren auch Eatbolifehe 
Theologen, wie Alpbonfus a Ca— 
fire, nur mefonpmifch werde dies 
fe &oneupifcen; in den Wieder» 
gebornen, ein an ſich reiner und 
beiliger Gegenjtand, Günde ges 
nannt, und Petrus Combardus: 
Concupiscentiam esse ante bap- 
tismum et poenam et culpam, 
post baptismum tantum poenali- 
tatem. Sent, ]. II. Dist, 32. 





| 
| 
| 


— 23 


ben. Dem Ausfpruch Pauli Rom. 8, r., daß die wirk 
liche Verdammung (2eraxgıne) durch Zurechnung des 
Berdienftes Ehrifti gehoben worden, und den das ka— 
tholifche Spftem fo verfteht, al> feyen die Getauften 
Gottes Lieblinge geworden, giebt diefeg Syſtem ſomit 
eine ungleich weitere Beziehung. - Es Iehret; daß fie nun 
unfchuldig, rein, unbeflecft feyen, daß die Taufe nicht 
nur die Schuld der Erbfünde, fondern diefe felbft im 
Wefentlichen abforbirt, daß die Ueberbleibſel derfelben 
nur zum Kampf zurückgelaffen feyen n).. Das prote— 
ftantifche Syſtem hingegen erklärt, daß, nach der Schrift, 
Gott feldft die Wiedergeborenen nicht darum Liebe, teil 
ihre Natur an fich rein und unbeflecft geworden, fon: 
dern blog twegen des Vermittlers und des Verdienftes 
Jeſu Ehrifti, den fie in der Taufe ſich angeeignet; daß 
zwar die Zurechnung der Schuld der Erbfünde und die 
Herrfchaft der Ieteren gehoben, fie felbft aber der Ma—⸗ 
terie nach keineswegs rein ausgetilgt ſey. Wenn alfo 
in den Decret der Synode an ſich gang richtig geſagt 
ift, nichts halte die Getauften ab vom Eingang in dag 
felige Leben, fo verſteht nur dag proteſtantiſche Syſtem 
diefes fo, daß es nur darum allein gefchehe, weil fie 
Chriſto eingepflanze find, nicht aber etwa wegen ihrer 
Reinheit, Gerechtigkeit und Unfchuld, alg welche inımer- 
dar noch durch die Sünde der Eoncupiicenz mehrfach 
getrübt und geflört werde 0). Das Fatholifche Syſtem 





n) Manere autem in baptizatis 
concupiscentiam vel fomitem, haec 
S.Synodus fatetur et sentlit: quae 
cum ad agonem relicta sit, noce- 
re non cousentientibus, sed vıri- 
liter per C. J. gratiam repugnan- 
tbus non valet: quinimo qui le- 
gitime certaverit, coronabitur. 
I. c. 


0) Haec longissime distant a 
vera sanaque doctrina Catholico- 
rum: quod ea, quae Catholici 
volunt esse vulrera naturae, in- 
firmitates, morbos, ex peccato 
originali relictos, ut ignorantiam, 
difhcultatem , concupiscentiam ip- 
si (Protesfautes) vere et proprie 
peccalum originis esse velint et 


24 


ſieht mit einem Wort durch die Taufe nicht nur die 
Schuld, den reatus der Erbfünde, ſondern dieſe ſelbſt 
ſo rein hinweggenommen, daß ſie die Suͤnde des Men— 
ſchen überhaupt nach der Taufe und aus und in der 
Concupiſcenz nicht mehr alg Theile der Erbfünde, fons 
dern als wirkliche Sünde (actualia) betrachtet, wozu 
die Concupiſcenz nur eine mögliche Veranlaffung ift p). 





in omnibus per Christum justifi- 
catis Ita manere, ut natura sua 
damnare possit homines, si Deus 
illud imputare velit. Bellarm. |, c, 
cap, 4 
p) Die Commentaforen und Aus: 
feger des Decrers baben cs auch 
«zum lieberfliuß noch ausdrüdlich 
dazu gelagf, daß nichts die wah— 
te Natur der Sünde babe, was 
nicht aus Freyheit entfprungen 
fev, und biedurch wird eigentlich 
auch die ganze Divergenz erjt voll» 
endef. Aber nicht aus dem Bruns» 
de menichlicher Freyheit ift im pro» 
teftantifehen Gpitem die Sündhaf— 
tigkeit der Concupiſcenz erfanur, 
fondern allein aus dem Grunde 
des göttlichen Gefeßeg und Evan» 
geliums; durch jenes wird nicht 
allein die Folgſamkeit gegen böfe 
Begierden und Lülte, fondern dies 
fe felbft angeklagt, Sob. J. 1, 8. 
Go wir fagen, wir baben feine 
Sünde, erklären katholiſche Theo» 
iogen blos von der wirklichenSün— 
de, Den status controrersiae giebt 
Bellarmin im Ganzen richtig alſo 
an: Est igitur sentepiia commur 
nis apud Sectarios, corruplionem 
naturae sive coneupiscentiam, qua» 
lis remanet in hominibus post ju- 
stiicalionem, esse peccatum ex 
natura sua vere ac proprie, quam- 
vis eredentibus non imputetur, 
Intelligunt autem per naturae cor- 
tuptionem ea, quae Cacholici vul- 
nera naturae appellare solent, vi- 
delicet jgnorantiam, difficultarem, 
propensionem ad malum, et si» 
zullia. Non est autem quaestio 


inter nos et adversarios, sitne hur 
mana natura graviter deprauata 
per Adae peccatum. Id enim li- 
benter fatemur, Neque enim quae- 
stio est, an haec deprauatio ali- 
quo modo ad peccatuın originale 
pertineat, ita ut materiale eius 
peecati dici possit. Id enim san- 
etus Tlıomas concedit in prima 
secundae qu. 82. art. ı, ubi dicit, 
'peccatum originis esse habitum 
corruptum i e. languorem ei de- 
prauationem totius naturae per 
modum habitus se habentem et 
in art. 3, dieit: concupiscentiam 
esse peccatum originis, Sed tota 
controversia est, utrum corruptio 
naturae ac praesertim concupi- 
scentia per se et ex natura sua, 
qualis invenitur etiam in baptiza- 
tıs et justificatis, sit proprie 
peceatum originis, Id enim ad- 
versarii contendunt, Catholicı au- 
tem negant, quippe qui sanata 
voluntate per gratiam justifican- 
tem, docent reliquos morbos non 
solum non constituere homines 
reos, sed neque posse constituere, 
cum non hubeant veram peccati 
rationem, Quocirca S. Thomas, 
quem imprimis theologi eatholici 
sequuntur, dixit quidem in 1. Sec. 
qu. 82 art. 12. peceatum originis 
esse habitum corruptum, qui non 
solum contineret priuationem ju- 
stitiae, sed etiam perversionem 
omnium potentiarum; tamen in 
art. 2. divisiıt habitum ıllum in par- 
tes duas, in aversionem ments a 
deo, et rebellionem partis inferio- 
ris a superiore et addidit in so- 





a 


Nicht ohne Abſicht hat die Synode zu Trient bey 
diefer doctrinelen Verfügung ſich gerade folcher Aus; 
drücke bedient, welche lange vor ihr, ſchon im fechften 
Sahrhundert; eine Kirchenverfammlung zu Dranges ge 
braucht, um aud) den Bortheil von dem Schein des Al: 
tertbums und der Rechtgläubigfeit mitzunehmen, Uber 
was ift e8 auch mehr, als der Schein, was die Gyno; 
de zu Trient dadurch gewinnt, welch einen Gebraud) 
macht fie von den Augfprüchen jenes in einem ganz an- 
dern Geifte denfenden und zu einem ganz andern Zweck 
gehaltenen Conzilium. Die Synode zu Dranges war 
ganz eigentlich gegen die pelagianifhe Meinung zuſam— 
mengefommen, fonnte alfo fürwahr die Abficht nicht ha- 
‚ben, menfchliche Kraft und Stärfe vor und ohne göttli- 
che Gnade zu erheben, fondern nur vielmehr die, jede 
hohe Meinung des Menfchen von fid) und feinen Kraͤf— 
ten niederzufchlagen. Hingegen die Abfiche der Väter zu 
Trient bey diefen Beffimmungen und der ganze Geift der 
fegtern geht auf Berichtigung einer zu gering von fid) 
denfenden Meinung und auf Erhebung der urfprüngli- 
chen Kraft und Willensfreyheit: woraus genugfam ers 
hellet, wie wenig fie mit jener Synode, der fie die Aug: 
drücke abgeborgt;, im Grunde der Wahrheit zuſammen⸗ 
ſtimmt q). 





la aversione mentis a deo 
consistere proprie et for 
maliter peccatum originis in 
rebellione autem partis inferioris, 
quae fuit effectus rebellionis men- 
tis a deo non consistere peccatum, 
nisi materialiter, Bellarm. |, 
©. cap. 5. 

q) Bie Diefes felbft die Aus« 
drüde, mit denen die Trienfer 
Öpnode dinget und marktet, tam- 
etsi, licet, minime etc. Eiar 


genug dusfagen. Sn welch einem 
gan; andern Sinn bedient fi 
nicht das Arausicanum jener Ays- 
drücke: ıinclinatum et attenuatum, 
welche das Tridentinum entlebnt, 
um fie in feinem Deeret anzu— 
bringen, Prorsus, heißt es dorf, 
donum Dei est diligere Deum — 
ac praedicare debemus et credere, 
quod per peccatum primi homi- 
nis ita inclinatum et attenuatum 
fuerit liberum arbitrium, ut nul- 


Wohl koͤnnten alle diefe Gegenfäße leicht bloße Spitz⸗ 
findigfeiten ſcheinen und überflüffige Beftimmungen oder 
veraltete Schulmeinungen. Doc) wird man ihnen wer 
nigftens die hiftorifche Wichtigfeie nicht abfprechen Fon; 
nen, um derentmwillen fie einft fo große Gegenftände des 
Streites waren. Die ewige Wahrheit kann wohl alt 
werden, ohne zu veralten. Was von der unmittelbaren 
Lehre des Chriſtenthums in diefen Streit der Schulen 
und Syſteme mit aufgenommen wurde, mird doc), in 
welcher Art und Wendung e8 immer auch gefchehe, ſtets 
ein nothwendiger und immer neuer Gegenftand der Un: 
terfuchung und des Nachdenfens bleiben. Auch laßt fich 
aus der Beobachtung der ſchon von diefen Puncten aus; 
gehenden Differens des Farholifchen und proteftantifchen 
Syſtems nicht wenig Licht nehmen feldft zur Erflärung 
des noch gegenwärtig herrfchenden Geiftes der Fatholi- 
fhen und proteſtantiſchen Kirche. Zwar find die ange: 
gebenen dogmatifchen Gesenfäge in beiden Kirchen nur 
wenig noch Iebendig in der Erfenntniß, im Glauben 
und Bewußtſeyn; aber dem verſchiedenen Geifte, der bei: 
de Kirchen beherrfcht, find fie tief eingeprägt und mehr 
als eine eigenthümliche Seite hat fich durch fie am bei: 
den entwickelte und ausgebildet. Nur im mefentlichen 
Zufammenhange mit diefen dogmatifchen Grundfägen 
laßt fich die überall finnliche und phantaftifche Geftalt 
und Farbe des Katholicismug, die Heiterfeit und Le 
bengluft, die Genuß: Pracht: und Kunſt-Liebe und fo 
manche andere Neigung und Leidenfchaft defjelben be- 





las postea aut diligere Deum, si- venerit. c. 25. Ueberdem befennt 
Cut oportuit, aut credere in Deun, das Conzilium c. 1 quod amis- 
aut operari propter Deum, quod sum sit Jiberum arbitriun, mas 
bonum est, possit, nisi gratia das Trienfer ausdrüdlid leug— 
eum et misericordia divina prae- ne£f. can. 5. 





greifen, welchem allen der Contemplationsgeift, die In: 
fichgefehrtheit; die Nefignation, der firenge Ernft und die 
den Sinnen twiderfirebende, durchaus geiftige Richtung 
des Proteſtantismus contraſtirend genug gegenuͤber ſteht. 
Nicht als im Grund und in der Wurzel verdorben und 
vergiftet ſtellet der Katholicismus, wie in ſeinen dogma— 
tiſchen Grundſaͤtzen, ſo in ſeiner ganzen Erſcheinung, die 
Natur und Sinnlichkeit dar, ſondern als ebenſo leicht 
zum Guten als zum Boͤſen zu lenken, mithin auch als 
der Weihung und Heiligung faͤhig durch einen Gebrauch 
zu heiligen Zwecken. So weihet und heiliget er ſich die 
ganze Natur und Sinnlichkeit und pflegt dieſe ſelbſt in 
das Intereſſe des Geiſtes und der Religion hineinzuzie— 
hen. Selbſt die Gefahr ſchreckt ihn nicht und der fo nahe 
liegende, faft unvermeidliche Mißbrauch deffen, was fo 
rein in die Phantafie und die aͤußern Sinne hingegeben 
if. Ihm ift genug, wenn fih mit feinen taufendfach 
beweglichen finnlihen Formen und Geftalten auch nur 
ein frommer Gedanke, ein andaͤchtig Gefühl verbinden 
laßt oder irgend einmal verbunden hat, und es kuͤm— 
mert ihn gar nicht, daß es fich ſtets damit verbinde: 
vielmehr hält er die ganze bunte Reihe feiner finnlichen 
Bewegungen und bleibenden Geftalten feft, indeß er doch 
den flüchtigen Gedanfen und das Gefühl nicht daran 
zu feffeln und feftzuhalten vermag. Er fragt ſich auc) 
gar nicht, tag daraus werde und wie man Sinnliches 
nenne, an das fich Fein Gedanfe und Feine religiöfe 
Empfindung angefnüpft und nichts will er wiffen von 
jenem tief in der Sinnlichkeit verborgenen geheimen Gift 
einer alten, angeerbten Luft an der Sünde, welche felbft 
fhon Sunde und wodurch in die ganze Natur des 


Menfchen eine fo allgemeine Verwuͤſtung hineingekom⸗ 
men ift. 


— 28 — 


Welche wichtige Folgen fuͤr das Innere des Glau— 
bensſyſtems von jenem Beſtreben der katholiſchen Lehre 
ausfließen, womit fie fchon hier in dem Artikel vom 
Suͤndenfall die Naturfrafte rettet und erhebt, wird fich 
bald zeigen. Denn nicht Gott und feiner Gnade allein 
überläßt fie eg, twie die proteftantifche, ganz neue Kräfte 
im Menfchen erft zu erichaffen, fol fich derfelbe erneuern 
und zum Öuten wenden, fondern fon hier durch diefe 
Lehre hat fie für menfchliche Kraft und Freiheit ein ei- 
genes Gebiet erworben und angelegt, auf welchem fich 
die menfchlihe Selbftftändigfeit und Ihätigkeit ſchon 
frefflic) und rühmlicy genug entwickeln Fann. Durch 
das ganze Syſtem beweiſet die Fatholifche Lehre von der 
Erbfünde ihre Folgen und in den verfchiedenften Gegen: 
den deffelben wird man darauf wieder zurückgeführt. 

Der Sinnlichkeit des Katholicismus war es dann 
auch gang angemeffen, in dem ganzen großen Menfchen: 
gefchlecht wenigftens Eine Perfon von dem allgemeinen 
-2008 der Erbfünde ausgenommen zu twiffen: denn wie 
gering auch an fich die Fatholifche Lehre von der Erb: 
fünde denkt, fo ift doch auch nach ihr jeder Menfch von 
Natur und Geburt damit behafter. Aus bloßer Sinn: 
Iichkeit wollte fie in Einem Menfchen felbft die Sinn: 
lich£eie aufs hoͤchſte geehrt, geweihet und geheiliget zei- 
gen, an Einem Beifpiel anſchaulich darftellen, welcher 
Höhe und Vollendung felbft die finnliche Natur fähig, 
welcher DVBerflärung und Glorie fie vor Gott gewürdigt 
worden ſey. Daß Chriſtus rein, unfchuldig, unbefleckt 
und von den Sündern abgefondert war, ift aus beiliger 

‚Schrift befannt; an ihn, den ewigen Sohn Gottes, 
hält fich auch der proteftantiiche Glaube. ° Doch diefe 
Reinheit und Unfchuld an einem Manne und Gohne 
Gottes ift dem Katholicismus noch nicht genug: fie iſt 


bey Chriſto nur eine nothwendige Zolge feiner ewigen 
Einheit mit Gott und feiner ewigen Geburt aus Gott. 
Einen Weibe und zivar der Mutter des Erlöierg mußte 
folche Reinheit und Unbeflecftheit und zwar von der 
Erbünde des Menichengefchlechts befchieden werden und 
zwar durch ein befonderes göftliches Privilegium. Dem 
weiblichen Gefchlecht hatte das Chriſtenthum feine ganze 
Würde, Ehre und Hoheit wiedergegeben und ihm moͤg⸗ 
lich gemacht; die höchften Tugenden der Menichheit in 
Anmuth und Liebe zu entfalten. Maria allo war von 
der Erbfünde frey und unbeflecft empfangen und gebo: 
ren und konnte nicht fündigen 7). 

Die Beweiſe dafür werden in der Fatholifchen Kirche 
nicht aus der heiligen Schrift genommen, fondern aus 
der Tradition. Dieſerwegen kann von Seiten des Pros 
teftantismugs Fein Streit über dielen Gegenftand ſtatt 
finden, fondern blos eine reine Negation. Daß man 
viele Jahrhunderte hindurch nichts wußte von einer fol 
chen unbeflecften Empfängnig Mariens, Fann von be 
fonnenen Katholifen nicht geleugnet werden. Der beili- 
ge Auguftinug, den feine kiefen Unterfuchungen über die 
Suͤade und dag Urverderben am ficherften auf dieſen 
Gegenftand geführt haben müßten, erklärt fich fo, daß 





r) Das ädfe Docunienf des 
„‚fpecielen göftliben Privilegi— 
ums,‘ wodurch Maria von der 
Erbfünde freygefprochen mwırd, fin» 
def fi unter den Berorönungen 
des Papjtes Girtus IV. und Die 
Gpnode zu Trient baf es nur be 
ftätigt. Declarat tamen haec ipsa 
5. Synodus, non esse suae itten- 
tionis, comprehendere in hoc de 
ereto, ubi de peccato originali 
agitur, beatam et immaculatam 


virginem Mariam, Dei genitricem, . 


sed obseryandas esse constitutio- 


nes felicis recordationis Sixti Pa- 
pae IV. sub poenis etc. Sess. V. 
append. Si quis hominem semel 
justificatum dixerit amplius pec- 
care non posse neque gratiam 
amiltere atque ideo eum, qui la= 
bitur et peccat, nunguam vere 
fuisse justiicatum, auf contra pos- 
se ın ı0la vita peccata omnia, 
etiam venialia, vitare, nisi ex 
speciali Dei privilegio, quemad- 
modum de b. Virgine tenet ec= 
clesia, anathema sit. Sess. VI, 
can, 22. \ 


für die Lehre von einer unbeflecften Empfängniß der 
Maria in feinem Syſtem feine Stelle übrig bleibt. Mit 
aller Ehrfurcht gegen die Mutter des Herrn, fpricht er 
fie doch nicht frey von aller Sünde, wohl aber fchreibt 
er ihr die Kraft zu, durch die höhere Gnade deffen, ber 
ohne Sünde war, die Sünde defto leichter überwinden 
zu fonnen. Don allen weiteren Fragen will er nichts 
wiffen s). Ueberhaupt laffen fich drey Momente oder 
Stufen bemerfen und unterfcheiden, auf denen man zu. 
legt zu der ausgebildeten Lehre von einer unbefleckten 
Empfängnig der Maria gelangte. Zuerft die Meinung, 


welche ſchon Auguftinus vorträgt; nach welcher Maria 


durch Ehrifti Gnade die Sünden leichter überwinden 


konnte. 


Sodann die Lehre des Paſchaſius Radbertus 





s) De sancta virgine Maria, 
propter honorem Domini, nulla 
prorsus, cum de peccatis agitur, 
habere volo quaestionem. Vnde 
enim scimus, quid ei plus gratiae 
collatum fuerit ad vincendum om- 
ni ex parte peccatum, quae con- 
cipere et parere meruit, quem 
constat, nullum habuisse pecca- 
tum? De Nat. et Grat. c. 36. p. 
145. ed. Bened. Vol.X. Wenn 
diefe Stelle foygar noch von den 
Bertbeidigern der unbefledten Em— 
pfangniß Mariens angeführt wird, 
weil fie allerdings den Ginn baf, 
nicht ın dem Grade, wie die Ue 
brigen und Seiligen, von denen 
A. bier fpricht, ſey Marıa fünd» 
haft gewefen, fagf er nicht doch 
ausdrüdib audb, ibr fen hohe 
Gnade zu Theil geworden ad vin- 
cendum peccalum? Unter allen 
Geborenen nimmt er fonjt allein 
Ehriftum von der Erbfünde aus. 


Firmissime tene et nullatenus 


dubites, omnem hominem, qui 
per concubitum viri et mulieris 
concipitur, cum peccato originali 
nasci, impietati subditum morti- 
que subjectum et ob hoc natura 


nupt. et concupisc. 


fillum irae nasci. De fide ad Pe- 
trum c. 26. Omne nuptiarum bo- 
num implerum est in illis paren- 
tibus Christi — solus ibi nuptialis 
concubitus non fuit, quia in carne 
peccaii fieri non poterat sine illa 
carnis pudenda concupiscentia, 
quae accidit ex peccato, sine qua 
concipi voluit, qui futurus erat 
sine peccato, non in carne pec- 
cati: ut hinc etiam doceret,' om- 
nem, qui de concubitu nascitur, 
carnem esse peccali, quandoqui- 
dem sola, quae non inde nata 
est, non fuıt caro- peccati- De 

I 1.30. 124. 
c. p- 287. Quod si sine dubio 
caro Christi non est Caro peccatı, 
quid restat, ut intelligamus, nisi 
ea excepta omnem reliquam hu- 
manam carnem esse peccati? Et 
hinc apparet, lam concupiscen- 
tam, per quam Christus concipi 
noluit, fecisse in genere humano 
propsginem mali: quia Mariae cor- 
pus, quamvis inde venerit, 
tamen eam non trajecit in corpus, 
quod inde concepit. Contra Julian. 
Pelagian. ]. V. c. 15. 1. c. p. 654. 





a e 


in der Mitte des neunten Jahrhunderts, dag Maria 


zwar in Erbfünde empfangen, aber nachher im Leibe 
ihrer Mutter geheiligt und dann ohne Sünde geboren 
worden t). Nachdem dann inzwifchen die Verehrung 
der Jungfrau Maria fihon fo hoc) gefliegen war, ſtelle— 
te endlich der Abt Guibert im zwölften Jahrhundert, ſo⸗ 
viel man weiß, zuerft die Behauptung auf, daß Maria 
durch den heiligen Geift, wie von aller wirklichen Sun 
de, fo auch von der Erbfünde befreyt geweſen fey u). 
Einige Domherren zu Lyon ſtellten nicht nur die Lehre 
auf, dag Maria ohne Erbfünde empfangen worden, fon- 
dern führten auch noch im Jahr 1140 das Feft einer 
unbefleckten Empfängniß der Jungfrau bey ihren Sir: 
chen ein w). Dagegen aber erhob fich der heilige Bern: 
hard noch mit einem aͤußerſt tadelnden Brief, in wel 
chem er zwar feinen. Glauben an die Heiligfeit der Ma: 
ria bey ihrer eigenen Geburt bezeigt, aber fich gegen die 
Lehre von einer unbeflecften Empfängniß der Jungfrau, 
wie gegen die Einführung eines eigenen Feſtes diefer 
Art, als einer durchaus unfatholifchen Inſtitution ſehr 





t) Opusc. de partu Virginis in 
D’Achery Spicilegium I. p. 46. 


aber fichere biftorifche Spuren dar. 
bietef. Leg. aur. c. 183.1. 2. 5, 
Wenn in einer Ödrift de con- 
ceptu virginali activo, die man 


u) De laude $. Mariae liber. 
Guiberti Opp. p. 287. wobey frey» 
lich d'Achery felbft bemerkt, dag 
man daraus noch nicht auf die 
Meinung ſchließen Eönne, Maria 
babe überhaupf niemals Erbfün- 
de gehabt. Notae et Obserrvatt. 
ad lib. de laude S. Mar. p. 561. 


w) In der goldenen Legende 
findet ſich eine dreyfache Erzäh— 
lung von dem Urſprung dieſes Fe— 
ſtes, von denen die eine noch wun— 
dervoller, als die andere iſt, keine 


fälſchlich dem Erzbiſchof Anfelm 
von Canferbury beigeleg£ bat, dag 
Teft ſchon ein fehr altes genannt 
wird, fo ba£ dagegen Nlabillon 
fhon bemer?f, daß man vermuth— 
lich die Worte in einigen alten 
Calendern: conceptio b. Mariae, 
welde die Empfängniß Chriffi 
oder die fogenannfe Berfündigung 
der Maria andeuten follten, irrig 
mit ibrer eigenen Conception ver« 


wechſelte. Mabiilonii notae fusio- 


res ad S. Bernh. Epp. 174. p. 35. 
in App. Tom. I. 


heftig erflärtx). Von diefem berühmten Abt von Clair; 
veaux ift es alfo gewiß genug, daß er die Maria nicht 
ausnahm von dem allgemeinen Loos der Erblünde, ſon— 
dern nur glaubte, fie fey durch die Gnade von dem 
Stecken der Erbfünde, . den fie von ihren Eltern über: 
fommen, gereinigt worden, tie e8 noch jest durd) die 
Taufe gefchehe y). Solcher Meinung war aud) noch) 
Petrus Lombardus unter ven Scholaftifern z), von de 
nen freylich Scotus im dreyzehnten Jahrhundert die 
Meinung, daß Maria ohne Erbjünde geweſen, mit aller 
dialectiſchen Schärfe als höchft wahrfcheinlich darzuthun 
verfuchte, ohne den Beweis dafür aus heiliger Schrift 
zu führen, fondern einzig aus bloßer Speculation, Mög: 
lichfeit, Nothwendigfeit, namlich, weil Chriftus, ſelbſt 
rein und unbeflecft von aller Erbfünde, auch feine Mut: 
ter bey ihrer Empfängniß davor bewahren Fonnte, auch, 
weil folches allein der Würde und Ehre der Mutter des 
Herrn entipreche a). Ueber diefen Gegenftand theilten 
fi) im Mittelalter ale Scholaftifer, von denen Thomas 
von Aquin, Bonaventura u. U. diefer Lehre noch wider: 
fprahen. Allein der Franciscaner Scotus verfchaffte 
durch fein Anfehen der neuen Lehre bald den ausgebrei- 
terften Beifall b). So mwurde fie dann ztoifchen den 
beiden Mönchsorden der Dominicaner und Franzisca— 





x) Bon der Erbfünde fagf er: 
excepto homine Christo universos 
respicit — quod unus humiliter 
eonfitetur: in iniquitatibus con- 
ceptus sum et in peccatis conce- 
pit me mater mea. Ep. 174. ad 
Canon. Lugdunenses,Opp.S.Bernh. 
I. p. 169— 172, aud im Bulaei 
Hist. univ. Paris. II. p. 135. sqg. 

y) Opp- Ill. Sermo 2. in As- 
aumt. b. virg. Mar. p. 285. 


2) Sane dici potest et credi, 
jüxta Sanctorum attestationis con- 
venientiam, ipsam verbi carnem 
prius peccato fuisse obnoxiam, 
sicut reliqua virginis caro, sed 
Sp. S. operatione mundatam ita, 
ut ab omni contagione immunis 
uniretur verbo. Sententt. 1. III. 
Dist. 3. 

a) Sent. J. III. Dist. 5. qu. 1. 

b) Er erug fie noch beſtimmter 


an 


ner, bald ein Gegenftand des lebhafteften Streites und 
eine eigene Untericheidungelehre. Das zu Lyon zuerft 
nur als ein Privarfeft gefeierte Feſt der unbefleckten Em: 
yfängnig Mariens wurde leitdem immer allgemeiner und 
Fatholifcher. Noch im Jahr ı222 flellete eine Synode 
zu Oxrford auch diefes Feſt unter die jährlichen Feierta— 
ge, doch noch mit dem Zufaß, daß die Feier deffelben 
nicht weſentlich nothwendig fey ec). In der Mitte deg 
dreyzehnten Jahrhunderts führten es ſchon die Franzis; 
caner faft in allen ihren Kirchen ein d). In Eng: 
land e) und Deutfchland F) Fam es mit der jährlichen 
Beier diefes Feftes bald in regelmäßigen Gang. Durch 
fortgefegte Streitigfeiten der Thomiften und Scotiſten 
oder der Dominicaner und Franeiscaner g) und durch 
die vielen Mirakel, wodurd die Jungfrau Maria feldft 
ihre eigene unbefleckte Empfangniß bewies, Fam es denn 
endlic, dahin, daß die Kirche elbſt eine beſtimmte Entſchei— 
dung darüber gab. Zu laut fihien der allgemeine Geift 
der Zeit einen folchen Ausſpruch zu fodern, und alfo 
entichied die allgemeine Kirchenverrammlung zu Baiel 
vom Jahr 1493, daß diejenige Lehre, nach welcher die 





vor Dist. 18. in lib. II. Sent, n, 
13. und bracfe es fogar dahin, 
daß die Univerfitat zu Paris be: 
ſchloß, NMiemanden eine academis» 
ſche Würde zu geben, der nicht 
vorher auf jene Lehre einem förm— 
lichen Eid abgelegt. Wadding 
Annal. Fratr. Min, VI. p. 51. sqgq. 
und des Popftes Benedicts XIV. 
Commentar. de Dom. N. J. Chr. 
matrisque eius Festis II. p. 318. 

ec) Hard. Conc. VII. c. 8. p. 117. 

d) S. Schmidii Prolusiones Ma- 
zianae x. cum praefat. Moshemii. 
Helmst. 1733. 4. Prol. VI. p. 89. 

e) Anfelmus von Ganferbury 
ließ das Feft in feiner ganzen 


Diöcefe feiern; fein Nachfolger 
Simon Mepham nahm es auf ei— 
ner Kirchenverſammlung zu Lons 
don vom SG. 1328 feierlih unter 
die übrigen Feſte der Kirche auf. 
Hard. ]. c. c- 2. p. 1538. 

f) Balduin führfe es im Jahr 
1343 zu Paderborn ein, Nic. Scha- 
ten Annal. Paderborn. J. 17. p- 
5053. 

8) Die Geſchichte eines großen 
Gtreifg darüber zu Paris f. in 
Bulaeı His univ. Paris. IV, p. 
618. sqq. d’Argentre Collectio ju- 
diciorum de nuvis erroribus., I, P. 
11. p. 61. sqg. in Gersonii Opp. 
ed. du Pin. ad calc. I. p. 695 sq. 


Marheinede Gpft. d. Katholicismus. #77 3 


a — 


b. Jungfrau durch eine zuborfommende Gnade Gottes 
von der erblichen und wirklichen Sünde ſtets unbefleckt 
geblieben fey, als ein frommer, dem Gottesdienft, dem 
Fatholiichen Glauben, der gefunden Vernunft und der 
heiligen Schrift ganz gemäße Lehre, von allen Katholi- 
fen zu. billigen und anzunehmen fey, und daß Fünftig 
nicht mehr erlaubt feyn folle, das Gegentheil zu lehren h). 
Doc) weil von allen Nömifchgefinnten das Aniehen die 
fer Synode feit ihrer Trennung vom Papft für nicht 
verbindend angenommen wird, fo berief fic) auch, ganz 
confequent, das Consilium zu Trient, bey ihrer Erneue: 
rung und Betätigung diefer Lehre nicht auf diefen Con— 
zilienſchluß, fondern lieber auf die Conftitutionen des 
Panftes Sixtus IV., von denen er die erfte fchon im 
Jahr 1377 erlaffen; in der andern drohet er Allen den 
Bann an, die noch öffentlich lehrten, eine Todfünde fey 
e8, die unbeflecfte Empfängnig der Maria zu glauben i). 
Den freier denfenden Katholifen fchien e8 zwar immer 
ein Anftoß, daß diefe Lehre und das darauf fich bezie- 
hende Feſt nicht nur feinen Grund hat in der heiligen 
Schrift, fondern feldft nicht einmal in der alten achten 
Uebergabglehre, mit deren offener Verachtung vielmehr 
diefe neue Lehre nur auf eine Menge dunkler Wunder 
und auf die willführlichen Conftitutionen eines Papftes 
gegründet ift; der gleichfalls nur die Menge der Wun: 
der, die Vortrefflichkeit der Jungfrau und die fchon ziem- 
lich allgemeine Sitte, das Feſt zu feiern, dafür anzu— 
führen mußte. Was aber Fonnte man noch gegen 


Pe ET Tee TEE 


h) Conc. Basileense Sess. 36. teichen Ablaf, als am Frobnleidh: 

i) Dbne ſich auf die Gtreiffras namsfefl. S. Corp. jut. can. T. 
ge einzulaffen, ertheilf er in jener U. in Extrav. comm. |. III. t. ı2. de 
Alen, welche das Feſt mit An» reliqu. et venerat. Sanctor. c. I. 
dacht feiern würden, eben den p. 2170. ed. Boehmaer. 


re 

diefe neue Lehre und den Mangel ihrer Uebereinftim- 
mung mit der alten Tradition einzuwenden haben, wenn 
felöft fo gelchrte und fonft geachtete Lehrer, als d' Ailly 
und Gerfon mwaren, ihr beitraten und der- legte befon- 
ders die Wahrheit der Behauptung, daß Maria ohne 
Erbfünde empfangen worden, ohne fich auf. die heilige 
Schrift einzulaffen, unter diejenigen rechnet, die erſt 
neuerdings geoffenbart und erflärt worden, fowohl durch 
Wunder; als durch den größten Theil der Kirchen k). 
Noch im fiebzehnten Sahrhundert wollte Gregor XV. 
nicht8 entfcheiden über die dornige Frage, obgleich er 
von den Königen von Spanien, Philipp II. und IV., 
durch eine eigene Gefandtfihaft dringend darum gebeten 
wurde. Zum Vorwand nahm er den Mangel einer goͤtt— 
lichen Hffenbarung darüber. Doc) has Alerander VII 
1661 die Meinung der Franziecaner nur zu beſtimmt 
gebilligt, ohne jedoch das Gegentheil zu verdammen, 
wiewohl er zugleich den Dominicanern Stillſchweigen 
auferlegte und ihnen verbot, dieſe Lehre noch ferner zu 
befireiten 1). In Spanien ift diefe Lehre von jeher ei- 
ner der höchften Glaubensartifel gewefen, was wohl haupt: 
fachlich in dem Anfehen der Minvoriten feinen Grund 
hatte. Nur eine ängfiliche Nothhülfe aber ift es, wenn 
aufgeflärte Katholiken, den Sinn der Firchlichen Feftfez: 
zung umgehend, dag Feſt nicht festum immaculatae 
conceptionis b. virginis Mariae, fondern festum 
conceptionis virginis immaculatae nennen, alfo es 
überhaupt nur als ein Marien: Feft betrachten, an wel. 
chem fie die Empfängniß der reinen Jungfrau feiern. 





k) Gers. Sermo de concept. b. et IV. in den Baumgartenfchen 
Mariae virg. Opp. III.P.3. p.1330. Nachrichten von mertwürdigen 
1) Wadding legat. Philippi II. Büchern VI. ©. 414 ff. 
37 


— ———— 


a 


Zweites Kapitel 





Von der Redtfertigumn. 





Eine Lehre, welche die urfprüngliche Verfaffung des 
Menfchen vor feinem Fall in die Sünde und die Fols 
gen und Wirfungen davon auf feine fittlihe und relis 
giöfe Natur fih fo verfäjieden denkt und in dem Sy— 
ſtem durchführt, ſo abtweichend von, einer andern, muß 
fich wohl auch auf eine ganz eigne Art die Heilung je: 
nes unglückfeligen Verhaͤltniſſes vorftellen, in welches 
dadurch der Menfch mit Gott gerathen ift und die Heilg- 
ordnung in einen ganz andern Gang einleiten, als es 
nach andern Grundfägen möglich if. So aus einander 
firebend verfolgt in ganz verfchiedenen Richtungen dag 
fatholifche und profeftantifche Spftem die Bahn, die 
ihm durch feine innerfie Natur angewieſen ift, auch in 
der Lehre von der Begnadigung des Sünders und deffel 
ben Berföhnung mit Gott. 

Es kann hiebei zunächft nicht überfehen merden, daß 
beide doch noch bis auf einen gewiſſen Punct mit ein- 
ander einverfianden find. Anerkennend jene große Ver: 
dorbenheit und Zerrättung menfchlicher Natur, halt auch 
die Fatholifche Dogmatik die Verföhnung mit Gott für 
das dringendfte aller Bedürfniffe. Auch fie lehrt, daß 
das Naturgefes fo wenig al$ dag mofaifche dieß Be— 
dürfniß zu befriedigen und des Menfchen Sehnſucht 


Be 


nach Erlöfung und Seligfeit zu flillen vermag a). Gie 
betet auch im Chriſto den Welterlöfer an und Gottes 
Sohn, durch deffen Blut und Tod ung foldye Wohlthat 
und Gnade zu Theil geworden und Iehret, daß denen, 
die da gefallen find in Adam, Feine Kechtfertigung wer— 
den Fönne, als fo fie in Chriſto Jeſu twiederauferftes 
ben b). Die unendlich ſegensvolle That, durch welche 
ung dieſes Heil geworden, findet auch fie in feiner Ge— 
nugthuung für unfere Eünden, die Art unferer Erlöfung 
‚und die Sündenvergebung gleichfall8 in der Zurechnung 
des DVerdienftes Chrifti von Seiten Gottes ec), und auch 
den Glauben ſchließet fie nicht aus als wefentlich von 
unferer Seite, um des Verdienſtes Ehrifti theilhaftig zu 
werden d). 

Gleichwohl treten alle diefe Lehren in beiden Syſte⸗ 
men in ein fo ganz anderes Licht und in einen fo ganz 
verfchiedenen Zufammenhang unter einander, daß beiden 
fchon oft die völlige Umfehrung und Verkehrung der 
Heildordnung, deren fie fich gegenfeitig befchuldigen, Ur 
fach genug zur bitterfien Berdammung war und ein Des 
weggrund, Sich gegenfeitig alle wahre Theilnahme am 
Ehriftenthum abzufprechen. Und allerdings. hatte diefe 
Verfchiedenheit nicht etwa blog in abweichender ſyſtema— 





a) Sess. VI. cap. 1. de naturae 
et legis ad justificandos homines 
imbecillitate. 

b) Sess. V. Si quis hoc Adae 
peccatum, quod origine unum 
est et propagatione, non imita- 
tione transfusum ommnibus inest 
unicuique proprium vel per hu- 
manae naturae vires, vel per ali- 
ud remedium ‚asserit tolli, quam 
per meritum unius medıatoris do- 
mini nostri Jesu Christi, «qui nos 
Deo reconciliavit in, sanguine suo, 
facıus nobis justitia, sanculicatio 


et redemtio etc. — anathema sıt. 
l. ec. c. 3. cfr. Sess. VI. cap. 2. 

c) Verum etsi ille pro omni- 
bus mortuus est, non omnes ta- 
men mortis eius benefhicium reci- 
piunt, sed ii duntaxat, quibas 
mertum passıonıs eıus communl- 
catur etc. Sess. VI. cap. 3. 

d) — hunc proposuit Deus 
propitatorem per fidem in san- 
guine ipsius pro peccatis nostris, 
non solum autem pro nostris, 
sed etiam pro totius mundi. 1. c. 
cap. 2. 


ar — 


tiſcher Anordnung ihren Grund; wie konnten beide Sy— 
ſteme ſich gegenſeitig anders erſcheinen, als verirrt von 
dem im Chriſtenthum vorgezeichneten Wege des Heils, 
da ſie ja in einander mit Recht nicht etwa blos eine 
theologiſche Speculation, ſondern das Beſtreben und den 
Verſuch erblickten, das Chriſtenthum zu erforſchen und 
ſelbſt darzuſtellen und die Hauptfrage immer blieb, nicht, 
wie die eine oder andere Parthey dieß oder jenes vom 
Chriſtenthum ſich denken moͤchte, woran in der Welt 
Niemanden etwas gelegen iſt, ſondern, was das Chri— 
ſtenthum ſelbſt von allen dieſen Dingen lehre, wie es 
ſich ſelbſt betrachte und den Gang des Heils einzig und 
allein gedacht wiſſen wolle. 

Das Eatholifhe Syſtem flellet fi) den ganzen Be: 
ftand und Gehalt; oder die Materie der Rechtfertigung 
auf eine von der proteftantifchen Lehre ganz verichiedene 
Ark vor, indem eg, feinen Prinzipien getreu, diefelbe nicht 
rein und allein von Gottes Seite fommen und gefche: 
ben läßt, fondern immer zugleich dabey den Menfchen 
felbft in Anfpruch nimme und ihn mit feinen urfprüng- 
lichen Naturfräften nicht aus den Augen läßt. Bon die— 
fem Puncte aus läßt fich die große Divergen; beider 
Syſteme ſchon nach allen Richtungen hin überfehen. 
Ein Spftem, welches durch feine Grundfäge ſich mögs 
lich gemacht, felbft in dem tiefften Fall des Menfchen 
doch feine weſentlichſten Kräfte und Anlagen zu vetten 
und nicht gezwungen iſt, mit dem Verluſt des Ebenbil- 
bes fich zugleich alle urfprünglichen Fähigkeiten der Na: 
fur al8 mit verloren und vernichtet zu denfen, muß aud) 
den Menfchen, fo er erlöft und vor Gott gerechtfertigt 
werden fol, in ein ganz anderes Verhältnig zu Gott 
fiellen, als ein anderes, welches bey dem Menfchen nad) 
dem Falle auf nichts mehr rechnen und ihn blos Alles 


— 39 — 


allein von Gottes Gnade erwarten laffen fanı. Wenn 
e8 bier der Haupfgefichtspunct feyn und bleiben muß, 
dag nur vor allen Dingen ihm die Laft der Sünde ab- 
genommen werde, die angeerbtermaßen auf ihm laftet 
und die felbft durch die in der Taufe mitgetheilte Gna— 
de Gottes nur der Schuld nad) gehoben ift, aber alg 
Sünde immerdar fich fortentwickelt, wenn alfo bier zus 
nächft Alles darauf anfommt, dag die Rechtfertigung; 
nach welcher er vor Soft fich fehnet, ihn von der neuen 
Schuld und Laſt, die er in angeerbter Sündhaftigkeif 
auf fich geladen, frey mache und ihm dadurd) möglich 
werde, dann auch aeheilige zu werden, welche Heiligung 
bier alfo nur als fichere Folge, nicht aber als eins mit 
der Nechtfertigung felbft begriffen werden fann: fo muß 
e8 dort hingegen das mefentlichfte Intereffe feyn, daß 
in und mit der Rechtfertigung zugleich etwas entfiehe in 
dem Sünder, da fie hier als bloße Hinwegnahme einer 
Schuld, die in der Taufe fehon getilge worden iſt, oder 
als eine bloße Erklärung von Seiten Gottes, daß die 
fortdauernde Concupiſcenz nicht angerechnet werden folle, 
um fo weniger gedacht werden Fan, da die Jeßtere nach 
diefem Syſtem gar nicht einmal an fi fündhaft- if. 
Hienach entwickelt fih nun in beiden Syſtemen eine 
ganz verfchiedene DVorftelung von dem Wefen und Be: 
ftand der Nechtfertigung. Das fatholifche Syſtem hat 
derfelden eine ungleich weitere und mehr umfaffende Bes 
deutung gegeben, als dag proteftantifche, indem es, was 
dieſes unter dem Artikel von der Heiligung begreift und 
von dem Act der Rechtfertigung felbft wohl unterfchei: 
det, obgleich darum nicht trennt oder fondert, als we: 
fentlich eing mit diefer annimmt, twodurch dann alle 
Berhältniffe in der Art, wie der Gang der Heilgordnung 
möchte zu denfen feyn, umgedrehet und anders geftellet 


— 40 — 


werden. Es begreift mit einem Wort unter bem Aus; 
druck Rechtfertigung nicht blos die Losſprechung von der 
Schuld und Strafe der Sünde, wie dag proteftantifche 
Syſtem, ſondern zugleich überhaupt die ganze Wirkſam— 
keit der goͤttlichen Gnade an den Seelen der Menſchen, 
insbeſondere die durch den heiligen Geiſt gewirkte Er— 
neuerung des Suͤnders, die ganze dadurch begruͤndete 
Beſſerung und Wiedergeburt deſſelben, einen durch den 
h. Geiſt bewirkten Habitus der Seele, in welchem ihr 
Chriſti Gerechtigkeit nicht blos zugerechnet, ſondern mits 
getheilt wird, wodurch er dann Gott ſo wohlgefaͤllig 
werde, daß er ihn nun auch um Chriſti willen begna— 
dige e). 

Es verdient hiebei, damit die Gegenſaͤtze nicht falſch 
geſtellet oder gedeutet werden, wohl beachtet zu werden, 
daß durch jene innere Abweichung beider Syſteme kei— 
nesweges auf der einen oder andern Seite ein weſentli— 
cher Beſtandtheil aus der Reihe der Heilsordnung her: 
ausgefallen oder ganz befeitiget, fondern nur die Stel: 
lung derfelben weſentlich verändert worden, was jedoch 
nicht weniger wichtig und von Folgen if. Beide Sy: 
fieme find überhaupt weder darüber uneing, ob zur Necht: 
fertigung nicht auch eine innere moralifche Kraft und 
Thätigkeit und die Befferung des Menfchen gehöre, und 
ob die heilige Schrift nicht auch zuweilen unter dem 
Ausdruck Nechtfertigen (dxasovy) diefe fittliche Beſſe— 
rung mie begreife, noch auch darüber, ob die gerichtli— 





e) Hanc dispositionem seu prae- nem gratiae et donorum: unde 
parationem justificatio ipsa con-e homo ex injusto fit justus et ex 
sequitur, quae non est sola pec- inimico amicus, ut sit haeres se- 
catorum remissio, sed et sancti- cundum spem yitae aeternae. Sess. 
ficatio et renovatio interioris ho- WI. cap. 7. 
niinis per voluntariam susceptio- 





— 41 — 


che Bedeutung der Rechtfertigung, wie die proteſtantiſche 
Lehre ſie annimmt, der richterliche Ausſpruch Gottes, die 
Loszaͤhlung von unſern Suͤnden uͤberall nicht weſentlich 
vorkommen muͤſſe in dieſer Ideenreihe. Alles dieß koͤn— 
nen fich die Syſteme noch gegenſeitig zugeben, ohne dar- 
um fonft im Mindeften von ihrer DVorftelung zu wei— 
chen. Denn ohne Nachtheil feiner fonftigen Lehre, daß 
die Rechtfertigung des Suͤnders vor Gott in einer ge 
richtlichen Handlung, Losfprehung und Begnadigung be: 
fiche, kann dag proteftantifche Syftem noch einräumen, 
dag allerdings nicht felten die heilige Schrift folche ſitt— 
liche Wirffamfeit in dem Gemüthe des Suͤnders in dem 
Ausdruck der Rechtfertigung mitbegreife, nämlich als 
wefentlihe und unausbleibliche Folge der eigentlichen 
Suftification und als folche kommt fie auch in dieſem 
Syftem vor an ihrem rechten Ort, nämlich) in dem Ars 
tifel von der Erneuerung und Wiedergeburt f). Nur 
daß Rechtfertigung und Befferung nicht etwa nur eing, 
fondern einerley fey, wird mit Recht geleugnet; weil was 
in einem Subject gufammentrifft und nothwendig mit 
einander feyn muß, darum noch Feinesiveges als eing 
und daffelbe gedacht werden muß. Auf ber andern Sei- 
te nimmt das Fatholifche Syſtem auch den proteftantis 
fehen Begriff der Rechtfertigung auf, nur an einem gang 
andern Puncte und in einem ganz andern Sinne, nam: 





f) Es kann daber auch zuge: 
ben, daß das Eatbolifbe Syſtem 
fib nicht ohne Grund auf Gtellen 
berufen kann, wo das Wort ju- 
stiicare nad Analogie des Worts 
sanctificare dıe Bedeufung bat ju- 
stum facere. Uber das pro£. räumt 
diefes keineswegs ein ben den Stel— 
len, wo Die eigentliche Lebre von 
dem Berbälfniß des Nienfden zu 


Soft in Rüdfibe feiner Hülfsbe— 
dürftigkeit in Berſöhnung vorge— 
tragen wird. Die Art, wie der 
Apoſtel den dadurch bezeichneten 
Begriff auch mit andern Worten 
ausdrückt, wie Röm. 4, 5. bewei— 
ſet ihm deutlich, daß er mit 
dem Gebrauch des hebraiſirenden 
Worts nicht den lateiniſchen Siun 
non justilicare verbindet. 


— 42 


lid) nur als Folge deffen, was fich daffelbe als die wah— 


ve Rechtfertigung denft g). 


So ift die Ordnung deg 


Heils eine ganz verfchiedene in beiden Syſtemen; tag 
das Fatholifche nur als die Folge der Kechtfertigung 
vorſtellt, naͤmlich die Losfprechung und Frenfprechung 





8) Sarg deuflih erklärt fich 
zwar die Synode zu Trient bier- 
über nichf, vielmehr fpridht fie 
auch bier in einer ihr geläufigen 
aber höchſt unbejtimmefen und un: 
wiffenfchaftlichen Art zu negiren 
(non solum), wodurch die Gade 
felbft nicht (chlechtsın verworfen, 
vielmehr ausdrücklich aufgenoms» 
men, oder ihr Berhältniß und 
ibre Beziebung auf etwas ande: 
res doch jehr verändert wird. So 
fagt fie 3. B. cap. 7. bon der 
ipsa justificatio, non est sola 
peccatorum remissio, sed etc. u. 
am Ende ſpricht fie auch von dem 
trıbunal Domini nostrı Jesu Chri- 
sti. &bendafelbft erklärt fie, die 
einzige formelle Urſach unferer 
Rechtferfigung fen die ſich uns 
mittbeilende Gnade Gottes: ju- 
stitia Dei, non qua ipse justus 
est, sed qua nos justos facit: 
quia videlicet ab eo donati reno- 
vamur Spırıtu mentis nastrae et 
non modo reputamur, sed 
vere justi nominamur et sumus, 
jJustitiam in nobis recipientes unus- 
quisque suam secundum mensu- 
ram, quam Sp. S. partitur sin- 
gulis, prout vult et secundum 
propriam cuiusque dispösitionem 
et cooperationem. c. 7. Indem 
die Gpnode bier den Gegenfag 
oder Unterfchied durch ihr non 
modo reputamur, sed vere justi 
sumus mad£t, mil fie offenbar 
der proteftanfifchen Lehre ven 
Schein zumenden, als bliebe fie 
bey der bloßen Grflärung von 
Geiten Öottes fieben, oder als fen 
es überall nur Schein damit und 
fein Geyn und techter Ernſt. Als 


lein es ift von Profeftanten nie 
geleugne£ worden, daß, recht ge: 
faßt, aud der Begriff einer wah⸗ 
ren Geredtmadung bier ftat£ fine 
den kann. Träte nämlih nur an 
die Stelle der Werke, welche das 
katholiſche Gpftem bier einmifcht, 
der Glaube, durh den fie von 
Eeiten des Menſchen allein vor 
ſich geben Eann, fo ift die Ge 
rechterflärung von Geiten Gottes 
notbwendig immer, obgleidy frey— 
lich nur in ihren Folgen, zugleich 
eine wahre GSerechtmachung, wels 
&e beide zwar in der Theorie 
forgfaltig aus einander gehalten. 
und umterf&ieden, aber darum 
doch nicht als mwefentlich betero» 
gen feparirt und geſchieden wer» 
den. Die Apologie der Augsb. 
Eonf. drüde ſich bierüber mit ei« 
ner SKlarbeit und Beftimmtbeit 
aus, welche von der Önnode nicht 
nachgeahmt worden ijt und ent 
balt, wie in Boraus, eine Ante 
wort und Berichtigung der von 
der Synode abfidilich falfh ge 
wendeten protejftantifchen Borftel« 
lung. Sed nonnulli fortasse, cum 
dicitur, quod fides justilicet, in- 
telligunt de principio, quod fides 
sit initium justificationis seu prae- 
paratio ad justiicationem, ita, ut 
non sit ipsa fides illud, quo ac- 
cepii sumus Deo, sed opera, 
ige sequuntur. Et somniant, 
ıdem ideo valde laudari, quia 
sit priocipium. Magna enim vis 
est priucipü et vulgo dicunt, 
wen npicv AayTog» ul si quis 
dıcat, quod Grammatica efficiat 
omnium artium dociores, quia 
praeparet ad alias artes, etiamsi 


ee 


son aller Echuld und Strafe der Sünde, ift im profe- 
ftantifchen dag Erſte und der wefentlichfte Beftandtheil 
der Nechtfertigung und was hingegen hier im proteftan- 
tiſchen Syſtem als Folge der Rechtfertigung gedacht 
wird, die Heiligung, wird im Fatholifchen ſchon als dag 
Wefentlichfte der Nechtfertigung dargeftellt. 

Dbgleih nun weiter beide die Form der Nechtfertis 
gung gemeinfchaftlich in der Zurechnung des Verdienftes 
Chriſti finden, fo fiheiden fie ſich doc) gleich wieder 
darin, daß jedes diefen Actus Gottes von feinem Stand» 
puncte aus in einem ganz verfchiedenen Lichte fieht. 
Denn nach der Fatholifchen Lehre ift diefe Zurechnung 
des DVerdienftes Chrifti mwefentlich nichts anderes, ale 
die Einflößung der Gerechtigfeit Chrifti durch den heili— 
gen Geift, durch die wir Gott wohlgefälig und um 
welcher willen wir fodann vor Gott gerechtfertigt werden. 
Don diefer um des DVerdienftes Chrifti willen ung mit; 
getheilten Gerechtigkeit Ehrifti, einer neuen Beſchaffen— 
heit, welche in der Liebe und Tugend befteht (qualitas 
justitiae inhaerentis), lehret fie, daß fie ung die Rechts 
fertigung vor Gott verfchaffe. Hier läßt das Fatholifche 
Syſtem dem eigentlichen Nechtfertigungg- oder dem voll- 
endeten Begnadigungs=:Act noc etwas Anderes vorher: 
gehen und zwifchen Gott und der Schuld des Suͤnders 
feine eigne Thätigkeit im Guten treten, welche durch Ein— 
flößung eines neuen Lebens in ihm aufgeregt worden 
if. Seinem Begriffe von der Zuftification gemäß muß 


sua quemque ars vere artificem 
efficit. Non sic de fide sentimus, 
sed hoc defendimus, quod pro- 


Prie ac vere ipsa fide pro- 


pter Christum justi repute- 


mur, seu acceplii Deo simus. 


Et quia justificare significat ex 
injustis justos effici, seu regene- 
rari, significat et justus pronun- 
ciari seu reputari. Vtroque enim 
modo loquitur scriptura. Apol, 
p- 73. ed. Rechenb. 


— “4 — 

das katholiſche Syſtem die Gerechtmachung des Suͤn— 
ders als die erſte und weſentliche Seite der Rechtferti— 
gung, ja als den Haupttheil und die Bedingung derſel— 
ben betrachten, welche Art von Juſtification, nach eben— 
denſelben Grundſaͤtzen, zwar urſpruͤnglich und in Ruͤck— 
ſicht der Belebung, Staͤrkung und Aufregung menfihli- 
cher Kraft von Gottes Gnade ausgeht, aber eben fo 
weſentlich den Menfchen felbft in Anfpruch nimmt. Sol 
che Einfchiebung menfclicher Kraft und Thätigkeit in 
einen an fic) durchaus göttlichen Actus mußte dem pro- 
tefiantifchen Spftem ſtets als etwas an diefem Ort fremds 
artigeg und in dieſer Ideenreihe gang unzuläffiges ers 
fcheinen. Auch laßt fich felbft nach Prinzipien des Fa> 
tholifchen Syſtems ein Fehler in der Entwickelung die: 
fer Glieder nachweifen. Denn fol einmal, wie doc) 
das Fatholifche Syſtem felbft gefteht, die Begnadigung 
des Eünders reine, freye Gradenfache feyn und dem 
Verdienſte Chrifti, um defjentwillen fie gefchieht, nichts ent; 
zogen werden, fo fann in feinem Sinn dabey auf etwas, 
was von dem Menfchen felbfi kommt, um die Nechtfer: 
tigung etwa herbenzuführen, außer der Anerkennung und 
Aneignung jenes Verdienftes Ehrifti, gefehen werden, und 
fol die Zurechnung des DVerdienftes Ehrifti nichts ande: 
reg feyn, als Mittheilung feiner Liebe und Heiligkeit an 
die Wiedergebornen, fo müßte der Begriff der Zurech- 
nung ganz aus feinen beftimmten Grenzen treten: denn 
nach Analogie folcher Auslegung müßte dann wohl auch 
Jemanden die Sünde zurechnen, foviel heißen, als Je— 
manden die Ungerechtigkeit und Unbeiligfeit einflößen 
oder mittheilen, was gegen allen verftändigen Sprach— 
gebrauch. Ungleich reiner und fefter iſt hier der Gang 
des proteftantifchen Syſtems. Indem e8 außer dem ein: 
sigen Glauben, der von Geiten des Menfchen das Ber 





45 


dienft des Erlöfers ergreift, jede eigene Thaͤtigkeit aus— 
ſchließt in Beziehung auf den Gnadenact der NRechtfertir 
gung, iſt diefe rein, was fich allein darunter denfen 
läßt und im Feiner Nückfiht an ein Verdienft des Mens 
fehen gebunden, durch welches fie felbft erft etwa zumes 
ge gebracht würde; denn Werdienft ift Alles, was einen 
Anfpruch begründet und um deſſetwillen diefer befrie— 
digt wird. Doc, wenn die Synode zu Trient, indem 
fie die Zurechnung des Verdienſtes Ehrifti mit der Ein- 
flößung einer höheren Gerechtigkeit und Tugend identifi- 
eirt, diefe leßtere auch noch fo innig mit jener vereinigt, 
fo daß e8 im Grunde nur Chrifti Gerechtigkeit, ja Ehris 
ſtus felbft ift, durch den der Sünder auf diefe Art neu— 
belebt und twiedergeboren wird h), fo hat fie doch, wie 
dieſes zu verftehen, felbft hinlänglicd) aufgedeckt. Denn 
indem fie erklärt, daß die Nechtfertigung nicht allein 
durch die Zurechnung des Verdienſtes Ehrifti erfolge, fta- 
tuirt fie offenbar nebenher noc) etwas Anderes, welches 
wenigſtens aud) und fo gut; als jened, ein Grund ders 
felben feyn kann 1). Der Begriff einer Zurechnung des 
Derdienftes Ehrifti findet alfo zwar bey der erften An— 
näherung des gefallenen Menfchen und der göttlichen 
Gnade infofern ftatt, als Gott um Chrifti willen fich 
fein erbarmend feine ſchwachen Kräfte ftärft und ihn 
erhebt zu fittlicher Wirkſamkeit; aber er findet nicht 
da mehr fast, wo ihn die proteftantifhe Dogmatif 





h) Si quis dixerit, homines si- 
ne Christi justitia, per quam no- 
bis meruit, justificari aut per 
eam ipsam formaliter justos esse, 
anatheıma sit. Sess. VI. Can. 10. 


i) Si quis dixerit, homines ju- 
stikcari vel sola imputatione ju- 


stitiae Christi, vel sola peccato- 
rum remissione, exclusa gratia 
et charıtate, quae in cordibus 
eorum per Sp. 5. diffundatur at- 
que illis ınhaereat, aut etiam gra- 
tıam, qua justificamur, esse tan- 
tum favorem Dei, anaihema sit. 
lere. Can. 18. 


— 466 — 


erſt eintreten laͤßt, naͤmlich bey dem eigentlichen Begna— 
digungsact ſelbſt, wobei nach katholiſcher Lehre Gott, 
wo nicht allein, doch hauptſaͤchlich auf die Aeußerungen 
der eingefloͤßten Tugend, auf den treuen Gebrauch der 
nun excitirten und lebendigen eignen Kraft, auf die 
rechtſchaffene Benutzung aller Mittel des Heiles ſieht. 
Mag nun auch die katholiſche Kirche immer dabey noch 
lehren, daß unſere Werke nicht hinreichen zur Nechtferkis 
gung, ſo rechnet ſie doch auf jene, als einen weſentli— 
chen Beitrag zu dieſer; mag ſie dann auch immerhin 
noch ſo ſehr als reine Gnadenſache Gottes vorſtellen, 
daß wir durch Chriſtum gerechtfertiget werden, ſo muß 
doch der Begriff eines reinen Gnadenacts ſich durch die 
eigenen Werke des Menſchen hinlaͤnglich einfchränfen 
laſſen, welches, wie man es auch nehmen will, etwas 
ſich ſelbſt Widerſprechendes hat, weil eben in dem Be: 
griff der freyen Gnade in Beziehung auf die Werfe deg 
Menfchen etwas Ausfchliegendes liegt. Denn ift num 
die Frage, worauf e8 doc) zuleßt allein anfommt, mag 
es ſey, um beffetwillen Gott den fündigen Menfchen 
zu Gnaden wieder aufnimmt, was es jey, was von Gei- 
ten des Menfchen der Gerechtigfeit Gottes enfgegenge: 
halten werden koͤnne, aufdaß er nicht vor firengem Ge: 
richt verdammet werde, was der Glaube ergreifen, wor— 
an er fich halten, worauf er fich fiüßen und berufen 
fönne, um von Gott Vergebung der Sünden zu erlan— 
gen, was alfo mir einem Wort dasjenige fen, mas 
gleichfam zwifchen Gott und dem Sünder in die Mitte 
tritt und vermittelt, aufdaß diefer nicht nur Vergebung 
feiner Sünden, fondern auch die ewige Geligfeit erlan: 
ge, verfühnt und gerechtfertigt werde, — fo ift eg nach 
proteftantifcher Lehre allein das im lauben ergriffene 
Verdienſt Chrifti, melches Gott dem Sünder zurechnet, 





das DVerdienft eines Sohns Gottes, welches allein vor 
Gott folche Geltung und folchen unendlichen Werth ha; 
ben Eonnte, im katholiſchen die durch den Glauben an 
Chriſti Verdienſt und eingeflößte Liebe und Heiligung 
des Sinnes, welche die Sünden vertreibt, und einen 
neuen Menfchen in ung geſtaltet. Ungerecht zwar iſt der 
Vorwurf, den die Polemik wohl felbft dem Fatholifchen 
Syſtem gemacht, daß es den eigenen Werfen des Men: 
ſchen ohne Gott und göttliche Gnade fchon eine verfüh: 
nende Kraft zufchreibe und eine befondere und zwar fo 
hohe Geltung derfelben vor Gottes Gericht, daß er da- 
mit und dadurch koͤnne gerechtfertigt werden. Aber mit 
Necht wird ihm die aug dem ganzen Zufammenhang fei- 
ner Nechtfertigungs » Theorie abfließende und fpäter 
noch Flarer hervortretende Lehre zugefchrieben, daß Gott 
fhon in und bey der Rechtfertigung aud auf die. Arc 
fehe, wie der Menſch von feinen eigenen Kraften und 
der ihm dargebotenen Gnade Gebrauch) mache, und daß 
bey Gott auch diefe Nückficht, welche im Act der Zufti- 
fication felbft das proteftantifhe Syſtem durchaus ne: 
girt, einer der Beweggründe zur Rechtfertigung Mer: 
de k) 

Nur in einer folchen Anſicht Fonnte dann auch die 
Lehre von einem befondern Wachsthum in der Nechtfers 
tigung Plag finden, wovon das proteftantifche Syſtem 


— Bm nn nn 


k) Daß dies der Ginn des Com: 
ziliums zu Trient fen, hat einer 
der Ausleger deſſelben ſelbſt be— 
zeugt. Quia justus is dici non 
potest, qui totus peccatorum ma- 
eulis inquinatus, ideo Deum in- 
fundere homini charitatem, cuius 
vi et potentia crimina omnia 
eluantur, scelera exstinguantur, ut 
intereant, omneque tetri facinoris 


vestigium aboleatur, atque ideo 
justificationem magis in eharita- 
te, divinam legem complectente, 
quam in peccatorum venia posi- 
tam esse: imo justiicationem in 
ipsa sancbficatione collocandam. 
Et charitatem esse, quae homi- 
nem Deo pergratum, perque ac- 
ceptum reddat. Payvae Andrad, 
Orth, expl. p. 462 —475. 489. 


— 48 


gar nichts weiß und wiſſen kann. Denn davon konnte 
in der That nur in einem Syſtem die Nede feyn, wel: 
ches bey der Rechtfertigung felbft ſchon fo fehr auf die 
eigene moralifche Thätigfeit des Menfchen rechnet und 
von dem Begriff einer Rechtfertigung, nicht als bloßer 
Srenfprehung von der Strafe der Sünde, fondern als 
einer Gerechtmachung felbft ausgegangen war, Wenn, 
wie nach proteftantifchen Grundfägen, der ganze Act der 
Suftification auf Seiten Gottes vorgeht, fo muß diefel- 
be auc) in einem einzigen Act vollendet und vollfommen 
feyn; von Stufen der Rechtfertigung Fünnte nur die Ne 
de fenn, wenn, wie nad) Fatholifchen Grundfägen, die 
Kechtfertigung zum Theil oder zugleich als Menſchenact 
vorgefiellee wird. Denn nur die menfchliche That und 
Tugend entwickelt fih in Progreffen und fchreitet fort 
vom unvollfommenen zum vollfommenen: auch läßt die 
Eatholifche Lehre folche Fortfchreitung in der Nechtferti- 
gung allein durch die guten Werfe des Menfihen ge- 
fchehen 1). Es ift eine Hauptlehre des proteftantifchen 
Syſtems, daß der Gerechtfertigte und Geheiligte in die: 
fem geben immer fortfchreite im Guten und daß feine 





niam ex operibus justilicatur ho- 
mo et non ex fide tantum. Hoc 
vero jusütiae incrementum petit 
s. ecclesia, cum orat: da nobis, 
Domine, fidei, spei et charitatis 
augmentum. Sess. VI. cap. zo. 


1) Sic ergo justikcati et amici 
Dei ac domestici facti, euntes de 
yirtute in virtutem, renoyan- 
tur, ut Apostolus inquit, de die 
in diem, hoc est, mortificando 
membra carnis suae et exhibendo 


ea arma justitiae in sanctilicatio- 
nem, per obseruationem manda- 
torum Dei et ecclesiae, in ıpsa 
justitia per Christum accepta, co- 
operante fide bonis operibus, cre- 
scunt atque magis justificantur, 
sicut scriptum est: qui justus 
est, justiicetur adhuc; et iterum: 
ne verearis, usque ad mortem ju- 
stilicari et rursus: videtis, quo- 


de acceptae justificationis incre- 
mento. — Si quis dixerit, justi- 
tiam acceptam non conservari at- 
que etiam augeri coram Deo per 
bona opera, sed opera ipsa fru- 
ctus solummodo et signa justifi- 
cationis adeptae, non etiam ipsius 
agendae caussam, anathema sit. 
l. c. Can. 24. 





— 49 mn 


Tugend. eines unendlichen Wachsthums fähig fen und 
die ganze Differenz zwiſchen dem Fatholifchen und prote; 
ftantifchen Syſtem koͤnnte bier leicht fcheinen, daß beide 
nur an ganz verfchiedenen Orten daffelbige abhandeln 
und daß das eine in die Lehre von der Juftification 
überträgt; was bey dem andern erſt im Capitel von der 
Heiligung vorkommen kann. . Allein die GStreitfrage ift 
hier vornehmlich die, ob nicht die richtige Vorſtellung 
von dem wehren Gange des Heil und der Drönung 
unferer Erlöfung im Sinne des Chriſtenthums ganz ver: 
wirrt und gefiört werde durch eine Zweideutigkeit, welche 
nicht am rechten Orte fcheidef, was doch nicht zuſam— 
mengehört und fich nothwendig im Wege fteht, welche 
Urſach und Wirkung durcheinander wirft und ob nicht 
dadurch wefentliche Irrthuͤmer in die helle Lehre der 
heiligen Schrift hineingetragen werden. Dieß legt die 
proteftantifche Kirche der Farholifchen zur Laſt, wenn fie 
den Nefultaten der eigenen menfchlichen Thaͤtigkeit die 
Kraft zufchreibt, nicht blog, daß einer fortfchreite in der 
Heiligung des Sinnes, fondern auch, daß Gott diefelbe 
zum Grunde unferer VBerföhnung nehme und ung um 
derfelben willen feine Gnade und die ewige Geligfeit 
angedeihen laſſe. Die fcholaftifche Unterfcheidung zwi: 
ſchen einer. justitia prima et secunda äußert an die 
fen Punct befonders ihre Folgen. Denn wenn jene 
auch mehr um des Werdienftes Chrifti willen gefchieht, 
und gleihfam nur die Verbindung des Günders mit 
Gott einleitet, fo wird dieſe dagegen defto mehr als 
menfchlicdy Werk angefehen, tsodurd wir immer gerechter 
und gerechtfertigter und Gott twohlgefäliger werden; 
woraus nicht undeutlich folgt; daß Gott ung weit mehr 
noch wegen unferer eigenen Werke, als wegen des Ber: 
dienſtes Chrifti begnadige und befelige — eine Lehre, 
Nlarbeinede Syſt. d. Kafholicismugs DU. A 


— 50 — 


welche das proteſtantiſche Syſtem jederzeit als der heili— 
gen Schrift widerſprechend verworfen hat m). Sin dem 
Gefichtspunete und Lichte ihrer Nechtfertigungstheorie be- 
greift alfo die Eatholifche Lehre die ganze Summe menfch- 
licher Thatigfeit und als mehr oder weniger nüßlic) und 
führend zum ewigen und feligen Leben fieht fie alle gu: 
ten Handlungen des noch in der Rechtfertigung begrif— 
fenen Menfchen an. Dieſer Gefichtspunct ift dem pro- 
teftantifchen Syſtem fremd: denn wenn es aud) an: 
nimmt, daß als Frucht des Glaubens und der Recht: 
fertigung fich jegliche Tugend in dem Menfchen noth- 
wendig entwickeln müffe, fo giebt es doch diefer niemals 
eine folcye Beziehung, weder auf die Rechtfertigung, noch) 
auf die daraus entfpringende Seligfeit. Indem die Fa- 
tholifche Lehre hingegen die fittlichen Thaten der Nechrferti- 
gung feloft fo innig verknüpft, fo muß fie wohl auch dem 
ung zugerechneten Verdienſt Chrifti das ertvorbene des 
fietlichen Lebens felbft an die Seite fielen; und in die 
fem Sinne kann fie allerdings und muß fie fogar die 
ewige Seligfeit, als Frucht der Rechtfertigung, zum Theil 
von den guten Werfen des Menfchen felbft mit abhan— 
gen laffen n): 





m) So lehret auch Andradius 
im Sinne der Synode, daß Pau— 
Ins Rede von der umfonft, blos 
wegen Chriſtum und ohne Werke 
uns zu Theil gewordenen Rechtfer« 
tigung blos von dem Anfang deri 
felben von Geiten Gottes (prima 
justificatio ) gelte, daß diefe aber 
daun durch unfere Werke ſo ver— 
mehrt und amplificir£ werde, daß 
wir dadurch immer getechfer wür— 
den vor Gott und felig. Egregia 
justorum opera non solum ad ju- 
stitiam augendam magnam vim, 
Christi benelicio, habent, sed 


etiam ad aeternam salutem pro- 
merendam et comparandam. Orth. 
expl. p. 516. 


n) Hac igitur ratione justifica- 
tis hominibus, sive acceptam gra- 
tiam perpetuo conservaverint, Si- 
ve amissam recuperäverint, pro- 
ponenda sunt Apostoli verba ı 
Cor. i5, 58: Hebr. 6, 10. et 10, 
35. atque ideo bene operantibus 
üsque in. finem er in Deo spe- 
rantibus proponenda est vita ae- 
terna et tanquam gratia filiis Dei 
per Christum Jesum misericordi- 





— 51 — 


Solcher Begriff von einer Verdienſtlichkeit menſchli— 
cher Tugend bei Gott iſt dem proteſtantiſchen Syſtem 
ſo ſehr entgegen, als die ganze Beziehung menſchlicher 
Thaͤtigkeit auf Rechtfertigung und Seligkeit. Jederzeit 
ſchien ihm des Erloͤſers Verdienſt in eben dem Grade 
herabgeſetzt, als menſchliches Verdienſt hier moͤglich be— 
funden und erhoben wird, und Gottes Gnade ſelbſt in 
eben dem Grade geringer gefchaßt, als menſchliche Thaͤ— 
tigkeit in Bezug auf diefelbe fo hoch angefchlagen wird. 
Mag auch in NRücdficht ihres Urfprungs, ihrer Stärkung 
und Belebung. diefe menfchlicye Ihätigkeit immer noch 
von Gott abgeleitet werden 0), fo kann doch der Cha- 
racter des DVerdienftlichen allen TIhaten der Menjchen 
allein aus demjenigen erwachfen, was dabey auf ihre 


eigene Rechnung fommt p)- 


Aus der Große der Be 





ter promissa et tanquam imerces 
ex ipsius Dei promissione bonis 
ipsorum operibus et meritis fide= 
liter reddenda. Haec est enim 
illa corona justitiae, quam post 
Suum certamen et cursum reposi- 
tam sibi esse ajebat Apostolus, 
a justo judice sibi reddendam: 
non solum autem sibi, sed et 
omnibus, qui diligunt adventum 
eius. Cum enim ille ipse Chri- 
stus Jesus, tanquam caput ın 
membra et tanguam vitis in pal« 
mites in ipsos justificatos jugiter 
yirtutem influat: quae yirtus bo- 
na eorim opera semper äntece- 
dit et comitatur et subsequitur 
et sine qua nullo pacto Deo gra- 
ta et meritoria esse possunt; ni- 
hil ipsis justificatis amplius dees- 
se credendum est quo mmus ple— 
ne illis quidem operibus, quae 
in Deo facta sunt, divinae legi 
pro huius vitae statu satisfgcisse 
et vitam aeternam suo etiam tem» 
pore, si tamen in gratia decesse- 
zint, consequendam vere prome- 


ruisse censeäntur etc. Sess. VI. 
cap. 16. de fructu justif. hoc est, 
de merito bonorum operum de- 
que ipsius meriti ralione, 


0) — Quae enim justitia no- 
stra dicitur, quia per eam nobis 
inhaerentem justificamur, illa ea- 
dem Dei est, quia a Deo nobis 
infunditur per Christi meritum; 
neque vero illud omittendun: est, 
quod, licet bonis operibus in sa- 
cris lireris usque adeo tribuatur, 
ut etiam qui uni ex minimis suis 
potum aquae frigidae dederit pro- 
inittat Christus, eum non esse 
sua mercede cariturum et Äposto- 
lus testetur 2 Cor. 4, ı7.l.c. 
cap. 16. 


p) Dieß bat zum Ueberfluß die 
Gpnode noch febr deutlich ausge: 
ſprochen. Si quis dixerit, homi- 
nis justilicati bona opera ita esse 
dona Dei, ut non sint etiam bona 
ipsius justificati merita, aut ipsum 
justiicatum bonis Operibus , quae 
4* 


4 


un BA 


lohnung, welche bier als Preis der fittlichen Anftrengung 
aufgeftellet wird, kann man fchließen, wie hoch das Fa: 
tholifche Syſtem ſchon unter diefem Gefichtspunct von 
den guten Werfen denkt: denn obgleich es den Preis, 
die Belohnung mit ewiger Seligfeit, gleichfam theilt zwi: 
ſchen dem Berdienft Chriſti und den Werfen des Tu: 
gendhaften q), fo ift doch zur Hälfte wenigftens der 
Lohn ewiger Seligfeit ein debitum von Seiten Gottes. 
Zwar hat dag proteftantifche Syſtem den Sag im Alt: 
gemeinen nie beftreiten wollen, daß gute Werfe einer 
Belohnung würdig feyen, denn dafür fpricht ſchon die 
Erfahrung, daß es auch unverdiente Belohnungen giebt 
— was fönnte wohl an fich gute Werfe einer Beloh— 
nung unwerth machen? Auch hat es jederzeit angenom— 
men, daß den Werken der Gerechtfertigten und Gehei— 
ligten unſtreitig ſchon in dieſem Leben allerlei geiſtige 
und leibliche Segnungen und Belohnungen folgen, nicht 
zwar aus dem Grunde der Handlungen ſelbſt, ſondern 
der göttlichen Verheißung und Gnade, durch die, was 
eines jeden Thaten merth find, ihnen zugeſprochen ift. 
Allein nie und in Feiner Beziehung ift die Seligkeit felbft 
dort, oder die Nechtfertigung als verdienbar durch unfere 
Werke ‚vorgeftellet worden, weil diefe8 mit der ganzen 
innern Anlage des Syſtems im wahren Geifte des Chri— 
ſtenthums fireitet, weil, was allein aus dem runde 
menfchlicher Handlungen entfpringt, felbft der beften und 
edelften Menfchen, zu folcher Belohnung noc immer im 





ab eo per Dei gratianı et J. C. tamen in gratia decesserit, con- 
meritum, cuius vivum membrum secutionem atque etiam gloriae 
est, fiant, non yere mereri au- augmentum, anathema sit. Can, 
gmentum graliae, vitam aeter- 32. ‚ 
nam et ipsius vitae aelernae, si ) l c. cap. 16, sub fin. 


a 


auffalfenden Misverhältnig fichen bleibt. Der Vorfag, 
um der Belohnung mit der ewigen GSeligfeit willen ſich 
der Tugend befleißigen zu wollen, wie ihn das Fatholi- 
fee Syfiem aufftellet r), kann daher dort nur verwor— 
fen werden, weil er im dem Grund und Boden unferer 
eigenen guten Werfe Feine fefte Haltung gewinnen kann, 
um von da aus ficher und mit Hoffnung und Erfolg 
zu diefem hohen Ziele hinzuftreben. Dieß höchite Gut 
und Ziel der Sehnfucht aller Frommen laßt fih von 
Gottes freyer Gnade allein erwarten und ſteht ganz 
ußer der Sphäre, innerhalb welcher menfchliche Kraft 
und That fchaffen, erwerben und erreichen fann. Einen 
ganz andern und ungleich fefteren Grund, auf welchem 
die Hoffrung eines ewigen und feligen Lebens ficher ge 
deihen Fann, bietet das Chriftenthum durch die prote: 
fiantifche Lehre in dem Glauben dar an Ehrifti Berdienft 
und Goffes freye Erbarmung. Auf ſolchem Grunde 
alfein kann die Gemwißheit entfliehen, welche unter allen 
die füßefte ift, und welche Bingegen auf dem lockern 
Grunde unferer eigenen Gerechtigkeit und Werkheiligkeit 
nie erwachſen und gedeihen Fan. Dem Vorwurfe, dag 
dieſe Zuverſicht auf erlangte Rechtfertigung und den Be: 
fig de8 Gnadenſtands gar leicht in Hochmuth und Si— 
cherheit augarte und allerley Misbräuche mit fi führe, 
feget die profeftantifche Lehre den Vorwurf entgegen, 
daß die Fatholifche Anſicht entweder zur Trägheit und 
Sorglofigfeit um das fünftige Schieffal, oder zur peini- 
genöften Unruhe und felbft zur Verzweiflung faft nofh- 
wendig führe, da Niemand dem Gefühl, wie wenig er 





r) Si quis dixerit, justificeatum wmercedis bene operatur, anathe- 
peccare, dam intuiin aeternae ma sit. Can, 31. , 


— 4 — 


durch die eigenen Werke ſey, in die Laͤnge entgehen koͤn— 
ne, und bey dem Mangel anderweitiger Gewißheit un— 
fehlbar ſich in ein Meer von Zweifeln und in den Abs 
grund der Troftlofigkeit und Verzweiflung ſtuͤrzen müffe. 
Das katholiſche Syſtem, wohl wiffend, wie wenig ficher 
das Bewußtſeyn erlangter Rechtfertigung und ewiger Se: 
ligfeit auf der Grundlage guter Werke ruhe, ergreift das 
ber, flatt das Vertrauen auf diefe eignen guten Werfe 
aufzugeben, lieber geradezu die Auskunft, alle Gewißheit 
diefer Art zu leugnen, zu behaupten, daß man das nur 
aus einer befondern Offenbarung wiſſen koͤnne, zu wel— 
cher e8 feine Hoffnung giebt, und die das proteftantis 
fche Syftem fo beglüdend und wahrhaft ſelbſt fchon bez 
feligend in feinem Glauben befist s). 

Zwei Puncte find, wie man fieht, an diefem Ort in 





s) Quamyis autem necessarium 
sit, credere, neque remitti neque 
remissa fuisse unquam peccala, 
nisi gratis divina misericordia 
propter Christum: nemini tamen 
fiduciam et certitudinem remis- 
siönis peccatorum suorum jactan- 
ti et in ea sola quiescenti, pec- 
cata dimitti, vel dimissa esse, di» 
cendum est, cum apud haereti- 
cos et schismaticos possit esse, 
imo nostra tempestate sit et ma- 
gna contra ecclesiam catholicam 
contentione praedicetur sana haec 
et ab omni pietate remota fidu- 
cia, Sed neque illud asserendum 
est, opartere eos, qui vere justi- 
ficati sint, absque ulla amnino 
dubitatione apud semetipsos sta- 
tuere, se esse juslificatos, nemi- 
nemque a peccatis absolvi et ju- 
stiicari, nisi eum, qui certo cre= 
dat, se absolutum et justilicatum, 
esse, atque hac sola fide absolu- 
tionem et justificationem perfici, 
quasi, qui hoc non credit, de 


Dei promissis deque mortis et re= - 


surrectionis Christi efbcacia dubi- 
te, Nam sicut nemo pius de 
Dei mjsericordia, de Christi me- 
rito, deque sacramentorum vırtu- 
te et eflicacia dubitare debet, sic 
quilibet, dum se ipsum suamque 
propriam infirmitatem et indispo- 
sitionem respicit, de sua gratia 
formidare ac tiımere potest, cum 
»nullus scire valeat certitadine 
fidei, cui non potest subesse fal- 
sum, se gratiam Dei esse conse- 
cutum, Sess. VI. cap. 9, Das 
Nämliche wiederboblt die Synode 
in einer ganzen Reihe von Cano— 
nen, im 13, 14. 15. IG., von Des 
nen der letztere alfo lautet: Si 
quis magsum illud usque in finem 
erseuerantiae donum se certo 
Kram absoluta et infallibili 
certitudine dixerit, nisı hoc ex 
speciali reuelatione didicerit, ana- 
thema sit. Can, ı6. Vergl. Bel- 
larm. de justific. 1. IH. cap. 3—8. 


Ze ee 


den Syſtemen noch im fehärfften Streite begriffen: die 
Lehre von dem allein rechtfertigenden Glauben und die 
Frage: ob der Menfch in diefem Leben das Gefeß Got- 
tes erfüllen koͤnne? Die Iegtere hängt an fichtbaren 
Fäden mit der NRechtfertigungstheorie alfo zufammen. 
Der Fatholifchen Lehre von der nothwendigen TIheilnahs 
me unferer Tugend an dem Gewinn der Rechtfertigung 
und GSeligfeit wurde von Seiten der proteftantifchen im— 
mer dieß hauptfächlich entgegengefegt, daf,. wenn die 
Berfohnung mit Gott durch unfere That und Tugend 
bedingt wäre, alsdann eigentlich) Niemand auch nur die 
Vergebung feiner Sünden mit Sicherheit erwarten dürf- 
te, weil das Gefeß nicht rechtfertigt und freyſpricht, To 
lange e8 noch etwas wider ung hat, der Sünder alfo 
nothivendig dag ganze Gefeß zuvor erfüllt haben müßte. 
Das proteftantifhe Spftem leugnet es nun ſchlechthin, 
dag der Menſch den ganzen Umfang des göttlichen Ge— 
feßes jemals durch feine That vealifiven könne, ‚er alfo 
je ſich dem Geſetz fo gegenüberftellen fönne, daß es tve- 
der eine Forderung noch an, noch eine Anklage gegen 
ihn haben koͤnnte. Der eigentliche Streitpunet ift nun, 
wie wohl zu merken, nicht, ob der Menfch, der Gerecht— 
fertigte, nicht möglichermeife jedes einzelne Gebot des 
Chriſtenthums erfüllen und halten könne, oder, was eins 
damit, ob Gott Unmögliches geboten: fo möchte die 
Synode gar zu gern die Sache wenden, als denfe fich 
die proteftantifche Lehre in der Natur des göttlichen Ge: 
bofes oder gar in der Abficht des göttlichen Gefeßge- 
bers etwas, was verhindere, daß Menfchen daffelbe er- 
füllen t), da hingegen hier nur aus der Erfahrung und 





. )_Neque autem, quantumvis obserratione mandatorum putare 
justificatus, liberum se esse ab debet: nemo temeraria illa et a 


— we 


den menfchlichen Bewußtfeyn blos der Behauptung twi- 
derfprochen wird, daß der Menfch, ungeachtet feiner 
fchwachen Natur, dod) Alles leiften fünne, was das Ge 
fe von ihim verlangt. Schon Auguftinus fagte zu den 
Pelagianern, als fie ihm auch entgegneten, daß nad) 
Gottes Allmacht nicht unmöglich fen, daß der durch die 
Gnade Wiedergeborne in diefem Leben ganz ohne Güns 


de ſey: ein anderes fen die Möglichkeit und ein anderes 


die Wirklichfeie u). Groß und weit erfcheint im prote— 
frantifchen Syſtem felbft bey den rechtfchaffenften Anz 
-firengungen des Wiedergebornen die Entfernung, in der 
er hinter den Forderungen des Gefeges zurückbleibt und 
in feinem Augenblick feines Lebens feine That und Ge 

finnung dem göttlichen Gefeß fo vollfommen angemeffen, 
daß es feinen Anfprudy mehr an ihn machen Fönnte; 





Patribus sub anathemate prohibita 
voce uti, Dei praecepta homini 
jus'iieato ad observandum esse 
impossibilia5j nam Deus impossi- 
bilıa non jubet etc. Sess. VI. cap. 
ı1. Can. 25. 


u) Alia quaestio est, utrum 
esse possit, alia utrum sit. De 
peccator. mer. 1. I. c. 6. p. 45. 
und bald darauf: Si autem quae- 
ratur, utrum sit, esse non credo; 
magis enim credo scripturae, ne 
intres in judicium cum seryo tuo, 
quoniam non justikcabitur in con- 
spectu tuo omnis vivens,; vox 
eninı sdnetorum est, si dixerimus, 
quia pecoatum non habemus, nos 
ipsos seducimus et veritas in no- 
bis non est |. c. cap. 7. Si om- 
nes sanctos et sanctas cum hic 
. Yirerent, congregare possemus et 
interrogare, utrum essent sine 
peccato, quantalibet fnerint ex- 
cellentia sanctitatis, si hoc inter- 
rogari potuissent, una voce cla- 
massent: si dixerimus , quia pec- 


catum non habemus, nos ipsds 
seducimus et veritas in nobis non 
est. De nat. et grat. cap. 36. p. 
145 Nur fo will aub Auguſti— 
nus die Bollflommenbeif des Ge— 
rechfferfigfen verjtanden wiffen. 
Ex hoc factum est, virtutem, 
quae nunc est in homine justo, 
perfectam hactenus nominari, ut 
ad eius perfectionem pertineat 
etiam ipsius imperfectionis et in 
veritate cognitia et in humilitate 
confessio. Tunc enim est secun- 
dum hanc infirmitstem pro suo 
modulo perfecta ista parva justi- 
tia, quando etiam, quid sibi de- 
sit, intelligit. Ideoque Apostolus 
et imperfectum et perfectum se 
dieit etc. Contra duas epist. |. 
Ill. cap. 7. p. 460. — Omnia 
mandata facta deputantur, quan- 
do quidquid non fit, ignoscitur, 
Retract. 16. Inhaerens justitia San- 
ctorum, in haec vita magis remis- 
sione peccatorum constat, quam 
perfectione virtutum, De ciuit. 
Dei l. 19. c. 27. 


felöft am den beften und edelften Handlungen, felbft an 
dem pflichttreueften der Tugend ganz aewidmeten Leben 
klebt menfchliche Unvollkommenheit; endlich ift alles 
menſchliche Handeln und Wollen, unendlich der Wille 
des Gefegeg. Solche Unangemeffenheit de menfchlichen 
Willens und Handels zum Gefeß, gefchweige denn zur 
Verſoͤhnung des Menfchen mit Gott, fucht das Fatholis 
fche Syſtem fich möglichft zu verbergen; es erfüller viel- 
mehr mit Hoffnungen, die zwar das Gele an fi wohl 
zuläßt, denen aber Feine Erfahrung und Kraft entfpricht, 
mit eitlen Einbildungen alfo, die auf einem ſchwanken— 
den Grunde ruhen und welchen Ehrifti und der Apoftel 
Lehre eben fo laut, als das fittliche Berwußrfeyn in. eben 
dem Grade widerfpricht, als es im Guten und der Erz 
fenntniß defielben fich entwickelt hat. Und wie fein Wahn 
allein zu fommen pflegt, fondern immer im Gefolge vie 
ler andern Irrthuͤmer, fo ift auch diefer von der moͤgli— 
chermweife vollfommenen Angemefjenheit des menfchlichen 
Willens und Handels zum göttlichen Gefeß der Grund 
eines andern Wahns geworden, nad) welchem der Menfch 
felbft noch einen Schritt weiter gehen kann, als dag 
Geſetz felöft verlangt; nach welchem e8 nicht nur ver: 
dienftliche, fondern fogar überverdienftliche und überfchul- 
dige Werfe (opera supererogationis) giebt, zu tels 
hen einen Menfchen nichts in der Welt verpflichtet, die 
er aber Gott zu Lieb, Gott zu Ehren, in guter Meinung 
und wie dergleichen Formeln beißen, mit dem Erfolg 
eines Ueberfchuffes an Verdienft verrichtet. Diefe Mei: 
nungen beruhen auf dem Vorurtheil, daß es moralifch 
indifferente Handlungen giebt, folche, die durch fein Ge: 
fes beftimme find, und die von einer fogenannten guten 
Meinung dann einen moralifchen Werth erhalten. Wie 
edel an fih und würdig auch die Gegenftande feyn 


—— 


moͤgen, auf die man wohl auch zuweilen, wenigſtens in 
der Theorie, ſolche Ueberverdienſtlichkeit beſogen und ge: 
gründet hat w), fo darf man nur einige davon, welche 
fo gewöhnlich in der Praxis dafür gelten, anfehen, um 
ſich zu überzeugen, aus welchen unglaublichen Verwirrung 
aller ſittlichen Vorſtellungen und Verhaͤltniſſe ein folcher 
Glaube erwachfen konnte, und mit welcher Verachtung 
und Vernachlafigung aller vorgefchriebenen Gebote Got 
te3 und der dringendften Berufspflichten derſelbe 
verbunden iſt. Für gering und gemein achtet diefer 
Wahnglaube die pflichtaemäßeften Handlungen gegen fei- 
ne felbfterwählten und heldenmäßigen Abrödtungen und 
GSelbfipeinigungen, durch die er um eine beträchtliche 
Stufe weiter den Himmel erreichen zu koͤnnen hofft. 
Was urfprünglih in feinem. Entftehen nur dazu dienen 
follte, einen zu allem, auch dem Schwerften, bereitiwillis 
gen Entſchluß zu bezeigen, was nur ein Mittel war, um 
fih die Erfüllung aller nahe liegenden Pflichten defto 
leichter und gemwiffer zu machen, das betrachtet der Menfch 
nun als verdienftlich an fi) und mehr, als dasjenige, 
was dag Geſetz Gottes laut und dringend vor allem andern 
verlangt und hauft und bewahrt es zufammen in einer 
Reihe von Helden und Birtuofen diefer Art zu einem 
Schatz der Heiligen, aus welchem die mitleidige Kir: 
che den Bedürftigen zutheile und zu ihrem Vortheil zu: 
fließen läßt: denn auch dieß gehört noch mit in die 





w) Nur freylich als Beförde Heft ©. 199 — 215. und im vier 
tungsmiffel des wahren Guten ten ©. 267 — 232. Auch wird da: 
und nicht als bverdienfliih an felbft gegen die beillofem Mis— 
fih, aud) auf einen weifen Zweck bräucde, welde frenlih ziemlich 
gerichtet, vertheidiget Ghön die notbwendig mit diefer Anſicht 
überverdienjtliben guten Werke verbunden ſind, ausdrücklich pro— 
» in einem eignen Aufſatz in Bag teſtirt und gewarnt, im vierten 
theol. Zeitfhrife IL im dritten Heft, ©. 270 ff. 


Reihe diefer unlautern Begriffe, daß der eine für den 
andern handeln und dem einen von dem Ueberfchuß gu— 
ter Werke deg andern zu Gut fommen kann. Hier 
ſchwillt der Anfangs an: einem unfcheinbaren Tropfen 
hervorquillende Bach zu einem Sumpf von Jrrthümern 
auf, 

Wenn das fatholifche Syſtem nun dem proteftanti, 
fehen Erflärung darüber abfodert, was es denn flatt der 
Werke, die es leugnet an diefem Drt, von Seiten deg 
Menfchen eintreten laffe, um überhaupt von feiner Seite 
die Rechtfertigung vor Gott einzuleiten, fo ift die Ant 
wort: allein den Glauben. Die wichtige und beberr: 
fehende Stelle, welche in der Fatholifchen Theorie die 
Lehre von den Werken und derfelben Verdienſtlichkeit 
einnimmt, ift allein der Grund, warum dem Glauben 
dort bey weitem nicht die Wichtigkeit beygelegt werden 
ann, als im proteftantifchen Syftem. Die Lehre vom 
Glauben in der Bedeutung, wie diefelbe hier vorkommt, 
lage fih aus katholiſchem Gefichtspunct nicht einmal 
verfiehen, Biel weniger als ein weſentlich Glied in die 
Entwickelung der Rechtfertigungstheorie einführen. Denn 
indem felbft ſchon der erſte Schritt und Grad der Zur 
fiification oder der Anfang derfelben von Seiten Gottes 
durch die Zurechnung des DVerdienftes Chriſti hier in ei; 
nem moralifchen Sinne genommen wird, als ein Actug 
ramlich, durch welchen Gott die fittliche Kraft des Men; 
ſchen aufrufe und den Entfchluß zur Befferung mit hoͤ⸗ 
hern Kräften dazu ausrüfte, um deren gotttwohlgefälliger 
Anwendung willen der Menfch befeeliget wird, fo iſt 
fein Platz mehr für eine religioͤſe Gemütheffimmung, 
welche refignirend auf die eigne Kraft, auf Hinlänglich- 
feit der eignen Tugend und derfelben Verdienſtlichkeit 
fich einzig und allein der freyen Gnade Gottes über 


— N . 


läßt, welche Chrifti Verdienſt ſtatt des unfrigen an: ° 


nimmt, aus diefem Grunde nicht ing Gericht mit ung 
seht, fondern erbarmend ung zuerft logfpricht von allen 
GSündenftrafen und fo gerechtfertigt uns möglich macht, 
nun mie neuerfchaffner Kraft den Weg des Lebens und 
der Tugend zu gehen. ES handelt fich aber hiebey kei— 
nesweges von der allgemeinen Befchaffenheit des Glau— 
bens überhaupt, nicht von dem Glauben im Allgemeinen, 
der in Erfenntniß, Beifall und Zuverficht beftehe oder 
über den mehr oder weniger darin hervortretenden Grad 
der Erfenntniß, noch über den darin enthaltenen bloßen 
Beifall, bey welchem jedoch das Fatholifche Syfiem fies 
ben ‚bleibt, als einer bloßen hiftorifchen Notig, einem 
bloßen Fürwahrhalten der Lehre Jeſu, wovon zwar ims 
mer nothiwendig auf beiden Geiten ausgegangen werden 
muß, der alfo zwar auch int profeffantifchen Syſtem 
vorkommt, ohne jedoch fchon allein die complere Bedeu: 
tung des Glaubens zu feyn, tie fie hervortrift in der 
Rechtfertigungslehre. Auch die proteftantifche Theologie 
leugnet nicht, daß man auch diefe bloß allgemeine und 
für wahr gehaltene Notiz vom Chriftenthum mit dem 
Namen des Glaubens bezeichnen Fonne, wohl aber, daß 
folcher Glaube binreiche zur Nechtfertigung oder der 
rechtfertigende Glaube ſelbſt ſey. Dieſer beſteht vielmehr 
in einer lebendigen Zuverſicht — welche das Fatholifche 
Syftem als eine der Früchte der Rechtfertigung, der 
Hoffnung und der Fiebe zugefellt, alfo keinesweges zum 
Organ und Vehikel macht, durch welches Ehrifti Ver: 
dienft ergriffen und angeeignet und die Rechtfertigung 
von Seiten des Menfchen erſt möglich gemacht wird x). 





passionis Domini nostri Jesu Chri- 


x) Quanquam enim nemo pos- 
sti communicantur: id tamen in 


sit esse justus, nisi cui merita 


x 


61 


Bon diefem Puncte erft gehen beide Syſteme unverföhns 
li) auseinander. Das Ffatholifche will bier, wo nad) 
demjenigen die Frage if, was dem Sünder die Recht— 
fertigung möglich mache, nichts twiffen von jener leben⸗ 
digen Zuverficht, womit wir in der Verheißung des 
Evangeliums das Verdienft des Mittlers ergreifen und ung 
aneignen, e8 will ihn nicht anerkennen, diefen Glauben, 
der im proteftantifchen Syſtem das den ganzen Menfchen 
ergreifende, erfüllende und befeelende Prinzip der Reli— 
gion if, an das alle Rechtfertigung gefnüpft ift und 
alle Tugend und Seligfeit. Es ift auch wirklich hier 
nicht, wie es leicht fcheinen Fünnte, die Frage von Geis 
ten des Fatholifhen Syſtems, ob diefer Glaube allein 
oder für ſich nur nicht, aber defto gemiffer etwa mit ek 
was anderm noch zufammen feyn, und bier alfo doc 
überhaupt feine Stelle behaupten müffe: denn es ift dag 
Weſen und der Hauptcharacter diefes Glaubens, daß er 
allein vechtfertige, alfo unvermifcht beftehe, und wer ihr 
in diefem Character nicht zuläßt, will ihn überhaupt an 
diefer Stelle nicht wiſſen und gelten laffen. In diefer Be; 
ziehung aber, nämlich daß er allein rechrfertigend fey, hat 
ihn die Synode fogar mehrfach verdammt y). E8 erhellet 
von felbft, warum der Glaube in einen fo ercludirens 





hac impii justilicatione Et, dum 
eiusdem sanctissimae passionis 
merito per Sp. S. charıtas Dei 
diffunditar in cordibus eorum, 
qui justificantur, atque ipsis in- 
haeret, unde in ipsa justificatione 
cum remissione peccatorum, haec 
omnia simul infuasa accipit homo 
per Jesum Christum, cui inseri- 
tur per fidem, spem er charita- 
tem. Nam fides, nisi ad eam 
spes accedat et charitas, neque 
unit perfecte cum Christo, neque 


cotporis eius virum membrum 
efhicit. Sess. VI. cap. 7. 


y) ©o. unfer andern mit leifer 
Derfälfhbung der nicht einmalpro« 
teſtantiſchen Lehre in folgendent 
Canon. >i quis dixerir, fidem ju- 
stificantem nihil aliud esse, quam 
fiduciam divinae misericordiae, 
peccata remittentis propter Chri- 
stum, vel eam fiduciam solam 
esse, qua justilicamur, anathema 
sit. Can. 12, 


ur. ee 


den Sinn im Fatholifchen Spftem "nicht zugelaffen wer: 
den Fann. Wenn die Fatholifche Dogmatik nie zugeben 
wird und Fann, daß der Glaube, ohne Anftrengung der 
eigenen Zugendfraft, ſtatt finde, welche hingegen in der 
proteftantifchen fich erft durch ihn und aus ihm ent: 
wickelt und es von jeher für eine wahre Umkehrung al— 
ler menfchlichen und göttlichen Verhältniffe ausgegeben 
bat, daß mit dem Glauben fich nicht zugleic) die Hoff: 
nung und die Liebe verbinden follte, als durch welche 
zuſammen erft dev Menich vollftändig gerechtfertigt wer: 
de z): fo haben die Altern proteftantifcher Theologen 
ihrerfeitS bey jenem Fatholifchen Begriff des Glaubens 
und der Lehre von der Nechtfertigung ſtets die widrigfte 
Empfindung gehabt, von diefem Glauben gefagt, daß 
auch die Teufel ihn haben und zittern Zac, 2, 19. und 
es begreiflich gefunden, warum die Fatholifche Dogmatik 
einen fo mattherzigen Glauben als diefer bloße Beifall 
iſt, auch nicht, für hinreichend halt zur Nechtferfigung, 
fondern bie guten Werke ihm bengefelft oder an ber 
Stelle des wahren Glaubens eintreten laßt. Anderer: 
ſeits ift wiederum der profeftantifchen Lehre in ber 
grundlofen Vorausſetzung, daß auch die Erneuerung und 
Heiligung noch zur Rechtfertigung gerechnet werden müf: 
fe, der Vorwurf gemacht worden, daß fie einen von als 
fer Tugend entblößten Glauben lehre, daß fie die Recht— 
fertigung allein in der umſonſt verliehenen Zurechnung 
des im Glauben ergriffenen VBerdienftes und der Gerech: 
tigkeit Chriſti beftehen laffend das andere Verdienſt Ehriz 
fti, namlicy die Heiligung und Erneuerung des Sinnes 





2) Wie diefes Andradius aus» justitiam; quia illis (operibus) 
drüdt: Opera spei et charitatis Christum perfecte apprehendimus. 
necessaria sunt ad conıparandam Orth, explic. pı 558: 





——— 


leugne und durch den bloßen Glauben die Liebe aus— 
ſchließe a). Dieſen Vorwurf rechnet ſich, recht verſtan⸗ 
den, die proteſtantiſche Lehre zu einem Verdienſte an und 
ſieht es umgekehrt für ein Hauptverderben der katholi— 
ſchen Lehre an, daß ſie die Liebe und die Heiligung des 
Suͤnders da einmiſcht, wohin ſie nicht gehoͤren, wo ſie 
vielmehr die reine Anſicht trüben. Dabey bat fie zu— 
gleich fietS gelehrt, dag wenn fie den Glauben für allein 
rechtfertigend (fidem solam justilicantem)) halte, fie 
niemals angenommen habe, daß er allein feyn und blei- 
ben müffe (solitariam kKdem), daß er vielmehr noth- 
wendig gute Werfe erzeuge; fie hat daher jeden Glau: 
ben, aus welchem Feine Tugenden fließen, für müffig und 
todt erklärt und immer nur an einen folchen gedacht, 
der durch die Liebe thärig iſt. Dieß hat fie felbft zu ei: 
nem Zeichen und Merkmal des wahren rechtfertigenden 
Glaubens gemadjt; daß er nie ohne gute Werke bleibe 
und in diefem Sinne felbft gelehrt, daß ein Glaube ohne 
gute Werfe auch nicht wahrhaft vechtfertigend fey, ohne 
jedoch damit behaupten zu wollen, daß die guten Werke 
als folche nothwendig feyen zur Nechtfertigung: denn 
diefe und die eivige Seligfeit werden nicht bewirkt durch 
menfchliche Tugend, fondern durch Chriftum, den der 
Glaube umfaßt und der das einzige Leben ift und die 
ewige Seligkeit b). Wenn aber nun Farholifcher Seits 





a) Lan; ik 


b) Sn diefem Zufammenhange 
das profeftantifhe Syſtem auf» 
gefaßt, hatte es allerdings einen 
ganz richtigen Ginn, wenn Ams— 
Dorf bebaup£efe: gufe Werke fenen 
ſchädlich zur Geligfeif, weil durch 
die Behbaupfung im Ddiefer Form 


nichts weiter als die Beziehung 
der guten Werke auf die Bewir— 
fung der ewigen Geligfei£t und 
als bedingend dieſelbe ausgeſchloſ— 
fen und die eitle Einbildung ver: 
worfen werden ſollte, als Eönne 
man fich durch feine eignen guten 
Werke die ewige Seligkeit ver: 
ſchaffen, welde Einbi(dung nocb- 


64 


fo viel Gewicht darauf gelegt wird, daß Luther in feiner 
Bibelüberfegung bey Nom. 3, 26. dag Wort allein, 


zufammengeftellt mit dem Glauben, eigenmächtig einges 


fchoben, fo ließ fich diefer Einwurf zur North noch gut 
und leicht genug widerlegen ec). 

Dieſemnach ift es ein durchaus ungegründeteg 
und leeres Vorgeben des Fatholifchen Syſtems, welches 
meiftens in der Form eines Vorwurfs gegen die protes 
frantifche Lehre hervorzutreten pflegt, daß die chrifiliche 
Lehre von der Befferung und Tugend weit reiner, unvers 
fälfchter und richtiger dort; als hier, vorgetragen werde, 
Zu einer Zeit, wo auch in der proteftantifchen Kirche 
alte theologifchen Syfteme von dem Sittlichen ausgin- 
gen und im GSittlichen endigten, und die eigene menſch— 
fiche Kraft in der Trennung und Sonderung von einer 
höhern, mitgetheilten oder der Gnade, als auf fich felbft 
beruhend und in unmittelbarer Freyheit waltend Alles 
in Allem war, Fonnte e8 auc) leicht felbft Proteftanten 
fo erfcheinen, als ob die Fatholifche Dogmatif in Bes 
hauptung des fittlichen Elements der Religion einen 





wendig als f[hädlih, als flörend 
und verbindernd den wahren Glau— 
ben und eben damif die Seligkeit 
erfcheinen mußfe. Vergl. Pland 
Geſch. des proteflantifhen Lehr— 
Begriffs: 

c) Die ältere proteſtantiſche 
Dogmatik pflegte gewöhnlich auf 
diefen Borwurf, nad welchem 
Luther die Schrift verfälſcht ha— 
ben ſollte, zu erwiedern, zunächſt, 
daß die Folgerung falſch fen, 
nichts ſey in beil. Schrift gegrün— 
det, was nicht mit ebenſo viel 
Worten darin enthalten ſey, fo» 
dann, daß Röm. 3, 24. 27. 28. 4, 
2 4 6. Sal. 2, 16: nice das Ce 


rimonialgefeg alein zu verſteben 
fen, ferner, daß Luthers Zufag 
vhne Nachtheil auch batte weg: 
bleiben können, da der Sinn 
ſchon an und für ſich die Werke 
ausſchließe, endlich auch, dag Zur 
ther dieſen Zuſatz nicht einmal 
zuerſt gemacht, ſondern nur bei— 
bebalten, weil er nicht nur in äl— 
fern Ausgaben der Bulgata und 
in Ueberfegungen bep einigen Kir» 
e&enpätern, die bon der Bulgata 
verfchieden find, fondern auch in 
einigen deuffihen Ueberfesungen 
der Bulgafa felbft ſchon ſich fin« 
de. Dergl. Gerhardi Conf. cathol. 
I. p. 165. sggq. 


| 
| 
| 
* 


u — 


Vorzug behaupte vor der profeftantifchen: denn recht—⸗ 
fehaffenes moralifches Streben, unabläffiges Tortfchreiten 
in fittlicher Bervolfommmung macht fie ja ſchon zur Bes 
dingung aller Rechtfertigung. - Auch kann man wenig; 
ſtens nicht leugnen, daß die ältere proteflantifche Pole— 
mik durch die Art, wie fie den Streit zu führen pflegte 
und in der Lebhaftigkeit ihres Eifers fich oft das Vor: 
urtheil und den Vorwurf felbft zugezogen hat, als drin: 
ge fie weit weniger, wie die Fatholifche Lehre, auf Tus 
gend und Beſſerung: denn die Ark, wie fie zumeilen, 
um nur das Werk des Glaubens über Alles zu erheben, 
fo verächtlich und wegwerfend von den guten Werfen 
ſprach, konnte leicht ein Misverfländnig folcher Art erzeu⸗ 
gen. Aber was war e8 auch anders, als nur ein Mig; 
verftändnig der proteftantifchen Lehrart, welche felbft in. 
dieſem DVerfahren offenbar nur eine richtige Confequenz 
behauptete, die nur von einem ganz entgegengefeßten 
Standpuncte aus in einem zweideutigen Lichte erfcheis 
nen, von dem des proteſtantiſchen Syſtems felbft aber 
nur als nothivendig und ſich von felbft verfichend ange: 
fehen werden konnte: denn was war dieſe fiheinbare 
Zurücfegung menfchliher Werfe und Tugend anders, 
als eine Zurücfegung im wörtlichen Sinn d. h. eine 
Berfegung und Stellung derfelben nur an einen andern 
Dre? Für einen, der jenen Eifer des proteftantifchen 
Syſtems aus dem Geifte deffelben betrachtete, Fonnte 
niemals auch nur ein leifer Verdacht erwachien, daß es 
darum weniger Eraftig und richtig von der Tugend und 
Heiligung lehre, wie überhaupt Die gegenfeitigen Be 
fhuldigungen der Syſteme gegen einander fämtlich nur 
von ihrem eigenen Standpuncte richtig, aber darum doch 
noc) nicht immer £reffend find in Beziehung auf den entge: 


gengefeßten. Nur der Standpunct felbft, der Geift und 
Marbeinede Syſt. d. Kasboficismus. III. 5 


— 66 — 


die ganze Haltung der Spfteme gegen einander ift das» 
jenige, worin dag eine vor dem andern ſich hauptſaͤch— 
fich und wefentlich unterfcheidet, und im welcher Rück 
ficht das Chriftenthum allerdings dem einen vor dem 
andern den Vorzug giebt. Denn nicht darauf kommt 
es, als auf eine Sache an und für fich felbft, an, ob 
man bier oder dort in der Artifulation des Syſtems 
die Lehre von der Tugend und Befferung abhandele, 
fondern ob folhe Stellung aus richtigen, durch das 
Chriſtenthum felbft gegebenen, oder aus entgegengefegten, 
falfchen und eigenmächtig ergriffenen Grundfägen und 
Prinzipien fliege in Anfehung der chriftlichen Heilsord: 
nung. Darnacd) allein Fann fich entfcheiden laſſen, ob 
ſich die Lehre von der Befferung und Heiligung an dies 
fem oder jenem Ort richtig entwickeln laffe, oder nicht. 
Wenn dag fatholifche Syftem es nöthig findet, davon 
ſchon in der Rechtfertigungslehre auszugehn, fo hat es ſich 
darüber mit dem Chriſtenthum abzufinden und mit dem 
Geifte deffelben zu befprechen,; dag proteftantifche finder 
es demfelben durchaus widerfprechend, und hat dazu feine 
guten Gründe. Von dem Momente diefer Entfcheidung 
für den einen ober andern Weg hängt, fo zu fagen, die 
Chriftlichfeit des Syſtems ab, oder fein richtiges Der: 
hältniß zum Chriſtenthum. Alles einzelne aber, was fich 
nun weiter auf dem einen oder andern Wege findet und 
entwickelt; hängt von der einmal ergriffenen Richtung 
des Syſtems ab und hat feine Nichtigkeit allein in der 
behaupteten Confequenz. Was meiter Eigenthümliches 
erfcheint, hat feine ganze Bedeutung durch feine Besies 
hung und‘ Zurückveifung auf die Prinzipien und fann 
nur aus dem fremden Syſtem irrig und abentheuerlich, 
aber nicht innerlich, unbedingt und an fich fo er 
feinen. So mußte es wohl ber Fatholifchen Dogmaz 


— 67 un 


tif bey ihren Grundfägen als ber groͤßeſte Irrthum er⸗ 
ſcheinen, wenn die proteſtantiſche in der Lehre von der 
Rechtfertigung nur und allein des Glaubens und nicht 
der Werke erwaͤhnt haben will, und in einer Polemik 
konnte der letztern ſogar der Vorwurf entſtehen, daß ſie 
die guten Werke und alle ſittliche Beziehungen des Mens 
ſchen gering ſchaͤtze und verachte, weil fie denfelben nicht 
gleich im Anfang die michtigfte Stelle einräumen, fie 
nicht zur Bedingung aller Rechtfertigung machen, viel- 
mehr von diefem Ort fie gang ausgefchloffen wiſſen 
wollte. Nur etwas allgemeiner genommen, Fonnte ja 
diefe Befchuldigung auch fo lauten und verftanden wer: 
den, als ob die proteftantifche Lehre überhaupt auf 
Tugend und Befferung nicht viel halte. Go mußte eg 
andrerfeit8 der profeftantifchen Theologie ſtets als der 
ärgfte Greuel erfcheinen, da fihon den Menfchen vor 
Gott mit Tugenden erfcheinen zu Iaffen, wo ihm noch 
alle Kraft dazu gebricht, die er im GSündenfalle verlo: 
ven, Gottes firengem Gericht den Menfchen feine Werfe 
vorhalten und entgegenfeßen zu laffen, um deretwillen er 
von Gott, Begnadigung hoffen dürfe; es mußte, von 
dort aus angefehen, verkleinerlich für Chrifti Verdienft 
und faft beffer fcheinen, gar feine Tugend zu lehren, als 
eine fo eigennüßige, Iohnfüchtige und hoffaͤrtige Tugend, 
die ſich durch ſich felbft Anfprüche erwerben und verdie- 
nen will auf göttliche Begnadigung und ewige Seligkeit. 


5* 


— 68 — 


Drittes Kapitel. 





Don der Gnade und den auten Werien. 


——a 


Nach demjenigen, was die katholiſche Lehre von dem 
eigentlichen Grunde der Rechtfertigung behauptet, iſt 
jetzt noch im Beſondern noͤthig, ihre eigenthuͤmliche Theo- 
rie von der goͤttlichen Gnade und derſelben Wirkungen 
im Verhaͤltniß zur menſchlichen Freyheit naͤher zu be— 
leuchten, aus den Beſtimmungen der Synode ſowohl, 
als aus dem Geiſte der katholiſchen Kirche zu entwik— 
keln, wie ſich vor, in und nach der Rechtfertigung Gnade 
und Freyheit gegen einander verhalten. Die Unterſu— 
chung darüber bietet der Seiten noch mehrere dar, an 
denen die Fatholifche Lehre von der profefiantifchen ab: 
weicht; und wirft ein helles Licht wie auf das bisheri— 
ge, fo auch noch auf einige andere nur hieraus zu ver 
ſtehende Eigenthümlichkeiten des Katholicismus. 

Wenn alfo fehon die Fatholifche Lehre gleichftimmend 
mit der proteftantifchen befennt, daß der Menfch durch 


feine Werfe ohne die göttliche Gnade vor Gott nicht 


gerechtfertigt werden koͤnne a), und fogar die pelagiani- 
fche Meinung verwirft, als werde die göttliche Gnade 
nur dazu verliehen, damit der Menfch leichter, als ohne 





a) Si quis dixerit, hominem na per Christum Jesum gratia 
suis operibus, quae vel per hu- posse justilicari coram Deo, ana- 
manae naturae viıres, vel per le- thema sit. Sess. VI. Can. ı. 
gis doctrinam fianr, absque diyi- 


fie, gerecht leben und fich die Seligfeit verdienen koͤnne, 
dals könne alfo beides zwar ſchon durch die Freiheit und 
ohne die Gnade, nur nicht fo leicht und fo gut erreicht 
werden b), fo giebt fie darüber, wie diefes zu verftehen 
ſey, ſelbſt den erwünfchteften Aufſchluß. Denn leicht 
fönnte fcheinen, als verftche fie unter. der zuvorfommen- 
den Gnade, welche fie, wie die proteftantifche, zu Allem 
erfordert; was irgend in dem Sünder gefchehen foll, da> 
mit er aus der Sünde und dem Verderben zu Gott und 
zum Guten befehrt werde, ganz das Naͤmliche, was fich 
auch diefe darunter denkt. Allein entfernt genug da— 
von, mit dieſer anzunehmen, es werde durch folche zu: 
vorfommende Gnade Gottes: erfi Kraft überhaupt in, dem 
Menfchen erfchaffen, denkt die katholiſche Lehre dabey 
nur an eine Erhöhung und Belebung der ſchon vorhan— 
denen durch die Inſpiration des heil. Geiſtes; weit ent 
fernt davon, zu glauben, daß hier im erſten Beginn ei: 
nes neuen Lebens die Gnade Gottes Alles in Allem fey, 
denkt fie ſchon da an eine bloße und eigentliche Huͤlfe, 
die. der gleichſam zuräckgedrangten und verborgenen Thä- 
tigkeit des Menfchen dadurch geleifter wird; und endlich 
entfernt auc davon, zu glauben, dag felbft die erſte Re— 
gen menfchlicher obwohl durch Gott excitirten Kraft auf 
die Bewirfung der Rechtfertigung felbft feinen wefentlis 
chen Einfluß haben koͤnne, ſagt die Synode es ganz 
unverdeckt, daß ſolche zunorfommende Gnade nothwen— 
dig fey, weil ohne fie der Menſch nicht glauben, lieben 


b) Si quis dixerit, ad hoc so- liberum arbitrium sine gratia 
lum ‘divinam gratiam per Chri- utrumque, ‚sed aegre tamen et 
stum' Jesum dari, ut faciliuss ho- difficulter possit, anathema sit. 
mo juste vivere ac vitam aeter- |. c. Can. 2. 
nam promereri possit, quasi per R 


— 


und hoffen koͤnne, um, wie er doch fol, da durch die 
Gnade der Rechtfertigung zu erlangen c). 

Nicht anders alfo, denn nur, als excitirend, iſt Die 
prävenivende Gnade zu denken nach katholiſchen Begrif— 
fen, alfo als etwas ganz anderes hier, «als im prote— 
ſtantiſchen Syſtem. Solche Ereitation feget nothwendig 
ihren. Gegenſtand voraus, alſo eine urſpruͤngliche Kraft, 
auf deren Erregung und Belebung nur ſich dieſelbe eins 
laͤßt. Dieß Urfprüngliche, jedem Menfchen beywohnens 
de, felbft in dem Schiffbruch des Sündenfalls noch ges 
rettete, wenn gleich) mannichfach angegriffene und: ge: 
ſchwaͤchte, nennet das Fatholifche Syſtem die Freyheit 
des Willens, ‚welche hingegen nach) dem proteftantifchen 
ganz erlofchen: und untergegangen war, um nad) der 
Nechrfertigung erſt zu einer ganz neuen Kraft und Thaͤ— 
tigkeit zu entfichen. Auf jene Annahme eines Urfprüng- 
lichen im Menfchen gründet die Fatholifche Lehre - ihre 
Behauptung von einem urfprünglichen Willen, von eis 
nem Beyfall, den der Menfch der Gnade bemeifen kann, 
von einer Dispofition und Präpararion zur Rechtferti— 
gung, welche auf dem Wege folder Zufammenwirfung 
menfchlicher und göttlicher Kraft ſtatt finden foll. 

Daß überhaupt zur Nechtfertigung irgend eine Art 
von Vorbereitung ſtatt finden müffe, bat das proteftanz 
tifche Syſtem nie geleugnet; es betrachtet vielmehr ge: 
rade aus diefem Gefichtspunet hauptfächli das Sit— 
tengefeß, alg vorbereitend namlich auf die göttliche Gna— 
de, als nüglich, der Gnade den Eingang zu bereiten, 


—— nn — — 


c) Si quis dixerit, sine prae- oportet, ut ei justificationis gra- 
veniente $p. S. inspiratione atque tia conferatur, anathema sit. l 
eius adjutorio, hominem credere, c, Can. 3. 
sperare , diligere posse, sicut 





nicht zwar, wegen hinlanglicher Erfüllung des Geſetzes, 
fordern im Gegentheil wegen des Mangels Hinlänglicher 
Erfüllung deſſelben, wodurch es nothwendig auf eine 
hoͤhere Macht und Kraft fuͤhrt und die goͤttliche Gnade 
uns zum dringendſten Beduͤrfniß macht. Die aus aller 
Anſtrengung der Geſetzeserfuͤllung nothwendig hervorge— 
hende Neue und Buße iſt im proteſtantiſchen Syſtem 
ſchon eine Folge der Einwirkung zuvorkommender Gna⸗ 
de, welche, nicht ohne große und ernſthafte Bewegung, 
auf Rechtfertigung und Heiligung vorbereitet. Solche 
Lehre von nothwendiger Vorbereitung auf die Rechtferti⸗ 
gung kann alfo auch das Anathema der Synode nicht 
treffen d). Nur freylich, daß mie folcher Präparation 
vor Gottes Gericht etwas auszurichten, daß in und mit 
derjelben eine wahre Mitwirkung oder ein Deitrag von 
Seiten des Menfchen zu feiner Nechtfertigung oder ein 
Derdienft entfiehe, dieg allein ift eg, alfo-allein die Art, 
wie die katholiſche Kirche fi) eine ſolche Vorbereitung 
denkt, ift eg, melche die proteftantifche nicht anerfennt 
und die in ihr ganges Syſtem nicht paffen will. Dort 
alfo ift die unter göttlichem Beiftand und auf göttliche 
Anregung durch eigne Kraft und Freyheit des Willens 
unternommene Bekehrung der Weg, auf welchem er zur 
Rechtfertigung vor (coram) Gott um Chrifti Willen ge 
langen kann, bier ift e8 allein die freye göttliche Gna- 
de, durch die er ohne Ruͤckſicht auf eigene Kräfte zum 





d) Si quis dixerit, opera om- 7. Si quis dixerit, sola fide im- 
nia, quae ante justilcationem pium jusfificari, ita ut intelligat, 
‚funt, quacungue ratione facta nihil aliud requiri, quod ad ju- 
sint, vere esse peccata vel odium stficationis gratiam consequen- 
Dei mereri: aut quanto vehe- dam cooperetur et nulla ex parte 
mentius quis nititur se disponere necesse esse, eum suae voluntatis 
ad gratiam, tanto eum gravius motu praeparari atque disponi, 
peccare , anathema sit. ]. c. Can. anathema sıt. ]. c. Can. g. 


wahren Guten, die er ohne fie gar nicht befißt und auf 
eigne Werke, die ohne fie gar Feine Tauglichkeit und Tus 
gend vor Gott haben, wieder aufgenommen wird. Den 
erfien Anftoß und Anfang zu einem neuen Zuftand fin 
den, alfo zwar beide Syſteme in der zuvorkommenden 
Gnade, aber hier fehon läßt dag Fatholifche den Men— 
fen mit der. ihm gebliebenen Freyheit des Willens 
(per voluntariam susceptionem gratiae) affentiven 
und mit den unverlornen Kräften feiner Narur cooperi- 
ren: welche gemeinfchaftliche Thärigfeit und Zuſammen— 


wirfung, falls wirklich auch jene, die von Geiten des. 


Menſchen kommt, in ihrem legten. Grunde ihr Dafeyn 
auch Gott verdanft, doch den Character der Gemein; 
fchaftlichkeit nur in einer beftehenden Verſchiedenheit bei— 
der, der Art nach, haben kann, weil fonft müßte entweder 
die menfchliche Kraft oder. die göttliche Gnade Alles in 
Allem feyn. Auch, fagt dieß die Synode, obgleich nicht 
ganz deutlich, doc) im guten Latein, daß der Menfch 
auc) etwag wirke (neque homo ipse nihil omni- 
no agit), wenn er auch gleich nicht aus eigener Kraft 
und Freyheit des Willens ſich zu der Gerechtigkeit, Die 
vor. Gott gilt, hinbewegen kann, fo fann er doch von 
göttlicher Erleuchtung fich auch abwenden, ſo gut er fie 
aufnehmen kann und Ddiefe beiden Seiten, die göftliche 
und menfchliche TIhatigfeit, welche zufammentwirkend jede 
in ihrer Eigenthümlichfeit, ; die erfte Annäherung‘ des 
Sünders zu Gott bewirken, fol nach dem Ausſpruch 
der Synode auch durc die h. Schrift fehr genau mar: 
Fire und unterfchieden feyn e). 





e) Declarat praeterea, ipsius praeveniente gratia sumendum 
justificationis exordium in adul- esse, hoc est, ab eius vocatione, 
tis, a Dei per Christum Jesum qua nullis corum existentibus me- 


RE 


— 73 — 


Doch ſelbſt die haͤufigen Erwaͤhnungen der goͤttlichen 
Gnade da, wo fie doc) deutlich genug etwas Reinmenſch⸗ 
liches, obgleich, wie Alles, in feinem letzten Urfprung 
von Gott gefommenes; noc) unterfcheidet von der göfte 
lichen Wirkſamkeit, fügt die Synode nicht gegen den 
Verdacht; daß fie nur fcholafifchen Sinn verberge unter 
ängfilich gewählten Ausdruck. Das Wefen jener götts 
lichen Gnade, welche ſich im Anfang der Bekehrung, wie 
in der Rechtfertigung felöft dem Sünder mittheilt; nimmt 
fie doc meift als durchaus moralifch und verfnüpft ihr 
alfo, als dem Grunde der Rechtfertigung, gleichfalls die 
menfchlichen Tugenden. Sie verfieht hier überall nur 
unter der Gnade das dadurch gefchenfte, nämlich die eins 
gegoffene Gerechtigfeit, welche fich, fo wie fie eintritt in 
den Menfchen und von menfchlicher Freyheit aufgenom⸗ 
men wird, gleich ganz menfchlich geftalter, menfchliches 
Eigentum wird und eigenes Verdienſt begründet; da 
hingegen im proteftantifchen Syftem der paulinifche Ge— 
genfaß ziwifchen der Gnade und den eigenen Werfen 
fireng feftgehalten und durchgeführt wird, weswegen auc) 
Paulus dem Wort Gnade noch den Beifag umfonft bei- 
gefellt, um fie recht genau in ihrer Eigenthümlichkeit zu 
bezeichnen. Wenn nun auch die Synode noch in dies 
fen Ausdrücken redet und erklärt; die umfonft verliehene 





ritis vocantur, ut qui per pecca- 


qui illam et abjicere pötest, ne- 
ta a Deo aversi erant, per eius 


que tamen sine gratia Dei moye- 


excitanten atque adjuvantem gra- 
tiam, ad convertendum se, ad suam 
ipsorum justiicationem eidem gra- 
tiae libere asseutiendo et coope- 
rando disponantur:: ita, at, tan- 
gente Deo cor hominis per Sp. 
$. illuminationem, neque homo 
ipse nihil omnino agat, inspira- 
tonem illam recipiens, quippe 


re se ad justiiiam coram illo li- 
bera sua voluntate possit. Vnde 
in sacris literis, cum dicitur, con- 
vertimini ad me et ego conyertar 
ad vos, libertatis -nostrae admo- 
nemur; cum respondemus: con- 
verte nos, Domine, ad te et con- 
vertemur, Dei nos gratia praeve- 
nirı conftemur. Sess. VI. Can. 5, 


Gnade der Mechrfertigung beftehe gerade darin, daß 
nichts von dem allen, was der Nechtfertigung vorher; 
geht, weder Glaube, noch Werke, die Gnade der Recht: 
fertigung ung verdienen Fonne F), fo ſtimmet diefeg, 
wie wenig e8 auch aljo fcheinen mag, doc) noch immer 
genau zu ihren fonftigen Begriffen, fobald man dieß nur 
aus. fcholaftifchen Sprachgebrauch erklärt, den die Sy: 
node vermied, ohne deswegen auch den feholaftiichen Ber 
griffen zu entfagen. Die feholaftifchen Definitionen zwi— 
fhen einer umfonft verliehenen Gnade (gratia gratis 
data) und einer wohlgefallig machenden (gr. gratum 
faeiens), zmifchen dem DBerdienft aus Schicklichkeit 
(meritum congrui) und dem Derdienft aus Gebühr 
(meritum ex condigno) waren der Synode fo wenig 
fremd, daß fie feldft hinter den Erklärungen der Synode 
far hervorleuchten, ohne gerade mit diefen Worten auf 
geführt zu werden. Unter der umfonft verlichenen Gna— 
de begriffen die Scholaftifer alle jene Ermweifungen der 
göttlichen Gnade, durch welche die Kräfte des freyen 
Willens Überhaupt erft aufgeregt und die denfelben gleich- 
ſam niederdrückende Laft der Sünde erſt von ihm weg: 
genommen wird, jene erſte Wohlthat Gotted, weldye 
die Scholaftifer fonft auch durch den Namen der erfien 
Suftification (justiieatio prima) bezeichneten. Um: 
fonft verliehen heiße ihnen diefe Gnade, meil dazu der 
Menfch durchaus nichts thun und fie auf Feine Art be 
wirfen kann. Es war ihnen dieß, was im proteflantis 
ſchen Spftem die eigentliche und volle Rechtfertigung 





£f) — gratis autem justiiearı tur. Si enim gratia est, jam 
ideo dicamur, quia nihil eorum, non ex operibus: alioquin, ut 
quae justificationem praecedunt, idem Apostolus inquit, gratia jam 
sıve fides, sive opera, ipsam non est gratia. Sess. VI. cap. 8. 
justificationis gratiam promere- 


ausmacht; die Sündenvergebung, bie der Sünder rein 
als ein göttlich Gnadengefchenf annehmen muß, nur 
mit dem Unterfchied, daß das Fatholifche Syſtem fich 
dieſe gratia gratis data als nur der eigentlichen Recht—⸗ 
fereigung vorhergehend denkt; auf jene alfo bezog fich 
die Synode, wenn fie ſagt, daß nichts von dem Allen, 
was der Rechtfertigung vorhergeht, die Nechtfertigung 
felöft verdienen Fönne, welche fie alfo davon noch wer 
fentlicy unterfcheidet.  Diefe (justilicatio secunda) 
dachte fie fich vielmehr als. die Nechtfertigung felbft 
(ipsa justibcationis gratia), da jene «8 gleichfam nur ift 
im uneigentlihen Sinn g). Und dieß war ihr eben die 
wohlgefälig machende Gnade (gratia gratum faciens), 
welche wefentlich darin befteht, daß fie dem Menfchen 
alfe Tugend Chriſti einfloͤßt, durch welche (justitia in- 
fusa) er dann Gott wohlgefällig werden fann. Die 
Berdienftlichfeit der eigenen Thaͤtigkeit wollte die Syno— 
de ausgefchloffen wiffen von der fogenannten erften Necht: 
fertigung, in mwelcher dem Menfchen die umfonft verlies 
bene Gnade zu Theil wird, oder die Vergebung der Sün: 
den um Chrifti wills. Dagegen fest fie diefelbe Thaͤ— 
tigfeit in defto nothmwendigere Beziehung auf die eigent: 
liche Rechtfertigung, in und mit welcher dem Menfchen 
Glauben, Liebe und Hoffnung eingeflößt wird, durch die 
er dann auch vor Gott erft volfommen gerechtfertiget 
wird.  Zwifchen jener umfonft verliehenen und diefer 
wohlgefällig machenden Gnade eröffnet diefes Syſtem 
der eigenen Thaͤtigkeit und DBerdienftlichfeit einen weiten 
Spielraum, und macht den Actus der vollen Begnadi; 
gung abhängig von einem durd) die eigene Tugend, zu 





8) Sess. VI. cap. 7. 


welcher der Menſch mit höheren Kräften ausgeruͤſtet 
worden, ertwörbenen Verdienſte doppelter Art. Einmal 
nämlich giebe es ein Verdienſt aus Schicklichfeit, wel: 
ches Alles in ſich begreift, was der noch nicht vollfom: 
men gerechtfertigte Menfch feinerfeits thun kann und 
fol, um ſich von Geiten Gottes, der ſich hiebey nach 
einem Gefe der Schicklichkeit richtet, die twohlgefällig 
machende Gnade zuzumenden. In dieſes Gebiet faͤllt 
Alles, was zur Vorbereitung auf die volle Begnadigung 
von Seiten des Menſchen gefordert wird, welche Praͤ— 
paration durchaus nothwendig ift, weil Feine Form 
empfangen werde von der Materie, ohne die fchuldige 
Dispofition von diefer, wie das Holz nicht könne Feuer 
fangen, ohne die nöthige Trockenheit h). Wenn folchem 
meritum ex congruo die Belohnung von Seiten Got: 
te8 immer noch als bloße Gnade entfpricht, fo darf Hin: 
gegen bag meritum ex condigno ſich auf die Wür: 
digkeit feiner Werfe felbft berufen i). 





h) So Iebrte Gabriel Biel. Sic- lute dicendum, opera bona ju- 


ut forma non inducitur in subje- storum esse meritoria vitae aeter- 
etum- indispositum et habens con- 
trarium formae inducendae, ita 
necesse est, subjectum praepara- 
ri ad infusionem gratiae In]. 
IV. Sent. Dist. 14. qu. 2. Cuili- 
bet facienti, quod ın se est, et 
per hoc sufficienter disposito ad 
susceptionem gratiae, Deus ın- 
fundit gratiam. Gabr. Biel ın |. 
Ill. Sent. Dist. 27. 


i) Bellarmin. de jusüfic. ]. r. 
cap. 21. p. 2209. und de grat. et 
lib. arb. ! 1. 6. p. 704. sqq. Ope- 
ra justorum ex caritate facta, me- 
ritoria sunt vitae aeternae ex con- 
digno. — Aliqui censent, non 
esse utendum his vocibus de con- 
digno et de congruo, sed abso- 


nae ex gratia dei. Alii volunt 
de condigno, largo modo, ita ut 
hoc condıgnum respectu condigni 
proprie sumpti possit dici con- 
gruum, respectu congrui proprie 
sumpti possit dici congruum. Ita 
docent Durandus gt Gregorius. — 
Communis autem sententia Theo- 
logorum admittit simpliciter me- 
ritum de condigno: quae senten- 
Ha verissima est; — recte dicuu- 
tur merita nostra esse ex gratia 
Dei — tamen non minus recte 
dicuntur esse ex justilia et ex 
condigno. Nam scriptura divina 
satis aperte agnoscit has voces, 
dum dicit Col. ı. ut ambuletis di- 
gne deo. 2 Thess. ı. ut digni ha- 
beamini regno dei. Apoc. 3. Am- 


Aus allen dieſem erhellet, daß die Farholifche Theo» 
logie fi) die Gnade im Verhaͤltniß zur Freyheit aud) 
nicht blog als egeitivend, fondern beide aucd immer nur 
als conperirend denken kann. Es kann bey diefem wich, 
figen Punct nicht darüber geftritfen werden, ob auf der 
einen oder andern Seite noc) Ueberwiegended angenom⸗ 
men werden fol: denn ob man dieß annehme oder 
nicht, entfcheidet nichts über die Borausfegung, Daß doch 
immer ſchon bier die fuhjective menfchliche Kraft und 
Shätigfeit von der höhern göftlichen Einwirkung auf 
diefelbe notbmwendig zu unterfcheiden fey. Auch will es 

bey weitem nicht daffelbe fagen, wenn das proteftanti- 
ſche Syſtem im Sinne Auguftind gleichfalls von einer 
Mitwirkung des Menfchen fpricht; oder von der cooperis 
venden Gnade, a eben darin liegt die Differenz, daß 
beyde Syſteme unter, fo ganz verfchiedenem Geſichts⸗ 
punct das Nämliche behaupten und in fo ganz werfchies 
denem Sinne von einer cooperirenden menfchlichen Thaͤ⸗ 
tigkeit fprechen. Ausdrücke diefer Are find nur dann 
richtig, und recht zu gebrauchen, wenn man den Ginn 





bulabunt mecum in albis, quo- 
niam digni sunt. Bellarm. de ju- 
stificat. 1. 5. cap. 16. 


Opera bona justorum mieritoria 
esse condigno, non solum ratio- 
ne pacti, sed etiam ratione ope- 
rum. — Non desunt, qui cense- 
anı, opera bona justorum esse 
meritorıa vitae aeternae ex con- 
digno ratione operis, etiamsı nul- 
la extaret diyina conventio. Ita 
docet Cajetanus. — Alii contra 
existimant, opera bona ex gratia 
procedentia non esse meritoria 
ex condigno ratione operis, sed 
tantum ratıone pactı et accepta- 
tionis divinae. Ita docet Scotus, 


— Nobis media sententia proba= 
bilior esse videtur, quae docet, 
opera bona justorum meritoria 
esse vitae aeternae ex condigno 
ratione pacti et operis simul; 
non quidem quod sine pacto vel 
acceptatione non habent opus bo- 
num proportionem ad vitam ae- 
ternam, sed quia non tenetur 
deus acceptare ad illam merce- 
dem opus bonum, quamyis par 
et aequale mercede, nisi conven- 
tio interveniat. Quam sententiam 
conformem esse non dubitamus 
Concilio Tridentino et principi- 
bus Theologorum S. Thomae, S. 
Bonaventurae et als.  Bellarm., 
1.6. cap. 17. 


zuvor feftgefegt, worin fie zu nehmen find, außerdem 
aber immer ziveideutig, tie fie denn ſchon zu Augufting 
Zeit im Munde diefes Kirchenvaters ſowohl, als der Pela: 
gianer der verfchiedenften Deutung fähig waren. Etwas 
ganz anderes ift e8 doch gewiß, wenn Auguftinus und 
wenn der Pelagianer von einer cooperivenden Gnade 
fpricht, oder den freyen Willen zufammenmwirken läßt mit 
der göftlichen Gnade im Werf der Befferung, da diefer 
die Cooperation auf der natürlichen Kraft des Menfchen 
vor Ertheilung der Gnade beruhen läßt, jener hingegen 
folche cooperirende Thatigfeit nur auf die vorhergegan— 
gene neue Erfchaffung fittlicher Willensfräfte folgen läßt, 
So ift e8 auch mit dem Ausdruck: Hülfe oder helfende 
Gnade, welcher eine nothivendige Thaͤtigkeit auf der an- 
dern Seite vorausſetzt, und unter welchem ſchon Pelagiug 
nad) Auguſtinus Behauptung das Gift feiner Ketzerey 
verbarg. Welch einen verfihiedenen Sinn hatte nicht in 
Pelagius und Auguſtinus Syſtem diefe helfende Gnade, 
da fie bey dieſem Feinesiweges an den natürlichen Kraͤf— 
ten ihren Gegenftand hatte, fondern allein an den durch 
die Gnade felbft erft entftandenen k). Hätte die Sy— 
node zu Trient diefen Auguftiniihen Sinn, der auch 
der proteftantifche ift, bey dem Gebrauch jener Ausdrücke 
gehabt, dann hätte fie auch nicht nmöthig gehabt, auf 
die entgegengefegte Meinung ein Anathema zu legen: 
denn dieſe ift jederzeit verworfen worden, und die Eis 
genthümlichkeit diefer Seite des proteftantifchen Syſtems 
beftand ja weltfundig darin, daß es gegen den herr— 
fehenden Semipelagianismug die Lehre des Auguſtinus 





k) Hominis bonum propositum praecederet gratia. Contra duas 
adjurat quidem subsequens gra- epist. Pelag. I. II. c. 10. p. 440. 
tia: sed nec ipsum esset, nisi 


wiedererweckte. Die Verfluchung eines Lehrfages in der 
Sorm, in welcher ihn die Synode hinftellte 1), und in 
welcher er felbft dem Sinne des heiligen Auguftinus ans 
gemeffen ift, bemeifet daher mehr, als viel anderes, daß 
die Synode vom Sinne des Augufinus weit entfernt 
und in diefem Sinne ganz ohne Gegner war: denn um 
bier nur eine rechte Antitheſis zu bilden, mußte fie felbft 
fi) erft gegen den Sinn des Auguſtinus entfchieden has 
ben und den Saß gang anders verftchen als er. Es 
zeigt fih auch im Verlauf ihrer Erflärung deutlich ge: 
nug, daß fie, obgleich von einem durch Gott erregten 
Willen redend, doch feyon in dieſes erfte Beginnen der 
Befehrung den alten Lnterfchied einer reinmenfchlichen 
und reingöttlichen Kraft hineingetragen hat, von denen 
jene durch diefe nur aus dem Menfchen bervorgelockt 
(elicivt) worden, nicht aber diefe rein fih in den Men: 
ſchen hineingegoffen hat, um in ihm erft neue Kraft zu 
bilden und neues Leben zu geffalten. Bey folcher Exci— 
tation und Vocation, bey welcher der Menfch mit feiner 
eigenen Willenskraft coöperiven foll, werden die urfprüng- 
lichen Kräfte nur wieder freygelaſſen aus den Stricken 
der Sünde, da hingegen nach dem Auguftinifch - prote- 
ftantifchen Syſtem die wahre Sreyheit des in der Sfla: 
verey der Sünde Liegenden dann erſt eintreten Fann, 
werner nach Gottes Gnadenruf und Aufregung völlig 
gerechtferfiget, mit neuen Kräften ausgerüftet, zum Gu- 
ten wieder fähig geworden, und fomit auch erft wahr— 





» Si quis dixerit, liberum ho= praeparet, nec posse dissentire, 
minis arbitrium a Deo motum et si velit, sed velut inane quoddam . 
excitatum, nihil cooperari, assen- nihil omnine agere mereque päs- 
tiendo Deo excitanti atque vo- sivese habere, anathema sit. Sess. 
canti, quo ad obtinendam justi- VI. Can, 4, 
ficationis gratiam se disponat ac 


haft frey geworden, alſo, daß die ſogenannte Freyheit 
vor der Bekehrung gar keinen andern Gegenſtand hat, 
als nur das Boͤſe, in Beziehung auf welches er allein 


frey genannt werden koͤnnte. 


Im katholiſchen Syſtem 


iſt dieſe Lehre ausdruͤcklich verworfen worden m). Es 
mußte ſich auch wohl nothwendig genug aus ſo ver— 
ſchiedener Denkart uͤber das Urſpruͤngliche im Menſchen 
eine ganz verſchiedene Lehre bilden uͤber die Art, wie 


os 





m) Can. 4. et5. Wenn die 
Synode bier die profeftanfifche 
Lehre unter einen grellen Seſichts— 
punct ſtellt, fo erſcheint fie wirk. 
lich nur darum fo auffallend, weil 
fie durdy die enfgegengefeste Ans 
ſicht der Synode fo beleuchtet iſt; 
in ihrem eigenen und innern Zu · 
ſammenhange iſt alles nothwen— 
dig und conſequent geordnet. 
Denn wenn die Synode z. B. be— 
bauptet, quod homo se disponat 
ac praeparet, fo fag£ fie es eben 
fo Elar, mas fie will, als wenn 
fie es vermirft, was Luther be: 
bauptet hatte, daß der Menfch 
ſich vor der Belehrung im Ders 
hältniß zur göftliden Gnade rein 
pafliv verbalte: denn wie konnte 
er doch bier activ gedacht wer» 
den mif Kräften, die er gar nicht 
hat. Weil nämlich die h. Schrift 
ſagt: daß alle Kräfte zu geiſtli— 
cher Bekehrung und Beſſerung 
durch die Erbſünde untergegan— 
gen ſeyen, ſo, daß durch ſich der 
Wille nichts vermöge und fen, 
Ayguftinus auch die Gnade, durch 
welche Gott in uns das Wollen 
ſchafft, nicht die cooperirende, 
ſondern die operirende genannt 
wiſſen wollte, ſo erklärte dieß Lu— 
ther ſo, der Menſch verhalte ſich 
vor der Beſſerung ganz leidend 
im Verhältniß zur Gnade. Wo⸗ 
mif denn gar nicht gefagf fepn 
follte, daß fie auf den Menſchen 
auch gedankenlos und obne alles 
Wollen wirkte, da ja die Önade 


felbft nur an diefes unbeftimmte 
Wollen anfnüpfen fann, weldes 
nur in geiftlichen, auf die Geligs 
Bei£ ſich beziehenden Dingen blind 
und erftorben iſt; noch viel we 
niger follfe jede folgende Tbeil« 
nahme dadurch ausgelcloffen wer- 
den. Gleicherweiſe verbielt cs fich 
mi£ Luthers Ausdrud: der Menſch 
feyg in Anſehung Teines eigenen 
Willens wie ein Klotz, oder ein 
Tolcber felbft, oder, mie die Con— 
cordienformel fagf, noc ärger, 
als ein Kloß: weldes nus dent 
Standpuncte des altproteflantis 
f&en Syſtems aufgefaßt durch— 
aus ribfig und genau bezeich— 
nend ift. Der legtere Musdrud 
(pejor trunco) ift befonders ge 
wählt worden, um den Gedanken 
zu bezeichnen, daß der Menſch 
aub muthwillig und vorfüßlich 
mwiderftreben kann, was felbjt auf 
jeden Anftoß ein Klotz nice kann: 
darin war alfe nicht nur. der Aus 
guftinifhe Ga& von der Srepbeit 
des ſich felbft überlaffenen Wil— 
lens, nämlich ad peccandum, ent« 
haften, fondern aub das Näms» 
libe Eeinesweges bon dem der 
göf£licben Gnade ſich bingebenden 
prädicirf; denn wenn das Die 
derjireben aufbör£ oder geboben 
ift, durch den Empfang der gött— 
lichen Gnade, fo fonnte der Wille 
Feinesweges mebr als leidend und 
obne irgend eine Art von Ihätig« 
keit gedacht werden. 


— 81 — 


goͤttliche Gnade und menſchliche Thaͤtigkeit im Werk der 
Beſſerung zuſammenkommen und ſchon aus ihrem Grund—⸗ 
ſatz von der nicht verlornen, ſondern nur geſchwaͤchten 
Kraft und Freyheit des Willens ließ ſichs abnehmen, 
daß die katholiſche nicht gezwungen ſeyn konnte, ſich die 
goͤttliche Gnade anders als nur zuſammentreffend und 
zuſammenwirkend zu denken mit menſchlicher Kraft und 
Thaͤtigkeit. Dieſer Gedanke leuchtet ſelbſt unter den vor— 
ſichtigſten Ausdruͤcken nicht unklar hervor, mit denen die 
Synode zu Trient oft ſich der Auguſtiniſchen Lehre nä- 
herte nur in der Abficht, um von der Pelagianifchen et: 
was weiter wegzufommen, ohne jedoch im Geifte des 
Kirchenvarers zu denfen. Auch fie machte eg, wie fo 
manche andere Kirchenverfammlung der Fatholifchen Kir— 
che: bey der größefien Verehrung Augufting, feiner Per; 
fon und Autorität, fuchte fie doch einen Mittelweg, auf 
welchen fich aller Harte de8 Auguftinifchen Syſtems am 
bequemiften ausweichen Tief, und den das Semipelagia- 
nifche laͤngſt den Scholaſtikern mit Erfolg dargeboten 
hatte. 

Auch das Fatholifche Syſtem beruft fich zwar fehr 
oft noch auf die Ausiprüche des heiligen Auguftinus, 
allein wem koͤnnte die Verfchiedenheit der Denkart die 
ſes Kirchenvaters von der der Synode zu Trient enfge 
ben? Alle Schriften Auguftins gegen die Pelagianer 
geben die redendften Beweiſe davon, daß er Feine wahre 
Frepheit annimmt vor der Gnade und ohne Die Gnade, 
fondern nur durch diefe und nad) dieſer n). Das um 





n) Cum itaque non vivant be- 
ne filii hominum, nisi eftecti Ali 
Dei, quid est, quod iste (Julia- 
nus) libero arbitrio vult bene vi- 
vendi tribuere potestatem, cum 


haez potestas non detur nisi gra- 
tia Dei per Jesum Christun:, Do- 
minum nostrum , dicente iLvange- 
lo: quoiquot autem receperunt 
eum, dedit eis potestatem, älios 


. Marpeinede Syſt. d. Katpolicismus. III. 6 


beftimmte Wollen Teugnet auch Auguſtinus nicht, aber 
daß diefes ein Wollen fey, welches eine Beziehung und 
Kraft haben Fünnte zum wahrhaft Guten oder jur Se— 
ligfeit, und daß der Menfch durch ſich und aus ſich 
leiften Fonnter was das Wort Gottes befichlt, dag leug⸗ 
net er. Er bemweifet vielmehr gar oft aus der heiligen 
Schrift, daß der Sinn und Wille des noch nicht wies 
dergebornen Menſchen von Natur und Geburt feine 
Kraft. befise,  geiftliche Bewegungen zu Handlungen, 
wie fie Gott vorgefchrieben, anzufangen und zu vollzies 
ben. Was die Natur nicht vermag, das foll die Gna— 
de thun. Nicht aber anderswo, als felbft im Sinn, 
Willen und Herzen des Menfchen wirket die Gnade. 
Nicht fo, wie Steine gewälzt und feelenlofe Dinge an— 
geregt werden, wird der Menfch durch die Gnade be; 





Dei fieri. Contra duas epist. Pe- 


dunt in eum, cum hoc ipsum da« 
lag. lib. I. cap. 2. Tom. X. p.414. 


tur, ut credant in eum. Quae 


Liberum arbitrium et ad malum 
et ad bonum faciendum, conh- 
tendum est nos habere: sed in 
male faciendo liber est quisque 
justitiae servusque peccati, in bo- 
no autem liber esse nullus po- 
test, nisi fuerit liberatus ab eo, 
qui dixit: si vos Alius liberaverit, 
tunc vere liberi eritis. De cor- 
rept. et grat. c. I. p. 751. Sem- 
er est autem in vobis voluntas 
ıbera, sed non semper est bona. 
Aut enim a justitia libera est, 
quando servit peccato et tunc 
est mala: aut a peccato libera 
est, quando seryit justitiae, et 
tunc est bona. dGratia vero Dei 
semper est bona et per hanc fit, 
ut sit homo bonae voluntatis, 
qui prius fuit voluntatis malae. 
De grat. et lib. arbitrio. cap. 13. 
p- 754. le quıppe trahitur ad 
Christum, cui datur, ut credat 
in Christum. Datur ergo pote- 
stas, ut fili Dei Kant, qui cre- 


potestas nisi detur a Deo, nulla 
esse potest ex libero arbitrio, 
quia nec liberum in bono erit, 
quod liberator non liberaverit, 
sed in malo liberum habet arbi- 
trium, cui delectationem malitiae 
vel occultus, vel manifestus de- 
ceptor insevit, vel sibi ipse per- 
suasit. — Sed haec voluntas, 
quae libera est in malis, quia d& 
lectatur malis, ideo libera im bo- 
nis non est, quia liberata non 
est. Contra duas epist. Pelag. 1. 
I. c. 3. p. 414. Liberum arbi- 
trium captivatum non nisi ad pec- 
candum valet, ad justftiam vero, 
nisi divinitus liberatum adjutum- 
que, non yalet. Contra duas |. 
c. p. 464. Liberum arbitrium ad 
diligendum Deum primi peccati 
randitate perdidimus. Epist. ad 
Viral. 107. Libertas sine gratia 
est contumacia, non libertas. Ep. 


89. 


— 83 
Nicht weiter, als blos auf jene unbeftinmte 


wegt 0). 


— 


Faͤhigkeit des Willens erſtrecket Auguſtinus alle die Lob: 
ſpruͤche deſſelben, naͤmlich auf die Faͤhigkeit, durch die 
goͤttliche Gnade zum Guten gewendet und im wahren und 
vollen Sinn frey zu werden p). Mit der dem Menſchen 





0) Nec ideo tamen solis de 
hac re votis agendum est, ut 
non subinferatur adnitendo etiam 
nostrae efficacia voluntatis. Ad- 
jutor enim noster Deus dicitur, 
nec adjuvari pötest, nisi qui etiam 
aliquid sponte conatur. (Juia non 
sicut in lapidibus insensatis aut 
sicut in eis, im quorum natura 
rationem voluntatemque non con- 
didit, salutem nostram Deus ope- 
ratur in nobis. De pecc. meritis 
et remiss. 1. II c. 5, p. 43. Ne- 
que enim gratia Dei per Jesum 
Christum Dominum nostrum la- 
pidibus aut —— pecoribusque 
praestatur, sed quia imago Dei 
est, meretur hanc gratiam, non 
tamen ut ejus bona voluntas pos- 
sit praecedere praeter gratiam. 
etc. Contra Jul. Pelag.]. 4. c. 5. 

. 591.  Conversionem fieri non 
ss substantia animae, vel 
ulla ejus parte sublata, sed ea, 
quae vitiata ac deprayata fuerat, 
sanata atque correcta, De civit. 
Dei l. XIV. cap. ı1. Wenn alfo 
Pelagius fagte: Habemus possi- 
bilitatem utriusque partis a Deo 
insitam, velut quandam (ut ita 
dicam) radicem fructiferam atque 
foecnndam, quae ex voluntate 
gignat et pariat et quae possit 
ad proprii cultoris arbitrium vel 
nitere flore virtutum, vel senti= 
bus horrere vitiorum — fo mis 
derlege ihn Auguftinus ſehr fcharf, 
De grat- Chrisii 1. I. c. 18. p. 259, 
und an einem andern Dre Ichr£ 
"er Naturam hominis eliamı istam, 
quae sub peccato nascitur, et 
“culus ortus in vilio est, esse ju- 
stificationis capacem — sed per 
gratiam Dei, u. nenng die menſch⸗ 


Ihe Subſtanz fähig götktlicher 
Gaben. Contra Jul. 1. I. p. 552. 
Non erim divinorum donorum 
capax esset, nisi bona esset hu- 
mana substantia, cui vitia quoque 
ipsa bonitatis perhibent testimo- 
nium naturalis. ib. 1. IV. c. 3. p. 
ög1. 


p) Wenn alfo an manchen Stel— 
len der Schrift, wie katholiſche 
Lehrer aud) bebauptee haben, dem 
Willen des 


Menfchen etwas zu 
thun vorgefchrieben wird, fo iff 
es nicht fo anzufeben, als wolle 


Gott unfers Elends fpoften, mie 
wenn Jemand zu einem Blinden 
fag£e: fiebe Dieß, Sondern mit 
Auguſtinus ijt zu anfworten: Ma- 
guum aliquid Pelagiani se scire 
putant, quando dicunt: non ju- 
beret Deus, quod seiret ab ho- 
mine non posse fieri. Quis hoc 
nesciret? Sed ideo jubet aliqua, 
quae non possumus, at noveri- 
mus quid ab ipso petere debea- 
mus. Ipsa enim üides est, quae 
orando impetrat, quod lex im- 
perat. De grat. et Iıb. arb. c. ı6, 
p- 734. Eben aus dem Gefeg ent 
ftebe die Anerkennung nicht unfes 
zer Tugend und unferer Kraft, 
fondern der Günde und unferes 
Berderbens, mwie es ebendafelbft 
tur; vorher heißt: Memirerimus, 
ipsum dicere, facite vobis cor 
novum et spiritum novam, qui 
dicite dabo vobis cor noyum et 
spiritum novum dabo in vobis, 
Quomodo ergo, qui dieit, facitr; 
vobis, hoc dicit: dabo vobis,2 
Quare jubet, si ipse daturus est? 
Quare dat, si homo facturus est, 
nisi quia dat, quod juber, cum 


6* 


— u — 


eigenen Freyheit ohne die Gnade, vor und außer derfel, 
ben‘ fann er. nur fündigen.. Auf den Einwurf des 
Pelagianers Julian, es fey alfo durch den Fall des er; 
fin Menfchen alle Freyheit des Willens verloren ges 
gangen, fo, daß nun jeder durch Nothwendigkeit zur 
Sünde gegwungen werde, antwortet daher Auguftin, daß 
die Sreyheit des Willens überhaupt und foweit keineswe— 
ges verloren gegangen fey, daß nicht der Menfch durch 
eigene Willensfraft noch fündigen Ffünnte, fondern daß 
eben dieß der wahre Zug in die Sünde fey, nachdem 
die wahre Freyheit nämlich vor der Sünde verloren 
war 9). | 

Diefe und fo viele andere helle Zeugniffe bewogen 
die Synode zu Trient, manche der hieher gehörenden 





1 


adjuvat, ut faciat, cui jubet? 
Semper est in vobis voluntas li- 
bera, sed non semper est bona. 
— Per gratiam fit, ut sit homo 
bonae voluntatis, qui prius fuit 
voluntatis malae.. Per.hanc etiam 
fit, ut ipsa bona voluntas, quae 
jam esse coepit, augeatur et tam 
magna fiat, ut possıt implere di- 
vina mandata, quae voluerit, cum 
valde perfecteque voluerit. ib. p. 


733 


q) Quis nostrum dicat, quod 
rimi hominis peccato perierit li- 
sa arbitrium de humano ge- 
nere ? Libertas quidem periit per 
peccatum, sed illa, quae in Pa- 
radiso fuit, habendi plenam cum 
immortalitate justitiam, propter 
quod natura humana divina indi- 
get gralia, dicente Domino: si 
vos hilius liberavit, tunc vere li- 
beri estis: utique liberi ad bene 
justeque vivendum. Nam liberum 
arbitrıum usque adeo in peccato- 
re non periit, ut per illud pec- 
cent, maxime omnes, qui cum 


delectatione peccant et amore 
en hoc eis placet, quod. eis 
ubet. Vnde et Apostolus: cum 
essetis, inquit, servi peccati, li- 
beri fuistis justitiae. — Liberi er- 
go a justiia non sunt, nisi arbi- 
trio voluntatis, liberi autem a 
peccato non fiunt, nisi gratia sal- 
vatoris. Contra duas epıst. 1. I. c. 
2. p: 415. Non itagae, sicut di- 
cunt nos quidem dicere , ut iste 
audet insuper scribere: ommes in 
peccatum, veluti inviti, carnis 
suae necessitate coguniur: sed si 
jam in ea aetate sunt, ut pro- 
prias mentis utantur arbitrio et 
in peccato sua voluntate retinen- 
tur, et a peccato ın peccalum 
sua voluntate praecipitantur. — 
Haec voluntas, quae libera est in 
malis, quia delectatur malis, ideo 
libera in bonis non est, quia li- 
berata non est. Nec potest ho- 
mo boni aliquid velle, nisi adju- 
vetur ab eo, qui malum non po- 
test velle, hoc est, gratia Dei 
per Jesum Christum, Dominum 
nostrum; ]. c. €. 5. p- 419. 





u ee 


Lehren in eine gewiffe Ambiguität zu ftellen, um den 
entgegengefeßten Partheyen, weiche fich fobald nach der 
Synode von neuem entwicfelten, die Berufung auf ihre 
Entfcheidungen gleich möglich zu machen. Ja bald ſchon 
nach jener Sigung des Conziliums, in welcher die ei- 
gentliche Lehre der Kirche darüber decharirt und ſanctio— 
nirt worden war, gaben Dominicus a Soto, der Domis 
nicaner, und Andreas Vega, der Franziscaner, eigne Buͤ⸗ 
cher heraus über die Natur und Gnade, welche, obgleich 
beide einander entgegengefeßt, ſich doch mit gleichen 
Schein und Recht auf die Entſcheidungen der Synode 
berufen konnten. Noch während der Synode wurde 
Bajus zu Löwen von den feotiftifchen Sranziscanern der 
Ketzerey angeklagt; weil er in einigen feinen Lehren den 
ächten Grundfägen Augufting die beliebte femipelagiani- 
ſche Vorftellung aufgeopfert hatte. Schon im J. 1560 
Fam darüber eine firenge Eenfur der Sorbonne heraus; 
doch im J. 1567 bemwirkten fie eine Bulle bey Pius V, 
in welcher 76 Säße, die man aus Bajus Büchern ge 
zogen, doch mit Verſchweigung feines Namens, öffent: 
lich verdammt wurden r). Durch einen befondern Zu: 
faß der Bulle war bey Strafe des Banns und des 
Derluftes aller Aemter und Würden alles Reden, Schrei 
ben und Disputiren über dag Thema unterfagtz; dadurch 
glaubte der Papft die Geifter hinlänglich zu binden und 
zu befchränfen; doch loderte noch im J. 1587 das eins 





r) Bulla, quae inc. Ex omni- Bulles contre Bajus, ou l’on mon- 
bus afflictionibus. Gie ſteht nicht tre, gu ’elles ne sont pas recues 
im Bullar. M. vermutblich des gro» par!’ ae a Vtrecht. 1757. 8. P 
Ben Widerfpruchs wegen, den fie J.p. 8. Du Pin nourelle Bibl. des 
fand. G. (de Gennes, Prieſter ant. Et T. XVI. p. 142. sqg. 
des Orafor.) Dissertation sur les 


— 86 — 


mal angezuͤndete und nicht gedaͤmpfte Feuer von neuem 
auf s). 


Der innere Diffenfus der Dominicaner und Jefuis - 


ten brach von neuem hervor durch ein Werk des Jeſui— 
ten Ludwig Molina t), worin er verjucht hatte, den 
heiligen Auguftinug, den heiligen Thomas und die Se 
mipelagianer in Harmonie zu feßen, worüber aber alle 
Partheyen aufgebracht wurden, denn nicht. blog die Dos 
minicaner, die ihren Thomas zu retten fuchten vor fol 


cher Verfälfihung, fondern felbft die Jeſuiten firitten ge> 


gen dieſes Buch, teil es ihnen fchon zuviel von Augus 
ffinus enthielt, und ihren Gegnern Waffen gegen fie in 
die Hande gab. Die Bewegungen, welche darüber an 
verfchiedenen Drten, befonders in Spanien ausbrachen, 
waren von folcher Art; daß Papft Clemens VII. die 
Urtheile der einfichtsvofften Biſchoͤfe, der Univerfitäten 
und Theologen darüber vernahm und hierauf im Jahr 
1594. alle offentliche Verhandlungen diefes Gegenftandeg 
verbot, und als auch diefes nicht fruchtete, endlich zu 
einer ganz ungewöhnlichen Madfregel fchritt. Eine eis 


gene vom Papſt im J. 1597. niedergefegte Commiſſion 
. (eongregatio de auxiliis) follte den großen Contra» 


versartifel in Unterfuchung nehmen, inwiefern der Menfch 
zu feiner Befferung des Beiftandes der göttlichen Gnade 
bedurfe u). Perſoͤnlich war ſelbſt der Papft eine Zeit 
lang den Sefuiten abgeneigt; aber fie umfirickten ihn 





3) Augustini de Blanc (P. Ser- 


xy) Hist. congregat. de auxil. di- 


vinae gratiae. ]. I. p. 12. 


t) Liberi arbitrii cum gratiae 
donis, divina praescientia, provi- 
dentia, praedestinatione et repro- 


batione concordia. Lissop. 1585. 
fol. 
u) Maddruzzi, der einft zu 
Trient eine fo widfige Rolle ge 
fpielf, hatte den Vorſitz dabey. 
Serry Hisr. congreg. de aux. grat. 
p- 85. 126. sqq. 


— 87 — 


bald. Es riſſen auch hier bald Factionen ein; am Ems 
de fchrieb jede Parthey fi den Sieg zu, und der us 
ummundene Semipelagianismus Fam auch dießmal ohne 
Berdammung davon w). Als der Papſt endlich im J. 
ı6rr. aus Nücfiht auf die mächtigen Mönchgorden 
und in der Abficht, weder den einen, noch den andern 
zu beleidigen, nur alles Disputiren darüber verbot, fo 
‚war zwar auch dieſer zweite Auftritt vorüber. Aber die 
fo übel beygelegte GStreitigfeit über die Frage, welche 
von beiden Bartheyen den Achten Lehrbegriff des h. Au: 
guſtinus habe, brach nun zum Drittenmale von neuen 
ang; und natürlich jetzt nur mit verftärfter Kraft und 
E:bitterung, fo, daß die Folgen davon fih bis auf den 
heutisen Tag heraberftrecfen und dem vömifchen Stuhle 
feldft eine fehmerzlihe Wunde zugefügt wurde. 

Das unter einer Arbeit von zwey und zwanzig Jah— 
ren, unter großem und tiefem Studium des heiligen Au— 
guſtinus und beftandigem Gebet an diefen Kivchenvater 
um Hülfe und Beiftand entftandene Werk des Janfeniug, 
nach feinem Tode im J. 2640. herausgegeben x), war 
das Signal zur Errieuerung und Fortfegung des langen 
Streits. Mit großer Evidenz und mit fauter Stelle aus 
Auguſtinus felbft hatte diefer Bifchof von Mern den Se: 
fuiten ihre Uebereinſtimmung mie der femipelagianifchen 
Lehre dargethan, und von den Päpften Pius V. und 
Gregor XIII. eriviefen, daß fie wenisftens nicht Auguflis 
niſch gedacht. Selbſt der damaligen Ersfeger gedachte 





w) S. Melcb. Leydeliker Hist. x) Augustinus sive doctrina S. 
Jansenismt P. II. Iib. 2. p. 326. sq. Augustini de humanae naturae 
Buddei comment. de Pelagianis- _sanitate, aegritudine, medicina 
mo in ecclesia rom. triumphan- adversus Pelagianos er Massilien- 
te Miscell. If. p. 50. ses. fol, 


BB, — 


er ehrenvoll in Nückficht ihrer Verehrung Auaufting y). 
Der mächtige Drden der Jeſuiten fühlte ſich dadurch 
aufs tieffte gekraͤnkt und beleidigt, und bot zugleich As 
les auf; mit der Nache an dem verfterbenen Bifchof 
und feiner Parthey zugleich einen vollfiändigen Gieg zu 
verbinden. Schon im folgenden Fahr 1641. begannen 
ihre öffentlichen Disputationen darüber; noch in dem 
nämlichen Jahr wurden durd) die Inquiſition das Buch 
des Janſenius ſowohl, als die Theſes der Jeſuiten dam 
uͤber verboten, und ſchon im folgenden Jahr erſchien ei— 
ne Bulle des Papſtes Urbanus VII. z). Hier waren 
alle früher Verordnungen der Paͤpſte über diefen Ge 
genftand beftätige a), das Buch des Janſenius und je 
de Vertheidigung deffelben verboten; aber in den Nies 
derlanden weigerte man fich faft allgemein, die Bulle 
aufzunehmen; in Frankreich that man e8 nur mit dem 
größten -Migvergnügen; der Abt von St. Eyran hatte 
bier dem Buche des Janfenius längft eine gute Aufnah— 
mie bereitet. Sein Schüler Anton Arnauld feßte den 
Abſcheu gegen die Bulle und die Anhaͤnglichkeit an des 
Janſenius Auguftinus fort; der Haß und die Erbitte 
rung ſtieg täglich höher, und bald fanden die Janſeni— 
fien und Moliniften, zum beftigften Kampf gerüftet, eins 
ander von neuem gegenüber Im Jahr 165.3. verdamm- 
te dann Innocenz X. in einer befondern Bulle b) fünf 





y) Non omnia, quae haeretici 
docent, esse haeretica adeoque 
si qua in re Calvinus cum Augu- 
stino et antiquis patribus sense- 
rit, propter Calrinum non esse 
indignandum Augustino, sed pro- 
pter Augustinum potius esse gra- 
tulandunr Galvino. August. T. III. 
1.8. cap. 2r. ” Leydekker Hist. 
J«nsenismi P. IL, l. 1. c. ır. 


z) In eminenti. Dissert. sur les 
Bulles contre Bajus P. I. p. 05. 
sggq- ı 

a) — motu proprio et ex certa 
scientia nostra ac de apostolicae 
potestatis plenitudine etc. ]. c. 

b) Inc. Gum occasione impres- 
sionis, in d’Argentre Collect, de 
novis 'errorib. III. P. 2. p. 271. 
sqq- 


a 


Propofitionen des Janſenius, alle als Fegerifch, einige 
als gottlos und blasphemifh, die Janſeniſten follten 
durch diefe Bulle zertrümmert werden, und allerdings 
waren fie fehr zu Boden geworfen. Aber fie erholten 
fi) wieder in kurzer Zeit. Selbſt in den Exceptionen 
gegen diefe Bulle fehloffen fie fich nur inniger an den 
heiligen Auguftinus an, und festen dadurch ihre Gegner 
und den Papſt im nicht geringe DBerlegenheit: fie ver 
langten den Sinn näher beffimme zu fehen, in welchem 
die fünf Propofitionen verdammet worden und behaup- 
teten, Janſenius habe über Dielen Gegenftand nichts als 
die Lehre des heil. Auguftinug voraetragen. Ein neuer 
Schauplatz großer und heftiger Streitigfeit eröffnete fid) 
bey diefer Gelegenheit und Männer, wie Arnauld, Pas— 
cal und Nicole u. A. führten das Wort auf Geiten der 
Sanfeniften; das Klofter zu Portroyal war der Hauprfig 
des Janſenismus. Nachdem nun die reinhiftorifche Fra— 
ge; ob die dem Janſenius zugefchriebenen fünf Saͤtze 
auch in dem Sinne, in welchem der Papft diefelben ver: 
dammer, im Buch des Janſenius enthalten feyen, viel- 
fältig beftritten und debattirt worden war, entfchied der 
Papſt Alerander VIL im Jahr 1656. durch eine einene 
Eonftitution dahin, daß alle für Störer der öffentlichen 
Ruhe zu halten feyen, welche das leugneten, und nun 
wandte fi) in einer fehr natürlichen Wendung der Streit 
von Seiten der Janfeniften befonders auf Unterfuchung 
der Frage, welche fie leugneten: ob auch ein Papft im 
Stande oder befugt fen, eine hiftorifche Frage, wie die, 
ob die fünf Säge des Janſenius, welche verdammt wor: 
den, auch in dem nämlichen Sinne die feinigen gewe- 
fen, in welchem der Papſt fie verdammet, unfehlbar zu 
entfcheiden. Unfäglich hart ging man in Sranfreich mit 
den Janſeniſten um, zumal in Sortroyal; ber König 


und eine große Menge von Bifchöfen waren in den Han: 
den der Jeſuiten; man zwang die Janfeniften, ein For 
mular zu unterfchreiben, welches dem Papft genugthun 
follte, und als fie es niche thaten, verfuchte es der Papft 
felbft mit einem eigenen Formular; aber vergebengz; denn 
immer wwiderfeßten fich doch noch einige Bifchöfe, und 
ihr Anhang vermehrte fich täglich. Bald Fonnten fie in 
großer Maffe aufftehen und dem Papſt verfichern, daß 
fie niche gegen den heiligen Stuhl ungehorfam feyn 
wollten, aber des Papſtes Untrüglichkeit, mit den ent 


fhiedenften VBertheidigern des rom. Stuhle, einem Bar _ 


ronius, Bellarmin, Palavicini, nur auf die Glaubensſa— 
chen befchranfen ec). Je mehr fich feitdem der Janfenis; 
mus innerlich beveftigte, defto beftimmter und gründlicher 
wurde auch deffelden Oppofition gegen den Jeſuitismus. 
Der moliniftifchen, fcholaftifchen, femipelagianifchen Lehre 
der Jeſuiten fegten die Janſeniſten den ganzen, firengen 
Leprbegriff des heiligen Auguftinus von der Gnade und 
Prädeftination, dem weltlichen Sinn und der heuchleri- 
ſchen Vriefterglätte der Sefuiten den tiefſten und finnig: 
fin Myfticismug, und der lagen, unmoralifchen Moral 
der Sefuiten eine aͤußerſt firenge Sittenlehre entgegen. 
Endlich erfolgte noch der Ießte Auftritt in dieſem 
bittern Streit und zugleich ein Schlag, der die Janſeni— 
fien gänzlich zertruͤmmern follte. Die Kloftergebäude zu 
Portroyal waren bereits niedergeriffen; aber ein Buch, 
in welchem nebft vielen £refflichen Sittenlehren aud) viele 
Lehrfäge des heil. Auguſtinus enthalten waren, war noch 
ae NEE TREE N en 8. pe U —— 
c) Histoire abregee de ’Ab- sqq. IT. p. 15. “0 u. das ähn · 
baye de Portroyal in den Memoi- liche Werk von du Fossé p. 31. 


res pour servir à l’histoire de sqgq. 
Portroyal par Fontaine I. p. r7: 


— 01 — 


den Sefuiten zum Aergerniß, und doch von, großer 
Wirfung in Frankreich befonderg, des P. Duesnelis 
Neues Teftament mit Anmerkungen, die den fefteften 
Glauben an Auguflinus und den Janfeniemus nur zu 
deutlich verriethen. Schon lange, ſchon feit dem Jahr 
1671. war diefes Buch im Publicum, ald man, erft ges 
gen dag Ende des Jahrhunderts Verdacht dagegen er 
regte, und im Jahr 1708. verdammte es der Papft in 
einem eigenen Breve, und unterfagte das Lefen deffel- 
ben d). Auf Betrieb der Jeſuiten vergaß ſich der Papſt 
endlich foweit;, daß er mit einer neuen Bulle einen neuen 
Feldzug eröffnete, nicht blos gegen das Quesnellſche 
Treue Teftament, fondern gegen alle Sanfeniften über; 
haupt. Die berüchtigte, im J. 1713. erfchienene Bulle 
Unigenitusg e) war das Signal zu einem langwierigen, 
für den römifchen Stuhl fo außerft nachtheiligen Kampf. 
Nicht mehr und nicht weniger, als 101 in dem Buche 
enthaltene Säge hatte der Papft verwerfiih befunden. 
Es ift ſchwer, des Erftaunens fich zu erwehren, wenn 
man nur einige der Säge betrachtet, die hier mit unbe 
greiflicher Nückfichtslofigfeit des Brandmahls würdig ge> 
funden waren F). Es war der unverhülte Pelagianis, 
mus, der die VBerdammung einiger unter diefen Sägen 
vorausſetzte. Doch nur mit großem Widerfpruch wurde 
die Bulle in Franfreich angenommen: nicht alle Kirchen 
nahmen fie an gegen die vielen, die von dem Urtheil 
des Papſtes an ein allgemeines Conziltum appellirten 
die Namen der Acceptanten und Appellanten erfchallten 


d) Clem. XI. Bullar. M. p. 173, f) Buddei diss. de Pelagianismo 
sgq- in eccles. Rom. triumph. in Mi- 
e) ]. cc. p. 313. aud in Pfaffi scell. II. p. 56. sqq. 

Act. Constit. Vnigen. Tubing. p- 

a. Hist, Const. Vnig. p. 8. 


— 02 — 


in gang Sranfreich, die Trennung wurde immer unheils 
barer, und befteht feitdem noch big auf den heutigen 
Tag. 


Biertes Kapitel 


rn 


Non den Sacramenten überhaupt, von fieben Saeramenten, 
vom opus operatum, sigeum indelebile und von den ſaerament— 


lichen Cerimonien. 


= 


De Zufammenhang, in welchem die Lehre von den 
Sacrarıenten mit dem Artifel von der Nechtfertigung 
fteht, hat die Synode zu Trient felbft in der Einleitung 
zu ihren Ganonen über jene auf eine Art angegeben; 
nach welcher fie faft nur als ein Theil oder als die 
Fortſetzung der Nechtfertigungslehre felbft erſcheint: fo 
innig bat fie diefelbe diefer verfnüpft, wenigſtens hält 
fie diefe für nicht vollendet, ohne jene. Die Väter famt 
lic) waren davon überzeugt; daß man nach der heilbrin- 
genden Lehre von der Rechtfertigung und zur Vollendung 
derfelben fogleich zu der Abhandlung von den hochheili- 
gen Sacramenten fchreiten müffe, weil durch diefelbe alle 
wahre Nechtfertigung entweder beginnt, oder die begon; 
nene vermehrt, oder die verlorene twiederhergeftellt wird a). 





a) Ad consummationem saluta- quae in praecedenti proxima ses- 
ris de justificatione doctrinae, sione, uno omnium Patrum con- 


— 93 — 


Aus einem etwas andern Geſichtspunct wird im pros 
teftantifchen Syſtem die Lehre vom Sacrament angefe 
ben und ein mehr umfafjender Begriff der Gnadenmittel 
aufgeftellt. Das erſte und höchfte derfelben ift ihm dag 
Wort Gottes; im welchem felbft die Sacramente, um 
wirklich den. Werth und die Wirfung eines Gnaden⸗ 
mitteld zu haben, nothwendig muͤſſen begründet ſeyn. 
Diefes aber ift im Eatholifchen Syftem fo wenig noth: 
wendig, daß es auch für die Lehre vom Sacrament 
außer der heiligen Schrift ſich noch ausdrücklich die 
Duelle der apofiolifchen Traditionen aufgefchloffen: und 
die Beftimmungen der Kirchenväter und Kirchenverſamm⸗ 
lungen dabey zu Hülfe genommen hat b). Was alfo 
in Anfehung der Sacramente ſich nicht unmittelbar aus 
dem gefchriebenen Worte Gottes ergeben follte, wird 
ohne Bedenken’ hier aus dem ungefchriebenen der Ueber: 
gabglchre abgeleitet werden. Dieſe allgemeinen Gegen: 
fäße der Syſteme erneuern ſich bier vor allen Dingen. 
Dem Geifte beider ift es and) ganz gewiß, daß fie auf 
fo verfchiedene Weife den Uebergang nehmen aus der 
£ehre von der Nechtfertigung in die von den durch Gott 
dem huͤlfs⸗ und heilsbedürftigen Menſchengeſchlecht . dar: 
gebotenen Gnadenmitteln. In der  proteftantifchen Kir: 
che ift es naͤchſt den zwei einzigen allgemein anerkann— 
ten Sacramenten, welche fie als von Chriſtus ſelbſt ein: 
gefegt feyert, genießt und hoch in Ehren Hält, zunächft 


mm — — — — — — 


sensu promulgata fuit, consenta- 
neum visum est de sanctissimis 
ecclesiae sacramentis agere, per 
quae omnis vera juslitia vel inci- 
pit, vel coepta augetur, vel amis- 
sa reparatur. Sess. VI. introd. 

b) — propterea SS. oecumenica 


et generalis Tridentiina Synodus 
— SS. scripturarum dectrinae, 
Apostolieis traditionibus, atque 
aliotum concıliorum et P.ıtrum 
eonsensui inhaerendo, hos prae- 
sentes canones siatuendos et de- 
cernendos censuit etc. |, c. 


und ganz befonders die Predigt von Chriſto, an welche 
das ganze geiftige und religiöfe Leben der Chriften fich 
anfchliegen, aus welcher reiche Nahrung für Geift und 
Gemuͤth ſich entwickeln, und durch welche Glaube und 
Liebe lebendig aufgeregt werden fol; in der Fatholifchen 
hingegen nächft der Predigt, auf welche die Synode zu 
Trientsim Namen ihrer Kirche nur ein geringes Gewicht 
gelegt, zunaͤchſt und hauptfächlich eine lange Neihe von 
GSacramenten, welche das ganze Leben umfchliegen und 
heiligen follen, und einen Eyclus von religiöfen Lebens 
momenten und Zuftänden bilden. Jenes zarte und geis 
fiige Band des Firchlichen Leben® und Vereins, die Pre 
dige von Chriftug, der, Mittelpunck des proteftantifchen 
Cultus, einzig berechnet auf Chriften, welche den Herrn 
im Geift und in der Wahrheit anbeten, ift eben aug 
diefem «Grunde leicht für andere nicht angiehend genug, 
um auch fie lebendig umfchließend in den Bund der 
Ehriften, überhaupt oder auf die Dauer, hineinzuziehen: 
auch kann allerdings nur die ſtets frifch, neu, lebendig 
und Fraftig ‚aufregende Predigt im Sinne der Apoftel die 
hohe und herrliche Wirkung haben, welche Gott an die 
DBerkündigung des wahren Evangeliums geknüpft; denn 
hier giebt es Feine ftatutarifche Form, welcher an und 
für fich folcher Erfolg nothwendig entfprechen müßte, 
Der Apoftel Taufe, Abendmahl und Predigt hatte Fülle 
und Confequenz genug, um die Gemeinden in Chris 
ſto Jeſu zu vereinigen und zufanmen zu halten. Im 
Katholicismug hingegen wird felbft in demjenigen, was 
Religion und Seligkeit betrifft, der Menſch auch als 
finnliches Wefen genommen, und jede zum finnlichen 
ſich hinneigende geiftige Kraft felbft in das Fntereffe der 
Religion hineingezogen. Zu diefem Zweck hat die Kir: 
che, zwar auf ihre Hand, frey und willkuͤhrlich in. Ans 


m 


-n 03 — 


ſehung der heiligen Schrift; doch nicht ohne Beruͤckſich— 
tigung der dem Menfchen natürlichen und gewöhnlichen 
Neigungen einen einmal für immer ffatutarifch geheilig- 
ten Kreis von Sacramenten um das menfliche Leben 
gezogen, damit am diefelbe jede religiöfe Empfindung fich 
leicht und natürlich anreihen könne. Se freyer gewählt 
Diefe geheiligte Form, deſto freyer läßt fie aud) innerlich 
Alle, die daran glauben, defto mehr laßt aus derfelben 
fih machen, je nachdem einer zu ihr Geift mitbringt 
oder Phantafie oder craffere Sinnlichkeit: es läßt ſich 
allerdings dabey Allerley denken und empfinden, : dichten 
und fingiven, je nachdem einer zu dem einen oder dem 
‚andern geneigter und geeigneter ift. Aber bodenlos ſteht 
der Ehrift, außer allein auf dem Grunde der heiligen 
Schrift; nicht verfichert durch diefe, daß göttliche Gnade 
und wahrhaft feliges Leben durch ſolche willführlich ans 
geordnete Handlungen dem Bedürfniß fich mittheile, ſteht 
der Menſch im Grunde nur auf fich felbft, nicht beden- 
fend, wo er eigentlicy fteht und wie tsenig von da aug 
fich Hoffen läßt. Selbſt mit dem noch fo Tebendigen 
Glauben an eine Firchliche Autorität, den man doc 
nicht.von Jedem verlangen kann, felöft mit dem flärk 
fien Vertrauen auf eine machthabende Gewalt, welche 
das Chriſtenthum gleichfam fortsufegen oder zur vollen: 
den und im Geifte Chriſti neue Anordnungen zu £reffen 
vermöchte, wird doch der Menfch, göftlicher Gnaden- 
fiherheit bedürftig und aus religiöfer Noth fie ſuchend, 
im Grunde doch wieder nur auf fich feldft zuruͤckgewor— 
fen, wie auch auf allerley Zweifel und Fragen, wieweit, 
ob auch auf Neuerungen im Glauben fich folche Macht 
erfirecken dürfe, und fo auch von diefer Seite wieder 
zurückgetrieben nur auf fih und dag, was er um Chris 

fi willen verleugnen fol, fiche der Menfch wiederum 


rathlog, twie immer, wo er neben Ehrifto und außer ihm 
Heil und Seligfeit finden will. Es ift gleich große Ver: 
meſſenheit, menfchlicher Hoch: und Uebermuth, vor feis 
ner eigenen Vernunft, oder vor dem Werf feiner Hande 
niederzufnien und anzubeten. Es ift nicht im Ginne 
des Chriſtenthums gefprochen, wenn man fagt, der Pro; 
teftant habe zu wenig Sacramente: gleich als fünnte ein 
Einzelner oder irgend ein Firchlicher Verein dergleichen fich 
machen und erfinden, mehr oder weniger an der Zahl. 
Denn viel zu verfchieden ift der Gefichtepunct, aus 
welchem die proteftantifche und Fatholifhe Kirche das 
Sacrament betrachten; diefe nimmt das Wort im wei— 
teften Sinne, wie es überhaupt die Duellen mit fich 
bringen, aus denen fie diefe Lehre vorzüglich ſchoͤpft; je: 
ne, ſich einzig befchränfend auf die heil. Echrift, halt 
auch den Begriff des Sacraments in der engern Bedeu: 
tung feſt, wie ev fich allein aus der h. Schrift ergiebt. 
Wenn man alfo nad) demjenigen, tags überhaupt der 
Begriff eines Sacraments in fi) faffen Fann, die Zahl 
derjelben beftimmt, fo muß wohl eine mwefentliche Abwei- 
chung eintreten von einer andern Lehre, weiche das allein 
zum chriftlichen Sacrament rechnet, was in Gottes Wort 
und Schrift pofitio darüber vorgefchrieben iſt; denn frift 
zu jenem Begriff des Sacraments, nach welchem es 
überhaupt- eine dem Chriftenthun angemeffene heilige _ 
Handlung e) bedeutet, auf welcher göttliche Gnade und 





— — — — 


ce) Musrneiov apud Graecos et 
Sacramentum apud Komanos vo- 
ces sunt religionis, reverentiae 
<uiusdam et majestatis plenae, 
propterea jam inde a principio 
Ececlesia illarum usum sibi vindi- 
cavit, neque solum in commune 
omnia religionis arcana nominayit 


kusrngie et sacramenta, sed pe- 
euliariter doctrinae illi, quam de 
signis Augustinus et Lombardus 
appellant, Graeci svußorıxm 
$eorcyiay, eas dictiones accom- 
modavit.  Sacramenta enim et 
KUSrneid nuncuparunt rerum in- 


— — 


goͤttlicher Segen ruhet, noch die Autorität einer Kirche, 
welche ſich pofitive Inſtitutionen diefer Arc als Firchlich 
verbindend feftzufegen von jeher erlaubt und vorbehalten 
bat; alfo der Begriff der Tradition im weiteften Sinne, 
fo laßt fich nach einem fo weiten Begriff des Sacra⸗ 
ments auch die Zahl derfelben nach Gutbefinden firiren 
und es ift nur za verwundern, daß die Fatholifche Kir: 
che nicht mehr hat, als fieben. Außer der Taufe und 
dem Abendmahl rechnet fie namlich nur noch dahin die 
Buße, die Firmelung, die Priefterweihe, die Ehe und letzte 
Delung d). 

Zwar macht e8 die Synode felbft zur wefentlichften 
Bedingung eines Sacraments im N. Bunde (novae 
legis), daß «8. von Ehriftug felbft müffe eingeſetzt ſeyn; 
allein auch, um diefes von den einzelnen ihrer Sacra> 
mente zu. behaupten, braucht die Fatholifche Kirche fich 
„gar nicht an die heilige Schrift zu binden, da fie ja die 
Tradition im engern und eigentlichen Sinne gerade da: 
zu am meiften braucht, um, was nicht in dem gefchries 
benen Gottes Wort verzeichnet worden, aus Diefen un— 
gefchriebenen abzuleiten, welche in ihrem letzten Urfprung 
auch von Gott ausgefloffene Duelle chriftlicher Relis 
giongerfenntniß ſich vor der gefchriebenen Lehre felbft 





visibilium signa visibila, quae mum, confirmationem, euchari- 
Deus ipse in Ecclesia sua insti- stiam, poenitentiam, extremam 
tuit. Casaub. Exercitt. Antibaron. wunctionem, ordinem et matrimo- 
XVI. art. 45. p. 479. ©. Creu- nium, aut etiam aliquod horum 
zers Gpinbolit und Mythologie IE septem non esse vere et proprie 
sacramentum, anathema sir. Sess. 

VII. Can. 1. Catholicae Ecclesiae 

d) Si quis dixerir, sacramenta sacramenta septenario numero de- 
noyae legis non fuisse omnia a finita sunt, quemadmodum scri- 


Jesu Christo Domino nostro in- ptura sacra probatur et patrum 
stituta, aut esse plura vel paucio- traditione ad nos pervenit. Ca- 
ra, quam septem; videlicet baptis- tech. Rom. P, II, « z. qu. 2. 


Niarheinede Syſt, d. Katholicismus LIE. 7 


* 


— 88 — 


her und neben derſelben herab verbreitet hat e). Das; 
jenige alfo, was Ehriftus eingefegt, coincidire vermittelt 
der Tradition ganz und gar mit dem Necht, in welches 
die Kirche von Gott und Chriſtus eingefeßt worden, 
was fie in göftlicher Erleuchtung für nöthig erachtet, im 
Namen Chrifti felbft über den Glauben und die Lehre 
fefigufeßen. In diefem Sinne allein kann die Kirche e8 
nehmen, mas fie da lehrt von Einfeßungen Chrifti, für 
welche fie doch keinen Beweiß aus heiliger Schrift bey: 
bringt P). In diefer anders woher, als aus der heil. 
Schrift genommenen Sicherheit, befihließt fie denı auch 
die früherhin immer willkürlich angenommene Zahl der 
Sacramente auf fieben, wobey fie felbft den Conſenſus 
der Kirchen nicht einmal für fi) anführen Fonnte, wel: 
che Jahrhunderte hindurch von einem ſchwankenden Be: 
griff des Sacraments geleitet, bald mehr, bald weniger 
Sacramente angenommen hatten. 

Auch in der proteftantifchen Kirche war man An: 
fangs noch etwas ungewiß über die Zahl der Gacras 
mente, fo lange man ficy blos und allein an den durch 
ſich felbft ſehr unbeſtimmt gelaſſenen Begriff des Sacra— 
ments hielt und bey der grammatifchen Bedeutung def 
felben ſtehen blieb. Erſt als man den Charakter feiner 
unmittelbar von Ehriftus herrührenden_Einfegung gewon— 
nen hatte und fefthielt, erflärte man die Sacramente für 
Ritus, welche von Chriſtus eingefeßt die Verheißung 








ni proprie dieti: primo, promis- 
sio gratiae; secundo, — sen- 
sibile cum verbo, quod sit me- 


e) ©. diefes Werkes Il. Band 
©. 195 ff- 


f) Daber die ſcheinbare Ueber: 
einftimmung bender Kirchen feibft 
im Begriffe des Soctaments. Auch 
Sellarmin fagt: Tria requiruntur 
ad essentiam sacramenti christia- 


dium seu organum, quo appli- 
cetur promissio; tertio, manda- 
tum divinum, quod id jubea- 
tur ministrari. De Sacr. conlirm, 
l. II. c. 2. p. 506. 


einer befondern göttlichen Gnade für fich haben und ein 
eigenes Zeichen gleichfalls aus göftlicher Inſtitution. 
Denn fchon durch den jedem Sacrament hiemit beige 
legten Character als Cerimonie und außerlicher Ritus 
wurde man gezwungen, bey jeden Sacrament, welches 
im Sinne des Chriftenthums dafür gelten follte, auch) 
eine äußere Subſtanz, ein finnliches Zeichen, als vor 
Chriſtus felbft vorgefchrieben, nachzumweifen; denn ohne 
diefeg mußte es fi) nothwendig auf das allgemeine 
Wort Gottes redusiren, das heißt, mit diefem Gnaden: 
mittel zufammenfallen, fü, daß es für Fein beſonderes 
Sacrament gehalten werden fonnte. So gefchah «8 auch 
mit der Abfolution, welche noch von Melanchthon unter 
dem Namen eines eigenen Sacraments der Buße in der 
Apologie aufgeführte wurde 8). Da nämlich durch die 
Abfolution nicht blos im Allgemeinen Vergebung der 
Sünden angekündigt wird, fondern auch den einzelnen 
Beirhtenden privatim die Sünden erlaffen werden, fo 
ließ fih auch aus diefem chriftlichen Gebrauch leicht ein 
Sacrament machen, wenn man fic) blog an den Be 
griff einer heiligen Handlung hielt und das Sacrament 
im grammatiſchen Sinne nahm. Allein je mehr nad): 
her in der proteftantifchen Kirche der Begriff einer göfk: 
lichen Inſtitution in die Lehre vom chriftlihen Sacra— 
ment aufgenommen und dadurch das Wefen deffelben 
beftimmeer vorgeftellet wurde, mußte auch allmählich die 
Abfolution aufhören, ein Sacrament zu feyn in dem 
Einne, wie Taufe und Abendmahl. Denn da fie Fein 
eignes Außerliches Zeichen hat aus göttlicher Einfeßung 





8) Et absolatio proprie dici loquuntur. Apol. Aug. Conf. p. 
potest sacramentum poenitentiae, 167: 200. ; 
ut etiam Scholastici eruditiores 


— 


— 100 — 


oder feine finnlihe Subftanz, im N. T. vorgefchrieben, 
auch Feine befondere Verheißung vorhanden ift, daß Gott 
durch eine folche Aufere Handlung befonders wirkſam 
feyn wolle und wirkſamer, als durch fein Wort über 
haupt, fo Fam man allmählicy ftilfchtweigend darin 
überein, die Abfolution nicht mehr als eignes Sacra— 
ment gelten zu laffen. Auch die Prieftermeihe wollte 
Melanchthon nicht ungern ein Sacrament genannt wiß 
fen in jenem allgemeinern Sinne; auch hat fie die Ber: 
heißung, daß Gott durch) das Predigtame zum Heil der 
Gläubigen wirken wolle. Doc konnte bey genauerer 
Unterfuchung die Weihung und das Predigtamt nur in 
fehr uneigentlihem Sinne dafür gelten, da keinesweges 
die Verheißung vorhanden ift, daß durch die Ordination, 
alg ein von Gott dazu beſtimmtes Mittel der Gnade 
die Lehre Jeſu der ordinirten Perfon zur Seligkeit zuge: 
wendet werde, vielmehr Viele dieß Amt empfangen, ohne 
innerlich wahrhaft gemeihet zu ſeyn, indeß das Predigt; 
amt; durch diefelben verwaltet, doch in andern Gläubi- 
gen wirft, fo trug man es ſchon in der Apologie auf 
eine ftrenge Unterfcheidung derfelben von den eigentlichen 
Sacramenten an. 

Geht nun die Unterfuchung über die nothwendige 
und gefchloffene Zahl der Sacramente vom Standpunct 
des Katholicismus aus, fo hat fie, wenn fie fih allen- 
falls auch davon dispenfiren kann, die beftimmte Zahl 
der Sacramente aus heiliger Schrift nachzumeifen, ob» 
gleich auch dieſes zumeilen ‚und nebenher immer gefche: 
hen ift h), defto mehr auf Eirchlich - hiftorifche Nachwei- 





h) Wiewohl fih aus dem in für fi nie ein fiberer und güls 
der Vulgata vorfommenden Wort tiger Schluß auf den eigentliden 
Sacramentum (#ueragiov) an und ſacramentlichen Gehalt der Ger 


— 


ſungen in Anſehung der Tradition und des Conſenſus 
einzulaſſen, auf welche die katholiſche Kirche ihre Be 
ſtimmung hierüber hauptfächlich gründee. Denn es laͤßt 
ſich doch, in welchem Sinne auch die Synode die Tra— 
dition hier nahm, in jedem Fall nicht denken, daß ſie 
ganz ohne hiſtoriſche Veranlaſſung und ohne den Ge— 
brauch der kirchlichen Vorzeit für fi) anführen zu koͤn⸗ 
nen, zu diefer Verfügung follte gefommen feyn. 

Und allerdings kann die Synode dieß zunaͤchſt für 
fih anführen, daß aus den Altefien Zeiten der Kirche 
herab, bey der Unbeflimmtheit des Begriffs eines Gas 
craments, obgleich Taufe und Abendmahl zu allen Zei: 
ten unbesweifelt dafür galten, doc außerdem nody im» 
mer manches andere mit diefem Namen ausgezeichnet 
wurde, obgleich darum noch lange nicht in dem Ginne 
für ein Sacrament angefehen, als Taufe und Abend: 
mahl, worauf es hauptfächlich doch hier ankommt. Nicht 
einmal von dem innern Unterfchiede der Dignitat, den 
auch die Fatholifche Kirche annimmt 1), ift hier die Re; 
de, fondern von einem ganz verfehiedenen Sinne, in wel: 
chem man außer jenen beiden Sacramenten noch matt 
ches andere alfo benannte. Denn nur in der Annahme 
jener zwey Sacramente laßt fich der Conſenſus aller 
Hriftlihen Kirchen und Jahrhunderte nachweifen; in 
allem übrigen, was man noch fonft wohl fo nannte, 





wie Col. 2, 2. Epbef. 1, 9. 3, 5: 
6, 19. ı Tim. 3, g. 16. 1 Iheff. 
ı Cor. 13, 


genftände, auf die das lateiniſche 
und griechifehe Wort bezogen wırd, 
macen ließ, wie bey Tob. 12,7. 2,7. 
Gap. 2, 22. 6, 24. Dan. 2, 47. 4, 


6. Sphef. 5, 32. Denn auch der i) Si quis dixerit, haec septem 


göftlicye Erlöfungsplan, die Ders 
Bindung Cbrifti mit der Kirche 
und biel anderes noch wird da— 
ſelbſt oft sin Kueragioy genannt, 


sacramenta ita esse inter se pa- 
ria, ut nulla ratione aliud sit 
alio dignius, anathema sit. 1. c. 
Can. 3. 


— 102 — 


herrſchte jederzeit die groͤßeſte Willkuͤhr und Verſchieden⸗ 
heit; zum ſichern Zeichen, daß man von allen andern 
Dingen, außer der Taufe und dem Abendmahl, denen man 
den Namen eines Sacraments beilegte, keins dieſen an 
die Seite ſtellen oder ſie nur in dem Sinne fuͤr Sacra— 
mente halten wollte, als dieſe. Sehr oft nehmen die 
lateiniſchen Kirchenvaͤter das Wort Sacramentum, wie 
die griechiſchen ihr Musengioy, in dem ganz allgemei— 
nen Sinne einer bedeutungsvollen, geheimnißreichen Sa: 
he, die niche wegen ihrer göttlichen Inſtitution, wie 
Zaufe und Abendmahl, fondern überhaupt nur wegen 
einer frommen Beziehung, die fi) davon nehmen ließ, 
alſo keinesweges deswegen, weil fie im N. T. vorge 
fehrieben, mie jene beiden Sacramente, gleichfalls alfo 
genannt wurden. Denn wer fonnte 5. DB. denfen, daf, 
wenn Tertullianus von einem Sacrament der Figuren 
redet oder Auguftinus von einem Sacrament des Brod- 
tes, der Fifche, der Zahl, beide ganz in demfelbigen Ver: 
ftande, tie dieſen Dingen, auch der Taufe und dem 
Abendmahl den Namen de8 Sacraments beigelegt hät: 
ten? Leberhaupt lag e$ nahe, fobald man das ganze 
Chriſtenthum als ein einziges großes Myſterium fich dach- 
te im Geiſt des Apoftelg, denfelben allgemeinen Character 
des Geheimnißvollen, noch außer und neben den beiden 
hervorragenden Hauptceremonien und ſymboliſchen Inſti— 
futen, auf viel Einzelnes in und an dem Chriftenehum 
su übertragen, welche freye und fromme Uebertragung 
zwar kirchlicher Are war, vielleicht auch in einzelnen 
Fallen dem Weſen des Chriftenthums nicht zumider, 
aber doch an fich nichts tweiter war, als nur ein Aus: 
druck menfchlicher Pietät, feinem Urfprung und Grunde 
nach) aus dem Geifte eines Firchlichen Zufammenlebeng 
entfianden und durch den frommen Blick gefchaffen, nicht 


% 


— 103 — 


aber an und für fich und nothwendig in und mit dem 
Chriftenthbum gegeben. Hieraus begreift fich, wie man, 
bey der ununterbrochenen Einigkeit über die Annahme 
der Taufe und des Abendmahls al8 Sacramente, doc 
nicht nur darauf kommen konnte, mehreren Gegenftän- 
den außerdem noch den Namen eines Sacraments bey: 
zulegen, fondern auch die große Uneinigfeit und der bes 
ftändige Wechfel in demjenigen, was unter diefem Na— 
men von einzelnen Lehrern der Kirche aufgeführt wird. 
Hätte man diefen Gegenfianden auch den Character ei- 
nes wahren Sacraments in dem Sinne, tie der Taufe 
und dem Abendmahl, zuerfannt, dann häffe auch den 
Chriften des zweiten und dritten Jahrhunderts ſchon fo 
gut; wie der Synode zu Florenz oder Trient, das Be 
dürfnig entſtehen muͤſſen, die Zahl derfelden abzufchlie- 
Ben und fich über dasjenige zu vereinigen, was weſent— 
li zu einem Sacrament gehöre. So aber, da fie nicht 
daran denfen Fonnten, demjenigen, was vielleicht nur in 
einem flüchtigen Augenblicke der Andacht ihnen ald ein 
heiliger Gegenftand oder alg eine fromme Handlung er: 
ſchien, die fie unter dem Namen des GSacraments zu 
ergreifen und feftzubalten fuchten, auch eine nothwendige 
Stelle auf dem Gebiete des Chriftenthums- und zwiſchen 
der Taufe und dem Abendmahl anzumweifen, konnten fie 
auch nicht darauf kommen, dergleichen als ein Sacra- 
ment in dem Sinne, wie Taufe und Abendmahl, zu be: 
greifen oder gar die Einfeßung deſſelben von Chrifto zu 
behaupten. Denn mochte felbft dergleichen im Geifte 
Chriſti gefchehen und zuläffig feyn, und der Name eines 
Sacraments dem Chriftenthbum nicht entgegen, auf ir 
gend eine Feyerlichkeit übertragen worden ſeyn; fo bleibt 
doch immer noch für ung der wichtige Unterfchied zwi⸗ 
fchen menfchlicher und göftlicher Anordnung, den nur 


— 14 — 


die Kirche durch einen Machtfpruch aufheben fann, nach 
der Behaupfung des Katholicismus, nach welcher, tag, 
obgleich vom Einzelnen ausgehend, immer allgemeiner 
in irgend einen Conſenſus übergeht, nothwendig göfflis 
cher Abfunft feyn muß. 

Von der gefchloffenen Zahl der fieben Sacramente 
alfo in den erften ſechs oder neun Jahrhunderten Feine 
fihere Spur, obgleich nicht felten von mehr denn zwey 
Sacramenten die Rede ift, aber darum doch noch nicht 
immer in der Zufammenftellung mit Taufe und Abend» 
mahl oder nur in einer Neihe mit diefen. Tertullian, 
der dag Wort zuerft in die Firchliche Terminologie ein: 
führte, begreift unter dem Namen des Sacramentg die 
vorsüglichften Cerimonien des Chriftenthums, Taufe und 
Abendmahl in der Bedeutung einer eidlichen Verpflich— 
tung, durch welche der Soldat fi dem Dienfte feineg ' 
Herrn weihet und verbindet k). Allein außerdem be: 
zieht er den Ausdruck noch auf alle Firchliche Anftalten, 
befonders auf die geheime Lehre und die Lehre von der 
Perſon Chrifti überhaupt 1). Solch einen weitern Be: 
griff des Sacraments findet man auch bey Hilariug, 





k) Sn diefem Ginne eines Sol—⸗ 
dafeneides ſpricht er von Taufe 
und Abendmahl De baptismo cap. 
ı. de cor. mil. e. 3. vergl. con- 
tra Marcionem c. 1. 4. ganz fo, 
wie nuch Plinius der jüngere dag 
Wort nabm in der berühbmsen 06. 
Epiftel: quod se sacramento ob- 
stringerent non in scelus etc. in 
P. P. Apost, ed. Cotel. II. p. ı81. 

l) Sacramentum Christi, Sacra- 
mentum fidei, wie er die in der 
disciplina arcanı aufbewabrte Ge— 
beimiehre nennef. Sn diefem Gin« 
ne nennf auch Epprian das Ges 
be£ des Herrn ein Garrament, fo 


fern es nämlidy einen fiefen und 
gebeimnißpollen Ginn in fi 
ſchließt. Orationis dominicae sa- 
cramenta. De orat. dom, c. =. 
Auf die ibm fonft wohl nod zu« 
geſchriebene Schrift de ablutione 
pedum ift es am beften, ſich gar 
nich£ zu berufen. Denn diefe ge: 
hört ibm nice zu. Doch felbit 
der fpätere Berfajfer diefer Schrift 
nimmt nicht fieben Gacramente 
an, fondern nur fünf und unters» 
ſcheidet noch die, welche von Chri— 
ftus felbft eingefegt worden, von 
denen, welche nachher die Apoftel 
eingeführt. 


— 105 — 


der die geheimnißvolle Unwiſſenheit des Erloͤſers eine 
Veranſtaltung des Schweigens und die Menſchwerdung 
Chriſti ein Sacrament nennet m). Hieronymus nennet 
die ganze heilige Lehre Jeſu alſo, wie auch die geheimen, 
der Welt undefannten Lehren, wie die von heiligen Maͤch— 
ten, von der ehemaligen Gewalt der Dämonen und von 
ihrer Zerftörung durch Chriſtum n). Ein Conzilium zu 
Hippon nennet das Sal ein Sacrament, welches den 
Katechumenen gereicht wurde 0). 

Wie die Iateinifchen, fo dachten auch die griechifchen 
Kirchenväter darüber pP). Was Eyrillus von Serufalem 
von dem Chrisma fpricht, verfteht er nicht von einem 
eignen Sacrament, fondern von einer mit der Taufe 
verbundenen Cerimonie. Gelbft der befannte Pfeudodio; 
nyſius, der fi) auf die Myfterien fo fehr verfiand, ers 
wähnet nicht der Buße, nicht der Ehe, nicht der Sal, 
bung der Kranken: denn die GSalbung der Geftorbenen, 
von der er fpricht, erkennt die Fatholifche Kirche felbft 
nicht für ein Sacrament q). Diefem myfteriöfen Dio: 
nyfius Areopagita zu Folge rechnete man feit dem ſechs— 





m) Sacramentum nesciendi erat 


in Dftern weder Milch nod Ho» 
dispensatio tacendi. De Trinitate 


nig braßfen, fo verordnete die 


1. IX. p. 1023. ed. Bened. Sacra- 
menta hominis ]. c. ]. VIII. Auch 
Ambrofius nenne die Menſchwer— 
dung Ebrifti fo. De Spiritu S. |. 
III. Tom. II. ed. Bened. p. 600, 
und ſchrieb ein eigenes Bub de 
‚incarnationis dominicae sacramen- 


‘to. Opp. II. p. 703 sqgq. 


n) Omne christiani dogmatis 
sacramentum. Ep. ad Pammach. 
advers. haeres. Johann. ep. 53. 
Ignota seculis sacramenta. Com- 
mentar. in ep. ad Ephes. Tom, 
IV. Opp. P. I. p. 320. ed. Mart. 


0) Da nämlich die, Gläubigen 


Gpnode, man follte den Katechu— 
menen nur von dem dargebrach— 
ten Galze geben. Cod. Can. ec- 
cles. afric. p. 862. in Harduini 
Conc. I. auch eingerüdt in die 
Ganonen der Gartbager - &pnode 
p- 961. Mansi III. p. 909. Den 
dunklen Eanon bat Aubefpine ers 
Täufer£ Obseryatt. J. II. p. 290. 
ed. Helmst. 


p) Suiceri ’Thesaur. s. h. v. 

q) Merz ds ro acmaorer 
ETIXSE: TW Heroiunuea Te 
gAuıov 0 keguexXas» De bierarch, 
eccles. c. 7. $. 8. I. p. 250. 


— 106 — 


ten Jahrhundert zu. den Sacramenten außer der Taufe 
und dem Abendmahl noch die Weihung des heil. Oels 
(Feiern yupov), wobey faft zweifelhaft fcheinen koͤnn⸗ 
te, ob er darunter die bloße Conſecration des Chrisma 
oder die Conſignation mit dieſem verſtand, die Einwei— 
hung zu kirchlichen Aemtern (iepurizaı TeAsıwTarg), 
den Möndsftand (uovaxızn TeAuumrız), und die Ge: 
bräuche bey den Verfiorbenen (Tregı Twv ieowms #801. 
penmevov ), die, wie ſchon geſagt, der legten Delung in 
der fatholifchen Kirche gar nicht entiprechen, mweil fie an 
den bereits Entfchlafenen vollzogen wurden r). 


Auch Gregor der Große erwaͤhnet nocd nichts von 
fieben Sacramenten, wohl aber führet er neben der Tau: 
fe und dem Abendmahl das Chriema auf, und noch im 
neunten Jahrhundert zählet Paſchaſius Nadbert zu den 
Sacramenten nur Taufe und Abendmahl s). Hieraus 
gehet hervor, daß man bis aufs neunte Jahrhundert wer 
nigftens fonnte ein vechtgläubiger Chriſt feyn, ohne von 
fieben Sacramenten zu wiſſen: denn wo man auch von 
mehreren fprach, als von zweyen, fegte man nicht nur 
immer einen innern Unterjchied voraus, ſondern man 
nahm auc das Wort Sacrament; von andern Dingen 





r) Sieraus baben felbfi katho⸗ 
liſche Schriftfteler gefchloffen, daß 
die lateiniſche Geremonie der Fir: 
melung und legfen Delung und in 
der Art und Form wie ben den 
Lateinern, den Griechen unbefannt 
gewefen und es nicht leugnen Fön: 
nen, daß diefe noch im g. Jabrb. 
ſtatt der Beichfe den Möndsftand 
aufführten. Gelbjt £eo Allatius, 
der den beftändigen Confenfus 
der griech. und lat. Kirde auch 


in diefer Lehre zu Bemweifen, fi 
wur auf fpätere kirchliche Schrift 
fteler beruft, Eonnfe diefe Gchmwie- 
rigfei£ nicht überwinden. De ec- 
cles. occid. et oriental. perpet. 
cons. ]. III. c. 16. p. 1269. 


s) Sunt autem Sacramenta Chri- 
sti in ecclesia baptismus, corpus 
quoque Domini et sanguis. De 
coena Dom. c. 3. in Bibl. max, 


PP. T..IX. P- r, p. 122. 


gebraucht, zugleich in einem ganz andern Sinne t). Als 
lerdings haben die Alten nicht ohne Ehrfurcht gefprochen 
von der Weihe, der Ehe, der Buße, wie auch die Pro: 
teſtanten von ihnen fprachen, als heiligen Dingen und 
Handlungen. Indem aber die Synode zu Zrient gegen 
Alle das Anathema fehleudert;, die nicht gerade fieben 
Sacramente annehmen wollen, hat fie alfo zugleich den 
Stab gebrochen über eine Firchliche Vorzeit von mehr 
denn neun Jahrhunderten, die doc fürwahr darum nicht 
weniger fromm und chriftlich war, weil fie nicht gerade 
an fieben Sacramente glaubte. Diefe Verfügung hat 
die Kirchenverfammlung fo wenig im Geift und Con: 
fenfus der Kirche gemacht, daß fie im Gegentheil den 
entfchiedenen Diffenfus des chriftlichen Alterthums gegen 
fih hat. 

Doch nicht ohne Schein beruft man fih auf Augu— 
ſtinus, und es ift nicht zu leugnen, er dehnte den Be— 
griff des Sacraments wenigſtens fehr weit aus, fo, daß 
er niche nur fieben, fondern noch weit mehr heilige 
Handlungen und Gegenftände darunter befaßte. Der 
Beweis alfo, daß er an fieben Sacramente geglaubt, ift 
gleichfalls aus ihm nicht zu führen. Nicht nur Taufe 
und Abendmahl nennet er Sacramente, und rechnet fie 
mit Anfpielung felbft auf die geringe Zahl der. Sacra— 
mente, in ganz ausgezeichnetem und befondern Ginne 
dazu u), fondern auch die Ordination w), die er mit 





t) Deswegen feßte fon Hila— 
rius, wo er von den eigentlichen 
und mwabren Öacramenten fprichf, 
noch das Wort mysterium dazu: 
per sacramentorum mysteriun, 
weldes in dieſem al zur Si— 
cherheit und Unterfcheidung keine 
Zaufologie mar. De Trinit. |. 
VIII. p. 1012. ed, Bened, 


u) Pauca pro multis eaque fa- 
ctu facillima et intellectu augu- 
stissima et observalione caslıssi- 
ma ipse Dominus et apostolica 
tradıdit disciplina: sicuti est bap- 
tismi sacramentum et celebrario 
corporis et sanguinis Domini. De 
doctr. christ. 4. UI. c. 9. Tom. 
Ill. 


— 105 — 


der Taufe zuſammenſtellt *), die Salbung x), die Ehe, 
der er die Vielweiberey, als eine vormals für heilig ge 
haltene Sache (Sacramentum ) gegenüberfiellt y) und 
das Kreuzes Zeichen auf der Stirn, welches jedoch kei— 
nesweges die Eatholifhe Firmelung ift: denn Yuguftin 
ſagt felbft, daß die Katechumenen vor der Taufe auf 
eine gewiffe Art dadurd) geheiliget worden 2). Gelbft 
auf einzelne heilige Handlungen des alten Bundes bes 
ziehet er den Namen des Sacraments a): überhaupt 
alle Gebräuche, die außer und vor der Taufung dazu- 
nal üblic) waren, befaßt er in diefem Namen b), dag 
Heweihte Brodt nicht einmal das zum Abendmahl con: 
fecrirte, fondern blos für die Katechumenen beftimmte, 
ferner, wie fchon oben bemerft worden, das Sal; c). 





26. Jedoch nennet er daffelbe nuss» 


w) In ordinatis manet Sacra- 
drüdlih ein Gacramenf. Contra 


mentum ordinationis. De bono 
conjug. c. 24. 

*) Virumque Sacramentum est 
et quadam consecratione homini 
datur, illud, cum baptizatur, 
istnd cum ordinatur. Contra ep. 
Pameliani ). UI. c. 15. Tom. IX. 

x) In genere visibilium signa- 
culorum sacrosanctum est. Con- 
tra lit. Petiliani 1. II. c. 104. Vi- 
sibile illud sanctum Sacramentum 
discernendum est ab invisibili un- 
ctione charitatis. ib. 

y) Sicut sacramentum pluralium 
(uxorum) illins temporis signifi- 
cavit multitudinem Deo subjectam 
in terrenis omnibus gentilibus, 
sie sacramentum nupliarum sin- 
gularium nostri temporis signih- 
cat unitatem ommnium nostrum 
subjectam Deo futuram in una 
coelesti civitate. De bono conjug. 
c. 18. ebendafelbfi fag£ er ven 
der Ehe, cuiusdam sacramenti est. 
Me—⸗ 

2) De peccator. meritis J. I. e. 


Faust. ]. 19. c. 14. u. Sermo 19. 
de Sanct. in hac crucis figura 
continetur Sacramentum. 

a) Ejusdem virtute Sacramenti 
Moses in deserto bis (petram) 
virga percussit. Serm. 19. de San- 
ctıs. * 

b) In Sacramentis, in catechi- 
zando et in exorcizando adhibe- 
tur prius ignis etc. in Psalm. 65. 
dabin rechnet er felbft exorcismos, 
orationes, cantica, insufflationes, 
cilictum, inclinationem cervicum, 
humilitatem pedum etc. De Symb. 
ad Carechum. 1. IV. c. 1. cfr. de 
grat. Christi et de pecc. orig. |. 
11. p. 250. Tom. X. 

c) De catechiz. rudib. T. VI. 
p- 206. Quod (Catechumeni) ac- 
cipiunt, quamvis non sit corpus 
Christi, sanctum est tamen et 
sanctius, quam cibi, quibus ali- 
mur, quoniam Sacrıamentum est. 
De peccator. mer. ]. II. c. 26. 
von der Euchariſtie unterfcheider 


— 109 — 


1nd wie hätte auch nicht einer, wie er, allen diefen hei- 
ligen Formen den Namen des Sacraments beilegen fol- 
fen, da in feiner Idee Alles ein Sacrament war, was 
an fich finnlicher Art, doch mit dem Ueberjinnlichen auf 
irgend eine Weife zufammenhängt d): jedes heilige oder 
geheiligte Zeichen ift ihm ein Sacrament, ſey es im N. 
oder A. T. verordnet, wie das Chrisma, oder erft durch) 
firchliche Anordnung dazu beſtimmt worden, mie das 
Zeichen des Kreuzes e). 


Auch noch lange nach Auguftinus bis fief ins Mit 
telalter hinein findet man nichts firire in Anfehung der 
Sacramente; vielmehr nur die größefte Ungleichheit dar; 
über unter den Firchlichen Lehrern F). Noch Rhabanus 
Maurus wußte nichts von der beſtimmten Zahl der fie 
ben Sacramente, fondern feßte nur die Salbung (das 
Chrisma) noch zur Taufe und zum Abendmahl; alfo 
noch in der erfien Hälfte des neunten Jahrhunderts 
wußte einer der gelehrteften Männer der Kirche nichts 





er diefes Brod£ durch die Worfe: 
non ila sicut eucharistia Sacra- 
mentum est. ]. c. 


d) Quae quum ad res divinas 
pertinent, Sacramenta appellan- 
iur. Ep. 5. ad Marcell. 


e) Sacramentum sacrum signum 
est. De civit. Dei 1. X. c.5. In 
nullum nomen religionis seu ve- 
zum seu falsum coagulari homi- 
nes possunt, nisi aliquo signacu- 
lorum vel sacramentorum visibi- 
lium consortio colligentur. Con- 
tra Faust. ]. ıg. c. ır. Multa Sa- 
cramenta alıter atque alıter acci- 
pimus, quaedam, sicut noslis, 
Ore accıpimus, quaedam per to- 


tum corpus accipimus. In Psalm. 
141. Jesus Christus Sacramentis 
numero paucissimis, observatione 
facillimis, significatione praestan- 
tissimis societatem novi populi 
colligavit: sicut est baptısmus, 
Trinitatis momine cConsecratus, 
communicatio corporis et sangui- 
nis ipsius et si quid aliud in 
seripturis canonicis com- 
mendatur. Epist. ad Jan. 118, 


f) So ftellef Cafianus noch die 
Taufe mit der Geburt Ebrifti zu« 
fammen und fprich£ don beiden, 
als Gacramenten: utriusque sa- 
cramenti soiennitas. Collatt. PP, 
X. obgleiy er auch die Ehe alfo 
Benennt, nad) Epheſ. 5. Coll. XXI. 


davon g). Selbſt der heilige Bernhard rechnet noch im 
zwölften Jahrhundert das Sußwafchen zu den Sacra; 
menten und nennet es das Sacrament der Vergebung 
unferer Sünden h). Und wenn man auch zugiebt, daß, 
wie Manche auf mehr oder weniger, fo Einige, befon- 
ders vom fiebenten Jahrhundert an, auch auf fieben Sa: 
cramente verfielen, fo war doch die Ungleichheit wieder 
an einer andern Seife fihtbar, nämlich in demjenigen, 
was denn nun zu diefen fieben zu rechnen fey und eine 
- Stelle in dieſer Neihe verdiene. Unter diefen Umftäns 
den muß ja wohl die Mühe fehr vergeblich und Frucht: 
los feyn, welche fich Einige gegeben haben, nämlich die 
Lehre von fieben Sacramenten als einen Gegenftand der 
disciplina arcani noch aus dem zweiten und dritten 
Sahrhundert heraufzuleiten i): denn warum . fprechen 
die, welche unter allen Lehrern jener Zeit am meiften 
davon verftanden, Clemens und Drigeneg, fonft fo deut: 
li und unverhohlen gerade von den höchften Sacra— 
menten, der Taufe und dem Abendmahl, ohne der an- 
dern oder derfelben in diefer Ordnung zu gedenfen, und 
warum ‚tritt nicht, nachdem die disciplina arcanı uns 





g) De clericor. institut. et cae« 
rimoniis eccles. ]. III. Opp. T. VI. 
ed. Hittorp. ]. ı. c. 24. p. 320. 


septimum saeculum egerit de sep- 
tem sacramentıs, eorumgque rıtus 
exposuerit; worauf er dann in 
feiner rbe£orifchen Webertreibung 
alfo fortfährt: e contra vero post 
septimum saeculum non modo 


h) Sermo de coena Dom. Opp. 
1I. p. ı8r. 


i) ©o felbft des Baronins Gris 
fifev Pagi ad a. rı3.n.9rp. 120. 
und befonders der Sefuit Schel— 
ftrefen: Si pervolvamus omnia an- 
tiquitatis monumenta, si perscru- 
temur cuncta antiquissimorum pa- 
trum scripta, si investigemus ipsa 
Synodorum decreta, nullam tra- 
etatum, nullum librum, nullum 
decretum reperiemus, quod ante 


apud latinos, sed etiam graecos 
frequens eorum memoria reperi- 
tur, quum integri tractätus de 
illis compositi habeantur nihilque 
tot scriptorum libris totque Sy- 
nodorum decretis aeque celebre- 
tur, quam theologica de septem 
sacramentis materia; Schelstraten 
diss. apolog. de Discipl. arc. c. 7. 
art. I. p. 104. 


— III — 


tergegangen oder öffentlich geworden war, diefe Lehre fos 
gleich hervor, wenn fie wirklich ein Gegenftand ‘derfel, 
ben war? | 
Erft die Scholaftifer firirten die Zahl der Sacramen: 
te auf fieben, offenbar, weil fie den Begriff eines Sa; 
craments nicht von den Merkmalen ‚der beiden von Ser 
dermann dafür anerfannten abftrahirten, fondern weil 
fie den Auguftinifchen Begriff davon, als von heiligen 
Handlungen überhaupt annahmen und fich ihnen die fie- 
ben fo befonders empfahl, als eine heilige Zahl. Nur 
machten fie doch noch den Unterfchted, daß fie den bei- 
den allgemein anerfannten Sacramenten vor allen übri- 
gen den Vorzug gaben, aus dem Grunde, weil fie allein 
die Einfegung von Chriſtus für ſich hätten k), Ob 
gleich der Scholaftifer Petrus Lombardus in der von 
ihm zuerft aufgeftellten Neibe der fieben GSacramente 
alfe die zähle, welche noch jeßt die Fatholifche Kirche 
aufführe 1), fo findet man doc) noch unmittelbar vor 
ibm und nach ihm noch Zeugniffe genug von entgegen: 
gefegter Lehre; fo wenig war jene in ihrer Neuheit ans 





k) Alerander von Sales me 
nigftens, wo er der fieben Sacra— 
menfe gedenkt, fagf ausdrüdlich 
dabey, daß nur die beiden, Tau: 
fe und Abendmahl, die eigentliche 
und förmliche Einfegung pon Chris 
ftus für ſich hätten. Duo tanıum 
instituta esse a Domino secun- 
dum suam formam, Baptisma et 
Eucharistia. Sent. P. IL. qu. 8. art. 
2. Wie wenig fich diefes von den 
fünf übrigen fagen laſſe, Eonnte 
er. freplich noch beffer wiffen, als 
die Gpnode zu Trient, Die eg 
auch von diefen Herficherf. Alexan— 
der führt dafür den ſchon bey 
den Kirchenvätern üblichen Bes 


weis an, teil aus der Geife Chrie« 
fti Blue und Waffer_gefloffen und 
weil es ı Job 5, 8. heißt: drey 
find, die da zeugen, der Beift, 
das Waffer und das Blu£. P. IV. 
qu. $. art. 2. qu. 24. I. Der er 
fiere Grund kommt befonders bey 
Auguftinus häufig vor. Mortuo 
Christo lancea percutitur latus, 
ut perfluant Sacramenta, quibus 
formatur ecclesia. Tract. 9. in Jo- 
hann. De latere Christi eccle- 
siae Sacramenta prolluxerunf, In 
Psalm. 40. 


1) Sententt. ]. IV. Dist. 1—4a. 
Lugd. 1593. p. 292. sgq. 


— 112 — 


erfannt m). Hat doch ſelbſt einer von Petrus Zeitge— 
noffen, Hugo von St. Victor, noch einen fo weiten und 
vielumfaffenden Begriff vom GSacrament, daß er dahin 
auch das Weihwaffer rechnet, die Befprengung mit Afche, 
die Weihung der Palmen, der Mayen, der Wachsferzen 
und Gloden n). Noh im Jahr 1124. machte Dfto, 
der Biſchof von Bamberg, die Pommern mit fieben Sa; 
cramenten befannt, die eben Feine andern waren, als 
welche die Fatholifche Kirche nachmals allgemein ange: 
nommen hat 0). Bey dem großen Anfehen, welches 
Petrus Lombardus behauptete für alle ihm folgende 
Scholaftifer ift begreiflich, wie unter den Theologen und 
und Lehrern der Kirche wenigftens der Glaube an fieben 
Sacramente nun bald üderall herrfchend wurde. Nur 
in der Erklärung der. Abfiche und Bedeutung der Sie 
benzahl in den Sacramenten war Feine Uebereinftims 
mung; vielmehr ſchon dazumal das Feld geöffnee der 
freyeften Dichtung. Bald bezogen fie die fieben Sacra— 
mente auf eine fiebenfach verfchiedene Art menfchlicher 
Theilnahme an dem Eirchlichen Leben, und beflimmeten 
alfo die Taufe für die, welche in die Kirche eintreten, 
die Eonfirmation für die, welche im Kampf DBeveftigung 
und Stärkung bedürfen, das Abendmahl für die, welche 
wachſen müffen und zunehmen an geiftlichen Kräften, 





Bandinus die Lebre von fieben 


m) Denn mag der Gcolaftiker 
Gacramenfen nicht borgefragen, 


Bandinus por Lombardus gelebt 


und diefer aus jenem abgeſchrie— 
ben baben, wie er befchnldigee 
wird, pon Cramer in der Fortſ. 
von Boffuets Weltgefb., wo fi 
auch ein lateinifber Yuszug aus 
Bandini libris IV. Sent. befindet, 
Ih. 6. ©. 351 — 878. oder Bandi» 
nus nah Lombardus und dieſen 
ercerpirt haben: gewiß ifl, daß 


wenn man aud gleich mit Cra= 
mer nicht fagen kann, er babe 
nur don zweyen gemwußf. 

n) De Sacram. fidei chrisr, 1. 
U. bey Gramer, a. D. VI. S. 835. 


o) Vita S, Ottonis in Canisü 
Leett. ant. T. III: P. 2. ed. Bas- 
nage 1. U. c. 3. p 61- 63. 


x 


die Buße für die Gefallenen, aufdaß fie fich wieder 
erheben, die Ordination für die Diener der Kirche, die 
Ehe für die, welche der Kirche neue Mitglieder verfchafs 
fen, die legte Oelung für die, welche aus der Kirche 
treten p). Bald bezogen fie die" fieben Sacramente auf 
die fieben Haupttugenden. Die Taufe alfo macht den 
Menfchen fähig zum Glauben, die Confirmation zur Hoff: 
nung; das Abendmahl zur Liebe, die Buße zur Gerechs 
tigkeit, die Ordination zur Heiligkeit, die Ießte Delung 
zur Standhaftigfeit; die Ehe zur Mäßigfeit q). Bald 
betrachteten fie diefelben als eben fo viele Verwahrungs—⸗ 
mittel gegen eben fo viele Sünden oder geiftige Krank— 
heiten, deren es auch nur fieben giebt: alfo dient die 
Taufe gegen die Erbfünde, die Buße gegen die Todfüns 
den, die Ießte Delung gegen die erlaßlichen Sünden, die 
Priefterweihe gegen die Unmwifjenheit, die Euchariftie ges 
gen die Bosheit, die Confirmation gegen die Schwach» 
heit, die Ehe gegen die Concupiſcenz r). Auch auf die 
fiebenfache Art der Opferthiere im A. T. und die Spren- 
gung ihres Blutes werden von Einigen die fieben Sa: 
cramente bezogen 5). Andere nahmen fieben Sacramens 
te an, aus dem Grunde, weil der güldene Leuchter im 
Tempel fieben Lampen hatte, oder das Buch) in der Apo— 
calypfe fieben Siegel; Andere, weil Chriftus das Volk 





p) Comp. theol. scholast. ap. 130. et Supl. ad P, II. qu ı— 
Chemmnit. Examen Conc, Trid. II, 68. 


p- 275. s) Woben Bellarmin ausrufe: 


q) Thom. Aqu. Summa P. III. 
qu. 65. art: 1. 


Tr) Die weitläuftigſte Unterſu⸗ 
ung über die Bedeutung der fie: 
Ben Sacramence ſtellte (bon Tho— 


‚ mas vou Aquin on a. D: qu. 606 


ita frequens est numerus septe= 
narıus ın expialioninus, üt ota 
scriptura clamure videatur, futu= 
ram aliquando fuisse tempus, quo 
septem insignia et efficarissima 
remedia d“rentuor a Deo in ex- 
piaticnem peccatorum, De Sacram, 
I. I. c. 20, 


Marbeinede Spft. d. Katholicismus. III, 8 


— 114 — 


mit ſieben Brodten geſaͤttigt, und der Jeſuit Scherer 
gar aus dem beſondern Grunde, weil die Fuhrleute bey 
ſieben Sacramenten fluchen t). Es iſt leicht genug hier; 
aus zu erkennen, welche Zufälligkeit die Scholaftifer ge 
vade auf die Giebenzahl der Sacramente geführt, und 
wie ſchwer, ja unmöglich ihnen war, auch in diefer Bes 
siehung ber in fo mancher andern, in dev Lehre befon; 
ders von der Tugend und Sünde, einmal geheiligten 
und fich gegenfeitig correfpondirenden Zahl der Sieben 
auszuweichen. Die Scholaftifer waren dann auch die 
Duelle, aus welcher der Papft Eugenius IV. diefe Lehre 
fchöpfte, alg er im J. 1439. auf der Synode zu Flo: 
ven; fo glüclicy war, die Armenier zum Glauben an die 
Iateinifche Kirche zu bringen und in das Decret, worin 
er fie von der lateinifchen Lehre unterrichtete, auch diefe 
von fieben Sacramenten mit einfließen lieg u). Keine 
einzige Kirchenverfammlung hatte bis faft in die Mitte 
des funfzehnten Jahrhunderts die heilige Sieben der Sa: 
cramente feftgefeßt; und die Armenier mußten nach mehr 
als taufend Jahren diefe neue Lehre von Nom empfan- 
gen; ohne welche fie doc) fehon in den ſchweren Zeiten 
der Divcletianifchen Regierung fo ausgezeichnet fromme 
und rechtfcehaffene Chriften gemefen waren ww). 

Und doc) möchte immerhin die Fatholifche Kirche 
ihre fieben Sacramente behalten, wenn fie derfelben eins 





t) Mosheims Streittheologie II. 
©. 489. Die neuefte poetifhe Deur 
fung der fieben Gacramente und 
ein neuer Beitrag zu den bereits 
angefübrten Erklärungen ift die 
Auslegung von Herrn von Götbe 
im deſſen Biographie Il., tel; 
de wenigftens den Ddriffen we— 
fentlihen Character alles defjen, 


was wahrhaft katholiſch ſeyn fol, 
das Alterthum, nicht für ſich hat, 
wie ſich noch in der folgenden 
Entwickelung dieſer Lehre genug— 
fam zeigen wird. u 

u) Decretum Eugenii Papae IV. 
in Hard. Conc. IX. p. 455. sqggq- 

w) Wie Eufebius bezeuget Hist 
eccles. 1. VIII. c. 6. 


— II5 — 


mal nicht entbehren Fann, und felbft aus den firengften 
Grundfägen des Proteſtantismus fönnte man nichts da- 
wider haben, wenn fie e8 nur befennen wollte, zu dieci- 
plinarifchem, rein Firchlichem Zweck, um das einzelne res 
ligiöfe Leben mit dem öffentlichen feft zu verferten, um 
dem veligiöfen Sinne und Glauben einen Kreis von 
fanctionirten Eultusformen darzubieten, an welche jede 
höhere Empfindung leicht und ficher fich anreihen koͤnne, 
babe fie dergleichen anzuordnen mit der Zeit für nöthig, 
gut und zweckmäßig befunden. Go wird die Sache 
meiftens auch von denen angefehen, welche die fieben 
Sacramente als eine löblihe Einrichtung preifen und 
empfehlen, wobey fie nur zweyerley nicht bedenfen Erſt— 
lich, daß es felbft der geiſtigſten Religion und mithin 
auch dem Wefen und Geift des Proteffantismus durch- 
aus nicht mwiderfpricht und widerftreitet, eine Reihe finn- 
voller, edler und erhebender ultusformen aus ſich zu 
erzeugen, einen geiftvollen, wenn man will, facramentlis 
chen. Eyclus von heiligen Erfcheinungen und Handlun: 
gen aus fich zu entwickeln, die um fo bedeutfamer und 
religiöfer wirken werden; je einfacher und wuͤrdiger, je 
ficherer fie aus dem innerfien Geifte entfprungen find 
und ihre Abfunft aus einem religiöfen Sinne und Ge: 
danken verrathen. Daß der Proteftantismug von Anbe: 
ginn an in Erzeugung folcher Formen fehr mäßig und 
enthaltfam geweſen, davon war die Urfach bisher Feine 
andere, als weil er aus langer Erfahrung die traurigen 
Misbraͤuche erkannt hatte, welchen dergleichen Anordnun— 
gen bey Allen ausgefegt find, welche nicht ſtets im Geiſt 
" derfelben verbleiben, und meil er feinen Gegenfag zum 
Katholicismus, in welchem diefe Formen überwiegend 
herrfchen und nicht ohne den augenfcheinlichften Mis— 
brauch, reiner und conflanter behaupten wollte. Aus 
8* 


— 116 — 


der Mitte eines abgeſchloſſenen kirchlichen Lebens hervor— 
gegangene Inſtitutionen aufzunehmen und durch den 
Geiſt des Chriſtenthums und Conſenſus aller Kirchen 
ſanctionirte Ritus einzufuͤhren, welche zur Verſchoͤnerung 
des Gottesdienſtes, zur Feyerlichkeit, zur Erhebung und 
Erbauung dienen, iſt ein heiliges Vorrecht jeder kirchli— 
chen Gemeinſchaft, welches fie mit ihrem Daſeyn errun⸗ 
gen und nur mit ihrem Untergange wieder verlieren 
fan. Und was kann wehren, folchen fnmbolifchen Hand: 
lungen und Cerimonien den Namen der Gacramente 
beyzulegen, da diefer von jeher fo bedeutfam und viel: 
deutig war, fobald man fie nur genau und ficher genug 
von den beiden von Chriftus felbft eingefeßten Sacra— 
menten zu unterfcheiden weiß, denen man diefe Namen 
bisher im hoͤchſten und einzigen Sinn beilegte. Gar 
vieles kann noch auf diefe Art zum Sacramente werden, 
gie die heilige Muſik z. B., welche eben fo gut mwenigs » 
ſtens, als manches andere, was die Fatholifche Kirche 
dahin rechnet, in dieſe Neihe geftellt zu werden verdiente. 
Was aber zweitens bier hauptfächlich von Bedeutung ift 
und von Allen, welchen das Fatholifhe Wefen der fie- 
ben Sacramente wohlgefälft, nicht überfehen werden foll- 
fe, ift dieß, daß diefe Kirche von den fünf übrigen Ce- 
rimonien, welche fie der Taufe und dem Abendmahl an 
die Seite ftellt, behauptet, jene feyen in dem nämlichen 
Sinne Sacramente, wie bieſe, wahre und eigentliche 
(vere et proprie) und, tie diefe, von Chriſtus felbft 
eingefegt (Fuisse omnia a Jesu Christo Domino no- 
stro instituta), Dieß anzuerkennen fann einem rote: 
ftanten, welchem das Chriſtenthum nicht ganz fremd ift, 
wie er eg auch anfangen mag, nicht gelingen und die 
feg anerkennen zu follen, ift eine graufame Zumutbung, 
wie die noch folgende Hiftorifche Entwickelung der ein: 


zelnen dieſer Sacramente zeigen twird. Außerdem aber 
bat fie ſchon hier, wo wir zunächft dag Allgemeine be: 
trachten, von dem Wefen des Sacraments felbft fo ganz 
eigenthümliche Vorſtellungen aufgefaßt, denen der Brote 
ſtant aus höheren Gründen feinen Beifall fchlechterdings 
verfagen muß. j 

Sie lehrt zunachft, an diefe Sacramente fey die Gna— 
de Gottes innerlich und nothwendig gefnüpft, fe, daß 
fie nicht blos durch fie, als eigentliche Gnadenmittel, 
fondern in ihnen und ihnen nothwendig verfnüpft em: 
pfangen würde und wirft. An diefem Puncte tritt 
abermalg eine jener Divergenzen hervor, welche durch) 
das ganze Syſtem ihre Folgen verbreiten und über mwel- 
che fi) aus einander zu fegen, jedem Syſtem im Ber 
haͤltniß zu dem andern, wichtig feyn muß. Es iſt fehr 
zu bedauern, Daß es der Synode zu Trient nicht gefal- 
len bat, fich hierüber in einem eigenen dogmatiſchen De: 
cret zu erflären: allein die Schwierigfeit diefer dornigten 
Unterfuchung, in welche die Väter dabey eingehen muß- 
ten, erklärt; warum fie e8 bequemer fanden, fih in fol- 
chen vielbedeutenden Aphorismen auszuſprechen. Die 
wahre und genaue Differenz liegt aber, wie wohl zu mers 
fen, bier Feinestseges in den negativen Beftimmungen, 
welche die Synode fid) in ihrer pofitiven Lehre gegen- 
überfiellt. Sie lehrt, daß die Sacramente nicht blos 
dazu da feyen, um den Glauben zu flärfen x), daß fie 
nicht blos Außerliche Zeichen der. durch den Glauben 
empfangenen Gnade oder Rechtfertigung y); auch nicht 





x) Si quis dixerit,. haec sacra- y) Si quis dixerit, sacramenta 
menta propter solam fidem nu- novae legis non esse ad salutem 
triendam instituta fuisse, analhle- nmecessaria, sed superflua et sine 


ma sit, ]. c. Can. 5. eis aut eorum voto per solam 


— 115 — 


blos Außerliche Kennzeichen des Bekenntniſſes zum Chri— 
ftenthum feyen 2). Alle diefe Puncte hat die Synode 
in eine polemifche Beziehung geftellt, ohne das Tref— 
fende derfelben in Berührung der proteftantifchen Lehre 
nachzutpeifen. Denn nur das Ereludirende in jenen Be: 
hauptungen kann vertwerflich erfcheinen, und erfcheinet 
auch in der proteftantifchen Lehre fo, wie in der katho— 
lifchen. Schon dazumal gab eg, wie immer und auch 
jetzt, Einige, die da lehrten, gar nichts anderes feyen 
die Sacramente, als Zeichen des chriftlichen Glaubens: 
befenntniffes, wodurch fi) ein Chrift nur unterfcheide 
von einem Juden und Heiden; Andere betrachteten fie 
blog als finnliche Einweihungscerimonien, nach Art der 
auch im Heidenthum üblichen Initiationsformen; Ande: 
re lehrten, die Sacramente feyen nur Symbole chriftlich- 
Firchlicher Gefellfchaft; wodurch man fich kraft der Er: 
innerung zu gegenfeitigen Pflichtleiftungen erwecke und 
verpflichte; Andere fahen in ihnen bloße Allegorieen und 
Andeutungen chriftlicher Sinnesänderung, Nahrungen 
und Erwerfungen des Glaubens, die auch eben fo gut 
ohne den Gebrauch der Sacramente und außer demfels 
ben ftatt finden, wie man dergleichen auch wohl von 
religiöfen Gemälden erwarten koͤnnte; Diele erblickten 
endlic) in den Sacramenten nur Zeichen göttlicher Gna— 
de, welche auch fonft noch und auf andern Wegen dem 
Menfchen zu Theil werde, fo, daß alfo durch die Sa— 
cramente nichts Specififches und Eigenthümliches der 





fidem homines a Deo gratiam ju- na sint acceptae per fidem gra- 
stikcationis adipisci, licet omnia tiae vel justitiae et notae quae- 
singulis necessaria non sunt, ana» dam christianae professionis, qui- 
thema sit, I, c. Can, 4. bus apud homines discernuntur 
eles ab infidelibus, anathema 

2) — quasi signa tantum exter- sit. l..c. Can. 6. 


— 119 — 


Seele mitgetheilt werde. Alle dieſe einzelnen Anſichten 
hat die Synode zu Trient verworfen, mit Unrecht; denn 
warum ſollten nicht die meiſten auch an ſich einen ganz 
wahren und frommen Sinn haben koͤnnen, ſobald ſie 
ſich nur unter einander gelten laſſen, ſobald ſie nur den 
Gehalt und die Wirkung der Sacramente nicht blos 
und allein auf dasjenige beſchraͤnken, was jede dieſer 
Meinungen fuͤr ſich will, und ſobald ſie außerdem noch 
eine höhere Beziehung zulaſſen. Denn in dieſer Form 
find fie doch meiftens von folcher Art, daß fie in beiden 
Spfiemen, im Fatholifchen und proteftantifchen, eine 
‚Stelle finden. Sollen fie aber einen ercludirenden Sinn 
haben, fo find fie wirklich dem proteftantifchen Syſtem 
eben fo fremd, alg dem katholiſchen, und- laffen fich mit 
dem einen fo wenig vereinigen, als mit dem andern, 
wie denn auch die Apologie der Augsb. Conf. ausdruͤck— 
lich dagegen proteftirt. Aber in diefer Bezichung hätte 
doch auch die Synode nicht nötbig gehabt, fie noch be— 
fonders als Eehren der proteftantifchen Kirche zu verdam— 
men, da» diefe von ſolchem Unathema gar nicht getroß 
fen werden Fann, oder ihr nur den Schein zu erwecken, 
als lehre fie wirklich nichts anderes und nichts höheres 
von den Sacramenten, als dieſes. 

Nicht alfo an diefem Ott liege die wahre Differeng, 
fondern ganz anderswo. Aus dem ganzen Geift dieſer 
Canonen geht deutlich hervor, was die Synode wollte. 
Ihr Streben ging fihtbar darauf, der Handlung, der 
Form und Materie des Sacramentes einen böberen 
Werth und Gehalt zu vindiciren, als den eines bloßen 
Mittels, wofür daffelbe, wie hoch auch fonft der Prote- 
ſtantismus davon denfen mag, doc), immer von diefem 
gehalten wird. Nicht als bloße caussae instrumenta- 
les wollte die Synode fie gedacht wiffen, fondern zu 


— I20 — 


gleich ald caussae efhcientes ſelbſt. Nicht im Kein. 
geiftigen, wenn gleich nicht blos im Symboliſchen und 
GSignificativen, werden die Sacramente, wie von den 
Protefianten, fo auch von den Katholifen gehalten, fons 
dern ind Materielle und Actuofe der Handlung wird der 
Geift und das Wefen des Sacramentes von diefen gefeßt. 
Deswegen begnügte ſich auch die Synode nicht, mit den 
Proteftanten gemeinfchaftlic zu fagen, daß die Sacra- 
mente ung Gottes hohe Gunft und Gnade mittheilen 
(eonferre), fondern fie fagte ausdruͤcklich, daß fie die- 
felben in ſich halten und in fich fehließen (continere 
gratiam) — ein in jeder Hinficht glücklicher Ausdruck, 
um die Fatholifche Anficht zugleich von der proteftantis 
{hen aufs genauefte abzufondern, obgleich fie diefelbe 
zunäachft nur der bloßen Bedeutſamkeit der Sacramente 
entgegenfegt a). Nach Fatholifcher Lehre ift alfo von 
Gott die ganze Wirffamfeit der Sacramente nicht an 
den fie aufnehmenden Geift gebunden und an den Glau: 
ben. gewieſen, womit fie empfangen und genoffen wer: 
den, fondern noch diegsfeits und ohne alle folche Bezie— 
hung darauf ſchon an die Handlung felbft gebeftet, fo, 
daß, wo fie nur ordentlich und aller VBorfchrift gemäß 
behandelt und vollzogen wird, fie ihrer göttlichen Kraft, 
derfelben innerlich und nothwendig ſchon verfnüpften ' 





tel: 


a) Si quis dixerit, sacramenta 
novae legis non continere gra- 
tiam, quam significant, aut gra- 
tiam ipsam non ponentibus obi- 
cem non conferree — anathema 
sit. Can. 6. 

Die ganze Lehre pon den Ga: 
eramenten, mie fie die Irienter 
Epnode vorträgt, iſt, meift wört— 
lich, dem Decretum pro uniono 


Armeniorum nachgebildet, 
ches der Papſt Eugenius IV. im 
15. Jahrhe auf feiner Synode zu 
Florenz promulgirte. Da beige 
es dann auch über den vorlie— 
genden Punct im Gegenſatz zu 
den altteſtamentlichen Sacramen— 
fen: haec vero nostra et conti- 
nent gratiam, et ipsam digne 
suscipientibus conferunt. 


Wirkſamkeit nicht verfehlen Fann. Diefem gemäß erklaͤr⸗ 
te auch die Synode noch befonders und ganz confes 
quent, daß die Sacramente nicht etwa blos zuweilen 
und auf Einige ihre Wirfung äußern, fondern, wenn fie 
anders recht erfolge, von Seiten Gottes nothwendiger—⸗ 
weiſe immer vollendet und wirkſam ſey, weil ſolche Wir⸗ 
fung ihr ein fuͤr allemal von Gott nothwendig ver 
fnüpft worden b). So aus der nothiwendigen Bezie⸗ 
Hung. auf den Glauben und aus diefer Bedingung durch 
diefen herausgeſetzt ift alles’ Göttliche des Sacraments 
zugleich) mit feiner nothwendigen Wirkſamkeit in der 
Form und Materie der Handlung befhloffen, und ihre 
bloße mechanifche DVerrichtung nie ohne jene magifche 
Kraft; welche Gott einmal in dieſelbe gelegt und ihr 
nothwendig verbunden hat. Zwar daß diefes oder jenes 
ein Gnadenmittel fey, haͤngt Feinesweges von unfern 
Glauben ab, fondern von göftlicher Anordnung, auch 
nach proteftantifcher Lehre; nicht auf den Glauben des 
Menſchen kommt e8 an, ob im Abendmahl Leib und 
Blut Chrifti wahrhaftig, reell und objectiv gegenmärtig 
ſich mit den finnlichen Geftalten des Brodtes und Weing 
verbinde nach) lutherifcher Lehre; aber daß ihm die darit 
dargebotene göttliche Gunft, Gnade und Liebe wirklich 
zu gut fomme und ihre Wirfung auf ihn beweiſe, hänge 
durchaus allein vom Glauben ab: weil ohne ihn der 


\ 





b) Si quis dixerit, non dari 


gratiam per huiusmodi sacramen- 
ta semper et omnibus, quantum 
est ex parte Dei, etiamsi rite ea 
suscipiant, sed aliquando et ali- 
quibus, anathema sıt. Can. 7. 
Dbgleich das eigentlih Polemi« 
ſche in dieſem Ganon febr tief 
verftedt liege und nicht in den 


Worten etiamsi rite ea suscipiant, 
auch nicht in den Worfen quan- 
ium ex parte Dei, denn in bei» 
den Beziehungen nimmt auch die 
profeftanfifihe Lehre den Inhalt 
diefes Canons an, fo ſieht man 
Doch leicht, was, um doch etwas 
zu fagen, die Gpnode eigentlich 
fagen wollte. 


EEE —— 


Menfch feinen Wohlthäter nicht kennt und feine Gunft 
und Wohlthat nicht nach ihrem wahren Werthe fchägen, 
diefelbe nicht recht genießen, fie nicht zu feinem Heil 
verwenden Fann, fondern vielmehr nur zu feinem Ge; 
richt. Wenn daher auch eine foldye hohe Erwartung, 
wie die Fatholifche Lehre fie faßt von der bloßen Mate- 
rie und Form des Sacramentes, auch noch nicht ganz 
mit Necht Sdololaterie genannt werden Fann, da es doc 
nicht die leere, vielmehr die von Gott mit feiner Gnade 
und feinem Gegen ganz erfüllte Handlung iſt, welche 
dabey vorausgeſetzt wird, fo kann doch, was freylich 
vom Standpunck des Katholicismus nur als die höchfte 
Srömmigfeit und Andacht begriffen twird, von dem des 
Neoteftantisraus nur als bloßer Aberglaube erfcheinen. 
Denn dag eben ift das Wefen der Superftition, daß fie 
Sinnliches und Weberfinnliches, Menfchliches und Götk- 
liches, Organ und Wirkung an fich nicht mehr gehörig 
aus einander zu halten weiß, fondern eins ins andere 
feßt; daß dann der Menfch in feinem Geift das Band 
des Glaubens zerriffen hat, dag ihn allein dem Himmel 
verfnäpft und nun in angftvoller Sorge außer fich nad) 
an ſich finnlichen und leeren Dingen umbergreift, um 
fie mit dem Geifte Gottes erfüllt und verfnüpft und 
gleihfam in diefen ganz vertvandelt, und fo auf fi) 
einflugreich und wirkfam zu denken. 


Um fich mit der proteftantifchen Lehre vom Glau— 
ben recht gründlidy und -auf immer aus einander zu 
fegen, bat die Synode zu Trient einen eigenen Canon 
der Behauptung gereidmet, daß es bey den Sacramen— 
ten des N. B. nicht allein auf den Glauben an die 
‚göttliche Verheißung anfomme, um der göttlichen Gna— 
de darin wirklich theilhaftig zu werden, fondern Daß die— 


— 123 — 


felben fchon ex opere operato mirfen ce). Wenn die 
Synode hier von dem Glauben allein (sola fides) fpricht, 
und von demfelben fagt; daß er nicht Hinreiche zur Erz 
langung der verheißenen Gnade, fo ift jenes nur im 
proteftantifchen Sinne zu nehmen, in welchem jene bei- 
den Ausdrücke ftets verbunden worden, um alle Werk 
heiligkeit und Kraft Außerlicher Verrichtung auszufchlie: 
en, nicht aber fo, als ftatuire etwa die Fatholifche Lehre 
biebey ziwar auch den Glauben, als wefentlich nothtwen- 
dig, nur fen ihr derfelbe nicht genug, und müfz ſich 
mit demfelben noch etwas anderes verbinden; denn für 
dieſen Fall und um diefes auszudrücken, hat die Syno— 
de ganz andere Formeln in Gebrauch d). Auc) geht «8 
aus dem ganzen Geift aller diefer Beſtimmungen klar 
hervor, daß die Synode damit Feinesweges etwas Pofiti- 
ves vom Menfchen ſelbſt verlangen wollte; denn dag 
Aufßerfte, was fie begehrt, ifE ja nur, was fie im vorherge- 
henden Eaton angiebt, nämlic) daß der Menfch der Wirk 
ſamkeit göttlicher Gnade in den Sacramenten nar feinen 
Niegel vorfchiebe (non ponentibus obicem), alfo nur 
etwas Negatives. Wenn aber andrerfeits im proteftan- 





c) Si quis dixerit, per ipsa nos 
vae legis sacramenta ex opere 
operato non conferri gratiam, 
sed solam fidem divinae promis- 
sionis ad gratiam consequendam 
sufficere,, anathema sit. Can. 8, 

d) Non tantum — sed etiam, 
pder tantum — nec' etiam etc, 
Gelbft der mildernde Boſſuet, ob» 
gleih er unter dem Ausdrüden 
non seulement, die jedoch dur 
das folgende ni hinlänglih er: 
läufer£ werden, und unter den 
Worten instrumens du S, Esprit, 
an efwas anderes noch möchte 
denken laffen, ſpricht bier doch 


ganz im Geiſte feiner Kirche, Les 
Sacramens de la nouvelle allian- 
ce ne sont pas seulement des si- 
gnes sacres, qui nous represen- 
tent la grace,'ni des sceaux, ai 
nous la confirment, mais des in- 
strumens du S. Esprit, qui ser- 
vent à nous l’appliquer et qui 
nous la cönferent en vertu de 
parölss, qui se prononcent et de 
Vaction, qui se fait sur nous au 
dehors, pourvu que nous n’y 
apportions aucun obstacle par 
notre mauvaise- disposition. Ex- 
pos. de la doctr. de l’egl. cathol. 
p- 168. 


— 124 — 


tifchen Syſtem der Glaube von Seiten des Menfchen 
als wefentliche Bedingung aller heilfamen Wirkung der 
Sacramente hervortritt, fo fol damit, wie auch fchon 
oben angedeutet worden, Feinesweges geſagt werden, 
überhaupt die Kraft de8 Sacraments beruhe allein im 
Glauben, oder nichts Objectives wirke auf ihn ein oder 
gar, fie feyen an fich gar nichts ohne den Glauben, 
nicht zugleich wahre media gratiae collativa et obla- 
tiva, tie überhaupt damit gar nichts über die Wirk; 
famfeit an fich,  fondern blos über die Wirkung und 
zwar allein über die heilfame Wirfung der Sacramente 
(effectus salutaris) ausgefagt werden follte, wozu der 
Glaube fihlechterdings unentbehrlih. Dieß nur zunachft 
zur Fixirung der gegenfeitigen Nähe und Ferne in den 
Lehrfägen der Fatholifchen und proteftantifchen Kirche. 
Die Fatholifche Lehre vom opus operatum felbft e) 
ift jederzeit dem mannichfaltigften Verſtaͤndniß und Migs 
verſtaͤndniß ausgeſetzt geweſen; die Synode zu Trient 
hat wenig oder nichts gethan, allen Migverftändniffen 
vorzubeugen und nur in weiter Allgemeinheit ſich über 
diefen Gegenfiand erklärt; der doch nicht blos in feiner 
Beziehung auf das Sacrament, fondern befonders noch 
«in der Lehre vom Dpfer u. f. w. fo wichtig iſt. Und 
eine genauere Erklärung wäre hier um fo mehr zu wuͤn— 
fchen geweſen, da nicht ſowohl der Lehrſatz, wie ihn die 
Synode hinſtellt, als der Sinn hauptſaͤchlich, in wel— 
chem er zu nehmen, die Schwierigkeit macht, die von fo 
OB Mi 1 RE TE 
e) Ein Kunftwort, welches ſcho⸗ als aus beiliger Schrift, anführt, 
laſtiſchen Urfprungs und wider fi fröftend mit Auguſtinus Aus« 
ale. Srammatif paffiv gebildet fprud: melius, ut nos reprehen- 
ift, zu deffen Entfebuldigung Bel» _ dant Grammatıciı, quam ut non 


larmin einen äbnliden gramma» ‚intelligant populi. De effectu $a- 
tifhen Zehler aus der Dulgafa, cram. I=E. cp: 178. 


— 1235 — 


großen Folgen ift; zu wiffen, wieviel an allen den fchos 
Iaftifchen Auslegungen deſſelben de kde ift und eben 
damit; welche von den fcholaflifchen Anfichten diefer 
Lehre die augfchließlich richtige und wie wenig damit zu 
vereinigen fo manche andere Vorftelung, die man der 
Fatholifchen Kirche nicht felten, aber ganz ohne Grumd, 
sugefchrieben hat. Man wird hieraus erfennen, twie übel 
es mit einer Lehre beftelle iſt, über welche fo entgegen: 
gefegte Meinungen berrfchen, welche jeder nad) feiner 
bloßen Meinung deutet und verfteht und welche die Firch- 
liche Behörde ſelbſt in einer nicht abfichtlofen ehe 
fehiedenheit gelaffen hat. 

Nach einer diefer Meinungen namlich foll dag opus 
operatum fo viel bedeuten, als ein verdienftliches Werk 
und fich alfo auf die Würdigfeit des Prieſters, der es 
verrichtet, und des Genießenden, dem e8 zu gut Fommf, 
gründen. Die Sacramente wirken nicht durch den Glau: 
ben allein, fondern blog ex opere operato foll alfo 
fo viel heißen, die Kraft und Wirkung derfelben haͤngt 
von der fittlichen Befchaffenheit des Prieſters und deg 
fie empfangenden ab f).. Schwerlich möchte diefe Mei: 
nung an irgend einer Geite des Fatholifchen Syſtems 
eine Stelle finden oder ein Beleg dafür von irgend ei- 
nem Scholaftifer ſich anführen laſſen, da fie vielmehr eben 
im Gegentheil de8 opus operatum dem opus operan- 
tis am häufigften entgegenzufegen pflegen, alfo die Hands 
lung an fi) und in ihrer eignen Kraft von den guten 
und verdienftlihen Handlungen des Priefters und deg 
Genießenden eben durch diefen Ausdruck fo fireng unters 





f) Unter andern Meinungen 86.26. u. Chemnitü Examen Conc. 
mird auch diefe angeführt in Cal Ttid. P. U. p. 95 
vini Inst. rel. christ. l. IV. c. 14. 


— 26 — 


fehieden g). Darin ift ja die Fatholifche Kirche einig 
mit der profeftantifchen, dag die heilfame Wirfung des 
Sacraments keinesweges abhange von der NRechtfchaf: 
fenheit oder Schlechtigkeit des Priefter, der fie verrich— 
tet, nicht als ob es ihnen gleichgültig ware, ob fie ſitt— 
liche oder unfittliche Geiftliche haben, fondern weil fie ja 
fonft anzunehmen gezwungen wären, die Gacramente 
hätten ihre höhere Geltung und Wirkfamfeit nicht von 
Gott, der feine Gnade durch fie walten laffen zu wollen 
verheißen hat, und verlören alle Kraft, fo fie durch die 
Hand eines unfittlichen Priefters verwaltet würden. Auf 
die Gefinnung und ſittliche Würdigfeit des Genießenden 
aber Fann das Fatholifche Syſtem noch weniger die Wirf 
famfeit der facramentlichen Handlung gründen wollen, 
wenn e8 vom opus operatum fpricht, da e8 ja die 
Sacramente meiftens felbft ſchon als ſolche Gnadenmik 
tel betrachtet, durch welche die Rechtfertigung im Mens 
fen veranlaßt, zuerft begonnen und der Menfch felbft 
aus einem ungerechten ein gerechter wird. 

Eine andere, der erftern ganz entgegengefeßte Meiz 
nung ift die, daß die facramentliche Mittheilung der 
"göttlichen Gnade ex opere operato allen Glauben 
und jede fittliche Bewegung ausfchließe und eben darin 
eigenthümlich beftehe, daß zur vollen Kraft und Wirk, 
famfeit des Sacraments der Glaube und die fittliche 
Gefinnung nicht nur nicht erfordert werde, fondern von 
jener nothwendig ausgefchloffen werde. Auch in diefer 
Form bietet die Darftellung diefer Lehre eine Seite dar, 
an welcher fie dem Fatholifchen Syftem nicht ganz ent 





g) Omnes catholici opponunt opus bonum seu meritorium ip- 
Opus operatum operi operantis et sius operantis. Belların. de efie- 
per opus operantis intelligunt ctu Sacr. J. IL, c. 1. p. 179. 


— 127 — 


ſpricht. Denn wie ſoll ſich damit die fonft im katholi— 
ſchen Syſtem ſo wichtige und ganz eigenthuͤmliche Be— 
hauptung vereinigen laſſen, daß der Menſch ſich ſchon 
zum erſten Empfang der goͤttlichen Gnade und Recht— 
fertigung digponiren fünne und folle h), Es Laßt fich 
zwar nicht verfennen, daß einige Scholaftifer, indem fie 
auf dag opus operatum das möglichft ftärkfte Gewicht 
zu legen und die der Handlung felbft von Gott beigelegte 
Kraft möglichft hervorzuheben fuchten, ein folches aus: 
ſchließendes Verhaͤltniß deffelben in Beziehung auf allen 
Glauben und fittlichen Willen angenommen haben. Al: 
lein ausdrüdlicd) ift doch dagegen proteftivt und gelehrt 
worden, daß mit der Lehre vom opus operatum kei— 
nesweges ausgeſagt worden, als fünne und folle fich 
nicht Glaube und fittlicher Wille von Eeiten des Men: 
fhen mit den Sacramenten und der bloßen Verrichtung 
derfelben verbinden, fondern nur diefeg, dag von Geiten 
des Menfchen nichts der Art erfordert werde, um die 
durch fich allein fcehon wirkſame Handlung des Sacras 
ments erft in volle Kraft und Wirkſamkeit einzufegen. 
Und in diefem Sinne, der allerdings dem Fatholifchen 
Spftem der angemeffenfte fiheint und am richtigften dem 
proteftantifchen entgegengefeßt, deuten fie felbft jene Aus: 
fprüche der Scholaftifer, nach denen zur Wirkfamfeit des 
Sacramentd ex opere operato die fittliche Bewegung 
des menfhlichen Willens nur nicht erfordert wird. 

Schon zur Zeit der Reformation behaupteten Grop: 
per und Andere, daß man den Scholaftifern und der 
Fatholifchen Lehre Unrecht thue, fo man ihrer Lehre vom 
opus operatum einen folchen alle fittliche Negung auf 





h) Sess. VI. Cap. 5. 6. 


Seiten des Menfchen augfchliegenden Sinn geben woll- 
te, da fie einzig und alleın dem opus operantis entge 
gengefeßt, nur jeden nothwendigen Beitrag an fittlicher 
Würdigfeit und Verdienſt auf Geiten des adminiftriren, 
den Priefters zur vollen Geltung und Wirkfamfeit des 
Sacraments nicht für nöthig erachte, fondern vielmehr 
nur alle Kraft des Sacraments aus der göttlichen Ins 
ftitution deffelben ableite und diefe zur gefegneten Wirk 
famfeit deffelben für hinreichend halte. Allein diefes ift 
obgleich halb wenigſtens eine ganz richtige Anficht, doch 
nur ein einfeitiges Vorgeben von anderer Art; denn das 
mit ift keinesweges diefe Lehre vollendet, daß dag opus 
operatum nur die fittliche Würdigfeit des celebrirenden 
Priefters nicht nothivendig erfordere, fondern auch auf 
die Empfangenden und Genießenden bezieht fich diefels 
be, und diefe Beziehung Hänge auch nothwendig zufams 
men mit der fonftigen EFatholifhen Lehre 1)», Denn 
wenn fraft diefer Lehre vom opus operatum die Hands 
lung des Sacraments an und für fih ſchon für voll 
fommen gültig, wirffam und heilfam angefehen wird; fo 
foll damit zwar feinesweges jede fittliche Bewegung des 
Menſchen ausgefchloffen, aber doch auch diefelbe, wer 
“gleich noch fo nothwendig an fih und in andern Nück 
fichten, doch Feinesweges als nothwendig zur vollen Kraft 





i) Wäre es jenes allein, mas 
das Conzilium zu Trient mie feis 
ner Lehre pom opus operatum ſa— 
gen wollte, fo bäfte es nicht nös 
tbiga gebabt, noch fo befonders 
im ı2. Canon zu fagen, daß die 
> Wirtfamfeit des Öacramenfs nicht 
von der Würdigkeit des Priefters 
abbinge.. Wie denn audy Bellar» 
min bier fih gan; im Ginne ſei— 
ner Kirche erklärt: Secundo dico, 


Opus operatum non solum ex- 
cludere dignitatem minisıri, sed 
etiam fidem et motum internum 
ab effhicientia gratiae sacramentis. 
Nam, ut. diximus, etiamsi ista 
requiruntur in adultis, tamen non 
sunt ista, quae efficiunt gratiam, 
sed ipsum sacramentum, ut in- 
strumentum Dei etc. De effectu 
sacr. I. I. c. 2. p. 182. 


und Heilfamfeit des Sacraments angefehen, alfo der 
Glaube und die fittliche Gefinnung nur nicht in eine fo 
nothwendige Beziehung auf die heilfame Kraft der Sa— 
cramente gefeßt werden, daß fie nicht auch ohne die: 
felben etwas für fi ſchon Vollſtaͤndiges, durch Gott 
allein ſchon mit allen nöthigen Kräften zur Erreichung 
ihrer Beftimmung Verfehenes wären. Vielmehr liegt eben 
in diefer doppelten Beziehung deg opus operatum auf 
die zur nothwendigen Wirffamfeit der facramentlichen 
Handlung nicht mwefentlichen fittlichen Würdigfeit in An— 
fehbung des Glaubens und Willens des Priefters ſowohl 
als des Empfangenden, der wahre Geift diefer Lehre und 
zugleich die befiimmtefte Antithefe gegen die proteftantis 
ſche; dag von Seiten des Empfangenden und Admini- 
firirenden geleiftere ift felhft in dem Falle, wo es reich» 
lich vorhanden ift, nicht dag, woran und worauf oder 
um defjetwillen allein das Sacrament feine gefegnete 
Kraft beweiſet, fondern es ift die äußere Handlung ſelbſt 
ihre bloße, noch Vorfchrift vollzogene Verrichtung, ihre 
in Form und Materie vollendete Geftalt; welcher fchon 
an und für fi) Gott die Nothivendigkeit eines gefegnes 
ten Einflufes und Wirfens verfnüpft hat, fo, daß das 
bey die firtliche Gefinnung des Genießenden fo wenig 
als die des Prieſters in Nechnung oder in Anfchlag 
kommt m). 





m) Ex his omnibus id, quod conferre gratiam ex vi ipsius 


active et proxime atque instru- 
mentaliter efficit gratiam justifica- 
tionis, est sola actio illa exierna, 
quae sacramentum dicitur et haee 
vocatur opus operatum, accipien- 
do passive (operatum), ita ut 
idem sit sacramentum conferre 
gratiam ex .opere operato, quod 


actionis sacramentalis, a Deo ad 
hoc institutae, non ex merito 
agentis vel suscipientis. — Exem- 
plum esse potest in re naturali. 
Sı ad ligna comburenda primum 
exsiccarentur ligna, deinde excu- 
teretur ignis ex silice, tum ap- 
plicaretur ignis ligno et sic tan- 


Marbeinede Syſt. d. Katholicismus IL. 9 


— 130 — 


Auch noch in dieſch Geſtalt iſt dieſe Lehre jederzeit 
von der proteſtantiſchen verworfen worden, als der ärgs 
fie Irrthum. Denn obgleich auch diefe das allgemeine 
Wirfen der Sacramente vom Glauben unabhängig denft 
und jenes allein von Gott durch die Handlung an den 
Menfchen gelangen laͤßt, als keinesweges Fraftlog an 
fich, vielmehr als gewichtvoll und inhaltgreich, fo laͤßt 
fie doc) den fegengreichen Erfolg jenes allgemeinen Wirs 
Feng, den heilfamen Effect der Handlung nicht allein von 
diefer ausgehen, fondern weſentlich von dem Glauben 
und der fubjectiven Gefinnung deffen abhängen, dem bie 
Handlung zu gut fommen fol. Nichts drittes der Art, 
als die bloße Handlung, die mechanifche Verrichtung deg 
Sacraments ift, leidet der proteftantifche Glaube zwi: 
ſchen fich und Gott, wenn von der Heilfamfeit und dem 
Segen des Sacraments die Rede ift, welchen freylich 
das katholiſche Spftem fo innig der Handlung felbft 
verknuͤpft, daß Gott felbft durch diefelbe und im derfels 
ben jedesmal heilfam zu wirken gezwungen wird, weil 
er feine Gunft und Gnade einmal daran geheftet hat, 
ohrie Rückficht darauf; ob der, dem dig Handlung zu 
gut kommen foll, daran glaube, oder nicht, In protes 
ſtantiſcher Vorſtellung ift das Sacrament, wieviel es 
auch an ſich und innerlich ſeyn mag, aus goͤttlicher Ein— 
ſetzung, doch in Anſehung feiner heillamen Wirkung auf. 
das Gemuͤth nur Medium, nur Organ und Vehikel und 
nichts wahrhaft Heilbringendes ohne den Glauben. Nur 


— 





dem fieret combustio, nemo di- solum ignem, et caussam prima- 
ceret, caussam ımmediatam com- riam et solum calorem seu cale- 
bustionis esse siccitatiem , aut ex factionem, ut caussam instrumen- 
- eussionem ignis ex silice, aut ap- talem. Bellarm. ]. c. c. 1. p. 180, 
plicationem ignis ad ligna, sed 


durch das Sacrament wirfet Gott auf Sinn und Ge— 
muͤth; aber feldft diefe Wirfung bleibt ohne Erfolg und 
Segen, wenn durch den Glauben daran das Gemüth 
gar nicht dafür empfänglich geworden, und der Menfch 
feinen Sinn dafür hat. Leib und Blut des Herrn, wenn 
gleich an fich reell gegenwärtig im Abendmahl, find doch 
dem Glauben nur heilfam und jegensreich, felbft nad) 
futherificher Lehre, unmündigen Kindern, des activen 
Glaubens unfähig, wird in der Taufe der Glaube der 
firhlichen Gemeinde, in die fie aufgenommen werden 
als lebendige Glieder des Leibes Ehrifti, aus welchem, 
wie aus dem Herzen der Religion das Blut des Glau- 
bens ſich in fie ergießt, als vollfommen vor Gott ange: 
rechnet. Wenn aljo gleich nicht als active Urfache, fo 
muß doch im Proteftantismug der Glaube al8 wefentliche 
Bedingung aller heilfamen und fruchtreicyen Wirfung 
des Sacraments betrachtet werden, da hingegen im Ras 
tholicismus derfelbe fich zwar wohl zufällig mit der heis 
ligen Handlung verbinden Fann, aber keinesweges fo 
wefentlich nothwendig dazu erfordert wird, daß nicht 
auch ohne denfelben diefelbe volle und fegengreiche Wir: 
fung blos aus der Handlung feldft erfolgte. Nein ab— 
gefchnitten von aller wahrhaft Iebendigen und geiſtigen 
Beruͤhrung mit Gott durch die Sacramente und mithin 
auch alles wahren Nutzens derſelben beraubt muͤßte der 
Menſch ſich ſehen, nach proteftantifcher Lehre, ohne den 
Glauben, der erſt das Goͤttliche in ihnen erfaßt, gleich— 
ſam die Hand, die er ausſtreckt, um die im Sacrament 
ihm dargebotene außerordentliche Gunſt und Gnade Got— 
tes zu ergreifen, und zu ſeinem Heile anzuwenden. Fuͤr 
eine fo magiche Wirkſamkeit der Sacramente, als die 
Fatholifche Kivche behauptet, giebt ung die heilige Schrift 
feinen Grund, Feine Gewähr und Sicherheit. Weit Teich: 
g* 


— 132 — 


ter Taßt fich denfen und auf feftem Grunde der Schrift 
behaupten, daß Gott fehr oft ohne Erfolg und in dies 
fem Sinne vergeblid) den Menfihen feine GSegnungen 
und Gnade anbiete in dem Sacrament, weil fie die hei— 
lige Bedingung des Glaubens nicht erfüllten, als daß 
Gott feine Gnade und göttliche Gewalt fo rein und vers 
geblih an einen finnlichen Gegenftand "hingegeben und 
gebunden habe, daß diefer nun auch frey und fern von 
aller Theilnahme des Göttlichen im Menfchen, des Eins 
zigen, was nach dem Falle und in dem Zalle der Menfch 
noch feinerfeits zu feinem Heile leiften kann, blos durch 
fich felbft fein gauberifches Epiel und Wefen treiben koͤnn⸗ 
te. Und nicht nur vergeblich, fondern auch den Men: 
fehen leicht verleitend zu geiftiger Tragheit, zum Aber: 
glauben und felbft zur Unfietlichfeit müßte eine folche 
Beranftaltung Gottes erfcheinen. ine Lehre, die es fo 
ausdrücklich fagt, nicht nothiwendig und weſentlich erfor 
dert werde zur heilfamen Wirkfamfeit des Sacraments 
der Glaube und das fittliche DBeftreben, fcheint nur zu 
fehr den netürlichen Trieben zu fehmeicheln und nachzu— 
geben, indem fie den Menfchen außer fich finden läßt 
und ſchon ganz fertig und bereitet, was doch nur allein 
in lebendiger Ihätigfeit und Theilnahme feines ganzen 
Weſens von wahrem Nusen und gefegnetem Erfolg für 
dag ewige Heil feiner Seele feyn Fann. Iſt auch noch) 
ein Gebraud), eine Eerimonie, felbft ein Sacrament, wel 
chem Gott fo große Wirkungen auf dag Gemüth vers 
lichen bat, geifiig und feelenvoll zu nennen, welchem er 
geift» und feelenlos beiwohnen, welches er felbft gedan— 
fenlos an ſich felbft verrichten laffen Fann, ohne deswe— 
gen irgend einer der großen und heilfamen Wirfungen 
deffelben zu entbehren? Hier ſteht jedem unfittlichen 
- Triebe eine Thuͤr offen, durch die er, entfliebend den 


Mahnungen des Gewiſſens, fich Teicht und auf offenem, 
Wege mit Gott abfinden, felbft die Gnade, der er eben: 
unmwärdig geworden, in dem nämlicher Augenblick Teicht 
wieder gewinnen kann. Die Kirche hat dag opus ope- 
ratum auch auf das Opfer im Abendmahl bezogen; ei: 
ne Meffe ift Feicht beftellt und gelefen, jeden Augenblick 
bereit, einem Bedürfniß absuhelfen. Zu geiffig und fub: 
til fagt man fey der Proteftantiemus, als Fenne dag 
Chriſtenthum eine andere Neligion, als in Iebendigen 
Geift und Glauben; zu locker und Iofe, fagt man, feyen 
die facramentlichen Bande feines Firchlichen Lebeng, viel 
zu unfinnlich und geiftig, gleich als müßte man, um fie 
anzuziehen und inniger zu machen, erſt den Geift und 
Glauben aus dem Menfchen verflüchtigen, auf daß der 
einzige leere und grundlofe Slaube an eine eigene Gewalt 
und Kraft des bloßen Mechanismus einer finnlic) religiö- 
fen Handlung übrig bleibe, welcher Glaube eben deswegen 
Aberglauben heißt, weil er fich heftend an einen falfchen 
und eingebildeten Gegenftand diefen als wirkſam betrach- 
tet zu feinem ewigen Heil und feligem Leben, Wie fo 
wenig und faft gar nicht iſt nicht in dieſer Fatholifchen 
Lehre von den Sacramenten der Geiſt und Glaube in 
Verbindung damit gefest und als mefentlich zur heilfa- 
men Wirkung derfelben gefordert worden; wie maft laus ‚ 
tet nicht die Ausfage, daß die Sacramente fehon denen, 
die nur der Gnade Feinen Riegel vorfchieben, zu gut 
fommen und göttliche Gnade conferiven, wie übel und 
den fittlichen Eifer ſchwaͤchend ift niche die Lehre vom 
opus operatum der sola fides entgegengeſtellt und 
hiemit wenigſtens ausgeſagt, worauf es hauptfächlich 
bey der nothwendigen Wirkſamkeit des Sacraments an- 
komme und worauf wenigſtens ve hahnißgmaͤgig weit we⸗ 
niger oder auch gar nicht. 


— 134 — 


Abweichend von proteftantifcher Lehre ift ferner die 
Fatholifche, von der Synode nur beiläufig geäufßerte Vor; 
fiellung von den Sacramenten, daß fie alle, zwar heil 
fam und zur Geligfeit nöthig, aber darum doch nicht 
Jedem ohne Unterfchied gleich unentbehrlich feyen. Diefe 
Erklärung n) konnte, wie man leicht fieht, nur in Bor; 
ausfegung von fieben Sacramenten nöthia fcheinen, und 
die Fathorifche Kirche denkt auch dabey nur zunachft an 
die Sacramente der Priefterweihe und Ehe. Eine Ans 
fithefe fan bier von Seiten der Spiteme um fo tens 
ger ftatt finden, da dag proteftantifche jene beiden Jnſti— 
tutionen gar nicht für Sacramente halt im eigentlichen 
Sinne, alfo dagegen fich bloß negativ verhält. Aber ein 
anderer Punct ift noch dabey von Wichtigkeit und bilder 
eine mefentliche Differeng Beide Spfteme müffen Fälle 
annehmen, wo man in die Nothwendigkeit verſetzt ift, 
aller Sacramente zu entbehren, und. das proteftantifche 
läßt den Ehriften in diefem Fall an feiner Geligkeit nicht 
verzipeifeln. Von diefem aus ift allein richtig zu verſte— 
ben, was der Proteftantismug lehrt von einer Nechtfer; 
tigung und Geligfeit auch ohne die GSacramente, blog 
und allein durch den Glauben und was die Synode fo 
fharf und unredlich tadelt, nachdem fie die proteftantis 
fche Lehre in ein fo frhiefes Licht geftelet. Denn nur 
durch ‚eine gänzliche Verkennung und Entfiellung der 
achten Gegenlehre koͤnnte fie auch hier Gelegenheit bes 
fommen, jener noch ein Anathema zuzuwenden. Sie 
verflucht nämlich Alle, welche fagen, man fünne ohne die 
Sacramente blog durch den Glauben Gnade und Rechtfers 
tigung von Gott erlangen. Auch fpricht fie dafelbft von 





u) — licet omnia singulis necessaria non sunt. Can. 4. 


— 1355 — 


‚denen, welche die Sacramente als entbehrlich und über- 
flüffig vorftellen und fich blos und allein an den Glau— 
ben halten 0) Wenn man nun, wie die proteftantifche 
Lehre thut, annimmt, daß man in gewilfen Fallen ohne 
Verluſt der Seligfeit der Sacramente entbehren Fann, 
fo läßt fich dieß nur in höchft insidiäfer Deutung fo 
verftehen, als halte man überhaupt die Sacramente für 
entbehrlich und überflüffig, da im Gegentheil gerade der 
Proteſtantismus hier weit reicher und, confequenter iſt, 
als der Katholicismus, darin namlich, daß jener außer 
und neben den Sacramenten noch dag Wort Gottes zu 
den Önadenmittein rechnet und in allen Beziehungen 
den Glauben erfordert, diefer aber fireng und unbedingt 
die durch die göftlihe Gnade in uns zu bewirkende 
Nechtfertigung allein an die Sacramente bindet p), mit 
bin für einen unverfchuldeten Fall jener Art ganz arm 
und troſtlos if. Nie iſt in protefiantifcher Lehre die 
Kechtfertigung allein durch den Glauben der Nothwen: 
digkeit der Sacramente entgegengefegt worden, wie doch 
die Synode dort den Gegenfag macht; oder wie etiva 
im Fatholiichen Syſtem wirflih die Sacramente höher 
geftelle find, al der Glaube. Sondern fo wie, nad) 
protefiantifcher Lehre, der Glaube im Worte Gottes die 
göttlihe Gnade ergreift, fo auch in den Sacramenten, 
welche Gott durch fein Wort fanctionirte, als C .aden- 
mittel, völlig gleicher Dignität an fih; wie aber die 
Sacramente erft aus dem Worte Gottes fließen, nicht 





0) Si quis dixerit, sacramenta stihicationis adipisci etc. Can. 4. 
novae legis non esse ad salutem 
necessaria, sed superflua et sine ‚P) Sacramenta, per quae om- 
eis aut eorum voto per solam nis vera justitia vel incipit etc. 
fidem homines a Deo gratiam ju- Introd. Sess. VII. 


aber umgekehrt, fo hält e8 auch der Proteſtantismus 
wohl für möglich, daß einer, im Fall er dag Sacrament 
entbehren muß, blos durch das Wort Gottes, welches 
er mit aller darin angebotenen göttlichen Gnade im 
Glauben ergriffen und fich angeeignet, felig werden 
kann q), aber für völlig unmöglich, widerfprechend und 
irrig, daß einer auch ohne das Wort Gottes und den 
Glauben daran, blos durch die Sacramente felig werden 
fonne. Das Fatholifche Spftem, da es nicht alle feine 
Gacramente aus der heiligen Schrift ableiten Fann, 
muß auch wohl darin ganz anders denfen und die Gas 
cramente auch etwas für fich feyn Iaffen, ohne das Wort 
und den Glauben und ohne eine fletige und nothwendi— 
ge Beziehung auf dieſen; aber nur aus einer ganz um 
richtigen Vorſtellung der proteftantifchen Lehre kann es zu 
dem Vorwurf kommen, daß fie hier in irgend einer De: 
ziehung, wenn gleich unter Umftänden entbehrlich, jemals 
überflüffig befunden werden fünnten. Denn wer wahren 
Glauben hat und im Stande iſt, der Sacramente zu 
genießen, Fann fie auch nimmermehr verachten oder ent 
behrlich und überflüffig finden: er wird vielmehr felbft 
dann noch an ihre gnadenreiche Wirkfamfeit und Nuß: 
barfeit lebendig glauben, felbft wenn ihm nicht vergöns 
net wäre, derfelben theilhaftig zu werden. Dieß ift dag 
wahre Verhaͤltniß der Syſteme hier, welches die Synode 
Hingegen ganz verfchoben hat, um den Glauben, deffen 
fie in allen dieſen Canonen auch nicht ein eingigesmal 


q) Wie der Mörder Ehrifto zur Donatist. 1. IV. c. a2. Der bei» 
Geiste am Grenz, der, ob ihm glei lige Enprian‘ bemerkt bingegen, 
nicht möglich war, die Taufe zuer daß ibm fein eignes Leiden am 
fangen, blo& durch feinen Ölfauben Kreuz ſtatt der Taufe gedient und 
an Chriftum felig wurde, wie Au- vor Gott angerechnet worden. 
guflinus fon bemerkt, Contra Zpist. ad Jub. T. II. p. 208. 


— 137 — 


mit einiger Ehre erwaͤhnt, noch unter einem neuen Ge— 
ſichtspunct in ein zweideutiges Licht zu ſtellen. 

Was ferner die katholiſche Kirche noch in Anſehung 
dreyer ihrer Sacramente lehrt, daß fie nicht wiederholt 
werden koͤnnen, aus dem Grunde, weil fie der Seele ein 
geiftiges, überfinnliches und unausloſchliches Zeichen ein. 
drücken r), ift nur dieſes Grundes wegen, nicht aber 
wegen jener Lehre von der Unwiederhohlbarkeit der Taus 
fe, Eonfirmation und Ordination, zwiſchen ihr und der 
proteftantifchen Kirche flreitig. Und felbft diefe Lehre 
von einem unauslöfchlichen Character ift der Fatholifchen 
Kirche hauptfächlich nur darum eigenthuͤmlich, weil fie 
diefe Behauptung auch auf die Konfirmation und Prie— 
ſterweihe bezieht als Sacramenten: denn weder in Anz 
fehung der Sache felbft, noch in Ruͤckſicht des dritten 
Sacramentg, welches fie mit der proteftantifchen Kirche 
gemeinfchaftlich hat, nämlich der Taufe, ift in der That 
und Wahrheit eine mwefentliche Berichiedenheit in den 
Grundfägen beider Kirchen über diefen Punct obmwaltend, 
weswegen man auch in feinem der proteftantifchen Syin- 
bole nöthig gefunden hat, darüber fich mit. der Fatholi- 
fhen Kirche in einen befondern Streit einzulaffen. Denn 
feinem Ausfpruche des Chriſtenthums zuwider, vielmehr 
dem Geifte deffelben ganz angemeffen, ift eine folche Leh— 
re, welche diefes als den Hauptgrund anführt, weswe⸗ 
gen Taufe, Eonfirmation und Ordination nicht wieder: 
hole werden fonnen, weil fie einmal für immer auf eine 
höchft veligiöfe Weife weihen: welche Weihung der Geele 





r) Si quis dixerit, in tribus signum quoddam spirituale et in- 
sacramentis, baptismo scilicet, delebile, unde ea iterari non pos- 
confirmatione et ordine, non ım- sunt, anatlıema sit. J. c. Can. 9. 
primi characterem in anima h. e.. 


== 35 — 


eine durchaus neue Verfaffung mittheilt, welche nie tie: 
der verichwindet, welche dem alfo Gemeihten in ihren 
Folgen nachhangt durch8 ganze Leben, meil fie auf dem 
Zrunde feines tiefften veligiöfen Lebens ruht und in dag 
Jrinzip. feines geiftigen Dafeyns felbft übergegangen, 
sieichfam an dieſes geheftet it s). Denn wer einmal 
»ucch die Taufe in den großen Ehriftenbund aufgenom:; 
men und wie ein Zweig dem großen Baume der Chri- 
(eonheit eingeimpft worden, den durchdringet nothwendig 
der Lebensfaft des heiligen Stammes, deffen Wurzel und 
Krone Ehrifius iſt; deffen ganzes Leben entwickelt fich 
von der frühften Kindheit herauf auf dem eigenthümli- 
chen Boden, in dem eigenthümlichen Clima, in der Luft 
und Umgebung, kurz unter allen Einflüffen des Chriftens 
thums und was ihn einmal fo im innerften Leben er; 
For, mit feiner ganzen Natur zufammengemwachfen und 
eing geworden, dem mag er auf Feine Weife, auch wenn 
er wollte, mehr entfliehen. Die Fatholifche Kirche nennt 
diefes den unausloͤſchlichen Character; die proteftantifche 
wird von feiner Seite ihres Syſtems zum Widerfpruch 
dagegen gezwungen. Die gemeinfame Lehre, daß bie 
Taufe nicht wiederholt werden Fonne, rubet in beiden 
Spftemen auf dem religiöfen Grunde diefer unverlierba: 
ron Eigenthümlichfeit, welche der Seele dadurch mitgetheilt 
wird: jene Lehre von der Unwiederhohlbarkeit der Taufe ift 
ein im Chriftenthum wefentlich gegründetes Dogma; dies 
fe von einem unauslöfchlichen Zeichen nur ein theologi- 
fches Araument. Völlig gleichgültig ift der Ausdruck, 
und beisubehalten, wenn er, wie bier, fo gewählt und 


— — — — — — — — — — 


s) Character indelebilis est quae- diu durat res consecrata. Bellarm. 
dam consecratio animae; conse- de effectu Sacr. 1. IL. c. 19. P- 


cratio autem tamdiu durat, quam- 275. 


⸗ 


— 139 — 


gluͤcklich iſt t). Es wird überhaupt nichts weiter da- 
durch ausgeſagt, als die tiefe, bleibende und unvergaͤng— 
liche Wirkung des Sacraments. Daß der Genuß des 
heiligen Abendmahls zu wiederholen ſey, iſt durch die 
heilige Schrift vorgeſchrieben; die dadurch mitgetheilte 
Gnade iſt nicht unverlierbar, in dem Sinne, als es Die 
in der Taufe geſchenkte iſt; dieſe iſt der Erbſuͤnde ent 
gegengeſetzt, jenes der wirklichen Suͤnde, welche ohne 
Unterlaß im Leben ſich wiederholt und erneuert. Selbſt 
bey den beiden uͤbrigen heiligen Handlungen, der Con— 
firmation und Drdination, würde: die proteftantifche Kits 
che als Grund, warum aud) fie eben fo wenig wieders 
hohlt werden, annehmen fünnen, daß auch durch fie ein 
unauslöfchlidy Zeichen der Seele eingeprägt werde, wenn 
fie diefelben mit der Fatholischen Kirche für Sacramente 
erkennen und fie der Taufe ganz gleichftellen koͤnnte. Ak 
lein diefer Umſtand erlaubt nicht, was von diefer praͤdizirt 
wird, unbedingt und ohne Einfchräanfung auch auf jene zu 
beziehen. Die an fich zwar heilige, auch der proteftantis 





t) Tbeologifh wird daber die- 


thbeologifhe, ſehr mannidfalfige 
fe Lehre immer eine ganz andere 


Entwidelung dieſer Lebre, iſt zu 


Geftal£ erhalten im prof£eftanti- 
fen, als ım katboliſchen Syſtem 
und mehr als ein Grund dort 
wegfallen, Der bier notbwendig 
ift. In Peziehbung auf die Taufe 
drüdte zuerft der Papit Innocenz 
III. diefe Lehre vom unauslöf- 
Iihen Character im kirchlichen 
©Styfe aus Extra de baptisme eı 
ejus effectu cap. Majores. Die 
Scholaſtiker nebmen fie aub zum 
Gegenfiand eigener Unterfuhbun- 
gen Gabr. Biel in 1. IV. Sententt. 
Dist..6. qu. 2. wo auch die Mei— 
nungen der andern Scholaſtiker 
angeführt find. Nicht auf den 
religiöfen Grund, fondern auf die 


bezieben, was er ſogte: omnia de 
charactere dieta magna ex parte 
volunsaria sumt l. c qu. 2. art, 3. 
Mertwürdig im ıbrer Are find 
noch folgende Bemerkungen neues 
rer Kirchenlehrer. Sacran'enta im- 
primere alıquem characterem im 
anima, ex sacris scripluris non 
habetur, sed ex ecclesıae aucto- 
ritate et non multum anti» 
qua.- Cajetan. ın Thom, P. Il. 
qu. 63. Seripturae loci, qui pro 
charactere adducuntur, per se 
non cogunt, uisi supposita tra- 
ditione ecclesiae et virtute 
characterıs, Ap Gerhardum 
in Conf. cathol. p. 1090. 


— 110 — 


ſchen Kirche feierliche Handlungen der Confirmation und 
Ordination, haben in der katholiſchen Kirche eine ganz 
andere Bedeutung, und werden hier, obgleich ſonſt der 
Dignitaͤt nach mit den uͤbrigen Sacramenten auf ganz 
gleiche Linie geſtellt, doch eben: durch dieſe weſentliche 
Eigenſchaft, als mittheilend naͤmlich dieß üverfinnliche 
Zeichen, von allen übrigen unterſchieden u). 

Auf eine aͤußerſt harte Art hat endlich! die Fathofifche 
Kirche auf ihrer Synode zu Trient "dahin entfchieden, 
daß die einmal gebräuchlichen und approbirten Cerimo— 
nien bey der Feyer der GSacramente nicht verfchmäht, 
oder von dem Priefter ohne Sünde und nach Belieben 
ausgelaffen oder in andere neue durch jeden Priefter 
verändert werden koͤnnen w). Sollte damit blog’ die 
Willführ der Einzelnen verworfen werden, fo bafte die 
Verfuͤgung einen ‚guten Grund: denn in Feiner Firchli- 
chen Verbindung ſteht einem Einzelnen zu, allgemeine 
Sitten und Einrichtungen umzuſtoßen, zu Andern und 





u) In bis tribus accipit homo 
novam potestatem ac depntatur 
zı0yo ministerio per novam con- 
secrationem et quodammodo sta- 
tum mutat et proinde accipit no- 
vum signaculum. 
mo transit homo a Diabolo ad 
Christum et adscribitur in ejus 
familiam et accipit potestatem 
ern sacramenta, aliagve 
ona ecclesiae Christi. In copfir- 
matione adscribitur ad militiam 
Christi, ut gerat vexillam.ejus ın 
fronte et accipit robur et poten- 
tiam, ut ex officio pugnet con- 
ira daemones. In Sacramento 
Ordinis adscribitur in numerum 
ducum er praepositorum huius 
militiae et accipit potestatem di- 
stribuendi aliis bona Domini sni. 
In aliis sacraımentis non fit mu- 
tatio status, nec deputatur homo 


Nam in baptis- 


novo ministerio, nec accipit no⸗ 
vam potestatem, sed vel alitur 
spiritualiter, ut in Eucharistia, 
vel aceipit medicamentum contra 
morhos et vulnera peccatorum, 
ut in sacramemto Poenitentiae, 
vel acapit antidotum contra reli- 
quias peccatorum, ut in extrema 
Vnctione, vel denique acecipit re- 
medium contra concupiscentiam, 
ut in Matrimonio. Bellarm. de ef- 
fectu Sacr. I. II. c. 19. p. 276. 


w) Si quis dixerit, receptos et 
approbatos ecclesiae catholıcae ri- 
tus in solenni administratione sa- 
cramentorum adhiberi consuetlos 
aut contemni aut sine peccato a 
ministris pro libitu omitti, aut in 
novos alios per quemcunque ec- 
clesiarum pastorem mutari posse, 
anathema sit. 1. c. Can. 13. 


andere an derfelben Stelle zu feßen. Dieß verſteht fich 
fo fehr von felbfi, daß man wohl fiehf, wie e8 der Sy 
node bey diefer Verfügung noch um etwas ganz Andes 
reg, nämlich um die Gelegenheit zu thun war, die hohe 
MWichtigfeie und Nothwendigkeit diefer Cerimonien bes 
merklich zu machen. Sollte alfo dadurch die einmal 
befichende Maffe von Cerimonien und Gebräuchen, wel 
che felbft nur mit der Zeit aufgefommen, mannichfaltig 
verändert und endlich erft ſpaͤt im diefe feſte Ordnung 
gefommen waren, unveränderlicy feftftchend gemacht und 
verewigt, alfo felbft allen billigen Wünfchen und Vor—⸗ 
fhlägen Einzelner aller Muth und alle Hoffnung genom: 
men werden, fie mit der Zeit geändert und neueren Bes 
dürfniffen entfprechender gemacht zu fehen, fo laßt fich 
der Geift und die Tendenz diefer Verordnung gar nicht 
vereinigen mit dem Geifte jener chriftlichen Freiheit, die 
durch das Wort Gottes in Allem verftatter ift, was 
nicht unmittelbar und nothiwendig mit dem Dogma zu— 
fammenhängt. Es find doch felbft bier nur die durch 
das gefchriebene Wort Gottes freygelaffenen, Firchlich ers 
fundenen, mit der Zeit, zum Theil fehr fpat von Biſchoͤ⸗ 
fen und Päpften angeordneten, zum Theil dem Geifte 
der Voͤlker neuerer Zeit und felbft Sem Chriftenthum 
nicht entfprechende Feyerlichkeiten, auf welche die Kirche 
hier ihre Priefier fo heilig verpflichtet, als liege daran 
der Seele Seligfeit, fo, daf auch nicht das Mindefte 
ohne Sünde daran geändert werden Fönnte: denn jene 
wenigen, einfachen, von Chriſtus und den Apoſteln ans 
geordneten Gebräuche der Taufe und des Abendmahlg, 
wie z. D. die Nothwendigfeit des Kelchs im Abendmahl 
wird ja Niemand in der Fatholifchen Kirche, ohne vom 
hellen Worte Gottes abzumweichen, anzutaften fich unter: 
fiehen, weil es von der Fatholifhen Kirche ja längft 


— 142 — 


fchon gefchehen ift. Die Verfügung hatte zunächft ihre 
Veralaſſung in den mannıchfaltigen Klagen der Protes 
ftanten jener Zeit über die Impietaͤt und GSuperftition, 
über den Misbrauch und die beſchwerliche Fülle von 
Gebraͤuchen und Cerinionien und in den Wünfchen, daß 
fie gemäßigt werden möchten in Nückficht der Zahl und 
gelautert in Anſehung des Geiſtes und der BVorftelluns 
gen, welche unfronmer und unwuͤrdiger Art einigen dere 
felden offenbar zu Grunde liegen. Man wollte, wie die 
Vorzeit das Necht gehabt, Firchliche Sitten und Gebraus 
HE einzuführen, ſo auch jegt noch der Kirche das Recht 
referviren, dergleichen aud) wieder abzufichaffen, wenn es 
noͤthig befunden würde, fie mit andern zu vertaufchen, 
wenn die alten ihre Beſtimmung nicht mehr erfüllten, 
und überhaupt nicht an eine Maffe alter, ftummer und 
verſteinerter Formen gebunden feyn, deren urfprünglichen 
Sinn und Gedanfen nur Wenige noch verftehen, die in 
einen leeren Mechaniemus ausgeartet find, ganz ohne 
Geiſt und Leben und ohne einen vernünftigen oder 
mar gedeufbaren Zweck. Statt deffen und eben gegen 
folche Regungen eines freyeren hriftlichen Geiftes ſpricht 
die Synode ihr Anathema aus, alſo zunächft zwar in 
fpecieller Beziehung auf die Willführ der Einzelnen, doc) 
nicht ohne Beziehung auf das Ganze. 

Wie der ganze Neichthum facramentlicher Cultugfors 
men ſich fo nach und nad) gebildet und entwickelt, nes 
dem Die urſpruͤngliche Simplicirät des Gortesdienftes 
der erften Jahrhunderte verſchwunden war, tie die Neues 
zungen von einzelnen Biſchoͤfen und Kirchen ausgegan- 
gen, immer mehr amplificirt, provingiell, nationell, und 
zulegt immer Fatholijcher geworden, wie manche derfels 
ben bald wieder verfhwunden und unfergegangen, und 
andere an deren Stelle geſetzt worden, wit überhaupt 


———— 


143 — 


eine abfelute Einheit und Uebereinffimmung in dieſem 
Theile des öffentlichen Kirchenweſens nie ſtatt gefunden, 
alfo der Katholicismug von der Strenge feiner Forde: 
rung der Einheit, Allgemeinheit, und des Alterthums je: 
derzeit im dieſem Punct fehr nachgelaffen, bemeifet die 
Gefchichte zur Genüge, und die große Menge von Schrifz 
ten, welche wir darüber von den gelehrteften Fatholifchen 
Theologen felbft befigen: es ſey genug, bier nur zu er 
innern an Amalarıug, Muratori, Martene, Bona, Aus 
befpine und in befonderer Beziehung auf Deutfchland, 
an den gelehrten Gerbert. Zwar behaupten fie allzumal, 
daß man, obgleich ins Unendliche von einander abweis 
chend in diefen Außerlichen Dingen, doch in den mich: 
tigfien und mefentlichften Puncten derfelben ſtets einig 
geivefen und geblieben, und das ältefte Alterthum der 
Kirche auch ın der Disciplin und Cerimonie ſtets freu und 
unverfälfcht bewahrt habe x); allein eben diefes Wefent: 
liche wird don ihnen nad) Willführ verengt und ausge: 
dehnt, fo, daß oft nur ein höchft entfernter Gedanke als 
die weit hergehohlte Veranlaffung einer unüberfehlichen 





x) Prodierunt omnium fere 
christianarum nationum liturgiae 
veieres. Hac effec est opera, 
at ın luce meridiana clarescerent, 
nibil novun: esse susceptum in 
observantia christiana, quod non 
semper et ubique apud omnes 
obtinuerit, idque palam et ın 
conspectu omnium publicis eccle- 
siae conventibus, fidelibus popu- 
lis pariter ac sacrorum praesuli- 
bus idem seguentibus et proban- 
tibus. Qua nulla est maior in 
eandem lidem consensio ac om- 
nıum in eandem sententiam una 
voce suffragium. Observationum 
quoque, habemus in eodem ar- 
gumento Coelestini P. ad episco- 
pos Galliarum monitum, sacerdo- 
talinm sacramenta respiciamus, 


quae ab apostolis tradita, in to- 
to mundo atque in omni ecclesia 
catholica uniformiter celebrantur, 
ut legem credendi lex statuat sup- 
plicand. Quam vero unanimis 
ecclesiae vox in fide credendo- 
rum auctoritatem habet, ea ipsa 
etiam est in disciplina populi Dei, 
quae eadem quoad - substantiam 
semper fuit in ecclesia, variante 
licet quodam veluii exteriori ha- 
bitu et apparatu pro temporum 
et locorum circumstantiis. uae 
ipsa ad ornatum ecclesiae Facit 
varietas, qua se palam ostentat 
mundo ac conspicuam reddit spe 
ctabilemque ac venerandam. Ger- 
bert Vetus Liturgia Alemannica, 
P. Ip. 153 


— 114 — 


Menge von bunten Formen, Cerimonien und Umgebuns 
gen übrig bleibt. Gerade diefe leichtgläubige und uns 
crieifche Gerimonienfucht ift eine der trübeften Geiten 
des Katholicigmug; -felbft die gelehrteften Männer diefer 
Kirche bleiben, wie frey fie auch fonft fic) auf diefem 
Selde bewegen, in diefem Vorurtheil befangen und in 
der Gewohnheit, daß fie Modernes und Antikes, Apo— 
ſtoliſches und offenbar Späteres, Goͤttliches und Menfch> 
liches durch einander werfen und von dem einen fo gut, 
als von dem andern behaupten, daß es bereits in den 
älteften Zeiten Sitte gewwefen, wenigſtens daß es in muͤnd⸗ 
licher Ueberlieferung und Angabe von den Apoſteln in 
der Duelle der Tradition herabgefloffen, ſtets erhalten 
und fortgepflanzt worden fey. Wie die alten niederläns 
dischen Maler in Eünftleriich ‚poetifcher Freyheit die Apos 
fiel fchon in vollen und reichen clevricalifchen Gewändern, 
mit Biſchofs-Muͤtzen und Biſchofs-Staͤben und andern 
Eleinen Zierrathen der fpätern Zeit oder die heiligen 
Frauen de erfien und zweiten Jahrhunderts mit Ro— 
fenkrängen in Händen fehen laffen: fo fucht man felbft 
in wiffenfchaftlich-biftorifchen Unterfuchungen, was erwie— 
fen fpätern Urfprungs ift, aus apoftolifchen Traditionen 
und Einrichtungen herzuleiten, als weſentlich nothwen— 
dig dem Sacrament und deffen wahrer Feyer zu vers 
fnüpfen. Selbſt für dag, was die Kirche unleugbar 
erft in weit fpäterer Zeit hinzugerhan, will man, fofern 
es wefentlich fcheint, eine reinmenfchliche Erfindung doch 
nicht gelten laffen, fondern daffelbe durch den heiligen Geift 
der Kirche infpirirt und angeordnet, alfo nicht zu der Ethe— 
lothresfie gerechnet wiſſen, welche der Apoſtel verwirft y). 





y) Jam supra probavimus, mul- im scripturis non habeantur: Nul- 
ta alia Apostolos insuituisse, licet Ja est autem ratio, cur non pos- 


SORGEN 


Man kann nicht leugnen, daß folche üppige Cerimo⸗ 
nien = Fülle gut berechnet ift auf den großen Haufen, 
deffen finnlicher Denkart eine fo reich mit demjenigen, 
was er am meiften liebt, ausgeftattete Religion willfoms 
mener ift, als die dem Geifte nur geiftig erfcheinender 
nur von wenigen Sacramenten und einfachen Cerimo— 
nien begleitete Geftalt des Chriftenthums z); auch ſagt 
es die Fatholifche Kirche felbft, daß folches finnliche We— 
fen und Gepränge zunächft auf die Sinnlichkeit zu wir: 
fen beſtimmt ſey, und die Menfchen defto ficherer zur 
Religion anzwlocken, indem es ihre Sinne trifft und 
reist a). Aber nichts von dem Allen fehen wir im Urs 
chriſtenthum und .Firchlichen Leben der erften Chriften, 
deren Frömmigkeit und Liebe zu Chrifto gewiß um des 
wegen um nicht8 geringer war, weil fie, allem NHeidens 
thum abgeneigt, einzig ſich haltend an das geiftige Zus 
fammenleben mit Chriftug, durch möglichfte Verbannung 
alles heidnifchen Weſens und Zerftörung des Reichs der. 
in demfelben waltenden böfen Geifter, Chrifto Platz zu 





sit modo Ecclesia, quod tunt po- 
terat. Non enim Apostoli id fe- 
cerunt, ex aliqua nova revelatio- 
ne sibi concessa, sed ex potesta- 
te ordinaria gubernandi eccle- 
siam, ut patet ex eo, quod Con- 
cilium coegerunt et collatis sen- 
tentiis statuerunt, quod utile es- 
se judicarunt, Bellarm. de effectu 
Sacr. J. II. e. 3:. p. 330. Apo- 
stolus damnat omnem cultum hu- 
manum et voluntarium. Respon- 
deo vocari cultum humanum et 
voluntarium apud Paulum eum, 
qui est mere humanus et proprio 
ingenio inventus, id est, qui non 
est conformis fidei et principiis 
doctrinae Christi; quae autem ab 
ecclesia docentur, non sunt mere 


humahna, cum Deo inspirante in- 
stirtuantur. 1. c. c. 32. p. 341. 


z) Ad hoc appositi sunt augu- 
stissimi illi ecclesiae catholicae in 
officio divino concelebrando ritus 
et cerimoniae solentque Eccle- 
siae Romanae id objicere adver- 
sarıi, eam exteriori cerimoniarunz 
apparatu et pompa fidelium ani- 
mos allicere sibique conciliare. 
Quod pium utique est et sanctum, 
si Dei caussa fiat ac imprimis ne= 
cessarıum apud rudem plebem, 
quae nisi En quae ferunt sen- 
sus, haud facile commoyetur. Ger- 
bert I. c. p. 158. 


a) Sess. XXU. Cap. 5. 


Marbeinede Syſt. d. Ratholicismug. III. 10 


— 146 — 


machen fuchten, nichts der Art in ihren Berfammlungen 
duldeten, vielmehr mit eiferfüchtiger Wachfamfeit allen 
unreinen Formen dieſer Abfunft den Eingang fperrten. 
Es ift wahr, daß es vom vierten Jahrhundert an ſchon 
anders wurde, Eine fo univerfelle Religion, ale dag 
Chriftenthum, mußte nach geendigtem Kampfe auch dem 
Heidenthum feine rechte Stelle anmweifen im Ganzen der 
religiöfen Weltgefchichte und Alles, was an demfelben 
Gutes und Treffliches, nur als erborgt von ſich und als 
einen Theil von fich betrachten, wie ja fchon Juſtinus 
lehrte; jo Fonnte man denn auch leicht mehrere feiner 
Eultugs» Formen vom Untergange retten, indem man Dies 
felben nur weihete mit chriftlichem Geift und fich aneis 
gnete. So pflegte man wohl zu derfelbigen Zeit, mo 
man die heidnifchen Tempel zerfiörte, in andern nur ein 
chriſtliches Kreuz aufzupflangen, und ließ fie dadurch zur 
hriftlichen Kirchen geweihet feyn. Außerdem aber em: 
pfahl ſich von diefer Geite her den Chriften des Einzel: 
nen immer mehr, bis die immer mehr auffchwillende 
und mit fremdartigen Zierrathen ſchwer beladene und 
behangene Geftalt der Kirche den einſichtsvollſten Lehrern 
der Kirche die DVerfchiedenheit derfelben von der der er 
fteren Jahrhunderte nicht länger verbarg, fondern viel 
mehr laut und flagend bemerken ließ. Schon Auguftis 
nus befchwerte ficy bitterlich über die große Menge und 
Laft der Eerimonien unter den Ehriften, und hieß den 
Zuftand der Juden erträglicher, als diefen b). 





b) Er gab zugleich mit Ddiefen 
Klagen den Weg an, auf mel« 
chem man zurüdfebren könnte zur 
urfprünglichen Gimplicität des 
chriſtlichkirchlichen Lebens. Om- 


nia talia, quae neque sanctarum 
scripturarum auctoritatibus conti- 
nentur, neque in Conciliis Epi- 
scopörum statuta inveniuntur, ne- 
que consuetudine ecclesiae uni- 


— 1417 — 


Wenn die erften DBerfuche, durch alferley finnfiche 
Zuthaten die Kraft und Würde des Sacraments in den 
Yugen der Menge zu erhöhen, daffelbe feyerlicher und 
ehrmwürdiger zu machen, an fich und in diefem Urfprung 
noch unfchuldig und untadelhaft waren, weil es mit 
Maaß geſchah und mit beftändiger Nückfiht auf den 
Beift der heiligen Inſtitute, fo Fonnte hingegen die Ue— 
berladung mit ſolchem Gepränge, unter welchem der Geift 
erlag; nicht anders als ſchaͤdlich wirken und verwerflich 
feyn, weil das finnliche Wefen in diefer Art, ſtatt zur 
Keligion Hinzuführen, nur weg von ihr führte und 
verführerifch die Sinne nur auf das Sinnliche heftete, 
fo, daß feldft der etwa noch rege Geift zulege nur an 
diefem hängen blieb. Von Anbeginn an, fchon in der 
älteften Kirche, hatte man ſich in jener Nückfiche Frey- 
heiten genommen, welche die Natur alles Firchlichen Zu— 
fammenlebens nothwendig mit fi bringt, und die fo 
lange und fo weit ohne Bedenken zulaffig find, als fie 
dem Geifte der Religion entfprechen, und der Zuſam— 
menhang jeder einzelnen Cultusform mit jener unver; 
fennbar bleibt, und immer frifch und lebendig erhalten 
wird. Mancherley Worte, Gebete, Dankffagungen, Vor: 
lefungen aus heiliger Schrift, Glaubensbefenntniffe, Fra: 
gen und Antworten, Eroreismen und dergl. Fnüpfte man 
an die Feyer der Sacramente, welche nicht nothwendig 
gerade in diefer Art durch die heilige Schrift vorge: 
fchrieben feyn mußten, aber fehr geeignet waren, den 
Geift und Sinn derfelben zu beleuchten, wie denn 
auch in diefer Mückfiht die Taufe befonders die Er— 





versae roborata sunt, sed diver- canda existimo, August. epist. 119. 
sorum locorum, diversis moribus c. 19. 
innumerabiliter variantur, rese- 


10* 


— 145 — 


feuchtung (parsomos) bieß. Um Alles diefes dem Ge- 
müthe defto tiefer einzuprägen, umgab man die facras 
mentliche Handlung mit allerley Feyerlichkeiten, welche 
frey erfunden, beibehalten und weggelaffen nad) Umſtaͤn— 
den, um fo rührender waren, je einfacher und twürdiger 
fie die Sinne berührten, die aber bald mit jedem Jahr: 
hundert anwuchfen und immer mehr fich vervielfältigten, 
bis fie in flatutarifche Form, theatraliſchen Pomp und 
finnlofeg Gepränge übergegangen, bald den göttlichen 
Beranftaltungen gleich gefchägt, mit diefen aus einer 
Duelle hergeleitet und fo unabanderlich fefigefeßt wurden. 
Dieß waren zugleich die Gründe, welche die Proteftan- 
ten bewogen, fich aller diefer felbft erfundener Gebräuche 
zu enthalten, und fid) auf die urfprünglichen einfachen 
Formen des Sacraments zurückzuziehen. 


— zur anne — — 


FSünftes Kapitel 





Kom Saerament der Taufe, der Prieftermeihe und Buße 
und von deren Theilen, der Neue, der Beichte und der Genug: . 
thuung. 


Von allen Sacramenten ift die Taufe dasjenige, “über 
welches die Fatholiiche Kirche von jeher ſich mit der pro> 
teftantifchen am leichteften vereinigen Fonnte und am 
wenigſten nöthig gehabt hätte, die etwa noch flatt fins 
dende Divergenz in einigen Nebenpuneten durch befons 


— 149 — 


dere Erflärungen darüber feftsubalten. Was an diefem 
Gegenftande noch flreitig erfcheinen Fonnte zwifchen bei: 
den Kirchen, ift das bereits beruͤhrte Allgemeine und bie 
ganze Anficht der Sacramente, tworin die Fatholifche Kir- 
che auch in Anfehung der Taufe von der proteftantifchen 
abweicht. Was dieſe felbft berrifft, fo hatten fchon Die 
Neformatoren des fechszehnten Jahrhunderts’ erflärt/ daß 
unter allen Sacramenten die Lehre von der Taufe noch 
am wenigſten verfälfcht und die Erfcheinung und Ge 
ſtalt der Taufe felbft am menigften von allen durch 
fremdartige Gebräuche entfiellt und überladen fey. Wenn 
Luther, obgleich er eingeftand, dag in Materie und Form 
die Taufe fih rein und unentftelle in der Fatholifchen 
Kirche erhalten habe a), doch behauptete, daß die Fa- 
tholifche Kirche von der Kraft und Wirkung der Taufe 
nicht richtig denfe, fo bezog er diefes theils auf den 
Zufammenhang, worin die Nechtfertigungslehre mit die: 
ſem Artikel fteht, theils auf die allgemeine Farholifche 
Lehre von den GSacramenten, wovon die Folgen fic) na; 
türlich und nothwendig auch auf die Lehre von der Tau; 
fe erftrecken. In befonderer Beziehung darauf fand 
dann die Synode zu Trient nöthig, ſtatt der ausführlich 
entwickelten richtigen Lehre felbft nur die allgemeine Er: 
flärung augzuftellen, daß die römifche Kirche die wahre 
Lehre vom Sacrament der Taufe habe, aus dem allge 
meinen Grunde, weil fie ja die Mutter und Lehrmeiftes 
rinn aller andern Kirchen. fey b). So motivirte fie ihre 
Behauptung durc einen Satz, der felbft noch zu den 





; a) T. II. Jen. lat. .p. 284. Tum mater est et magistra, non 

esse veram de baptismi sacramen- 

b) Si quis dixerit, in Ececlesja to doctrinam, anathema sit. Sess. 
Romana, quae omnium ecclesia- WiI. can. de bapt. can. 3. 


150 — 


ftreitiaften ‚gehört, und alfo nicht geeignet war, außer 
für ein Mitglied diefer Kirche felbft, irgend Jemanden 
zur Beruhigung und zum fichern Beweis zu dienen. Hies 
zu kommt, daß freylich die Fatholifche Kirche fchon bey 
diefem Sacrament reicher ift, als die proteftantifche, an 
Cerimpnien, welche fie jedoch felbft nicht, wenigſtens im 
Einzelnen, mit der Lehre und dem Glauben felbft in eis 
ne fo nothivendige Verbindung gefeßt hat, daß fie die- 
felben nicht auf einer blog Firchlichen Anprönung beru- 
hen ließe, die aber dennoch auch fo, zumal da die mei- 
fien nicht einmal aus dem ächten Alterthum der Kirche 
fi) beweiſen laſſen, für die proteftantifche Kirche jeder 
zeit viel Anftößigeg hatten 0). Uebrigens find beide Kir; 
chen ganz einig gegen die Wiedertäufer darin, daß die 
Taufe in feinem Sale zu wiederhohlen, und dag die 
Kindertaufe ein im Chriftenthum wmohlgegründeter und 
nothwendiger Gebrauch fey. 

Das religiöfe Leben äußert fih in Eirchlicher Gemein: 
fhaft am reichften und in feiner böchften Thaͤtigkeit bey 
denen, ‘welche an der Spiße des Firchlichen Bundes fie: 
hen. Bon dem hohen Beruf derfelben laͤßt fich eine dop- 





€) Der Cardinal Bellarmin zäh— 
let derfelben 22 auf, bon denen 
ı2 der Taufe vorbergeben, 5 mit 


dem Act der Taufe felbft verbun⸗ 


den find, und eben fo viel auf 
denfelben folgen. T, VI. de Saer, 
bapt. 1. T. 0.24. sqq« P«487- sgq.« 
Der Catebismus giebt die Grüns 
de an, aus denen man folde Se 
bräucde, die rein auf kirchlicher 
Snkitufion beruhen, eingeführe. 
Er ſagt, fineın, cuius caussae ce- 
rimoniae istae baptismatis insti= 
“ tutae sunt, hunc fuisse, ut ita 
sacramentum wmajori cum religio- 
ne ac sanctitate administrarentur, 


ac veluti ante oculos ponerentur 
praeclara illa et eximia dona, 
quae in eo continentur et in ani- 
mos fidelium immensa Dei bene- 
ficia magis, imprimerentur, De 
bapt. p. 253. ine vollftändige 
Beſchreibung und Critik derſel— 
ben, wie auch den Beweis, daß 
nur wenige derſelben in dem 
kirchlichen Alterthum der erſten 
drey Jahrhunderte gegründet ſind, 
bat ſchon Daille geliefert im er— 
ſten Abſchnitt ſeines großen Werks 
De cultibus religiosis Latinorum. 
Geneyae 1671. 4. P. 23 — 93. 


— 151 — 


pelte Anſicht nehmen, nach deren einer man im Innern 
der kirchlichen Verbindung das Beduͤrfniß hat, ſich ſelbſt 
freywillig von aller kirchlichen Thaͤtigkeit zuruͤckzuziehen 
und fie auf eigene Repraͤſentanten zu übertragen, dieſe 
alfo fo hoch über fich zu ftelfen, daß Feine gemeinfchaft: 
liche Berührung mehr zwiſchen ihnen und den übrigen 
Gliedern des Firchlihen Bundes ftatt findet, und nur 
das Verhaͤltniß der Herrfchenden zu den Gehorchenden 
übrig bleibt. Nach der andern Anficht entficht und be; 
ſteht jener Beruf allein wohl im Geifte des ‚Ehriften: 
thums da, wo man das Bedürfniß einer ausfchlieglichen 
Befchäftigung mit Firchlichen Gegenftänden hat, welche 
im Namen des Ganzen und im Yluftrag deffelben von 
eigends dazu verordneten Dienern des göttlichen Worts 
und der heiligen Sacramente verwaltet werden follen, 
ohne deswegen einen mwefentlichen oder andern Unter: 
fhied im Innern der kirchlichen Verfammlung anzunehs 
men, als den einer nähern und innigern Berührung mit 
der Religion auf Seiten der Geiftlihen. Wenn alfe 
dort nach der erftern Vorſtellung die unmittelbar Firchlis 
hen Berfonen ein eigenes und abgefchloffenes Ganzes 
bilden, meiches gewiſſermaßen felbt fehon und im emi- 
nenten Sinn die Kirche Chriſti iſt, auch auf ihre Er: 
haltung bedacht fich eigenthümlich organifiren, und ihren 
Stand für einem eigends von Gott geſtifteten erklären 
in einem ganz andern Sinn, als jeder andere Stand 
es ift, fo iſt dieß Alles mit der andern Vorftellung gang 
unvereinbar, nach welcher fie bloß den außern Mittel- 
punct des Firchlichen Lebens bilden, "von welchen alle 
Thaͤtigkeit am Iebendigften ausgeht, nach welcher aber 
zugleich alle Glieder der Gemeinden Firchliche Perfonen 
find und die Verbindung jener mit diefen und die Gleich» 
heit fo wenig aufgehoben ift, daß fie vielmehr nur in 


— 152 — 


der Iebendigften Zuſammenwirkung mit diefen ihren Be: 
rufsfreis den Forderungen der Religion gemäß erfüllen 
fonnen. 

Die auf die eine oder die andere Seite insg Ertrem 
fchweifende Anſicht der Fatholifchen und proteftantifchen 
Kirche hat einen gemeinfamen Punct, von welchem fie 
beide ausgehen. Es ift eben fo falfch und dem Chris 
ſtenthum miderfprechend, dem Diener deg göttlichen 
MWorts und der Sacramente in feiner geiftlichen Function 
jedem andern Gefchäftsmann gleichzuftellen, als ihn in 
den Himmel zu erheben und mit göttliche Gewalt aus— 
zurüften. Der Punct, welcher beide Extreme allein vers 
mitteln Fann, iſt die richtig und rein im Sinne des 
Chriſtenthums gefaßte Idee der Priefterfchaft. Gleich» 
wie dag Leben im Chriſtenthum weder allein in der Erz 
Fenntniß, noch allein im facramentlichen Genuffe deffels 
ben beſteht, ſondern aus beiden zugleich und im rechten 
Berhältniß, ſo ift auch der chriftliche Priefter weder allein 
auf den Unterricht und die Doctrin, noch rein und allein 
auf den Act der Sacramentsverwaltung angemwiefen, fon« 
dern auf die rechte Behandlung beider. Die übermies 
gende und faſt ausfchliegliche Hinneigung des geiftlichen 
Standes im Katholicismus und Proteftantiemug zu der 
einen oder. andern Seite des Firchlichen Lebens ift bie 
her in beiden Kirchen. von großen und wefentlichen Nach— 
theilen begleitet geweien. Der Grund folcher doppelten 
Einfeitigfeit, in welcher ſie jegt fo grell fich einander 
entgegengefegt und von ihrer Beſtimmung mehr oder 
weniger abgefommen: erfcheinen, liegt offenbar darin, 
weil in beiden die wahrhaft priefterliche Beftimmung 
verkannt, im Katholicismus in eine Entgegenfeßung des 
geiftlichen und weltlichen, Standes, im Proteſtantismus 
in eine Vermifchung beider ausgefchlagen iſt, da fie doc) 


allein in rechter Zufammentirfung und in der gemein: 
fchaftlich auf einen Punct hingerichteten Thätigkeit des 
ganzen Firchlichen Vereins befteht, aus welchem ſodann 
der geiftliche Stand nothwendig und von felbft erwaͤchſt, 
naͤmlich als die: Mitte, welche weder etwas mefentlich 
anderes, als die übrigen Theile des Ganzen, noch auch) 
gar nichts mehr und nichts weiter ift, als jedes einzelne 
Glied. Deswegen ift e8 fo ſchoͤn und tief gedacht im 
Sinne des Chriſtenthums, wenn im Proteſtantismus, 
ohne deswegen die Nothwendigkeit eines geiftlicyen Stanz 
des im Mindeften zu leugnen, behaupter ward, jeder 
wahre Chrift ſey Priefter, eben wegen diefer feiner leben— 
digen Theilnahme am firchlichen Verein — eine Anficht, 
welche fo fehe mit der Eatholifchen ftreitet, daß die Sy— 
node zu Trient, um ihre alte Entgegenfegung und Nies 
rarchie zu retten, nöthig fand, eigne Anftalten dagegen 
zu treffen d). 

Ueber den Namen und die wefentlichfte Eigenfchaft 
der Geiftlichen, als Priefter, möchte alſo nicht wohl ein 
Streit entfiehen oder beftehen koͤnnen, wenn beide Kir: 
chen nur nicht etwas. fo ganz Verfchiedenes damit ber 
zeichneten. Die Eatholifche Kirche gruͤndet ihr Prieſter— 
thum einerfeit, wie jedes mit Recht, auf ein Opfer, 
aber auf ein folches, welches die proteftantiiche dafür 
nicht anerfennt, auf ein fichtbares Opfer im Abendmahl, 
andrerfeits aber auf die von Chriſtus den Prieftern vers 
liehene Gewalt, die Sünden zu erlaffen und zu behal- 
ten e). Don jenem Opfer und der Berbindung, in 





d) Sess. XXIII. cap. 4. de ec- ita Dei ordinatione conjuncta 
clesiastica hierarchia et ordina- sunt, ut utrumque in omni lege 
tione. extiterit. Cum ig tur in N. T. S. 

e) Sacriicium et sacerdotium ZEucharistiae sacrilicium visibile ex 


welcher das Priefterwefen damit ſteht, wird tiefer unten 
noc) befonders gehandelt werden; bier ift nur zunaͤchſt 
auf die Verbindung zu fehen, in welche das Conzilium 
zu Trient das Priefterehum mit der Abfolution gebracht 
und die feyerliche Einweihung dazu zu einem Bee 
Sacrament geftempelt hat. 

Die Abfolution hat im Fatholifchen Sofiem eine 
ganz andere Bedenfung, als im proteftantifchen. - Hier 
ift fie die fpecielle Anwendung des Wortes Gottes mit 
allen feinen Verheißungen und Tröftungen auf den be- 
fondern Fall des Sündenbefenntniffes eines reuigen Chris 
fien, wobey der Geiftliche die Beziehung vermittelt und 
ausfpricht, der Beichtende aber fie im Glauben an Ehri- 
ffi Verdienſt ergreift und in der Ueberzeugung, daß die 
allgemeinen Segnungen des göttlihen Worts auch ihn 
im Defondern angehen und fich über fein Herz und Le— 
ben verbreiten follen. Gott ift eg, der durch die Diener 
des göttlichen Worts die Sünde erläffet, und in ſofern 
iſt die priefterliche Abfolution ein Zeugniß göttlicher Los— 
fprechung von den Sünden. Im Farholifchen Spftem 
hingegen hat fie den ganzen Gehalt eines richterlichen 
Actus; der Geiftliche ift ein von Gott mit aller Gewalt, 
die Sünden zu erlaffen, verfehener Nichter, der nad) ge- 
nauer Erkenntniß des Falles das Urtheil fpricht. Zwar 
iſt es auch nach diefem Syſtem immer Gott, welcher 
durch den Priefter die Sünden’ vergiebt, aber eine zwie— 





in sacerdotio potestatem tradi- 
tam consecrandi, offerendi et mi- 
nistrandi corpus et sanguinem 
eius, nec non et peccata dimit- 


Domini institutione catholica Ec- 
clesia acceperit:. fateri etiam 
Oportet, in ea noyum esse, visi- 
bile et externum sacerdotium, in 


quod vetus translatum est, hoc 
autem ab eodem Domino Salva- 
tore nostro institutum esse atque 
Apostolis eorumque successoribus 


tendi et retinendi, sacrae literae 
ostendunt et catholicae ecclesiae 
traditio semper docuit. ]. c. c. T. 


05 


fache Anſicht ift eg, welche das Fatholifche Syftem bie 
bey zuläßt oder begünftigt, naͤmlich zunächft die, dag 
Gott allein und felbft es iſt, der bier im fpeciellen Fall 
die Suͤnden vergiebt und die entgegengefeßte, aber we— 
fentlidy ganz diefelbige, daß der Priefter allein und felbft 
es iſt, der für folche einzelne Fälle fo göttliche Gewalt 
beißt, daß er aus eigener von Gott ihm übertragener 
Machtvollfommenheit die Sünden erlaffen fann. Von 
weldyer Seite man auch die Sache anfehen mag, immer 
ift der Geiftliche hier etwas: anderes, als im proteftanti- 
fehen Eehrbegriff, nach welchem er immer nur ein bloßes 
Digan und Vehifel ift in Gottes Hand. Nackt. und 
blos nennet die Synode zu Trient nach proteftantifcher 
Lehre das kirchliche Minifterium, offenbar, weil nach die 
fer an daffelbe nicht ein Ace göttlicher, wenigſtens über: 
menfchlich- heiliger Würde geheftet ift, wodurch es gleich“ 
fam erft als befleidet erfcheinen koͤnnte F). Sie begün- 
figet den Wahn, als ſtehe der Priefter in der Perfon 
des Richters an Gottes Stelle d. h. da, wo Gott felbft 
fiehen und gefehen werden fol, oder da, wo Gott zwar 
ſelbſt niche ift, aber feine ganze Gewalt zurückgelaffen 
und niedergelegt hat in der Hand eines Menfchen, fo, 
daß nun diefer damit machen und fie anwenden Fann, 
wie er e8 den Umſtaͤnden angemeffen finder. Es ift mit 





f) Quamvis autem absolutio sa- ti er absolutione. Es ift merk: 


cerdotis, alieni beneficii sit dis- 
pensatio, tamen non est solum nu- 
dum ministerium vel annunciandi 
evangelium, vel declarandi, re- 
missa esse peccata, sed instar 
actus iudicialis, quo ab ipso, vel« 
ut a iudice, sententia pronuncia- 
tur. Sess. XIV. De Sacr. Poenit. 
€. 6. de ministro huius sacramen- 


würdig, wie die Synode bier den 
Gegenfag made, wiederum durd 
ihr quamyis und tamen und _ fg 
daß fie das beneficium Dei, als 
ein alieni beneficium dem nudum 
ministeriem, der bloßen Annuns 
tiafion und Declaration entge—⸗ 
genftelle. 


— 156 — 


einem Wort zugleich die Abmwefenheit und Gegenwart 
Gottes im Beichtſtuhl, an welche das Fatholifche Sy— 
ſtem denken läßt, und wodurch vielleicht die dunfele Vor; 
fielung von dem Nichteramt des Priefters am ficherften 
clar gemacht werden EFann. 

Wo nun das Amt felbft in folchem Lichte erfcheint, 
"wie möchte da der Eintritt in daffelbe nicht als ein Act 
erfcheinen von außerordentlicher Kraft und Wirkung, da 
ja, durch diefen fo große Gewalt und Würde an ein 
menfchlich Wefen kommt und geheftet wird. Nicht et 
was Heiliges blos, fondern etwas Göttlicheg (divina 
res) ift dag heilige Priefterthum, deffen Spige und Gis 
pfel das Epifcopat ift und deffen einzelne Genoffen die 
ihnen zufommende Würde und Ehrfurcht nach den ver— 
fchiedenen Stufen der feftgefeßten Grade genießen, auf 
der fie ftehen, von denen die drey oberfien allein die 
firhliche Hierarchie bilden, welche auf firenger Unter; 
fcheidung von den Layen beruht g). Was diefe Firchlis 
chen Perfonen urfprünglich waren und wie fie jeßt etwas 
fo ganz anderes find, auseinander zu feßen, gehört nicht 
bieher. Andere Zeiten und Gitten erfordern andere 
Einrichtungen des Firchlichen Lebens; Alles frey und er— 
Jaubt, fo lange Veränderungen diefer Art nur nicht für 
unmittelbare göttliche Einrichtungen oder von Chriftug 
und den Apofteln felbft noch abftammend ausgegeben 
werden. Nicht der Name macht das Amt, fondern der 
Kreis von Gefchäften, der dazu gehört, und diefer ift 
unleugbar jegt ein ganz anderer, als in der Alteften Kir: _ 





g) Sess. XXIII. cap. 2. de sep- tam, quae constat ex episcopis, 
tem ordinibus. Si quis dixerit, in presbyteris et ministris, anathe- 
ecclesia catholica non esse hierar- ma sit. Can. 6. cfr. cap. 4. 
chiam diyina ordinatione institu- 


=. 157 m 


che. Dieß durfte nur erinnert werden, weil die katholi⸗ 
ſche Kirche gewöhnlich, meil fie die alten Namen des | 
Biſchofs, Presbyters und Diaconus beibehalten hat, ans 
nimmt; daß diefe Namen nocd) jegt die nämlichen Ges 
fchäfte bezeichnen, und fih auc bier gewöhnlich auf 
das Altertum diefer Aemter zu berufen pflegt, da fie 
doch, wenn gleich an fid) nun ſchon fehr alte, doch im 
Verhaͤltniß zur Verfaſſung der Alteften Kirche, fehr mos 
derne Anordnungen find. 

Die einzige Thür, durch die man in ein priefterlich 
Amt eintreten fann, und ein Sacrament ift in der ka— 
tHolifchen Kirche die Ordination. Auch die profeftanti- 
ſche Kirche ehret diefelbe als eine religiöfe Feyerlichkeit 
von tiefem Gehalt; von Chriftug felbft eingefest ift auch 
nach ihren Grundfägen der unmittelbar Firchliche Dienft, 
der die Verfündigung des göttlichen Worts und die Ver- 
waltung der Sacramente in fich befaßt, mithin die Hand 
lung, welche zu diefem Dienfte weihet, eine wahrhaft 
heilige zu nennen. Die Kirche Ehrifti hat von ihm felbft 
den beftimmteften Befehl, fich ihre Diener zu berufen 
und anzuftellen, und die Verheißung dazu, daß er durch 
das kirchliche Minifterium wirkſam feyn wolle. Bor: 
nehmlich die Predigt von Chrifto oder die Verfündigung 
des göttlichen Worts, zu welcher der geiftliche Stand fo 
ausdrücklich von Chriſtus verordnet ift und deren bie 
Synode auch nicht ein einzigegmal als eines weſentli⸗ 
chen Theils geiftlicher Amtsführung auch nur etwas ehe 
.renhaft erwähnt, ift ihr ein eben fo erhabener Gegens 
fiand, daß fie die Weihung dazu als eine der rührend» 
fien und erbaulichften Feyerlichkeiten betrachtet. Sie hat 
daher auch jederzeit gegen die Fanatifer proteftirt, wel—⸗ 
che ohne das Außere Wort Gottes und deffen ſeelenvolle 
Verkündigung, ohne befondere Geiftliche und Geweihte 


— 1585 — 


fich an das innere Wort allein halten und Jedem ohne 
Unterfchied die Lehre des Evangeliums anvertrauen. Nur 
in der gefeßmäßigen, in aller Ordnung vollzogenen Bo: 
cation erfennet die proteftantifche Kirche. jene göttliche 
Anordnung wieder, nach welcher das geiftliche Amt zum 
Segen für die Welt, kraft des heiligen Geiftes Frucht: 
bar, Iehr- und troſtreich wirken fol. Da aber nach ih— 
vem Begriff von diefem die .Geiftlichfeit nicht etwas fpe 
eififch von den Nichtgeiftlichen verfchiedeneg, fondern nur 
in. dem nähern und unmittelbaren Verkehr mit dem 
Worte Gottes und den Firchlichen Dingen zu fuchen ift, 
fo: geht in ihr der Geiftliche aus der Mitte des ganzen 
firchlichen Vereins -felbft ‚hervor, und wie die Einzelnen 
der. Gemeinden und die weltlichen Behörden felbft Theile 
davon find, fo beruft entroeder diefe oder die freye Wahl 
der Gemeinden ihre Geiftlihen. Nach dem Fatholifchen 
Spftem; welches eine fo tiefe Klufe zwiſchen dem Clerus 
und ‚den Layen beveftigt, ift zu einem geiftlichen Amt 
weder die Vocation, noch der Conſens weltlicher Behör: 
den ‚oder ‚der Gemeinde erforderlich, fondern diefes allein 
der hierarchiichen Behörde vorbehalten, welche fich felbft 
ihre Glieder entwickelt: und forterzeugt h). Außer der 





nes non ecclesiae ministros, sed 


h) — Docet insuper SS. Syno- 
dus, in ordinatione episcoporum, 
sacerdotum et ceterorum ordi- 
num, nec populi nec cuiusyis se- 
eularıs potestatis et magıstratus 
consensum sive vocationem sire 
auctoritaten ita requiri, ut sine 
ea irrita sit ordinatio: quin po— 
tius decernit, eos, qui tantum- 
modo a populo aut seculari po- 
testate ac magıstratu vocalı et ın- 
stituti ad haec ministeria exer- 
ceuda ascendunt et qui ea pro- 
pria temeritate sibi sumunf, om- 


fures et latrones, per ostium non 
ingressos, habendos esse, Sess. 
XXII c. 4 Es ıft bekannt, wie 
aus dem nämliben Grunde die 
Fatbolifche Kirche die protejtantie 
f&e Drdination nicht für gültig 
anerfennt, und alle protejtantis 
ſche Scıftlibe nicht für mahrbaft 
ordinirt bält, namlich nicht in 
ihrem Sinne, blos weil nicht 
durch Ihre Hand, und äußerliche 
Tradition des heiligen Geiftes. 


— 159 — 


Election und Vocation begeben endlich beide Kirchen 
mit dem zu einem priefterlichen Amt beſtimmten noc) 
den befondern Act der Ordination; die proteftantifche 
durch die nach dem Mufter der Apoftel beibehaltene 
Handauflegung, durch welche des Kandidaten legitime 
Erwählung angezeigt; er felöft feyerlich eingemeiher und 
Gott und der Welt als Diener des göttlichen Wortes 
dargeftellt; fein Amt auf dieſe Art glei) im Beginnen 
an eine höhere Abfunft angefnüpft wird. Solche Con: 
fecration und Hrdination ein Sacrament zu nennen, hat 
fich die proteftantifche Kirche nie gemweigert, wenn man 
das Wort auch im weitern und allgemeinen Sinne 
nehmen, und überhaupt eine feyerliche religiöfe Handlung 
verfiehen will, zumal eine, mie diefe, deren Gegenftand 
die Verheißung Gottes fo ausdrücklich für fich hat, und 
welche felbft ein außeres Zeichen hat aus apoftolifcher 
Einfegung 1). Allein die Frage ift, ob diefe Feyerlichz 
keit in dem Sinne, als Taufe und Abendmahl, ein Sa: 
crament zu nennen fey? Dieg nimmt die Eatholifche Kir: 
che an k); die protejtantifche Ieugnet e8: denn weder 
fo vielumfaßend, als jene Sacramente, noc in gleicher 
Berheißung begründet, ift auch der Segen der Ordina⸗ 
tion nicht aus Ehrifti Vorfchrift an die Cerimonie der 
Handauflegung gebunden; den Ritus der Anhauchung, 
deffen ſich Chriſtus einmal bediente, um feine Apoftel zu 
weihen, ließen diefe nachher felbft fallen und an die 





per sacram ordinationem, quae 
verbis et signis exterioribus per- 
ficitur, gratiam conferri: dubitare 


i) Nos non gravatim ordinem 
vocaverimus sacramentum. Apol. 
A.C. p. 201. Neque impositio- 


nem manuum vocare sacramen- 
tum gravabimur. 1: c. p. 202. 

k) Cum scripturae testimonioy 
spostolica traditione, €t Patrum 
unanimi consensu perspicuum sit, 


nemo debet, ordinem esse vere 
et proprie unum ex septem san- 
ctae ecclesiae sacramentis; inquit 
enim Apostolus 2 Tim. ı, 6 7. 


„ Sess. XXIII cap. 3. cfr. can. 5: 


— 160 — 


Stelfe derfelben die Handauflegung treten, womit fie 
deutlich genug verriethen, daß irgend ein aͤußeres Zeichen 
oder Symbol unmittelbar von Chriftus felbft eben fo 
wenig .eingefeßt, als die Anhauchung beisubehalten von 
ihm verordnet worden fey. Die Fatholifche Kirche hin— 
gegen gründet den facramentlichen Gehalt der Ordina— 
tion auf den großen und tiefen Gehalt der dem Priefter 
anzuvertrauenden Berufsgefchäfte der Opferbereitung und 
Abſolution. Wäre ihr der Priefter, was er der prote 
ſtantiſchen Kirche iſt, ein Diener des goͤttlichen Wortes 
und der Sacramente, und nicht vielmehr ein hoͤheres 
Weſen, ſo koͤnnte auch das Intereſſe nicht ſo groß ſeyn, 
welches ſie dabey hat, ſein Amt durch ein eigenes Sa— 
crament der Weihe dem Abendmahl und der Taufe ſelbſt 
an die Seite zu ſtellen, und ihm auch noch von dieſer 
Seite einen neuen Glanz zuzuwenden. Wem aber ſo 
außerordentliche Gewalt verliehen worden, der muß auch 
auf eben ſo außerordentliche und wo moͤglich, auf eine 
von Chriſtus ſelbſt noch angeordnete Art zu ſeinem Amt 
eingeweihet werden 1). Es wird daher hier ohne Be— 
denken angenommen, daß auch Chriſtus ſchon feine Apos 
ſtel durch die foͤrmliche Ordination und Handauflegung 
eingeweihet habe, und weil ſich hier die heilige Schrift 
verſagt, ſo geht man zur Tradition m). Iſt eine Lehre 


— — — — —— — — — — — — — 


1) In ordinatione sacra datur 
homini potestas confhiciendi et mi— 
nistrandi sacrsmenta, quae certe 
a peccatore recte exerceri non 
potest. Dabit igitur Deus simul 
cum e4 potestate etiam gratiam 
justificantem et perficientem ani« 
maın, ur rite fungatur tanto mi- 
nisterio. Bellarm. de sacr. ord. |. 


I. c. 4. p. 2219. 


} 


m) Neque tögimur credere, 
Dominum sıne impositione manus 
Ordinationem Apostolis contulis- 
se. Nam etsi scriptum non est, 
per impositionem manuum ordi- 
natos Apostolos a Christo: tamen 
neque scriptum est coutrarium 
et multa fecit Dominus, quao 
scripra non sunt. Bellarmin, ]. c. 
“ 2. P. 2219. 


= 161 — 


einmal erft auf diefem Wege, dann findet fich alles Ue— 
brige durch die Autorität der Kirche von feldft: fo ift 
dann auch durch diefe die Form und Materie diefes Sa; 
craments angeordnet und eine große Menge von Eeri- 
monien damit verbunden worden, wie die GSalbung, die 
Sonfur u. fe wm. Die Salbung des Haupts des Bi— 
fchofs und der Hände des Presbpters ift jedoch nach 
diefen Grundfägen nur eine facramentelle Eerimonie und 
accidentel im Verhaͤltniß der Handauflegung, welche die 
weientliche Materie diefeg Sacraments bildet, fo wie 
die Form deffelben in den Worten des Drdinirenden bes 
ſteht: nimm hin den heiligen Geift u. f. w. *). Doc 
ift die Salbung durch die Synode zu Trient damit in 
nothivendige Verbindung” gefegt worden n). Sn alten 
Zeiten wurde auch noch das Evangelienbuch auf das 
Haupt des Bifchofs gelegt und eine Menge von Ceri- 
monien dabey angebracht, Die jetzt meift alle außer Ge: 
brauch gefommen find 0). Dieß Alles kann man der 
Fatholifchen Kirche gönnen, wenn fie dergleichen felbft 





*) Die Galbung ift ein offene verfihiedenen Ritus beſchrieben 


bar fpäter eingefübrter Gebraud), 
denn felbft Dionpfius Ar. geden- 
ket derfelben nicht in Diefer Bes 
ziebuug De eccl. hier. c. 4., eben 
fo wenig der DBerf. der Griff 
vom Prieftertbum, welde gewöhn— 
lich dem beiligen Ambrofius bei- 
gelegt wird. De dignit. sacerdo- 
ti c. 4. 5. Die verſchiedenen Dr« 
dinationsformulare der Griechen 
und £ateiner bat Mlorinus ge: 
fammel£ in feinem großen Werk 
De sacris ordinationibus commen- 
tarius, secundum antiquos_ et Te- 
centiores l'tinos, graecos, syros 
et babylonios etc. Antw. 1695. 
fol. im zweiten Theil und Die 


von S. 20g an. 

n) Sı quis dixerit, s. unctio- 
nem, qua ecclesia ın s. ordina- 
tione utitur, non tantum non re- 
quiri, sed contemnendam et per- 
nicıosam esse, similiter et alias 
ordinis ceremonias, analhema sit. 
1. .c. tan. 5. 

o) Morinus 1. c. exercit. >. c. 
1. sqg. Weld ein unendlidy Heer 
pon Meinungen ftelen die Scho— 
Iaftiter nicht auf über Form und 
Nieterie diefes Gacraments und 
über dıe Frage: ob die Ordina— 
fion der Särerifer in der EFatbol, 
Kirche wiederhbol£ werden müſſe? 
Morin. ]. c. p. 57—97: 


Marheinede Syſt. d. Katholicismus. III. II 


— 162 — 


J 
aus ſpaͤteren Anordnungen ableitet und nur nicht jede 
Are gleich Chriſto und den Apoſteln zuſchreibt p). Die 
große Differenz, welche im Laufe der Zeit auch in der 
Drdination zwiſchen der abendländifchen und morgen: 
ländifchen Kirche ſich daraus nothwendig entwickeln 
mußte, und welche Morinus mit fo großer Mühe hins 
wegzuraͤumen firebt, ift hieraus leicht begreiflich, da alle 
firchliche Anordnungen, fobald fie von beftimmter Vor— 
fehrift der heiligen Schrift fich entfernen, ing Freye und 
Wilführliche gehen, und dann nur noch eine zufällige 
Aehnlichkeit unter einander darbieten koͤnnen. Es ift ver: 
lorne Mühe und nichts als Fiction, dergleichen Inſtitu— 
tionen mit einem geheimen oder unbeflimmt allgemeinen 
Befehle Chriſti an die Apoftel in Verbindung zu feßen, 
fo, daß diefe dann etwa den Auftrag nur ausgebildet 
und nach ihrer befondern Art befolgt hatten q)., Denn 
dag heißt in Wahrheit nichts anders, als die Kirche 
hat im Verlauf der Zeit und analogifch anderen Gas 
cramenten und Cerimonien auch diefen Nitus nach und 
nach zu der Geftalt ausgebildet, in welcher er noch jetzt 





p) Aber darüber eben wird im: 
mer Öfreit bleiben, mas mefent- 
lich und was nicht zur Materie 
und Form des Sacraments gehö— 
re. Daher iſt dem Morinus der 
Beweis fo wichtig, in iis, quae 
sunt alicui ritui vel tempori spe- 
cialia, hoc est, quae sunt in ritu 
graeco, nen in latino, vel ın la- 
tno, non in graeco, vel quae 
antiquitus ritui graeco vel latino 
non inerant, sed postea vel a 
conciliis, vel a pontificibus addi- 
ta, vel quacunque consuetudine 
usurpata sunt, Ordinationum ma- 
terias et formas non inesse. |. c. 
Exerc. 1. cap. I. 


q) Scholastiei plurimi, praeser- 
tim recentiores, aliam reconcilia- 
tionis viam ireunt mea sententia 
multo probabiliorem. Opinantur 
enim, Dominum nostrum Jesum 
Christum »onnullorum sacramen- 
torum materias et formas genera- 
liter tantum instituisse, earum 
vero determinationem et designa- 
tionem Apostolorum et Ecclesiae 
aucioritati et prudentiae commi- 
sisse; atque hinc materiarum et 
formarum varietatem fluxisse, duuı 
ecclesia graeca has materias et 
formas in specie, latina vero istas, 
unaquaeque pro sibi concessa po- 
testate definivit. Morin. 1. c. P, 
UN ezert. 7. c 2. 


— 13 — 


beſteht, und ihn fo endlich auch unter die Sacramente 
felbft aufgenommen. ° 

Eine gleiche Bewandtniß hat es auch mit dem Ch» 
libat, den die Kirche erft feit Gregor VIL ihren Prie— 
ftern nicht ohne großes Widerfireben allgemein aufgelegt 
bat. Die urfprünglid freye und willkuͤhrliche Abfti- 
nen; vom ehelichen Leben in der frommen Abficht, eine 
höhere Stufe des religiöfen Dafeyns zu gewinnen und 
auf mannichfaltige Weife fehr früh fchon in der chriftli- 
chen Kirche veranlaßt und entftanden, Fonnte nur in 
menfchenfeindlicher und unheiliger Gefinnung, in ganzli- 
chem Misverſtaͤndniß der wahren Keuichheit, die auch in 
der Ehe ſtatt finden foll, und mit offener Verachtung aller 
göttlichen Anordnung des ehelichen Lebens ohne Unterfchied 
der Stände, ſich in ein allgemeines Gefeß für die Priefter 
verwandeln. Ein in feiner Entflehung urfprünglich mor⸗ 
genländifches Product wurde das ehelofe Leben der Geift: 
lichen im Abendland erfi da zu einem allgemeinen und 
uneingefchränften Gebot, als teltlic) » religiöfe Gründe 
den Papft beftimmten, an diefer Kette den geiftlichen 
Stand unauflöslih an feinen neuen hierarchifchen Thron 
zu fchmieden, auf diefem Wege ihn aus aller Verbin; 
dung mit der bürgerlichen Ordnung der Dinge und 
dem Staat heraugzureißen, feinen Geift und Sinn, 
feine Bwecke und fein Intereſſe einem ganzen Stan; 
de einzuflüßen, ihn dem weltlichen defto fihärfer ent— 
gegenzufegen, um aus foldyer Höhe diefen defto leich— 
ter und gewiſſer beherrfchen zu fünnen *) In dieſer 
Geftalt wefentlich abendläandiiches Product hat eg in der 
griechifchen Kirche nie gedeihen Fönnen, ift vielmehr Hier 





) Gregor. VII. Epist. 1, III. ep. 7. 
EL" 


— 164 gem 


ftets als eine grobe Beleidigung der Neligion und aller 
Menfchenrechte verſchmaͤhet worden. Die fehredliche Nas 
che, welche Religion und Natur für die ihnen durch fol: 
ches Gebot zugefügte Schmach jederzeit genommen, die 
unnatürlihe Dispenfation einer einzelnen Menfchens 
Elaffe von den natürlichen Pflichten des bürgerlichen und 
gefelligen Lebens, die GSittenlofigfeit und Ausfchweifung, 
welche fich zu allen Zeiten im Gefolge des Eheverbots 
unter den Prieſtern zeigte, und die himmel chreienden 
Nachtheile, welche daraus faft unvermeidlich entfianden, 
haben ihm zwar fchon längft in der Meinung Aller den 
Grund zerftört, auf den es urfprünglich gebauet war; 
doch ſteht es noch wie eine traurige Ruine des Mittel: 
alterg mitten im einer modernen Welt, ein Document 
‚finfterer bierarchifch - despotifcher Zeiten mitten in einer 
aufgeklärten Zeit, al8 eine unter andern Umftänden vor: 
mals wohl noch bedeufungsvolle, jeßt aber gang unge 
reimte Anordnung, die fih zu allen fonftigen Beſtrebun— 
gen und Nichtungen des Staates und der Kirche gar 
nicht mehr ficken will, und nur noch ein unerträglich 
ſchweres Zoch. ift auf dem Nacken einer dadurch unfäg- 
lich unglücklichen Menfchenklaffe. Der Mönchsgeift und 
das Flöfterliche Leben, mit welchem Ehelofigfeit nothiven- 
dig verbunden war und von welchem auch urfprünglich 
der Coͤlibat auf die Weltgeiftlichen überging, ift ausge 
rottet in unferer Zeitz nicht minder ift jenes Feudalfys 
fiem längft verfchwunden, auf welches der Colibat im 
Mittelalter eine weſentliche Beziehung hatte; die weite 
Scheidung und Entgegenfegung aller Stände ift aufge: 
hoben und die hierarchifche Gewalt ganz und gar gebro- 
chen, welcher der Eölibat der Priefter vormals zu einem 
fo weſentlichen Stügpunet diente. Der geiftliche Stand, 
vormals durch feinen Coͤlibat vornehmlich fih in einer 


— 


gewiſſen Selbftftändigfeit und bierarchifchen Eigenthuͤm— 
lichfeit behauptend neben dem Staat und ihm gegen: 
über iſt jetzt faft überall wie jede andere Klaffe von 
Staatsdienern behandelt, der Landesregierung verpflich- 
fer und allen Gefeßen und Pflichten des Bürgers unter; 
worfen. Gleichwohl liegt die ſchwere und fchmachvolle 
Laft der Ehelofigkeit noch immer auf den Schultern der 
Hriefterfchaft, gegen welche fie mit Recht nie lauter 
fohrien, als in unferer Zeit, als gegen einen ganz un: 
serantwortlihen Angriff auf die Nechte der Nationen, 
der FZürften, der Natur, der Religion und gefellfihaftli- 
chen Drdnung *). Jedermann weiß e8 jegt, daß das 
Coͤlibatsgeſetz, als eine rein difciplinarifche Anordnung 
mie feinem Dogma in wefentlicher Verbindung fteht, daß 
e8 demnach fo gut, wie die Abftinens von Fleiſchſpei— 
fen, veränderlich iſt, auch, dag die Ießtere faft überall 
durch die häufigen Dispenfen ſchon in Vergeffenheit ge: 
fommen iftz felbft der Papſt Pius II. Hatte es ſchon ge: 
fagt; daß, wenn die abendlandifche Kirche gufe Gründe 
gehabt haben möchte, den Prieftern die Ehe zu verbie— 
ten, fie jetzt noch befjere habe, diefelbe ihnen wieder zu 
erlauben. Auch der Synode zu Trient wurden die drins 
gendften Borftelungen gemacht vom Kaifer und von den 
Fürften der Zeit, diefe Schmach dem geiftlichen Stande 
abzunehmen. Gleichwohl ſanctionirte fie, geleitet: durch 
die blinden Anbeter des römifchen Stuhls, den Coͤlibat 
von neuem **) Nach der Ueberzeugung aller From⸗ 





*) Diefer Gegenfland ift er» gefeßeg verbindet. Das Firdlide 
fhöpft in einem Werke, welches Eölibafgebo£ in feinen Verhält— 
nicht blos darum das beſte if, niſſen zur Religion, Gittlichkeit 
weil es das neuefle ift, Sondern und Politik u. f. w. Bon M. u. 
weil es mi£ einer vielfeifigen und ſ. w. 1811 8. 
gründlichen Anſicht zugleih eine 
gedrängfe Geſchichte des Cölibak- **) Si quis dixerit, clericos in 


— 106 — 


men unter den Katholiken ſelbſt hat ſie unverantwortlich 
daran geſuͤndigt: dieß war eins von den Stuͤcken der 
Reformation, welche man von ihr zum Heil der Welt 
erwartete. Das Cölibatgefeg, indem es den Menfchen 
lehren und zwingen fol, übermenfchliche Pflichten zu er—⸗ 
füllen, hat, mit den Ausnahmen, die fich von felbft ver: 
fiehen, zu allen Zeiten den Menfchen tief unter die 
Menfchheit herabgewürdigt: denn nicht in‘ Verhältnig 
ſteht die Zahl derer, welche dadurch wirklich auf eine hoͤ— 
bere Stufe des religiofen Lebens gelangten oder der Bors 
theil, der daraus in der Anficht der Layen für den gan— 
zen Stand erwächft, mit der Zahl derer, in welchen es 
nicht nur ein Reiz zu den abicheulichften Sünden war, 
fondern auch die legten Spuren der Menfchheit ausge: 
loͤſcht. Ein Gefeß, an fich oder zu einem beftimmten 
Zwecke und unter gewiffen Umftänden weife, religiös und 
zweckmäßig, aber unter andern goftesläfterlich und fee 
lenverderblich und fo laut durch das Geichrey aller Zeis 
ten verdammt, hört auf, dag erftere überhaupt zu feyn; 
und was die, Erfahrung in diefer Art und in diefem 
Maaße als unheilig und verderblich verwirft, kann auch 
in feinem legten Grunde felbft nur auf einem Irrthum 
und Misverſtande der Religion beruhen. 

In Anſehung des Sacraments der Poͤnitenz lehrt 
zwar die katholiſche Kirche im Allgemeinen ganz uͤber— 
einſtimmend mit der proteſtantiſchen, daß Gott noch 


sacris ordinibus constitutos, vel contrahere matrimonium, qui non 


regulares castitatem solemniter sentiunt, se castitatis, etiamsi 
professos, posse‘ matrimonium eam voverint, habere donunı, 
contrahere contractumque vali- anathema sit, cum Deus id recte 


dum esse, non obstante lege ec- 
clesiastica vel voto et oppositum 
vel aliud esse, quam damnare 
matrimonium posseque omnes 


petentibus non deneget nec pa- 
tiatur nos supra id, quod possu- 
mus, tentari. Sess. 'XXIV. de ma- 
trim. can, 9. cfr. gan. ı0. 


— 167 — 


außer der Taufe auf eine andere Art Anftalt getroffen 
zur Vergebung menfchlicher Sünden, und daß ohne Buße 
der Menfch von feinen Sünden nicht befreyet und mit 
Gott verſohnet werden fünne. Allein die Art und Weife 
folcher Buße ſtellet die katholiſche Kirche in ein gang 
anderes Licht und in einen ganz andern Zufammenhang. 
Die proteftantifche bleibt allein fireng und genau am 
Worte Gottes fiehen und vertrauet allein der Anordnung 
und dem Wege, welche in heiliger Schrift vorgezeichnet 
worden, nämlich der fchriftgemäßen Benußung des Wor; 
te8 Gottes und der heiligen Sacramente, als dem ver: 
ordneten Mittel und Organ, durch welches Gott in die- 
fem Leben mit dem Menichen umgeht und mit ihm han- 
delt in Allem, was feine GSeligfeit belangt. Durch des 
göttlichen Wortes Verkündigung und Verkündiger wird 
da8 Bewußtſeyn der Sünde aufgeregt, das Gewiffen ge: 
fchärft, Gottes Gericht über die Sünde angefündigt, den 
Keuigen und Bußfertigen Gottes Gnade und die Erlaf: 
fung der Sünde mitgetheili. So ift im Proteftantismug 
in der Predigt und Anwendung des göttlichen Wortes 
und im Genuß der Sacramente die Erweckung und Auf: 
vegung, die Bewegung zur Neue und Buße und die Zu: 
rückführung des Sünders zu Gott begriffen und befchloffen. 

Die Synode zu Trient felbft hat ihre Beflimmung 
über diefen Gegenſtand r) mit ihrer eigenthümlichen Leh— 
ve von der Rechtfertigung und vom Sacrament ber Prie- 
fierordination in die engfte Verbindung gefegt. Nur in 
diefem Zufammenhange alfo läßt fie fich ganz verſtehen; 
denn wie die Materie diefes Sacraments auf jene, fo 





r) Sm Bingang zu dem Dockrinaldecret über das Sacrament der 
Pönitenz Sess. XIY. 


ift die Form deffelben allein auf diefe gebaut. Da bie 
Form in aller Nückfiht das wichtigfte ift, fo ift vor al- 
len Dingen nöthig, hierüber den Sinn der Fatholifchen 
Kirche zu verftehen. 

Das Sacrament der Poͤnitenz erflärt die Synode 
für eingefeßt von Chriftus erft nach feiner Auferftehung, 
da er die Jünger anblies und ſprach: nehmet hin den 
heiligen Geift, welchen ihr die Sünde erlaffet u. f. w. 
Diefen Ausſpruch nimmt auch die proteftantifche Kirche 
fo, daß durch denfelben den Dienern des göttlichen 
Worts die Macht verlichen worden, die Sünden zu er 
laffen und zu behalten, allein in einem, wie fo gang 
anderem Sinne als die Fatholifche, welche 4 die Ue⸗ 
bertragung ſolcher Gewalt kaum anders denkt, denn fo, 
als hätte fih nun Gott derfelben kuͤnftig ganzlich ent; 
ſchlagen wollen und fie ganz vollftändig in die Hand 
feiner Priefter gelegt. ES hängt daher fehr gut uud in; 
nig mit dem bierarchifchen Gefichtgpunct zufammen, in 
weichem ein Katholif von Jugend auf feinen SPriefter 
betrachtet, wenn er ihm aud) die göttliche Gemwalt der 
Sündenvergebung in einem Grade zutrauet, wobey die 
fer faft aufporen muß ein Menich zu feyn, und mie 
diefe Vorſtellung abwärts fi in immer crafferen For: 
men entwickelt; fo laßt fie fich allerdings auch aufwaͤrts 
zur reinſten und felbft poetifch = gefälligen Geſtalt vers 
edeln. Denn ift e8 einmal angenommen, der Kirche 
überhaupt fey folche Gewalt verliehen und die Diener 
ver Kirche machen die Kirche aus und reprafentiren die: 
felbe, fo hindert nichts, den Priefter in ein fo heiliges 
und magifches Kicht zu fielen, daß die Ehrfurcht gegen 
ihn, wegen feiner Wirkfamfeit und wunderbaren Gewalt 
über die Gewiſſen, leicht bald fchauerlicher, bald reizen: 
der von jener zauberifchen Gewalt ſich Faum noch unter: 


169 — 


ſcheiden laͤßt, mit welcher die Nähe der Gottheit felbft 
das menfchliche Herz befaffen müßte s). Ein Proteftant, 
der des heiligen Amtes wegen aͤuch den gehörig zu eh— 
ren weiß, der e8 würdig führef, weiß doc) befonnen von 
der Perfon deffelben das noch zu unterfcheiden, was 
durch ihn gefchiehet, gleichwie er auch im Falle der per: 
fönlichen Unwuͤrdigkeit doch der heiligen und hohen Ge; 
walt in feinen Händen nichts deflo weniger vertrauet, 
welche dem Amt, das er bekleidet, und nicht der Per— 
fon verbunden ift: aber nie Fann er gegen die Perfon 
des Beichtvaters in Superftition verfallen, die ihn auf 
diefem Wege mit Feiner Gefahr bedroht und ihm eine 
Herrfchaft über die Gewiſſen einräumen, wie fie Gott 





s) Man böre die Declamation 


eines Priefters: Innumera privi- 
legia Ecclesiae suae Christus con- 
tulit, quıbus palam demonstranvit, 
illam divina auctoritate institutam 
esse et armatam: miraculorum 
virtutem, linguarum varıetatem, 
morborum curationem , tormen- 
torum tolerantiam, spiritus largi- 
tionem, Corporis Christi conli- 
ciendi potestatem, plaeraque alıa 
non minus utilia quam mira Ec- 
clesiae suae concessit. Sed om- 
nium augustissimum mihi videtur 
esse remittendorum peccatorum 
auctoritas Quid enim vehemen- 
tius hominum animos commoyere 
atque in admirationem rapere po- 
test, aut ministris Christi majo- 
rem dignitatem conciliare? Sa- 
cerdotum pedibus plebs sponte 
procumbit, gemebunda supplices 
ın coelum tendit manus, sinum 
lacrymis rigat, facta, dieta, cogi- 
tata omnia contra legem Dei ape- 
Tit, siderum circumstantias nu- 
dat, ambages explicat, mentis 
adyta secessusque omnes reclu- 
dit, ne quid reticeat, velut gran- 


de piaculum pertimescit, crimi- 
num instar poenas efflagitat re- 
missas refugit et depravatur, de- 
cretas nemine vindice et teste in 
seipsum crudelis exercet. Sacer- 
dotes vero pro tribunali sedent, 
anteactae vilae Talionem exigunt, 
agendae leges praescribunt, actio- 
num et cogitationum merita ex- 
pendunt, his longas severasque 
poenas indicunt, illos indulgen- 
tius habent, omnibus supplicia 
aeterna temporariıs commultant. 
Quae juris praerogativa hominum 
anımos commovere debuit un- 
quam vehementius, aut in admi- 
rationem rapere violertius? Ne- 
que humilis tantum populus hoc 
Christi jugum lubens subit; ve- 
rum principes, reges, imperato- 
res, quem omnes adorant, hic 
posito diademate, genibusque in 
terram fixis sacerdoti secreta con- 
scientiae pandit, sacerdoti suppli- 
cat, a sacerdote poenas exposcit 
etc. etc. Morini de disciplina in 
administr. sacrament. poenitentiae 
conımentar. Antw. 1682. fol. 1. I. 
€, "3s 


— 170 — 


ſelbſt und allein zu fuͤhren ſich vorbehalten hat. Es iſt 
eine reingeiſtige und uͤberſinnliche Wirkſamkeit, in der er 
ſeinen Geiſtlichen thaͤtig findet; es iſt die Stimme Got— 
tes und des Evangeliums, die er aus ſeinem Munde 
vernimmt. 

Eine ſolche Anſicht ſchneidet nun die katholiſche Kir— 
che gleich als ganz unzulaͤſſig ab, als naͤhme naͤmlich 
alle Suͤndenerlaſſung nothwendig erſt den Weg durch 
das Wort Gottes und das Evangelium Chriſti, oder 
als beſtehe die von Chriſtus der Kirche verliehene Ge— 
walt der Abſolution nothwendig und weſentlich in der 
Verkuͤndigung des Wortes Gottes und des Evangeliums 
von Chriſtus an die reuevollen und beichtenden Suͤn— 
der t). Sie ſtellet in der prieſterlichen Gewalt vielmehr 
die vollkommene Analogie der weltlichen Autorität buͤr⸗ 
gerlicher Juſtiz auf und ſpricht hier in lauter Ausdrüf: 
fen, die vom Beklagten und Schuldigen, Richter, Rich— 
terſtuhl und NRichterfpruch nach weltlicher Art entlehnt 
find, um damit das rechte Verhältniß des Priefters zu 
der fündenvollen und Vergebung der Sünden fuchenden 
Melt feftzufegen u). Darauf gründet fie, wie ſchon ge: 
zeigt morden, zum Theil wefentlich ihr Priefterehum, 
"darauf die Hauptkraft und Hauptwirkung (praecipua 
vis) eines eigenen Sacraments der Pönitenz, deren Form 
in den vorgefchriebenen, aus der Schrift entlehnten Wor- 
ten des abfolvirenden Priefters liege w). 





t) — damnat eorum commen- u) l. c..cap..2. 
titias interpretationes, qui verba w) Docet praeterea S. Syno- 
illa ad potestatem praedicandi dus, sacramenti poenitentiae for- 
verbum Dei et Christi evangelum mam, in qua praecipua eius vis 
- annunciandi, contra huiusmodi sita est, in illis mivistri verbis 
sacramenti institutionem, falso positam esse: ego te absolvo etc. 
detorquent. Sess. XIV. c. 1. quibus quidem de S$. ecclesiae 


— 171 


So in den Gang eines gerichtlichen Prozeſſes von 
Anfang herein eingeleitet wird an dem Sacrament der 
Pönitenz fodann auch die Materie oder das Element 
der Handlung befiimmt, woruͤber zwar das alte Achte 
Chriſtenthum in Anfehung eines eignen Sacraments bier 
fer Are und nothivendiger Verbindung damit als Iheilen 
deffelben nichts weiß, aber die Scholaftifer fchon das 
Nöthige feftgefegt haben. Zum Element oder zur Ma: 
terie des Sacraments machen fie die Neue, Beichte und 
Genugthuung (contritio cordis, contessio oris, sa- 
tisfactio operis). Befremdend muß e8 hiebey zunächft 
erfcheinen, daß man lauter Handlungen deffen, dem das 
Sacrament zu gut fommen fol, zum Element des Sa— 
craments macht, eine ganz ungewöhnliche Nede in der 


Lehre vom Sacrament x). 


Der Aufihlug darüber iſt 





more preces quaedam laudabili- 
ter adjunguntur, ad ipsius tamen 
formae essentiam nequaquam spe- 
etant, neque ad ipsius sacramenti 
administrationem sunt necessariae. 
l. c. cap. 3. 


x) — sunt autem quwası mate- 
ria huius sacramenti ipsius poe- 
nitentis actus, nempe contritio, 
confessio et satisfactio, qui qua- 
tenus in poenitente ad integrita- 
tem sacramenti ad plenamque et 
perfectam peceatorum remissio- 
nem, ex Dei institutione requi- 
runtur, hac ratione partes poeni- 
tentiae dicuntur. ]. c. cap. 3. Die 
ungemwöbnlide Sprachweiſe ba£ 
die Synode höchſt unmiffenfhafts 
lich und ungenau durd ein quasi 
gemilderf, und bald nachher nen» 
ne£ fie, was eben als Materie des 
Gacramenfs aufgefübrt worden 
war, ſchicklicher Gfüde und Theile 
deffelben. An diefem Schwanken 
der Begriffe waren die Scholaſti— 


fer Schuld, melde darüber une 
endlich viele Fragen aufgeworfen 
und felbft ſehr zweifelhaft beants 
wortet baffen. Einige machten 
fogar die Sünde zur Materie die- 
fes Sacraments, Andere den beiche 
tenden Günder, und nachdem fie 
nun die Gade in eins Sande 
lung verwandelt baften, bielten 
fie die einzelnen Acte der Pönie 
ten; für derfelben Element, wo⸗ 
bey fie aber nur wieder aufs neue 
ungewiß waren und uneins, ob 
fie den Priefter oder den Günder 
zum Sandelnden machen follten. 
Bellarmin bilft ſich hier dadurd, 
dag er die Handlungen des Sün— 
ders zur Materie der Buße im 
mweiferen, entfernferen Giune macht, 
gleihfam im uneigentliben. Nam 
peccata dicuntur materia, cum de 
materia remofa agitur, ad quam 
tollendam sacramentum institutum 
est. Qui peccata confitetur, ma- 
teria dicitur, cum de materia, 
circa quam, sive de subjecto, in 


u 'y > — 


alfein in der eigenthümlichen Nechtfertigungstheorie die: 
fer Kirche zu fuchen, welche an diefem Punct, wo fie 
tief in das Leben und Handeln des Menfchen eingreift, 
von erftaunlichen Folgen if. Jene wichtige Unterfchei- 
dung und Eintheilung der Suftification in die eine, 
die umfonft von Seiten Gottes fommt, und in die ans 
dere, welche der Zuthat des Menfchen nicht ermangeln 
kann, thut fih an diefem Puncte erft recht bemerflich 
hervor: denn bier £reten die eigenen Werfe des Men: 
fchen in Anfehung feiner Eündenvergebung und Recht— 
fertigung fogar als Theile eines eignen Sacramenteg 
auf. ES erflärt fich auch ferner hieraus, warum die 
Synode mit fo großer Sorgfalt das Sacrament der 
Zaufe von ihrem Sacrament der Buße unterfcheider. 
Nach proteftantifcher Lehre nämlich ift die Buße die 
Nückiehr zu jener in der Taufe ung gewordenen und be- 
fiegelten gnadenvollen Verheißung der Sündenvergebung 
um des Verdienftes Chrifti willen. So wie nun.aber 
in der Taufe Fann auf Fein menſchlich Werk von Gott 
gefehen werden, fondern frey, umfonft und unverdient 
die darin uns gefchenfte Gottes » Gnade ift, alfo auch 
die in der Buße von neuem ung sufließende Gnade Got 
tes. Allein gerade in diefer Nückfiht wollte die Syno— 
de ihr Sacrament der Poͤnitenz von dem der Taufe un: 
terfchieden wiſſen, namlich, um doc auch etwas von 
Seiten des Menfchen felbft zu feiner Sündenvergebung 
' beigetragen werden zu laffen, was zu diefem Zwed 
die proteftantifche Lehre durchaus nicht verlangen Fann, 





P7 


quod agit virtus sacramentalis, sacramentum adjuncta forma con- 
disputatio est. Actio denique poe- stituitur. De Poenit. J. I. c. ı6. 
nitentis materia vocatur, cum de p. 1670. 

materia illa disseritur, ex qua 


— 173 — 


— 

vielmehr ganz unſtatthaft findet, da nach dem ganzen Gei⸗ 
ſte des proteſtantiſchen Syſtems dadurch die Gnade Gottes 
vermindert und das Verdienſt Chriſti, um deſſetwillen ſie 
uns zu Theil wird, verkleinert und geſchwaͤcht erſcheinen 
muͤßte. Wenn alſo hier der Suͤnder ganz ohne Wuͤr— 
digkeit durch nichts die Suͤndenvergebung ſich von Geiz 
ten Gottes zuziehen oder verdienen kann, ſo produzirt er 
hingegen dort auch feine eigene Werke vor Gottes Ge— 
richt und bittet den geiftlichen Richter, daß er fie auch 
in Anfchlag bringe. Um diefes Moment hervorzuheben 
und befonders bemerflich zu machen, hielt die Synode 
für nörhig, den großen Unterfchied der Taufe und der 
Buße aus einander zu feßen. Nach diefer von der Tau— 
fe verfchiedenen und ganz neuen Art der facramentellen 
Wirkſamkeit ift ohne unfer großes Weinen und Arbeiten 
nach Gottes Forderung Feine Sündenvergebung moͤg— 
ih y). 

Sacranıente find fonft, nach proteftantifcher Lehre, 
Handlungen Gottes, durch welche ung göttliche Gnade 
conferirt und die Sünde vergeben wird, fymbolifche Ge: 





y) — alius est praeterea bap- 
tismi, alius poenitentiae fructus. 
Per baptismum znim Christum 
induentes, nova pr«rsus in illo 
efhicimur creatura, plenam et in- 
tegram peccatorum omnium re- 
missionem consequentes: ad quam 
tamen novitatem et ıntegrıtatem 
per sacramentum poenitentiae si- 
ne nostris magnis fletibus er la- 
boribus, divina id exigente justi- 
tia, pervenire nequaquam possu- 
mus etc. l. c. c. 2. de differentia 
sacram. poenit. et bapt. Wenn 
biebey der Eatbolifiben Lehre aus 
der proteftantifhen vorgeworfen 
würde, daß fie damit die Wir— 


fung und den Mußen der Taufe 
offenbar nur auf den "Moment 
derielben befchranfe, unmittelbar 
nacber aber ein gan; anderes 
Berfabren Gottes mit dem Güns 
der annebme, mwo;u dann auch 
ſeine eigne Thätigkeit gehöre, ſo 
erhellet hingegen, wie man der 
katholiſchen Lehre in dieſer Rück, 
ſicht wenigſtens nicht den Bor— 
wurf der Inconſequenz machen 
kann, und wozu ſie die Unter 
ſcheidung zwiſchen der ganz ver— 
fibiedenen Birkſamkeit beider Sa— 


cramente in ihrem Syſtem brau- 


chen kann. 


— 14 — 


4‘ 

fäße, twelche fich gnabdenreich öffnend dag heilige Kleinod 
der göttlichen Gnade ung mittheilen. Nur ein Genuß 
derfelben ift auf Seiten des Menfchen gedenfbar, fo wie 
die DVerrichtung der Handlung das Gefchäft des Prie— 
ſters ift. Ganz anders wird im Katholicismus hier daß 
Sacrament angefehen, und ein wefentlicher Beftandttheil 
deffelben durch die eigne That deffen hervorgebracht, dem 
e8 zu gut fommen fol. Und was ſich höchfteng nur 
als Bedingung, unter welcher etwa die facramentliche 
Gnade am reichften wirken Fonnte, denfen läßt, wird 
bier zum Element des Sacraments gemacht z). 

Bey diefer an fi ziemlich modernen Eintheilung 
der Buße in Neue, Beichte und Genugthuung a), müßte 
es wohl fehr auffallend fcheinen, daß die Synode die 
Erfchütterungen des Gewiſſens durch dag Gefeß, tie 
auch den Glauben, welche von den Proteftanten als 
Theile der Buße angenommen wurden, unbedingt ver: 
wirft und augfchließt, wenn diefes nicht aus ihrer befons 
dern Anficht vom Glauben das nöthige Licht erhielte, 
Nach ihrer fonftigen Art wird auch hier der Glaube nur 
als die allgemeine chriftliche Ueberzeugung genommen 





z) Um fid aus diefem Wider. 
fprud zu retten, nabmen frübers 
bin Fatbolifihe Theologen lieber 
die äufere Handlung des Prie- 
fters, durch die er die Abfolution 
erfbeilt, zur Materie des Garras 
ments, weil fie doch wenigſtens 
ein äuferes Zeiben fey, durch 
welches Gott innerlih die Geele 
son den Banden der Sünden recht 
eigentlich abfolvire oder ablöfe 
— cine Borftelung, die eben fo 
würdig und religiös ift, als übel 
zufammenhängend mie allen ans 
dern Beftimmungen der Kirche. 

a) Denn Scotus behauptete noch, 
dag Gaccamens der Pönitenz ber 


flehe einzig in der Abfolufion, 
Durandus Ilebrte, die Konfeffion 
allein ſey materieller Tbeil des Sa— 
eraments, die Gontrifion binge- 
gen fen die Dispofition dazu, die 
Öatisfaction aber die Frucht der- 
felben. Bellarmin felbft aber ſagt; 
neque jam amplius in dubium re- 
vocari potest (conir. conf. et sa- 
tisf. veras sacr. partes materiales 
esse) cum in Conciliis oecumeni- 
eis, Florentino er Tridentino, di- 

tis verbis legamus, actus Poe- 

tentis etc. esse quasi mate- 
riam sacramenti Poenitentiae. |. 
c. c. 17. P. 1675. cfr. c. 18. p. 
1678. i 


N 


von der Nothmwendigfeit der Buße, von welcher alfo dies 
fe nothwendig ausfchreiten muß, ohne welche fie nur 
nicht anfangen Fönnte, die alfo die wefentlichfte Grund; 
lage und gleichfam eine Vorausfegung iſt, ohne welche 
ſich gar nichts thun ließe. Wenn fie nun in diefem 
Sinne diejenigen verdammet, toelche folchen allgemeinen 
Glauben an das Evangelium zu einem wefentlichen Be 
frandtheil der Buße machen, fo war dieß wenigſtens 
nicht der Glaube im proteftantifchen Sinne, den fie ver- 
wirft, und überhaupt beziehe fich diefe Verdammung nur 
auf die theologiſche Stellung und Eonftruction diefer 
Lehre, bey welcher eins in dem andern, oder neben dem 
andern, oder dem andern folgend oder vorangehend be— 
griffen, aber Feinesweges darum an fich ausgeſchloſſen 


oder aufgehoben ift b). 


Dagegen fällt deſto mehr auf in Fatholifcher Lehre, 


daß fie Neue, Beichte und 


Genugthuung nicht einmal 





b) — haec de partibus et ef- 
fectu huius sacramentı $. Syno- 
dus tradens simul eorum senten- 
tias damnat, qui poenitentiae par- 
tes ıncussos conscıenliae terivres 
et fidem esse contendunt. 1. c. c. 
3. Nachher flellt fie die Berdam: 
mung fo, als beziehe fie fib nur 
derauf, dag ;3menp Theile nur 
niet genug waren, als nähmen 
die Profeftanten nur zwey, alfo 
einen zu wenig an. Si quis di- 
xerit— duas tantum esse poe- 
nitentiae partes, terrores scilicet 
incussos conscientiae agnito pec- 
cato et fidem conceptam ex evan- 
gelio vel absolutione, qua credit 
quis sibi per Christum remissa 
peccata, anathema sit. Can, 44 
Quod lex minas intentat et evan- 
gelium consoletur, verissimum est, 
sed non ınde seguitur, terrores 
et dem partes esse poenitentiae, 


Siquidem incussi illi terrores a 
minis legis poenitentiam gignunt, 
proinde caussa sunt, non pars 
poenitentiae. Aliud enim est, 
terreri, quod etiam daemonibus 
conyenit, .aliud poenitere, quod 
illis non convenit. Consolatio 
— quam evangelium ad- 
ert, poeniıtentbam seyuıtur auf 
etiam comitatur, sed non ideo 
poenitentiae pars facienda est. 
Denique non est sitis, ex scrip- 
turis ostendere, terrores et con- 
solationem sive fidem in conver- 
sione aut justificatione peccatoris 
locum suun: habere, quod nos 
minime negamus, nisi etiam Si- 
zıul probetur, duas ıllas res, vas- 
que tantum, Partés poenıfentiae 
dici debere, quod hactenus pro- 
batum non est. Bellarm. 1. c. c. 
20. p. 1693. 


als etwas durchaus Innerliches, Geiftiges und Ueber; 
finnliches, fondern nur als etwas Aeußeres, Sichtbareg 
und Sinnliches gelten laffen zu wollen fcheine. Denn 
two von der Materie oder dem Element eines Gacras 
ments die Rede ift, kann daffelbe nur als ein an und 
für ficy rein Aeußerliches und Sinnliches, wie das Waf: 
fer der Taufe und Brodt und Wein im Abendmahle ge: 
dacht werden. Obgleich nun zwar die Gegenftände, welz 
che bier aufgefünre werden, ihrem Urfprung und ihrer 
wahren Natur nach innerlicher Art find, nichts Aeußer: 
liches an fich haben, fich auch gar nicht nothiwendig im 
Sinnlichen bewegen müffen, fo giebt doch die Synode 
fhon hiedurch genugfam zu verftehen, nach welcher Gei- 
te hingewendet fie diefelben fid) denft und wie fie, dem 
Geifte des Syſtems auch hier gemäß und getreu, die 
Erfcheinung, die finnlich fich bewegende Geftalt, das 
ſichtbare Bezeigen und durch wahrnehmdare Zeichen und 
Aeußerungen fich offenbarende Dafeyn derfelben haupt: 
fächlich ing Auge nimmt und zur Noth auch ſchon da- 
mit zufrieden iſt c). 

Was nun die einzelnen Theile der Poͤnitenz und zu: 
nächft die Contrition betrifft, fo ift e8 Feinesiveges der 
fatholifchen Lehre eigen, die Neue mit der Buße in 
nothwendige Verbindung zu bringen. Denn wer da 
glaubt, er fey ohne Sünde, wer nicht mit lebhafter 
Trauer dag verfloffene Leben betrachtet und Fein Gefühl 
hat von der Echändlichkeit der Sünde überhaupt und 
der feinigen insbefondere, der wird auch immerdar in 





ce) Wie auch Bellarmin fagt: hominem agere poenitentiam, dum 
Poenitentia nisi signa externa ad- absolvitur, et nom potius, dum 
juncta habeat, Sacramentum dici plorat, confitetur, jeju- 
non potest. ]. c. c. 8. p. 1618. nat. l. c. c. ı5. p. 1668. 
Quis enim, ita Joquitur, ut dicat 


"feinen Sünden beharren und wie Fein Bedürfni der 
Buße in fich entfiehen, fo auch feine Zeichen derfelben 
an fich getwahren- laffen. Aber in einer gang andern 
Ideenreihe und Verbindung als die Fatholifche denft fich 
die proteftantifche Kirche die Contrition als nothwendig. 
Diefe läßt folchen Abſcheu gegen die Sünde allein aug 
der Betrachtung und Vergleichung des Gefeßes mit dem 
Zuftande des Suͤnders und aus der Betrachtung und 
Vergleichung der göttlichen Gerechtigkeit mit menfchlicher 
Ungerechtigkeit entftehen, den Sünder, den dag Geſetz 
verdammt, zum Glauben fliehen und Ehrifti Verdienft 
umarmen. Der aber Alles diefes im Günder bewirkt 
und ihn aufregt zur Veränderung feines finnlichen Le; 
bens, ift allein der heilige Geift: denn nicht Durch fich 
und feine Kraft fann der Gefunfene fich dazu erheben. 
Wenn auch im Allgemeinen die Fatholifche Kirche damit 
einverftanden ift, fo ift ihr doch “eigen, daß fie fchon 
bier, bey der erfien Regung des Suͤnders, feinen Ab: 
ſcheu gegen die Sünde nicht allein durch das Gefeg 
und den heiligen Geift in ihm entftchen laßt, ſondern 
ihm felbft, als Sünder, einen Antheil daran, ja eine 
Art von Verdienſtlichkeit fchon feiner Neue zuſchreibt, 
toben er den Schmerz für feine Sünden freymwillig felbft 
übernimmt. Nur aus diefem fcholaftifchen Grundfag ift 
die ganze Erklärung der Synode hierüber ganz zu vers 
ſtehen. Schon bey diefer beffern Negung verlangt die 
Eatholifche Lehre von dem Sünder wenigfteng das Votum, 
daß er auch das übrige der Buße, die Beichte und Ge 
nugthuung übernehmen werde; für dieſen Fall erblickt fie 
ſchon in der bloßen Contrition die Rechtfertigung felbft d). 





d) Docet praeterea, etsi con- te perfectam esse contingat homi- 
tritionem hanc aliquando charita-_ nemque Deo reconciliare, prius- 


Moarbeinede Syſt. d. Katholicismus III. I2 


— 178 — 


Ihren Grundſaͤtzen gemaͤß iſt daher der Sünder ſchon 
in der Reue activ und zwar mit Werken, die etwas ver— 
dienen werden, da hingegen in der proteftantifchen Lehre 
Alles dieß nur reine Gnadenfac)e Gottes iſt, um deg 
Verdienſtes Chrifti willen verliehen, ſowie die Neue felbft 
nur als Wirfung des heiligen Geiftes durd) das Wort 
erfcheinet. Sie macht mit einem Wort die Neue zu eis 
ner eigenen That de Suͤnders. Sie laßt in und mit 
ihr fchon zumeilen die Liebe Gottes eintreten und die fo 
durch die Liebe zu Gott vollendete Neue fihon die Ver: 
fohnung mit erlangen. Gie fehreibt auch jener foge: 
nannten Attrition, welche die Scholaftifer allein aug 
den natürlichen Kräften und der Freiheit des Willens 
herleiteten, einen nicht geringen Werth zu, wenigſtens 
den einer ſchicklichen Dispofition zum Empfang der 
göttlichen Gnade e). Welches alles zwar den übrigen 
Grundfägen der Fatholifchen Theologie ganz conform, 
aber den Grundfäßen der proteftantifchen ganz entge- 
gen ift. 

Ueber das Verhältniß der Aktrition zur Contrition 
hatten die Scholaftifer zuerft und nachdem die femipe: 
lagianifchen Grundfäge immer mehr Beifall unter ihnen 





uam hoc sacramentum äctu sus- 
cipiatur, ipsam nihilominus_ re- 
conciliationem ipsi contritioni si- 
ne sacramenti voto, quod in illa 
includitur, non esse adscriben- 
dam. 1. c. cap. 4. 


e) — Ilam vero contritionem 
imperfectam, quae attritio dici- 
tur, quoniam vel ex turpitudinis 
peccati consideratione, vel ex ge- 
hennae et poenarum metu com- 
muniter concipitur, si volunta- 
tem peccandi excludat cum spe 


veniae, declarat, non solum non 
facere hominem hypocritam et 
magis peccatorem, verum etiam 
donum Dei esse et Sp. S. impul- 
sum, non adhuc quidem inhabi- 
tantis, sed tantum moyentis!, quo 
poenitens ad intus viam sibi ad 
justitiam parat, et quamvis si- 
ne sacramento poenitenliae per 
se ad justiicationem perducere 
pectatorem nequeat, tamen eum 
ad Dei gratiam in sacramento 
poenitentiae impetrandam dispo- 
nit. 1. c. cap. 4. 


gewonnen, mit einer Lebhaftigfeit disputirt, deren Holz 
gen noch jegt in einer dauernden Innern Trennung der 
Fatholifchen Theologen über diefen Gegenſtand fichtbar 
find k). Die ganz weitläuftige Unterfuchung und Strei- 
figfeit hatte in der That feinen andern Zweck, als einen 
Unterfchied zu begründen zwifchen der mwefentlich zuerft 
und allein durch die göttliche Gnade und den heiligen 
Geift und der weſentlich zuerft und allein durch Die ei= 
genen Kräfte des Menfchen entftandenen Neue, wobey 
man der Iegteren den befondern Namen der Aktrition 
zum Unterfchied von der Contrition gab, jene auch) oft 
eine unvollfommene Contrition nannte, als weldye nam: 
lic) blos durch die Furcht vor der Hölle und den furdhe: 
baren Folgen der Sünde entftanden. Auf einen Habi- 
tus reduzirten die Scholaftifer immer und einftimmig, 
was fie von der Attrition zu lehren beliebten, und wie 





f) Die ganze Geſchichte der 


Streitigkeit erzählet mit lehrrei— 
chen Anmerkungen der Pater Mo— 
rinus in ſeinem großen Werk de 
disciplina in administratione sa- 
cramenti poenitentiae tredecim 
primis seculis in ecclesia oceiden- 
tali et hucusque in orientali ob- 
servata eic. Antw. 1682. und giebt 
den Status controversiae fo an, 
Sic autem Attritionem inter et 
Contritionem distinguebant, ut 
Attritionem dicerent ex fide in- 
formi nasci, Contritionem ex fide 
forımata; Attritionis principium 
esse tımorem servilem, Gontritio- 
nis timorem initialem; Attritionis 
caussas esse auxilia gratiae, seu 
gratias gratis datas, Contritionis 
vero gratiam gratum facientem. 
Hinc omnem dolorem de peccato 
Deique amorem in non habente 
gratiam Attritioni tribuerunt, ın 
habente gratiam Contritioni, At- 


que eo usque devenerunt, anti- 
quorum Scholasticorum permulti, 
qui post tempus adnotatum scri- 
pserunt, ut disertissime tanguam 
ab omnibus concessum ‚assume- 
rent, omnia opera ab auxıliis Sp. 
8. hominem moventis -et impel- 
lentis ante gratiae gratum facien- 
tis inluxum procedentia, natura- 
libus, mortuis et ingratuitis, ut 
ipsi loquuntur, esse annumeran- 
da, sola vero opera habitum gra- 
tiae consequentia, supernaturali- 
bus, vivis et gratuitis, praeimii- 
que aeterni meritorüs, ]. e. 1. IIE. 
c. 2. p. 505. Alberti M. in libr. 
IV, Sent. Dist. ı6. art. 8. Alex. 
ab Hal. Summae IV. Pars; quaest. 
17. membr. 5. art. 4. Bonavent. 
in IV. Dist. 17. art. 2. qu. 3. Tho- 
mas Aqu. in IV. Dist. 17. qu. 2. 
art. ı. et Dist. 14. qu. 2.art. 5. Sum- 
mae P. III. qu. 8g. art. 6. 


12* 


— 190 — 


wenig oder wie viel ſie dabey auch von goͤttlicher Gnade 
eintreten ließen, jene Verfaſſung ruhete doch in ihrem 
Grunde auf den Naturkraͤften des Menſchen g). 

In welch einem abfchreefenden Lichte dieß Alles den 
Neformatoren und in dem proteftantifchen Syſtem er 
ſcheinen mußte, geht aus dem Geifte deffelben von ſelbſt 
hervor. Sie, welche die Contrition nicht einmal für eis 
nen Act des Menfchen, nicht als etwas Freyes und 
Wifführliches, fondern als innern Zwang und den Mens 
ſchen als fchlechterdings paffio dabey annahmen, als 
welcher fich nicht conterirt, fondern von Gott durd) dag 
Gefeg conterire wird, mußten natürlich auch von Allen 
fich) abfehren, mas die Scholaftifer auf entgegengefegte, 
Grundfäage aufzubauen pflegten. Die ganze Lehre von 
der Buße geht im proteftantifchen Syſtem theilg von 
dem Gefeß, theild von dem Evangelium aus, fo naͤm— 
lich, daß aus jenem die Neue, aus diefem aber der 
Glaube entfpringt. Dem Gefeg gegenüber, deffen An: 
blick den Sünder niederfchlägt, verdammt und vernichtet, 
fann in dem Menfchen jede reuevolle Bewegung fo we— 
nig für ein gutes oder verdienftliches oder nur für fein 
eigenes Werk angefehen werden, daß ihn ſolche DBergleis 
chung de8 Gefeges mit feinem Leben vollends noch alles 
Vertrauens auf feine eigene gute Thaten und Diefer 





g) Us in der Mitte des 17. 
Sabrh. ein neuer Schulſtreit auss 
brach über die Frage, ob zur Gül« 


figkei£ des Gacramenfs der Buße 


die Gontritien, als ein durch Die 
Siebe ſchon gebildeter Act, erfor» 
dert werde, oder ob ſchon die Ute 
£rition, jene unvolkommene Reue, 
welche noch ohne die Liebe iſt, 
binreiche, fuchte Launoy den Streit 
beizulegen durch den Ausſpruch, 


daß das Conzilium zu Trient kei— 
ner von beiden Meinungen zum 
Präjudiz gereiche, ſondern beide 
frey gelaſſen habe. De mente 
concilii Trid. circa contr. et attr. 
in Sacram. Poenit. liber. Par. 16553, 
8. Der erfteren Nleinung waren 
die Janſeniſten, der anderen die 
Sefuiten, unter denen befonderg 
Girmond hervorragt. 


felöft beraubt und er zum Glauben fliehend erft in die; 
ſem wieder Iebendig werden, ſich erheben, gerechtfertigt 
und reich an allem Guten werden Fanın. 

Dagegen ftellet nun dag Fatholifche Syſtem alle feine 
befannten femipelagianifchen Argumente auf, zu beieis 
fen, daß wenigftens eine Cooperation von Seiten des 
Menſchen ftatt finde, dag die Contrition durchaus frey: 
willig fey und keinesweges von Gott allein herruͤhre h). 
Hieraus erklärt ficd) zur Genäge, in welchem Sinne 
auch das Fatholifche Syſtem noch eine befondere Hulfe 
Gottes zur Contrition nöthig finder und felbft ſchon jene 
unvollfommene Contrition, nämlich die Attrition als ei— 
ne befondere Gabe Gottes betrachten Fann. Es findet 
in der Neue felbft ſchon den Entfchluß der Beſſerung 
nicht blog virtualiser, fondern fogleich formell und ver: 





h) — Sed et falso docent, con- 
trıtionem esse extortam et coa- 
ctam, non liberam et volunta- 
riam. ]. c. cap. 4. Und einen Gas, 
der in der allgemeinen Lehre von 
den Öacramenten feinen redfen 
Tla& gefunden bäfte, ftellet die 
Synode bierbin, wohlweislich 
und wohlbedächtig. Quamobrem 
falso quidam calumniantur catho- 
licos scriptores, quasi tradiderint, 
sacramentum poenitentiae abs- 
que bono motu suscipien- 
tium, gratliam conferre, quod 
nunquam ecclesia Dei docuit, nee 
sensit. |. c. Quare cum et Deus 
conterat corda nostra, et nobis 
imperer, ut ea scindamıns et con- 
teramus et cum det nobis cor no- 
vum, et velit, ut nos ipsi nobis 
faciamus cor noYum, cum proii- 
ciat peccata nostra et nobis, ut 
ea proiicıamus, mandet, cum nos 
ipse convertat et poenitentiam 
nobis inspiret et simul, ut con- 
vertamur et poenitentiam aya- 
mas, jubeat, nulla manet dubita- 


- 


tio, quin ad contritionem no- 
stram vere cooperemur et sit 
contritio non mera passio, sed 
etiam actin eaque voluntaria ac 
libera. Bellarm. 1. c. e. 2. p. 1711. 
Und auf eine höchſt untbeologifche 
Weife fübre£ er bald nacber die 
WBiderfegung der profeftantifchen 
Lehre. Nihil absurdius dici po- 
test, quam Contritionem ante 
certam illam fidem remissionis 
peccatorum esse fugam Dei, fre— 
mitum contra Deum, viam ad 
desperationem et exitium sempi- 
ternum, praesertim apud adver- 
sarios, qui Contritionem etiam 
ut fidem praecedit, a solo Deo 
esse contendunt. — Vera igitur 
Eontritio etiam sine certa fide 
remissionis peccatorum non est 
fuga Dei, neque replet hominem 
peccatis, neque bonis operibus 
privat, sed est potius sacrilicium 
Deo gratissimum et antidotus 
peccatorum et via ad gratiam et 
salutem. 1. c. c. 2. p. 1714. 1719. 


mifcht alfo, mas dag Syſtem nothiwendig aus einander 
halten muß. Dieß Alles nur, um ſchon in jener erften 
Negung dem fittlichen Triebe der DBefferung Raum zu 
verfchaffen 1). Solchen Grundfägen ift e8 dann ganz 
gemäß, wenn die Eontrition felbft zulett zu einer Urſach 
der Nechtfertigung gemaxht wird, da dieſes hingegen im 
proteftantifchen Syſtem unter feinem Gefichtspuncte zu— 
läffig ift k). 

Das zweite Stück des fatholifhen Sacraments der 
Duße ift die Beichte,” welche, obgleicy nicht als Theil 
eines eigenen Sacramentg, doch auch in der proteftanti- 
fhen Kirche als ein wichtiger Beftandtheil des Firchli- 
chen Lebens betrachtet wird. Das Eigenthümliche der 
Fatholifchen Kirche in Anfehung der Beichte beftcht aber 
darin, daß fie verlangt; jeder nach der Taufe in Sünden 
befangene Menſch ſoll jährlich wenigſtens einmal alle 








i) So definirf felbjt die Gpno» 
de die Contrition, Est animi do- 
lor ac detestatio de peccata com- 
misso, cum proposito non pec- 
candi de cetero. |, c. cap. 4. Und 
Bellarmin fagt; Gatholici scripto- 
res in eo quidem consentiunt, ut 
ad veram contritionem et peccati 
detestatio et vitae melioris pro- 
positum requiratur. Sed in eo 
non conveniunt, utrum hoc pro- 
positum expresse et formalıter 
necessarium sit, an sufficiar vir- 
tuale atque implieitum, Neque 
enim dubitari potest, quin is, 
qui serio peccala sua odit ac de- 
testatur, et ob ea perpetrata da» 
ler, cupiat simul, ac velit saltem 
implicite et virtualiter , ut sic lo» 
quamur, deinceps in melius vi- 
tamı mutare. l. c, cap. 6. p. 1727. 


k) Catholici communi consen- 
su docent, contritionem caussam 
esse remissionis peccatorum, quod 


idem Trid. Concil. docet, tum 
Sess, 6. cap. 6. tum Sess. 14. c. 
4. Ex quibus etiam locis intelli-» 
gere licet, duobus modis contri- 
tionem caussam esse justificatio- 
nis, quia videlicet disponit ad 
justiicationem et impetrat. remis- 
sionem peccatorum, Sess. 6. cap. 
6. numerat Concilium actum Poe- 
nitentiae inter dispositiones justi- 
ficationis et quia dispositio non 
solum se tenet ex parte materiae, 
sed etiam ex parte agentis, ideo 
actus poenitentiae, quatenus ab 
auxilia gratiae et libero arbitrio 
procedit, et hominem disponit 
ad justificationem,, ipsius justili- 
cationis caussa dici potest aliquo 
modo etiam efliciens, Sess. 14. C. 
4. ıdem Concilium scribiti con- 
triionem omni tempore necessa- 
riam fuisse ad veniam impetran- 
dam, porro impetrare, est esse 
etiam aliquo modo caussam., Bell. 
lc. c. 12. p. 1758. 


— 103 — 


und jede feiner Todfünden, feyen fie auch noch fo ge: 
heim und verborgen, oder nur in Gedanfen begangen, 
nicht etwa im Allgemeinen, fondern im Einzelnen auf: 
gezählt mit allen begleitenden Nebenumftänden feinem 
Priefter eröffnen. Die Synode zu Trient hat diefen Ge 
genftand fehr genau genommen, und eine folche Beichte 
nicht blog auf die Todfünden, fondern auch auf die ſo— 
genannten erlaßlichen Sünden bezogen, als welche nam: 
lich wohl ohne bejondere Schuld verfchtwiegen, doch nicht 
ohne großen Nutzen auc) auf diefe Art gebeichtet wer; 
den fönnen. Den Grund der Nothwendigkeit folches 
fpecificirten GSündenbefenntniffes erblickt fie in jenem 
göftlich -inftieuirten hierarchifchen Nichteramt, womit die 
Priefter ausgerüftet find als Stellvertreter Chrifti (sui 
ipsius vicarios), als Vorfteher und Nichter, und wel- 
ches nur dann fic ganz nach Gottes Willen ausüben 
laffe, wenn durch Aufzählung aller Sünden von Seiten 
des DBeichtenden ein vollftändiger Nichterfprucd von Sei— 
ten des Priefters möglich geworden 1). Und damit Nie: 
mand fich folcher Confeffion entziehe, verordnet die Sy: 
node noch an einem andern Drt, daß Niemand, wäre 
er auch fonft noch fo vol Reue, doch ohne die facra- 
mentelle Confeffion nicht zum Abendmahl zugelaffen wer— 
den folle m). 

Solcher Ohrenbeichte der Fatholifchen Kirche ſetzt die 
proteftantifche ihre Privatbeichte entgegen, welche, ob— 
gleich von Einzelnen und privatim abgelegt, doch mit 
Feiner Aufzählung aller einzelnen Sünden verbunden ift. 
Der Grund bdiefer Differenz liege in der beiberfeitfigen 





1) Sess. XIV. cap. 5. 
m) Sess. XIII. can. ıı. 


fo gang verfchiedenen Vorftelung von dem Wefen, ber 
Beſtimmung und den Gränzen des geiftlicyen Amtes, 
Die proteftantifche Kirche, da fie den SPriefter nicht in 
der Qualitaͤt eines göttlichen Nichters anerkennt und 
ihm eine folche fich tief im die Gewiſſen bineinerftreckens 
de Gewalt nicht zufpricht, welche Gott felbft fich vorbe— 
halten hat, kann auch feinen Grund haben des Zwecks 
wegen die Ohrenbeichte gelten zu laffen, um deffetwillen 
allein die Fatholifche Kirche fie für fo nöthig, felbft zur 
Geligfeit nothwendig hält. Die Synode zu Trient hat 
fich über diefen Gegenftand mit großer Offenheit erklärt. 
Sie fagt e8 geradezu, die Ohrenbeichte ſey der Abfolu: 
tion und der Priefter wegen nothwendig, als welche leß- 
tern nämlich ihr Amt als gerfliche Nichter gar nicht 
erfüllen fonnten ohne die Einficht in die fpeciellefte Lage 
des Angeklagten, ohne die Eröffnung aller Umftande von 
Diefer und der genaueften Berechnung derfelben vom der 
andern Seite. Hiernach fcheint e8 faft, als feyen menfchs 
liche Sünden nur da, aufdaß die Priefterfchaft eriftire 
und die Aufzählung aller Sünden nur nöthig, aufdaß 
die Prieſter mit ihrer Nechtsgewalt nicht müßig und 
umſonſt begabt, fie auch zu ererciren und anzubringen 
Gelegenheit finden: möchten n); ganz unflveitig aber 
fiegt der Sinn der Kirche darin, daß überhaupt unmögs 
lich fey, auch ohne den Priefter Abfolution von Gott zu 





n) Diefe Wendung giebt nad 
dem Vorgang, der Gpnode auch 
Bellarmin dem Beweife. Christus 
instituit sacerdotis judicis super 
terıram cum ea potestate, ut sıne 
ipsorum sententia nemo post bap- 
tismum lapsus reconciliari possit. 
Sed nequeunt sacerdotes recte ju- 
dicare, nisi peccata cognoscant. 


Ergo jure divino tenentur, qui 
post baptismum lapsi sunt, pec- 
cata sua sacerdotibus aperire: ac 
per hoc est confessio peccarorum 
medium necessarium ad reconci- 
liationem iis, qui post baptismum 
lapsi sunt. 1. c. 1. III. cap. 2. p. 
1815. 


— 15 — 


erlangen 0). Die proteſtantiſche Kirche bezieht den Ge: 
gen der Abfolution auf die Erbauung, Tröftung und 
Yufrichtung des gefallenen Suͤnders, mas hingegen die 
Synode ausdrüdlich verwirftz als tief nänlich unterge- 
ordnet einem ganz andern Zweck p). Hier in der ka— 
tholifchen Kirche wird überhaupt dem Sünder im Beicht- 
ſtuhl das Gefes vorgehalten und er mit allen feinen 
einzelnen Verfündigungen daran abgehört; dort in der 
proteftantifchen wird dem Günder, den dag Gefeß ver: 
dammt, das froftreiche Evangelium von Chrifto ver: 
fündig. 

Nur durch eine bloße Confequenz aug der nach ihrer 
Meinung von Gott angeordneten Hierarchie des Prie— 
fterfiandes vermag die Fatholifche Kirche den Beweis zu 
führen für die Behauptung, daß diefer Theil der Poni- 
tenz, die DBeichte und zwar in der Geftalt der Ohren: 
beichte von Chriſtus und den Apofteln eingefegt worden 
ſey q). Eine folche Folgerung und das Recht fo zu 





0) Quare cum suas claves Chri- 
stus cum Apostolis eorumque suc- 
cessoribus communicayerit, ve- 


p) Si quis dixerit — eam con- 
fessıonem tantum utilem esse ad 
erudiendum et consolandum poe- 


Tam potestatem ex auctoritate ju- 
diciaria solvendi et ligandi cum 
illis communicavit. Et quemad- 
modum nemo in clausam domum 
ingredi potest, nisi qui habet eius 
domus clavem, ostium aperuit sie 
etiam nemo, cui coelum ob cul- 
pam sit clausum, in illud ingre- 
di potest, nisi sacerdotum mini- 
sterio aperiatur. Nam si aliunde 
poterat aditus, frustra elaves Apo- 
stoli accepissent: quid enim pro- 


desset, habere claves domus, si. 


absque clayibus, invito etianı ostia- 
rio, aditus pateret. J. c. e. 2. p. 
1817. 


nitentem etc. can. 7. 


q) Dies thut auch die. Synode, 
indem fie diefelbe nur erſchließt 
aus dem von Chriftus der Kirche 
übergebenen Amt der Schlüſſel. L 
c. cap. 5. Die andern Stellen 
der b. Schrift [offen ih noch mit 
wei£ weniger Glüd bier anfüh- ' 
rem z. 3. Jac. 5. confitemini al- 
terutrum peccata vestra, welches 
fteplih Bellarmin gleich fo aus» 
legt: nihil est alıud, nisi confi- 
temini komines hominibus, qui 
absolutione indigetis, illis, qui 
potestatem habent absolrendi. 1. 
€. cap. 4. p. 1838. 


— 186 — 


fchließen, nennet die Fatholifche Kirche auch Tradition, und 
Diele muß denn aud) hier wohl die Hauptquelle feyn, 
aus welcher fie die Obrenbeichte fchöpft r). Denn nicht 
nur ift im heiliger ‚Schrift die Verordnung der Ohren; 
beichte nicht zu finden, fondern gar vieles fpricht auch 
dort ausdrücklich dagegen, und nirgends ift gefagt, daß 
man ohne Dazwifchenfunft und Vermittelung der Prie— 
fier gar feine Vergebung feiner Sünden erlangen koͤn— 
nes). Dieß iſt vielmehr eine jener fpätern Erfindun— 
gen der Firchlichen Hierarchie, ganz darauf ausgefonnen 
und berechnet, die Layen an den Priefterfiand zu ſchmie— 
den und von diefem in jeder Bewegung abhängig zu 
machen. Die vorurtheilsfreye Einficht in den wahren 
Sinn des Urchriſtenthums zwang auch nicht felten ka— 
tholifche Lehrer feldft, den Zufammenhang der Hhren- 





r) Belarmin nimmf auch die 
Borbilder des U. 3. zu Hülfe; 
ein folcdhes findet er [bon Gen. 7. 
und 4. ubi Deus primum ab Ada- 
mo et Eya deinde a Cain confes- 
sionem peccatorum exegit. In his 
locis exigitur confessio, non so- 
lum .cordis, sed etiam oris, nec 
solum in genere, sed etiam in 
speciali, nec tantum coram Deo, 
sed etiam coram eius ministro: 
nam interrogatio illa facta est per 
Angelum in forma humana ap- 
parentem. ]. c. p. 1825. &odann 
Levif. 13. 14. wobey er anmerkt; 
Vt in lege veteri cognitio leprae 
corporalis, ita in nova cognilio 
leprae spiritualis ad sacerdotes 
pertinet et ideo cum legimus, ab 
ipso Christo leprosus ad sacerdo- 
tes leviticos missos, allegorice in- 
telligimus, missos peccatores ad 
sacerdotes evangelicos. |: c. p. 
1826. Zulctzt fagt er aber ſelbſt 
noch; Sed neque nos in eiusmodi 
argumentis praecipuum funda- 


mentum ad confirmanda dogmata 
collocamus, nisi allegoriae in ipsa 
scriptura explicentur vel commu- 
ni Patrum consensu vel oerta ali- 
qua ecclesiae definitione constet. 
l. c. p. 183. 


s) Die Alles bat ſchon Dal« 
fäus mit fo bündiger Critik be» 
wiejen, daß wir der Kürze wegen 
nur auf fein vortreffliches Wer 
verweifen dürfen De sacramentali 
sive auriculari latinorum confes- 
sione disputatio. Genevae 1661t. 4. 
Hieber gebor£ befonders das gan» 
ze zweite Buch, befonders p. 125 
ff. und 149 ff. Gegen diefes Werk 
ſchrieb nicht nur Natalis Aleran: 
der, fondern auch Boileau eine 
eigene Öcrift. Historia confes- 
sionis auricularis: ex antiquis 
Scripturae, Patrum, Pontificum et 
Conciliorum monumentis cum cu- 
ra et fide expressa. Lutet. Par. 
1684. 8. 


Zn 


187 


beichte mit der heiligen Schrift aufzugeben und: zur Tra, 
dition allein und zur Autorität der Kirche zu fliehen, 
um doc wenigſtens fo noch die Ohrenbeichte als jure 
divino eingefegt einigermaßen behaupten zu koͤnnen t). 

Unter folchen Umftänden kann der vielfache Nugen, 
den die Hhrenbeichte gewahrt und den man in mehr 
als einer Hinficht nicht leugnen kann, nichts beweifen 
für eine göttliche Einfeßung, wenn man bie legrere nicht 
in fehr weitem Sinne nehmen will. Denn dieß allein 
ift vor der Hand die Frage, ob man berechtiget oder 
gezwungen ſey, die Ohrenbeichte als eine göttliche An— 
ordnung, als eine im Chriſtenthum gegründete, von Chri- 
ſtus und den Apofteln geftiftete Anftalt zu betrachten 
Wenn aber angeführte wird, nicht fo leicht würden Für; 
fien und Könige ſich folche befchwerliche Beichte haben 
gefallen laffen, wäre fie nicht görtlicher Abfunft u), fo 
darf man fich hier nur alles deffen erinnern, was zu 
gewiſſen Zeiten Fürften und Könige von den Päpften fich 
bieten ließen, tie vieles die Bifchöfe unter dem Schein 
göttlicher Anordnung Neues und Unerhörtes in die Kir 
che introducirten, und wie ihnen der große Gewinn be; 
fonderg, durch die Ohrenbeichte auch die Gemiffen der 
Menfchen in ihre Hand zu befommen, durch dag Vor— 
geben eines göttlichen Rechts nicht zu theuer erfauft 
fchien. Und mit welchem Rechte hat die Kirche einen 





t) Eo erklärt fih die Gloffe 
bierüber de poenit. d, y. c. in 
poenit. Melius videtur, eam (con- 
fessionem) institutam fuisse a qua- 
dam universalis ecclesiae traditio- 
ne, potius quam ex novi et ve- 
teris Testamenti auctoritale, wo— 
ben Panormifanuus anmerft: Mul- 
tum mihi placet illa opinio, quia 
non est aliqua auctoritas aperta, 


quae innuat, Deum seu Christum 
aperte instituisse confessionem 
fiendam sacerdoti, Abb. Panorm. 
de poenit. et remiss. can. 12. omn. 
utr. sex, in v. Decretäl. Noch 
mehr bieber gehörende Ötellen die 
fer Art führe Daille an J. c. p. 
12. sqq. 

‚Bellarm. 1, c. L III. c. 12. 
p- 8673- 


— 188 — 


folchen im Chriftenthum eben fo wenig gegründeten Un— 
terfchied gemacht zwifchen Todſuͤnden und erlaßlichen, 
von denen jene nothwendig gebeichtet werden müffen, . 
diefe aber nicht, um doch vergeben zu werden, da es 
doc) felbft in jenem Ausfpruch, worauf fie das richterlis 
che Amt der Priefter und mithin die Ohrenbeichte grüns 
det, ganz unbedingt und ohne Unterfchied heiße: welchen 
ihr die Sünden erlaffet u. f. w. Wie unficher und bo: 
-denlog, wie beunruhigend und qualend für die Gewiſſen 
muß nicht in ernfter Betrachtung eine Beichte feyn, die 
auf einer an fich fo feinen Diftinction zwifchen Tod; 
und Erlaßfünden beruhet, deren Graͤnzen fo ſchwer zu 
befiimmen, und wobey im Einzelnen vollends alle Vers 
ſuche vergeblich find, auszumachen, was zu diefer und 
was zu-jener Claffe zu rechnen fey. Wie viele der ſchwe— 
ren und wirklichen Sünden (actualia) werden da leicht 
als leichte genommen und fo geringfügig, daß dag Be 
kenntniß derfelben nicht nöthig ſcheint; dem Beichtenden 
ſelbſt ift e8 ja ganz freygeftellt, feine Sünden zu claffi- 
ficiren, und es kann der Natur der Sache nach nicht 
anders ſeyn. Was aber vollends die Aufzählung der 
Suͤnden verwerflih macht, ift eben dieß, daß es dabey 
nur auf einzelne Sünden abgefehen und nicht auf den 
Grund des Herzens, aus welchem hervorgehen die boͤſen 
Gedanken und Neigungen. Sfene innere allgemeine und 
dauernde Neigung zum Bofen, die am Herzen der Welt 
nagt, ſchließt diefes Syſtem von folcher Beichte aus, 
da ja nach demfelden die Concupiſcenz an fich nicht 
einmal die Natur einer wahren Günde hat. Den tief: 
ften und verborgenen Grund des Bofen muß alfo diefe » 
Dhrenbeichte ſtehen laffen, dagegen auf die einzelnen, 
flüchtigen oder auffallenden Erfcheinungen von Günde 
läßt fie ſich um fo geſchwaͤtziger ein, nicht bedenfend, 


— 189 — 


daß es an ſich unmoͤglich ſey, die Zahl ſeiner Suͤnden 
im Einzelnen zu uͤberſehen, wohl aber das Feld und die 
Gegend des Herzens, auf welchem ſie wachſen, und daß 
es überhaupt vor Gott weniger auf dieſe oder jene Suͤn— 
de, als auf die fündhafte Verfaffung des Gemüthes und 
auf die Wurzel alles Bofen anfomme und darauf, daß 
diefe ausgeriffen werde. Und folche Aufzählung der ein- 
zelnen Sünden verlangt die Fatholifche Kirche von den 
Beichtenden ſelbſt nur, infofern er fich derſelben erinnert, 
von einer Zufälligkeit alfo macht fie die Hererzaͤhlung 
- derfelben abhängig, und in die Reihe der erlaßlichen 
Suͤnden ſtellet fie die, deren der Beichtende fich nicht 
erinnert, gleih als mache die zufällige Nichterinnerlich- 
feit einen Unterfchied in Nückficht der Strafbarkeit eines 
Verbrechens. So fehr ift diefe ganze Lehre von der 
Dhrenbeichte voll von verworrenen und unreinen Begrif— 
fen über fittliches Leben und menſchliche Strafbarfeit 
vor Gott, daß fie um eben des Priefters willen, den fie 
in Anfehung feiner Gewalt doch mit göttlicher Würde 
befleidet, dieß ſpecificirte Sündenregifter für nothivendig 
erflart, weil er freylich bey feiner menfchlichen und be- 
fhränften Beurstheilungsfraft und Einficht fich freylich 
nur auf einzelne Sünden einlaffen, dagegen den. wahren 
Grund und Sig des Böfen im Herzen nicht erforfchen 
und durchichauen fann, wie Gott, vor "welchem eben 
deswegen ſolche Aufzählung ganz unnöthig und wider— 
finnig feyn würde. Die Ohrenbeichte als folche gefchieht 
alfo dem Briefier, als Menjchen, was für einen Urtheilg: 
fpruch er aber darauf fället, leitet man aus einer hoͤhern 
und göttlichen Gewalt in ihm her. | 

Will man aber die Ohrenbeichte als eine an fich 
nicht unnuͤtze, vielmehr fehr zweckmaͤßige und in mehr 
als einer Hinſicht wohlthätige Difeiplinarifche Auſtalt gel: 


— 1900 — 


ten Taffen, ohne ihren Urfprung auf ein göttlich Prinzip 
zurückzuführen, fo darf man doch auch die fehädliche 
Seite des Inſtituts nicht überfehen, und dag, was fie 
als ein gefährlich Mittel in der Hand der Priefter nicht 
nur werden Fann, fondern auch nur zu oft geworden 
ift *), fo vieler unnuͤtzer, Tächerlicher, fhmusiger und 
efelhafter Dinge Erforfchung und Bekenntniß, welche 
nur die Einbildungsfraft mit häßlichen Bildern erfüllen 
und nur zu leicht felbft dag Feufchefte Gemüth zur Sun. 
de reizen. In welch ein Meer von Sünde taucht fich 
nicht mit fichtbarem Behagen die zügellofe Einbildungs— 
fraft des Kafuiften, und welches feine Sündengift hat 
nicht ein Mönch und Priefter oft in dag fchuldlofe Herz 
hineingetragen. Welch ein gefährlicher Meifter diefer 
Are war Sanchez nicht, und auf welchem andern Wege 
als durch den Kanal der Ohrenbeichte, floß reicher und 
vergifterider das Waſſer der jefuitifchen Moral, dieſe 
weichliche, füßlihe und lare GSittenlehre in die Herzen 
des Volkes ein? Giebt e8 irgend einen Irrthum, ein 
gafter und Verbrechen, dag nicht aus dem Bufen eines 
unmürdigen Beichtvaters in ein ungewahrfames Herz 
eindringen oder unter dem Schleier des Geheimniffes 
und der DBerfchwiegenheit in dem feinigen niedergelegt 
werden kann. Keine Verbindlichkeit bindet den Priefter, 
felbft das abfcheulichfte Vorhaben oder die verruchteſte 
That dem Staat zu verrathen, mögen fie auch, was 
nicht zu leugnen, eben fo oft ſegensvoll dadurch gemwirft 
habe, daß fie dergleichen doc auf irgend eine Art de: 
nuneirten oder zu hintertreiben fuchten. Immer aber 





*) Welches zum Theil felbft Ar munion, P. II. ch. 13. P. II. ch. 
nauld ſchon aufgededt bat im feir 16. und noch mehr Daille Il. c. 1. 
ner Schrift de la frequente com- II. p. 174. sgq- 


bleibt die Leichtigfeit, womit man hier Vergebung feiner 
Sünden erlangen kann, mit großen und fchrecflichen Ver: 
brechen im traurigen Migverhältniß. 

Diejenigen alfo, die da fagen, mit Unrecht ſey zur 
Zeit der Reformation die Ohrenbeichte abgefchafft, wegen 
ihrer zufällig auch nüßlichen Folgen und mit den Pringi- 
pien des Proteftantismus ftreite fie nicht, wiſſen in der 
That nicht; was fie wollen und fagen. Nur was davon 
dem Geifte evangelifcher Freyheit widerftreiter, iſt abrogire 
worden, weil e8 mit der Fatholifchen Vorausſetzung ei: 
ner dem Priefter verliehenen Nichtergewalt, in welcher 
die Ohrenbeichte ihre mefentlichfte Haltung hat, nicht 
beftehen mag, das Wefentlichfte, im Chriſtenthum Wohl: 
gegründete und demfelben durchaus Angemeffene, die Pri- 
vatbeichte, ift geblieben. Eine große Bedeutung und 
Wirkſamkeit, ja Alles, was die Obhrenbeichte der Katho— 
lifen nur immer Vortheilhaftes gewähren mag, hatte, 
ohne die Mängel und Nachtheile derfelben, im alten 
Proteftantismus das ſchoͤne Inſtitut der Privarbeichte, 
an deren Stelle jeßt faft überall die allgemeine Beichte 
getreten ift, ganz gegen den Sinn und die urfprüngliche 
Tendenz aller Beichte. Denn iſt e8 immer nur wieder 
die Predigt allein, was da gehört werden fol, als die 
Hauptfache, alfo die Thätigfeit allein hauptfächlich wie— 
der auf Seiten des Geiſtlichen, fo hatte man fie lieber 
niemals von der allgemeinen Verkündigung des goͤttli— 
chen Wortes durch die Predigt, als ein befonderes Firch- 
liches Inſtitut unterfcheiden follen. Aber darin eben 
beftand das Eigenthümliche, Nußreiche, Erquickende und 
Tröftende der alten Beichte, daß fie gleichlam ein gehei- 
mes Gefpräach der Seele mit Gott in Gegenwart deg 
vertrauten Beichtvaters bilden follte.e Frey und unge: 
zwungen follte die Seele nad) Beduͤrfniß fich hier er— 


gießen und ihr geheime Anliegen Gott offenbaren fon: 
nen, in der Negel zwar nur die Mängel und Gebrechen 
eines fündhaften Lebens im Allgemeinen bekennen, doch 
in der Noth der Gewijfensangft auch die einzelne Güns 
de nicht verbehlen, immer aber im lebhaften Andenken 
der Vergangenheit auch Beziehungen auf beftimmte Sins 
den des verfloßenen Lebens nehmen. Nacd) folchen frey: 
willigen, aus ächter Frömmigkeit gefloßenen Eroͤffnungen 
follte dann nach den gegebenen Umftänden, der befondes 
ven Lage, ber jebesmaligen fittlichen Befchaffenheit des 
Beichtenden auch die Thaͤtigkeit des Geiftlichen eine gang 
befondere, immer nach dem Individuum wechfelnde Nich- 
tung nehmen, alfo das Wort Gottes recht eigentlich ans 
gewendet, und in die geheimften Falten des menfchlichen 
Herzens; wie ein Feuer, das alle Sünden mwegbrennt, 
hineingetragen werden. Da folte jeder Einzelne einfes 
hen, daß dag allgemeine Wort Gottes, die göttliche Vers 
heißung, Belehrung, Warnung, Drohung und Iröftung 
auch ihn ganz befonders angehe, er alfp wie ein lebens 
diges und thätiges Glied im Firchlichen Verein fich be: 
trachten, auf welches Gott feine ganz befondere Aufmerk 
famfeit vichtet, und welches er zu feinen heiligen Zwecken 
bewegen und tauglich) haben will. Dieje ganze Hands 
lung hatte einen tiefen, ernfihaften und feyerlichen Cha: 
racter und den großen Vorzug, daß fie nicht nur Die 
Sreyheit gewährte, mit der Suͤndenbekenntniß und der 
Beichte auch nöthigenfalls ins Einzelne zu gehen (denn 
welcher proteftantifche GSeelforger wäre in. Diefem Fall 
und Bedürfniß je einem Beladenen unzugaͤnglich gewe— 
fen?), fondern auch die immer offene Gelegenheit und 
Einladung an alle Beichtende enthielt, ſich auch auf die 
Beichte einzelner Vergehungen einzulaffen und fich nicht 
fo blos im Allgemeinen der großen Suͤnderzahl des fün- 


— 193 — 


digenden Menfchengefchlehts gleichzuftellen. Hiebey Eonn- 
te auch unmöglich der Gefichispunct eintreten, von wel- 
chem die Eatholifche Kirche dabey ausgeht, nach welchem 
der Beichtfiuhl ein Gerichtsſtuhl, der Priefter ein höhe- 
ver Richter und die Beichte feldft eine Art von Inqui⸗ 
fition und carnilicina conscientiarum ift. 

Und das war fie auch nicht in der aͤlteſten Kirche, 
Hier ift genug, nur darauf binzudeuten, welch einen viel; 
umfaffenden Sinn die älteften Kirchenväter der Eromo- 
logefiß geben, und wie dieſelbe das Wefentliche der Pö- 
nitenz begreifend, nicht etwa ein bloßes GSündenbefennt- 
niß war, fondern die ganze Reihe frommer Handlungen 
und Functionen, durd die fich Einer als Sünder de: 
clarirte. Solche Pönitenz beftand hauptfächlic darin, 
dag Einer traurig, miedergefchlagen, hingeworfen vor 
Gott und der Kirche erfchien und fich den jener Zeit 
ganz eigenthümlichen Bußſtationen unterwarf w). Nur 
auf die öffentliche Beichte laſſen fich alle Ausfprüche der 
Kirchenväter beziehen, die allerdings jederzeit ein wichti— 
ger Beftandtheil des Firchlichen Lebens war.  Deffentli- 
che Verbrechen waren in jener Zeit einer öffentlichen 
Beichte unterworfen, von einer geheimen Beichte, feine 
fihern Spuren. Nicht einmal darüber eine Vorfchrift 
oder ein beftimmter Ausſpruch von einem Eirchlichen Leh- 
rer, dag die zum Abendmahl gehen wollten, zuvor ihre 





w) Exomologesis est, qua de- 
littum Domino nostrum corfte- 
mur,. Tert. de poenit. c. 9. Nach— 
ber erklärt er fig felbft Iraque 
Exomologesis prosternandi et hu- 
milificandi hominis disciplina est. 
Go Iegen es auch Rigalt, Pe 
fa» und Girmond aus, aud der 
gelehrte Aubefpine Observatt. |, IL 


obsery. 26. Es ift BeHarminifche 
Auslegung: Quod dicit, Exomo- 
logesin fieri Deo, significat, De 
fieri per sacerdotem, non autem 
soli Deo. 1. c. p. 1844. cfr. Cy- 
prian. Fpist, 1. IIL ep. 16. und 
Dallaeus de confessione auricula- 
zil. c p..209. 


Marheinede Syſt. d. Kacholicismus. III. 13 


— 194 — 


Suͤnden haͤtten dem eignen Prieſter ins geheim beichten 
muͤſſen. Wenn die katholiſche Lehre jetzt verlangt, daß 
an den Prieſter nothwendig die Beichte geſchehen, durch 
ſeine Hand allein Vergebung der Suͤnden erfolgen koͤn— 
se, fo läßt ſich eine ganze Reihe von Zeugniſſen allein 
aus Ehryfoftomus anführen, in denen er durchaus nichts 
weiter verlanget;, als daß die Sünden Gott gebeichter 
werden follen x). Nur auf öffentliche Verbrechen be; 
zieht er die öffentliche Beichte; nicht fo auch auf gehei- 
me Sünden etwa auch eine geheime Beichte. Mehrere 
Schriften befigen wir noch ausdrücklidy über die Pöni- 
ten; von den angefehenften Kirchenvätern, von Tertul- 
lian, von Ambrofiug, von Auguftinus mehrere Predigten 
und Briefe diefes Innhalts. Hätte man dazumal die 
Hhrenbeichte gekannt und fie gar für ein Stuͤck eines 
Sacraments gehalten, wie ift zu denken, daß fie deffen 
zu erwähnen follten unterlaffen haben. Nur in ganz 
befondern Fällen gefchah die Beichte privatim, wenn $- 
B. die öffentliche Beichte den Sünder als Capitalverbre- 
cher verrieth, welchen Fall die Kirchenvaͤter felbft außer: 
ordentlich nennen y), und auch Firchliche Perfonen, Prie— 
ſter mit öffentlicher Buße zu ſtrafen, war ungemwöhn: 
lich z). Es treten überhaupt zmwifchen der jeßigen Oh— 
venbeichte und der Pönitenz oder Eromologefig jener Zeit 
fehr mwefentliche Unterfchiede hervor. Jene befteht in Auf: 
zählung einzelner Vergehungen; dieſe iſt ein Act, durch 
den die ganze Pönitenz adminiftrirt wurde; jene ift eine 
mündliche Erklärung, diefe befteht nur in Seufzern, Fa— 





x) Dallaeus de conf. auric. p. y) Basil. M. ad Amphiloch. 
474 sgg. cr. Boileau hist, conf. can. 12. Augustin. Sermo ı6. de 
aur. c. 13. p. 192. $qq. verbo Dom, c. $. 


2) Nach Leo M. Epist. 92. c. 2. 


— 195 — 


ften, Thränen u. f w. Jene geht in das Ohr: des Prie- 
fiers ein, diefe gefchah öffentlich vor der ganzen Gemein: 
de. Von jener ift fchon in seiner Stunde viel oder AL 
les abgethan, diefe dauerte fehr lange, oft mehrere Jah— 
re, oft das ganze Leben hindurch. Jene wird jährlich 
wenigftens einmal vollzogen, diefe wurde von jedem Ge- 
fallenen nur einmal gefordert. Jene iſt allen Ehriften 
ohne Unterfchied und beyderley Geſchlechts aufgelegt, 
diefe hingegen nur denen, die ein ausgezeichnet Verbre— 
chen begangen hatten. Jene wird fogar auf die erlaß- 
lichen Sünden ausgedehnt, diefe ging nur gegen große 
Verbrecher, welcher Art die Libellatifer waren, die Sa— 
erificaten und Thurificaten, von deren öffentlichen Be— 
fenntniß und Uebernahme der vorgefchriebenen Poniten- 
gen Enprianus nicht felten handelt, ohne der Ohrenbeich- 
te auch nur zu gedenfen. Critiſche und vorurtheilsfreyge 
Gelehrte der Fatholifchen Kirche, wie Erasmus u. a. ha- 
ben dieß jederzeit freymwillig eingeftanden a). 

Vom vierten Jahrhunderte an fraten der einzelnen 
Sälle immer mehrere ein, wo man fich genöthiget fah, 
die öffentliche Beichte in eine ftille und geheime zu ver: 
wandeln. Der Grund davon läßt fich nicht wohl über: 
ſehen. Es fcheuten fi Diele vor der mit dem üffentli- 





a) Go drüdt ſich Erasmus zu 


einer Gtelle des Hıeronpmus nus. 
Ex hoc loco potes animadvertere, 
olim confessionem fuisse publi- 
cam, et de notis commissis pu- 
blicam ilem satisfactionem. Et 
apparet, Hieronymi tempore non- 
dum institutam fuisse secretam 
admissorum confessionem, quam 
postea ecclesia salubrirer instituit, 
si modo recte utantur ea et sa- 
cerdotes et laici. Verum in hoc 


labuntur Theologi quidam parum 
attenti, quod quae veteres ılli.de 
huiusmodi publica et generali con- 
fessione, quae nihil aliud erat, 
quam signis quibusdam et piami- 
nibus ab episcopis indictis, se 
peccatorum et bonorum eommu- 
nione indignum agnoscere, tra- 
hunt ad hanc occultam et longe 
diversi generis, ap. Dallaeum p. 
556. 


13* 


— 196 — 


chen Bekenntniß der Suͤnde verbundenen Kirchenbuße 
und vor der Verachtung und Verſpottung, welche ſie 
traf b): Man rieth ihnen alſo, ihre Suͤnden zuerſt 
dem Prieſter zu offenbaren und dieſen die Entſcheidung 
zu uͤberlaſſen, ob ſie noͤthig haͤtten, dieſelben noch vor 
der ganzen Gemeinde auch oͤffentlich zu bekennen, oder 
nicht. Leo der Große ſchaffte die öffentliche Beichte zur 
erſt ab, als eine Einrichtung, wodurch Diele von der 
Buße ganz abgeſchreckt wuͤrden ©). Viele von den Ver 
brechen, welche öffentlich in der Kirche bisher gebeichtee 
worden waren, wurden durch die Faiferlichen Geſetze mit 
dev Todesftrafe: belegt. Dieß war in den. erften drey 
Sahrhunderten nicht zu beſorgen geweſen. Man ftellete 
nun eigene Priefter als Ponitenziare an, welche die beich- 
tenden Sünder’ zuvor prüfen und. belehren mußten, ob 
ihre Sünde ſich zu öffentlicher. Befanntmachung - eigne. 
Die- geheime Beichte, welche nun zuweilen an die Stelle 
der Öffentlichen trat; wurde jedoch angerathen und kei— 
nesweges befohlen, und Niemand wurde geftraft, wenn 
er nicht für gut fand, fich ihr freywillig zu unterziehen. 
Auch bezog ſich felbft diefe geheime Beichte immer nur 
auf gemiffe große Verbrechen und keinesweges auf alle 
und jede Sünde. | 

Bis auf das Ende des achten Jahrhunderts findet 
fich feine beſtimmte Spur von Firchlicher Vorſchrift oder 
alfgemeiner Sitte der Ohrenbeichte. Die alte Zucht aber 
war verfallen, es hatte angefangen, eine andere Zeit 
und Welt zu werden. Man Fannte nicht einmal die 
alten Pönitenzeanonen mehr, und die weltliche Macht 





b) Augustin. de symb. catech. ce) Leon. M. epist. 69. 78. 
1 Lic. 6. 


- 17 — 


wurde erfucht; der Kicche zu helfen d). Nun fing man 
an, was den Alten unbekannt war, die Privatbeichte von 
der öffentlichem zu unterfiheiden, die Losfprechung von 
geheimen Sünden dem Priefter zu überlaffen, die Los— 
fprechung von der öffentlichen Buße den Bifchöfen vor: 
- zubehalten e). Allgemein wurde nun neben der öffent 
lichen auch die geheime Beichte eingeführte. Obgleich es 
dazumal Viele gab, welche die Beichte vor dem Priefter 
für fo nothwendig hielten, daß fie ohne diefelbe nicht 
wohl Vergebung ihrer Sünden erlangen zu fünnen meins 
ten, fo gab e8 doc; auch noch zu derfelbigen Zeit nicht 
wenige. von entgegengefegter Meinung. Denn noch der 
Scholaſtiker Petrus Lombardug führt dergleichen Mei: 
nungen an, obgleich er felbft freylich einer ganz andern 
war f). Zu der nämlichen Zeit führet auch Gratian 
folche an, welche die dem Priefter abzulegende Beichte 
für gar nicht fo nöthig halten, fondern fich einzig an 
- Soft wenden; er führer auch mehrere Gründe an, wel 
che für diefe und- die enfgegengefegte Meinung fprechen, 
und überläßt zulegt dem Lefer die Wahl und Entſchei— 
dung S). . Und um die unleugbare Neuerung recht ing 





d) Conc. Cabilon. II. c. 25. Tu- 


Ton. c. 12, 


e) Conc. Remig. H. c. 5ı., Are- 
lat. IV. e. 26. Capitul. Car. M. c. 
25. Go verordnete aub Ludwig 
der Sromme im 5. 826. Sı publi- 
ce actum fuerit, publicam inde 
agat poenitentiam, juxta sancto- 
zum canonum sanctionem; si ve- 
zo occulte, sacerdotum consilio 
ex hoc agat poenitentiam. Beragl. 
Concil. Mogunt. a. #47. c. 31. 
xRbaban. Maur. ap. Dallaeum |]. 
IV. c. 40. p. 540. 


f) Vtrum sufficiat, peccata con- 
fiteri soli Deo, an oporteat cop- 
Ateri sacerdoti? Quibusdam vi-' 
sun est sufficere, si soli Deo 
confessio offerretur sine judicio 
sacerdotali et confessione eccle- 
siae, Sent. 1. IV. Dist. 17. 


g) Sn dem Iangen Tracfat de 
poenitentia ftell£ er’zuerjt die Fra— 
ge auf: Vtrum sola cordis con- 
tritione et secreta satisfactione 
absque oris confessione quisquam 
possit Deo satistacere? Godann 
fagt er: Sunt enim, qui dicunt, 


Licht zu ſetzen, welche bald nac) dem Anfang des drey: 
zehnten Jahrhunderts Papft Innocenz Ill. mit der Beich— 
te vornahm durch feinen berühmten Canon Omnis 
utriusque. sexus, darf man nur noch des Ausſpruchs 
ziveyer Scholaftifer gedenken, die es beide behaupten, 
vor dieſer Firchlichen Sanction der Ohrenbeichte durch 
Innocenz fen noch frengeftelle gewefen, Gott allein oder 
auch dem Priefter zu beichten h), Der Ausdruck Pönis 
tenz, ſofern er irgend eine Art der Beichte bezeichnet, 
muß jedesmal in dem inne dev herrichenden Art zu 
beichten genommen werden. In den alteften Zeiten 
und fo. lange die alte canonifrhe Zucht im Gange war, 
verſtand man das Wort durchgängig nur von der öffent: 
lichen Beichte; nach dem funfzehnten Sahrhunderte durd): 
gängig allein von der geheimen oder Ohrenbeichte; in 
der mittlern Zeit bis zum dreyzehnten Sahrhundert von 
beiden zugleih. Von nun aber war es um die Frey: 
heit der Gemiffen gefchehen, indem Innocenz auf dem 
lateranenfifchen Conzilium vom Jahr 1215. aus der Oh: 
venbeichte, wenigſtens einmal des Jahrs abzulegen, ein 
Zwangsgefeß machte 1). Kann man auch nicht fagen, 





quamlibet criminis veniam sine 


Gratian führen noch die Mei— 
confessione ecclesiae et sacerdo- 


nungen folder an, die fragen, 


tali judicio posse promereri. Qui- 
bus, heißt es bernach, auctorıta- 
tibus vel quibus rationum firma- 
mentis utraque sententia satisfa- 
ctionis et confessionis innitatur, 
in mediun: breviter .exposuimus. 
Cui autem harum potius adhae- 
rendum sit, lectoris judicio re- 
seryatur. Vtraque enım fautores 
habet sapientes et religiosos wi- 
ros. c. 89. 


h) Tbomas von Aquin ſagt 
ausdrüädlih: Perrus Lomb. und 


ob es genug ſey, Soft feine Gün« 
den zu beichten; jeßf, da es durch 
dıe Kirche entſchieden ıft, muß 
dick für Nekerep geachtet wer— 
den. In 1. IV. Sent. Dist. 17. Go 
fagt aub Bonapentura, dor der 
Entſcheidung durch Innocenz fen 
es nicht ketzeriſch geweſen, die 
Nothwendigkeit der Obrenbeichte 
zu leugnen. In]. IV, Sent. Dist. 
17. 


ı) Sn dem ſchon angeführten 
Canon: Omnis utriusque sexus, 


er habe fie erft erfunden, fo bat er doch die Ehre, fie 
in der jegigen Form Firchlicy und Fatholifch gemacht 
und einen vorher ganz freyen Gebrauch in eine Gemwif- 
fenslaft verwandelt zu haben. Das läßt ſich alfo recht 
gut begreifen, wie ſchon Wickef und Huß Gründe genug 
finden Fonnten, die Ohrenbeichte als einen erft fpäter 
eingeführten Gebrauch in Anfpruch zu nehmen und für 
einen folchen zu erklären, an deffen Alterthum und goͤtt— 
liche Einfegung ein Chrift zu glauben durch nichts ge- 
zwungen ſey k). Der Uebermurh Eatholifcher Schrift: 
fteller, welche trotz des laut dagegen fehreyenden Alter 
thums und Chriſtenthums doch ohne Unterlaß fonft ihre 
Ohrenbeichte für eine göttlihe von Chriftus und den 
Apofteln berrührende Einrichtung ausgaben 1), macht 
auch) begreiflich, mie felbft der ernfthafte Calvinus bier: 
über in eine fo bittere Planfanterie verfallen konnte m). 

Der dritfe Theil der Poͤnitenz endlich ift die Genug: 
thuung. An diefem Puncte richten fich endlich noch ein- 





auf den ſich aud die Gpnode zu 
Trient ausdrüdiıh beruft ]. c. 
cap. 5. Die vielfältigen Ausle: 
gungen diefes Canous und eine 
Geſchichte deffeiben bat Launoy 
geliefert in feiner Gcrift: Expli- 
cata ecclesiae traditio circa ca- 
nonem: omn. utr. sex. Lur. Pa- 
rıs. 1672.8. Er fag£ ſelbſt gleich im 
Anfange: A Coneiliis sanciti fue- 
runt pro moribus ecclesiae cano- 
nes multi, sed nullus aeque ac 
Lateranensis iste tot viees habuir, 
aut expositiones tam varias sus- 
cepit. p. 2. 


k) Cone. Constant. Sess. XV. 


1) Wie diefes denn felbft das 
Aefultat der fogenannten Se— 
fhichte der Dbrenbeichte von Bois 
Teau ift. Igitur non solum ın- 


credibile, verum etiam improba- 
bile est, in concilio Lateranensi 
Innocentium III. confessionem au- 
ricularem instituisse, sed immo 
planissime ex huius lucubrstionis 
scire intelligendum est, a Christo 
Domino institutam, rerum chri- 
stianarum continuo tempore cu- 
stoditam, tempore Innocentii ho- 
minum peccatis ac negligentia de- 
cidentem sertam tectamque ser- 
vatam fuisse. Hist. conf. auric. 
p- 405- 

m) Nam quod jubent boni Pa- 
tres, omnem utriusque sexus 
quotannis semel proprıo sacerdo- 
tı confiteri omnia peccata, faceti 
homines lepide excipiunt, hoc 
praecepto teneri solos hermaphro- 
ditos, ad neminem vero specta- 
re, qui sit vel mas, vel foemina. 
Inst. l. III, e. 4. 8. 7. 


mal alle die fchon in der Nechtfertigungslehre vorgekom⸗ 
menen Gegenfäge beider Syſteme auf: denn diefe katho— 
liſche Lehre von der Satisfaction vollendet erft den ins 
nern Zwieſpalt und reift die Kluft, wo möglich, noch 
weiter auf. Beide Spfteme find zwar noch darin’ einig, 
daß eine Satısfaction für die Sünden bei Gott eintre: 
ten müfle, wenn Heil und Erlöfung dem Menfchen wer—⸗ 
den folle. Der Strenge des beleidigten Gefeßes und 
der göftlichen Gerechtigfeit muß nach beider Lehre ger 
nug gefchehen. Doch die Art, wie dieß gefchehen fol, 
iſt im proteftantifchen Syſtem ganz verfchieden angege 
ben und gefiellet von der Weife und Gefinnung des Fas 
thelifchen. Es ift nämlich Grundlehre des proteftanti- 
fehen, daß nicht nur nichts von Seiten menfchlich - fietli- 
her Beſtrebung dazu dienen Fann, fondern auch, daß 
dem Menfchen dazu ſich alle Kraft verfage, und daß 
der Günder durd) ſich und aus fi) auf Feine Art der 
göttlicyen Gerechtigkeit eine verfühnende Genugthuung 
leiften fünne. Es ift Elar, an welchem Puncte die Noth: 
wendigkeit Diefer Lehre mit der allgemeinen proteftanti- 
(hen Nechtfertigungstheorie zufammenhängt. Dazu al: 
ein, lehret fie, ift Chriſtus gefommen, deffen Leiden und 
Tod für uns nach Gottes unerforfchlichem Rathſchluß 
eine hinreichende Genugthuung war. Der Sohn Got: 
tes felbfi, ohne Sünde, that für die unfrige genug, nahm 
mit unferer Sünde zugleich die Schuld derfelben auf ſich 
und ſtellete fih, wie der Scholaftifer Anfelmus fagt, 
zwifchen unfere Sünden und Gottes Gerechtigkeit. In 
diefer Stellung erblicket ihn unfer Glaube, mit diefem 
Giauben ergreifen wir Chrifti Berdienft, und diefer Glaube 
ift Alles, was von unferer Seite zu unferem Heil und 
unferer Verſoͤhnung eintreten Fann und fol. 

Wenn nun die Farholifche Lehre gleichfalls von jener 


— 201 — 


durch Chriſtum dargebrachten Genugthuung ſpricht, ſo 
unterſcheidet ſie doch ſichtbar genug davon noch eine 
andere, welche daneben allein von Seiten des Suͤnders 
kommt, und wenn ſie gleich Alles, was der Menſch in 
dieſem Puncte leiſtet, am Ende nur durch Chriſtum in 
ung geſchehen läßt, fo find es doch immer an ſich ver 
ſchiedenen Kräfte, welche fie auch recht gut unterjcheidet 
und nur zuſammenwirken läßt n): auch würde es ihrer 
ganzen Nechtfertigungstheorie durchaus widerfprechen; 
wenn fie bier, wo fie die eigene Kraft und That deg 
Menfchen erft vecht brauchen kann, Diefelbe augfchließen 
wollte, welche dort im Syſtem zu behaupten und auf: 
vecht zu erhalten fie ſichs fo viele Mühe Eoften lieg. - 
Die Fatholifche Lehre kann alfo der proteſtantiſchen 
darin durchaus nicht beipflichten, daß mit der Schuld 
der Sünde zugleich alle Strafe dafür von Gott erlaffen 
und vergeben werde, und daß jenes im Glauben ergrif: 
fene DBerdienft Chrifti vollkommen und in aller Hinficht 
hinreichend fey zur Vergebung unferer Suͤnden. Zwar 
bezieht das Fasholifche Syſtem folche Genugthuung von 
Seiten des Menfchen nicht auf die Sündenvergebung 
ſelbſt, an diefer Geite laßt e8 vielmehr Chriſti Verdienſt 
für ung eintreten, fondern nur auf einige zeitliche Stra- 
fen für die Sünden, welche nach und bey der Eünden: 
vergebung Gott ung aufzulegen befchließt. Allein erklärt 
daffelbe nicht eben fo beſtimmt, ohne irgend eine Satis— 
faction von unferer Geite würde uns die Sünde nicht 
erlaffen, geht nicht der ganze Geiſt dieſer dockrinellen 
Verordnung auf eine befondere Art von Sünden, welche 
ohne menfchliche Genugthuung. nicht erlaffen werden kann, 
und auf eine eigene Satisfaction, welche der: Menfch 





n) Cap. 3. de satisfactionis necessitate et fructu. 


— 202 — 


neben und außer der von Chriſtus geleiſteten fuͤr ſeine 
Suͤnden noch beſonders zu uͤbernehmen hat? Wenn al— 
fo, nach ſcholaſtiſcher Lehre, der die Synode zu Trient 
hier unverkennbar folgte, die Schuld und die ewige 
Suͤndenſtrafe durch Chriſti Verdienſt und Genugthuung 
gehoben iſt, ſo gehoͤrt doch, nach der Meinung der Scho— 
laſtiker, zur vollkommenen Vergebung der Suͤnden auch 
die Vergebung der zeitlichen Strafen, welche Gott oft 
ſelbſt den Gerechtfertigten auferlegt und die er ſelbſt ab— 
zubuͤßen hat. Durch dieſe zeitlichen Strafen, welche jede 
Suͤnde noch außer der ewigen nach ſich zu ziehen pflegt, 
knuͤpft das katholiſche Syſtem die menſchliche Genug⸗ 
thuung an das allgemeine Suͤndenvergebungsgeſchaͤft Got— 
tes an 0). Denn iſt auch vor Seiten Gottes durch 
Chriſti WVerdienft die Schuld und die ewige Strafe da- 
für erlaffen, fo behält doc) Gott gewöhnlich immer noch 
gleichfam etwas davon zurüc, welches er in der Form 
zeitlicher Strafen den Menfchen tragen läßt, und wofür 
nur er felbft die angemeffene oder hinreichende Genug: 
thuung leiften fann und fol. Dem Verdienſt Chrifti 
tritt alfp die menichliche Bemühung zur Seite, fo, mie 
er, leiden auch wir unfere Sünden, wie er in gewiſſer 
Hinficht für die Sünden der Welt genug gethan, fo 
müffen auch wir in einer andern noch befonders dafür 
leiden und büßen p). Zwey Puncte alfo find eg, wel- 
che in einander laufend hier beyde Syſteme aus einander 
reißen und unverfohnlich trennen, die Lehre, daß mit der 





peccatis nostris satisfecit, ex quo 


0) Bellarmin. de satisfact. cap. 
2. p- I914. 
p) — accedit ad haec, quod, 


dum satisfaciendo patimur pro 
peccatis, Christo Jesu, qui pro 


omnis nostra sufficientia est, con- 
formes efliciunt, certissimamque 
inde arrham habentes, quod, si 
compatimur et glorilicabimur. Sess. 
XIV. c 8. 


— 203 — 


Schuld der Suͤnde nicht auch alle Suͤndenſtrafe erlaſſen 
ſey, ſondern dergleichen noch uͤbrig bleibe, um durch 
gute Werke der Menſchen ausgetilgt zu werden, und (in 
einer andern Form) daß neben Chriſti Verdienſt und 
Genugthuung noch eine andere von Seiten des Men— 
ſchen zur völligen Genugthuung und Suͤndenvergebung 
eintreten muͤſſe, alſo der Glaube an Chriſti Verdienſt 
und Genugthuung von Seiten des Menſchen nicht hin— 
veiche. Um keinen Zweifel übrig zu laſſen über die gruͤnd— 
liche Berfchiedenheit der Anficht, wirft der zwoͤlfte Ca— 
non der Synode nocd ein eigenes Anathema auf die, 
welche fi) mit der Schuld zugleich alle Strafe erlaffen 
denfen und bey dem Glauben an Chriſti fatisfactorifcheg 
Verdienſt allein fich beruhigen q). 

Damit man aber die Gegenfäße nicht am unrechten 
Orte fuche, fo ift zu bemerken, daß allerdings auch dag 
proteftantifche Syſtem die allgemeinen Leiden fowohl als 
die befondern eines einzelnen Menfchen, felbft nach er; 
haltener Sündenvergebung, zum Theil und in einem ger 
wiffen Sinn als Strafen betrachtet für gemeinfame oder 
befondere Sünden. Allein eine ganz andere Bedeutung 
fchreibe ihnen das proteftantifche Syftem zu, als das ka— 
tholifche. Denn da fie unter einem andern Gefichtg: 
punct auch väterliche Prüfungen und Züchtigungen find, 
in denen fich dag gottegfürchtige Herz bewähren Fann, 
fo laßt fih auch nach proteftantifchen Grundfägen kei— 
nestweges annehmen, als feyen fie Bemweife, daß Gott 
die Sünden felbft nicht um Chrifti willen fchon erlaffen 


q) Si quis dixerit, totam poe- quam fidem, qua apprehendunt 
naın simul cum culpa remitti Christum pro eis satisfecisse, ana- 
semper a Deo, satisfactionemque thema sit. |. c. can. ı2, 
poenitentium non esse aliam, 


babe, oder als ſey zwiſchen den Leiden, welche Goft den 
Gerechtfertigten auflege und denen der Gottlofen gar 
fein Unterfchied, Sondern zur Schärfung unferes Ab⸗ 
fcheues gegen die Sünden dienen fie ung, zur Demuth, 
zur Verhütung. fleifchlicher Sicherheit oder neuer. Suͤn⸗ 
denluſt, alfo nur neue Bande find es, durch die ung 
Gott inniger mit fich verfnüpfen will. Sm Fatholifchen 
Syſtem hingegen nehmen folche zeitliche Leiden, ſowohl 
die, ‚welche Gott uns auflegt, als auch die, welche wir 
felbft freywillig, ung auflegen oder auflegen laffen, Die 
Bedeutung folcher an, durch welche der Menfch zu feis 
ner völligen Nechtfertigung beiträgt, durch deren Ueber: 
nahme er einige Strafen compenfiren und aufheben Fann, 
folcher, welche dem firengen Recht nach den gerechtfer; 
tigten Menfchen nicht treffen follten, die er aber. gern 
übernimmt, und wenn Gott ihm dergleichen felbft nicht 
zufendet, fich felbfE oder von feinem Priefter auflegen 
laßt, damit fie in folcher freywilligen Uebernahme ihm 
nicht nur als eigene, fondern auch als verdienftliche, ja 
ſelbſt als überverdienftlihe Werfe angerechnet werden. 
Zu folchen Erleidungen rechnet die Fatholifche Kirche 
die Leiſtung einiger im Chriftenthum  vorgefchriebenen 
N lichten, der Wohlthätigfeit, des Gebets u. f. w. Auch) 
in der proteftantifchen Kirche haben folche mit Aufopfe- 
rung und Beſchwerde verbundene Pflicyten einen hohen 
Werth, und es ift falfch, wenn ihr vorgeworfen wird, 
fie übe dergleichen nicht, oder die Lehrer der Kirche fchärf: 
ten diefelben nicht cin. Vielmehr erfenner fie jeden rege: 
ven Tugendeifer, der fich in einzelnen Handlungen äußert, 
für durchaus nothwendig, um dadurd) wahren Schmeiz 
über die Sünde zu beweiſen und ein neues und heiliges 
Leben wirklich zu führen; nur daß fie folche einzelne 
Werke für nichts andereg, als nur für wuͤrdige Früchte 


SEE Ne VE 


— 205 == 


der Buße half; für nothwendige aus dem Glauben’ fol- 
gende Tugenden, nicht aber für fatisfactorifch in irgend 
einem Sinne betrachtet. : Keinen Wahn befämpft das 
proteftantifche Syſtem häufiger und ernfthafter, als: jene 
auf den eingebildeten Werth der eignen Tugend gegrüns 
dete Zuverfiht. Die andern willführlichen, im Chriſten⸗ 
thum nicht unmittelbar gegründeten Leiftungen, welche 
die katholiſche Kirche noch zu den fatisfackorifchen Er: 
leidungen rechnet; » alle die ſelbſt erſonnenen Gelbftpeini: 
gungen, die Eleinlichen Entbehrungen und befchwerlichen 
Handlungen, wie die Auswahl und Entbehrung mancher 
Speiſen, das Faften, das Walfahreen, Nofenfranzbeten 
und dergleichen Findifche Tändeleyen laſſen fih im Lichte 
des proteftantifchen Syftems nicht anders denn als bloße 
Superftition betrachten. Wohl mögen fie bey Einzelnen 
oft eine: fehr unfchuldige, fpielend- Findliche und fromme 
Ergöslichfeit ausmachen, an die ſich allerley veligiöfe 
Empfindungen anfnüpfen fonnen, aber in dem Syſtem 
erfcheinen fie an ihrer rechten Stelle und in der Duali: 
tät wahrer GSatisfactionen nur in einer verwerflichen 
Geſtalt r). 
\ 


Don hier aus laͤßt fich auch der Zuſammenhang ge: 
nau genug überjehen, in welchem diefe Lehre mit der 
Fatholifchen Nechtfertigungstheorie fowohl, als mit meh: 
ren andern ſteht, die ihre ganze Bedeutung und Wich: 
tigfeit au der Verbindung haben, worin fie mit der 
Satisfactionslehre fiehen. Nur eines leichten Schrittes 





r) Etsi autem nos fatemur, fa-  dicuntur labores sponte assumpti, 
gella divinitus immissa, si aeguo vel a judice spirituali impositi ad 
animo tolerentur, non parum compensandam injuriam Deo fa- 
prodesse ad satisfactionem: ta- ctam. Bellarmin. I. c. c. 12. p 
men magis proprie satisfactiones 1967. 


— 206 — 


bedurfte es, um die Nothwendigkeit ſolcher Genugthuung 
ſelbſt über das gegenwaͤrtige Leben hinaus auszudehnen: 
denn ift e8 einmal angenommen, es folge den Sünden 
außer der ewigen Strafe noch eine zeitliche nach, welche 
felbft dem mit Gott Verſoͤhnten nicht unbedingt erlaffen 
werde, fondern die der Menſch felbft abzubußen habe, fo 
mußte wohl das längste Leben nicht lang genug erfcheiz 
nen, um für alle Sünden die erforderliche Genugthuung 
zu leiſten. Willfommen muß alfo einer folchen Lehre 
der Gedanfe an einen Dre oder Zuftand nach dem Tode 
fen, oder der Mühe werth und faft nothwendig, fich 
einen folchen auszudenfen, wo, was in diefem Leben 
nicht Alles geleiftee werden Eonnte an Genugthuung, 
noch beſonders nachgehohlt und präftirt werden Fönnte, 
Zu diefem Zweck benußte man das Fegfeuer im fatholis 
fehen Spftem, obgleich es urfprünglich nicht dazu auge 
legt und bereitet war. 


Nach diefem Syſtem geht e8 ferner auch recht guf 
an, daß einer für den andern oder ſtatt feiner Genug- 
thuung leiften, und nach den Umftänden die auferlegte 
Buße gefchärft oder gemildert und ganz erlaffen, oder 
mit einer andern vertaufcht werden Fann, Die Heiligen 
befonders haben zu allen Zeiten fo viel geleiftet und weit 
mehr; als nöthig war, zu ihrem eigenen Bedarf; ihre 
überfließenden Verdienſte koͤnnen alfo den Menfchen, die 
derfelben benöthiget find, zu gut gerechnet werden. Die 
Kirche befindet fich nicht nur im Beſitz des Nechts, Die 
Bußen zu mildern und nachzulaffen, fondern auch im 
Beſitz jenes Schatzes überfliegender Genugthuung, aus 
welchem fie jedem zufließen läßt, der nur die rechten 
Mittel zur Erlangung derſelben anwendet und fih am 
rechten Orte meldet. Auf diefe Weife iſt das Indul— 


genz» oder Ablaß-Weſen der Gatisfactionslehre ver: 
fnüpft. 
Wie nun der proteftantifchen Lehre Alles zunaͤch 

an der Behauptung gelegen iſt, daß mit der Schuld der 
Sünde alle Strafe dafür von Gott erlaffen werde, weil 
fih) nur daraus die Nothwendigkeit des Glaubens an 
Ehrifti einziges Verdienft und volle Genugthuung er 
giebt: fo ift es hingegen dem Fatholifchen gar fehr dar; 
um zu thun, außer der erlaffenen Strafe noch eine be: 
fondere Gattung ſtehen zu laſſen, für welche die Men: 
fehen zu Teiften haben: weil fih nur fo eine fatisfacto- 
rifche Thaͤtigkeit und Werdienftlichfeit auf Ceiten des 
Menſchen denken und bemeifen läßt. Aus der heiligen 
Schrift erhellet jedem Flaren Auge fo viel, daß dafelbft 
fein folcher Unterfchied angenommen ift zwifchen emwiger 
und zeitlicher Strafe, von denen jene allein und nicht 
diefe zugleich erlaffen werde, und daß bey dem Ausdruck 
GSündenvergebung eine folche Retizenz und Refervation in 
Beziehung auf eine befondere Strafgattung keinesweges flatt 
findet. Denn das eben ift der reine und firenge Begriff 
der Süundenvergebung, daß für die einzelnen Sünden nun 
weiter Feine Strafe gefordert; daß alle Strafe erlaffen 
und gefchenft jeyn fol. Darum nun fchien von jeher 
dieß im Fatholifchen Syſtem dem proteftantifchen nicht 
vereinbar, weder mit dem unendlichen Gnadenreichthum 
Gottes, der nichts halb thut, noch mit dem unendlichen 
Verdienft Chrifti, welches dadurch auch faft auf Die 
Hälfte veduzire wird. In der erftern Beziehung und 
um das Anftößige davon zu mildern, nimmt man ge: 
woͤhnlich an, daß eben in der dem Menichen mitge: 
theilten Gnade, die ihn fähig macht zur Genugthuung 
für jene nad) der Schuldaufhebung noch übrig geblie— 
bene zeitliche Strafe der wahre Reichthum göttlicher 


— 020086 — 


Gnade erfi recht fichtbar werde s). Allein wie möchte 
doch dem Menfchen alsdann und feiner TIhätigfeit ein 
Verdienſt daraus enffichen und genugthuender Gehalt in 
feine TIhätigfeit fommen, wenn fie fo ganz allein Go& 
tes Werk wäre und nicht des Menfchen eigenes? Nur 
in einem Syſtem, tie das Fatholifche ift, melches den 
Menfchen in feiner. Uefprünglichkeit und Suͤndhaftigkeit 
felbfi-noch mit fo vielen Kräften begabt, kann als mög: 
lid) gedacht werden, mit eigenen Kräften, Werfen und 
Verdienſten eigne Suͤnden auszulöfchen, indem wir Frey: 
willig die zeitliche Strafe dafür erleiden und nur in eis 
nem Syſtem, welches dem Menfchen mit einer Freyheit 
feymeichelt, die. ins. Eitle und Nichtige ftrebt, wie fie 
felbft auf diefem lockern Boden fteht, laßt fich denfen, 
daß; um. verdienfllich und genugthuend zu handeln, der 
Menſch Werke verrichten Fünne, zw denen er nicht ver: 
bunden wäre t). Denn entweder if, was wir in fol- 





s) Itaque gratuita est peccato- 
rum remissio, quia gratis Deus 
fidem et poenitentiam nobis in- 
spirat, gratis ad amicitiam et gra- 
tlam suam nos recipit, gratis cul- 
pam-et reatum mortis aeternae 
condenat, graiis denique gratiam 
illam infundit, per quam pro 
poena temporali, quae dimissa 
culpa remanet, satisfacimus: ex 
quo sequitur, ut gratuita peccati 
remissio non solum cum satısfa- 
etione non pugnet, sed eam po- 
tius gignat. Bellarm. de satisfact. 
c. 15. p- 1977. 


t) Siernadh ift Bellarmins Dia» 
lectiſche Borftelung der Sache zu 
beurtbeilen. Illud antea praemit- 
tenlum putamus, quod et initio 
libri huius attigimus, nos hoc lo- 
co de satisfactione illa verba fa- 
cere quae (ut nostri loquuntur) 


’ * * 
ex condigno quidem poenam tem- 


poralem expiet, non tamen ex 
rigore justitiae. Satisfactio enim 
ex sigore justitiae, duo requirit: 
ut satishat ex Past et ad ae- 
qualitatem, nulla videlicet prae- 
veniente aut intercedentre gratia 
eius, cui debetur satisfactio, Nos 
autem neque aliquid habemus, 
quod Dei non sit, neque possu- 
mus ullo genere honoris. adae- 
quare injuriam, quam Deo feci- 
mus: cum injuriae mensnra ae- 
stimetur ex dignitate Dei, quae 
infivita est, mensura honoris, 
quem illi impendimus, aestimetur 
ex dignitate nostra, quae est 
finita et perexigua. Nihilominus 
tamen accedente gratia Dei ea- 
que multiplici vere possumus ali- 
quo modo ex propriis et ad ae- 
qualitatem ac per hoc juste et 
ex condigno satisfacere. Primum 


cher Abficht unternehmen mögen, ein eitler, felbfterwähl- 
ter Gortesdienft und im Chriſtenthum nicht gegründet, 
vielmehr eine Abfehrung von demjenigen, was e8 uns 
flveitig von ung verlangt, oder es iſt, was wir als for 
genannte Satigfaction prafliren, immer nur das, was 
wir zu thun fehuldig find, nie aber mehr, alg dieß, oder 
ein Ueberfchuß. Seiner Pflicht Fann man zur Noth Se 
nüge leiften, nicht aber Gott für die verfaumte und vers 
legte oder für die Sünde. Was man auch irgend an 
Werfen der Liebe vollbringe, wird Gott nicht verhin- 
dern, für die begangne Sünde mit ung ins Gericht zu 
gehen und Die dafür beftimmte Strafe ung aufjuere 
legen. 

Dabey mag noch kaum nöthig feyn, des üblen Scheing 
zu gedenken, der einer Kirche enrfteht, welche jo ausdrück: 
lid) Gott zwar die ewigen Strafen zu vergeben uͤberlaͤſ⸗ 
fet, aber dafür die zeitlichen in den Kreis menfchlicher 
Zhätigkeit ziepee und in den ihrigen — weil fid) mit 





enim accedir gratia justificationis, 

er quam efficinrur Glii Dei, mem- 
br Christi, habıtacula Spiritus S. 
et hac ratione opera nostra, ut 
a Sp. Christi in nobis habitante 
procedunt, quandam habent in- 
finitatem ac per hoc etiam quan- 
dam aequalitatem cum injuria, 
qua Deum peccando affıceramus. 
Accedit rursus alia gratia, dum 
Deus, qui nostra omnia sibi jure 
vindicare posset, non omnia, quae 
facere possumus, imperat, sed 
certa quaedam opera duntaxat: 
alia vero permulta non imperat, 
sed suadet, atque ad ea facienda 
hortatur, ut lib. 2. de Monachis 
copiose ostendimus. Ex qua Dei 
benignitate illud consequitur, ut 
habeamus opera propria et inde- 
bita, quibus pro injuria satisfa- 


Marpeinede Syſt. d. Katholicismus. IL 14 


ciamus: quamquaın ea est beni- 
gnitas Dei, ut etiam, quae mu- 
nera ıpsius sunt, nostra esse me- 
rita patiatur et quae de manu 
eius accepimus, sıbi donari li- 
benter admitrat. Accédit prae- 
terea alia gratia.. Namı Deus, 
cum 205 ad amıcıtiam suam per 
reconcıliationem ilerum recipit, 2 
poena, cuius debitores eramus, 
aeternitatem aufert, ac de acter- 
na temporaleım facit. La igitur 
intelligimus , per nostra opera 
Domino satisheri, non ex rigore 
justitiae, sed gratia ipsius eaqus 
multiplici jrasc-denie et comi- 
tante, atque id nobis donante, 
ut habeamus, unde ex prepriig 
et ad sequalitat-m pre poena 
temporali satisfacere valeamus. 1. 
©. 17°. P« 1937 


[4 


diefen allerdings für den Augenblick des gegenwärtigen 
Lebens dag Meifte anfangen läßt: Denn dazu ift des 
Priefters Richterftuhl aufgefchlagen, daß dort der Menſch 
feine Sünden beichtend entweder freywillig dafuͤr fich 
felbft zeitliche Strafen auflege, oder von den Prieſtern 
dergleichen fich auflegen laffe. Was für Strafen und 
gute Werfe das waren, zumal im Mittelalter, ift befannt 
genug, Wie fehr die Kirche dabey für fich zu forgen 
pflegte, welche Schenfungen fie auf diefem Wege erhielt, 
welche Stiftungen an Kirchen, Klöftern und Legaten fie 
dadurd) veranlaßte, meld) einen hohen Begriff von fich 
fie auf diefem Wege herrfchend machte, ift eben fo be 
Fannt. Dieß Alles freylich zu einer Zeit, wo Kirche und 
Gott in der Vorfielung der Menfchen eins waren und 
Kirche, Papſt, Bischof, Priefter auch nicht fonderlich ver: 
fehieden von einander gedacht zu werden pflegten. 

Wie foldy ein Glaube an den fatisfactorifchen Ge; 
halt frommer und mübhfeliger Werfe nad) und nad) ent: 
ftand und fich immer mehr ausbildete, läßt fich in der 
Geſchichte nachweifen. Es mar diefes Feineswegeg, wie 
man in ber. Fatholifchen Kirche glaubt, die DVorftellung 
und der Glaube der älteften Kirchenväter u). Nicht je 
des Zeugniß, in welchem das Wort Satisfaction vors 
fommt, oder die Rede von frommen Werfen ift, kann 
hier von Gültigkeit feyn, fondern auf die Verbindung 
fommt e8 an, in welche fie gefegt find mir den zeitli— 
chen Strafen und darauf, ob ihnen diefe wegzutilgen 
Kraft beygelegt wird. Denn jeder ficht es leicht, daß 





u) Befonders in Beziebung auf verbis affırmant, posse hominem 
die oben angeführten Jrrthümer, christianum per Dei gratiam plus 
bebauptet cs Bellarmin — addu- facere, quam Deus praecipiat. I. 
ximus testimonia Patrum latino- c. cap- 12. p. 1969. 
rum et graecorum, qui disertis 


folche Stelfen der Kirchenväter nicht hieher gehören, in 
denen fie im Allgemeinen den Zufammenhang der Buße 
mit der göftlichen Vergebung der Günden  befchreiben, 
oder die Gläubigen ermahnen zu Bezeigungen der Froͤm⸗ 
migfeit und Liebe, welche Reuevollen geziemt, oder in 
denen fie den Hirten der Gemeinden Anmeifungen er: 
theilen, wie fie. mit Gefallenen oder folchen verfahren 
folfen, die ihr Leben und ihren Ehriften- Namen mit ei: 
nem großen Verbrechen befleckt, oder die Sünder felbft 
belehren, mit welchem Ernft und Eifer fie ihre Buße 
bezeigen und ſich den heilfamen DVerorönungen der Kirz 
che unterwerfen follen, oder worin fie überhaupt den 
Nutzen folcher firengen Disciplin anrähmen w). Alles 
diefes Liegt außer dem Streit zwiſchen der Fatholifchen 
und proteftantifchen Kirche. Sondern auf jene Ausiprü- 
che muß man befonders eingehen, in denen fie den Sa— 
tisfactionen eine deutliche Beziehung geben auf Gott 
und die Kirche und auf Verfühnung beider. Hier läßt 
es fih nun nicht länger leugnen, obgleich es von Pro: 
teftanten oft geleugnet worden ift, daß ſchon bei den 
älteften Kirchenvätern von Satisfactionen die Rede ift, 
welche man nicht bloß als äußerlich, oder Firchlich und 
digciplinariich fi) dachte, fondern denen man eine in 
Beziehung auf Gott felbft verföhnende Kraft beilegte. 
Allein eine genauere Erwägung und Ableitung des Worz 
te8 Satisfaction aus dem Acht Iateinifchen und juridi- 
ſchen Sprachgebrauch giebt auch hinreichenden Aufichlug 
über den Sinn, welchen die Kirchenväter damit verban- 





w) Alle diefe Geſichtspunkte find nur zu fireng un£erfihieden wor— 
genau "auseinander gebalten und den, von Daulle in feinem Wer— 
Don den fpatern irrigen Bıgrıf- te: De poenis et satisfaciionibus 
fen der kathol. Kirche vielleicht humanis, lıbri VII. Amstel. 1649. 4. 


14* 


den, und der von dem ber jegigen Fathofifchen Kirche 
noch fehr verfchieden ift. Femanden Genüge leiften heit 
oft nichts weiter, als Jemandes Verlangen erfüllen, wel: 
ches auch durch thätliche und twörtliche DBezeigung des 
Schmerzens über begangenes Unrecht geichehen Fann, 
durch eine Abbitte, welche die Rache abwendet, wobey 
aber an ein Compenfiren oder ein folches Genügeleiften 
fein Gedanke if, wobey dem Beleidigten, wenn er nach 
firengem Recht verfahren mollte, nichts weiter zu fordern 
übrig bliebe. Die Lateiner bezeichnen durch das Wort 
Alles, was einer thut, dem Beleidigten zu gefallen und 
ihn zufrieden zu ſtellen x). Was aber einem Beleidig: 
ten genügen foll, haͤngt nicht allein von feiner ſtrengen 
Nechtsforderung ab, fondern auch von feiner Langmuth 
und Mildigfeit. ES heißt daher Genüge leiften oft nichts 
weiter, als thun, was einem lieb und angenehm ift y). 
Und in diefem Sinne wendet fich die Satisfactionsidee 
der alten Kirchenvaͤter überhaupt mehr an die Güte und 
Barmherzigkeit Gottes, als an deffen frenge Gerechtigs 
feit. In ganz befonderer Beziehung fomme das Wort 
Satisfaction vor bey den Gefallenen und zur Buße Ge 





dem Teufel etwas angenehmes ers 


x) Latinis satisfacere dicitur, 
weiſen — qui per delictorum poe- 


qui id faeit, quod offenso placet. 
Quippe eı satisfacere illis dicitur, 
qui profitetur, se nolle aliquid 
dietum factnmye, ut videre est 
apud Plautum Amphitruone III. 
2. Sic vocem satisfactionis usur- 
ant Caesar, Suetonius, Asconi- 
us, Martialis. Hug. Grot. An- 
notatt. ad Consultatt. Cassandri 


art. 11. 12. 


y) ©o gebtaubt Tertullianus 
auch das Wort da, wo er von 
deren ſpricht, die aus der Buße 
zurüd ins Safter fallen — und 


nitentiam instituerat domino sa- 
tisfacere, cum, si rescissa et refi- 
xa poenitentia in scelera prolaba- 
tur, diabolo per aliam poeniten- 
tiae poenitentiam satisfacere, fu- 
turumque tantö magis perosum 
Deo, quanto aemulo eius accep- 
tum. De:poenit. c. 5. So ver⸗ 
langet auch Gpprianus von den 
Heiden, daß fie Gott zu gefallen 
ſeyn und fib zum Chriſtenthum 
befebren follen. Contra Demetri- 
an. tract. 1. Clr. Dallaeus Il. c. p. 


644. 349. - 


— 213 — 


laſſenen. In diefer Verbindung mit der damaligen Buß— 
disciplin heißt Gott ein Genüge thun gewöhnlich nichts 
anderes, als Gottes Langmuth und Gnade anflehen. 
Unter Satisfactionen begreifen die Väter diefer Zeit die 
ganze Reihe frommer Bezeigungen, durch melche der Ge; 
fallene Gott und der Kirche erklärt; daß die Sünde ihm 
leid ift, daß er herzlich mwünfche, fie nicht begangen zu 
haben, und daß er Gottes Vergebung und Gnade fu- 
che 2). Bey Tertullian bedeutet die Exomologeſis, wie 
oben bereits gezeigt worden, auch Petav, Aubefpine und 
Andere felbft bemerkt haben, nichts anders als die Con: 
feſſion; wenn nun bey den Vätern jener Zeit die Ero- 
mologeſis auch Satigfaction genannt wird, fo Fonnten 
fie Feinegweges dabey an eine Genugshuung denfen im 
fpätern Sinn, nach welchen fie eine Compenfation ſeyn 
follte für die Strafen der Sünde, fondern nur an eine 
bußfertige Declaration durch) Wort und Ihat, Thranen 
und Seufzer, daß man die begangene Sünde verab: 
fcheue und mit Gebet und Weinen fie bereue. Erſt die 
Scholaftifer trennten die Confeſſion und Gatigfaction, 
als zwey ganz verfchtedene Dinge, erflärten jene für die 
bloße Declaration der Sünde und diefe für die werkhei— 
lige Abwendung des Schadens davon oder der Eüns 
denftrafen. Sie ließen dann auch die Abfolution vor: 
hergeben und die Satisfaction darauf folgen, welches in 
den älteften Zeiten der Kirche gerade umgekehrt war a). 





2) Exomologesis est, qua de- tigatur. Tert. de poenit. c. a. u. 
lictun Domino nostrum conäte- an andern Drfen. Vergl. Daile 
mur, non quidem, ut ignaro, sed a.D. ©. 654. 
quatenus satisfactio confessione 
disponitur, confessione poeniten- a) Db nah dem Ginn und Wils 
tia nascitur, poenitentia Deus mi- len des Eonzilinmg gu Trient die 


— 214 — 


Auch in der Abficht und dem Endzweck der Satigfaction 
herrſcht ein auffallender Unterfchied. In der alten Fir; 
che leiftete der Sünder die Genugthuung im angegebenen 
Sinne fowohl, wie nicht zu leugnen, um von Gott die 
Erlaffung feiner Sünden und der ganzen Strafe damit 
zu erflehen, als auch den Frieden mit der Kirche und 
die Gemeinfchaft mit ihr zu gewinnen. est haben fie 
auch dag umgekehrt und ganz anders gemacht. Die 
Schuld und die Strafe der Hölle ift dem Sünder ſchon 
von dem- Priefter erlaffen, wenn er noch nicht angefan- 
gen, die obenein noch begehrte Genugthuung zu leiften. 
Diere wird ihm dann erft noch befonders aufgelegt, um 
dadurch die zeitlihen Strafen abzubüßen, die er fonft 
noch auf jeden Fall im Fegfeuer büßen müßte. 

So wenig Günftiges alfo der modernen Satisfactions— 
Theorie und Praxis der Eatholifchen Kirche in dem Na- 
men und Ausdruck liegt, wie er fihon bey Tertullian 
vorfommt, eben fo wenig läßt fich mit Fug und Recht 
die damalige Buß- und GSatigfactiong - Disciplin und 
Praris felbft anführen. Es ift bekannt, daß die Kirche 
bom zweyten bis ing fünfte Sahrhundert hinein in die 
ſem Puncte firenger war, als in irgend einer andern 
Zeit. Dazumal, two dag Leben und Seyn im Ehriftens 
thum noch mit fo großer Seligfeit verbunden war, und 
Jeder die Wohlthat, der er thrilhaftig geworden, noch) 
lebendig zu fchäßen mußte und an fich felbft erlebte, 
mußte auch der Abfchen gegen Alle, welche des Ehriften: 
Namens fi) unwürdig gemacht, mit großen Verbrechen 


% 





Abfolution der Satisfaction oder eine pafriftifhbe Unterſuchung der 
dieje jener vorangeben fole, bat Sace eingelaffen in f. Disserta- 
Zaunop unterſucht und das erfiee tio de mente Concilii Tridentini 
re als Meinung der Epnode er: circa satisfactionem in sacram. 
tieren, aber fid gar nid£ auf Poenitentiae. ed.2. Paris. 1664. 8. 


— 215 — 


und mit dem Abfall befonders, dem größeften von allen 
fich beflecft, und eben damit Alle, die diefen hohen Namen 
führten, verunreiniget hatten, in dem nämlichen Maaß 
groß,. tief und lebendig feyn. Dem Gefühl von der 
Würde des Gegenftandeg, an welchem ein Chriſt fich 
verfündiget hatte, angemeffen war auch die Buße, welche 
ihm auferlegt wurde, zwar vorgefchrieben durch die Bor; 
fieher der Kirche, aber aus der gemeinfamen Ueberzeu— 
gung hervorgesangen, daß folche Vergehungen gegen 
Gott und Chriftum, wie’ fie gegen das kirchliche Ge: 
ſammtleben zunächft fich geäußert, fo auch demfelben zu: 
nacht, aber eben damit und dadurd) zugleich Gott felbft 
wieder abzubüßen feyen. Es ift falfch *), daß diefe die; 
eiplinarifchen Einrichtungen nur eine Außerliche, politi> 
ſche und poligepliche Abſicht gehabt hätten: denn «8 
laͤßt fich nicht einmal aus wahrhaft religiöfem Grund 
erweifen, daß fie nur einen fo untergeordneten und ent 
fernten Endzweck hätten haben follen, viel weniger, daß 
fie nur einen folchen gehabt hätten im Geifte jener chrift- 
lichen Heldenzeit. Doch felbft dieß zugegeben und noch 
diefes dazu, daß einige, befonders der fpätern, Väter in 
ihrem rhetorifchen Eifer immer weiter zu gehen pflegten 
und den uriprünglichen Begriff der GSatisfactionen im; 
mer mehr trübten b) — wie wenig läßt diefe alte firen- 
ge Bußdisciplin felbft fih) im Sinne der fpäteren und 
jegigen Fatholifchen Kirche deuten, da diefe felbft von 





) Wie Cramer u. mit ibm foft uw. fünften Jahrhunderts fich die 
alle Pro£feftanten behaupten. Cra- ganz unreinen Begriffe von Gas 
mer in der Fortſ. von Boſſuet fisfactionen finden, wie die En» 
Weltgeſch. Bierte Fortſ. oder V. tholiſche Kirde fie in der Folge 
1. Bon der Kirdenbuße ©. 367. ff. aufgeftel£ bat, Schon Auguflin 

legt auf die äußern Ermweifungen 

b) &s ift unleugbar, daß ſchon der Buße, die cr Wege der Buße 
bei einigen Kirchenvätern des 4. mennt, auf die Bußthränen, leib— 


— 216 — 


jener ſo weit zuruͤckgekommen iſt, daß kaum noch eine 
Spur davon in ihr zu finden iſt. Man beruft ſich da— 
rauf nur, um darin eine Rechtfertigung zu finden fuͤr 
Neuerungen, die in einem ganz anderen Geiſt gedichtet 
und eingeführt worden find. Denn was haben jene al- 
ten Genugthuungen der vier Bußftatioven mit den Sa— 
tisfactionen der Trienter Synode gemein? Wenn die 
bußfertigen DVerbrecher dort nach einer bei den uden 
ſchon üblichen Sitte mit Bußfleidern angethan, den Leid 
und das Haupt mit Afche beftreut vor den Kirchthüren 
fanden, ihre Sünden bemweinten und den Voruͤbergehen— 
den erzählten, wenn fie zu ihren Füßen fid) warfen, ih: 
re Sußtapfen füßten und fie baten um Fürbitte bei 
Gott und der Gemeinde; mas waren die anders als 
Zeichen der gro'en Trauer und Neue vor Gott und den 
Menihen? Nicht um ihnen einen Werth an und für 
fic) beisulegen, oder ihnen eine Beziehung auf Austilgung 
zeitlicher Strafen zu geben, wurden diefe hohen Aftefen 
vorgefchrieben und angeftellt, ſondern um durch folche 
Zeichen die Bekehrung des Herzens zu erfennen zu ge 
ben, und durch die chriftliche Gemeinde den Weg wies 
der zu Gott zurückzufinden 

Bitter und befchwerlic war folhe Buße in er 
dem Grade, als fie ernfthaft gemeint und redlich war; 
lange dauernd, oft über dag ganze Leben fich erfireckend, 
teil, wegen der Gefahr des Nückfalls, forgfältige Prü- 
fung und Aufmerkfamfeit zu beobachten war und die 





lichen Caſteiungen, Almoſen und te aber audb alle die oraforifchen 
Faſten ein ſolches Gewicht, daß Darftielungen eines Auguftınus, 
man mwobl fiebt, eo fen ıbm auf Übrpfoftomus u. a im budftäbli« 
die außern Werke felbft und an den Ginne nehmen? 

ſich viel angefommen. Wer mödr 


— 217 — 


Seele nur langſam von der Schuld der Verfündigung 
geheilt werden Eonnte. Tertulliauus "zwar  behaupter, 
Gott werde durch die Außerlichen Demüthigungen deg 
Menfchen, durch fein Seufzen, Weinen, Faften und Nies 
dDerfallen vor Prieftern zur Barmherzigkeit gereist, durch 
folche Buße werde der Zorn Gottes befänftiget und alfo 
durch zeitliche Betrübniß die ewige Strafe meggenons 
men, die Hölfe ausgelöfht c). Wie ftark hier aber auch 
Tertullian zu reden fcheint, fo ift es doc) in jedem Fall 
etwas ganz anderes, als was heutzutage in der Fatholi- 
fhen Kirche von Satisfactionen gelehrt wird, und we— 
der der Zweck, Gott zur Barmherzigkeit zu reisen, noch 
die Strafe der Hölle auszulöfchen, wird ihnen zugeſchrie— 
ben, fondern überhaupt der, für die zeitlichen Strafen 
in dieſem Leben und im Fegfeuer eine würdige (ex con- 
digno) Genugthuung zu leiften. 

Nach den alten Bußcanonen richtete man ſich auch 
in der Folge noch eine Zeitlang, doch milderte und 
fhärfte man auch die Bufe jederzeit nach den Umftän; 
den und dehnte fie oft über die Maafen aus. Die Ums 
fiande der Krankheiten, fage Auguftinusg d), zwingen 
die Briefter auf mancherley Heilmittel zu denfen. Bon 
einer Veränderung Fam man zur andern. Anfangs war 
die Kirchenbuße gar feine Strafe, fondern nur eine 
Wohlthat, die Niemanden aufgedrungen wurde, um die 
fi) vielmehr die Kirche immer erft lange bitten ließ. 
Dald artete fie auch in vollfommenen Zwang aug; 
man feßte die Reihe der einzelnen Genugthuungen feſt 
und bürgerliche Folgen wurden an die Leiftung der Buße 





ce) De poenit. c. ı2. 13. cfr. d) Ep. 50. 
Cyprian. ep. 40. 


— 215 — 


gefnüpft. Was Ambrofius noch und Auguftinus als 
etwas Freymwilliges anrathen, die Enthaltung von bürs 
gerlichen Aemtern, vom Kriegesdienfte und der ehelichen 
Beimohnung, verordnet die zweite Arelatenfifche Kirchen: 
verfammlung Ichon als etwas durchaus Nothwendiges 
und legt die in den Bann, welche während der Kirchen: 
buße fich verheirathen würden e). Solche mwillführlichen 
und erzivungenen Bußen mußten unfehlbar ſchaͤdlich wir 
fen, und waren fchon etwas ganz anderes, als die in 
der erften Zeit. Vom fiebenten Sahrhundert an kamen 
dann auch die Pönitenzialien oder Bußregeln zum Vor— 
fchein, in denen ſchon alles fteif normirt und flatutarıfch 
geworden war. Faft jede Kirche hat eine ſolche Samm— 
fung von älteren Bußcanonen und mit neuen mwilführli- 
chen Beflimmungen und Zufägen bereichert f) Man 
gerwöhnte ſich nur zu bald, diefen aͤußerlichen Uebungen 
und Genugthuungen einen Werth zuzufchreiben, der für 
den Glauben an Ehrifti Verdienft verfleinerlih und nicht 
ohne Nachtheil für die Sittlichfeit war. So bildete ſich 
nach und nach dag Pönitenz> und GSatisfactiong: Wefen 
der Kirche zu jener Geftalt aus, in der wir daffelbige in 
der Lehre von den Indulgenzen wieder finden werden. 





* 
Morinus de poenitentia p. 497. 
Auch Martene u. Dürand baben 
f) Die große Menge u. innere in ihrem Thesaurus dergleichen 
Verſchiedenheit derfelben befdyreib£ viele. 


e) Can. 22. 


— 219 — 


Schstes Kapitel 





Vom Saerament der Confirmation, der Ehe und legten Delung. 


—' — 


Unter der Confirmation denft fich die Fatholifche Kirche 
etwas ganz anderes, als die profeftantifche. Die Art, 
wie fie die Handlung verrichtet, der Zweck, wozu fie die: 
nen fol, und dag Verhaͤltniß befonders, in welches fie 
Diefelbe zur Taufe ſtellet, iſt etwas der Fatholifchen Kir; 
che ganz eigenthümliched. Wie es der verfchiedeue Geift 
einer jeden der beiden Kirchen erfordert, fo geftaltet fich 
auch verfchieden in beiden diere feyerliche Handlung der 
firchlichen Beveftigung des herangewachfenen Menfchen 
im Chriftenthum, welche die Fatholifche Kirche als ein 
eigenes von Chriftus eingefeßtes GSacrament betrachtet, 
was die proteftantifche leugnet. Hier ift fie alfo eine 
freye, religiöfe und erbauliche Handlung, ohne vorgefchrie; 
bene Form und Materie; fie hat fein eigenes Element 
aus göttlicher Einfegung, wag doch zum Sacrament wer 
fentlic) nothwendig iſt; fie hat auch nicht die Verhei— 
fung einer befondern daran gefnüpften Gnade für fich. 
Sondern mit Entfernung aller unnügen, zerftreuenden 
und überflüffigen Aeußerlichfeit ift fie dem Weſen nach 
eine rein geiftige Erneuerung des Taufgelübdeg, allein 
berechnet auf den Geift und dag religiöfe Gemüth, ver; 
bunden mit der nöthigen Untermeifung im Glauben, der 
öffentlichen Darftelung vor der Chriftengemeinde, der 
eigenen Ablegung des Glaubengbefenntniffes, der De: 


— 220 — 


währung richtiger Einfichten in das Wefen des Chri- 
ſtenthums, der rührenden Ermahnung zur Beharrlichkeit 
und Treue, der Auflegung der Hände und des allgemeis 
nen Gebet für den alſo Confirmirten, welches Alles, 
einfad), würdig und geiftvoll, nicht ohne Rührung und 
Erbauung zurüchwirft auf die ganze Gemeinde, auch dem 
Altertum der chriftlichen Kirche im hohen Grade ent: 
fpricht: Dagegen wird fie im Katholicismus ganz in 
der Dignitat eines Sacraments vorgeftellt, als eine ceris 
monienreiche Handlung, deren Materie das heilige Chris— 
ma ift, nicht gewöhnliches oder einfaches Del, fondern 
Dlivenöl mit Balſam gemiſcht, jährlich vom Biſchof 
verfertige *), deren Form aber in den Worten befieht: 
Signo te signo crucis et conlirmo te chrismate sa- 
lutis in nomine Patris et Filii et Spiritus S. unter 
SKreuzeggeichnung mit dem heiligen Del an der Stirn 
des jungen Chriften, worauf dann noch die lateinifchen 
Worte des Biſchofs folgen: Paxtecum, und wozu noc) 
ein leichter Schlag auf die Wange gegeben wird. Hier 
alfo wendet fich die ganze Feyerlichkeit, als eine äußere 
bewegungsvolle Erſcheinung mehr an den aͤußern Sinn 
und wirket durch diefen eindringlich, mannichfaltig und 
unbeftimmt erregend auf Phantafie und Gemuͤth. Nicht 
eine müffige Cerimonie, fagt die Spnode zu Trient, fol 
darum diefe Handlung fenn, weil fie nicht mit Gatechefe 
und öffentlicher Necitation de8 Glaubensbekenntniffes 
verbunden ift a). Auf die andere Seite, nämlich auf 





®) — cuius materia est chris- nedicto. Decret. Eugenü P. IV. 
ma confectum ex oleo, quod ni- ap. Hard. IX. L. c. 
torem significat conscientiae et f 1 
balsamo, quod odorem significat a) Si quis dixerit, confirmatio- 
bonae famae, per episcopum be- _ nem baptizatorum oliosam esse 


— 221 — 


® 


das finnlich dabey erfcheinende, auf die Kraft des Galb- 
öl8 vertrauet die EFatholifche Kirche defto mehr: denn dars 
auf beziehe fie nun ihre ganze Eehre von der durch fic) 
wirkenden Handlung und Manipulation (opus opera- 
tum) b). Außerdem hat fie noch eine Menge von Ce— 
rimonien auf dieſes Sacrament in Beziehung geſetzt. 
Schon die Weihung des Oels und Balfams gefchieht 
durch Gebete und durch das Zeichen des Kreuzes. Der 
Biſchof haucht einigemale auf das Ehrifma (tie auc) 
Ehriftug die Apoftel angeblafen Joh. 20, um dadurch 
anzuzeigen, daß ihnen der heilige Geift verliehen werde). 
Das confeerirre Salböl wird von dem Biihof und den 
Presbyteren begrüßt mit den Worten: Ave sanctum 
Chrisma ce). Außer der wefentlichften Cerimonie des 
Salbens und Bezeichneng der Stirn mit dem Kreuz, ift 
noch erfordeilich, daß, wie bey der Taufe, ein Pathe den 
Confirmanden begleite. Es werden hierauf mit Hand: 
auflegung einige Gebete über ihn gefprochen. Sodann 
erfolge vom Bifchhof das Friede fey mit dir, und ein 
leichter Schlag, zum Zeichen, daß Alles, Schmach und 
Leiden ein Chrift geduldig ertragen müffe. In einigen 
Kirchen wird auch die Stirn verbunden, damit dag 
Salböl nicht abfließe und angezeigt werde, fo müffe auch 
die Gnade bewahrt werden. Doc) find die Fatholifchen 





ceremoniam et non potius verum wmationis chrismati virtutem ali- 
et proprium sacramentum, aut quam tribuunt: anathema sit. 1. 


olim nihil aliud fuisse, quam ca» c. can. II. 

techesin quandam, qua adolesce-- 

tiae proximı fidei suae rationem ce) Adhiberur Chrismati sacro 
coram ecclesia exponebant: ana- reverentia, quia est res sacra, et 
ıhema sit. Sess. VII. can, de vim habet ut Dei instrumentum 
conärm. can. |. sanetificandi. Bellarmin. de Sa= 


Ä Be} 3 eram. Confirm |. li. c. 15. in 
b) Si quis dixerit, injurios esse welchem Stapitel er fammelige 
Spiritui 5, eos, qui sacro conür- Cerimonien befcpreibe, 


Kirchen darin nicht einig unter fich: in einigen wird die 
Stirn nur auf drey Tage verbunden, in andern fogleic) 
abgetrocknet. In allen Fallen darf Kopf und Stirn 
fieben Tage hindurch nicht gewafchen werden. Die Con: 
firmation wird nur zu Dftern und Pfingften ertheilt, am 
bäufigften an dem letztern Feſt, mweil da den Apofteln 
die erfte Confirmation von Gott gegeben worden. Ends 
lic) war fonft wenigſtens auch in Gebrauch, daß die 
Eonfirmation nur von Nüchternen ertheilt und empfan— 
gen wurde. 

Trennt man nun auch noch fo genau, was in allen 
diefen Einrichtungen wefentlich zum fatholifchen Glaus 
ben gehört, und was nicht, fo bleibt doch immer zuleßt 
wenigſtens die facramentliche Bedeutung dieſer Hand: 
lung und der nothwendige Gebrauch des heiligen Salb— 
öla ftreitig und ein wichtiger Unterfcheidungspunct der 
Fatholifchen Lehre von der proteftantifchen. Auch fließen 
alle übrige Eigenheiten der Fatholifchen Lehre über dieß 
Sacrament von jenen Puncten aus. Wenn aber aud), 
wie jegt wohl meiftens zu gefchehen pflegt, von Kathos 
lifen zugegeben wird, daß nichts von dem Allen in hei— 
liger Schrift verordnet worden, fo bleibt ihnen immer 
noch die Tradition, vermittelt welcher fie die Inſtitution 
dieſes Sacraments durch Chriftum darzuchun fuchen, 
das heißt nur überhaupt, durch welche fie den Beweis 
führen, daß die Kirche im Verlauf der Zeit eine folche 
Cerimonie al8 Sacrament zu introduciren und geltend 
zu machen für gut befunden d). Sobald man die Eins 





d) Secundo probatur et qui- nia primum locum habent, quan- 
dem efficacıus ex communi do perspicua sunt, tamen cum 
consensu Pontificum, Conciliorum, ea non sunt ita manilesta, plus 
Patrum graecorum et latinorum. momenti habet Ecclesiae auctori- 
Tametsi enim scripturae lestimo- tas, quam ipsa Scriptura apertis- 


feßung dieſes Sacraments von Chrifto felbft noch ablei— 
ten will auf dem Wege der Tradition, fo reducirt fich 
die Unterfuchung auf die Ausfage und Harmonie der 
ältefien Kirchenlehrer. Wie hoch man aber auch ing 
Altertum hinauffteigen mag, fo läßt fi durchaus auf 
feine fichere hiftorifche Spur fommen von einem aud) 
nur durch die Apoftel angeordneten Sacramente diefer 
Are *). Jene ältefie Lehrer, welche doc) der Taufe 
und des Abendmahls und aller dabey üblichen Gebraͤu— 
che fo ausführlic gedenken, Juſtinus M. Athenagoras, 
Irenaͤus, Tatianus; Theophilus felbft noch von Antio- 
chien erwähnen mit Feiner Sylbe eines ſolchen GSacra: 
ments e). Erft nach der Mitte des zweyten Jahrhun⸗ 





cessu temporis in quodam conci- 
lio. Alii vero dixerunt, quod fuir 


sime commendat. Bellarm. de 
Saecr. Conf. 1. Il. c. 8. p. 552. 


Sämtliche, felbfi von Bellarmin 
nur zum Gcein und leberfluß u. 


nicht mit feftem Dertrauen auf, 


ihre Beweisfraft nngeführte Stel— 
len der b. ©. bat Dallsus unter 
ſucht und Aleg widerlegt, was 
man an Xolgerungen daraus ge. 
zogen, außer it dem ſchon ange» 
führten Werke noch ganz befon: 
ders in der Schrift de duobus 
Latinorum ex unctione Sacramen- 
tis, confirmatione et extrema, 
quam yocant, unctione. Genevas 
1065. 4. p- 27—61. 


*) Es gab daher noch im Mit— 
felalter katholiſche Chriſten, wel» 
sbe nicht mußten u. febr be;weifel» 
ten, ob die Gonfirmation eın Gar 
crament feyn möchte, von Chriſtus 
feibft eingefegt. Der heilige Tho» 
mas wenigftens fagt: cırca insti- 
turionem huius Sacramenti triplex 
est opinio. Quidam enim dixe- 
runt, quod hoc sacramenıum non 
fuit institurum neque a Christo 
nec ab. Apostolis, sed postea pro- 


institutum ab Apostolis. Sed hoc 
non potest esse: quia instituere 
novum Sacramentum pertinet ad 
potestatemexcellentiae, quaecom- 
petit soli Christo. Thom. Aqu. 
Summa. 1. III. qu. 72. art. a, 
Der ſcharfſinnige Scholaſtiker bilfe 
fih zuleset damit, daß er am 
nimmt, Christum instituisse hoc 
sacramentum non exhibendo, sed 
promittendo. 1. c. 


e) Die dem Juftinus M. beige- 
legte Gchrift de erthodoxis quae- 
stionibus, auf die man ſich woht 
berufen baf, gebört anerfannters 
maßen ins 4. Jahrhundert. Wenn 
aber Sbeopbilus von Antiochien 
lage: Nuss TovTov EIWEXEI nZ- 
AvmsIu xeiatıavai, 074 Kero- 
Meta zrai0V $sov, jo bat virfeg 
einen rein mplijeen Sinn und 
wird von ibm feibft auf nichts 
üußerliches bezogen. Dailaeus de 
duob. ex unct. sacram. p. 116, 


derts gefchichet einzelner Theile Erwähnung, aus denen 
man fpäter fic) ein Sacrament der Firmelung compos 
nirte. Nach Alem, was man davon zuerft bey Tertul— 
lianus findet und dem ihm folgenden Enprianus, muß 
man annehmen, daß erft in der zweyten Hälfte des zwey⸗ 
ten Sahrhunderts die Salbung mit beiligem Del auf: 
fam: welches in diefem Sinne von uns allerdings eine 
alte Sitte zu nennen ift, der man ihre ganze Bedeutung 
gab durch eine Beziehung auf das A. T. Aus dem 
mofaifchen Eultus nahm man die Salbung auf, um 
auf eine myftifche Weife die Theilnahme aller Gläubi- 
gen an dem Priefterehum Chrifti anzuzeigen. Jene koͤr— 
perliche Salbung follte eine Figur der geiftigen ſeyn 
unter den Chriften, nicht umgekehrt, was ungereimt 
ift 9. Es ift ſchwer zu beftimmen, ob dazumal auch) 
fhon außer Africa oder Carthago folche Salbung uͤblich 
war und nicht vielmehr von hier erft auggieng. In jes 
dem Falle aber läßt fih darin noch lange- nicht dag 
fpätere Sacrament der Firmelung erkennen. Noch Bas 
ſilius erklärte, daß man über die Salbung mit dem 
heiligen Chrisma fein gefchrieheneds Wort (Aoyoy Ye- 
Yozuevov) habe in heiliger Schrift, und deutet omit 
Har genug auf den fpätern Urfprung dieſer Eirchlichen 
Eitte g). Im Orient befonders fam fehr bald die Sal: 
bung in heiligen Gebrauch, und wurde, wie im Occi— 
dent; unmittelbar mit der Taufe verbunden. Wie vie 
les weiß nicht Eyrilus von Serufalem von dem heiligen 





f) Tertull, de baptismo c. 7. esse scriptam in divinis literis in- 
Cyprian. epist. ]. I. ep. ı2. l. U.  stitutionem Chrismatis, sed dici- 
ep. ı. Cypriani Sermo de chris- mus haberi ex tradirione non 
mate gebörf einer fpätern Zeit. scripta et lamen certissima et cui 

g) Basilius nihil affırmat contra fides habenda est ut ıpsi verbo 
nos, meque enim mos dieimus, scripto. Bellarm. l. c. p. 544- 


— 225 — 


Salboͤl zu erzählen? Er ſtellet die Taufe, die Conſigna— 
fion und das Abendmahl in die engfie Verbindung und 
läßt diefes Alles an Einem Lage gefchehen h). Ueber: 
haupt finder man die Salbung im Orient und Occident 
ftets mit der Taufe verbunden und jene nicht als befon- 
deres Sacrament aufgeführt Es wird fo wenig eine 
Trennung und wefentliche Verſchiedenheit bemerklich, als 
irgend eine heilfame Wirfung des Sacraments, welche 
die Taufe Hat, der Firmelung beigelegt. Auch fprechen 
die Alten nur immer von Del, die neueren Katholiken 
feit den Scholafifern und dem Conzilium zu Florenz 
immer von Balfam, damit zu vermiichen, welches aus 
Indien erft gehohle werden muß, damit die Materie die: 
ſes Sacraments volftändig zu Stande komme, hierin 
ganz unaͤhnlich den beiden von Ehrifto eingefesten Sa— 
cramenten. Die Salbung wurde felbft nicht einmal im— 
mer nach der Taufe allein, fondern auch vor derfelben 
verrichtet in der älteren Kirche. Noch Dionyfius der 
Areopagite frennt beide fo wenig 1); als Sohannes Da: 
maſcenus k). Die fatholiiche Kirche hat noch jett ei— 
nen fehr alten Gebrauch, fich acht Tage. hindurch nac) 
der Firmelung des gewoͤhnlichen Wafchens zu enthalten. 





i) De ecclesiast. bierarch. P. II. 


h) Catech. mystagoe. 11]. Sier 
fagt Eprill auch ausdrüdlih noch, 
da8 Gtirn u. andere Gınne 
mit dem Del ſomboliſch gefalber 
werden. Auch Naſe, Obren, ruft 
werden geſalbt. Aämbrofius oder 
der Verfaſſer des ibm zugeſchrie— 
benen Buchs de his, qui ınitian- 
tur e. 6 falbet den Gerauften fo, 
daß ibm das Del beruntertrieff. 
Nichts von dem Allen kommt bei 
dem beutigen Gacr. der Firme— 
lung vor. 


ec. 2. Dagegen nimmt er f&on 
Beziebungen auf die heidnichen 
Ringer, welche gefalbt worden 
zum Kampf u. madıt eıne ıfpitie 
Ice Anwendung davon auf die 
chriſtlichen Kämpfer no. das heili— 
ge Galböf. 


k) Oleum in baptismate assumi- 
tur unctionem significans er Chri« 
stos nos efficiens et miseritordiam 
Dei nobis annuncians per Sp, S. 
De orth. fide. 1. IV. c. 10. 


Nlarbeinede Syſt. d. Katholicismus II. 15 


— 26 — 


Das Nämliche Iefen wir bei Tertullianus als Sitte der 
Ehriften ſchon im zweiten Jahrhundert, aber zur Zeit 
gleich nach der Taufe 1). Die Handanflegung aber, je— 
ner wahrhaft alte, chriftliche und geiftvolle Gebrauch, den 
die Apoftel, gewiß nicht ohne Geheiß, eingeführt hatten, 
und der auch im der griechifchen Kirche neben der Sal— 
bung Sitte, aber keinesweges allein bey der Taufe üblich 
war, ift in der Fatholifchen Kirche bey der Konfirmation 
ganz mweggefallen, in der proteftantifchen aber beibehalten 
worden m). Unter der Handauflegung felbft dachte man 
fi) fo wenig ein GSacrament in der Form, als Taufe 
und Abendmahl, daß felbft Auguftinug, der doch den 
Hegriff des Sacraments fonft fo extendivte, fie nicht da— 
für anerfannte: denn die Handanflegung, fagte er, koͤn— 
ne wiederhohlt werden und ſey im Grunde nichts an: 
dereg, alg ein bloßes Gebet n). 

Zum Sacrament wurde die Firmung erfi, als man 
die beiden Handlungen der Taufe und Salbung, die big 
dahin nur Ein Sacrament ausgemacht hatten, aus ein- 
ander riß und frennie, und den vielumfaffenden Begriff 
eines Sacraments, wie er bey den älteren Sirchenpätern 
ſich findet, auch auf die Konfirmation bezog, als eine 
befondere Handlung. Man legte zu dieſem Zweck ſelbſt 
die Etellen der alteren Sirchenlehrer, in denen fie von 


— —— — — — — J — ——— —  — ——— 


l) de cor. mil. c. 6. 


m) Das GConzilium zu Florenz 
fagt, die Konfirmation ſey an 
derfelben Ötelle getreten. Instruct. 
pro Armenis. Bellarmin, der dar 
gegen die SHandauflegung als 
Manipulation überbanpt betrach— 
tet und in dieſem Sinne mit der 
Conſignation des heil. Chrifma als 
eines u. daffelbe behaupten will, 


bilf£ ficb bier durch die Bebaup«- 
tung, non omnia, quae habentur 
ın decretis aut concıliis, ad fidem 
pertinent. I. c. p. 543: 


n) Manus autem impositio non 
sicot baptismus repeti non po— 
test: quid enim est alıud, nisi 
oratio super honiinem. Augu- 
stin. de bapt. 1. III. c. 16. 


— 227 — 


der Salbung in der engfien Beziehung auf die Taufe 
und in der Verbindung mit diefer handeln, fo aus, alg 
hätten fie dafelbft von dieem Ritus, wie von einem ei- 
genen Sacrament der Salbung geredet, da fie doch weit 
davon entfernt waren, ein foldyes der Taufe und dem 
Abendmahl gleich zu ftellen und an die Seite zu fegen 0), 
Vielleicht, daß die alte Sitte, die zur Fatholifchen Kirche 
übertretenden Keger zu falben, ftatt fie noch einmal zu 
taufen, zur Entftehung eines eigenen GSacraments der 
Firmung die nächte Veranlaffung gab. In den meiften 
Kirchen im Dceident pflegte man über foichen nur zu ber 
ten, in andern ihnen auch die Hände aufzulegen p ); 
in der orientalifchen Kirche pflegte man fie gewöhnlich 
zu falben. Mehrere Kirchenlehrer des Aten Jahrh, [pre 
chen von diefer Sitte, und auf mehr als einer Synode 
wurde fie geltend gemacht q). Auf folche Beifpiele von 





0) Vngi quoque necesse est mirziws vuußors, Xeicdzrrus 
eum, qui baptizatus sit, ut ac- „5 3 ern 


cepto Chrismate esse unıtus Dei 
et habere in se Christi gratiam 
ossir. Cypr. epist. 1. I. ep. ult.— 
une demum plene sanctihcati et 
esse Filii lei possunt, si Sacra- 
mento utrogue nascuntur, |. II. 
ep- ı. 


p) Der heil. Auguftinus giebt 
audb einen guten Gruno davon 
an Manus imp»sıio sı non ad- 
hiberetur ab haeresi venient, 
tanquam exira omnem culpam es- 
se judicareturz propter charitatis 
autem enpulationem manus hae- 
Tericis correcti- imponitur. Con- 
tra Donat. I. V. c. 25. 


9) Basil. ep. can ad Amphiloch. 
ec. 1. et 47”. Die Gpnode zu Lan 
direan vom J. 384. ſetzt die Sim: 
richtung ausdrücdlich feſt und be» 
fieple smuartaveoras Ta 7 


TO ayım xeirmarı 0 
HOIV@VEIV TW KUTTAEIW TE LyYi@. 
can.7. Jilch: ‚arg: namber verords 
nete dafjelbe die zweite vrumermfche 
Kirsenverfammlu g zu Conitanfis 
nopel vom J. 301 Senn bier 
ward feſtgeſetzt, daß Keßer in die 
katholiſche Rirche auraememmen 
werden ſollten — aya$suurilor- 
Tas macTay wie 1 \ Ozavov- 
av, ws Pewss n auyiz Too 
$eov nadFsriun naı urorror- 
un Err)nnia as eDeayılous- 
yvovs NT KEIT jLEVOUS FEATOV 
Tu uyım M'Ew Toy TE Meroroy 
za vous odFarueus zur Tag 
gwas zal To crous xd Ta 
DT HE eDeuyıdorrss wuvroug 
auravs Aeyoen pgayıs Awpzas 
WVEUMKTOS aylov, u 7 Die 
Epi:vve zu Arles in Salien ſetzt in 
Rückſicht auf die Arianer feſt: Si 


15* 


— 228 — 


Unction beruft man ſich auch in der katholiſchen Kirche, 
um das Alter der Salbung außer und lange nach der 
Taufe darzuthun, Aber wo iſt hiebei nur eine Spur von 
einem eigentlichen Sacrament ? Hätte man ſolche Sal 
bung und Handauflegung für ein Sacrament gehalten, 
fo hätte man eben fo gut die Taufe wiederhohlen koͤn— 
nen. Man ſieht nur in diefer Gitte ganz Flar den Ue— 
bergang. Denn ganz ohne Grund oder nur auf ein 
Migverftandniß des TIheodoretus ſich fügend, behauptet 
Dellarmin, nur den Ketzern, welche die eigne Gewohn— 
heit hatten, mit der Taufe die Galbung und Handauf: 
legung nicht zu verbinden, den Novatianern habe man 
bei ihrem Uebertritt zur Fatholifchen Kirche zu der be: 
reits empfangenen Taufe noch die Salbung dazu gege— 
ben, um fo gleichfam das eine Sacrament nur vollftän: 
dig zu machen. Auch in diefem Fall wurde doch die 
Eonfirmation nicht für ein eignes Sacrament angefehen, 
fondern als gehörend zur Taufe. Allein es laßt ſich auch 
nicht einmal beweifen, was Bellarmin behauptet. Denn 
keinesweges war die fpatere Salbung nur für die Ketzer 
beftimmt, welche fie mit der Taufe nicht zu verbinden 
pflegte, wie Iheodoret allein von den Novatianern be: 
richtet nr), fondern allen Kegern überhaupt wurde durch) 





ad ecclesiam aliqui de haerest te manifestum est, Si interrogati 


(Arianorum) venerint, interrogent 
eos nostrae fidei sacerdotes sym- 
bolum. Et si perviderint, eos in 
nomine P. er F. et Sp. 5. bapti- 
zatos, manus eis tanlum ımpO=- 
nant, ut accipiant Sp. 5. can. 8. 
Die zweite Epnode zu Arles in 
Gallien pom 9. 452. verordnet 
gleichfalls: Bonosiacos autem ex 
eodleın errore venienles, quos si- 
cut Arianos, baptizari ia Trinita- 


fidem nostram ex toto corde con- 
fessi fuerint cum Chrismate et 
manus impositione in Etelesiam 
recipi sufhicil. can. 17. 


r) Denn mag es audb richtig 
fepn, was er jagt von den Nova— 
fianern, fie geben denen, Welche 
fie tauften, die beilige Salbung 
nicht, jo ıft doch feine Folgerung 
unsishäig, wenn er fagt, des 


folhen Ritus die Aufnahme in die Fatholifche Kirche er: 
Öffnet. Durch das Zeugniß des Theodoret, der ſelbſt 
unftreitig darin irrte, ließen alſo auch Baronius und 
Bellarmin fich irre führen: denn die Synode zu Laodi— 
cea gedenft neben den Rovatianern ausdrüdlich noch der 
Photinianer und Duartedecimaner; das oͤcumeniſche Con- 
zilium zu Conftantinopel vom J. 481. ſtellet die Aria— 
ner, Macedonianer, Novatianer, Teffarofeidetatiten (Duars 
todecimaner) und Apollinariften zufammen, und viele der 
folgenden Synoden ſprechen in diefer Nücficht von Kez⸗ 
gern ganz ohne Unterfchied. 

Sp fonnte man dann allerdings leicht genug auf 
den Gedanfen fommen, die Salbung als eine für ſich 
befiehende heilige Handlung zu verrichten und ſelbſt über 
die Taufe zu erheben, als durch weiche diefe erfi voll 
ffändig in Kraft und Wirffamfeit trete. Diefe unlau: 
teren Begriffe entwickelten find dann auch immer mehr 
bis in das Zeitalter der Scholaftifer, unter denen Pe: 
trus Lombardus auch die Konfirmation in die Reihe der 
fieben Sacramente fiellte. Das Concilium zu Florenz 
vom J. 1439. aber gab diefer Erfindung, ſelbſt mit den 
geringfügigfien Nebenumftänden, die erſte kirchliche San: 
ctions), wobey ausdrücklich gefagt wurde, daß die Con- 





wegen pflegee man fie nun bei 
ihrem Uebertritt erſt ;u jfalben, 
Fab. haeret. tır. 5. T. 4. p. 229. 


5) Secundum Sacramentum est 
Confirmatio, cuius materia est 
chrisma confectum ex oleo, quod 
mtorem sienificat conscientiae, et 
balsamo, qui odorem significat 
bonae fanıze, per Episcopum be- 
nedicto. Forma autem est: Signo 
ie signo etc. Ordinarius minister 
est Episcopus. Et cum ceteras 


unctiones simplex sacerdos valeat 
exhibere, hanc non nisı Episcopus 
debet conferre, quia de solis Apo- 
stolis legitur, quorum, vicem te- ' 
nent Episcopi, quod per manus 
impositionem Spiritum S. dabant. 
Luc, Act. 5. — Loco autem il- 
lius manus impositionis datur ın 
Ecclesia confirmatio. Legitur ta- 
men aliguando Apostolicae sedis 
dispensationem ex rationabili et 
urgente admodum caussa, sim- 
plicem Sacerdotem chrismate per 


firmation, als etwas anderes, an die Stelle der alten 
Handauflegung getreten ſey. 

Wenn die proteftantifche Kirche nad) ihrer Art, die 
heilige Schrift über Alles hoch und heilig zu halten, fich 
fhon gezwungen fieht, der facramentlichen Bedeutung 
der Eonfirmation allen Glauben zu verfagen, fo ift auch 
der Beweis, der aus der Tradition geführt zu werden 
pflegt, nicht geeignet, fie eines andern zu überführen, 
wenn folche Inſtitution nicht einmal erweislich das äl- 
tefte und bewährte Alterthum der Kirche für fich hat: 
denn auf den Fall, daß etwas im reinen und höchften 
Altertum der Kirche gegründet iſt, hat es fonft auch 
für fie nicht ganz geringe Autorität und wenigſtens den 
Werth eines hiftorifchen Denkmals und Zeugniffeg, wel—⸗ 
ches an ſich ſchon Achtung und Nachdenken verdient *). 
Aus den nämlichen Gründen muß fie auch demjenigen, 
was die fpätere Fatholifche Kirche aus der an fich ganz 





Episcopum confecto hoc admini- 
sirasse chrisniatis Sacramentum. 
Effectus autem huius Sacramenti 
est, quia in eo datur Sp. S. ad ro- 
Dur, sicut datus est Apostolis in 
die Pentecostes, ut videlicet 
Christianus audacter Christi con- 
fiteatur nomen. Ideoque in fron- 
te, ubi verecundiae sedes est, 
eonfirmandus inungitur, ne Chri- 
sti nomen conlieri erubescat et 
praecipue erucem eius, quae lu- 
daeis est scandalum , Gentibus 
autem stultitia, secundum Aposto- 
lum, propter quod signo crucis 
signatur. ı 


*) Eelbit der Ausdrud Gonfir« 
mafion, der in diefem Sinne ge: 
nommen erft in der Mitte des 
fünften Jabthunderts beı lateini: 
ſchen Kirchenlehrern vorkommt, 
iſt dem katholiſchen Ritus nicht 


günſtig und ſpricht vielmehr laut 
gegen fin eigenes Cerramıent die» 
fer Art. Denn ee ift bei lafeint» 
ſchen Kirdenlebrern gan; gewöbns 
ib, audb das "Abendmahl oft 
aub den Kelch aleın eine Konfir 
mation zu nennen, obne deswe— 
gen die bloße Sandlung der Bes 
ftatigung und Peveltigung dur 
die Eucbariftie im Taufbunde zu 
einem eignen Earrament zu mas 
eben oder das Abendmohl felbft 
deswegen ein Öacrament der Cons 
firmotion zu nenuen. Wie unbe» 
fugt und grundlos verfabrt man 
alfo, wenn man der Cbrifmation 
oder der Cbirotbefie foglerh den 
Namen eines Sacraments beilegt£, 
wenn man das legtere Wort auch 
bier und da auf die Galbung 
und Sandauflegung bezogen fim 
det. Dallaeus ]. c. p. 37ı. 


— 231 — 


unſchuldigen und bedeutungsvollen Cerimonie der Sal: 
bung gemacht hat, ſehr abgeneigt ſeyn. Denn wird das 
heilige Chrifma fo den übrigen Elementen der wahren 
Sacramente, der Taufe und des Abendmahls, gleich ge 
ſtellt, ſo kann, da auf jenem, nad) proteftantifcher Anz 
ficht, weder göttlihe Inſtitution, noch Verheißung der 
Gnade ruht, und zwar nur, fo lange fie im Ge 
brauch verbleiben, auch das GSalböl an und für fich 
nicht im Lichte einer göftlichen Anordnung, fondern nur 
im Dunfel einer magifchen Borfehrung und jede ver- 
meintliche Wirkung nur als eine abergläubifche Zaubes 
rey erfcheinen, die Alles durch menfchliche Hände ges 
worden, auf welche mwillführlich und eigenmächtig eine 
höhere Gnade übertragen worden, auf die aber nicht 
nur mit feinem fichern Grunde der Glaube fich einlaf; 
fen, fondern die er vielmehr, geleitet allein von der heis 
ligen Schrift, nur als einen unnatürlichen Auswuchs hrift: 
licher Srömmigfeit betrachten und wegwerfen fann, und 
befonders als Eintrag thuend der wahren Wirkfamfeit 
und Wirfung des Sacraments der Taufe, von welcher 
der Protefiant mit ficherem Verlag alle jene Wirfungen 
erwartet; die der Katholif feiner Firmelung zuichreibt. 
Die Sitte endlich, dag im Karholicismug der Bir 
fchof allein vorſchriftmaͤßig die Firmelung verrichten, entz 
wickelte fi ohne Zweifel aus einer ähnlichen Veranlaſ— 
fung, wie die Trennung eines eignen Sacraments der 
Eonfirmation von der Kegertaufe. Man findet nämlich 
ſchon im vierter Jahrhundert, daß denen, welche in den 
Fleineren Städten und auf dem Lande von den Presby— 
teren und Diaconen die Taufe erhalten hatten, von dem 
Biſchof noch befonders pflegten die Hande aufgelegt zu 
werden, entweder, um dem Taufactug dadurch erſt eine 
vollfommene kirchliche Sanetion zu geben, oder auch 


— 2052 — 


vieleicht; um nach Prüfung der Gefauften fie zu beve- 
ffigen im Glauben: dazu pflegte er den heiligen Geift 
über fie. anzurufen und ihnen die Hande aufzulegen t), 
Und aus diefer an ſich fehr löblichen Gewohnheit, die 
hauptſaͤchlich nur in diſciplinariſcher Ordnung gegründet 
war, entwickelte fich fpater der Wahn, als ob die Taufe 
an fid) und uͤberhaupt nicht hinreichend wäre und dem 
heiligen Geift nicht vollfiändig genug mittheile, und als 
ob es dazu nothwendig noch einer befondern Confirmas 
tion bedürfe, ein Wahn, der die Würde der Taufe 
ſchwaͤchte u), und das bifchöfliche Anfehen nur defto 
größer und wichtiger machte x). Obgleich nun fchon 
bald nad) dem Anfang des fünften Jahrhunderts (im 
J. 416.) Innocenz I. in einer eigenen Decretale den Pres⸗ 
bytern verbot, die Stirn der Getauften mit dem Chris: 


ma zu falben y), fo fehrte man ſich doc) noch lange - 


nachher nicht daran, und noch im fechsten Jahrhundert 





t) Hieronym. adversus Lucife- 
rianos, dial. T. Il. Opp. p. 96. 


u) Schon Petrus Lombardus 
fagfe daber: Sacramentum confir- 
mationıs est nobilius sacramenıo 
baptismi alıguo modo, ratione 
scilicet ministri, a quo datur et 
zatione membri, in quo perfici- 
tur: nam confrmatio non potest 
perfici nısi ın fronte nöbilissimo 
omnium membrorum. Sententt. 
1,IV:Dist37c9 2} 


x) Nicht undentfich gieb£ die: 
fes der Mönch SHieronpmus bei 
diefer Gelegenheit felbft zu verſte; 
en: Multis ın locis idem factita- 
tun reperimus, ad honorem po- 
tius sacerdotii, quam ad legis ne- 
cessitatem. Alioqui si ad episcopi 
iantum imprecationem Sp. S. de- 
fluit, Jugendi sunt, qui ın viculis 


aut in castellis aut in remotiori- 
bus locis per presbyteros et dia- 
conos biptizati ante dormierunt, 
quam ab episcopis inviserentur. J. 
c- Auch PBellarmin fübrf den 
fbönen Grund an. Confirmatio 
est complementum et perfectio 
baptismı: proinde convenit, ur a 
primario ministro detur: sic enim 
in omnibus alıis rebos ultima for- 
ma imprimitur a primo agente. 
Fraeterea in Conlirmatione ad- 
scribimur ad Christi miliiam; ad- 
scribere autem ad militiam pro- 
prunm est Ducum et Imperato- 
rum. l. c. p. 556. 


y) Epist. 1. I. ep. 3. Es giebt 
jedob nicht unwichtige Gründe, 
aus denen ſchon langſt diefe Des 
cretale dem Jnnocenzius abgefpros 
Sen wurde, 





e 
ö 
{ 


2.533 


wurde in Gallien, Italien und Spanien die Configna> 
tion durch den Presbyter der durch den Biſchof gleich 
gefihägt z). Einen eignen Fluch auf die, fo jeden Prie— 
fter und nicht blos und allein den Bifchof ſolches Ger 
fchäftes fähig halten, naͤmlich das Salböl zu machen 
und damit zu bezeichnen, hätte die Synode zu Trient a) 
fih um fo mehr erfparen koͤnnen, da die heilige Schrift 
und nod) eine gute Zeit des riftlichen Alterthums nichts 
weiß von einem Unterfchiede des Biſchofs vom Presby- 
fer, da dieſer ja fonft für geichieft genug gehalten wird, 
durch feine Gebete Brodt und Wein feldft in den Leib 
und das Blut Ehrifii zu verwandeln (conlicere) und 
überhaupt diefe Einrichtungen ganz pofitiv und kirchlich 
disciplinarifch find, Feinegweges aber ein mefentliches 
Dogma betreffen. Es ift überdem befannt, wie die Bis 
ſchoͤfe ſeit den Kreuszügen fi) dag ſchwere Amt fo leicht 
und erträglid) gemacht und daffelbe faft überall ihren 
Suffraganeen und Weipbifchöfen zu verrichten überlaffen 
haben. 

Zu den eigentlichen Gnabdenmitteln des Chriftenthumg 
rechnet die fatholifche Kirche auch die Ehe. Nur diefe 
Stelle unter den Sacramenten ift eg, welche ihr die prote— 
fiantifche Kirche fireitig macht: übrigens ift fie mit der 
Fatholifchen ganz einig in Allem, was die Würde und 
Heiligkeit der Ehe betrifft. Denn mwollte fich die katho— 
lifche Kirche dabey beruhigen, daß der Stand der Ehe 
als ein wahrhaft heiliger und von Gott eingefegter zu 





2) Alles hieher gehörende ift a) Si quis dixerit, S. confirma- 
fhor von Daille im 53 Bud ſei- Hionis ne ministrum non 
nes Wertes de duohus latinorum esse solum episcopum, sed quem- 
ex unct. sacr. zufammengeftele vis simplicem sacerdotem, ana- 
und beurtheilt worden p. 2955 — thema sit. 1. c. can, III. 

369. 


— 234 Be 


betrachten ſey, daß alles eheliche Leben religiäfer Art, 
nur mit Gott anzufangen, durch Gottes Wort zu fanctio: 
niven, und fo lange e8 im Geifte Gottes geführt wird, 
auch unauflöglich fey, daß der häusliche Verein der Gat— 
ten mit ihren Rindern im Kleinen einen Staat Gotteg 
bilde und eine Kirche Chriſti, welche der größern und 
allgemeinen immer neue und lebendige Mitglieder zu— 
führt, daß auch die Ehe ein treffend Bild des Verhaͤlt— 
niffes Chrifti zu feiner Kirche und unferer Erlöfung feyy 
eine Schule der Tugend und Frömmigfeit, eine Vor— 
übung zu jeder größern und mehr umfalfenden Dhaͤtig— 
feit, befonders ein heilſames Priferwativ gegen das La: 
fter der Unenthaltfamkeit fey, überhaupt, daß auf diefem 
Gott twohlgefäligen Stande auch ganz vorzüglich Got: 
tes Segen, Gnade und Beiftand ruhe, fo er nach feis 
nem Willen geführt und eingerichtet ift — wäre nur 
diefes der Innhalt Fatholifcher Lehre, wie es wirklich 
beiderfeitige Lehre iſt, jo würde leicht jede Uneinigfeit 
über diefen. Gegenftand gehoben feyn. Denn niemals 
wollte die proteftantifche Kirche der Würde und Heilig: 
feit des ehelichen Lebens etwas entziehen dadurch, daß 
fie daffelbe nicht in dem Sinne als Sacrament betrach: 
ten fonnte, als Taufe und Abendmahl. Auch dürfte ein 
Streit blog über ven Namen allein höchft unnüg ſeyn 
und leicht zu heben, wenn blos daran die ganze Diffe- 
renz beveftiget wäre. Denn da der lateinifche Ausdruck 
Sacrament nicht einmal ein Schriftwore ift und jeder 
geit im weiteren und engeren Sinne genommen twurde, 
fo dürfte, wenn irgend ein heiliger Zuftand des Lebens, 
vor allen gewiß die Ehe den Namen eines chriftlichen 
Sacraments verdienen, zumal da fie, dem Heidenthun 
beſonders gegenübergeftellt, dur) das Chriſtenthum eine 
fo gang andere Geftalt und Beziehung, und einen uns 


— 2353 — 


endlich höhern und erhabeneren "Sinn und Character er: 
halten hat. Allein man Eönnte doch dadurch immer nur 
einen graduellen Unterfchted vor andern Lebensweifen 
und Zuftänden bezeichnen, welche eben fo wie die Ehe 
den Befehl und die Verheißung Gottes für fich haben 
und in denen doch auch der Ehrift ganz anders warn; 
delt, als der Heide. Für ein wahres Sacrament in 
dem Sinne, wie Taufe und Abendmahl muß es im 
Chriftenthfum gang eigenthümliche Merkmale geben, 
an denen fich daffelde von andern Inſtitutionen und 
Lebensweifen unterfcheiden laͤßt. Nichte abfolue und 
auch dem Judenthum gegenübergeftellt Fann die Ehe 
in dem Sinne, als Taufe und Abendmahl, für eine 
nur dem Chriftenehum eigene und von Chriſtus erft 
getroffene Einrichtung gelten. Was der Erlöfer von 
Taufe und Abendmahl in feinem Sinne aufnahm und 
beibehicht, war nur ein Schatten von demjenigen, was 
beides erft durch ıhm geworden ift. Aber die Ehe war 
ſchon im A. B. wefentlidy ein von Gott geftifieter Stand 
und wurde es in diefer Bedeutung nicht erft durch dag 
Chriſtenthum. Nur zurück führte Ehriftug diefe heilige 
Anordnung auf ihren urfprünglichen Sinn und erneuerte 
was Gott ſchon längft dem Menfchengefchlechte damit 
hatte verleihen wollen. Um ein chriftlich Sacrament zu 
feyn, müßte fich daffelbe fpecifiih, dem ganzen Geift 
und Gehalt nad) von jeder früheren Einrichtung der 
Art unterfcheiden. Was aber irgend Heiliges ift an der 
Ehe, findet im A. wie im N. DB. flat. Und wie die 
Gnade Gottes allgemein dag ganze Menfchengefchleche 
umfaßt und keins der eigentlichen Sacramente nur auf 
den einen oder andern Stand berechnet, nur diefer oder 
jener Lebensweiſe beſtimmt ift, fo muß man auch Feiz 
nesweges, um ſolcher Gnade Gottes theilhaftig zu mer 


— 0236. — 


ben, nothwendig in der Ehe leben. Nur die katholiſche 
Kirche beſchraͤnkt in einigen ihrer Sacramente die goͤtt— 
liche Gnade auf gewiſſe Lebenszuſtaͤnde und wie ſie durch 
das Sacrament der Weihe ihre Prieſter unendlich er— 
hebt über alle Layen, fo verſagt fie jenen auch dag Sa— 
crament der Ehe. Es Icben aber vicle im Eheftande, 
ohne deswegen wahrhaft mit Gott verbunden zu fen, 
und nicht einmal die Fatholifche Lehre vom opus ope- 
ratum läßt fich hier paffend anbringen. Die Ebe ift 
demnach in proteftantifcher Anficht keinesweges als eines 
der Organe Gottes zu betrachten, einzig und allein dazu 
geftiftet, daß durch diefelbe die Verheißung der göttlichen 
Gnade und der Verſoͤhnung mit Gott den Menfchen con: 
ferirt und applicire werde ®). 

Dagegen erkläre nun die Synode zu Trient ganz 
unbedingt, daß die Ehe eines von den eigentlichen, von 
den fieben Sacramenten und von Chriſtus eingeſetzt 
fey b). Die Veranlaffung zur Conftitution eines eiges 
nen Sacraments der Ehe lag allerdings fehr nahe Der 
Hauptbeweis, den die Fatholifche Kirche für dag Gacra- 
ment der Ehe anführt, ift allegeit aus Ephef. 5, 32. ges 
nommen c). Wenn Paulus dafelbft, nachdem er zulegt 





XXIV.. can. I Die, katholiſchen 


) Solcher Meinung mar auch 
Eraſmus, der mit dieſen und ans 
dern Gründen die Gareamentlich* 
Feit der Ebe beflreitef in einem 
eigenen Excurs im feinen Anmer« 
Fungen zum N. I. über Röm. 7. 
ed. 1522. p. 570. sqq- 


b) Si quis dixerit matrimonium 
non esse vere et proprie unum 
ex septem legis evangelicae sa- 
craments a Christo Domino ıin- 
stitutum, sed ab hominibus in 
ecclesia inventum, neque gratiam 
conferre, anathema sit. Sess. 


Theologen aber find feibft noch 
darüber uneins, ob man die Ehe, 
welche an fi ein Sacrament ift, 
ein neues, durch Chriſtum einge: 
feßtes, oder ein altes, ſchon im 
4. I. ale foldes geltendes Ga» 
cramen£ anieben ſoll, da dedy die 
Gpnode bier fo beſtimmt entf&ies 
dern. Die Etelfen der Gcolaftıker 
fübre Belarmin an de matrim. 
Saer. 1. I. c. 5. P. 2:60 sggq. 


c) Auch die Ennode nimmt ibn 
daber in der Einleitung zu den 


— 237 — 


son der Ehe gefprochen, ſagt: dieß ift ein großes Mis 
fterium in Chriſto und in der Kirche, und die Vulgata 
noch dazu das griechifche Wort durch Sacramentum 
wiedergiebt, fo berühren fich hier Sacrament und Kirche 
fo, daß man ohne weiter den allgemeinern Zuſammen⸗ 
bang aufzufaffen, fie in diefer Verbindung fefthalten und 
die Ehe für ein eigentliches Sacrament der Kirche erz 
flären zu müffen glaubte. Die Zufälligfeit der äußeren 
MWortberührung nahm man zum Grunde der Inſtitution 
eines eigenen Sacraments. So gut wie hier fonnte an 
vielen andern Stellen der heiligen Schrift das Wort 
muvornpiop durch sacramentum uberſetzt, und daraus 
der Schluß auf eben fo viele neue Sacramente gemacht 
werden. Gelbft in einem, Allem, was heilig ift, entge 
gengeſetzten Sinne fommt dag beziehungsreiche Wort 
Myfterium vor, wie 2 Theſſ. 2, 7. Apoc. 17, 7. Dem 
Apoſtel aber ift in jener Stelle (Eph. 5, 32.) das Ab: 
bildende des ehelichen Lebens und die Beziehung des 
Berhäleniffes der Ehegatten auf dag Verhaͤltniß Chriſti 
zu feiner Kirche offenbar die Hauptfache; nicht einmal 
an und für fich, fondern eben nur jener myſtiſchen Bild» 
lichkeit wegen finder er in der Ehe einen fo großen Sinn 
und ein tiefes Geheimnig. Solche die nämliche dee 
anſchaulich beleuchtende Bildlichkeit findet Chriſtus felbft 
anderewo auc in dem Verhaͤltniß des Hirten zu feinen 
Scaafen und wie viel anders noch mußte nicht ein 
Sacrament feyn, was in heiliger Schrift, um die Eins 





Eanonen über die Ehe: — quod ipsum tradidit pro ea, mox sub- 
Paulus Apostolus ınnuit, dicens, junzens: Sacramentnm hoc mag- 
viri, diligire uxores yesiras, sicut mum est, ego autem dico in Chri- 
Christus dilexit ecclesiam et se sto et in ecclesia. |. c. 


— 258 — 


heit Ehrifti mie feiner Kirche anzubdeuten, finnvoll, ge: 
heimniß- und besiehungsreich worgeftellet wird. 

Mit unglaublicher Kühnheie erklärt die Synode zu 
Trient, daß alle Kirchenväter und Conzilien die Ehe 
ſtets für ein Sacrament gehalten hätten F), da ſich duch 
nicht leicht vor Auguffinus auch nur ein einziges Bei— 
fpiel davon aufzeigen laßt, daß fie die Ehe, in wel 
chem Sinne es immer auch möchte gewefen feyn, ein 
Sacrament genannt hätten g). Ueberall aber ift bei 
den Kirchenvätern von der Mitte deg vierten Jahrhun— 
dert an, wo fie die Ehe ein Sacrament nennen, Die 
dadurch myſtiſch abgebildete Einheit Chrifti mit der Kir 
che der worherrfchende Sinn. Die ganze Heiligkeit der 
Ehe erwuchs ihnen mit Necht allein aus diefer Idee. 
Senen paulinifchen Sinn hält Auguftinus feft in allen 
den Stellen, wo er die Ehe ein Sacrament nennet und 
denft fich in diefer Verbindung unter dem Gacrament 





fJ) — merito inter noyae legis 
sacramenta annumerandum, san- 
cti patres nostri, concilia et uni- 
versalis eeclesiae traditio semper 
docuerunt. Adversus quam im- 
pü homines huius seculı insanien- 
tes non solum perperam de hoc 
venesabili sacramento senserunt, 
sed de more suo, praetextu evan- 
gelü, libertatem carnis introdu- 
centes, multa ab eccelesiae catholi 
cae sensu et ab Apostolorum 
temporibus probata consuetudine 
aliena, scripto et verbo asserue- 
runt, non sine magna Christi fi- 
delıum jactura. Quorum temeri- 
tati Sancta et unıversalis Synodus 
cupiens occurrere, insigniores 
praedictorum schismaticorum hae- 
Teses et errores, ne plures ad 
se trahat pernitiosa eorum conta- 
gio, exterminandos duxit, hos in 


ipsos baereticos eorumque errores 
decernens anathematismos. 1. c. 


eg) Auch weiß ſelbſt Bellarmin, 
obgleich er firb deſſen rübme, kein 
einziges Seifpiel der Art aus den 
erjten drei Jabrbunderten bis auf 
die Mlitte des 4. aub nur zum 
Schein anzufübren l.c. . 53 p. 
2251: Denn nicht einmal Bony—⸗ 
fius Areopagira züblet dıe Ebe uns: 
fer die Sacramente Nocber 
bilft er fib durch die Bebaup— 
fung: ut vera sit conciliı senten- 
tia, non est necesse, ut onınes 
pätres et omnia concilia disertis 
verbis habeant, matrimorinm es 
se sacramentum: sed salis est, si 
aliqui Patres et aliqua Concilia id 
hbabeant et nullı Patres nullaque 
Concilia contrarium aliquando do- 
cuerint, vel si quis forte contra- 


— 239 — 


fiets nur jene geheimnißvolle Beziehung h), weswegen 
er denn auch fogar auf das der Einheit entgegengefeßte, 
nämlich auf die Polygamie der Erzpäter, ſofern auch fie 
vorbildlich war, den Begriff und das Wort Sacrament 
besieht i) — zum fichern Zeichen, daß er unter dem 
Sacrament nicht eines von jenen fieben Sacramenten 
ſich dachte oder die Ehe als ein folcheg, wie Taufe und 
Abendmahl. Zn jenem die Einheit Chriſti mit der Kir 
che abbildenden-Ginne wird noch von vielen Kirchenvaͤ— 
tern die Ehe ein Gacrament genannt, z. B. von Leo 
dem Großen k). 

Ucber die Materie diefeg Sacraments herrſcht unter 
den katholiſchen Theologen felbft noch die größefte Un: 
einigfeit. Go pflegt man immer ohne Gottes helles 
Wort im Dunfeln umhberzutaften, wenn man mehr alg 





rjum senserit, eius opinio com- 
muni iudicio reproba'a fuisse 
monstretur, ]. c. p. 2271. Das 
tiefe Stillſchweigen der erften drei 
Sabrbunderte über diefen Punct 
erfiare fi Bellarmin Daraus, 
weil Niemand daran zmweifelte, 
die Ebe fei eın Carramenf. Man 
fann e5 richtiger wohl fo erklä— 
zen, weil Niemand daran dachte, 
die Ehe fei ein Gacrament. 


h) In ecclesia nuptiarum non 
solum vinculum, verum etiam sa- 
cramentum commendatur, De fi- 
de et bon. operibas c. >. In no- 
strarum nuptiis plus valet sancti- 
las sacramenti, quam foecunditas 
uteri. De bono conjugali e. 18. 
Bonum nuaptiarum per omnes gen- 
tes atque omnes homines in caus- 
sa generandi est, et in fide casti- 
tatis: quod autem ad populum 
Dei pertinet, etiam in sanctitate 
Sacramenti. ].c. c. 24. Quod in 
Christo et in Ecclesia est magnum 
Sacramentum, hoc est in singulis 


quibusque viris Atque uxoribus 
minimum, sed tamen conjunctio- 
nis inseparabile Sacramen- 
tum. De nupt. etconcupisc.c. 2ı. 


ı) Sicut Sacramentum pluralium 
nuptiarum illıus temporıs signifi- 
cayit futuram multitudinem Deo 
subjectam in terrenıs omnibus 
gentibus, sic Sacramentum singu- 
larıum nuptiarum nostri temporis 
significat unitatem omnium nostro- 
rum subjectam Deo faturam in 
una coelesti civitate. De bono 
conj. c. 18, 


k) Vnde cum societas nuptia- 
rum ita ab ınitio constituta sit, 
ut praeter sexuum conjunctionem 
haberet in se Christi er Ecclesiae 
Sacramentum, dubium non est 
eam mulierem uon pertinere ad 
matrimonium, in qua docetur nu- 
ptiale non fuisse myster um. Leon. 
M. epist..g2. ad Kusticum, Nar- 
bonnensem episc. c. 4. 


in jenem erweislich begründer ift, aufftelfen will I. Was 
fie aber auch immer belieben mögen, immer fann «8 
nicht hinreichen, um es tefentlich diefem Gegenftande, 
als einem Sacrament zu verknüpfen, felbft wenn es 
demfelben angemeffen ware: denn nicht darauf kommt 
e8 an bey einem göftlichen Gnadenmittel, ob Ritus da- 
bey fich denfen und anwenden lafjen, welche dem Waſ—⸗ 
fer der Taufe und dem Brodt und Wein im Abend: 
mahl analog find, fondern ob fie, wie diefe, die goͤttli— 
che Einfeßung aufzumweifen haben und eine beſtimmte 
Borfchrift von Chriſto. Denn äußere Symbole giebt es 
auch bey Krönungen der Könige, bey Ertheilung acade: 
mifcher Grade und andern Feyerlichfeiten bis zu den 
Handwerkern herab, ohne daß fie darum einen Anfpruch 
machen auf göttliche Inſtitution oder auf die Ehre eines 
chriftlichen Sacramentd. Die Synode zu Trient, fonft 
ſehr exact in Nachweifung der Materie jedes Sacra— 





Sacramentum est Christi et Eccle- 


-]) De materia huius Sacramenti 
duae sunt Theologorum praeci- 

uae sententiae, quas Petrus Pa- 
ee refert in 4. Dist. 1. quaest. 
4. Vna est, quod consensus con- 
jugum verbis expressi, seu verba 
consensum exprimentia sint mate- 
ria et forma huius Sacramenti. 
Altera, quod ipsa corpora seu 
personae contrahentium sınt ma- 
teria; verba vero exprimentia 
consensum, sint forma. Quae 
sententiae meo iudicio sunt am- 
bae verae et facile conciliari pos- 
sunt. Nam conjugii Sacramentum 
duobus modis considerari potest. 
Vno modo, dum fit. Altero modo, 
dum permanet, postquam factum 
est. Est enim matrimonium simile 
eucharistise, quae ron solum dum 
fit, sed etiam dum permanet, Sa- 
cramenrum est; dum enim conju- 
ges virunt, semper eoruın socielas 


siae. Bellarm. de Matrim Sacr. ], 
I. c. 6. p. 2260. Das letztere drüdt 
er nachber auch fo aus: Si con- 
sideretur matrimonium iam fa- 
ctum et celebratum, negarı non 
potest, ipsos conjuges simul co- 
habitantes sive externam conju- 
gum societatem et conjunctionem 
esse materiale symbolum exter- 
num, repraesentans Christi et 
Eeclesiae indissolubilem conjun- 
etionem etc. 1. 'c. p. z22fr. ®Die 
Form des Öacraments fol dann 
nicht jenes Wort Chrifti, Math. 
19. Was Gott zufammengefügt:ic. 
fondern die gegenfeitige wörtliche 
EGrflarung der Öatten beim Schluß 
der Ehe fenn. Verbs ve! signa 
muluum COnsensum exprimentia, 
Thom. Aquin. Sent. 1. IV. Dist. 
26. qu. 2. art. 1. Hugo de S. 
Vict, de Sacram. 1. I. P. 2. c.S. 


— 241 — 


ments, hat es nur hier unterlaffen, eine folche anzuge— 
ben m), 

Auf den Grund der facramentlichen Bedeutung der 
Ehe find dann auch die meiften jener Grundfäße ges 
bauet, durch welche die Fatholifche Kirche auch Firchen- 
rechtlich fi) von der proteftantiihen unterfcheidet. Die 
Synode hat bei ihren Sanctionen diefer Art nicht für 
gut befunden, den religiefen Grund derfelben bemerflicher zu 
niachen, und jedesmal die Seite befonders hervorzuhe- 
ben, an welcyer diefe canonifchen Verfügungen mit we— 
fentlichen Theilen der Religion, mit den Dogmen. deg 
Chriſtenthums zufammenhängen: da doch eben dieſes 
und jenes das eigentlich Verdienftliche und eine wuͤrdige 
Aufgabe der Synode gewefen wäre, auch der theologi- 
fhen Einfiche mehr Feftigfeit und Sicherheit und der 
Nachwelt nicht fo viel Veranlaffung zu Streitigkeiten . 
darüber gegeben hätte, ob die eine und andere diefer 
Beſtimmungen dogmatifh fey oder nur difciplinarifch. 
Don einigen derfelben ift es wenigftens fehr fchwer, den 
religiöfen Grund nachgumeifen und die nothwendige Stel- 
fe, twelche fie im innern Zufammenhange des Firchlichen 
Syſtems behaupten dürften. Bey den meiften ift auch 
auf den urfprünglich religiofen Sinn in der Folge fo 





m) Bellarmin referirt aus Do: 
randus, daß derfelbe Anfangs 
die Ehe für gar fein Gacramenet 
gebalten, bierauf, da er darüber 
in ürlen Ruf gekommen, erklärt 
babe, matrimonium vere et pro- 
prie Sacramentum, sed non uni- 
voce cum reliquis, atque istam 
quaestionem de univocatione lo- 
gicam esse dixit, ut nimirum non 
videretur, ab aliis, nisi in quae- 
stione logica dissentire. inter 


mebreren Ginwürfen gegen die 
Gacramenflichkeit der Ehe brads 
te Durand and Ddiefen vor, daß 
bei ibr nicht, wie doch bei dem 
Gacrament der Taufe und. deg 
Abendmabls, die Applicatıon eines 
außern Elements ftatc finde aus 
göttliher Borſchrift u. daß Ales, 
was man dazu wählen mödte, 
den Elementen der Taufe u. des 
Abendmahls doc nicht gieih kom— 
me. Bellarmin. l. c. p. 2274. 


Marheinede Syſt. d. Katbolicismug. IIT. ı6 


— 212 — 


viel Pofitives hinaufgebauet worden, daß es faft unmög- 
lich iſt, theologifch den Zufammenhang von diefem mit 
jenem anzugeben und man fi) gezwungen fieht, eine 
große und grundlofe Willkuͤhrlichkeit dabey anzunehmen. 
Auf religiöfe Gründe war ſchon feit vielen Jahrhunder— 
ten die Verordnung der Kirrhe gebauet morden, daß 
zwar wohl eine Separation, aber Feine Ehefcheidung im 
vollen Sinn zuzulaffen fey, und daß felbft im Falle des 
Ehebruchs Feine eigentliche Diffolution des Ehebandes 
ftatt finden koͤnne; fie verbot daher, daß felbft der uns 
fchuldige Theil, fo lange der andere lebt, zur neuen Ehe 
fehreite, und erflärte e8 für eine ehrbare Art von Hure: 
rey, fo der gefchiedene Theil bey Lebzeiten des andern 
ſich neuverehelichte oder Jemand eine gefchiedene Perfon 
heirathete mn). Die Kirche hat ferner fich nicht nur das 
Hecht angeeignet, in gewiffen Fällen zu difpenfiren von 
den ſchon im Leviticus aus Gründen der Confanguini- 
tät und Affinitaͤt feſtgeſetzten Impedimenten der Ehe, 
fordern auch noch eine Reihe pofitiver Vorfchriften hin: 
zugethan, durch welche die Jmpedimente noch ungleich 
weiter ausgedehnt worden find 0). Auch war es im 





n) Si quis dixerit, ecclesiam 
errare, cum docuit er docet, iux- 
ta evangelicam et apostolicam 
doctrinam propter adulterium al- 
terius conjugum, matrimonii vin- 
culum non posse dissolvi er utrum- 
que, vel etiam innocentem, qui 
caussam adulterio non dedit, non 
posse, altero conjuge vivente, 
aliud matrimonium contralhere, 
moechariqgue rum, qui dimissa 
adultera aliam duxerit et eam, 

uae dimisso adulıero, alii nupse- 
rıt, anathema sit. Sess. XXIV, 
can. VII. Und Bellarmin bemerkt: 
Matrimonium fidelium signum est 


conjunctionis Christi cum Eccle- 
sia, ut Apostolus docet Eph. 5. 
At ılla unio indissolubilis est: igi- 
tur et vinculum conjugale indis- 
solubile est. Et quamyis rota si- 
mul Hcclesia a Deo fornicari non 
possit, tamen aliquae partes Ec- 
clesiae, nonnulli videlicet Adeles, 
fornicantur interdum spiritualiter 
et divortium faciunt, sed non 
propterea Iıcet illis mutare Deum, 
aut Deus ita illos abjıcit, ut no- 
lit reconciliari, immo semper hor- 
tatur ad reconciliationem. ]. c. p. 


2348. 
o)1l. c. can. II. et IV. 


— 2413 — 


ältern und neuern Kirchenrecht Grundfaß, daß alle Ma: 
trimonialfälle vor die geiftliche Gerichtsbarfeit allein ge 
hören und der Erfenntniß des weltlichen Richters ent 
nommen werden. Auch die Synode zu Trient hat dieß 
noch von neuem fanctionirt p). Seßt, wo die geiftliche 
Gerichtebarkeit in fo vielen Ländern gänzlich aufgehört 
und der Staat fein Recht auch auf Fälle diefer Arc gel; 
tend gemacht hat, findet nur noch in wenigen Fatholi: 
fehen Ländern diefe Verordnung ihre Anwendung. Man 
hat fie daher nur als difciplinarifch betrachtet, als mit 
- dem Glauben Feinegweges in nothtwendiger Verbindung 
ſtehend, mithin auch nach Zeit und Umftänden einer Ver: 
änderung unterworfen. Ueber die heimliche Ehe endlich 
hat die Synode zu Trient fehr lare Grundfage aufge: 
fiel. Denn obgleich fie diefelben nicht billigt, fondern 
ausdrücklich verwirft, fo halt fie diefelben doc, für voll 
fommen gültig an fich, auch, fo fie ohne Conſens der 
Eltern gefchloffen find 4). Jederzeit hat die proteſtan— 
tiiche Kirche solche Ehen als unzuläffig betrachter (ob— 
gleich, des Anftoffes wegen, nicht mehr, wenn fie ein- 
mal gefchloffen find, für null und nichtig erflärt), da 
fie nur durdy Verlegung des fhuldigen Gehorſams der 
Kinder gegen die Eltern, den Gott fo deutlicy geboten, 
möglich werden Fann: denn jene Stelle, in der es heißt, 
es werde einer Vater und Mutter verlaffen und an fei- 
nem Weibe bangen, handelt ganz offenbar von der be; 
reits in aller legitimen Form gefchloffenen Ehe. Diele 
weltliche und geiftliche Verordnungen der alten Zeit ha— 
ben daher dem Schaden und Berderben entgegenzumir: 





p) can. XII. q) Decretum de reform. ma- 
wim.l. c. 


16* 


244 


fen gefucht, welches heimliche Ehen mit fich führen. Auch 
die Synode hat viel Inconſiſtenz und Verwirrung in 
ihrer Verordnung, indem fie fagt: heimliche Ehen habe 
fie zwar jederzeit verabfcheut, doc) müffe fie diefelben 
für gültig halten. — 

Den Kreis der fieben Fatholifhen Sacramente fchließt 
das Sacrament der Iegten Delung. Die Synode zu 
Trient bringt daffelbe in die innigfte Verbindung mit 
dem Sacrament der Buße, deffen Vollendung und Gi- 
pfel fie if. Wie überhaupt, Ichret fie, das ganze Leben 
eines Chriften eine beftändige Buße if, fo ift der Tod 
gleichjam der Abfchluß, das Ende und die Vollendung 
der Buße. Wie das Leben eines Chriften von Anfang 
an mit Sacramenten verichen wird, fo verwahrt und 
weihet ihn auch ein eigenes Sacrament in jenen bedenf- 
lichen Augenblicken, wo mehr, als je, der Menfch gött 
licher Gnadenunterftügung bedarf, um treu und fefihale 
tend an Chrifto aus diefer Welt abzufcheiden r). 








r) Visum est autem $.Synodo, ctionis sacramento finem vitae, 


praecedenti doctrinae de poeni- 
tencıa adiungere ea, quae scquun- 
tur de sacramento extremae un- 
etionis: quod non nıodo poeniten- 
tiae, sed etiam totius christianae 
ritae, quae perpetua poenitentia 
esse debet, consummatirum existi- 
matum est a Patribus. Primum 
itaque circa illius institutionem 
declarat et docet, quod, clemen- 
tissimus redemptor noster, qui 
servis suis quovis tempore voluit 
de salutaribus remediis adversus 
omnia omnium hostium tela esse 
ro:pectum, quemadmodum auxi- 
* maxima in sacramentis aliis 
praeparavit, quibus Christiani con- 
servare se integros, dum viverent, 
ab ommi graviori spiritus incom- 
modo possint, ita extremae un- 


tanquam firmissimo quodam prae- 
sidio muniyit Nam etsi adversa- 
rius noster Occasiones per omnem 
vitam quaerat et captet, ut devo- 
rare animas nostras quoquo mo- 
do possit: nullum tamen tempus 
est, quo yehementius ille omnes 
suae versutiae nervos intendat 
ad perdendos nos penitus, et & 
fiducia etiam si possit, divinae 
misericordiae deturbandos, quam 
cum impendere nobis exitum vi- 
tae perspicit. Prooem, ad doctr. 
de Sacr. extr. unct. Sess. XIV. 
Bellarmin ftel£ gleibfalls das 
facramentlibe und befonders das 
gebefreihe Wefen der legten Oe— 
Iung febr bob und erbebt es 
felbft über das Gacrament der 
Pönitenz, vor welder fie noch den 


Damit einverftanden, daß in diefen letzten Nothen 
der Menfch görtlicher Gnadenhülfe fehr bedarf durch 
Vermittlung der Kirche, fragt die proteftantifche Kirche 
nur, ob ermweislich dazu ein eigenes Sacrament der Ieß- 
ten Oelung verordnet, und ob ein folches von Chriſtus 
eingefege worden. Denn nicht ein Ritus, von Menfchen 
ausgedacht, kann göttliche Gnade den Bedürftigen und 
in jenen Augenblicken conferiven, wo er grade am mei 
fen des wohlbegründeten und feften Glaubens und Ber 
frauens auf ein von Chriftus felbft eingefegtes Gnaden⸗ 
mittel bedarf. Hier verwirft fie gleich jene grundlofe 
Diftinction der Eatholifchen Kirche zwifchen folchen Gna- 
denmitteln, von denen einige den Lebendigen und Ge 
funden, andere den Kranfen und Sterbenden beſtimmt feyn 
follten, gleich als verlören jene Sacramente dann ihre Kraft 
oder als feyen fie niche hinreichend mehr, wenn es mit 
dent Leben des Menfchen zu Ende geht. Die Wirfung 
der einmal am Beginn des Lebens erlangten Taufe er 
ſtreckt fich, nach ihren Grundfägen, auch auf das Ende 
deffelben; fie laßt in diefen legten Stunden das Wort 
Gottes lebendig an den Seelen wirfen, nimmt der Glaͤu— 
bigen Gebet zu Huülfe, ertheilt dem Kranfen die Abſolu— 
tion und dag. Heilige Abendmahl, als das einzige Viati— 
cum, womit fich ficher und feft im Glauben an Ehri- 











großen Borzug baf, daß ſtatt der 
Entisfactionen, die der Sterben— 
de nicht mehr leiſten kann, nun 
die Gebefsformeln eintreten und 
belfen. Hoe Sacramentum est 
coniplementum Sacramenti Poeni- 
tentiae et quasi poenitentia inhr- 
morum, qui non possunt iam fa- 
cere opera poenitentiae. Ideirco 
hoc interest inter haec duo Sa- 
cramenta, quod in Sacramento 


Poenitentiae requiritur Confessio 
et Satisfactio et proinde opera la- 
boriosa ex parte suscipientis Sa- 
cramentum : unde ibi est ıustiria 
et niisericordia : in hoc autem Sa- 
cramento est sola Dri misericor- 
dia et ideo dieitur: Indulgeat ti- 
bi Deus. Itaqne ad significandum 
in Sacramento esse remıssıonem ex 
sola misericordia, utimurprece. De 
extr. unct. ]l. I. c. 7. p. 2204. 


— 216 — 


ſtum und mohlbehalten an den Pforten der Emigfeit 
ankommen läßt. 

Das Eigenthümliche diefes Sacraments befteht nach 
Eatholifcher Lehre in Anfebung feiner Materie in der 
Salbung mit Oel, vom Biſchof jährlid an einem be 
flimmten Tage und unter beftimmten Erorcismen ge 
weihet. Damit werden dem Kranken oder Sterbenden 
die fünf Sinnenorgane, Augen, Ohren, Nafe, Lippen 
und Hände gefalbet, und außerdem noch die Füße und 
Nieren s). Die Form des Sacraments befteht in den 
dabey üblichen Gebersworten: Per istam sauctam un- 
etionem et suam püssimam misericordiam indul- 
geat tibi Deus, quidquid deliquisti per visum etc.t). 
Die Wirfung des Sacraments wird darin gefeßt, daß 
e8 durch folche Mittheilung göttlicher Gnade vollends 
die Sünden tilge, die Seele des Kranfen erquicke und 
dadurch zumeilen auch zur forperlichen Gtärfung und- 
Wicderherftellung beitrage. So viel auch im Einzelnen 








s) — Quinque sensus, quia il- 
la sunt quasi quinque ostia, un- 
de peccata inırant ad anımam. 
Bellarm. I. c. c. 8. p. 2206. dein- 
de renes, ubi est sedes concupi- 
scentiae et tandem pedes, ob 
vim progressivam et execu- 
tionem. |. c. c. 10. p. 2208. So 
auch das Florenfinum und nichts 


von dem Allen alio, was Herr 
von Götbe bier dichtet. Ja nicht 


einmal mwefentlich zum Gacrament 
gebörend wird allgemein in der 
fatholifhben Kirche die Galbung 
der Süße und Nieren betracter, 
fondern blos die der fünf Gin: 
nenorgane. Communis opinio, 
quam etiam sequitur S. Thomas, 
est, ut ad essentiam solum per- 
tineat unctio quinque sensuum; 
ibi enim est origo omnium pec- 


catorum : vis enim appetitiva pen- 
det a cognoscitiva, visautem pro- 
gressiva sive executira ab utra- 

ue. Et sane ratio honestatis in 
— id postulare videtur, ut 
renes non ungantur. Itaque Con- 
cılium non praescribit, ut partes 
illae omnes ungantur, sed solum 
enumerat omnes partes, quae in- 
ungi solent juxta varium Ecelesia- 
rum ritum. I. c. c. 10. p. 2208. 


t) — intellexit enim Ecclesia, 
materiam esse oleum ab episcopo 
benedictum; nam unctio aptissi- 
me Spiritus $. gratiam qua invisi- 
biliter anima aegrotantis inungi- 
tur, repraesentat; formam deinde 
esse illa verba: per istam unctio- 
nem etc. l. c. Sess. XIV. cap. r. 


biebey noch ift, worin die Fatholifchen Theologen und 
Kirchen von einander abweichen, fo ſtimmen fie doc) 
darin zufammen, daß diefes Sacrament feinen eigenen 
Character imprimire, und daher fo oft als nöthig mies 
derhohlt werden koͤnne. Verrichtet aber wird es nicht 
nothivendig vom Bifchof, wie dag Sacrament der Cons 
firmation, fondern von jedem Priefter, und angewendet 
nur bey denen, telche im Angeficht des Todes, ohne 
Hoffnung der Wiederherftelung, ihre Rechnung mit dem 
Leben abzufchließen haben u). Daß diefe Cerimonie 
nun auc ein Sarrament fey und im Chriftenthum ge: 
gründet; dafür wird, auch von der Synode zu Trient, 
ein zwiefacher Sihriftbeweig angeführt; deren einer auf 
Marc. 6, 12., der andere auf ac. 5, 14. 15. ſich grün: 
det: Doc, die Synode felbft ſagt, daß in der erfteren 
Stelle das Sacrament von Ehriftus nur angedeutet 
(insinuatum), in der andern aber durch den Apoftel 
empfohlen und promulgirt worden ſey. Sie verfnüpft 
auch bald die Tradition damit, fo nämlich, daß der 
rechte und einzige Verſtand diefer Stellen der Kirche von 
Hand zu Hand zugefommen fey; auch deutet fie den 
Grad der Sicherheit ganz Feife an, indem fie den Apo— 
fiel Jacobus ausdrücklich als den Bruder des Herrn 
aufführe w). 





* 


u) Res porro et effectus huius 
Sacramenti illis verbis explicatur: 
et oratio fidei salvabit inirmum 
et alleviabit eum Dominus, et si 
in peccatis sit, dimittentur ei. 
Res etenim gratia est Sp. S. cu- 
ius unctio delicta, si quae sint 
adhuc expianda, ac peccati reli- 
quias abstergit et aegroti animam 
alleyiat et confirmat, magnam in 
eo divinae miserisordiae fiduciam 


excitando; qua infirmus sublera- _ 
tur et morbi incommoda ac labo- 
res levius fert et tentationibus 
daemonis, calcareo insidiantis, 
facilius resistit et sanitatem cor- 
poris interdum, ubi saluti ani- 
mae expedierit, consequitur. ]. c. 
cap. 2. 


w) Instituta est autem s. haec 
unctio infirmorum , tanquam vere 


— 248 — 


Wenn die Uneinigkeit der katholiſchen Theologen. un: 
ter einander über den facramentellen Gehalt und über 
den Beweis eines eigenen Sacramentes diefer Art aus 
jenen Stellen ſchon im fechgzehnten Jahrhundert fo groß 
war und bey dem gegenwärtigen Stande der Ausle— 
gungsfunft gewiß nicht geringer ift x), fo ift vollends 
hier zwifchen dem proteftantifchen und Eatholifchen Sys 
ſtem faft gar Fein gemeinfchaftlicher Berührungspunck. 
Denn dürfte man in jener Stelle des Marcus das Sal: 
ben mit Del und Gefundmachen zu Amtegefchäften der 
Prieſter rechnen, fo würde nach dem Befehl Chrifti, den 
Matthäus dazu anführt, 10, 1. 8. auch noch das Aufer- 
wecken der Todten, das Reinigen der Ausfäßigen und die 
Vertreibung der Teufel dazu gehören, was doch felbft dag 
fatholifche Syftem nicht in dem Berufsfreife der Priefter 
findet; jenes Alles aber war in den Apofteln vereinigt 
und zufammenhängend in der einen, ihnen von Chriſtus 
derliehenen wunderbaren Kraft: Was man aber aud) 
unter Diefer fich denfen mag, ob eine blog wundervolle 
Wirkfamfeit, oder eine natürliche Heilkraft, immer ift 
offenbar, daß fie zunächft eine Fürperliche Beziehung hat: 
se und zur Wiederherfiellung des Kranfen gefchabe, 
denn Marcus felöft ſagt, daß die Kranfen dadurd) ge 
heilt und mwiederhergeftellt worden feyen. Auch ift dafelbft 





et. proprie sacramentum N. T. a huius salutaris sacramenti. ]. c. 


Christo domino nostro apud Mar- 
cum quidem ınsinuatum, per Ja- 
cobum autem Apostolum Domini 
fratrem fidelibus commendatum 
ac promulgatum; infirmatur, in- 
gquit, quis in vobis etc. quibus 
verbis, ut ex apostolica traditione 
per manus accepta ecclesia didi- 
cit, docer materiam, formam, 
proprium ministrum et effectum 


cap. 1. 


x) Sene großen Differenzien 
führt Daläus an in feiner Schrift 
de duobus Latinorum ex unctione 
Sacramentis cap. 2 et 3. u. Caur 
nop in feinem Bude de Sacra- 
mento unchonis infirmorum. Lu- 


ter. Paris. 1674. 8. P- 44. Sgg. 


249 
durchaus nicht von Sterbenden die Nede, fondern von 
Schwachen und GSiechen, und hat alfo auch in diefer 
Nücfficht Fein unmittelbares Verhältniß zu dem Fatholis 
ſchen Sacrament der legten Oelung. Selbſt Fatholifche 
Theologen von fonft großem Eifer haben dieß zugegeben 
und in jener Stelle nur eine Figur des Sacraments 
gefunden, aus dem Grunde, weil jene Salbung allein 
oder doch vorzüglich zu EForperlicher Heilung und bey 
Kranken aller Art angewendet worden y) auch die Apos 
fiel dazumal noch nicht zu Prieftern geweihet waren zZ), 
und nicht darnach fragten, ob die zu Salbenden ſchon 
getauft feyen, oder noch Heiden. 

Deſto mehr bauen fie nun auf den Apoftel Jacobus. 
Allein auch dort ift doch nicht die Rede von Sterben: 
den, fondern von Kranken überhaupt und faft Alles ge 
gen den Beweis aus Marcus angebrachte findet auch) 
hier feine Anwendung. Denn wie viel man auch dars 
aus folgern mag, fo wird doch der Beweis immer feine 
Schwierigkeit finden, daß jene Heilungsgabe (To xX4I- 
eicuz ianaroy) außer den Apofteln noch Jemand 
verliehen und ein bleibend Vorrecht der Kirche geworden 
fey. Wenigſtens macht man jest felbft in der Fatholi- 





y) De priore non omnes con- die Taufe eine Schwierigkeit 


veniunt, an cum Apostoli unge- 
bant oleo infirmos et curabant, 
illa fuerit unctio sacranıentalis, 
de qua nune disputamus, an so- 
lum ruerit figura quaedam et ad- 
umbratio huius sacramenti. Pri- 
mo illa uncetio, qua utebantur 
Apostoli, referebatur solum aut 
praecipue ad curationem morbi 
corporalis, ut ex eo loco patet. 


Bellarm. 1. c. cap. 2. p. 2183. 


2) Woben dem Kardinal nur 


‚macht, welche doch dazumal au 
f&on von den Apoſteln verrichte£ 
wurde. Dieß löſet er fo auf. Ne- 
que obstat, quod Apostoli bapti- 
zarunt, cum nondum essent sa- 
cerdotes: nam non ita est de es- 
sentia baptismi, ut minister sit 
sacerdos, sicut de essentia unctio« 
nis. Nam sı laicus baptizet, etiam 
extra necessitatem, baptismus-est 
ratus; non aufem est Tata unctio, 
si laicus inungat. |. c. cap. 2. p. 
2153. 


a he — 


fchen Kirche feinen Gebrauch von einer doch damit ver; 
bundenen Kraft, Todte nämlich zu erwecken und Aus. 
fäige zu reinigen im förperlichen Sinne. Auf eine helfe 
und unbeftreitbare Verordnung Ehrifti muß fi) grün: 
den, was in der Kirche al8 Sacrament gelten fol, def 
fen erfte und wefentlichfte Bedingung felbft nach katho— 
lifcher Lehre die ift, daß es unmwiderfprechlich von dem 
Erlöfer felbft angeordnet worden: denn eben diefe Ge— 
wißheit, dag Vertrauen auf diefe unmittelbare Einfeßung 
Ehrifti ift gerade dag Stärkfende, Beruhigende und Troͤ— 
fiende eines folchen Sacraments. Wie viele Gründe 
der Nüsglichkeit ‚oder entfernterer religiöfen Bedeutung 
fi) auch noch fonft möchten anführen laffen dafür, daß 
doc) ein folches Sacrament dem Geifte Chrifti nicht zu: 
wider fen, fo ift doch darum nicht Alles als Sacrament 
zu betrachten und als mwefentlich gegründet im Ehriften- 
thum, wovon fich ein frommer Zweck abfehen oder wo— 
bey etwas Frommes fich denfen oder empfinden läßt 
Man beruft fich auf die göttliche Worfehung, welche 
für die ing Leben Eingetretenen durch die Taufe geforgt 
und nimmt an, daß fie auch für den Ausgang aus dies 
fem Leben nicht minder werde geforgt haben a). Hätte, 
fann man dagegen fagen, die Vorfehung ein eignes Sa— 
erament für diefe letzten Augenblicke nöthig gefunden, 
dann würde fie es ficher veranftaltee haben im Chriften- 
thum, und eine wahrhaft unfromme Gefinnung verräth 
eine Forderung desjenigen, was gegen die Abficht der 
göttlichen Vorfehung war. Iſt denn blos jene Art des 
Todes nach vorhergegangener Krankheit, für melche die 


a) Bellarm. 1. c. cap. 5. p- 2198. und der Eingang zu dem Decret 
der Trienfer Gpnode, 


— 251 — 


letzte Oelung angeordnet worden, die einzige oder allein 
von Verſuchungen begleitet? Gab es nicht Maͤrtyrer, 
welche in aller Eile nur durch das heil Abendmahl zum 
Tode ſich vorbereiteten, Reiſende, die auf dem Meer, 
Soldaten, die im Kriege, Verbrecher, die durch das Ur— 
theil des Geſetzes und Richters umkamen? Alſo dieſen 
ſollte das Sacrament nicht werden, weil es die Kirche 
allein den eines langſamen und natuͤrlichen Todes auf 
dem Wege der Krankheit ſterbenden beſtimmet hat. Und 
iſt denn wirklich der Tod Austritt aus der Kirche, wie 
jene Anſicht annimmt, nach welcher dem Sacrament, 
durch welches der in die Kirche tretende empfangen wird, 
ein anderes am Austritt aus derſelben correſpondiren 
muß. Sollte die Antitheſe richtig ſeyn, ſo muͤßte, wie 
die Taufe nicht am Eintritt ing Leben, ſondern am Ein 
friet in die Kirche gegeben wird, die legte Delung, ale 
begleitend den Austritt aus dem Leben, auch der Aug; 
tritt aus der Kirche feyn. Aber der Ehrift tritt am En: 
de des Lebens fo wenig aus der Kirche Chrifti, daß er 
vielmehr nun erft zu jener triumphirenden übergeht, wel⸗ 
che im höchiten und erhabenften Sinne die Kirche Chri- 
fi ift. 

Ein nicht geringer Verdacht gegen ein Sacrament 
diefer Art und gegen Alles, was über deffen Urfprung 
in der Fatholifchen Kirche gelehrt zu werden pflegt, muß 
ferner daraus erwachfen, daß alle Firchlihe Schriftftelfer 
der vier erfien Jahrhunderte fo ganz und gar nichts 
wiſſen von einem Sacrament der Ießten Delung. We 
der Irenaͤus, noc Juſtinus, weder Tertullianug, noch 
Cyprianus gedenken deffelben, da fie doch fonft fo oft 
und fo klar alle übrige damals gebräuchliche Cerimonien 
der Kirche befchreiben. Gelbft im vierten Jahrhundert 
muß ein Sacrament biefer Art nicht gebräuchlich geme: 


fen ſeyn; fonft wuͤrden doch die theologifchen Schriften 
diefer Zeit, welche wir noch in fo reichlichem Maaße 
befisen, und die fich fo ausführlich über alle Gegenſtaͤn— 
de der firchlichen Disciplin verbreiten, ficher davon eini— 
ge Meldung gethan, wenigſtens bey den übrigen Sa— 
cramenten derfelben erwähnt haben. Es laͤßt fich doch 
mit der entfchiedenften Gemwißheit annehmen, hätte man 
dazumal ein Sacrament der legten Delung gekannt, «8 
ware unverzeihlich geweſen, deffelben nicht einmal zu ges 
denken in der Reihe der andern und da, wo ausdrück 
Jih von den Sacramenten gehandelt werden fol. Epis 
phanius 5. B. hatte am Schluß feines härefiologifchen 
Werkes die fchönfte Gelegenheit dazu, denn bier fegt er 
den Fatholifchen Glauben aus einander und geht die 
einzelnen Gebräuche der Kirche durch; ſelbſt von Faſten 
und dergleichen redet er viel, von einer legten Delung 
hingegen auch nicht ein Wort. Der Pſeudodionyſius, ein 
unfiveitig, wo nicht ins fünfte, doch an dag Ende des 
vierten Jahrhunderts gehörender, fehr wichtiger Schrift: 
ſteller führer mit großer Myftif und Alegorie die ein; 
zelnen Sacramente der Kirche aufz mie ein Hierophant 
handelt er von der Erleuchtung oder Taufe, von der 
Communion des heiligen Abendmahls, von der Sal: 
bung oder der Konfirmation, der Ordination und der 
Moͤnchsweihe befonders, endlich auch von der Delung 
— der Geftorbenen, aber einer Delung noch lebender, 
gefährlich Kranker und folcher, die in der Gefahr des 
Todes ſchweben, gedenft er gleichfalls nicht. Wäre fei- 
ner Zeit ein Sacrament vder nur ein Ritus der foge- 
nannten legten Delung (exeuntium unctio) auch nur 
bekannt gewefen (denn daß jene Cadaverölung, ein 
heiönifches Weberbleibfel, nichts mit jener gemein habe, 
geben alle Fatholifchen Iheologen zu), wie läßt ſich den- 


— 253 — 


ken, daß er deſſelben hier nicht ſollte Erwaͤhnung gethan 
haben b). 

Eben fo wenig finder ſich in allen den Lebensbe— 
fehreibungen aus diefer Zeit auch nur die entferntefte 
Spur davon, daß man gewohnt gemwefen, die GSterbens 
den mit einem Sacramente diefer Art zu verichen. Laßt 
fih wohl denken, daß Schriftfteller, wie Eufebius von 
Cäfarea, Athanafiug, Gregorius von Nazianzus und Nyf- 
fa, Ambroſius, Hieronymus, Auguftinus und andere der 
ſechs erſten Jahrhunderte überhaupt, bey den ing Klein: 
fie gehenden Nachrichten, welcye fie ung von dem Leben 
und Sterben der berühmteften Männer und Frauen mit 
theilen, bey Erwähnung der Art und aler Umftände 


des Todes eines Conftantinus M., einer Helena, Gor: 


gonia, eines Gregoriug, des Vaters deffen von Nazians 
zug, einer Macrina, der Schwefter deffen von Nyſſa und 
fo vieler anderen, wie jener Weiber, deren eben und Tod 
Hieronymus befchreibt, einer Marcella, Afella, Yaula 
und anderer, einer Monica, der Mutter des Auguftinug, 
deren Leben und Tod der Sohn mit den Fleinften Ums 
fanden berichtet, — wie in einer Uebereinkunft fich fol 
ten verabreder haben, nur der legten Delung nicht zu 





b) Ein anderer Schriftſteller 
obngefabr aus derfelbigen Zeit, 
der Berfaffer der fogenannfen apo» 
ſtoliſchen Gonftitutionen, unter Cle— 
mens Namen befanut, der aus» 
drüdlich anfündigt, se de omni 
ecclesiastica forma divinas insti- 
tutiones praecipere (l. VIII. c. 2. 
cfr. 3. 6.) fprid£ zwar aud von 
den Todten und den Bebeten über 
fie, aber einer letzten Delung der 
Gterbenden gedenket er nicht. Und 
Bon den Seracleoniten jagt Aus 
guftin, dag fie gewohnt gewefen, 


suos morientes novo modo quasi 
redimere i. e. per oleum, balsa- 
munı et aquam et invocationes, 
quas hebraicis verbis .dicunt su- 
per capira eorum. De haeıesib, 
c. 16. Sier war nun wirklich e£« 
was Aebnlihes bey den Ketzern 
in Gebraud, warum feset nun 
Auguftiin der bäcetifhen Sitte 
niet die Patholifhe enfgegen, 
marum unter|ceidef er nicht we— 
nigjtens jene von diefer, wenn 
ihm eine dergleichen befanut war? 


— 254 — 


gedenken? c) Go geht es fort durchs fechste, ſiebente 
und achte Jahrhundert. Gelbft die fo ausführlichen Le 
bensbefchreibungen der Heiligen und die Legenden aus 
diefer Zeit enthalten nichts von dem Gebrauch einer Ieß- 
ten Delung. Nicht einmal davon finden fich fichere Spu— 
ren in den erften vier Jahrhunderten, daß man den 
Sterbenden das Abendmahl gereicht, vielweniger daß 
man fie verfehen hätte mit einem eignen GSacramente 
Diefer Urt. Thoͤricht und faft lächerlich if, mit Bellar: 
min zu fagen, nur darum finde man nichts erwähnt 
von diefer Sitte, weil fie fo gar befannt und gewoͤhn— 
lich gewefen d); denn von der Zeit an, wo dag neue 
Sacrament wirklich eingeführt war, findet man es frey: 
lid) in der Regel treulich genug und genau angemerkt. 
Selbft jener Umftand, daß alle Lebensbefchreibungen von 





c) Auch in dem Leben des heil. nigen Kopfes febr unmürdige 


Auguftinus ſpricht Poflidius ein 
Wort davon, da er dod fo ge 
nau berichtet, wie der Heilige in 
den legten Tagen der Schwach— 
beit fo unaufhörlich die Bußpfal— 
men gelefen, reichlich geweint und 
zehn Tage por feinem Tode be: 
fobfen, daß, außer in den Gtuns 
den, wo die Aerzfe und die ihm 
Erquidung bräcten, zu fommen 
pflegeen, Niemand zum Beſuch 
zugelaffen werden follte, damit er 
obn® Unterlaß des Gebetes pfle: 
gen und ſich zu feinem naben Tor 
de ungeſtört anfdıden Fönnte, 
Vita $. Aug. cap. 3t. ed. Bened. 
Vol. ro. p. 279. Die Schwierig— 
keit, welche bieraus dem katholi— 
ſchen Syſtem entjtebt, ſucht Lau⸗ 
noy durch die Bemerkung zu be 
ben, man babe die letzte Delung 
ben dıefen Perfonen weggelaſſen, 
weil fie lauter Heilige und von 
der Sünde unbefledt gewejen: ei» 
ne armfelige, eines fo fiharfjin» 


Auskunft. I. c. p. 391. 

d) Ex hoc (Innoc. !.) testimo- 
nio colligimus, cur non exstent 
multa huius generis testimonia i. 
e. tam antiqua, et tam expressa: 
quia videlicet non habuerunt oc- 
casıonem, de hac re scribendi. — 
Alıoquin enim de sacramentis, 
quae in usu quotidiano erant, 
non scribebant Patres, nisi co- 
acti aliqua occasıone vel nisi hae- 
feticis respondendum esset. |. c. 
cap. 4. p. 2195. Launoy aber, 
dem diefe Schwierigkert nicht enf« 
geben Eonnte, geſteht es ſelbſt 
ein, daß der Gebrauch der letzten 
Delung in den erſten Jabrhun— 
derfen nice ſehr baufig gewefen, 
und daß man micht genau wiffe, 
mwober und zu welcher Zeit fie 
entftanden ſey — “unde er quo 
tempore. oblinere coepit, incer- 
tum: atqui ea super re malo ju- 
diecium suspendere, quam quod 
nesciam, temere pronuntiare, |. 
c. P- 40%. 


— 1255 — 


folchen Verfonen, deren Tod ing fiebente, achfe und 
neunte Jahrhundert fallt, fo genau und ängftlic) des 
Abendmahls gedenken, welches den GSterbenden zu reis 
chen feit dem Ende des vierten Jahrhunderts Sitte ge 
worden war, »ift nicht ohne Bedeutung. Denn wenn 
irgend wo, fo wäre doc) hier die befte Selegenheit, auch 
der Ießten Delung zu gedenfen, hätte man dieſelbe ge: 
fannt e), Aber bis auf das Ende des neunten Jahr: 
hunderts hin gedenft Feiner der glaubwürdigen Schrift: 
fteller einer folchen Sitte. Vielmehr war fo gewöhnlich, 
nach den Genuffe de8 Abendmahls allein abzufcheiden, 
das man felbft den Gefallenen und noch in fchmwerer 
Buße Begriffenen am Nande des Lebens ausdrücklich 
und nicht felten bald, wie in den erften 3. Jahrh, das 
Abendmahl verweigerte, bald auch, wie feit dem 4. Jahr: 
hundert, wo die Disciplin weniger ftreng geworden war, 
erlaubte, ohne ihnen dabey die legte Delung zu entzie- 
hen, als Strafe, oder zu gewähren, als Wohlthat, aus 
dem einfachen Grunde, weil man fie freylic) noch gar 





e) Denn daf zumeilen der Gas einem Mönch des eilften Jahr— 


cramente im Plural gedacht wird, 


. als genoffen in den legten Stun— 


den, kann bier nichf irre machen, 
weil in alten Zeiten of£ der Leib 
und das Plut des Herrn dur 
diefen Jlamen als zmweierley auf: 
geführt wird. Giebt es aber eins» 
zelne Lebensbefihreibungen von 
Heiligen aus Ddiefer Zeit, bey des 
ren Tode auch der legten Delung 
Erwähnung gefciebt, fo laßt fi 
das leicht aus der fpäfern Ent— 
ftiebung folder Legenden und aus 
der Gemobnbeit der Legenderts 
fohreiber erflären, Ritus und Ges 
brauche ibrer Zeit obne Unter: 
ſchied der Zeiten und Sitten felbjt 
auf die erfien Jahrhunderte zu 
übertragen. Der Gage, dir bon 


bunderts berrübrt, der die Gitten 
feiner Zeit in jene übertrug, daß 
Earl der Große vor feinem Tode 
von feinem Bifchof geſalbet wor« 
den, Oleo  sancto inunctus ab 
episcopis et viatico sumpto et 
omnibus suis dispositis commen- 
d«ns Domino suo spiritum suum 
obiit in pace a. 814 ab incarna- 
tione Domini nostri Jesu Christi 
Ap. Du Chesne Francor. script. 
JI. p. 87. gedenket der glaubmür. 
dige Eginbard, der Zeitgenoffe 
und Vertraute Carls, mit feinem 
Wort; fondern er fagf nur; sa- 
era communione percepta ex ter- 
ris migravit, seplimo postquam 
decubuit die. Vita Car. M. ap. 
du Chesne I. p. 104. 


nicht Fannte: denn in diefem Falle was waͤre natürli- 
cher gemwefen, als mit dem Abendmahl auch jene zu ver; 
weigern oder zu gewähren? F) 

Nichts kann gegen die unleugbaren Zeugniffe, welche 
dieſes heftätigen, die allerdings in den erſten Jahrhun— 
derten nicht feltene Kranfenfalbung beweifen, die man 
nach der Apoftel Beifpiel und Jacobus Ermahnung noch 





f) Der Bifhof Dionyſius von 
Ulerandrien gegen das Ende des 
5. Jabrh. 3. 8. batfe ausdrüdlich 
verordnet, ut lapsis in exitu ne- 
mo reconciliationis solatium de- 
negaret et maxime his, quos 
prius id rogasse constaret. Gt: 
rapıon alfo, einer der Sefallenen, 
nachdem er oft gebeten, ihn doch 
wieder aufzunehmen, ließ fi im 
Augenblick des ibn übereilenden 
Todes dur einen Alerandrinis 
ſchen Presboter ein Stückchen des 
geweihten Abendmablsbrodtes rei» 
&en, und ftarb hierauf in feinem 
Gott vergnügf. Euseb. h. e. I. 
VI. c. 34. Auf der Synode zu 
Eliberis vom 5. 305. wurde ver» 


ordnet, den Gläubigen, welche 
son unreinen Geiftern geplagt 
würden, im Augenblick der To— 


desnotb das h. Abendmahl zu ge— 
ben. Gan. 37. Auch die große 
Gpnode zu Nirda vom J. 325. 
verfügfe, daß Fein Öterbender dies 
fes letzten und nöthigen Viati» 
eums folte beraubt werden, näm— 
lich des Abendmabls. Can. de 
laps. 13. Alle diefe Fälle bemei« 
fen eben fo. Elar, daß man das 
bey an feine legte Delung dachte, 
ols daß die Gifte das Abend: 
mabf in den legten Gtunden zu 
nebmen, dazumabi noch nicht eins» 
gefübrt war: denn in allen den 
angeführten Fällen gab man es 
nur Gefallenen zum Zeichen der 
Wiederaufnahme in die chriftliche 
Kirche, wie diefes befouders Dail- 


le dargetban. De Cultib. Lat.relig. 
l. VI. c. 2. p. 755. sqq. Auch In» 
nocenz 1 antwortete im J. 405. 
dem Gruperius von Touloufe auf 
die Trage: was mit denen anzu 
fangen fey, die nach einem ſchlech— 
fen Leben auf einmal am Gnde 
deffelben Buße und Dergebung 
wünfden, alfo: tribuetur ergo 


‚ cum poenitentia extrema commu- 


nio, ut homines huiusmodi vel 
in supremis suis miserante salva- 
tore nostro e perpetuo exiliv suo 
vindicentur. Epist. 1. III. ep. 2. 
Und das erfte Conzilium zu Dran« 
ges verordnete ım Jabr 442: qui 
recedunt de corpore poenitentia 
accepta, placuit sine reconcilıato- 
ria manus impositione eis com- 
municari, quod morientis sufficit 
consolationı secundum definitio- 
nes Patrum, qui huıusmodi com- 
munionem congruenter viaticum 
nominarunt. Can 3. Nirgends 
geſchieht bey allen diefen Geles 
genbeiten eines Sacraments der 
legten Delung Erwaähnung, de 
man bingegen da, als fo etwas 
in Gebraub Fam, es zu bemer- 
fen nicht vergaß, wie auf der 
Synode zu Maynz pom J. 847-, 
wo über die legten Ötunden der 
Büßenden vererdnef wurde: ora- 
tionibus et consolationibus eccle- 
siasticis sacra cum wnctione Dei 
anımatı secundum statuta sancto- 
rum Patrum communione yiatici 
reficiantur, Can. 26. 


— 257 — 


lange Zeit hindurch in der chriftlichen Kirche beibehielt. 
Denn nichts hatte diefe Delung von einem Sacramente 
an fih; auch wurde fie nicht blos an dem gefährlich” 
Kranken und Sterbenden verrichtet. ES gehören dieſe 
Salbungen und Heilungen durch Anwendung des Oels 
in den Kreis der Erzeugniffe des alten und damals noch 
lebendigen Wunderglaubens und in die Reihe der Wun- 
dercuren, wovon auch die chriftlichen Kirchenväter fo 
häufig fprechen. Sie laffen ſich aber mit der legten 
Delung der jeßigen Fatholifchen Kirche fo wenig verglei- 
chen, als die im vierten Jahrhundert auch nicht feltene 
Salbung der Keger; welche zum Eatholifchen Glauben 
übertraten g). Vielfach. war überhaupt in jener Zeit der 
Gebrauch des heiligen Dels z. DB. bey den Zutaufenden 
und Getauften, bey DBereitung der-Todten zum Begrab- 
niß, toelches Alles gar Feine Aehnlichkeit mie der legten 
Delung darbietet bh). 

Gleichwohl find eben diefe Fälle unſtreitig diejeni- 
gen, aus’ denen fich nach und nach im fpäterer Zeit und 
entfernter Art der Nitus und zulegt das Sacranient der 
legten Delung entwickelte. Es ift nicht zu Ieugnen, daß 
es ſchon in den ſechs erſten Jahrhunderten Chriften gab, 
welche in Krankheiten aller Art dag heilige Del der 


(mm — —— — —— — — —— 


g) Wovon der Pſeudojuſtinus 
ſpricht in den respous. ad Orth. 
Haeretici ad orthodoxiam trans- 


Innocenzius J. und Auguſtinus, 
welche dıe katholiſchen Theologen 


euntis lapsus corrigitur pravae 
quidem opinionis mutatione sen- 
tentiae, baptismi autem, unguen- 
ti sancti, unctione. Quaest. 14. 
Auch Bafılius M. bezeugt diefe 
Sitte in epist. ad Amphiloch. 


h) Ale die einzelnen Öfellen 
bey Drigenes, Chrofoftomus, in 
dem 6g. pfeudonicänifchen Canon, 


wohl fonjt noch zur Unferftüsung 
des Slaubens an das Alter der 
letzten Delung angeführte haben, 
haben in der That, außer dem 
einzigen Zeugniß des Innocenz, 
felbft fo wenig Scheinbares, Daß 
es Daille nicht ſchwer finden Fonne 
te, alle Folgerungen daraus mit 
der bündigften Critik zu entwaffe 
uen. De duobus Latinorum ex 
unct. sacramentis p. 90. sqg- 


Marheinede Spft. d. Katholicismus. III. 17 


* 


— 258 — 


Kirche begehrten und demſelben Wunderkraft zutraueten, 
und war es auch nur wegen der Analogie apoſtoliſcher 
Salbung und Heilung mit demſelben. Jene miraculoſe 
Salbung war die Unterlage der ſpaͤterhin ſacramentellen. 
Ein ganz gewoͤhnlicher kindiſcher Glaube der Menſchen 
ift der an den wirkffamen Einfluß gehetligter Dinge auf 
förperliche Zuftände und eben fo gewöhnlich) die Ueber: 
tragung und Anmendung jener auf diefe. Die Super 
fiition trieb von jeher in diefem Zauberfreife ihr arges 
Spiel von der. unfchuldigften Benugung an bis zum 
Franfhafteften Wahn hinauf. Hohlten fie doch andaͤch— 
tig fhon im vierten Jahrhundert fogar dag Del aus 
der in der Kirche brennenden Lampe, um fich damit zu 
falben und gegen Krankheit zu fchügen oder von denfel- 
ben fich zu befreyen 1). Wie oft benußten fie nicht zu 
gleichem Zwecke das benedicirte Taufwaffer und Die 
Symbole des Abendmahls: wie follten fie das heilige 
Chrifma unbenußt gelaffen haben, da es außer feiner 
geweihten Natur an fich fchon in manchen Fallen wirf: 
lich phyſiſche Heilfraft beſitzt. Wie folte man nicht in 
einem Sahrhundert, wie dag fiebente war, des ganz nahe 
liegenden Glaubens fähig geweſen feyn, an foldhen Ge; 
brauch des heiligen Oels fey alle Wirkung der apoftoli- 
fhen Salbung gefnüpft, ängftlich fey fie beizubehalten 
und anzufehen als ein überliefertes Heiligehum? Aber 
unterfcheidend von aller fpätern facramentellen Wirkſam— 
feit der Delung bleibt immer doch noch der gleichfam 
blos phofifche Gebrauch derfelben in diefer Zeit, naͤm— 
lich gegen Krankheiten überhaupt nicht blos am Tode 
und die Anwendung deffelben auf den Körper, ohne alle 


i) Wie aus Chryſoſtomus erhellet Hom. in Math. 33. 


— 259 — 


Beziehung auf Sündenvergebung und dergleichen, worin 
fie jetzt mwefentlich befteht; daher fie auch dazumal von 
den Kranken felbft eben fo oft verrichtet wurde, als vou 
Layen überhaupt k), und zwar nicht an den fünf Sin— 
nenorganen, wie jeßt, fondern nur am dem leidenden 
Theil 1). Diefe Zeit vom fiebenten Jahrhunderte bis 
zum Ende des neunten war gleichjam die Mitte und Dev 
Uebergang in jene Zeit, wo das Sacrament der legten 
Delung entftand; der Durchgang in diefe letztere Perio- 
de beftand aber in jenem Glauben an die koͤrperliche, 
fehmerzenlindernde Heilkraft des Delg, dem man außer 
dem noch allerley geiftlihe Bedeutungen verknüpfte. 
Nicht wenige Spynodalverordnungen aus dem neunten 
Jahrhundert bezeugen es, man. habe felbft damals noch 
die Ießte Delung nicht gefannt in der jegigen Geftalt, 
nämlich als blos den Sterbenden beftimmt und als Sa— 
erament, fondern des heiligen Deles als eines geweihten 
Heilungsmitteld ſich nur bedient in jeder Schwachheit 
und Kranfheit überhaupt m). Auch noch im zehnten 
und eilften Jahrhundert hatte man die letzte Oetung 
nicht in der gegenwärtigen Form und als ein allgemein 
und theologifch anerkanntes Sacrament. Aus) jetzt acc) 





k) Launoy !}. e. p. 47. felbft 
nach Innocenz Ausſpruch in feie 
nem Brief an Decentius f. Lau 
nop p. 426. 


Conc. Cabilon. IT. a. 813. can. 48. 
Aquisgran. II. a. 336. c 3. 
gunt. a. 847. c.:25. Vormat. a. 
859. c. 72. Selbſt dns Sacramen- 


Nio- 


1) Nach der Borfihrift des Gas 
eramenfarium von Gregor dem 
Großen, blos am Kopf. ©. Laus 
noy p. 435. Die große Berfihie: 
denheit bierin bat Launoy aus 
den verſchiedenen Formularen be— 
merkt. p. 432. sqgq. 


m) Capitulare a. 802. c. 22. 


tarium Gregorii M. der Ordo Ro- 
manus und die andern Ponfifica: 
lien und Ritualbücher befagen 
nichts anderes über dieſe Zeit. 
©. Launoy |. c. p. 16. Die ver: 
fhiedenen Sormtlote, deren man 
fih in verſchiedenen Zeiten ben 
diefer Kranfenfalbung gleichfam 
ärztlich bediente, bat Launoh |]. 
€. p. 76159 


17* 


— 260 — 


wandte man fie an, nicht, um den Reidenden auf ein 
anderes Leben dadurd) vorzubereiten, fondern ihn, wo 
möglich, dem gegenwärtigen wiederzugeben. 

Daß man endlich im Anfang des zwölften Jahrhuns 
derts der Dllung eine andere Geftalt und Bedeutung 
gab, die nämlic), welche fie jest noch hat, gefchah wohl 
zunaͤchſt/ weil man endlich aus langer Erfahrung einge: 
fehen, daß nicht jede Krankheit durd) ſolches, wenn noch 
fo ſehr geweihtes Del ſich heilen ließ. Den bisherigen 
Zweck gab man alfo allmahlicd) auf; da aber der Ge 
brauch felbft durch mehrere Jahrhunderte fchon eine Art 
von Sanction erlangt zu haben fihien, fo fchob man 
allmählicd) den bisherigen Zweck der Förperlichen Heilung 
den andern der Sündengergebung unter; fo fonnte man 
doc) immer noch fügen, daß ein Kranker die Galbung 
empfangen, wenn auch gleich nicht mit Erfolg für die 
Gefundheit feines Körpers, doch dafür defto mehr zum 
Vortheil feiner unfterblichen Seele. An das Ende dee 
Lebens verlegte man diefelbe als an den fchicklichiten 
Zeitpunct, und nur den Sterbenden gab man diefelbe, 
weil fie ſolcher höheren Unterfiügung am meiften bedürf: 
fig erfcheinen mußten. Noch in der jesigen Geftalt der 
letzten Oelung ſchimmert das erflere durch; wenigſtens 
als eine Zufaͤlligkeit hat man auch jetzt noch die Wie— 
derherſtellung als Zweck der letzten Oelung beibehalten. 
Aber als Hauptzweck trat vom Anfang des zwoͤlften 
Sahrhunderts, wo fie nun in die Neihe der übrigen Sa; 
cramente trat, die Dergebung der GSündenüberbleibfel, 
die Mittheilung der göttlichen Gnade durch Diefelbe 
und die Vorbereitung auf ein anderes Leben hervor. 
Diefe neue Inſtitution verdanfte den Echolaftifern Hu— 
go von St. Victor und Petrus Lombardus die theologis 
fihen Grundzüge, die man feitdem immer nur wieder: 


— 26t — 


hohlte n), bis endlich der Papſt Eugenius IV. im funf: 
zehnten Jahrhunderte auf feiner Synode zu Florenz oder 
gleich nachher die erſte, öffentliche, authentifche und offi— 
ciele Erklärung über das neue GSacrament im Namen 
der Kicche der Welt mittheilte — eine Erklärung, wel 
che zu Trient weſentlich beibehalten und nur mit einis 
sen Flucheanonen gegen die Proteftanten verfehen wur— 
de, welche e8 nicht über fi) gewinnen fünnen, eine fol- 
che Kerimonie für ein von Chriſtus und den Apofieln 
herruͤhrendes Sacrament zu halten 0). 





n) Hugo de St. Vict. de Sacr. 
1. II. p. ı5. sqq.. Petr. Lomb. 
Sent. 1. IV. Dist 25. Gie ftellten 
die reichiten linferfubungen an 
über Einfegung, Form und Ma— 
ferie des neuen Gacramenis. ©. 


Launoy ].c. p.26—34 u.p. 43: sqq. 


0) Wie ſehr verſchieden die von 
Eugenius und der Öpnode zu 
Trient feftgefegten Ritus von de 
nen der fechs oder zehn erften 
Jahrhunderte find, hat Launoy, 


diefer zwar katholiſche, aber kri— 
tiſch freye Theolog, zwar ſehr 
beſcheiden, doch zugleich ſehr bes 
ſchämend gezeigt l. c. p. 338. sqq- 
Auch giebt er zu verſtehen, wie 
unfer den damaligen Umftänden, 
unfer denen Sugenius die Arme— 
nier von diefer neuen Anſtalt un« 
ferrichtefe), wobI ſchwerlich por 
dem 16. Jabrbunderte Jemand in 
der lafeinifehen Kirche fein Des 
cret gelob£ oder unbedingf —— 
laſſen. ]. c. p. 34r. 


— 262 — 


Siebentes Kapitel. 


— —— — 


Vom Saerament des Abendmahls; von der Transſubſtantiation, 
Reſervation und Adoration; Frohnleichnamsfeſt. 


— — — 


Das heilige Abendmahl, unter den verfchiebenften Ge: 
fihtspuncten betrachtet in der Fatholifchen Kirche, ift in 
allen Hinfichten in feiner facramentlichen Geftalt der 
Mittelpunct des ganzen Fatholifchen Eultus: denn felbft 
dem Opfer, welches im böchften Sinne jenen Mittel: 
punct bildet, liegt das Sacrament zum Grunde, Der 
Dignitat nach ift es alfo dag höchfte, immer wiederkeh— 
rende und feyerlichfte von allen Sacramenten. Alle Ei: 
genthünnlichfeiten des Fatholifchen Glaubens an diefes 
Sacrament fließen von Einer Behauptung aus, dur) 
welche fie fich gegen die Lehre der Iutherifhen und re: 
formirten Kirche in den ftrengften Widerfpruch fest. 
Doch in einem fehr verichiedenen Grade entfernt fi 
die Fatholifche Lehre über diefen Gegenftand von der ei- 
nen und andern der proteftantifhen Kirche. Einig ift 
fie noch mit der Iutherifchen in dem Glauben an den 
mpfteriöfen und wundervollen Gehalt des Sacraments, 
in dem Glauben an eine reelle und objective Gegenwart 
Ehrifti im Abendmahl, da fie hingegen mit der refor— 
mirten von einer blos dem fubjectiven Glauben gegebenen 
Gegentvart faft gar Feinen gemeinJaftlichen Berührung: 
punct hate "Wo daher auch die Synode zu Trient fich 
nur im Allgemeinen erklärt über die wirkliche und reelle 


— 253 — 


Gegenwart Chrifti im Abendmahl, ohne ihr Eigenthuͤm⸗ 
liches in der Anficht folcher Gegenwart einzumifchen, 
tritt auch Fein mwefentlicher Controverspunct hervor zwi⸗ 
fchen der Fatholifchen und Iutherifchen Lehre a). 

Indeß aber die Iutherifche Lehre bey dem Glauben 
an eine wundervolle leibliche Gegenwart Ehrifti im Abend» 
mahl ftehen bleibt und die große Veränderung, melche 
im Augenblick der Confecration mit den beiden Specieg, 
dem Brodte und Wein, vorgeht, fid) deuft als eine Vers 
bindung Chrifti mit jenen fichtbaren Zeichen, gebt 
die Farholifche Lehre noch einen beträchtlichen Schritt 
weiter und bemuͤhet fich, die Veranderung oder die Art 
der Gegenwart ſich zu denken als eine wahre Verwar- 
delung der fichtdaren Zeichen in den wahren Leib und 
das wahre Blur Chrifti, welcher Wandelung, im Augenz- 
blicE der Confecration vor ſich gehend, fie feit dem dreys 
schnten Jahrhunderte den Namen der Transfubftantiation 
beigelegt hatb). Es wird dabey ausdrüdlid) angenommen, 
daß die ganze Subſtanz des Brodfes und Weines in die 
ſem Augenblick rein aufgehoben und von dem Leib und 





a) Ohne Bedenken kann daber 
auch die lutherifhe Kirche den 
Innhalt des erften Kapitels der 
13. Geffion annehmen de reali 
praesentia Domini nostri Jesu 
Christi in SS. Eucharistiae Sacra- 
mento und fieb£ ib auch im ı. 
Ganon nicht mit verflucf. Si 
quis negaverit, in sanctıssimo Eu- 
charistiae Sacramento contineri 
vere, realiter et. substanutialiter 
corpus et sanguinem una cum 
anıma et divinitate Domini no- 
stri, Jesu Christi, ac proinde to- 
tum Christum , sed dixerit, tan- 
tummodo esse in eo, ut signo 
vel figura, aut yirtute, anathema 
sit. Sess. XIII. can. ı. 


b) Quoniam autem Christus, 
redemptor noster, corpus suum 
id, quod sub specie panıs offere- 
bat, vere esse dixit: ideo per- 
suassum semper in ecclesia Dei 
fuit, idque nunc denue S. haec 
Synodus declarat, per consecra- 
tıonem panıs et vini Cconversio- 
nem fieri totius substantiae panis 
in substantiam corporis Christi, 
Domini nostri, et totius substan- 
tiae vini in subsfantiam sanguinis 
eius, quae conversio convenienter 
et proprie a $. catholica ecclesia 
Traussubstantiatio est appellata. 
Sess, XIII. cap. 4. 


264 


Blue Ehrifti abforbirt werde, fo, daß allein, wie die 
Synode ſagt, die Species, twie die Scholaftifer fagten, . 
die Necidenzien des Brodts und Weines übrig bleis 
ben ec). 

Es ift dem Fatholifchen Syſtem fehr daran gelegen, 
diefe Verwandelung fich fo vollfiändig und rein, als 
möglich, vorzuftelen. Weder productiv, noch confervas 
tiv, fondern adductiv will es dieſelben gedacht wiffen, 
Nicht erft hervorgebracht wird durch folche Verwande— 
fung der Leib Chrifti, fondern vorher exiſtirt er fchon, 
nur nicht unter den Species des Brodtes; die Converz 
fion macht alfo nicht, daß der Leib Chriſti überhaupt 
anfange zu feyn, fondern nur, daß er anfange unter 
diefer Geftalt zu exiſtiren. Noch iweniger will es diefelbe 
eonfervativ gedacht wiffen, fo, daß nad) foldyer Verwan— 
delung das Verwandelte felbft in feiner alten Gefalt 
noch übrig bliebe, was fich auch mit dem Begriff einer 
wahren Berwandelung ſchon von ſelbſt verfteht, fondern 
in Form und Materie rein aufgegangen in einem am 
dern Gegenſtand und gang und gar ſich entäußernd ſei— 
nes urfprünglichen Wefens. Adductiv aber ift eine fol- 
‚ che Verwandelung, nicht etwa, als ob durd) foldye Ad— 
duckion der Leib Chriſti feine Stelle im Himmel verlaffe 
oder überhaupt auf eine räumliche Art herbeigezogen 
werde, fondern weil durch die Adduction kraft der Cons 
fecration gefchieht, daß der Leib Ehrifti, vorher im Him— 





c) Si quis dixerit, in SS. Eu- 
charistiae Sacramento remanere 
substantiam panis et vini una cum 
corpore et sanguine Domini no- 
stri, Jesu Christi, negaveritque 
mirabilem illam et sıngularem 
conversioneın tolius substantiae 


panis in corpus et totius substan- 
tiae vini in sanguinem, manenti- 
bus duntaxat speciebus panis et 
vini: quam quidem conversionem 
Catholica Ecclesia aptissime trans- 
substantiationem appellat, ana- 
thema sit. Can. 2. 


mel, nun auch unter den Species des Brodtes fich be; 
findet und zwar unter denfelben nicht kraft einer einfa: 
chen Gegenwart und Erfcheinung oder Coexiſtenz, ſon⸗ 
dern fraft einer folhen Union, wie fie vorher flatt 
gefunden zmwifchen der Gubftanz und den Accidenzien deg 
Brodtes. Denn e8 darf mit Recht angenommen wer—⸗ 
den, daß die Synode, indem fie die ganze Gubftanz den 
bloßen Species (dumtaxatspecies) fo ſcharf gegenuͤberſtellt, 
unter diefen nichts anderes dachte, als was die Schola: 
ftifer die Necidenzien der Subſtanz zu nennen pflegten, 
und ganz ohne Grund ift die Ausrede derer, welche die: 
fer Lehre gern entweichen möchten, als ſey nad) Fatho- 
lifcher Lehre nicht de Ade jene Behauptung vom Uebrig- 
bleiben der Accidenzien allein. Deswegen muß ja die 
Subſtanz des Brodtes ganz und gar mweichen vor dem 
Leibe Chriſti, weil diefer nun gang und gar ‚derfelben 
Stelle einnimmt und erfüller, und unter den bloßen Ac⸗ 
cidenzien de8 Brodtes vorhanden iſt, nicht zwar wie in 
einem Gefäß oder an einem Ort, fondern ganz und gar 
auf die Weife des vormaligen VBerhältniffes der Sub— 
ffanz des Brodtes zu den Accidenzien deffelben. Eine 
bloße Bereinigung des Leibes Ehrifti mit der Subftang 
und dem Xccidens des Brodtes ‚findet diefes Syſtem 
unftatthaft, weil dann die zwey in und neben einander 
beftehbenden Subſtanzen de3 Brodtes und Leibes Chrifti 
nur eine accidentelle Form und Art der Erfcheinung has 
ben müßten, und alſo das Accidens des wirklich befte: 
henden Brodtes gewiffermaßen aud) das Accidens deg 
Leibes Ehrifti ſeyn müßte, was fich freylich nicht denfen 
laͤßt. Allein diefe Folgerung beruhet fchon auf dem 
vorausgefesten Irrthum diefer Eatholifchen Lehre, daß 
die verwandelte Subſtanz eine nicht mitvertwandelte acci- 
dentelle Form zurücfgelaffen haben, ‘ welches beides die 


— 256 — 


Intherifche Lehre ſtreng verwirft, da fie Subftanz und 
Accidens hier überhaupt nicht aus einander reißt. 
Zu vermwundern ift e8 allerdings, warum das katho— 
lifche Spftem, da es einmal fo weit geht, nicht auch 
das Accidens verfchwinden laßt und auf das Zufällige, 
. Unmefentliche ein folches Gewicht legt, um es zuruͤckzu— 
halten von der Berfhwindung und Verwandelung, wie 
es überhaupt befugt feyn kann, beide in folcher Art zu 
trennen, und ein doppeltes Wunder, erft das einer fols 
chen Loßreißung der Subftanz von ihrem Accideng und 
dann dag der Verwandelung von jener anzunehmen. 
Das Brodt alfo will e8 zwar fransfubftanziire wiſſen, 
aber ‚darum doc) nicht transaccidensirt, offenbar, um 
unter diefer Ddialectifchen Darftellung im Grunde nur 
und heimlich den Sinn ber Iutherifchen Lehre feftzuhal- 
ten und eine Ausfunft zu gewinnen, durch die eg, bey 
der fich felbft widerfprechenden zugleich totalen und doch 
auch partielen Verwandelung, wenn gleich nicht die 
Subſtanz, doch wenigſtens noch irgend Etwas übrig be; 
haͤlt, was mit dem Leibe Chrifti zufammen if, ein Et 
wag, das in feiner reinen und compleren Abgeriffenbeit 
von der Subftanz fi faum noch auf eine gefunde Weis 
fe denfen läßt. Ganz recht fagt daher Bellarmin und 
ohne es zu wiſſen, beipflichtend der Iutherifchen Lehre: 
e8 würde ja der Augfpruch des Herrn: das ift mein 
Leib, feine Wahrheit haben, wenn fo das Ganze ing 
Ganze verwandelt würde, daß gar nichts in irgend einer 
Are von dem DBrodte übrig bliebe und einen Echauder 
würde es erregen müffen, Menfchenfleifceh in feiner. eignen 
Species zu genießen d) — mag doc) nad) diefer Lehre 





d) Bellarm. de Sacr. Euchar. 1. III. c. 24. p- 979. 


— 267 — 


allerdings eigentlich und fubftanziel immer der Fall ift, 
wenn man den leeren Schein des noch vorhandenen Ac: 
cidens wegnimmt. 

Aber ſo geht die menſchliche Vernunft jederzeit in 
der Irre und ing Leere, wenn fie in demjenigen, was we— 
fentlich göftliches Myfterium ift, eigenen, fubtilen und 
abfirufen Gedanfen folge und nicht im Glauben an dag 
beharret, wag einfach gefchrieben fteht: Die Synode 
beruft fich für ihre Brodtverwandlungsiehre auf einen 
ziwiefachen Beweis, einen dogmatifchen oder Schriftbe: 
weis und auf einen hiftorifchen, ohne jedoch diefe Be: 
weiſe felbft zu führen. Katholiſche Theologen, die fich 
ausführlicher darauf eingelaffen, gehen auch zwar immer 
dabey allein und zunaͤchſt von den Einſetzungsworten 
aus; allein felbft gefiehend, daß die einfachen Worte: 
dag ift mein Leib, fo vieldeutiger Auslegung fähig, Feis 
nen firingenten Beweis abgeben fonnen für eine folche 
Art der Gegenwart Ehrifti, als fie lehren, recurriren und 
provociren fie dabey meiftens immer fogleich auf den 
Sinn, den die Kirchenväter und die Kirche von jeher 
in dieſen Worten gefunden. Und da nach ihrer Anfiche 
der Sinn und Wille der Kirche höher fteht, als die hei— 
lige Schrift, deren Sinn allein durd) jene Flar und uns 
beftreitbar werden Fann, fo laffen fie es ſelbſt ganz con- 
fequent darauf anfommen, ob die heilige Schrift eine 
folhe Ummandelung lehre oder nicht *), wenn nur die 
Kirche fagt, daß man fie in der heiligen Schrift finden 
fol. Für einen tüchtigen Katholifen ift das jederzeit 
mehr als hinreichend geweſen. Selbft daß berühmte und 





*) Wie denn aub Andradius testimoniis aperte definitae et ex- 
diefe Lehre unter diejenigen ſtel- plicatae sunt. Orth. explic, ]. VII. 
fet, quae nullis scripturae säcrae p. 569. 


unbefangene Ausleger diefer Kirche geftanden haben, bie 
heilige Schrift Iehre nichts von einer Trangfubftantiation, 
und erft im Mittelalter fey Die legtere ein Dogma ges 
worden e), tann ihn nicht irre machen. Keine Lehre 
nimme an, daß in der Taufe das Waffer verwandelt 
werde, und bey Feinem ihrer eignen Sacramente lehrt 
die Fatholifche Kirche, daß das fichtbare Element ver; 
ſchwinde; zur Natur und zum Wefen eines Sacraments 
gehört eg, daß die Materie bleibe und beftehe, und einen 
Wink von dem Apoftel hatte doch gewiß die Voraus: 
feßung verdient, daß es allein bey dem GSacrament des - 
Abendmahls fich anders verhalte, hätte er dergleichen 
Vorausſetzungen fih nur als irgend einmal möglich vor 
gefiellt. Statt deffen nennet er ı Cor. 10. und ır. dag, 
womit Ehrifti wahrer Leib verbunden gefchauet, darge 
reicht und genoffen wird, fünfmal bey jeinem rechten 
Namen: er nennet e8 Brodt, um jeden Schein von eis 
nem bloßen Schein und Geſpenſt des Brodtes vom 





e) Falsissimum est illud axio- 
ma, quod nihil pro articulo fidei 
ecclesiae proponendum sit, quod 
von possit ex scrıptura probarı, 
cum ex nulla scriptura, sed ex 
sola traditione pröbari possit, 
quod libri Evangelistarum et epi- 
stolae Pauli sint scripturae diyi- 
nae, remoto autem ab articulis 
fidei, quod libri Mi sint scriptu- 
rae divinae, simul concident om- 
nes alii articuli, qui ex scripturis 
illis probantur. Axioma igitur il- 
lud unirersam fidem destruit. Bel- 
larm. de Sacram. Euch. }. III. c. 
23. Scotus dieit, non exstare ul- 
lum locum scripturae tam expres- 
sum, ut sine ecclesiae declaratio- 
ne coyat transsubstantiationem ad- 
mittere, atque id non est omni- 
no improbabile. Nam etsi scrip- 
tura, quam pro transsubstantia- 


tione adduximus, videatur nobis 
tam clara, ut possit cogere homi- 
nem non proteryum, tamen an 
ita sit, merito dubitari potest, 
cum homines doctissimi et acu- 
tissimi, qualis imprimis Scotus 
fuit, contrarıum sentiant. ]. c. c. 
23. p- 955. Dogma transsubstan- 
tiationis ad fidem catholicam: per- 
tinet, quia colligitur ex scriptura 
diyina secundum explicationem 
communem patrum et juxta de- 
elarationem ecclesiae in conciliis 
generalibus. — Vnum addit Sco- 
tus, quod minime probandum 
est, ante Lateranense Concilium 
non fuisse dogma fidei transsub- 
stantiationem; id enim ille dixit, 
quia non legerat Concilium Ro- 
manum sub Gregorio VII. neque 
consensum patrum. ]. c. 


Abendmahle des Herrn zu entfernen: das Brodf, wel 


ches wir brechen; an einem Brodte nehmen wir Theil; 
fo oft ihr effet von dieſem Brodte; mer diefes Brodt 
unmwürdig iſſet; der Menfch prüfe fich felbft und fo effe 
er von dem Brodt. Der verfieht die Tradition dag 
Chriſtenthum beffer, als der Apofiel. Gelbft der ganze 
tieffinnige und bedeutfame Gehalt des Sacramentg, auf 
den die älteren Kirchenväter allzumal gar haufig zuruͤck— 
fommen, verſchwindet bey der Fatholifchen Lehre von ei— 
ner Berwandelung. Wie das materielle Brodt ung 
nähret und den finnlichen Leib erquicket, fo ift auch der 
Leib des Heren, der fich mit demfelben vereinigt, eine 
nährende Speife und erquidend für den innern Men: 
fhen. Wie das Brodt an fih) und urfprüänglich eine 
Subſtanz iſt, aus mehreren Koͤrnern beftehend und Die: 
felben in fich vereinigend, fo wird auch Ein Leib aus 
allen denen, die des Abendmahlsbrodtes genießen. Wer 
möchte die Aehnlichfeit des Ernährenden, GStärfenden 
und Dereinigenden und alle die fchönen und tiefen Be— 
giehungen darin, welche die Kirchenväter fo oft davon 
machen, in den bloßen Accidenzien finden? Dagegen 
wird nun im katholiſchen Syſtem die Anficyt ganz um: 
gekehrt und gelehrt: das Sacrament fey nur des finnli- 
he, das fichtbare Zeichen, das unfere Sinne trifft, bey 
welchem es zufällig ift, oder felbft ein Accideng, ob dafs 
ſelbe eine Gubftanz habe oder nicht. Was aber ift eg 


gleichwohl anders, als eine wahre Annihilation, welche 


das Eatholifche Syfiem mit dem Brodt vorgehen läßt, 
indem es die Subftanz verzehrt und abforbirt fich denkt 
von dem Leibe de8 Herrn, und die Nccidenzien von je- 
nem allein übrig bleiben laͤſſt. So läßt es ein unge: 
heures Wunder das andere nach fich ziehen, die Sub— 
ſtanz des Brodtes vernichtet werden und verfchlungen 


— 2707 — 


durch den Leib des Herrn, fodann und heimlich diefelbe 
wiederfehren in dem Accidens und unter diefem feftgehal, 
ten werden: denn, wie gefagt, vergeblich ift, das reine 
und von aller Subftanz ausgeleerte Accidens auch nur 
in der Vorſtellung feftzuhalten, ohne ihm das Gubftrat 
der zu ihm gehörenden Subſtanz mwenigftens in Gedan- 
fen unterzulegen: jedeg außere Accidens weiſet ewig noth: 
wendig auf deffen innere Subftanz zurück, und beide cor- 
refpondiren ſich gegenfeitig. Nicht darauf kommt es an, 
was aus einem Irrthum fich machen laßt, und meld) 
ein fehönes Feld von Fictionen fich eröffnet, hat man 
einmal eine, wie diefe, gelten laffen oder wie eine natur: 
philofophifche Deutung und Deduction dergleichen mit 
der nämlichen Leichtigkeit, wie foviel anderes, aus der 
Einheit der Natur und des Geiftes begreifen mag: fon- 
dern dieß ift vor allen Dingen die Hauptfache, ob in 
dem Chriſtenthum fich ein beftimmter unzweideutiger Be: 
weis und Grund für eine Lehre diefer Art finden laſſe, 
welche nicht nur den Bedürfniffen und der Natur des 
Geiftes, fondern auch den Sinnen fo auffallend wider— 
ſpricht, indem fie das klare Zeugniß von diefen willkuͤhr— 
lich zu Schanden macht. Nichts Täufchendes follte das 
Abendmahl haben nach der Einfegung des Herrn; den 
Geift zwar in die religiofe Welt der Wunder führen, 
aber auch den Sinnen ihr Recht widerfahren laffen, nicht 
aber diefe fo handgreiflich taͤuſchen, welche fich bey dem 
Anblick des fichtbar, mwefentlicd) vorhandenen Brodtes doch 
nicht abmweifen laffen: denn felbft ein Thier wird fich an 
der Subftanz des Brodtes nicht irre machen laffen FE). 





f) Mit der größeften Genauige werde, wenn -eine Maus, ein 
keit und Aengfilichkeit difeufireen Hund oder ein Gchwein ibn am 
fhon die Scholaſtiker diefe Fra- genagt oder gefteffen? Die Fra— 
’ ge: was aug dem Leibe Eprifti ge ift allein wichtig, weil fie und 


— 271 


Von der Confecration, durch welche doch eigentlich 
die Transfubftantiation erfolgt; fpricht das Conzilium zu 
Trient nur fehr im Allgemeinen, ohne auch nur die Are 
und Weife derfelden anzugeben, obgleich daffelbe von 
Dielen erfucht wurde, aud) eine beftimmte Confecrationg; 


formel feftzufegen. 


Es fann hieraus nicht gefchloffen 


werden 8), daß nicht de Ade fey, weldyer Worte und 





ibre Beanfworfung zu erkennen 
giebf, wie man dazumal über 
das Verhältniß der reellen Gub» 
ftan; des Brodtes zu dem ideellen 
Weſen dachte, in welces diefelbe 
verwandel£ worden. Einige meins 
fen alfo, es ſey die wabre Gub+ 
fianz des Brodtes, welche in die» 
fem Sale verzebr£ werde, Andere 
es ſey der wahre Leib Gbhrifti. 
Andere lebrten, es verwandle ſich 
in diefem Fale die in den Leib 
Chriſti bereits verwanvelte Epes 
ties augenblidlih zurüd in blo— 
es Brodr, welches nur ein neues 


Wunder Eoftete, rückwärts fo qut, : 


wie porwarts zu denken. Einige 
meinien, eg fen eine ganz neue 
und andere Gubftan;, die auf dier 
fem Wege verloren gebe. Cınige 
hingegen lehrten aub: man kön— 
ne das eigentlich nicht recht wiſ— 
fen. Si mus comedit species pa= 
nis, quid de corpore Christi hit? 
Innocent. ]. IV. de myst. missae. 
c. 9: Fuerunt, qui dicerent, quod 
sicut post consecrationem, vera 
remanent accidentia, sic et vera 
panis substanıia. Hi facile sol- 
vent quaestionem illam, qua quae- 
ritur, quid a mure comeditur, cum 
sacramentum corraditur. Lomb. |, 
IV. Sent. Disr. 15. lit. A. Quid 
sSumat mus, vel quid manducet, 
deus novit. Bonavenr, J. IV, Sent. 
Dist. 13. qu. 1. Quidam dixerunt, 
quod mus sumat Christi corpus, 
Sed quomodocungue haec opinio 
munietur, nunquam tamen adeo 
munitur, quin aures piae abhor- 


reant, hoc audire, quod in ven- 
tre muris, quamdiu species ibi 
subsistunt , sit corpus Christi. 
Alex. Alens. P. IV. qu. 45. memb. 
1. art. 2. Si canıs vel porcus de- 
glutisset-hostiam consecratam in- 
tegram , non video, quare vel 
quomodo corpus domini non si- 
mul cum specie traiiceretur in 
ventrem canis vel porci. Joh. de 
Burgo de Christi euchar. c. 10. 
Mus comedens hostiam, suscipit 
corpus Christi. Glossa in c. Qui 
bene. Dist. 2. De Consecr. Non 
est diceendum, quod mus sumat 
corpus Domini, statim enim de- 
sinit esse sacramentum, ex quo 
ab eo tangitur. - Si tamen dica- 
tur, quod sumat, non est mag- 
num inconveniens, quum scele- 
ratissımi homines istud sumant. 
Thom. Aqu. P. III. Qu. 80 art. 
3. In hoc casu substantia panis 
revertit. Bonav. 1. IV. Sent. Dist. 
13. qu. 2. nova substantia crea- 
tur. Summa angelica de euchar. 
it. 3 qu. g. Videtur, quod cor- 
pus Christi non transeat in ven- 
trem muris, si illas species co- 
medit, quia Christus non est sub 
illo sacramento, nisi quatenus 
est ordinabilis ad usum huma- 
num, scilicet ad manducationem, 
sed quam cito mus rodır, tam 
cito inhabilem facit et sacramen- 
tum esse definitt V. Gerh. Loci 
theol, ed. Cotta. X. p. 216. Walch 
Hist. transsubst. in Miscell. sacr. 


p. 
8) 3.3. 9. dem gelehrten Benedicti⸗ 


— 272 — 


Gebete man ifich bediene bey der Confecration. In 
einer fo wichtigen Sache hätte eine Entfcheidung bar: 
über nicht fehlen follen, ob, wie Viele glauben, Die ei- 
gentliche Conjeeration gefchehe durch die Einſetzungswor— 
te, oder durc) die Worte des Canong, ob beide gleich 
tefentlich feyen zur Confecration, und in wiefern was 
der eigentlichen Conſecration vorhergeht und nachfolgt, 
noch zu ihr felbft gehört h). Go gewiß auc) in jedem 
Sall nad) Fatholifcher Theorie die Worte: das ift mein 
Leid, den weſentlichſten Theil der Confecration ausma— 
chen, fo übel ift e8 ihr von jeher von Seiten der prote: 
ftantifchen genommen, daß fie die Einſetzungsworte ver- 
ffümmelnd und den Zufammenhang der Rede des Apo— 
ſtels unterbrechend, ſich blos der vier Worte bediene: 
hoc est corpus meum, welche im Sinne Chrifti doch 
eigentlich nur anzeigen, follten, was dasjenige fey, mas 
durch die Eulogie bereits confecrirt worden, ohne alfo 
weder dieß Dankgebet dag Gebet des Herrn, als eigent: 
liche Conſecrationsformel anzufehen, noch der andern 
Worte zu gedenken: er gab e8 ihnen und fprach: neh— 
met hin und effet u. f. f. ı Cor. 11, 223. ff. die man 
doch in der alten Kirche noch immer dazu nahm und 
auch noch in einigen alten liturgischen Vorſchriften finz 
det i). Es konnte hierüber um fo leichter ein Streit 

entftehen, 





ner Touttee Diss. III. ad Cyrill. Abendmahl, fondern diefes nur 


Hieros. p. 237. sqgq. 


h) Bindanus 3. B. ein katholi— 
ſcher Lebrer ohne Autorität, be» 
baupfefe, obne den Canon und 
blos mit den Ginfegungsworten 
eonfecrir£ fep Eein wahrer Leib 
und Eein wahres Blut Ehrijti im 


ein panarıum sacramentum. Pa- 


nopl. 1. IV. c. 44. p. 267. 


1) Man trifft jedoch darin gro« 
Be Verſchiedenheit an in den als 
fen Cifurgien. So anders ın de 
nen der Örickhen, in der des Ja— 
cobusg, iu dem missale Mozarabi- 

cum, 


entftchen, da die eigentliche Formel der Eulogie in ber 
evangelifchen Gefchichte felbft nicht vorhanden iſt k). 


4 





cum, ben Bafılius und CEbryſo— 
fiomus, in dem ordo romanus 
und anderen alten Nliffalien, die 
Bona gefeben und aus denen er 
die verfihiedenen Worte anführet. 
De reb. liturg. 1. II. c. 135. p. 773. 
sgg. Juflinus [bon fagt, daß Die 
Abendmahlsfpeife gratiarum actıo- 
ne sacrari per precationem verbi, 
quod ab ipso Christo traditum 
est. Apol. JI. p. 97. ed. Maran. 
und er befchreibt diefes Wort aus: 
drüdlih als jenes, das in der bh. 
Schrift von deu Evangeliften auf: 
gezeichnet ift. Außerdem aber bat 
fe man, wie man aud aus Juſti— 
nus ſieht, nod Feine bejiimmfe 
und ſtehende Formeln im 2. Jabr- 
bunderf, fondern der confecriren» 
de Priefter, fag£ er, befefe fo gut 
er konnte, und das Bolk fagte 
dann: Amen J. c. Vergl. Iren. 
adr. haeres. ]. V.c. 2. Orig. con- 
tra Cels. 1. VIII. p. 399. Chry- 
sost. de prodit. Judae T. V. opusc. 
p- 416. Eprilus von Jeruſalem 
war der erfte, der, wie er über: 
haupt von der bloßen Invoration 
gleihwie ben der Taufe und Der 
Einweihung des Ehrifma, fo aud 
Son der bey der Eonfecrafion 
fprid£ und Die Einfegungsmwor; 
fe ganz weggelaſſen hat. Toufs 
fee vertbeidige ibn hauptſäch— 
lich mit dem Argument, daß die 
die Kirche zu maden ein Recht 
babe, wie fie wolle, denn ihr ſey— 
en die Ödlüffel des Himmelreichs 
übergeben worden. In omni Sa- 
cramıentorum administratione con- 
tinentur Ecclesiae preces, sacra- 
menti effectum a Deo postulan- 
tes: quae non pauca ac nuda ce- 
rimonıa, sed ecclesiae vere oran- 
tis voterum expressio sunt, a mi- 
nistro ecclesiae sub eius nomi- 
ne fusae idcircoque propter mini- 
stri indiguitatem effectu nunquam 
fraudatae. His principiis Augu- 


Marbeiusde Syſt. d. Katholicismus. IIT. 


stinus tolis contra Donatistas ope- 
zibus baptismi ab indignis et ab 
haereticis dati validitatem defen- 
dir. ldem de precibus ecclesiae 
ad consecrationem in Liturgia 
contentis sentiendum. Sacramen- 
talium precum eificaciam Pätres 
uno ore mixe commendant, nec 
robustius quisquam, quam Cyril- 
lus noster, qui iisdem precıbus 
et aquae baptismatis vim Carech. 
3. N. 3. et olei exortizati eflica- 
ciam Catech,. 20. N. 3. et chris- 
matis sacri potestatem Cat. 21. N. 
3. et eucharistiae denique trans- 
mutationem tribuit. ]. c. p. 239. 
Sregor der Große lehrt, daß es 
in der apoitolifhen Kirche Sitte 
gewefen, das Abendmahl allein 
durch das Gebet des Herrn zu 
weiben. Orationem dominicam id- 
circo mox post precem dicimus, 
quia mos apostolorum fait, üt 
ad ipsam solummodo orationem 
oblationis hostiam consecrarent. 
Greg. .M. Epist. l. VII. ep. 64. 
wobey Bona bingegen erinnert, 
solummodo fen erfi fpäter einge. 
fihoben worden. ]. c. 1. II. c. 135. 
Wie febr die fpäfere und jegige 
Eatbolifhe Kirhe von deu alfen 
Invocations- und Gonfecrationgse 
formeln fih entfernt babe, Haf 
Daläaus binlänglih namgemwies 
fen. De cultib. relig. Latin. 1. III. 
c. 13. p. 355. sqgq. Die verfcies 
denen Meinungen über die frühes 
re Confecrationsar£ führer [Kon 
Biel an Lect. 36. ın Canon. miss. 
momi£ zur vergleichen Scotus in ]. 
IV. Sent. Dist. 4. qu. 2. le Brun 
Explie. literale, historique et dog- 
matique des prieres et des cere- 
mionies de la Messe. III. p. 212, 
Pfaff de consecratione veterum 
eucharist. p. 412. Lilienthal de 
canone missae Gregoriano. Lugd. 
Bat. 1740. 8. p. 131.* 

k) Denn wahrfgeinlih ift nur, 


18 


Was aber auch fonft noch an Gebeten die Fatholijche 
Kirche den Confeerationsworten beifügen mag, fo er 
blickt fie doch mit Ambrofius I) in jenen Worten des 
Herrn, welche fie als das Wefentlichfte fefihält, und wo— 
mit man doch in der Altern Kirche eigentlich nicht cons 
ſecrirte, die eigentliche Confecration, und läßt alfo von 
‚jenen zunächft allein das ungeheure Wunder der Trans 
fubftantiation ausgehen. Auf jene vier Einfeßungsworte 
beziehen fich deswegen auch alle die fchönen Unterfus 
chungen der Scholaftifer über die Frage, in welchem 
Augenblick der Recitation derfelben das Prodigium der 
PBerwandelung wirklich erfolge? m) 

Für ihre Lehre von der Transfubitantiation führt die 
Fatholifhe Kirche die gemeiniame, vollfommen damit 
einverftandene Lehre aller Kirchenväter an und die Haupt: 
ftärfe ihres dogmätifchen Beweifes für die Wahrheit und 





dag Chriftus das jüdifche Dank: 


Christi. Ergo sermo Christi hoc 
gebet ausfprad, wıe es Mischna 


conficit Sacramentum. Ambros, 


cod. Verachot. c. 16. $. ı. jteb£. 
©. Buxtorfii diss. de coenae do- 
minicae primae ritibus et forma. 
In ej. Dissert. philologico - theol. 
und Pfafi diss. de oblatione ve- 
terum eucharistica in Ej. Syntagm. 
diss. theol. p. 229. sqq. Bingham. 
Origg. eccles. V. l. 13. c. 7. p- 
258. sqq. 


1) Quomodo potest, qui panis 
est, corpus esse Christi? Conse- 
cratione. Consecratio autem, qui- 
bus verbis est et cuius sermoni- 
bus? Domini Jesu. Nam reliqua 
omnia, quae dicuntur in superi- 
oribus a sacerdote dicuntur, lau- 
des Deo deferuntur, oratio peti- 
tur pro populo, pro regibus, pro 
eeteris: ubi venitur, ut conficia- 
tur venerabile Sacramentum , jam 
non suis sermonibus utitur sa- 
cerdos, sed utitur sermonibus 


de Sacram. 1. IV. c. 4. p. 568. ed. 
Bened. 


m) Eine Slofe im Corp. jur. 
zäblt die verſchiedenen Nleinun« 
gen auf. Quidam dicunt, quod 
non fiat transsubstantiatio, nisi 
ultima syllaba um totius formae 
probata. Alii existimant, ut Hu- 
g0,; quod cum dicitur: hoc est 
corpus meum, transsubstantietur 
sub illa conditione, scilicet, si 
statim subjungatur: hic est san- 
guis meus, aliter non. Alii di- 
Cunt, incertum esse in rerum na- 
tura, utrum in continenti fit cor- 
pus Christi. Alis fit transsub- 
stantiatio in ultima litera mn. De 
Consecr. Dist. 2. Glossa c. cum 
omne. ]. m. cfr. Gabr. Biel Sentt. 
1. IV. Dist. 11. qu. ı. art. 3. dub. 
4. Scotus Sentt. 1. IV. Dist. 15. 
Auch Bellarm. l. c. p- 984. 


Nichtigkeit diefer Lehre liegt, wie man leicht fieht, in 
diefem Confenfus oder der Tradition, auf welche fie ja 
diefelbe hauptfächlich gründet. Auf diefe Seite hat fich 
daher auch die Bemühung Fatholifcher Theologen gang 
vorzüglich geworfen; zu dieſem Gewinn und Vortheil 
haben fie die ganze Gefchichte nach ihrer dogmatifchen 
Anficht gedeutet und diefem in Voraus feftgeftellten Ge— 
ſichtspunkt fein kritiſches Opfer zu theuer gefunden. Ue— 
berhaupt ift Fein Feld der Gefchichte durch Partheyeifer 
fo verwüftet worden, al8 diefes. Wie man in der fa; 
‚tholifchen Kirche mit großen Anftrengungen alle auch 
die Älteften Kirchenväter auf diefe Seite zu ziehen ver: 
ſuchte; fo find in ihren Gegenfchriften die Iutherifchen 
und reformirten Theologen, welche gleichfalls ſaͤmmtliche 
Vaͤter faft bis ing zwoͤlfte Jahrhundert nur im Geifte 
ihrer Lehre fprechen laffen, auf gleiche Weife ercentrifch 
geworden und aus der geraden Bahn der Eritif und 
vorurtheilsfreyer Unterfuchung zu Gunſten ihrer Lehre 
herausgewichen. Die Bemerkung, daß alle drey Confeſ— 
fionen zu verfchiedenen Zeiten nicht ohne Grund Aug: 
fprüche von Kirchenvätern für fih anführen Fonnten, und 
die Betrachtung des nafürlichen und nothwendigen Gan— 
ges und Fortfchrittd aller theologifchen Entwickelung 
diefes Dogma führer von felbft auf einen hoͤhern und 
allgemeinen Gefichtspunft, der jeder diefer Confeffionen ihr 
Necht mwiederfahren läßt, ohne der hifforifchen Wahrheit 
und Eritif Eintrag zu thunn). Es iſt nicht mehr zu läugnen, 
daß auch die Fatholifche Transfubftantiationslehre auf dem 





n) Diefen Gefihfspunct babe sti in coena Domini sententia tri- 
ich aufgeftell€ und durchgeführt plex sive sacrae eucharistiae hi- 
in der Dissertatio patristica, San- storia tripartita. Heidelb. 1811. 4. 
etorum Patrum de praesentia Chri- 


387 


— 276 — 


Gebiet der Geſchichte ein weites Feld fuͤr ſich hat, ſo 
auf, wie die Iurherifche und reformirte Lehre. Nur eine 
dreifache Anficht laͤßt ſich überhaupt nehmen von der 
Lehre einer Gegenwart Ehrifti im Abendmahl. Man 
bleibe entweder fiehen bey der von einer blos dem Glaus: 
ben gegebenen Gegenwart (Alloiofis), oder fchreitet fort 
zur Lehre von einer durchaus objectiven, reellen und fub- 
ſtanziellen Gegenwart Chrifti in feiner Vereinigung mit 
den fichtbaren und bleibenden Geftalten ( Synefdode), 
oder endlich man überfliege alle Grenzen der Natur und 
deg Geiftes durch die transjcendente Lehre von einer Ver⸗ 
wandelung der fichtbaren Geftalten in den Leib und dag 
Blut des Herrn (Hpperbel). Alle drey Anfichten ha: 
ben fich auch in der Gefchichfe ausgedrückt und koͤnnen 
unter den Kirchenvätern Gewährsmänner für fich finden. 
Nur die Zeiten muß man forgfältig aus einander hal, 
ten und die innere Natur des Dogma, wie e8 im Glay- 
ben ruht, von der allmählich nur und fiufenmweife wach— 
fenden, reifenden und zulegt ins Unnatürliche und Wi— 
dernatürliche hinüberfchtweifenden theologifchen Erpofition 
deffelben wohl unterfcheiden. Die erftere oder Die refor; 
mirte Lehre kann nur eine folche Zeit für fich anfüh: 
ren, welche in Anfehung der wiflenfchaftlichen Entwicke— 
lung die unvollfommenfte war: es ift befannt, daß der 
Zeitraum der erften drey Jahrhunderte die Periode des 
unmittelbaren Lebens und Handelns im Geifte Chrifti 
war; und’daß die theologifche Erpofition, weit zurück 
bleibend hinter dem lebendigen Glauben, auch Fein fiche- 
res und volftändiges Zeugniß von diefem war. In eie 
ner folchen Zeit fonnen auch von einigen wenigen theo- 
Iogifchen Schriftftelern Vorftelungen, wie die von einem 
blos fymbolifchen, fignificativen Gehalt des Abendmahls 
nicht befremden, und es fehlt fchon da nicht an einzel: 


nen, twelche tiefer eindringend in den chriftlichen Glauben 
auch eine reelle und objective Gegenwart Ehrifli lehren. 
Diefe Lehre wurde aber im zweiten Zeitraum, vom viers 
ten big zum neunten Jahrhundert fo allgemein und herr— 
fhend, daß Spuren der erfleren Meinung nur ald Aug; 
nahmen erfcheinen und man immer fo farf auf die 
Lehre von einer wefentlichen fubftanziellen Gegenwart 
Chriſti im Abendmahl drang, daß man fogar fich diefel- 
be bin und wieder lieber als eine Verwandelung denken 
zu wollen fihien, denn als eine bloße fymbolifche und 
repräfentative Gegenwart. Diefe Periode des Flaffifchen 
und goldenen chriftlichen Alterthums bat die Iutherifche 
Lehre für fich, und es wäre fehr fchwer zu begreifen, wie 
man erft jetzt, etwa vom vierten Jahrhundert an darauf 
fommen fönnen, ware fie nicht im Glauben von Anfang 
an da gewefen, wenn gleich nicht allgemein in der then. 
Iogifchen Darftelung 0). Es laͤßt fich hingegen recht 
gut erklären, wie man vom neunten Jahrhundert an im: 
mer beftimmter an eine wahre Verwandelung denfen 
fonnte. Einer Zeit, die in allen Rücfichten auf Aben: 
theuer auszugehen anfing, mußte eine folche Lehre wohl 
ſehr entfprechen; der ächte theologifche Sinn und Geift 
und der wiffenfchaftliche Trieb war immer mehr erfor: 
ben und untergegangen, alfo fein Damm und feine Ge: 
genwehr mehr vorhanden gegen jeden Aberglauben, viel; 
mehr jener felbft meift nur im Dienft in diefem. Dazu 
gehörte e8 vor allen Dingen ſchon, daß man glauben 
konnte, alle frühere Kirchenväter haften eben feine ande 





0) Go dachte auch Leſſing von doch die Sründe feiner Meinung 
Biefer Gabe am Schluß feines beizufügen. 
Berengarius Turonenfis, ohue je: 


278 


re Lehre gehabt, als die von einer wahren Brodfverwan- 
delung, wie fich diefes im Kampf mit Berengarius zu 
erkennen gab, als er noch im eilften Jahrhundert die 
£ehre von einer wahren Vereinigung Chriſti mit den 
fihtbaren und bleibenden Geftalten des Brodtes und 
Weines zu vertheidigen übernahm. Die Lehre von einer 
Verwandelung war bereits tief in den Geift der Zeit 
eingegangen und felbft der Name für das fchauderhafte 
Wunder (tremendum mysterium ) fchon erfunden p), 
als Innocenz III. bald nach dem Anfang des drensehn- 
ten Jahrhunderts, auf. feiner Tateranenfifchen Synode 
vom 5. 1215 diefe Lehre zu einem allgemeinen kirchli— 
chen Dogma ſtempelte q), 

Aus dem Gefichtspuncte einer wahren VBerwandelung 
muß die Fatholifche Kirche nothiwendig dag ganze heilige 
Inſtitut des Abendmahls in einem andern Lichte betrach- 
ten, als jede andere Lehre, welche ihr bis dahin nicht 
folgen Ffann. Wie entfernt oder wie nahe und innig 





p) Das Work bradte ein ges 
mwiffer Gfepbanus, der nad Ab» 
dankung bon feinem Bisthum als 
Cluniacenſermönch flarb, obnge— 
fähr in der Mitte des zwölften 
Jahrhunderts zuerft auf in ſeinem 
Tractatus de sacramento altaris 
et iis, qui ad illud variosque ec- 
clesiae ministros pertinent, in 
welchem ein Gebet dabin Taufe: 
ut cibus hominum fiat eibus ar- 
gelorum, scilicet, ut oblatio pa- 
nis et vini transsubstantietur in 
corpus et sanguinem Jesu Chri- 
si. Sn”der Max. Bibl. PP. VI. 
p- 382. Vergl. Cave Scriptt. crit. 
P. 448. und Edm. Albertin. de sa- 
cra Euchar. ]. III. p. 969. 


q) Vna vero est fidelium uni- 
versalis ecclesia, extra quam nul- 


lus omnino salvatur. In qua idem 
ipse sacerdos et sacrificium Jesus 
Christus : cuius corpus et sangnis 
in sacramento altaris sub specie- 
bus panis et vini veraciter conti- 
nentur, transsubstantiatis pane in 
corpus et vino in sanguinem, po- 
testate divina, ut ad perlicien- 
dum mysterium unitatis accipia- 
mus ipsı de suo, quod aceeperit 
ipse de nostro. Lateran. IV. cap. 
1. ap. Mansi Conc. Tom. XXII. 
p- 982. Vergl. Zweifelsgründe 
gegen die Bebaupfung der Fatho- 
liſchen Theologen, daß die Lchre 
von der Transfubfiantiafion ein. 
Eatbol. Dogma ſey. In der Jah— 
resfchrift für Theologen und Kir« 
chenrecht der Katholiken. I. 5. ©. 
547 fl 


auch die eine und andere der beiden proteftantifchen Kir: 
chen die Verbindung Ehrifti mit den fichtbaren Geftalten 
des Brodtes und Weines fich vorſtellt, einig find fie 
doch beide noch immer darin, daß außer feiner unmit— 
telbaren Beftimmung zum Gebrauch und zum - Genuß 
das Abendmahl feine andere und weitere hat, daß ein 
zig durch das Medium feines mündlichen Genuſſes jeder 
andere Segen und Nutzen deffelben zu erlangen und in 
der göttlichen Einfegung deffelben ſchlechterdings Fein 
anderer Zweck, als der des Genuffes, enthalten und an- 
gegeben fey. Die Fatholifche Kirche Hingegen geht über 
diefen nächften und einzigen Zwecf des Abendmahls hin: 
aus und lehrt, daß Chrifius aud) fihon vor dem Genuß 
alfo auch außer dem Genuß und ohne denfelben im Abend- 
mahl gegenwärtig fey, fobald die Conſecration vollzogen 
worden. Es folgt hieraus auch die Aufbewahrung alles 
degjenigen, was von dem wirklichen Genuffe übrig bleibe. 
Noch ehe die Synode zu Trient die Brodtverivandlungs: 
lehre erneuert, fegt fie den Rang feft, den in dieſer Hin- 
ficht das Abendmahl über jedes andere Sacrament bes 
hauptet. Und nicht nur uber ihre andern Sacramente 
erhebt fie aus dieſem Grunde dag Abendmahl, fondern 
auch weit über die Taufe, deffen Waffer fie ohne Be: 
denken verfchüttet, wenn e8 gebraucht worden if. Aller 
andern Sacramente Vortrefflichkeit, lehrt fie, beſteht im 
Gebrauch und Genuß derſelben: nur im Abendmahl iſt 
Chriſtus fchon vor dem Genuffe da; nur was vom 
Abendmahlsgenuffe übrig bleibt, muß forgfältig aufgeho: 
ben werden r). Dieß ift, wie fi) von felbft zeigt, nur 


r) Commune hoc quidem est ea excellens et singulare reperi- 
sanctissimae eucharistiae cum ce- tur, quod reliqua sacramenta tunc 
teris sacramentis, symbolum esse primum sacrificandi vim habent, 
rei sacrae et invisibilis graiiae cum quis ıllis atitur: ut in eu- 
formam yisibilem: verum illud in charistia ipse sanctitatis autor an- 


I 
x 


eine neue Seite der Vertvandlungslehre oder eine noth⸗ 
wendige Folge von dieſer. Denn nur in einem Sy⸗ 
ſtem, welches die einfachen Worte Chriſti: das iſt mein 
Leib, als eine wahre Beſchwoͤrungsformel nimmt, mit 
ſolcher Zauberkraft verſehen, daß ſie eine ſinnliche Sub— 
ſtanz von ihrem Accidens losreißen, jene vernichten und 
in Chriſtum ſelbſt und leibhaftig verwandeln koͤnne, kann 
das Mittel nun wieder als eigener Zweck und hoͤher 
und wichtiger erſcheinen, als der einzig wahre Zweck und 
jene Verwandlungsoperation ſelbſt als ein fuͤr ſich beſte— 
hender, durch ſich abgeſchloſſener und von allem Ge 
brauch und Genuß des Abendmahle ganz unabhängiger 
Act. Diefem gemäß wird in der fatholifchen Kirche die 
geweihte, in den Leib ChHrifti ganz verwandelte Hoftie 
ſelbſt fchon und an und für fich, auch aufer dem Ge 
nuß und ohne denfelben ein befonderer Gegenftand. der 
Andacht, wird in befonderem Behältnig (ciborium) 
aufbewahrt, in der Monftranz zur Schau ausgeftellt, bey 
Prozeffionen herumgetragen, zu den Kranfen gebracht u. 
ſ. 10:, kurz eine auch außer dem mündlichen Genuß blei- 
bende und daurende Gegenwart Chrifti in der verwan: 
delten Geflalt des Brodtes angenommen *). Solche 
Kefervation und finnliche Einfchliefung des Leibes Chri— 
fi in die bleibende Beſchraͤnkung der Zeit und des Rau— 





te usum est. Cap. 5. de excellen- 
tia sanctissimae eucharistiae su- 
per reliqua sacramenta. Si quis 
dixerit, peracta consecratione in 
admirabili eucharistiae sacramen- 
to non esse corpus et sanguinem 
Domini nostri Jesu Ghristi, sed 
tantum in usu, dum sumiltur, non 
autem ante vel post: et in ho- 
stiis seu particnlis conservatis, 
quae post communionem reser- 


1 


vantur vel supersunt, non rema- 
nere verum corpus Domini, ana- 
thema sit. Can. 4. 


*) Si quis dixerit, non licere 
S. Fucharıstiam in Sacrario reser- 
vari, sed statim post consecratio- 
nem astanlibus necessario distri- 
buendam, aut non licere, ut illa 
ad infirmos honorifice deferatur, 


„anathema sit. ‚Can. 7. 


— — 


281 


mes hat die Synode fogar auf ihre Art aus der heili— 
gen Schrift bewieſen; bindeutend auf Euc. 22, 19. 20. 
lehrt fie, daß die Apoftel das Abendmahl noch nicht 
empfangen hätten aus der Hand des Heren, als er fchon 
zu ihnen geſagt, e8 fey fein Leib, den er ihnen gebe s). 
Nicht achtend auf Matth. 26, 26. und Marc. 14, 22. 
wo es ausdruͤcklich heißt: er brachs d. h. theilte es ein, 
gab e8 feinen Züngern mie dem Befehl, e8 zu nehmen, 
nicht achtend auf die fehweren Worte: dieß thut zu 
meinem Gedächtniß oder darauf, wie Paulus die Feyer 
befchreibt ı Cor. 10, 16. und ı1, 1. befrachtet die ka— 
tholifche Kirche wohlweislich außer den Worten: dag ift 
mein £eib, Alles übrige von den Einſetzungsworten nicht 
als weſentlich zur Confecration. 

Mit gleichem Recht und Glück beruft ſich die Sy: 
node auf das chriftliche Alterthum, obgleich fie, aller; 
dings fehr befcheiden, daffelbe erft mie dem vierten Fahr: 
hundert beginnen läßt: denn auf das Nicanifche Conzis 
lium beruft fie fih zunaͤchſt und ausdrücklich t). Und 
“ allerdings war fihon im zweiten Jahrhundert Gitte, 
mitten aus der Feyer des Abendmahlsgenuffes heraus 
auch Abwefenden das Abendmahl zukommen zu Iaffen, 





s) — nondum enim euchari- 
stiam de manu Domini Apostoli 
susceperant, cum vere tamen ip- 
sis affırmaret, corpus suum esse, 

uod praebebat, et semper haec 
Hdes in ecclesia Dei fuir, statim 
post consecrationem verum Do- 
mini nostri corpus , verumque 
eius sanguinem sub panis et vini 
specie una cum anima et divini- 
tate existere. ]. c. cap. 3. 


t) Consuetudo asservandi in sa- 
erario $. Eucharistiam adeo anti- 
qua est, ut eam seculum etiam 

— 


Nicaeni concilii agnoverit, porro 
deferri ipsam S. Eucharistiam ad 
infirmos et in hunc usum in ec- 
clesiis conservari, praeterquam 
quod cum summa aequitate et 
ratione conjunctum est, tum mul. 
tis in conciliis praeceptum inveni- 
tur et vetustissimo catholicae ec- 
clesiae more est obseryatum; qua- 
re 5. haec Synodus ec a 
omnino salutarem hunec et ne- 
cessarium morem statuit. ]. c. 
cap.6. de asservando eucharistiae 
sacramento, et ad infirmos defe- 
rendo. 


— 202 — 


da in jenen Zeiten des Trübfal® und der Verfolgung 
Umftände genug die beftändige Theilnahme an der kirch— 
lichen Feyer und dem Firchlichen Genuffe verhindern 
Fonnten: aber weder, daß das Abendmahl zu den Kran: 
fen getragen worden, wie jetzt gefchieht, noch daß es 
uͤberhaupt zu dieſem Zweck oder zu jenem, es auch den 
Abweſenden zukommen zu laſſen, aufbewahrt worden ſey, 
wie jetzt, beweiſet die Hauptſtelle bey Juſtinus, auf die 
man ſich vornehmlich beruft u). Selbſt das bereits 
beruͤhrte Beiſpiel des kranken Serapion, dem vor ſeinem 
Ende noch das Abendmahl gebracht wurde, beweiſet hier 
nichts: denn er gehoͤrte zu den Buͤßenden, denen man 
dadurch das Zeichen der Wiederaufnahme zukommen ließ. 
Nicht aber fuͤr dieſe allein und in den letzten Noͤthen 
wird jetzt durch das Hintragen des Abendmahls geſorgt, 
ſondern uͤberhaupt allen Kranken unter allen Glaͤubigen 
wird es gebracht. Allerdings war auch noch am Ende 
des ziveiten und im Anfang des dritten Jahrhunderts 
erlaubt, in befondern Fällen das am Tifche des Herrn 
empfangene Brodt mit nach Haufe, auf Reifen zu neh: 
men, alfo e8 einige Zeit aufzubewahren w). Go wenig 





Sm vierten Jahrbunderfe fpricht 
mif Beifall davon der beil. Ba: 
filius, er fagt, die Gifte, daß in 


u) Justin. M. Apolog. II. p.97. 
98. 


w) Nach den älteften Zeugnif: 
fen und auf den Rath Tertullians 
tbafen es zuerft die Faſtenden, 
um durch den Genuß des Abend» 
mabls ihr Faſten nichf zu unters 
brechen: woraus man ben Gele 
genbeif feben ann, wie entfernt 
man dazumel noch von dem Ge 
danken war, fein wahres und 
wefentlicbes Brodet fey mebr im 
Abendmahl. De orat. c. 14. cfr. 
ad uxor. 1. II. c.5. (&pprianus 
gedenkt diefer Sitte gar häufig. 


Abwefenbeit des Priejters Jemand 
mit eigenen Känden das Abend— 
mahl nimme, ſey zuerft aus Noth, 
in den Zeiten der PBerfolgung, 
aufgefommen, nadber aus Ge» 
wohnheit beibehalten worden. Die 
Mönde in den Wüſten, fagf er, 
fönnten nicht immer Öelegenbeif 
finden und einen Priefter; in Uler« 
andrien und überbaupf in Egyp- 
ten babe faft jeder vom Volk das 
Abendmahl bey fi im Haufe. - 
Basil. ep. 239. Auch Gregorius 


i — 283 — 


zu loben an fich auch diefe Gewohnheit feyn mochte, 
fo fann fie doch durch die Umftände jener außerordent- 
lichen Zeiten und durch die große Frommigfeit jener 
Chriſten entfchuldiget werden, welche gewohnt waren, 
fehr oft, meift täglich zu communiciren. Aber immer 
fann die katholiſche Kirche für ihre jeßige Sitte, dag 
Abendmahl aufzubewahren, ſich nicht auf jene berufen; 
auch thut fie es nicht; vielmehr hat fie diefelbe ſchon 
im vierten Jahrhundert ausdrüclic) verboten und nies 
mals in neueren Zeiten zuläffig gefunden x). Doc 
wich jene alte Sitte lange noch nicht foweit, als die 





son Nazianz erzäblf, daß feine 
Schweſter Gorgonia im ſchwerer 
Krankheit mit ihren Thränen be— 
netzt si quid antityporum pretiosi 
corporis aut sanguinis manu sua re- 
condidisset et apud se haberet,aud 
dadurch geheilt worden fen. Or.2. 
Auch Ambrofius erzäblf von feis 
nem Bruder ein ähnliches Bei» 
fpiel. De obitu Satyrı. Aus dem 
5. Jahrhundert berichfef Hierony— 
mus, daß zu Kom von vielen 
DBornebmen das Abendmahl mit 
nach Haufe genommen würde. Ep. 
50. u. Auguftinus, daß eine from» 
me Srau ibrem Sohn, der an den 
Augen liff, ein Pflajter aus dem 
Abendmahl madte, 
bep fih zu Haufe batfe, und ibn 
auf diefe Weife beilte. Opus im- 
perf. contra Jul. 1. III. 8. 164. 


x) Eine Gpnode zu Gnragoffa 
vom J. 381 oder 380 verordnete: 
Eucharistiae gratiam si quis pro- 
batur acceptam in Ecclesia non 
sumsisse , anathema sit in perpe- 
tuum. Syn. Caesaraugust, can. 3. 
Hard. conc.I. p.$07. Mansi Suppl. 
I. p. 245. und cine Gpnode zu To- 
ledo vom 5. 4co. Si quis accep- 
tam a sacerdote Fucharistiam non 
sumserit, velut sacrilegus propel- 


weldes fie 


latur. Tolet. c. 14. Der nächſte 
Grund Ddiefer Verordnungen war 
die damals in Spanien febr aus— 
gebreitefe Keßerey der Priſcillia- 
niften, welche, um Eafbolifch zu 
fcheinen, in der Kirche das Abends 
mahl nabmen, obne es zu genies 
fen. Dbgleih auch nachber. nod) 
verbofen, mie z. B. in einem der 
Capitularien von Carl d. Großen. 
Placuit, ut omnes, qui sacram ac- 
ceperint Eucharistiam et non sum- 
pserint, ut sacrilegi repellantur. 
Capit. Car. M. J. VII. c. 567. fo 
dauerfe die Gifte doch noch fort, 
und felbft nachdem die Transfub» 
ftantiafionslebre bereits im Gans 
ge war. Denn daß fie no ums 
Sabr 1160 ganz gewöhnlich war, 
gebt aus der Lebensbefchreibung 
des Bifchofs Lorenz von Dublin 
berpor, der im J. 1181 ftarb. Der 
Verfaſſer derfelben bemerft näm— 
lich, daß vier Priefter mie mebren 
andern Menſchen durch unfichre, 
von Räubern beunruhigte Gegen» 
den gereifet Eucharistiam, sicut 
tunce moris erat pluribus secum 
pro tuto viatico ac- securo duce 
itineris publice detulisse. Laur. 
Dub]. vita ap. Sur. d. 14. Nor. 
cap. 8. 


— 284 — 


jetzige, von dem Geiſte des Abendmahls ab, und war 
auch mehrfach noch von dieſer verſchieden. Zu keinem 
andern Zweck, als zur Communion, bewahrte man doch 
in allen jenen Faͤllen die Stuͤcke des geweihten Abend— 
mahlsbrodtes und keinesweges zur bloßen Schau oder 
Ausſtellung, zum Herumtragen in Prozeſſionen, für Kran: 
fe oder zur Anbetung, wie jeßt. Die Leute, welche auf 
jene Are für fich forgten, waren doch felbft auch zuge: 
gen an dem heiligen Tifch, wo das Brodt fo eben ge: 
weihet wurde, und empfingen e8 unmittelbar aus der 
Hand des Priefters; aber die Kranken, denen e8 heutis 
ges Tages gebracht wird, empfangen es nicht erfi an 
dem Altar. Man fieht doch immer noch deutlich bey 
jener alten Sitte, daß von dem Priefter felbft und von 
der Kirche das von dem Layen nachher aufbewahrte 
Brodt urfpränglich zum Gebrauch und Genuß beftimmt 
war, was gleichfalls bey der jegigen MNefervation nicht 
nothiwendig if. Es war doc alfo auch fo noch immer 
ein gemeinjchaftlich Effen des Abendmahle, weil fie es 
doch menigftens nod zugleich mit andern, die es für 
gleich genoffen, erhielten, und nur der Unterfchied, daß 
diefe es einige Stunden oder Tage Ipäter genoffen, alfo 
noch immer eine wahre Communion. jene Privatrefers 
vation des Abendmahlge, welche die Fatholifche Kirche 
feldft nicht duldet, hat alſo mit der öffentlichen Eirchlis 
chen Refervation der fpäfern Zeit gar Feine Aehnlichkeik. 

Yon diefer aber findet man nicht nur in den erfien 
drey Jahrhunderten, fondern auch noch lange nachher 
nicht die mindefte Spur und nicht nur feine Spur von 
folcher Nefervation, wie meift jegt, zum Pomp und zur 
Schau, fondern ſelbſt nicht einmal von jener, welche zum 
Beften der Kranfen gefchieht. Denn wenn die Synode 
zu Trient fich bier, mider ihre Gewohnheit, auf einen 


* 


285 


einzelnen hiſtoriſchen Beweis einlaͤßt, und die Nicaͤniſche 
Synode für ſich anfuͤhrt, ſo kann man nicht genug er: 
ftaunen über die Unbefonnenheit, durch welche fie fich 
zu einem fo entfchiedenen Irrthum verleiten ließ. Denn 
weit entferne davon, daß diefe Kirchenverfammlung deg 
vierten Jahrhunderts die Nefervation des Abendmahls 
anerkannt oder gebilliget hätte, fo enthält der Canon y), 
auf’ den die Trienter Synode deutet, auch nicht ein 
Wort, wag fich nur irgend durch fophiftifche Subtilitäten 
dahin ziehen Tieße, daß man GSterbenden überhaupt dag 
fchon fertige und zu dieſem Behuf aufbewahrte Abend» 
mahl bringen folle. Es ift allein von Büßenden die 
Rede, welche mitten im Lauf ihrer Ponitenz vom Tode 
überrafcht noch die Theilnahme an Firchlicher Gemein- 
fchaft durch das Abendmahl begehren, alfo durchaus nicht 
von Ehriften überhaupt oder von den damals fogenann: 
ten Gläubigen in der Unterfcheidung derfelben von den 
Büßenden 2). Es folge felbft nicht einmal aus, diefer 











von den gefallenen Catechumenen. 


ıy) De his, qui ad exitum ve- 
Es wird auch ausdrüdlich darin 


niunt, etiam nunc lex antiqua 


regularisque servabitur, ita, ut 
si quis egreditur e corpore, ulti- 
mo et necessarıo viatico minime 
privetur. Quod si desperatus et 
consecums communlionem conya- 
luerit, sit inter eos, qui commu- 
nionem ovrationis tamtummodo 
consequuntur. Generaliter autem 
omni cuilibet in exitu posito et 
poscenti sibi communis gratiam 
tribui, Episcopus pıobabiliter ex 
oblatione dare debebit. Can. 13. 


z) Dieß gebt ſchon aus der gan: 
zen Stellung diefes 13. Canons 
hervor; die drey vorhergehenden 
handeln von den Gefallenen un— 
fer den Gläubigen und der uns 
miffelbas auf den 13. folgende 


perordnef, daß ſolche Kranke, der 
nen das Abendmahl gegeben wor» 
den, wenn fie gegen alle Hoffnung 
wiederbergejtellt feyn folten, algs 
dann von der Kirche nur die Wohle 
that des Gebets und der Fürbits 
te, aber nicht das Abendmahl 
mebr baben folten, was man 
nur in ſehr unverfländiger und 
verkehrfer Auslegung auf . alle 
Gläubige Dbezieben könnte. Der 
Canon verordnet auch cine eigene 
Prüfung, die der Bifchof mie fole 
chen Leuten anftellen fol, HET 
doxipanıns und mie Dionyſtus 
der Kleine es am richfigften über« 
fest episcopus cum examinatione 
oblationem impertiat. Dieſe For— 


F — 286 — 


F 


den Gefallenen geſtatteten Communion, daß man dazu— 
mal doch wenigftens zu diefem Behuf ein eignes Sa; 
crarium gehabt, worin man die geweihten Stüde für 
folche einzelne und außerordentliche Falle verfchloffen ge: 
halten und aufbewahrt hätte: denn der Natur der Sa 
che nach Fonnten die Fälle, daß folche Büßende mitten 
in ihrer Buße farben, nicht fo häufig feyn, daß man, 
zumal bey der fo häufigen faft täglichen Celebration des 
Abendmahls und neben dem immer zugänglichen Tiſche 
des Herrn nöthig gehabt hätte, eigene Behältniffe zur 
Aufbewahrung deffelben anzulegen, und daß man nicht 
von jenem; wie in der erfteren Zeit der Kirche, dag eben 
geweihte Abendmahl durch einen Presbyter oder Diaco- 
nus hätte hinſchicken köͤnnen. Wenn auch dazmifchen 
immer eine geringe Zeit verfloß, fo war es doch immer 
noch Theilnahme an dem allgemeinen Firchlichen Convi— 
vium und Feinesweges eine für Abmwefende befonders be: 
reitete und zu dieſem Behuf aufgefparte Portion, welche 
man ihnen zufommen ließ, fondern eine folche Commu: 
nion war in der That eine mit der Firchlichen zuſam— 
menhängende Fortfeßung derfelben. 

Alle einzelne Beifpiele von Fallen, wo man dag re: 





malifät war bey feinem Gläubi« 
gen üblich, fondern allein bey 
Büßenden. Wenn aber der Ca— 
non diefe Wohltbat zuſpricht ge- 
neraliter omni cuilibet in exitu 
posito, fo ift das offenbar nicht 
abfolu£ pon allen Ebrijten, ſon— 
dern allein von den Gefallenen zu 
verfteben, wie der ganze Zuſam— 
menbang zeigf. Dieß alles ift fo 
Far. daß Zonaras, Balfamon und 
unfer den Neuern Guftel, auch 
mebrere Eonzilien jenen Canon 
immer unter die Pönitenzcanonen 


geftellE haben. Welche Erififche 
Schwierigkeiten auch fonft bey der 
ganzen Reibe der Nicäniſchen Dis: 
eiplinarcanonen einfrefen mögen 
und was für einen daraus man 
fonft auch noch hieher gieben mag, 
fo läßt fi wenigitens die Aecht« 
bei£ jenes 13. nich£ leugnen. DBgl. 
le Plat in feinen Anmerfungen 
zum Chiffle£ in des erfteren Aus» 
gabe des Trident. p. 156. Riche- 
rü- Hist. Conc. gener. VI. p. 103, 
sqqg: Tillemont Mem, T. XIII. 
art. 295. P. 778. 


’ — 287 — 

ſervirte Abendmahl ausgetragen haben ſoll a), beziehen 
ſich entweder auf die gerade dazumal geſchehene Feyer 
und Genießung deſſelben, und beweiſen alſo durchaus 
nichts fuͤr eine Reſervation in der Buͤchſe, oder auf die 
Privatreſervation der einzelnen Chriſten, welche nichts 
gemein hat mit der heutigen Sitte und welche die ka— 
tholiſche Kirche ſelbſt nicht anerkennt. Dagegen giebt 
es der Spuren nicht wenige, welche zeigen, wie weit 
entfernt man davon war. Optatus von Mileve ſagt es 
ganz deutlich, auf Augenblicke nur und momentweiſe 
wohne Chriſti Leib und Blut in den Kirchen der Chri— 
ſten b). Es iſt erwieſen, daß man noch im ſechſten 
Jahrhundert die vom Abendmahlsgenuß uͤbrig gebliebe— 
nen Stuͤcke des Brodtes nicht aufbewahrte, ſondern ver— 
brannte ce) Es iſt erwieſen, daß man in anderen Kir— 
chen, wie in Conftantinopel aus alten Zeiten her. die 
Gewohnheit hatte, alle Weberbleibfel vom Abendmahl 
den kleinen Schulfindern zu genießen zu geben d). Die: 
felbe Sitte hatte man auch in Gallien, nur, daß die 





a) Bellarm. de Sacr. Euchar. 1, 


quaecunque remanere contigerit 
IV. cap. 3. p. 1001. 


inconsumpta. In Leyit. 1. II. c. 
8. Aubertin de Euch. Sacr. l. II. 
b) Da, wo er die Raferenen cc. 1. . 
der Donatijten befchreibf, welche 


die katholiſchen Kirchen verwüſte— d) Mos vetus obtinet Constan- 


fen, fag£ er: quid vos offenderat 
Christus, euius illic per certa mo- 
menta corpus et sanguis habita- 
bat? De Schismate Donatist. ]. 
VI. p. 94. 


c) Die berichtet der Presbyter 
oder Biſchof Heſychius in der Mit— 
te des 6. Jahrh. Hoc quod reli- 
quum est de carnibus et panibus 
in igne incendi praecepit. Quod 
nunc videmus etiam sensibiliter 
in Ecclesia &eri ignique tradi, 
[3 


tinopoli, ut si-quando multae 
particulae puri et immaeulatı cor- 
poris Christi Dei nostri superes- 
sent, pueri impuberes, qui scho- 
las frequentabant,, accerserentur, 
easque manducarent. Evagr. Hist. 
eccles. 1. IV. c. 35. ed. Vales. p. 
411. und er erzähle ein Wunder, 
Das daben paſſirte. Nicephorus 
Gallifti bezeugt, daß diefe Sitte 
bis auf feine Zeit zu Gonjtantis» 
nopel herrſchend geblieben. Bist. 
1. XVII. « 2% 


# 


Genießenden in folchem Fall erſt ein Faften beobachten 
mußten, und man das Brodt mit dem Wein zu benegen 
pflegte e). Es ift wahr, daß noch im fechften Jahr: 
hundert die öffentliche Firchliche Aufbewahrung der Ho: 
ftie üblich wurde, aber nicht weniger klar iſt der Aber 
glaube, der in der griechifchen Kirche zuerfi dazu Veran: 
laffung gab. Es war die fogenannte liturgia oder mis- 
sa praesanctilicatorum, welche darin beftand, daß kei— 
ne von den Geftalten des Abendmahls confecrirt, fon: 
dern die fchon früher bey der Feyer des Abendmahls 
confecrirten Zeichen ausgetheilt und genoffen wurden. In 
der Faftenzeit nämlich, als Tagen der Trauer, hielt man 
die Weihung, als ein Zeichen der Freude, für unerlaubt. 
Man findet folcher Sitte in der griechifchen Kirche zu: 
nächit erwähnt im Jahr 6gr. £), und fie ift im dieſer 
Geſtalt noch immer fehr verfchieden von der der lateini— 
ſchen Kirche, welche jeßt die aufbewahrte Hoftie nicht, 
wie die griechifche that, den Gefunden, fondern nur den 
Kranfen reicht. Die erfien ficheren Spuren von einer 
folchen Aufbewahrung der Hoftie, wie fie noc) jest ſtatt 
findet, zeigen ficy bey Burchard, der am Ende des zehn: 
ten und zu Anfang des eilften Sahrhunderts lebte, und 
man muß annehmen, daß fie dazumal, als er fchrieb, 
fchon eine geraume Zeit beftand g). Zu Carls d. Großen 

Zeit 





e) Dieß verordnefe eine Gyno» 
de zu Macon vom J. 585. unter 
dem König Guntbram. Quaecun- 
que reliquiae sacrificiorum post 
peractam missam in sacrario su- 
persederint, quarta vel sexta fe- 
ria innocentes ab 'illo, cuius in- 
terest, ad Ecclesiam adducantur 
et indicto eis jejunio easdem re- 


liquias conspersas vino percipiant. 
Conc. Matiscon. II. can. 6 


f) Conc. Trull: Quinisext. c. 52. 


g) Vt ommis presbyter habeat 
pyxidem, aut vas tanto sacramen- 
to dignum, ubi corpus domini- 
iligenter recondatur ad via- 

ticum 


cum 


— 289 — 


Zeit war diefe Sitte ſchon ziemlich ausgebildet und vom 
fiebenten Jahrhundert an ohngefähr aufgefommen. Diefe 
Zeit bis ing tiefere Mittelalter war die Uebergangspe: 
riode aus dem Glauben an die wahre reelle Gegenwart 
Chriſti im Abendmahl zu dem Glauben an eine wahre 
Verwandelung/ und immer noch leidlich war auch jener 
Gebrauch der aufbewahrten Hoftie, und in vielen Punc- 
gen verfchieden von dem fpäteren. Denn felbft von je- 
ner Zeit an bewahrte man doc) die Hoftie nur auf zu 
dem einzigen Zweck, die Kranken und Sterbenden davon 
zu fpeifen, alfo doch immer noch zum Genuß. Dieg 
war überhaupt im Abendland die nächfte und einzige 
Beranlaffung zur Aufbewahrung derfelben. jeder ande: 
ve und weitere Gebrauch ließ fid) nur bey dem Glauben 
an eine wahre Verwandelung denfen und machen. Ind 
wo ficht man auch vor Diefer Zeit, der erften fünf Fahr: 
hunderte nicht zu gedenfen, felbft nach diefen big ing 
zwoͤlfte und dreyzehnte Zahrhundert, und wie es noch 
heutiges Tages Sitte ift, die Tabernakel aufgerichter, 
um am hervorragendften Ort die gemweihte Hoftie in ei: 
ner Büchfe oder in der Monftranz der Welt zur Schau 
augzuftellen, wie fpäter die beftimmteften Vorſchriften 
darüber lauten h). Jetzt Iaffen fie vor dem Tabernafel 





ticum recedentibus a seculo ; quae 
tantum sacra oblatio intincta esse 
debet in sanguine Christi etc. 
semperque sit super altare obse- 
rata. propter mures et nefarios 
homines et de septimo in septi- 
mum diem semper mutetur, id 
‘est, illa a presbyteio sumatur et 
alia, quae eadem die consecrata 
est, in locum eius subrogetur, 
ne forte diulius reseryata mucida, 
quod absit, hat. Burchardi ma- 


gnum Decretorum volumen |. V. 
cap. 9. 


h) Curare porro debet (Paro- 
chus), ut perpetuo aliquot parti- 
culae consecratae eo nunmıero, qui 
usui infirmorum et aliorum üde- 
lium communioni ’'satis esse pos- 
sit, conserventur in pyxide ex 
sol:da decentique materia eaque 
munda et suo operculo bene clan- 
sa, albo velo cooperta et quan- 


Narbeinede Syſt. d. Katbolicigmus III. 19 


— 


Lichter brennen, wenigſtens eine Lampe bey Tag und 
Nacht A), werfen fich nieder und beten in jener Buͤchſe 
oder Monftranz die Gottheit an; bey verfchiedenen Ge: 
iegenheiten, bey der Ordination der Presbytere, bey Vers 
fertigung des heiligen Chrisma muß die Hoftie auf der 
Patene gegenwärtig feyn u. ſ. w. K). Gelbft gegen Ge 
witter, Brand, Krankheiten und dergleichen weiß der 
Aberglaube feine Hoftie gut zu gebrauchen, und die Kir: 
che ift ihm hauptfächlich darum ein fo heiliger Ort; und 
alle Gebete werden dort deswegen leichter und getviffer 
erhört, weil Gott dafelbft Teiblich vorhanden und in’ der 
Hoftie aufbewahrt ift 1). Und nicht nur erponirt wird 
fie dort bey frohen und traurigen Veranlaffangen befon- 
derer Art, fondern auch herumgetragen außer der Kirche, 
über die Gaffen, in feyerlichen Proceffionen, sur Ehre 
Gottes; mit Vortragung des Kreuzes, in der Umgebung 
von Lichtern wird fie zu den Kranken getragen und durch 
ein Glöcklein Jedermann angekündigt m). Lauter Ans 





tum res feret, ornato in taberna- 
culo clave obserato. Hoc autem 
tabernaculum conopaeo decenter 
opertum atque ab omni alia re 
vacuum, in altari majcri vel in 
alio, quod venerationi et cultui 
tanti sacramenli commodius ac 
decentius esse videatur, sit col- 
locatum. Rituale Rom. tit. de'Eu- 
char. p. 73. 


i) I. c. p- 74. 

k) Pontificale Rom. p. 37. 49. 
408. 

1) Bellarm. de Cultu Sanct. 1. 
III. 9458; 


» 
m) Deferri debet hoc sanctum 
Sacramentum ad priyatas aegro- 


tantium domos decenti habitu, su- 
perposito mundo velanıine, ma- 
nifeste atque honorifice, ante pe- 
ctus cum omni reverentia et li- 
more, semper lumine praeceden- 
te. — Ad hoc officium proces- 
surus curare debet, ut aliquot 
campanae ictibus convocentur Pa- 
rochiani seu confraternitas san- 
ctissimi Sacramenti, ubi fuerit in- 
stituta, seu alii pii Christi fide- 
les, qui sacram Eucharistiam cum 
cereis seu intortitiis comitentur 
et umbellanı seu baldachinum, 
ubi haberi potest, deferant. Vt 
aegri cubiculum mundetur et ın 
eo paretur ınensa linteo mundo 
cooperta, in qua sanctissimum 
Sacramentum decenter deponatur 
etc. — |Sacerdos indutus super- 
pellicco et stola et si haberi po- 


— 291 


ordnungen, welche ſo unzweideutig ihren Zuſammenhang 
mit der Transſubſtantiationshypotheſe und ihren Urſprung 
aus dieſer verrathen, daß es wohl Niemand mehr ein— 
fallen kann, auch nur leichte Spuren davon vor den 
mittleren Zeiten aufzuſuchen. 

Darnach iſt nun zu verſtehen und zu beurtheilen, 
was die Synode zu Trient erzaͤhlt von der aͤußerſt al— 
ten Sitte ( vetustissimus mos), die Euchariſtie aufzu— 
bewahren, auf welchen alten Urfprung fie dann auch) 
noch fo vorzüglich und ausdrücklich die Heilfeinfeit und 
Nothwendigkeit derfelden bauet n). Das ift das ge: 
rühmte Altertum diefer Seite des Katholicismus und 
die ſchoͤne Art, wie man auf der Synode den belichten 
Ausſpruch des Vincentius von Lerins befolgte, nach 
welchem nur dag Fatholifch, was immer, was allenthal- 
ben und von Allen geglaubt worden  ift. 

Aber wie haͤtte ſie nicht die Aufbewahrung der Ho— 
ſtie, als durchaus nothwendig bey ihrem Glauben an 
die Transſubſtantiation vorſchreiben ſollen, da ja aus 
dieſer noch ungleich mehr folgt und fließt, naͤmlich eine 
wahre Anbetung des Sacraments, und ſie die Hoſtie 
ſelbſt zum Theil nur in der Abſicht aufbewahrt, um ſie 
anbeten zu koͤnren. Die katholiſche Kirche erweiſet dem 
Sacrament des Altars goͤttliche Ehre und eine Anbetung, 





test, pluviali albi coloris, Acoly- 
this seu Clericis comitatus — de 
more acceptus particulas conse- 
cratas vel unam tantum — impo- 
nat in pyxide, seu parya custo- 
dia, quam proprio suo opercula 
cooperit et velum sericum super- 
imponit, ipse imposito sibi prius 
ab utroque humero oblongo velo 
decenti, utraque manu accipiat 
vas cum Sacramento et deinde 
umbellam seu baldachiaum sub- 


eat, nudo capite processurus etc, 
etc. Rituale Rom. tit, de Comm. 
infirm. p. 8i. sqgq. 


n) 1. c. u. Bellarmin fag£ fehr 
übermüfbig : Doctrina et consue- 
tude asservandae eucharistiae non 
a paucis nec pauco tempore ser- 
vata est, sed a Patribus omnium 
actatum et ab ipso Nicaeno con- 
eilio et ab omni omnino .ecclesia. 


De Euch. 1. IV. c. 5. 
1g* 


— 292 


wie fie Gott felbft gebührt 0). Und mie follte fie das 
nicht müffen, wenn fie einmal fo beflimmt angenommen 
hat, das Brodt im Abendmahl fey rein aufgegangen in 
Gott; welche Ehre und Feyerlichfeit kann und darf fie 
noch wohl fparen und nicht erzeigen dem felbft dem 
fterblichen Auge als Accidens erfcheinenden Chriſtus und 
Gott? Die proteftantifche Kirche halt imgleichen dag 
Abendmahl hoc) in Ehren und betet den in demfelbigen 
gegenwärtigen Chriftus an, als Gott und Menfch: 
denn der, welcher alda den Genießenden ſich weſentlich 
mittheilt und ſich mit ihnen innig verbindet und ih: 
nen alle Schäße der göttlichen Gnade und Liebe da: 
mit zugleich verleiht, der Erlöfer, der durch fein Blut 
die Welt mit Gott verfühnte, ift ihr ein Gegenftand der 
tiefften Anbetung. Aber diefe Empfindung, welche fich 
einzig auf den im Brodt und Wein gegenwärtigen Heis 
and bezieht, erfireckee fich nicht auf die Elemente, in 
denen er gegenwärtig ift, obgleich auch diefe allerdings, 
wegen ihrer geheimnißvollen Einigung ein Gegenftand 
aller Ehrerbiefung bleiben: denn die außere Srreverenz 
gegen das Geheiligte, die den Leib des Herrn nicht zu 
unterfcheiden weiß von jeder andern Speife, ift immer 
eines profanen Sinnes Zeichen. Der nad) ihren Grund: 
fägen bleibenden irdifchen Subſtanz aber koͤnnte fie nicht 








o) Nullas itaque dubitandi lo- 
cus relinquitur, cum omnes Chri- 
sti ideles pro more in’ catholica 
ecclesia semper recepto, latriae 
cultum, qui vero Deo debetur, 
huic sanctissimo Sacramento ın 
veneratione adhibeant. Neque 
enim ideo minus est adorandum, 
quod fuerit a Domino , ut suma- 
tur, institutum. Nam illum eun- 
dem Deum praesentem in eo ad- 


esse credimus, quem pater aeter- 
nus introducens in orbem terra- 
rum dicit: et adorent eum om- 
nes angeli Dei, quem magi pro- 
eidentes adoraverunt, quem deni- 
que in Galilaea ab Apostolis ado- 
ratum fuisse scriptura testatur. |]. 
c. Cap. 5. de cultu et veneratio- 
ne huic sanctissimo Sacramento 


\exhibenda. 


— 293 — 


ohne Idololatrie die Ehre der Anbetung erweiſen, weil es 
ſonſt ſo herauskaͤme, als wollte ſie die Anbetung, welche 
ſie dem Schoͤpfer zollt, auch auf das erſtrecken, was er 
geſchaffen hat. Nicht eine ſolche Vereinigung findet nach 
proteſtantiſcher Anſicht in der Verbindung Chriſti mit 
dem Brodt und Wein ſtatt, als die Vereinigung der 
goͤttlichen und menſchlichen Natur in der Perſon Chriſti, 
nicht eine ſolche hypoſtatiſche oder perſoͤnliche Union iſt 
im Abendmahl, wie dort, fo daß, wie bier die menſchli— 
che Natur wegen der göttlichen, fo dort die Species des 
Brodtes und Weins wegen der Vereinigung Chrifti mit 
ihnen müßten angebetet werden. Mit einer eigenen Art 
von Inconſequenz hat hingegen die Synode erſt gebo> 
ten, daß dag Ercrament mit göftlicher Verehrung zu be: 
trachten fey, und dann doch nicht efwa den Grund da; 
zu angegeben, der aus Fatholifchem Geſichtspunct der 
allein richtige ift, weil daffelbe Ehriftus felbft fey, ſon⸗ 
dern, proteftantifch, daß in demfelben (in eo) Ehriftus 
gegentwärtig ſey; marum aber verlanget fie denn nicht 
lieber, daß Erd’ und Himmel anzubeten feyen, da der 
Aligegenmärtige auch dort und Hier gegenwärtig iſt? 
Die Vaͤter zu Trient feheinen hier, beswungen von der 
geheimen Gewalt der Wahrheit, da8 Sacrament, mel; 
chem fie fo hohe Verehrung erwiefen wiſſen wollen, doch 
als verfchteden zu feßen von Chriftug, indem fie fagen, 
in demfelben, welches anzubeten, ſey Chrifius gegenwaͤr— 
tig: denn was blos in etwas ift, if auch von demjeni- 
gen, worin es iſt, verfchieden und Feinssweges einerlcy 
oder eins iſt dasjenige, was in etwas gegenwärtig iff, 
mit diefem felbft; es unterfchieden alfo hier die Väter 
zu Trient felbft noch ganz richtig die Subftanz des Brod- 
te8 von der Subſtanz des Leibes Chriſti; aber nur des 
flo anftößiger Tautet ihre Lehre von dem anzubetenden 


i 


— 294 — 


Saerament. Denn wenn die Synode felbft noch fo gut 
und genau das Sacrament felbft zu unterfcheiden wußte 
von demjenigen, der in demfelben gegenwärtig ift; fo ift fie 
auch fchlechterding® nicht zu fchügen gegen den Vorwurf 
der Brodtanbetung, welcher doch der ächten Fatholifchen 
Lehre, welche die Anbetung des Sacraments aug einer 
reinen Verwandelung des Brodtes herleitet und durch 
diefe begründet, nicht entſtehen oder gemacht werden 
kann, wie oft es auch aus proteftantifcher Polemif mag- 


sefchehen feyn. 


Denn Artolatrie läßt fich mit feinem 


Decht die ächte Fatholifche Lehre nennen, welche dafür 
hält, daß durchaus nichts von dem Weſen des Brodtes 
in der DBerwandelung übrig bleist p). - Nicht weniger 
fiheint man auch zu Trient gefühlt zu haben, wie wis 
derfprechend aller Vernunft und Schrift die Forderung 
ift, das anzubeten, was genoffen werden joll, was dem 
ganzen Geift der Einfeßung nach allein auf den münd: 
lichen Genuß gefiftet worden war q). Und— doch iſt eg 





p) Auf eine ähnliche Inconſe— 
quenz, als die der Ennode kommt 
auch Bellarmin beraus, obnleich 
er Anfangs die katholiſche Lehre 
richtiger porzufragen ſcheint. Me- 
ra calumnia est, jag£ er Catho- 
lici enim cum negent, panem im 
Sacramento remanere, quomodo 
possent asserere @eroAu@rgeiar 
id est, panis adoratıonem? Ne- 
que ullus Catholicus est, qui do- 
ceat, ipsa symbola externa per 
se et proprie esse adoranda cultu 
latriae, sed solum veneranda cul- 
tu quodam minore, qui omnibus 
Sacramentis convenit, cultu au- 
tem Jatriae dicimus per se et pro- 
prie Chrisium esse adorandum 
et cam adorationem ad symbola 
etiam panis et vini pertinere, qua- 
tenus apprehenduntur ut quid 


unum cum !pso Christo, quem con- 
tinent. Quemadmodum qui Chri- 
stum in terris vestitum adorabant, 
non ipsum solum, sed etiam ve- 
stes quodammodo adorabanı, ne- 
que enim jubebant eum vestibus 
nudarı antequam adorarent, aut 
animo et cogitalione separabant 
a vestibus, cum adorarent: sed 
simpliciter Christum, ut tunc se 
habebat, adorabant; tametsi ra- 
tio adorandi non erant vestes, 
imo nec ipsa humanitas, sed so- 
la divinitas. De Sacram. Euchar. 
1. IV. cap. 29. p. 1274. 


q) — Neque ideo minus est 
adorandum, quod fuerit a Chri- 
sto Domino, ut sumatur, institi;- 
tum |]. c. 


felöft nicht einmal der Genuß, womit e8 die Fatholifche 
Kirche bey ihrer Anbetung des Abendmahls bewenden 
läßt; fondern für das Sacrament außer dem Genuffe, 
bey feiner Ausftellung, bey öffentlichen Umgängen fodert 
fie diefe Anbetung r). Nein an und für fich felbft betrach— 
tet ift die Hoftie ihr ein Gegenfiand der Aboration. Kein 
Zeichen der Ehre und Anbetung hat die Andacht in ih— 
rer Gewalt; welches fie niche in der Naͤhe der Hoftie 
feben ließe. Geraͤuſch- und prachtvolf iſt jede Art von 
Zuräftung und Umgebung, wenn dag Hochtwürdigfie er 
ſcheinen fol. Und ließe ſich auch wohl irgend eine Fey 
erlichfeit zu prächtig und Foftbar, irgend eine Anbetung 
zu weit getrieben oder irgend eine Vorſicht zu aͤngſt— 
lic) s) denfen, ift man einmal überzeugt, der Heiland 





gmenta cum patena, si qua sint 
in ea; patenam quoque diligenter 
cum pollice et indice dexträe ma- 
nus super calicem extergere et 
ipsos digitos, ne quid fragmen- 
torum in eis remaneat; und hat 


r) Si quis dixerit in S. Eucha- 
ristiae Scramento Christum uni- 
genitum Dei Filium non esse cul- 
tu latriae 'etiam externo adoran- 
dum arque ideo nec festiva pecu- 
lari celebritate venerandum, ne- 
que in processionibus secundum er dann der Kelch cum particula 
laudabilem et universslem eccle- in eo posita zu ficb genommen, 
siae sanctae ritum et consuetudi- fo fol er vino in calicem infuso 
nem solenniter circumgestandum, se purilicare, deinde vino et aqua 
vel non publice, ut adoretur, abluere pollices er indices super 


populo proponendum et eius ado- 
ratores esse idolatras, anathema 
sit. He" Can:.6: 


s) San; angemefen ift 3. 3. 
die ängſtliche Vorſicht, weldye vor— 
geſchrieben iſt, zu verhüten, daß 
etwas von dem Brodt und Wein 
auf eine unwürdige Art betaſtet 
werde oder zur Erde falle. Aengſt— 
Lich ift die aanze in den Miſſa— 
lien porgefchriebene Art, mit dein 
Abendmahl um;ugebn. Hat z. 2. 
der Priefter endlich nach langen 
Gerimonien die Hoftie genommen, 
fo fol er noch accipere patenam, 
inspicere corporale, colligere fra- 


calicem eosque abstergere purifi- 
catorio — hernach auch ablutio- 
nem sumere et extergere eos et 
calicem purificatorio. Go angſt—⸗ 
lich gebt es audy bei der Commu— 
nion der Layen und Kleriker ber, 
wobey es am Ende heiße, fie fol» 
Ien nicht fogleich die Kirche ver— 
laffen, mit Niemanden reden, vder 
wild mit den Augen untberfchaus 
en oder nusfpeien, nichts Iefen 
aus dem Brevier, ne sacramenlti 
species de ore decidant. Begegnet 
ober einmal cin Unglüd, bricht fich 
3: B. Der Priejter die genommene 
Hoftie wieder aus, fb ift er ver= 
bunden, eam, si species integrae 


* 


— 296 


der Welt, Gott felbft fey da in folcher Geftalt? Der 
Geift des Katholicismus und Proteftantigmug, bier in 
fo verfchiedenen Bahnen und Nichtungen begriffen, folgt 
auch im der Art der Foyer und Ehre des Abendmahle 
der einem jeden von beiden entiprechenden und fo ent: 
gegengefeßten Anficht. Jener begnüger fich nicht, wie 
diefer, mit der innern, geiftigen, unfichtbaren Erhebung 
der Herzen zu Gott, mit einer ſtummen und ftillen, aber 
innerlich großen und glühenden Andacht im Genuffe des 
heiligen Abendmahls; fondern er will fie auch Außerlich 
fehen und wiederglängen an Anderen, ev will fie einfleiz 
den in Silber und Gold und Seide, er will Hände, 
Kniee und Leiber dabey in Bewegung erblicken, er will 
auch fehöne Gewaͤnder dabey haben, Lichter, Fahnen, 
Mufif und Kanonen, da hingegen bey folchem Geräufch 
ein profeftantifches Herz nicht beten kann. 

Auch für diefe Sitte beruft fich die Synode zu Trient 
fo obenhin und Außerft ungrändlich auf das Fatholifche 
Alterthum, und nennt fie eine jederzeit üblich geweſene 
(pro more in ecclesia catholica semper recepto); 
da fich doch vor der Zeit der Einführung ihrer Trans: 
fubftantiationshppothefe auch nicht ein einziges unmider; 
fprechlicy helles Zeugniß oder zwingendes Beifpiel da— 





appareant , revereuter sumere. sub abrasio huiusmodi in sacra- 


Widerſteht diefes aus Ekel feiner 
Natur, tunc species consecratae 
caute separentur et in aliquo lo- 
co sacro reponantur, donec cor- 
rumpantur ef postea ın sacrarıum 
proliciantur. Quod si species non 
appareant, comburatur vomitus 
et cıneres In sacrarıum mittan- 
tur. — Si hostia consecrata vel 
aliqua eius particula dilabatur in 
terram, reverenter accipiatur et 
locus, ubi cecidit, mundetur er 
aliquantulum abıadatur et pulvis 


rıum immittantur. Si reciderit ex- 
tra corporale in mappam seu alio 
quovis modo in aliquod linteum, 
mappa vel linteum eiusmodi dili- 
genter lavetur, et lotio ipsa in 
sacrarium effundatur. Iſt ein Tror 
pfen des Abendmablsweins ver» 
ſchüttet, fo fol der Priejter es 
aufleden u. ſ. w. Missale Rom. 
tit. de ritib. celebr. miss. c. 10. 
tit. de Euch. Sacr. p. 75. de de- 
fectibus Miss. c. 10. 


von anführen läßtt). Sm graneften Altertum der Kir: 
che und in der Zeit des ſchoͤnſten und veinften Glaubens 
an Chriſtum, den Gottesfohn, findet fich nichts von ei- 
ner Anbetung des Brodtes und Weins im Abendmahl: 
denn das hatte weder der Herr gefodert, der daſſelbe 
eingefegt; noch der Apoftel die Chriften gelehrt. Wie 
wenig befremdend auch diefen nach ihrer vormaligen Ne: 
ligion feyn mochte, Gott in Menfchengeftalt zu erblicken 
und anzubeten: denn der Jude hatte ihn wandeln fehen 
‚in Menfchengeftalt in feinem alten Bunde, und der Heiz 
de hatte ihn angebster in menſchlicher Figur von Stein 
und Marmor; doch hatte weder das Judenthum, noch 
das Heidenthum durch etwas Aehnliches fie darauf vor; 
bereitet, daß fie im Chriftenthum Gott in der Geftalt 
des Drodtes und Weins anbeten lernen follten. Eine 
fo neue, allen menfchlichen Borftellungen zumiderlaufen: 
de Lehre hätte wohl in den heiligen Schriften wenig— 
fiens einen Ausdruck verdient, wovon fich doch nicht die 
leiſeſte Spur entdecken läßt. Daß das Abendmahl und 
das Brodt insbefondere der Leib des Herrn heißt, zwins 
get noch nicht zur Anbetung jenes Brodtes; denn aud) 
die Kirche wird alfo genannt, welche doch Fein Bernünf: 





t) Dieß geftebt aud ganz ehr- melde Unterfuhung ſich jedoch 


lieh der Cardinal Bona rer. li— 
turg. 1. II. c. 13. Diefer Gegen» 
ftand ift überhaupt mit Anfüb- 
rung, Prüfung und forgfältiger 
Entwidelung aller bicher gehö— 
renden Ötellen der Kirchenväter 
Bereifs aufs gründlichfte behan— 
delt worden und erfihöpft bey 
Hospinian Hist. Sacrament, J. 

V. c. 8. p. 475. sqq. Albertin. de 
sacra euchar. ]. Ii. p. 432. Dal- 
laeus adversus Latinorum de cult. 
relig. objecto trad. ]. II. p. 216. 


nur anf die erſten drey Jahrhun— 
derfe erſtreckt, forfgefegt binges 
gen in der Schrift: de Cultribus 
relig. Latinor. ]. III. c. 20. sqq. 
l. VII. tot. Larroque Hist. euchar. 
P.I.c. 9. Guilelm. de Lith dis- 
quis. theol. er hist. de adoratione 
panis conseer, etc. c. I. sqq. und 
Jac. Basnage Hist. de l’eg). J. VII. 
p- 967. meift wörtlich überfegt von 
Cramer in der Fortf. von Bofß 
fuet. 


— 208 — 


tiger deswegen anbeten wird. Kein Wort erzählt Juſti⸗ 
nus, der hundert Jahre ohngefähr nach Paulus die ganze 
Senerlichkeit des Abendmahls befchreibt, von einer fol 
chen Udoration. Keiner der andern Firchlichen Schrift: 
ftelfer erwähnt derfelben. Selbſt die Heiden und die 
gelsprteften Gegner des Chriftenthums, die doch Alles 
zufammenfuchten, dem Leben und der £ehre der Chriften 
einen böfen Namen zu machen, werfen ihnen nicht vor, 
daß fie Brodt als ihren Gott verehrt und verzehrt. 
Vielmehr und umgefehrt machen fie, die Chriften, den 
Heiden folchen Vorwurf, daß fie verzehrten, was fie zuvor 
angebetet: was doch wohl fchwerlich die Chriften geſagt 
haben würden, wäre bey ihnen felbft die Anbetung des 
Sacraments gebräuchlich gemwefen u). Nachdem feit dem 
vierten Jahrhundert die Lehre von einer wwefentlichen 
und körperlichen Gegenwart Chrifti im Abendmahl immer 
mehr und mehr durchgedrungen war aus dem Glauben 
der Chriften in die theologifchen Darftellung, wird zwar 
nicht felten auch der Anbetung Ehrifti gedacht, der mit 
den fichtbaren Zeichen des Brodtes und Weins verei- 
nigt im Abendmahl genoffen wird, und in den rhetori- 
fhen Darfielungen eines Ambroſius und Chryſoſtomus 
auch die Verehrung Chriſti im Sacrament dem Mate: 
riellen des Abendmahls fo nahe gerückt, als er felbft 
mit diefen vereinigte gedacht wurde; doc daß damit 


nicht eine wahre Anbetung des Sacraments gemeint und. 


Brodt und Wein im Abendmahl nicht als Chriſtus an: 
betungswuͤrdig vorgeftellt werden follte, dafür bürgt al: 
fein die fonft genug begründete Gewißheit, daß man bei: 





u) Tu mactas ovem et eandem Boum capita et ca ita vervevicum 
adoras. Tat:ani Orat. conıra Grae- et immolatis et colitis. Minut. Fe- 
eos; in Just. M. Opp. p- 197. lix in Octav. p. 86. 


des; Chriftum und das Materielle des Abendmahlg, wie 
vereinigte mit diefem, fo auch wiederum verfchieden von 
dieſem zu denfen und beide auch aus einander zu hal- 
fen wußte. Denn fo verfchieden die Anberung Chrifti 
im Sacrament; -wie fie die Iutherifche Lehre mit fich 
bringt; immer noch ift und bleibt von der Anbetung 
Chriſti als Sacrament oder unter der fiheinbaren Ge: 
fiale des Brodtes, fo verfchieden ift auc) die Gefinnung 
der Kirchenväter diefer Zeit von der der fpätern, und 
nachdem die Transiubftantiationshppothefe herrfchend ge- 
worden war. Alle, felbft die der Fatholifchen Lehre guͤn— 
ſtigſten Ausfprüche der Kirchenväter dieſer Zeit beweifen 
nur für die Anbetung Ehrifti, an welcher Niemand zweis 
felt und worüber fein Streit obwaltet, fie bemweifen für 
eine Anbetung des Leibes Ehrifti, den auch die Mager, 
tie Chryfoftomus fagt, anbeteten, und fie beweifen für 
eine folche Adoration aud) im Abendmahl, wo er gang 
befonders und verbunden mit den reellen Subftangen deg 
Brodtes und Weins gegenwärtig feyn zu tollen verheis 
gen hat; nicht aber für eine Anbetung des Sacramentg, 
die nur möglich ift in und mit dem Glauben an eine 
wahre DBerwandelung w). Dis diefe Eghre eingeführt 
mar, vernimme man felbft weder von den Heiden, nicht 
einmal vom Kaifer Julianus, noch von den Ketzern, 
welche nicht blos gegen die reine und lautere Lehre, fon: 
dern auch gegen die anftößigen Irrthuͤmer und Gewohn⸗ 
heiten ſich auflehnten, kein Wort des Vorwurfs gegen 
eine Anbetung Gottes als Sacrament oder in der Schein⸗ 





w) Ambros. de Sp. S. J. JII. ec. nor. der auch felbft diefes nicht 
ı2. Chrysost. Hom. 24. in ı Cor. einmal einräumen will nad ſei— 
De Sacerd. I. IV. c. 4. DBergl. nen reformirten Grundfägen. |, 
Dallaeus de Cultibus relig. Lati- VII. cap. r— 22. £ 


— 300 — 


geftalt des Brodtes, was fie doch ficher nicht ver äumt 
ud unterlaffen haben würden, waͤre irgendwo in der 
erthodoren Kirche folche Lehre und Gewohnheit herr: 
ſchend geweſen, wie es auch die nicht verfaumten und 
unterliegen, welche gegen die Kirche aufftanden, als jene 
anftößige Sitte und Lehre endlich wirklich eingeführt 
war. Waldenfer und Perrobrufianer, Begharden und 
Beguinen, Wiclefiten und Huffiten verwarfen mit glei: 
dem Haß die Transfubftantiation und Adoration der 
Hoftie, als die Argfte Abgötterey. Wo ift in jener alten 
Chriftenzeit wohl eine Spur von allen den bunten und 
gehauften Zeichen der Anbetung des Sacramentg, von 
jenen Lichtern und Blumen, von Weihrauchdüften, vom 
Tiederfallen und Knieen, womit man jeßt überall den 
Leib, des Herrn empfaͤngt als die erfiheinende Gottheit 
feiöft x). Wo finder man im chriftlichen Alterthum 
dies Zufammenftrömen de8 Volks um das Sacrament, 
ohne es doch zu genießen und bloß in der Abficht, um 
demfelben die Ehre der Anbetung zu bezeigen? Juſtinus 
fagt an der ſchon oft angeführten Stelle, die Diuconen 
hätten Jedem der Gegenwärtigen (exasro) das heili— 
ge Abendmahl gereicht und es felbft den Abwefenden’ 





Zeit pflegfen Deo offerre optimam 


a x) Die Eiffe, durch viele bren« 
nende Lichter am hellen Tag die 
Jtäbe des Seiligtbums, in wel 
chem nach dem gewöhnlichen Aus: 
drud Soft rubef, zu erleuch» 
ten und mit Weibrauch zu be» 
räuchern, iſt, wie fo vieles in dies 
feın Felde, dem Heidentbum nach: 
geabme. Zertullian verlacht ei» 
nen ähnlichen Gebrauch der Sei: 
den mit den Worten: Accendant 
quotidie lucernas, quibus lux nul- 
la est. De Idolol. c. 5. Go fagt 
er auch, mie die Chriſten feiner 


et majorem hostiam, quam ipse 
mandavyit, oratiionem, de carne 
pudica, de anima innocenti, de 
Spiritu S. profectam, non 5 
thuris unius assis, non arabicae 
arboris lacrymas. Apologet. c. 30. 
42. Sacrıficamus pro salute impe- 
ratoris, sed Deo nostro et ipsius, 
sed quomodo praecepit Deus, pu- 
ra prece. ad Scap. c. 2. wo Nigal» 
fius das pura prece ganz rıdrig 
erlaufert durch absque thure et 
vıctlıma. 


301 


hingetvagen y). Wo findet man ferner in jener alten 
Zeit, daß eigene Gebete und Dankſagungen gerichtet wor: 
den wären an den Gott als Sacrament, von denen jetzt 
die alten Breviere und Miſſalien vol find 2)? Jetzt 
ift nicht nur unerlaubte und ſcharf verboten, zum Abend: 
mahl zu gehen und ſchon vorher etwas gegeffen zu ha— 
ben, fondern auch die geweihte Hoftie nur zu berühren 
mit den Fingern oder fich felbfi in den Mund zu Jegen, 
oder etwas davon mitzunehmen nad) Haus, welches Al: 
les in der alten Kirche erlaubt war und zum Theil all: 
gemeine Gewohnheit. Auf das gegebene Zeichen der 
Elevation der Hoftie fällt Jedermann zu Boden; in der 
alten Kirche beftand die Elevation allein in der der Her: 
zen: denn ganz gewöhnlich war, daß der dag Abendmahl 
feyernde Briefter mit der wahrhaft erhebenden Acclama- 
tion begann; erhebt die Herzen (sursum corda), ter: 
auf dann die Gemeinde antwortete: wir haben es ge 
than (habemus ad Dominum). Einer Elevation der 
Hoftie gedenfer weder die heilige Schrift, noch Juſtinus, 
Cyprianus oder fonft einer der Väter a). est gefchieht 





y) Wieweit man in neuerer da fagf, der Konfecrirende brin« 


Zeif hierin fih von dem Alterthum 
enffernf, ‚ba£ felbjt der Berfaffer 
des Nlicrologus eingeftanvden, der 
die Differenz ausdrüdlich angieb£ 
und fagf: soli communicantes 
confectioni- Sacramentorum anti- 
quitus intererant. In M. Bibl. PP. 
X. p. 745. aud) Gajjander, der die 
alfe Gifte der neuen vorzieht. 
Liturg. c. 26. 


z) Glossa ad Decretal. Greg. 1. 
III. tit. 4r. de miss. celebr. c. 10. 


a) Wenn Dionpfius des Ureop. 
Zeugniß etwas gelten fol, der 


ae, mas er confectire, zum Anblick 
um oyiW days TE veınusa, 
de hierarchia eccles. c, 3. p. 296.® 
fo wollte er damif nur fagen, es 
merde dargefiellt und gezsig£ nad 
Begnabme des Ödleiers de Lith. 
l. e. p. 19. sqq.- So perbält es 
ſich auch mie der aradsıfız FTou 
@egrouU Ts — —— za Tov 
FwoTnelov TNS EvAoyiaz, von wel« 
eher Safilius fpricht de Sp. S. 
cap. 27. Denn diefe Dftenfion war 
immer noch feine Elevation. zur 
Advrafion, fondern die Confecra» 
tion felbft. 


— 302 — 


die Elevation in der katholiſchen Kirche nur wegen der 
Anbetung, woran durch ein Gloͤcklein beſonders erinnert 
wird, und Alles iſt, wie jede Bewegung dabey, aufs ge— 
naueſte vorgeſchrieben b). Noch im achten Jahrhun— 
dert dachte Niemand daran, daß die ſchon dazumal ein— 
gefuͤhrte Elevation der Hoſtie auch ein Zeichen der Ado— 
ration ſeyn koͤnne und eine Aufforderung dazu: denn 
Germanus, der Patriarch von Conſtantinopel, giebt nur 
den Grund davon an, daß durch ſolche Elevation Chri— 
ſti Erhebung ang Kreuz, und deſſelben Tod und Aufer, 
fiehung finnbildlicy angedeutet werden c), und folche 
Bedeutung giebt ihr auch noch Ivo von Chartreg, der 
gegen das Ende des eilften Zahıhund. in der Iateinifchen 
Kirche zuerft einer Elevation Erwähnung thut d). Erft 
Durandus führee unter mehreren Urfachen der Elevation 
auch die an, daß das Volk dadurch an die fchuldige 
Anbetung erinnert werden fole e). Schwerlich war in 





b) Bom Papft Sonorius IN. 
ohngefäbr vom F. 1286. baf man 
eine Berordnung Darüber im den 
Decretalen Gregors IX, Ne prop- 


e) — Quinto hostia elevatur, 
ut populus non praeveniens con- 
secrationem , sed ex hoc cognos- 
cens eam factam et Christus su- 


ter incuriam sacerdotum diyina 
indienatio gravius exardescat, di- 
stricte praecipiendo mandamus, 
quatenus a sacerdotibus Euchari- 
stia in loco singulari — conser- 
vetur. Sacerdos vero quilibet fre- 
quenter doceat plebem suam, ut 
cum in celebratione Missarum ele- 
vatur hosfia salutaris, se reve- 
‚ renter inclinet, idem faciens, cum 
eam defert ad infirmum. 1]. Iil. 
tit. 41. c. 10. de celebr. miss. cfr. 
Missal. in rita celebr. missae $. 8. 


c) M. Bibl. PP. II. p. 163. 
d) De Sacrif. missae epist. in 


M. Bibl. PP. II. p. 602. XU. p. 
407. X. p. 586. u. 1408. 


per altare venisse, reverenter ad 
terram prosternatur. Durandi Ra- 
tionale div. officior. 1. IV. de 6. 
part. Can. p. 65. Und als dann 
die Transfubftantiationslebre fei« 
erlich agnoscirt war, befabl Ddo 
von Paris nob im nämlichen 
Sabrbundert: freqgenter mone- 
antur laici, ut ubicunque viderint 
deferre corpus domini, statim ge- 
nua flectant tanguam Domino et 
creatori suo et junctis manibus, 
quoad usque transierit, orent. M. 
Bibl. PP. VI. p. 4ır. Der Cardi- 
nal Suido von Cölln war es, der 
die Sitte zuerft in Deutfchland 
einführte. Bona de reb. liturg. U. 
c. 15. P. 567. 


.. 908 — 


der Iateinifchen Kirche vor dem eilften Jahrhundert die 
Elevation mit der Adoration in folche Verbindung ge- 
bracht £). Nach der heutigen Sitte wird dann durch) 
Glocken nicht nur den Gegenmwärtigen, fondern auch den 
Abwefenden ein Zeichen gegeben von dem Moment der 
Elevation, und Alle, die e8 hören, mögen fie auch in 
den fremdartigften Gefchaften, im Spiel oder Scherz ber 
griffen, allein mit fich felbft feyn oder mit andern ſich 
unterhalten, fangen an fogleich, wie außer fich, ſich zu 
bewegen, fich zu befreugen, auch wohl zu knieen und alle 
Zeichen der Anbetung an fich blicken zu laffen — wel 
ches Alles unerhört war bis auf tauſend Sabre ber 
Ehriftenheit. 

Aus der Transſubſtantiationshypotheſe entwickelte end» 
lich fich noch ein eigenes Feft zu Ehren des Sacraments 
und von großer Feyerlichkeit. Ueberzeugt, Gott felbft ſey 
dag, was ung als Brodt erfcheint im Abendmahl, Fonn- 
te die Kirche den Kreis der hieraus fließenden Vorſtel— 
lungen nicht eher für vollendet abgefchloffen halten, als 
bis ein,eignes Feſt, dem Leibe des Herrn allein gewid— 
met, erfunden war, und welches andere konnte dem neus 
erfundenen fich gleich fellen an großer Bedeutung und 
Wichtigkeit? Das feit dem dreyzehnten Jahrhundert ge 
feyerte Soft zur Ehre des Leibes Ehrifti oder dag Frohn— 
leichnamsfeft (Festum corporis Christi) ift von der . 
Spnode zu Trient ausdrücklich beftätigt worden, doch 





f) Wie denn felbft Bona fagf, 
es laſſe fih "nicht nachweifen, 
mann eigentlich zur Gonfecrafion 
auch die Glevation hinzugekom— 
men. Nec enim liquet, quae pri- 
ma origo fuerit in ecclesia latina 
elevandi sacra mysteria statim ac 
consecrata sunt; in antiquis enim 


sacramentorum libris et in codi- 
cibus ordinis romani tam excus- 
sis quam mscplis, nec in priscis 
rituum expositoribus , Alcuino, 
Amalrico, Walfrido, Micrologo 
ei aliis aliqued eius vestigium re- 
Baer De reb. liturg. 1. c. p. 
7173. . 


mit der Bemerkung, daß diefe fromme Gitte erft fpäter 
in der Kirche aufgefommen fey 8). Das Feft ging 
zwar in fomweit ganz richtig und nothwendig aus dem 
Geifte der neuen Anficht hervor, die man einmal vom 
Abendmahl aufgefaßt: doch waren e8 zunachft die Of: 
fenbarungen zweyer entzückter Nonnen, Juliana und Iſa— 
bella, durch die verfündige wurde, daß nur diefes Feft 
der Kirche noch fehle h), wodurch zuerft Papft Urba- 
nus IV., der damals noch als Archidiaconus Jacob zu 
Lüttich ftand, fich fo erbauet fand, daß er nachher als 
Papſt im Jahr 1264 in einer eigenen Bulle ein Feft 
diefer Are zu feyern der ganzen Kirche anbefahl i). Doch 
über der Vollſtreckung dieſes Befehls farb Urban hin: 
weg, und erft Clemens V. übernahm es, durch) eine ei- 
gene Wiederhohlung jener Bulle im Jahr 1311 dag Feft 
in der ganzen lateinifchen Kirche einzuführen kK). Saft 
jede folgende Zeit hat neue Verzierungen dabey ange: 


g) — Declarat praeterea S. Sy- 
nodus, pie et religiose admodum 
in Dei ecclesia inductum fuisse 
hunc morem, ut singulis annis 
peculiari quodam et Festo die 
praecelsum hoc venerabile sacra- 
mentunı singuları veneratione ac 
solennirate celebraretur atque in 
processionibus reverenter ac ho- 
norifice illud per vias et loca pu- 
blica eircumferretur. Aequissimum 
est enim, sacros aliquos statutos 
esse dies cum Christianı omnes 
singulari ac rara quadam signih- 
catione gratos et memiores testen- 
tur animos erga communem Do- 
minum et Redeıntorem pro tam 
ineffabili et plane divino benefi- 
cio, quo mortis eius victoria et 
triumphus repraesentatur. Ac sic 
quidem oportuit yictricem verita- 


bracht 





tem de mendacio et haeresi tri- 
umphum agere, ut eius adversa- 
rii in-conspectu tanti splendoris 
et ım tanta universae ecclesiae lae- 
titia positi, vel debilitati et fracti 
tabescant vel pudore affecti et 
confusı aliquando resipiscant, 1. c. 
Cap. 5: 


h) Die ganze Viſionsgeſchichte 
don mebrern Prodıgien begleitet, 
wird erzählt von dem Fortſetzer 
des Baronius, von Bzovius, An- 
nal. ad a. 1230. 


i) Magnum Bullar. Rom. I. p. 
140. sgg. 
k) Clem. ]. II. tit. 16. de re- 


liq. et venerat. sanctor. cap. un. p. 
1080. ed. Boehmer. 


m. 304 = 


bracht und die willführlichften Zufäge dazu gethan 1). 
Diefe öffentliche und laute Verherrlichung und Anbetung 
der Hoftie mit großem Pomp über die Gaffen getragen, 
fol eine Abbildung des Triumphs Chrifti feyn über Tod 
und Grab. Als einen wichtigen Nebenzweck von diefer 
Feyerlichkeit giebt die Synode zu Trient die Befchämung 
der Keßer an und es Fann feyn, was Benedict XIV. 
vermuthet, daß e8 hauptſaͤchlich eingeführt worden, um 
die Reſte der Berengarifchen Ketzerey dadurch deſto ge: 
wiffer zu vertilgen, obgleich davon in der Bulle von Ur; 
ban und Clemens nichts ausdrücklich vorfommt m). 
Soviel fieht Jeder ein, daß diefes bunte Gepränge auf 
den Straßen einen gemwiffen Uebermuth, Troß und Hohn 
verräth, aber eben deswegen nicht fonderlich geeignet ift, 
die Keger zu beſchaͤmen, die da immer fo ungebührlich 
fragen, warum man von allen diefen Dingen nichts ge: 
wußt in den erften taufend Jahren der chriftlichen Kirche. 





I) Prosp. Lambertini (P. Bene: 
dict XIV.) Commentar. de Dom. 
nostri Jesu Christi eiusque matris 
festis I. p. 2ıı. 


m) Ben Urban beißf es bloß 
im Allgemeinen: Licet igitur hoc 
memoriale Sacramentum in quo- 


Marbeinede Gpft. d. Katholicismug. LIT, 


tidianis missarum solemniis fre- 
quentetur, conveniens tamen ar- 
bitramur et dignum, ut de ipso 
salteın semel in anno ad confun- 
dendam_ specialiter haereticorum 
perfidiam et insaniam, memoria 
— ot celebrior habeatur. 
ac 


20 ‘ 


— 5306 — 


Viren Ray An 





Kortferung vom Sacrament des Abendmahls; von der Commu— 
nion, Concomitanz und Kelchentziehuna. 


— 


Das dag heilige Abendmahl feiner nächften und urfprüng» 
lichen Beftimmung nad) zum Genuß und zur Speiſung 
der Gläubigen dienen folte, Teugnet auch die Fatholifdye 
Kirche nicht; wie viele andere, nähere oder entferntere 
Zwecke fte fonft auch noch demfelben unterlegen mag: 
denn fie hat fogar, was die proteftantifche Kirche aus 
vielen Gründen verworfen, ein eigenes Gefeß gegeben 
über -die Zeit; innerhalb welcher ein Ehrift nothmwendi: 
gerweife und vorfchriftmäßig es genoffen haben muß, 
Sie hat ihre Gläubigen an dag Gebot gebunden, daß 
fie des Jahres einmal, wenigftens am DOfterfeft, fich zum 
Abendmahlsgenuffe einfinden follen a); da hingegen Die: 
fes im Proteſtantismus einem Sjeden nach feinem Bes 
duͤrfniß durchaus frey gelaffen iſt. Nach Ehrifti Be 
fehl: fo oft ihr davon effet und trinfer, den Paulus 
sweimal wiederhohlt ı Cor. 11, 25. 26. hat man hier 
nicht nur feinem eigenen Tag zum Genuß des heiligen 
Abendmahls beſtimmen zu Dürfen geglaubt, fondern auc) 
gefürchtet; daß, fo man einen Außerften Termin der Com: 





a) Si quis megaverit, omnes et saltem in Paschate, ad sommuni- 
singulos Christi fideles utriusque candum, juxta praeceptum s. ma- 
sexus, cum ad annos discretionis tris ecclesiae, anathema sit. Sess. 
pervenerint, teneri singulis annis, XIII. can. 9. 


— 307 — 


munion vorfchriebe, man ebendamit die Gläubigen vom 
öftern Genuffe abhalten und das Beduͤrfnißgefuͤhl zu 
fehr befchränfen möchte. Es hat auch jet in der That 
das Anfehen, als ob Katholiken in der Regel ‚weit 
weniger aus freyem Trieb und Bedürfniß, als blos aug 
Gehorfam gegen die VBorfchrift der Kirche das heilige 
Abendmahl wenigftens einmal des Jahrs genießen, und 
dieß war auch dem ganzen Geifte der Verordnung nach 
der Gefichtspunet, auf welchen fie die Welt fielen woll— 
te b). Es war auch hier, wie fonft fo oft, wo ihre 
genaueren DVorfchriften als Befchranfungen des Gewif: 
ſens und chriftlicher Freyheit erfcheinen, nur die an fich 
keinesweges tadelnswürdige Abficht der Kirche, das in: 
nere religiöfe Leben der Chriſten durch ein fefles Band 
dem öffentlichen der Kirche zu verfnüpfen und mit die 
fem in eins zuiammengehen zu laffen. Zu einer Zeit, 
100 der innere religiöfe Trieb an fich felbft noch fo rege 
und das Bedürfnig der Theilnahme am firchlichen Bun- 
de nod) fo lebendig war, konnte wohl eine Vorſchrift 
über den aAußerften Termin der Communion leicht als 
eine Beſchraͤnkung erfcheinen; auch fallt der Kirche im— 
mer zur Laft, daß fie, ftatt ihre Chriften anzulocken und 
aufzumuntern zum fleißigen Genuß des heiligen Abend: . 
mahls, einer üftern Communion, als der einmaligen im 








b) Mit der Wendung, melde 
die Gpnode in ihrem Ganon ge: 
Braucht: nach der Borfchrift der 
heiligen Mutter, der Kirche, ziel£ 
fie auf den befaunfen Canon von 
Sinnocenz III. Omnis utriusque se- 
xus fideles, postquam ad annos 
discretionis pervenerit, omnia sua 
solus peccaıa conliteatur Äideliter, 
saltem semel in anno, proprio 


sacerdoti et injunctam sibi poe- 
nitentiam studeat pro viribus ad- 
implere , suscipiens reverenter 
non minus in pascha eucharistiae 
sacramentum: nisi forte de pro- 
prio sacerdotis consilio, ob ali- 
quam rationabilem caussam ad 
tempus ab eiusmodi perceptione 
duxerit abstinendum. Conc. Later. 


IV. can. 31. Hard. VII. p. 35. 


20* 


— 305 — 


Jahr nur auf eine fo unbeſtimmte und zweydeutige Art 
mit dem Ausdruck? wenigftens erwahnt und nahe genug 
war der Wahnglaube gelegt, daß einer bey mehr als - 
einmaligem Genuß im Jahr auch mehr thue, als bie 
Kirche ſelbſt von ihm verlangt; und alfo hier fchon ein 
Berdienft der guten Werfe eintrete. Wenn man ober 
auch zugiebt, daß in Zeiten, wo auf Einmwirfung fo vie: 
ler Umftände das Band der Privatreligion und der oͤf⸗— 
‚ fentlichen evfchlafft ift, eine Verordnung diefer Art von 
guter und heilfamer Wirfung feyn Fann, fo muß man 
doch zugleich geftehn, daß eine folche Vorſchrift nur im 
Katholicismus zuläaffig, auf den Gebiete des Proteftans 
tismus hingegen durchaus Fein Platz dafür auszumittelu 
if. Denn wo dag Vertrauen auf die Kraft und Staͤr— 
fe jenes Bandes und der Glaube an eine Gewalt und 
Befugniß, fo zu binden felbft nicht ift, kann ſich auch 
feine der heilfamen Folgen davon ergeben: fo wie ja in 
der katholiſchen Kirche felbft auf diejenigen, in denen 
das Band wirklich erfchlafft;, mithin der Glaube daran 
verſchwunden iſt, auch Feine Vorſchrift folcher Art einen 
heilfamen und zwingenden Einfluß beweifen Fann. 
Srüherhin, als noch frey gelaffen war, fo oft zu com: 
municiven, als man wollte, war die tägliche Communion 
nichts feltenes, und die Leute machten fi) im vierten 
und fünften Jahrhundert Fein Verdienft daraus, die Wo- 
che wenigftens einmal, am Sonntag, zum Tifch des 
Heren zu gehen c). Nachher wurden die hohen Sefte, 





ce) Socr. hist. ecel. }. V. c. 22. charistiae communionem percipe- 
ScioRomae banc esse consuctudi- re, nec laudo nec reprehendo, 
nem, ut fideles semper Christi omnibus tamen dominieis diebus 
corpus accipiant, quod nec repre- communicandum suadeo et hor- 
hendo nec probo. Hieronym. ad tor. Augustin. de eccles. dogmat. 
Pammach. ep. 50. Quotidie eu- c. 55. Alii quotidie communicant 


® 


Weihnachten, Oſtern und Pfingften ald die feyerlichen 
Communionstage betrachtet d), und wenn im Drient 
fi) einige Kirchenväter zumeilen über die Infrequenz 
der Communicanten beflagen, gefchah e8 nur deswegen; 
teil Manche von diefer dregmaligen Communion ſich 
diepenfirten. Denn übrigens war doch das Zudrängen 
des Volks zum Abendmahlggenuß überall fo ſtark, daß 
man es nur allmählich) von diefem Eifer entwöhnen 
konnte; der häufigen Communion fubflituirte man die 
defto häufiger gehaltene Meffe, und ließ das Volk fich 
blos begnügen mit dem Anfchauen derfelben und dem 
Genuffe des Abendmahls durch den bloßen Anblick von 
ferne e). Nur als man glauben Founte, daß man auch 
fo doch, wenn gleich auf noch fo entfernte Art, am 
Ybendmahl Theil nehme, erfaltete der Eifer für den 
mündlichen Genuß, und nun erft hielt man für genug 
und erklärte e8 durch die Verordnung der Kirche für 
genug, fo man nur einmal im Jahr zum Abendmapl 
ginge 
Doc was ließ nicht in vergangenen Zeiten der ka— 
tholifche Laye fich vorfchreiben von feiner Kirche, und 
welche noch ‚fo Flare Vorſchrift und Forderung des Chris 
ſtenthums war diefer unüberwindlich, wenn man fogar 





e) Doch war zur Zeit des Was 


corpori et sanguini dominico, Alii 
lafried Gtrabo, der im 9. Sabre 


certis diebus accipiunt. Alibi nul- 
lus dies intermittitur, qoo non 
offeratur. Aliı sabbatho tantum et 
dominico et si quid alind huius- 
modi animadverti potest. Ep. 11$. 
ad Januar. c. 2. 

d) Seculares, qui in natale Do- 
mini, Paschate et Pentecoste non 
communicaverint — inter eatho- 
licos non habeantur. Conc. Agath, 
I. can. ı4. Hard, II. p. 1000. 


bunder£ Iebfe, an verfibiedenen 
Drfen der Nlißverfiand eingerife 
fen, da& die Leufe noch glaubten, 
fie müßten, fo of£ fie am einem 
Zage Meffe börfen, nun immer 
auch nody communiciren. ©. Bo- 
na de ren. liturg. 1. 1I. c. ı7. p- 
840: 


* 


damit umgehen und damit zum Ziele kommen konnte, 
den Layen ſelbſt den Kelch im Abendmahl aus den Hans 
den zu mwinden. Im Namen der Fatholifchen Kirche hat 
auch) die Synode zu Trient feftgefeßt, daß zum beilfas 
men Genuß des heiligen Abendmahls aud) fehon. die eis 
ne Geftalt des Brodtes hinreichend fen. Dieß ift die 
große Materie eines langen Zwiſtes, der nicht nur die 
Fatholifche und profeftantifche Kirche entzweyet und theilt 
bis auf den heufigen Tag, fondern auch die Fatholifche 
Kirche felbft Jahrhunderte hindurch befchäftigte und ver— 
wirrte. Ueber diefen Gegenftand hat die Synode zu 
Trient in einer eigenen Sigung faft ein ganzes Decret 
gemacht, nebft mehren Canonen F. Sn jenem Iehre fie 
zuerft, daß durch göttliche Vorfchrift die Lanen und die 
Prieſter, welche das Abendmahl nicht felbft confecriren, 
nicht verbunden fenen, das Sacrament der Euchariftie 
unter beiden Geftalten zu nehmen und daß auf Feine 
Weife zu zweifeln fey, auch der Genuß der Einen Ge: 
ftalt veiche fchon hin zu ihrem Heil g). 

Schwer ift e8 auf den erfien Blick zu begreifen, was 











f) S. S. Synodus cum de tre- 
mendo et sanctissimo eucharistiae 
sacramento varia diversis ın locis 
eırorum monstra nequissini dae- 
monis artibus eircumferantur, ob 
quae in nonnullis provinciis multi 
a catholicae ecclesiae fide atque 
obedientia videantur discessisse, 
censuit ea, quae ad communio- 
nem sub utraque specie et par- 
vulorum pertinent, hoc loco ex- 
ponenda esse. Quapropter cun- 
ctis Christi fidelibus interdicit, ne 
posthac de iis, aliter vel credere 
vel docere, vel praedicare au- 
deant, quum est his decretis ex- 
plicatum atque definitum. Sess. 
XXI, decr. prooem, 


g) Itaque, S. ipsa Synodus, a 
Sp. S, gu spiritus est sapientiae 
et intellectus, spiritus consilii et 
pietatis, edocta, atque ipsius ec- 
elesiae judieium et consueiudinem 
secuta, declarat ac docet, nullo 
divino praecepta laicos et cleri- 
cos non conficientes obligari ad 
eucharistiae sacramentum sub utra- 
que specie sumendum; negne ul- 
lo pacto, salva fide dubitarı pos- 
se, quin illis alterius speciei com- 
munio ad salutem sufhciat. ]. c. 
cap. r. laicos et clericos non con- 
ficientes, non adstringi Fre divi- 
no ad communionem sub utraque 
specie. e 


— 311 — 


die katholiſche Kirche mit ſolcher Kelchentziehung ſagen 
will, und welch ein religioͤſes oder kirchliches Intereſſe 
fie dabey haben fann. Nirgends ergiebt ſich für einen 
folhen Gebrauch des Abendmahls unter Einer Geftalt 
eine nothiwendige Stelle in dem Syfem. Selbſt aus 
den Grundfägen, auf welchen derfelbe auf: und einge: 
führe worden, fließt er nicht nothwendig, fondern nur 
als eine willkuͤhrliche Folgerung. Nur in dem ganzen 
Zufammenhange diefer Einrichtung mit ihren dogmati- 
ſchen Lehren über das Weſen des Abendmahls geht dar: 
über einiges Licht auf. Don allen Eigenthümlichfeiten, 
durch welche die Fatholifche Kirche fich in Anfehung dies 
ſes Sacraments auszeichnet, wurde die Kelchentziehung 
am fpäteften allgemein und durchgefegt. Doc, mit der 
reifenden dogmatifchen Hypotheſe von einer Brodtver— 
wandelung war aud) die andere. von der Nothwendig- 
feit, den Kelch wegzulaſſen, vorbereiter, obgleich die Noth— 
wendigfeit der Iegteren Lehre felbft noch nicht gegeben. 
Denn jonft hatte die Kelchentziehung, wäre fie eine fo 
nothivendige Folge der Zrangfubftantiationshypothefe, 
von dem Augenblicf, wo Innocenz dieſe fanckionirte, 
gleichfalls muͤſſen Firchlich eingeführt worden feyn, mel: 
ches doch Feinesiweges der Fall war. Aber mit dieſer 
Lehre waren die Keime zu diefer fichtbar genug gelegt; 
nur auf dem Grunde von jener Fornte, doch mußte 
nicht auf demfelben nothwendig dieſe entſtehen; es kam 
allein darauf an, wie man fie fpeculativ, nicht fowohl 
daraus entwickeln, als nur damit in Verbindung fegen 
würde. Und diefes gefchah auf zweyerley Art. Zunächft 
durch die feholaftifche Lehre von der Concomitanz, welche 
den fpeculativen Grund der Kelchentzichung bildet, auf 
welchem fie Fünftig einmal herrfchend werden Fonnte, 
mit welchem fie aber noch keinesweges herrfchend war. 


Und fodann durch die granzenlofe Verehrung und Hei: 
lighaltung des Sacraments, in welchem man, ber kirch— 
lichen Lehre gemäß, die Gottheit leibhaftig erblickte, und 
welches man alfo auch nicht ängftlidy genug vor allen 
Gefahren einer unmürdigen Behandlung in Acht nehmen 
fonnte. Dieß find die beiden, an ihren legten Puncten 
allerdings durchaus willführlich angefnüpften Fäden, an 
welchen die Kelchvermweigerung mit dem Dogma der Fa: 
tholifchen Kirche zufammenhängt. 

Nach der erfteren Lehre von der Concomitang ift e8 
ja nicht nur der lebendige und vollftändige Chriftus, der 
im Abendmahle genoffen wird). fondern es ift auch Leib 
und Dlut deffelben fo innig und wefentlich verbunden 
und eins; als Gottheit und Menfchheit in feiner Perfon 
und two irgend ein Theil von diefer if, da muß auch 
nothwendig der andere feyn. Leib, Seele, Blut und 
Gottheit find in Chrifto aufs engſte verbunden, eins be; 
gleitet immer nothiwendig das andere; two alfo der Leib, 
da ift auch fein Blut, und wo fein Blut, da ift auch 
fein Leib. Es ift demnach, ſchließt die fcholaftifche Kehre, 
der ganze Chriftug, der unter jeder der beiden Geftalten 
genoffen wird. Nicht nothiwendig mußte mit folcher Leh— 
re von der Concomitanz auch die Kelchentziehung fchon 
eingeführt feyn oder werden: aber ſchwerlich kann man 
dieſe behaupten und vertheidigen, oder nur an ihre Noth— 
wendigfeit glauben, ohne jene h). 





h) Insuper declarat, quamvis 


sumi ac propterea, quod ad fru- 
redemptor noster in suprema illa 


ctum attinet, nulla gratia neces- 


coena hoc sacramentum in dua- 
bus speciebus instituerit et apo- 
stolis tradiderit, tamen faten- 
dum esse, etiam sub altera tan- 
tum specie totum atque integrum 
Christum , verumque sanguinem 


sarıa ad salutem eos defraudari, 
qui unam speciem solam acci- 
piant. ]. c. cap. 3. totum et inte- 
grum Christum ac verum sacra- 
mentum sub qualibet specie su- 
mi. — Quandocungue alıqua sunt 


— 313 


Mit dieſem theologiſchen Argument, welches jedoch 
das Syſtem mehr nur als Entſchuldigungsgrund, denn 
als Rechtsgrund brauchen kann, verbindet ſich ſodann 
die heilige Scheu und Ehrfurcht, die ſchauderhafte An: 
betung der Gottheit in der Geftalt des Brodtes, womit 
wohl feine Art von Unachtfamfeit beftehen fann, welche 
nicht vorfichtig jeder Gefahr ausweichen und vorbeugen 
wollte, die dem Leib und Blut des Heren wiederfahren 
fönnte. Daß der Segen des Abendmahls reicher und 
vollftändiger fey bey dem Genuß beider Geftalten, als 
bey dem unter Einer, kann das Syſtem noch zugeben 1); 
daß die Kelchentziehung eingeführt worden, kann die ka— 
tholifche Kirche nach ihren Grundfägen noch als ein Ue— 
bel anfehen und ordentlich bedauern: denn felbft, wenn 
es ausgemacht iſt, unter jeder der beiden Geflalten ſey 
der ganze Chriſtus enthalten, muß noch nicht nothiweir 
dig der Kelch weggelaſſen werden; wenigftens fonnte die 
Wahl dann mod) den Leib fo gut treffen, als das Blut. 
Aber nun evrfcheint auch als ein ungleich größeres Uebel 
die Gefahr, daß irgend etwas von dem heiligen Wein 
verfchüttet oder auf unanftandige und unmürdige Ark 
genoffen werde, und da die Fatholifhe Kirche annimmf, 





et manent inter se conjuncta, ni- 
si novum miraculum fiat, non 


ftändniß aus, doch wendet er ſich 
ſchnell wieder zu feinem Srrebum. 


potest unum alicubi esse, ubi 
mon sit eiiam alterum, manente 
illa conjunctione. Sed corpus Do- 
mini, anima sanguis et dirinitas 
inter se conjuncta sunt, nec po- 
test jam solvi illa conjunctio, er- 
go ubi est corpus, ibi sunt reli- 

ua et similiter ubi est sanguis, 
ibi sunt reliqua. Bellarm. de sacr. 
Euchar. ]. IY. c. 21. p. 1211. 
* 

i) Die Wahrheit zwinget ſelbſt 
dem Cardinal Bellarmin dieß Ge— 


Nihil spiritualis fructus capitur ex 
duabus speciebus quod non ca- 
piatur ex una. Haec praepositio 
non est adeo ceria, quam supe- 
rior: de hac enim varie sentiunt 
theologi, neque concilium eam 
aperte definire yidetur. Est ta- 
men nostra sententlia atque asser- 
io communis et probabilissima, 
adeo ut simpliciter asseri et ex 
pulpito in concione ad populum 
proponi possit. ]. c. c. 25. p. ı2z1. 


— 314 — 


daß folhen Gefahren fih unmöglich) ausweichen Taffe, 
fo wählt fie aus den beiden Uebeln dag Fleinfte k) und 
läßt den Kelch lieber ganz weg aug dem heiligen Nacht: 
mahl. Nun finnee die Andacht und die Sophiftif auf 
immer neue Gefichtspuncte, unter denen fid) wohl die 
MWeglaffung des Kelches als faft unvermeidlich und noth: 
wendig darftellen möchte. Die Weihe, fagen fie, wird 
ja aucd nicht Jedem gegeben, fondern nur den Prie— 
fern, obdgleich.fie ein Sacrament ift und göttliche Gna— 
de conferirt; auch Kindern müßte wohl das Abendmahl 
göttliche Gnade gewähren, und doch giebt es ihnen die 
Kirche nicht mehr, meil fie deffelben nicht nothwendig 
bedürfen und nicht den nöthigen Nefpect davor haben 1) 
— gleich, als würde in beiden Fällen aus einander ges 
riffen, was weſentlich zufammengehört und Ein Sacra— 
ment verftümmelt. Daß das Abendmahl genommen 
werde unter beiden Geftalten, fagen fie, fen zwar noth— 





nämliche Gewinn von einer feltes 


k) Licet plus gratiae et fructus 
i nen Gommunion unfer beiderlei 


6x ulraque specie, quam ex una 
tantum caperetur, non propterea 
opus esset, vel expediret, ut om- 
nes utramque speciem sumerent. 
' Nam ex duobus malis semper est 
eligendum minus malum: est au- 
iem minus malum, ut homines 
aliqui careant aliquo bono non 
necessario, quam uf sacramen- 
tum Dei evidenti periculo irre- 
verentiae exponatur. Exponeretur 
autem evidenti periculo, si com- 
muniter populo daretur Euchari- 
stia sub specie vini; moraliter 
enim fieri non posest, quin sae- 
pius effuderetur sanguis Domini. 
Bellarm. I, c. c. 25. p. 1220, 


1) Confirmatur haec ratio ab 
exemplis similibus etc. Bellarm. 1. 
<. Gan; unmwürdig und faft fpot« 
tend der armen Geelen ijt Bellar— 
ming Behauptung, daf ganz der 


Geſtalten fidy aus der defto häu— 
figeren unter @iner eben fo gut 
zieben laſſe. Praeterea plus gra- 
tiae recipi potest ex frequenti 
communione sub una specie, quam 
ex rara sub uiraque: non igitur 
est necessaria communio sub utra- 
que, cum facili negotio compen- 
sari possit damnum, si quod sit. 
Nam si jam communicant singulis 
mensibus sub utraque, commu- 
nicent decimo quinto aut octavo 
quoque die sub una et sine du- 
bio multo amplius luerabuntur. — 
Aber nun rückt er noch mif dem 
Saupfargument bervor. Denique 
posita veritate secundae conclu- 
sionis, quae certissima est, mragis 
lucratur, qui, ut Ecelesiae obe- 
diat, communicat sub una, quam 
qui sub duabus sine illo ingenti 
obedientiae fructu. I. c. 


315 — 


wendig in Anfehung des Sacraments, aber nicht in Anz 
fehung der Genießenden; darum genieße ja auch der 
Priefter in der Meſſe immer beide Geftalten für Alte; 
den Layen und nicht Meffe leſenden Elerifern fey an ber 
Einen Geftalt genug m). Dazu zählen fie dann noch 
weiter gar viele Unbequemlichkeiten auf, welche die Aus: 
fpendung des Weing notwendig mit ſich bringe Es 
fen doch, fagen fie, wo das Volk fich zahlreich zur Com» 
munion einfinde, wie in manchen Dörfern, Ein Priefter 
niche hinreichend und im Stande, auc den Kelch zu 
fpenden n). An manchen Orten wachfe gar fein Wein 
und ſey auch Feiner zu haben, was befonders unbequem, 
wenn eine Menge von Leuten, 5. B. eine ganze Armee, 
communiciren wolle 0) Manche Menfchen häften eine 
natürliche Abneigung vor dem Wein und Fünnten ihn 
weder fchmecfen noch vertragen p). Auch fey fo ſchwer, 
confecrirten Wein aufzubewahren, weil er leicht fauer 
werde, Auch durch viele Wunder habe Gott felbft den 
Beweis geführt, daß man mit Einer Öeflalt fo viel er 





m) Ea sumptio, .licet non sit 


o) Pellarm.]. c. cap. 24. p. 1245. 
necessaria es parte sumentis, ta- 


Fx eo etiam nonnullı recie colli=- 


men necessaria est ex parle sa- 
cramenti. Nam quia sacramentum 
sub duplici specie institutum est, 
utraque species uecessario ab ali- 
quibus sumenda est, sed non ne- 
cessario ab omnibus. Sed maxi- 
me omnium necessaria est utrius- 
que speciei sumptio ob sacrilicii 
perfectionem, 1. c. c. 25, p. 1226, 


n) Primum incommodum est im- 
possibilitas implendi legem istam 
in locis, ubi sır populus valde 
numerosus et unus tabtum sacer- 
dos, ut saepe accidit in frequen- 
tissimis pagis. l. c. c. 24. p. 1243. 


gunt, quod si Dominus voluisser 
Commöänionem sub utraque esse 
necessariam ompibus, non insti- 
tuisset sacramentum in pane et 
viro, sed in pare et.agua, ut 
esset n:ateria facilis et in promptu 
in qualiber resione. Nam alio- 
quin possent boreales provinciae 
et aliae, ubi vinum ron inyeri- 
lur, existimare , se Christo curae 
non fuisse, aut non ita, ut alias 
provincias, quando sacramentum, 
instituit. J. c. c. 28. p. 1272, 


p) Bellarm. 1. c. cap. 24. p. 


1249. 


halte, ald mit zwey q), und endlich weil doch auch nur 
Ein Gott; fo müfe auch nur Eine Geftalt feyn im 
Abendmahl r). 

—Solche Argumente find eines folchen Gegenftandes 
würdig, um deffetwillen fie beigebracht werden. Doc) 
die Hauptfache muß immer vor Allem bleiben, die heili- 
ge Schrift damit in Einklang zu bringen, wenn man 
auch aus ihr, wie doch ſchwer zu glauben, die Noth- 
wendigfeit der Kelchweglaſſung nicht wird beweifen koͤn— 
nen. Denn unüberwindlich berufen fich die Proteftanten 
auf die unzweideutigen Einfeßungsmworte Chrifti in jener 
Nacht; wo er das Brodt nahm, dag Danfgebet darüber 
ſprach, und brah und feinen Schülern gab mit den 
Morten: nehmet hin und effet, das ift mein Leib, der 
für euch gegeben wird. Gleicheriveife (oraurwg Luc. 22, 
ro.) nahm er auch den Kelh u. f. fe Matthäus ber 
merft ausdrücklich, dieß ſey der Sinn der Inſtitution, 
daß Alle, die von dem Brodte effen, auch aus dem Kel- 
che trinken follten: denn denen er dag gefegnete Brodf 
gab, fprach der Here auch: trinket Alle daraus. Matth. 
26, 27. Und wenn Chriftug fagte: nehmer, effet, trin⸗ 
fet Alle davon und thut e8 zu meinem Gedächtnif, fo 
bezog er Die Feyerlichkeit keinesweges auf die zwölf Apo« 





nia haberent in specie illa panis. 


q) Schon der Scholaſtiker Uler: 
Nam ut credamus, 


ander von Hales erzählt derglei« 
chen Mirakel. Da namlidy einige 
Mönche noch immer das Abend» 
mahl unter beiden Geftalten fo: 
derten, fo geſchah, daß, als der 
Priejter die Hoftie zerbrad, die 
Patene voll Blut war. In |. IV. 
sent. qu. 53. membr. s. Quo si- 
gnihcare voluit Deus, ſetzt Bellar: 
min binzu, Srustra illos tumultua- 
ri pro calice sanguinis, cum Om- 


l. c. p. 1244. 
in specie panis esse corpus cum 
sanguine, non semel ex ractione 
panis copiosus sanguis manayit. 
K’cn.' 2921. 


r) So fpraden die Leute nod 
zur Zeif der Reformation. ©. 
Seckendorf hist. lutheranismi. 1. 
III. p. 71. 


ftel allein, die dabei gegenwärtig waren, fondern auch auf 
alle feine Fünftige Jünger; denn jenes: thut es zu meinem 
Gedaͤchtniß, ſprach er in ganz allgemeiner Beziehung mit 
dem Wunfche, daß, was damals gefihah, nie untergehen, 
fondern fich immerdar erneuern möchte und zwar nicht 
anders, als es dazumal zuerft gefchad. So verftand 
auch Schon Paulus die Einfeßungsworte; auch er bes 
dient fich, übergehend zum Kelch, der Partikel: gleicher: 
weife (wraurwg) und bezog auf Brodt und Kelch zu: 
gleich die Erinnerung an Jeſu Todesfeyerlichfeit bey 
jeder Wiederhohlung des Abendmahlsgenuffes, wie auc) 
auf alle Ehriften inggefamme diefen Genuß des volfftän- 
digen Abendmahls. ı Cor. 11, 26. 25. Und wenn Pau: 
lus bemerkt Sal. 3, 15.,; daß man fhon eines Menfchen 
Zeftament nicht verachte nach feinem Tode, wenn es bes 
ftätiget ift;, und auch nichts hinzuthut, fo mag es um 
fo weniger erlaubt feyn, Ehrifti Ießtes Vermächtnig an 
alle feine Jünger mwillführlich zu ändern und den Kelch 
gar wegzulaffen, von welchem er felbft die bedeurfamen 
Norte ſprach: dieſer Kelch ift dag neue Teſtament in 
meinem Blue. Als die Apoftel dazumal, da Chriftus 
ihnen den Kelch reichte, wohl fahen, daß Blut vom fei- 
be nicht getrennet fey, fo urtheilten fie doch nicht fo 
willkuͤhrlich und eigenmächtig, etwa unter dem Vorwand 
allerlei Gefahren, daß fie den Kelch hätten vorübergehen 
laffen, fondern wie ihnen befohlen war: trinket Alle dar⸗ 
aus, fo, berichtet Marc. 14, 23. tranfen fie Alle dar; 
aus. Daß diefer volftändige Genuß des Abendmahls 
fih) auf alle Ehriften bezog, erhellet auch aus der Ark, 
wie Paulus den Chriften zu Corinth beide Geftalten 
communicirt und ausdruͤcklich ſagt: fo habe er es vom 
Herrn empfangen, und menigftens fechsmal bald des 
Brodtes und Weing allein, bald beider zufammen und 
vereinigt gedenft, 


— 3185 — 


Bon allen den befonders feit dem funfzehnten Jahr— 
hundert zur Vertheidigung der Kelcyentziehung geführten 
Beweiſen aus ber heiligen Schrift hat die Synode die 
meiften übergangen, ohne Zweifel, weil fie es felbft fühl- 
te, wie unfäglich fchtwac) fie waren; die vier oder fünf 
Puncte aber, welche fie beibshalten und beigebracht, darf 
man aus eben der Urfach für diejenigen halten, denen 
fie noch die meilte Beweiskraft zutrauete. Wenn die 
Synode fo argumentire: obgleich Chrifius das Abend» 
mahl unter beiden Geſtalten eingefeßt, fo fen doch Feine 
göttliche Borfhrift vorhanden, durch welche die Layen 
und die nicht Meffe haltenden Prieſter verbunden wuͤr— 
den, das Abendmahl unter beiden Geftalten zu genie— 
fen s): fo iſt hier offenbar die logiſche Ordnung der 
Dinge umgekehrte: denn da8 eben ift die Frage, was 
hier zum Schluß gemacht wird, und wie möchte nun 
aus demjenigen, was hier angenommen und zugegeben 
wird, namlich aus der Einfeßung des Abendmahls unter 
beiden Geftalten, nur aufs entferntefte folgen, daß Layen 
und gewiffe Eleriker nicht verbunden ſeyen, es auch zu 
genießen in folcher Art. Selbſt die angebliche Belehrung 
durch den heiligen Geift fchügt hier die Synode nicht 
gegen einen Fehler in der Conclufion: denn einen fol 
Een heiligen Geifte Fann man mit Recht die unauslöfch- 
lichen und unbeftreitbaren Worte der heiligen Schrift ent; 
gegengehalten,. und ift er ein folcher, fo wird er gewiß 
auc) diefe anerkennen. Gelbft von der Möglichkeit, daf 





s) — Nam etsi Christus Do- et traditio eo tendunt, ut omnes 
ıninus in ultima coena venerabile Chrisi fideles statuto Domini ad 
hoc sacramentum in panis et vini utramque speciem accipiendam ad- 
speciebus instituit et apostolis tra- stringantur. Cap. 1. 
didit: non tamen illa institutio 


— 319 — 


in einem Fall der Noth das Sacrament müßte verftüm- 
melt werden dürfen, worauf die Synode anfpielt t), 
und welche Falle auch von den Proteftanten zugegeben 
werden (denn der Mörder am Kreuz Ehrifto zur Geite 
ward felig, obgleich er Feine von beiden Geftalten em— 
pfangen hatte) Fann man noch nicht, wie die Synode 
thut, eine Vorſchrift motiviren, daß überall und immer 
das Sacrament zu verftümmeln fey. Auf einen andern 
von Fatholifchen Schriftftelleen u) dazumal fchon oft 
geführten Beweis ſcheint die Synode auch nicht ganz 
dunfel anzufpielen, obgleich fie ihn nicht in aller Form, 
aber dafür nur in anderer Hinficht ungleich craffer aus: 
gefprochen hat. Oft fihon war es gefagt worden, die 
Einfegungsworte hätten nur eine Beziehung auf die da— 
mals gegenwärtigen Apoftel gehabt. Die Synode nun, 
wenn fie ſagt, obgleich Ehriftus das Abendmahl unter 
beiden Geftalten eingejegt und den Apofteln gegeben, fo 
verbinde doc dieß nicht alle Ehriften zum Genuffe def 
felben unter beiden Geftelten, wollte nicht etwa damit 
fagen, deswegen weil oder obgleich es Chriſtus fo ge— 
macht, müßte man es Doch anders halten mit dem 
Abendmahl, fondern der nur etwas zu ſtark ausgedrück 
te Gegenfag ift nur der zwiſchen den Apofteln und alfen 
Ehriften überhaupt. Dieß Argument lautete fonft auch 
fo: Ehriftus habe mit jenen Worten: trinket Alle dar; 
aus, fih nur am die zwoͤlf Apoftel gewandt und zum 
fihern Zeichen, daß nur die Priefter den Kelch trinken 





t) Si quis dixerit, ex Dei prae- sacramenti sumere debere, ana- 
cepto vel necessitate salutis om- thema sit. Sess. Can, ı. 
nes et singulos Chrisıi fideles u) Wie noch nad der Synode 
utramque speciem SS. Eucharistiae ®Belarmin de Sacr. Euch. ]. IY. 
< 24. 


ſollten, die übrigen fiebzig Jünger und die frommen 
rauen, welche zu Serufalem dabey gegenwärtig waren, 
abſichtlich übergangen. Auf diefe Art fucht man jeneg: 
dieß thut zu meinem Gedächtniß, und den Paulinifchen 
Ausfpruch: bis Chriftus einft wiederfommt, wodurch er 
offenbar die Fortiegung des Abendmahls in der Art der 
erſten Feyer anbefiehlt, zu elidiren. Hiebey vermickele 
fich aber die Farholifche Anficht in einen doppelten Wi⸗ 
derſpruch. Denn war das Abendmahl uͤberhaupt nur 
fuͤr die Apoſtel eingeſetzt, ſo iſt es inconſequent, wenn 
man auch noch die Eine Geſtalt des Abendmahls dem 
Volke reicht: dieß kann man alſo nicht damit ſagen 
wollen. Oder es muͤßte wenigſtens den nicht Meſſe le— 
ſenden Prieſtern, wie den Apoſteln, die doch dazumal 
auch die non conficientes waren, das Abendmahl un: 
ter beiden Geftalten gegeben werden, twas doch ‚die Sy— 
node ausdrücklich verboten hat. Außerdem hat fich die 
Synode noch auf Joh. 6. und zwar dreymal hinter ein; 
ander berufen, ohne Zweifel, weil fie von demjenigen, 
was fie daraus macht, eine unüberwindliche Beweisfraft 
erwartete w). Allein man darf nur bedenfen, daß die 
durchaus geiftigen Ausfprüche Jeſu von feinem Sleifch, 
vom Brodt des Lebens, nicht bezogen auf irgend eine 


Are 





w) — Sed neque sermone illo 
apud Johannem sexto, recte col- 
ligitur, utriusque speciei commu- 
nionem a Domino praeceptam es- 
se, utcunque juxta varias SS. Pa- 
trum et Doctorum interpretatio- 
nes intelligatur. Namque qui di- 
xit: nisi manducaveritis carnem 
Filii hominis, et biberitis eius 
sanguinem, non habebitis vitam 
in vobis, dixit quoque: si quis 
wmanducaverit ex hoc pane, viret 


in aeternum; si qui dixit: qui 
manducat meam carnem et bibit 
meum sanguinem, habet vitam 
aeternam, dixit etiam: panis, 
quem ego dabo, caro mea est 
pro mundi vita. Is denique, qui 
dixit: qui manducat meam car- 
nem et bibit meum sanguinem, 
in me manet et ego in illo, dixit 
nihilominus: qui manducat 
huuc panem, yivet in aeternum, 
l. c. cap. 1. 


— 321 — 


Art von leiblichem Genuß, ein ganzes Fahr früher fal- 
len, als die Einfegung des Abendmahls, um darin wei- 
ter Fein Argument zu fehen für die Weglaffung des 
Kelchs. Mit demfelden Recht Fönnte man auch aus 
Joh. 4, 13. den Schluß ziehen, dag man allein trinfen 
müffe im Abendmahl, und zwar blos Waffer, weil Chri- 
ſtus Ddafelbft fagte: wer von dem Waffer erinfen wird, 
das ic) ihm reiche, der wird nicht durften in Ewigkeit. 

Nach viefen von der Synode felbft geführten Bewei- 
fen mag e8 wohl überflüffig feyn, auch ned) derer zu 
erwähnen, welche katholiſche Theologen ſonſt auch wohl 
aus dem A. T. anzuführen pflegten. Es fey genug, 
noch einiger aus dem N. T. zu erwähnen. Ganz ohne 
Gewicht find die Berufungen auf diejenigen Stellen, wo 
des Efieng, 3. B. des Ofterlammg, oder wo des Sauer; 
teigs Erwähnung gefchieht, ohne daß des Trinfens und 
Weins gedacjt wird, wie ı Cor. 5, 7. 8. wo von gang 
andern Dingen die Rede ift. Ebenfowenig kann bewei— 
fen, was aus dem Gebet des Herrn angeführt wird: 
unfer täglich Brodf gieb ung heute; denn obgleich des 
Weins dabey nicht gedacht wird, fo liegt die Beziehung 
auf den entzogenen Kelch im Abendmahl doch etwas gar 
zu fern. Auch nicht verftärft wird diefes Argument, 
wenn noch dazu bemerkt wird, daß diefes Gebet bey der 
Celebration und Adminiftration des Sacraments gefpro- 
chen zu werden pflege; denn zu offenbar wird hier Frodf 
allegorifch für jede Art von Nahrung oder Speife ge 
fest und fo wenig des Weines darin erwähnt wird, fo 
ift auch nicht nothwendig von der Materie oder Spe— 
cies des Brodtes dafelbft die Rede. Wenn ferner ı Cor. 
10, 16. vom Brodt und Leib und auch vom Blut und 
Wein die Rede ift, fo gefchiehet doc) im folgenden Ber: 
fe nur allein des Brodtes und Leibes Erwähnung. Allein 

Marheinede Syſt. d. Katholicismus II. zE 


— 532 — 


‚ offenbar bediente fich hier der Apoftel des Brodtes nur 
als eines Beifpielg, welches er dem Gößenopfer entge 
genfeßt; daß feine Meinung nicht war, den Kelch vom 
Abendmahl aussufchließen, ſagt er felbft noch 8. 21. 
ihr koͤnnet nicht zugleich frinfen des Herrn Kelch und 
des Teufels Kelch und über den gleich nothwendigen 
Genuß beider Species belehret er die Corinther noch bes 
fonders im folgenden Kapitel. Aug eben diefem Kapitel 
haben fie mit fchöner Eregefe noc) einen neuen Grund 
für ihre Kelchentziehung hergenommen; denn wenn Pau— 
lus dafelbft B. 27. fagt: welcher nun unwuͤrdig iſſet 
von diefem Brodt, oder trinket vom Kelch des Herrn, 
fo fehen fie in diefer disjunctiven Partifel Klar, daß Pau— 
lus den Chriften frey geftellet, ob fie die eine nur oder 
beide Species haben wollten. Allein es darf dagegen 

nur erinnere werden an die Worte, womit Paulus den 
nothwendigen Genuß beider Geftalten in der Partikel: 
Gleicherweife, zeigt; noch in dem naͤmlichen Kapitel, im 
25. V., nachdem er vom Brodt gehandelt und nun zum 
Kelch übergeht. Und an mie vielen andern Orten be- 
dient fich nicht der Apoftel ſtatt der disjunctiven Parti- 
fel der copulativen und ebenda, mo er die Art des Ge— 
nuffes oder die der Einfegung felbft befchreibt. Auch 
das Brodtbrechen, deffen AG. 2, 46. gedacht wird, hat 
man auf die ſchon in der Kirche zu Jeruſalem gebräuch: 
lich geweſene Kelchweglaffung gedeutet. Es ift aber noch 
gar nicht fo ausgemacht, ob dafeldft, wie auch AG. 20, 
7. vom Abendmahl oder blos vom gewöhnlichen taͤgli— 
chen Effen die Nede ift. Diele Väter erklären die Stel. 
len gar nicht vom Abendmahl. Aber felbft dieß ange: 
nommen, fo hat doch auch nicht ein einziger alter Aus; 
leger die Stellen fo verfianden, als hätten die Apoftel 
nur Eine Geftalt des Abendmahls den Gläubigen aus; 


geteilt, und weniger noch als die Sitte, war die Lehre 
fchon dazumal aufgefommen, daß die Einfeßungsworte, 
die den Kelch betreffen, die Layen nichts angehen. Es 
wäre auch feltfam genug zu denken, daß man überall, 
wo man liefet, das Brodt fey gebrochen und genoffen 
worden; dieſes nothwendig ohne allen Trank gefchehen 
ſeyn follte, da ſynekdochiſch oft das Effen flatt des Ef; 
ſens und Trinfens genannt wird und die hebraifirende 
Formel dem Apoftel Paulus gewiß fehr geläufig war. 
Es gehört auch noch) hieher die Behauptung, dag Chri- 
fius nach feiner Auferftehung den beiden Juͤngern in 
Emaus das Abendmahl nur unter der Einen Geftalt 
des Brodtes gereicht, weil es Luc. 24, 35. heißt: fie 
hätten ihn daran erkannt, daß er das Brodt brach. AL 
lein e8 erhellet aus Lucas gar noch nicht, daß es ein 
Abendmahl war, meiches Jeſus mit den Süngern an— 
ftellte, obgleich e8 der heil. Auguſtinus fo verfteht; alfe 
Umftände, auch der Mangel der feyerlichen Oblations— 
formel, fprechen dafür; die Jünger vereinigt mit dem 
Herrn in einem Wirthshaus am Tifche ihres Wirths 
erfannten Jeſum an der ihnen wohlbefannten Art, wie 
er das Brodf zu fegnen und zu brechen pflegte. Und 
da nach Fatholifcher Lehre felbft Fein Prieſter blos mit 
MWeihung des Brodtes und mit Vebergehung des Kel— 
ches; das Abendmahl feyern kann, wie möchte dann 
überhaupt noch jene Stelle zu brauchen feyn zu ihrem 
Zweck, da in derfelben überhaupt nicht von Confecration 
des Weines die Rede iſt. Zumeilen hat man auch die 
Einfegungsworte felbft auf die darin angedeutete kuͤnfti— 
ge Weglaffung des Kelches bezogen. Man hat die Ber 
ſchreibung diefer Feyerlichkeit, wie Lucas und Paulus fie 
geben, zu diefem Zwecke zufammengeftellt, ohne der von 
Matthäus und Marcus zu erwähnen. Sm erften Theile 
— 


— 3214 — 


der Inſtitution ſagt Ehriftus zu den Apofteln nur: neh: 
met, effet, das thut zu meinem Gedaͤchtniß, und hiemit 
hat er ihnen befohlen, e8 in der Folge nad) empfange- 
nem Brodt und gehaltener Danffagung auszutheilen und 
andern zu effen zu geben mit den Worten: das ift mein 
Leib. In den andern Theile der Inſtitution bey Lucas 
und Paulus finder fi nicht, daß Chriftus den Apofteln 
auch den Kelch gegeben und in Art eines Befehls ge: 
fagt habe: trinket Ale daraus. Allein die einzigen Worte, 
welche Matthaͤus und Marcus anführen, daß er auch 
den Kelch den Juͤngern gereicht und geſagt, trinket Alfe 
daraug, find hinreichend, dieſe einfeifige Anficht zu mi: 
derlegen, aller übrigen Gegengründe nicht zu gedenfen. 


Wenn alfo einem unbefangenen Lefer der heiligen 
Schrift in diefer auch nicht ein einziger Grund oder nur 
eine Spur oder entfernte DVBeranlaffung zur Weglaffung 
des Kelches im Abendmahl einleuchten will, ſo darf 
man faum glauben, daß die Synode oder irgend ein 
Ffatholifcher THeolog im Ernfte jemals ſich dafür auf die 
heilige Schrift berufen und ohne mwenigftens zu fühlen, 
wie durchaus ungünftig und entgegen diefelbe einer fol: 
chen Neuerung ſey. Die Synode zu Trient muß auch 
wohl felbft die Schwäche aller daher genommenen De: 
weiſe lebhaft genug gefühlt haben, fonft würde fie nicht 
noch fo befonders hier in einem eigenen Kapitel ein 
Argument noc beigebracht haben, gegen welches frey: 
lich ein rechtfchaffener Katholif nichts weiter einzumen- 
den hat. Denn auf die Autorität und Gewalt der Kir: 
che beruft fie fich, weil allerdings oft mit Gewalt mehr 
auszurichten ift, als mit Gründen und Beweifen. — Eis 
ner folchen Gewalt muß bier die Einfesung Chriſti weis 


— 325 — 


chen *). Nicht der groben Begriffe von der Allmacht 
des Papſtes, die Einige bey Diefer Gelegenheit ange: 
bracht haben, wollen wir hier erwähnen, fondern nur 
der feineren, die von der Freyheit und Macht der Kir: 
che in allen reindigciplinarifchen Dingen hergenommen 
find. Und wäre die Einfegung und Feyer des Abend; 
mahls von folcher Art, fo möchte dagegen nichts zu er: 
innern feyn, da bie Eatholifche Kirche einmal das Vor: 
recht behauptet, fich einen Cultus zu machen und bey 
allen Gegenftänden, welche die Eerimonien und Disci— 
plin betrifft, Yenderungen und Anordnungen zu machen, 
wie fie es nöthig finder. Aber zu klar und beſtimmt ift 
fhon durch die Heilige Schrift vorgefchrieben, wie es 
mit der Feyer des Abendmapls zur Erinnerung an Jeſu 
erhabene Todesfeyerlichkeit big * feine Ankunft zu hal—⸗ 
ten ſey, wie an ſichtbaren Faͤden haͤngt die Art der Ein— 
ſetzung und Feyer mit dem Dogma zuſammen. Wenn 
das Abendmahl mit den Umſtaͤnden, unter denen Chri⸗ 
ſtus es hielt, noch einige Eigenthümlichfeiten hate, die 
doch jeßt überall nicht mehr beobachtet werden, fo be: 
treffen dieſe keinesweges die Hauptfachen, welche die be: 
fondere Vorſchrift des Harın für fih haben. Auch ift 
die Art, wie die Kirche nachher in der Taufe die völlige 
Untertauchung, die noch zu Jeſu Zeit üblich war, mit 
der bloßen Befprengung mie Waffer vertaufchte, nicht 
zu vergleichen mit der Weglaffung eines mefentlich inte 
grirenden Theils vom Abendmahl; die eine und andere 
Art zu kaufen bat auch nicht die beſtimmte Vorſchrift 





*) Si quis negaverit totum et quidam falso asserunt, non se- 
integrum Christuin , omniun gra- cundum: ipsius Christi institutio- 
tiaram fontem et auctorem sub nem sub utrague specie sumatur, 
una panis specie sumi, quia, ut anathema sit. Can. 3. 


— 326 — 


für fich, fo, twie die Kelchreichung. Bey dem Hauptar- 
gument von der Gewalt der Kirche, welchem die Syno— 
de, forrfchreitend von den Schriftbeweiſen zur Berufung 
auf die Autorität mit dem bedeutenden Anfangsworte: 
Außerdem, das ganze zweite Kapitel ihres Decrets 
gewidmet hat x), mache fie hauptfächlich von dem zwei⸗ 
deutigen Wort dispensatio und dispensator, deſſen 
fi) die lateiniſche Ueberfegung von ı Cor. 4, 1. bes 
dient, einen für ihren Zweck trefflichen Gebrauch. Denn 
indem bier Panlus fagt: wir find die Diener Chrifti 
und Verwalter der göttlichen Myſterien, fo Fonnte die 
bier in der lateinifchen DVerfion angebrachte Diepenfa- 
tion des Sacraments leicht nicht nur als eine der Kir 
che ganz frey gegebene Austheilung und Anordnung des 
Sacraments, fondern auch ebenfo leicht als eine Dig: 
penfation vom Sacrament verfianden werden y) und 
den Sinn veranlafjun, den auch ſchon Gerfon bey die: 
fer Gelegenheit angebracdjt hat z), daß es zwar über 
haupt Vorſchrift Chrifti fey, den Kelch zu trinken, aber 
eine folche, wovon zu dispenfiren und welche zur Noth 





x) Praeterea declarat, hanc 
pereetatem perpetuo in ecelesia 
uisse, ut in sacramentorum di- 
spensatione, salva illorum sub- 
stantia, ea statueret, vel nuta- 
“ ret, quae suscipientium utilitati, 
seu. ipsorum sacramentorum ve- 
nerationi, pro rerum, temporum 
et locorum varietate, magis ex- 
pedire judicaret. Id autem Apo- 
stolus non obscure visus est 
innuisse, cum ait: sic nos exi- 
stimet homo, ut ministros Chri- 
sti et dispensatores mysteriorum 
Dei, atque jpsum quidem hac 
potestate usum esse satıs constat, 
cum in moltis aliis, tum ın hoe 
ipso sacramento, cum, ordinatis 


nonnullis circa eius usum, cetera, 
inguit, cum venero, disponam. 
l. c. c. 2. Ecclesiae potestas 
circa dispensationem sacram. 
euchar. 


y) Umsgeras xeirrov ndi 6i- 
xovoxous MUTTHEIWV $sov über» 
fest die vulg.: ministros Christi et 
dispensatoressacramentorum. Wie» 
derum eine Gtelle, wo die katho— 
liſche Kirche nur von ihrer aus 
thentiſch gemachten Bulgata eis 
nen Beweis für einen Lehrſatz 
erwarten Eonnte, 


z) Job. Gerson. de communio- 
ne laicor. T. I. p. 526. 


Be 7 


ganz aufzuheben gang in der Gewalt der Kirche ſtehe a). 
Faſt unglaublich würde es Elingen, daß die Synode ſich 
einen folchen Mißbrauch der heiligen Schrift erlaubt 
hätte, läge e8 nicht in dem Decret ganz offen zu Tage, 
Ganz gegen den Geift und Sinn diefer Stelle verfah- 
rend opfert fie ohne Bedenken einer willfommenen Ae— 
quivgcation die helle, in die Augen fallende Wahrheit 
auf und nicht achtend darauf, daß Paulus ausdrücklich 
von Dienern der Kirche fpricht, und fie dadurch ſelbſt 
erinnert, daß fie, ohne eigene Gewalt, nur den Willen 
des Heren zu befolgen haben, deutet fie eben die Worte, 
welche von einer bloßen Adminiftration fprechen, fo un: 
gebährlich auf eine befondere, willführliche und eigen: 
mächtige Befugniß und Verfügung über das ihnen doch 
blog anvertraute Gut. Nicht beffer, als dieſe Wendung, 
it die auch noch von der Synode hinzugefügte Beru- 
fung auf Paulus, wenn er zu den Gorinthern fagt: das 
Vebrige wolle er anordnen, wenn er feloft kaͤme, womit 
er im Sinne der Synode und der fatholifchen Kirche 
gefagt haben fol, dann wolle er fie erſt den rechten Ge; 
nuß des Abendmahls ehren, nämlidy unter Einer Ge: 
ftalt, da doch der Apoſtel fo deutlich unmittelbar vorher 
fhon von andern Dingen gehandelt und nun fich ab» 
wendend von dem bisher Vorgetragenen zu etwas ganz 
Anderm übergeht. 

Die Synode bat fih endlich auch auf dag Beifpiel 
der alten Kirche berufen und behauptet, daß der Genuß 
beider Geftalten vom Anfang der chriftlichen Neligion 





a) Si quis dixerit, sanctam ec- conficientes sub panis tantummo- 
clesiam catholicam non justis cause do specie communicaret, aut in 
sis et rationibus adductam fuisse, eo errasse, anathema sit. Can. 2. 
ut laicos atque etiam clericos non 


— 3235 — 


an nur nichts Seltenes gemwefen, woraus alfo folgen 
müßte, daß mwenigftens eben fo wenig felten, vielmehr 
eigentlich herrfchend dazumal die Communion unter Eis 
ner Geftalt gewefen wäre b). Dieje Behauptung wis 
derfpricht aller wahren Gefchichte fo auffallend und un. 
leugbar, daß felbft alle Fatholifche Gelehrte von Wahr: 
heitsliebe, richtiger Einfiht und wahrer Kenntniß deg 
Alterthums, längft das Gegentheil öffentlich eingeftanden 
haben ce). Nichts ift gemiffer, als daß man eine gute 
Zeit hindurch fchlechterdings nichts wußte von einer öf- 
fentlichen, durch die Kirche felbft vorgefchriebenen Kelch: 
tweglaffung. Das leugnet auch noch die Synode feldft 
nicht. Don vielen Gelehrten ift e8 fattfam gezeigt wor⸗ 
den und bemwiefen aus den alten liturgiſchen Formeln 
und Befchreibungen der Abendmahlsfeyer, wie fie befon- 
ders bey Juſtinus, Chryſoſtomus und vielen andern fich 
finden d), daß bey der feyerlichen Adminiftration und 





b) — Quare agnoscens S. ma- 
ter ecclesıa hanc suam in admi- 
nistratione sacramentorum aucto- 


la communion sous les deux espe- 
ces. Par. 1632. 12. 


ritateın, licet ab initio christia- 
nae religionis non infrequens utri- 
usque speciei usus fuisset, tamen 
progressu temporis latissime jam 
mntata illa consuetudine gravibus 
et justis caussis adducta hanc con- 
suetudinem sub altera specie com- 
municandi approbayit et pro lege 
habendam decreuit, quam repro- 
bare aut sine ipsius ecclesiae au- 
etoritate pro lubitu mutare non 
licet. Cap. 2. 


c) Es ift genug, bier nur an 
Mabillon, Gerbert und Bona zu 
erinnern, dren in aller Hinficht 
wichtige Autoritäten. Boſſuet ift 
im Borurtbeil befangen und kennt 
- die Wahrheit beſſer und richti» 
ger, als er fie vorſtellt. Traite de 


d) Die ganze GSeſchichte des 
Kelchs im Abendmabl ift ziemlich 
erfhöpft in folgenden Schriften: 
Georg. Calixtus de communione 
sub utraque specie, cum G. Cas- 
sandri dialogo de eod. argum, 
Helmst. 1642. 4. Matth. Larroque 
Hist. de l’Eucharistie. Amst. 1671, 
8. P. I. p. 256. sqq. Bona de reb. 
liturg. 1. il. c. ı8. p. 862. sqg. 
Jo. Guil. de Lith disqu. tleol. et 
hist. de adorat. panis consecr. et 
interdiet. s. calıcis in Euch, ed. 
Joh. Car. de Lith, Suobaci, 1753. 
8- p- 211. sy Jo. Andr. Schmi- 
dii diss. de fatis calicis euchari- 
stici, in eccl. Rom, Helmst. 1708. 
4. Gpittlers Geſch. des Kelchs im 
Abendmahl. Lemgo 1780. $. Bon 
andern Schriftſtellern für und ge: 


\ 


— 329 — 


Diftribution des Sacraments immer, allerorts und bey 
Allen der Genuß des Abendmahls unter beiden Geftal- 
ten ftatt gefunden. So ift es in der griechifchen Kirche 
noch big auf den heutigen Tagr fo war es in der latei- 
nifchen Kirche länger denn taufend Jahre. Nicht von 
außerordentlichen Fallen, die ihren Grund hatten in der 
bloßen Wilführ oder in der Noth oder in einer übel. 
verfiandenen Frömmigkeit, ift hier die Nede, fondern von 
demjenigen, was öffentlich in der Kirche im Gebrauch 
war und in der Regel. Der Zeugniffe von Kirchenva- 
tern find fo viele, daß es fehr überflüffig feyn wuͤrde, 
fie hier noch unter diefem Gefichtspunct befonders auf: 
zuführen e). 

Nur bey denjenigen Fällen und Stellen der Kirchens 
väter mag hier vermweilt werden, in denen Fatholifche 
Schriftfteller doch nod) Spuren oder Billigungen ihrer 
Sitte, mit dem Kelch zu verfahren, finden wollen. Das 
hin gehört zunächft, daß es fon in den erſten Jahr: 
hunderten nicht ganz felten war, das Brodt mit nach 
Haufe zu nehmen und aufzubewahren. Allein es ift bes 
Fannt genug, wie die, fo dieß thaten, beide Seftalten be: 
reits in der Kirche genofjen und die Ueberbleibfel des 
gemweihten und in der Kirche vertheilten Brodtes mit 
nad) Haufe nahmen, um e8 in Zeiten der Noth und 
Gefahr, kurz vor dem Tode noch zu genießen, wie Die: 
ſes meiftens der Fall war bey den Märtprern unter den 
Verfolgungen des zweiten und dritten Jahrhunderts. Mit 
feinem Schein von Wahrheit laͤßt fich behaupten, daß 
diefen der Kelch entzoger worden, den fie immer vorher 





gen die Keltbentziebung f. Cotta e) Da es obnebin nod bon 

ad Gerhardi Locc. theol. X. p.85. Daille fo ausfükrlich und gründ— 

sgg- lich gefcheben ift. De cultib. Lat. 
relig. I. V. cap. 5. sgq. ; 


— 330 — 


genoſſen, wenn fie das dazu gehörende Brodt aufbewahr- 
ten, wie e8 auch Andere pflegten zu machen, die allein 
den Wein in der Kirche genofien, das DBrodt aber mit 
nach Haufe nahmen, um es erft am Abend zu genießen, 
weil fie die Faſten des Tages nicht unterbrechen mwoll- 
ten und fih der Wein nicht gut mitnchmen ließ. Kein 
einziges dieſer Beifpiele beweiſet, daß man felbft in die— 
fer häuslichen oder Privatcommunion den Kelch wegge— 
laſſen, viel weniger beweiſen fie etwas gegen die öffent: 
liche Sitte der Kirche. Und dag ift doch die Frage, 
nicht, was’ Einzelne thaten mit dem in der Kirche aus— 
gefpendeten Abendmahl, welches auch dazumal wohl fo- 
gar alleriey Mißbrauch augsgefegt war, fondern was in 
der Kirche und von dem Prieſter gefpendet wurde. Be— 
wahrte man in einzelnen Fällen das Brodt zu Haufe 
auf, fo that man es entweder zugleich oder -allein 
auch mie dem Wein, wie diefes Gregoriug von Nazianz, 
in der ſchon oben beruͤhrten Stelle, von feiner Schwer 
fter Gorgonia ausdrücklich berichtet . In allen den 
Fällen, wo blos von Aufbewahrung des Brodtes die 
Rede iſt, hatte man alfo den Wein fihon vorher genof- 
fen, oder, wie fpäter fo oft gefchah, das Brodt zuvor 
in den Wein eingetunft und ausgetrocknet. 

AB im dritten Jahrhunderte Einige fid) unterflanden, 
mit der Art des Abendmahlsgenuffes Veraͤnderungen 
vorzunehmen, und unter dem Vorwande der Gobrietät 
ſtatt des Weines fich des Waſſers bedienten, fo eifert 





pacto probare possint, Laicis Eu- 
ches Argumenfs niederzufhlagen, charistism sub specie panis do- 
ift genug, bier nur des einzigen mum portare Jicuisse, sub vini 
Aubelpine, des gelehrten Biſchofs non licuisee? Albaspinaei Obseı- 
von Orleons, Zeugniß anzufüh- vatt. c. 4. p. 10. 

sen, der da frage: Quo tandem 


f) Jedes fheinbare Gewicht fol« 


“u 


, = AB ee 


Cyprian aus allen Kräften gegen eine folhe willkuͤhrli— 
che Berftümmelung des Sacraments und beftand darauf, 
dag man im Genuß des Abendmahls fi) ganz allein 
an die Einfesung Ehrifti halten müffe, und befchuldiget 
die eines harten Irrthums, melde von der uriprünglis 
chen Einrichtung abweichen wollten g). Diefe Sorgfalt 
für die Integrität des Sacraments und der Glaube, daß 
niemals das Abendmahl ohne beide Geftalten recht aus: 
getheilt werde, beweiſet felbft die fpätere Gitte, nach 
welched man in einzelnen Fällen das Brodt in den 
Wein einzutunfen pflegte. Auch darin fehen Eatholifche 
Schriftfieller eine Spur der fpäter von der Kirche ver: 
oröneten Kelchentziehung. Es war der erfie und einzige 
Fall diefer Art mit Serapion h), den man im vierten 
Jahrh. auf diefe Weife mit dem heiligen Sacrament ver; 
ſah. Das Brodt wurde ermweicht durd) Wein, welches un: 
fireitig confecrirter war, bamit der auf dem Todbette lie: 
gende Greis Wein und Brodt zugleich auf diefe Art beffer 
hinunterfchlucken Fonnte. Der Fall war, wie ſchon gezeigt 
worden,ganz außerordentlich und durch die dringendfte Noth 
herbeigeführt, und kann infofern auch nicht im mindeften 
beiyeifen für die jegt in der Latholifchen Kirche allge- 
meine Sitte, nad) welcher der Prieſter in der Meffe be; 
fiandig dag Brodt in den Wein legt, eine der eigentlis 
chen Weife Ehrifii, der Apoftel und der alten Kirche 
durchaus. fremde Sitte und eine gleihfall8 durchaus 
willführliche Neuerung. Jene ängftliche Ruͤckſicht aber 
und die Art, wie man dem flerbenden Serapion half, 
beweifet es auffallend genug, dag man das Brodt allein 





2 Cyprian. Epist. ]. II. ep. 3. h) Euseb. h. e. 1. VI. c. 44. 
al. 63. 


nicht für hinreichend hielt, fondern menigftens etwas 
vom Wein dabey für nörhig hielt, den man ihm liegend 
nicht anders ale fo beibringen Fonnte. 

Nun hört man dann auf Jahrhunderte nicht® mehr 
von folcher Eucharistia intincta; denn alle Spuren 
davon bis aufs fiebente Jahrhundert find falfh und 
unfiher. Wohl fieht man, wie groß inzwifchen der Ab: 
fcheu gegen die Kelhweglaffung : geworden mar, welche 
bey den Manichäern aufgefommen mar, die unter die Fa: 
tholiſchen Chriften zu Rom ſich gemifcht hatten, deren 
fegerifche Gefinnung aber eben daran zu erfennen war, 
daß fie den Wein zu nehmen verweigerten, weil fie naͤm— 
lich den Wein überhaupt für die Galle des Fürften der 
Sinfterniß hielten und glaubten, Ehrifti Scheinförper ha- 
be auch fein wahres Blut gehabt. Die Art, wie der 
vömifche Bifchof Leo I. diefen Frevel tadelt i), giedt 
wohl genugfam zu erkennen, wie eifrig und beforgt man 
zu Nom, dem GSiße der kirchlichen Rechtgläubigfeit, Die 
alte und Achte Sitte, unter beiden Geftalten zu commu- 
niciren, beobachtete und. aufrecht zu halten fuchte. Wäre 
irgendwo im fünften Jahrhundert zu Nom das Abend» 
mahl trocken genoffen worden, dann mürden fich da ge: 
wiß alle Keger eingefunden und ohne Gefahr und Um 
bequemlichkeit fih den Eatholifchen Chriften gleichgeftellt 
haben. Sp aber gehört der ſcharfe Tadel aller Kelch— 





stram volumus scire sanctitatem, 
ut vobis huiuscemodi homines et 
his manifestentur indiciis et quo- 
rum deprehensa fuerit — 


i) Cum ad tegendam infidelita- 
tem suam nostris audeant (Ma- 
nichaei) interesse mysteris, ita 
in Sacramentorum communione 


se temperant, ut interdum tutius 
lateant, ore indigno corpus Chri- 
sti accipiunt, sanguinem autem 
redemtionis nostrae havrire om- 
nino declinant. Quod ideo ve- 


simulatis, notati et proditi a san- 
etorum societate sacerdotali au- 
ctoritate pellantur. Leon. serm. 4. 
de quadrag. cap. 5. seu 42. ex 
edit. Ballerinor. I. p. 101. 


— 33 — 


verweigerung, den hier ein roͤmiſcher Biſchof ausgeſpro⸗ 
chen, mit in die Reihe von Zeugniſſen für kirchliche Eon: 
fequenz und Unfehldarfeit: denn eben dieß, was bier 
ein roͤmiſcher Bifhof ausdrücklich tadelt und verbietet, 
wird fpäterhin durch die Kirche felbft verordnet und feſt—⸗ 
gefegt. 

Doch felbft die erfien Spuren von erneuerten DBerfu- 
chen, das Abendmahl zu verftümmeln, und den Kelch aug 
unbefannten Gründen, etwa aus Vorſicht und Aengfi- 
lichkeit, wegzulaffen, welcher Mißbrauch am Ende des 
fünften Jahrhunderts felbft durch Leo nicht unterdrückt 
feyn mußte, verrathen zugleich die große Mißbilligung, 
mit der man zu Nom diefe Unfitte betrachtete; denn 
noch hat man den merfwürdigen Canon des Papftes 
Gelaſius, in welchem er den ihm felbft unbefannten 
Grund diefes Verfahrens Aberglauben nennt und ſolche 
Zerreißung eines und bdeffelben Sacramentes als einen 
wahren Kirchenraub vorftellt, der dadurch zu flrafen fey; 
daß den Leuten das ganze Sacrament müßte verboten 
werden, weil fie felbft nur einen Theil davon genöffen k). 





k) Den Canon baben nicht nur 


die alten Ganoniften Anfelm, Po» 
Incarp, Ivo von Chartres, fon» 
dern aub Gratian bat ibn in 
feinem Decret. Comperimus, quod 
quidam sumpta tantummodo cor- 
poris sacri portione a calice sacri 
cruoris abstineant. Qui procul du= 
bio (quoniam nescio qua super- 
stitione docentur obstringi) aut 
integra sacramenta percipiant, aut 
ab integris arceantur, quia divi- 
sio unius eiusdemque mysterii si- 
ne grandi sacrilegio non potest 
provenire. De Consecr. Dist. 2. 
ec. 12». Comperimus. Corp. 
jur. can, I. ed. Boebmer p. 1142. 


Den fchregenden Tadel der ſpä— 
fern Kelcentziebung, der in dies 
fem Canon entbalten ift, Bat mar 
nachher dadurch zu ſchwächen ges 
ſucht, daß man ihm die Ueber 
ſchrift gab: Corpus Christi sine 
sanguineSacerdos non accıpietr. 
Alein es waren offenbar die Lay» 
en, auf welde fib der Canon be 
309g, und langft baf man aus als 
fen Codicibus die ädfe Ueber 
ſchrift wiederbergeftellt, in der es 
ſchlechtweg beige: non esse su- 
mendum cerpus Domini sine ca- 
lice, Baronius feibft nennt jene 
Ausflucht eine frigida solutio. ad 
a. 496. ©. Cassandri de commu- 


Weder bloß von Prieftern, die Meſſe Iefen, noch von 
Kegern, etwa von Manichäern, oder Prifeillianiften, ift 
bier die Rede 1), fondern unter Fatholifchen Chriften 
felbft war diefer Mißbrauch eingeriffen, und an diefen 
wird er fo hart getadelt, wie jede genauere Vergleichung 
der Borfchrift von Leo und Gelaſius zeigt m). 

Selbſt die erften Spuren von dem wieder aufgefom: 
menen Gebrauch der eingetunften Euchariftie in der Mit— 
te des fiebenten Jahrhunderts, und zwar in Spanien, 
zeigen zugleich, wie eifrig man von Seiten der Kirche 
gegen den Mißbrauch proteftirte: denn eine Synode zu 
Braga vom Jahr 675 verdammet denfelben ausdruͤck— 
lich n). Ohne Zweifel hatte man die Diſtribution des 
Abendmahl in diefer Art nur bey den Kranken ange 
wendet, denen ſich nicht wohl anders als fo beifommen 
ließ; wenigſtens findet fich zu Anfang des eilften Jahr: 
hunderts eine VBorfchrift darüber, daß man es in diefem 
Nothfall fo machen fol 0). Aber bald fing man auch 








stus) Apostolis corpus suum et 
sanguinem commendavit. Seorsum 
enim panis et seorsum calicis 
commendatio memoratur. Nam 


nione sub utr. sp. ep. 19. ad Mo- 
linaeum p. 110. Calıxt. de com. 
sub una p. 86. Dallaeus de cult. 
relig. I. V. c. 9. p- 630. Zu barf 


£riffe diefer Canon Die Trienter 
Lehre, als daß ſichs nichf erklären 
ließe, warum der Jefuir Hardouin 
der zehn andere Fragmente von 
Briefen des Gelafius in feine 
Sammlung einrüdte, gerade die: 
fes weggelaffen. Conc. T. U. p. 


927- 8qg- 

1) Wie Bellarmin de Euchar.]. 
IV. c. 16. Baroniux ad a. 496. 
und felbft Bona träumt, de reb. 
lit. 1. II. c. 18. p- 595- 


m) Dallaeus 1. c. p. 631. sqq. 


n) Hoc prolatum ex —— 
tostimonium non recipit, ubi (Chri- 


intinctum panem aliis Christum 
praebuisse non legimus, excepto 
tantum illo discipulo, quem in- 
tincta buccella Magistri prodito- 
rem ostenderet, non quae sacra- 
menti huius institutionem signa- 
ret. Conc, Bracarense can. L. Dies 
fer Canon wird gewöhnlich, aber 
fälfehlich fibon dem Vapft Julius 
I. und dem Sabr 340. zugefchries 
ben von Gratian De consecr. Dist. 
2. can. cum omne. 


0) Aus den Verfügungen einer 
Gpnode zu Tours, deren Zeit man 
niche weiß, bat Burdard das Se: 
feß angeführt: Vt omnis presby- 
ter habeat pyxidem aut vas tanto 


33I. — 


an von diefer Zeit feldft die Gefunden fo zu communi- 
eiren; bey den Eluniacenfermönchen war diefe Gewohn— 
heit im eilften Jahrhundert ſchon fo fehr eingeriffen, 
daß fie fogar ein eigenes Ordensſtatut daraus gemacht 
hatten, und zwar aus bloßer Aengftlic;keit und Beſorg— 
niß, eg möchte einmal etwas von dem heiligen Wein 
verfchüftet werden; und allerdings war um diefe Zeit, 
wo die Transfubftantiationshpypothefe ſchon immer lebendi- 
ger hervortrat, auch jene Gefahr und Beſorgniß um fo 
viel höher geftiegen pP). Am Ende des Jahrhunderts 
war folche Sitte auch außer den Kioftern des Clunia- 
cen’erordens herrfchend geworden; doch nun erhob fich 
abermals ein Papft mit dem lauteften Widerfpruch dage- 
gen; Urbanus IL. befahl auf feiner großen Synode zu 
Elermont im Jahr 1095, daß Niemand am Altar den 
Leib und das Blut mit einander, fondern jedes abgefon: 
dert genießen follte, außer in Fallen der Noth und aug 
befonderer Vorſicht q ), und bald nach dem Anfang deg 
folgenden Jahrhunderts verbot der Papſt Paſchalis I. 





sacramento dignum, ubi corpus 
dominicum diligenter recondatur 
ad viaticum recedentibus seculo. 
Quae tantum sacra oblatio intin- 
cta esse debet in sanguine Chri- 
sti, ut veraciter presbyter possit 
dicere infirmo: corpus er sanguis 
Domini proficiat tibi. Burc. Deer. 
1a —— 


p) Quotquot autem ipsum cor- 
pus sacrum dederit, singulis san- 
guine prius iatinguit. Consuet. 
Cluniac. c. 30. Do& nad einem 
Zufag aus einem andern codex, 
den Dachery anfübrt, wurde es 
aud noch daben gefagf, daß die 
fes nur eine Ausnabme ſeyn ſolle 
pon der fonfligen Regel: Quam- 
quam sit extra usum aliarum ec- 


clesıarum, quia quidem maxime 
noyitii nostri adeo sunt rudes, ut 
si sanguinem ita separatim acci- 
perent, pon remaneret, ut non 
maenam aliquando negligentiam 
incurrerent. Dachery T. IV. P- L46. 
cfr. Cassander de comm. sub utra- 
que p. 1027. 


q) Ne quis communicet de al- 
tarı, 3 nisi corpus separalim et 
sanguinem Separatim sumal, nisi 
per necessitatem et cautelam. Conc. 
Claramont. c. 28. Baron. ad a. 
1095. ‘Hard. T. VI. P. IL c. 28. 
p- 1719. Hieraus gebt zugleich 
bervor, wie entfernte man noch 
am Ende des ıı. Sabrb. von dem 
Gedanfen mar, den .fayen den 
Kelch zu entziehen, 


— 336 — 


auch den Cluniacenſern ihre üble Gewohnheit aufs ern— 
fiefte, wobey er ausdrüdlich erflärte, nur fo müffe man 
das Abendmahl halten, wie Chrifius es eingefegt, nicht 
frech) und anmaßend fi) herausnehmen, das Sacra— 
ment anders einzurichten, als es von Chriftus verordnet 
worden, und alfo auch Brode und Wein, jedes befon; 
ders, austheilen, und höchftens bey Kindern und Kran: 
fen eine Ausnahme machen r). Gleicherweife wurde 
diefe Sitte in England s) und in Gallien unterfagt t), 
So ging im zwölften Jahrhundert der Mißbrauch, dem 
Volke auf diefe Are zu communiciren, unter, aber erhielt 
ſich dagegen bis auf den heutigen Tag in der Meffe, 
obgleich er auch in diefer Ruͤckſicht durch jene firengen 


und allgemeinen Verordnungen verboten war. 


Noch 





r) Scribens ad Coecilium b. Cy- 
rianus ait: quando aliquid Deo 
inspirante et mandanie praecipi- 
tur, necesse est Domino servus 
fidelis obtemperet, excusatus apud 
omnes, quod nihil sibi arrogan- 
ter assumat, ne aliud fiat a no- 
bis, quam quod pro nobis Domi- 
nus prior fecit. Igitur in sumen- 
do corpore et sanguine Domini, 
juxta eundem Cyprianum, Domi- 
nica traditio servetur, nec ab eo, 
quod Christus magister et prae- 
eepit et gessit, humana et no- 
vella institutione discedatur. No- 
vimus enim per se panem, per 
se vinum ab ipso Domino tradi- 
tum. Quem morem sic semper 
in sancta ecclesia conservandum 
docemus atque praecipimus, prae- 
ter in parrulis ac omnino infir- 
mis, qui panem absorbere non 
possunt. Ep. ad Pontium, Abba- 
tem Cluniacensem a. 1118. data 
ap. Baron. ad h. a. Hier wird 
nicht nur die gebräuchliche Jn« 
tinction des Brodseg, ſondern auf 


jede Communion unter Einer Ge— 
ftal£ vorläufig verworfen. 


s) Auf einer eignen Gpnode ad 
emendationem anglıcanae eccle- 
siae im Jahr 1175. wird von Ri— 
&ard, dem Erzbifchof von Can 
ferburn und des rom. Gtubls Le— 
gaten unter andern Gorruptelen 
auch die Jntinction des Brodtes 
im Abendmahl durch wiederhohlte 
Aufftelung des Canons der Gyr 
node zu Braga verworfen. Wil- 
kins conc. magn. Brit. I. p. 476. 
can. 16. 


t) Don Hildebert von Mans in 
einem Briefe an einen Abr, den er 
erſucht, in feinem Xlofter eine 
Sitte abzufchaffen, cui neque Eyan- 
gelia consonent, neque decreta 
concordent, quae nec ex domini- 
ca institutione, nec ex sanctioni- 
bus authenticis reperitur assump- 
ta. Hildeb. Cenoman. ep. 64. ia 
M. Bibl. PP, IIL p. 232. 


— 337 


Noch mehrere Jahrhunderte verfloffen alfo bis zur 
eigentlichen Kelchentziehung, felbft, nachdem man feit dem 
neunten Sahrhundere immer mehr und allgemeiner in 
den Weg eingelenft war, der zur Brodfverwandlungs: 
lehre führte, Selbſt der, welcher die Transfubftantia- 
tiongvorftellungen zuerft augfireuete, Paſchaſius Radbert, 
dachte noch nicht daran, welche unerwartete Folgerungen 
man einft aus diefer Lehre ableiten und welche Neuerun- 
gen man damit in Verbindung fegen würde u), Viel 
weniger möchfe man noch vor dem neunten Jahrhundert 
in der von Alters her üblichen Kindercommunion w), 
oder in der ebenfalls eingeführten Gewohnheit bey der 
Meffe am Rüfttag (Parasceve) feinen confecrirten Wein 
zu genießen x), oder in dem Gebrauch der Trinfröhren 
bey dem Abendmahl nur entfernte Spuren oder Veran: 
laffungen oder Annäherungen zur Entziehung des Kelcheg 
fehen. Der Grund der Iegteren Erfindung war der naͤm— 





u) Ganz ungmeideufig erkennet fe der Kindercommunion, welche 


er die gleiche Nothwendigkeit des 
Effens und Trinfens ım Abend: 
mahl an, fowobl für den Prie— 
fter, als für die übrigen Ehriften, 
De corp. et sang. Dom. c. 12. 15. 


w) Denn felbft die Art, wie 
man ſeit dem 3. Jahrh, au Kim 
dern Das Abendmahl zu reichen 
pflegte, gieb£ zu erfennen, wie 
nofbmendig man dazu aud den 
Wein bielt; denn man pflegfe ih— 
nen entiweder den Abendmabhls> 
wein mif einem Pleinen Löffel in 
den Mund zu fräufeln oder das 
Brod£ in den Wein und Kelch zu 
legen, weil fie das ftärfere Brodt 
allein nicht guf genießen fonnten. 
Die große Öorge für den heiligen 
Wein zeigt fidy zwar darin, aber 
man war weit entfernt, den Wein 
ganz mwegzulaffen. Die ganze Gits 


Marheinede Syſt. d. Katholicismus. III. 


fih in der griechiſchen Kirche bis 
auf den heufigen Tag erhalten, 
wurde ſchon im 12. Jahrh. in der 
Iafeinifchen Kirche abgefchafft und 
aud nod von der Syn. zu Triene 
verboten. ]. c. cap. 4). ©. Petri 
Zorn Hist. eucharistiae infantum. 
Berol. 1736. 8. 


x) Es ift davon ſchon oben ge: 
bandel£ worden. Sn folcher mis- 
sa praesanctificatorum bewahrte 
man nur die confecrirfe Hoſtie 
auf, und felbft der Priejter genoß 
am Tage nad) Charfreifag feinen 
Wein; daber, gehört der Sal gar 
— * —— ©. Bona de reb, 
iturg. 1. I. c. 15. p. 209. sqgg. 
Leo Allat. de — — 
apud Graecos, ad calc. libri de 
eccles. occident. et orient. perp. 
consensione. p. 1541. 1559. 


22 


— 38 — 


liche, als der der eingetunkten Euchariftie, nämlich die 
Beforgniß irgend einer Entheiligung des Sacramenteg, 
nur daß der Gebrauch jener Rohren, der feit dem neun. 
ten Jahrhundert aufgefommen war y), ſchon eine Zeit 
verräch, Wo man angefangen hatte, den Wein, ja jeden 
Tropfen deffelben zu vergöttern. Der Gebraud) folcher 
filberner und gläferner Röhren, die man in den Kelch) 
fiellte oder wie bey den Eiftercienfer- und Carthaufers 
mönchen nachher üblich) war, am Kelch befeftiget hatte, 
wurde dem gewöhnlichen Trinken aus dem Kelch auch 
vorgezogen aus Ekel vor den Spuren, die man mwahrs 
nahm davon, daß ſchon ein anderer daraus gefrunfen, 
auch weil man gefehen, daß etwa win Tropfen des hei: 
ligen Weins am Barthaar der Männer hängen geblie- 
ben, immer aber aus der abergläubifchen Furcht, es 
möchte irgend etwas davon auf eine unanftändige Weife 
verlohren gehen 2). Welche Sorgfalt auch fo doch nur 
von neuem verräth, wie wenig man nod) im vilften und 
zwölften Jahrhundert, in welche Zeit hinein diefe Ge: 
mwohnheit dauerte, gefinnet war, den Kelch ganz wegzu— 
laffen, wozu dann freylich felbft diefe ängftlichen Vor: 
fehrungen und Verſuche zuleßt führten: denn ein beffe: 
res Mittel gab es freylich nicht, jede DVerfchüttung des 
Weins zu verhüten, als dag, ihn ganz wegzulaffen. 
Selbſt die Scholaftifer hatten ſchon eine gute Zeit 
hindurch die Frage debattirt, ob man nicht auch unter 
Einer Geftalt fo viel empfange, als unter zweyen, fie 
hatten bereit8 lange die neue Lehre von der Concomis 
tanz auf die Bahn gebracht, che der Kirche einfiel, ein 





y) Nah Daille erft am Ende z) Cassander de comm. sub 
des ır. Jabrb. De cultib. xrel. I. utr. p. 2036. Dallaeus L. c. 
III. cap. ad. p- 448. 


339 


allgemeines Gefeß zu machen aus der Weglaffung des 
Kelches im Abendmahl Weil bey der eingetunften Eus 
chariftie der Kelch wirklich ſchon auch der Form nach 
meiftens mweggelaffen war, obgleich noch nicht der Wein, 
fo bezogen fie aud) darauf zunächft ihre endlofen Fra; 
gen; von da aus war nur noc ein Schritt zu thun, 
"der fich mit einiger Dialeftif auch noch machen ließ a). 
Sobald e8 in Thefi entfchieden war, daß man mit dem 
Brodt allein eben foviel ausrichten koͤnne, alg mit dem 
Wein daneben, fo ließ fich die Zeit fehon mit Sicherheit 
voraus berechnen, wo man am Brodt allein ftehen bleis 
ben und damit allein die Chriften abfpeifen würde, Doch 
felbft die Scholaftifer führten in ihrer Art noch redlich 
die Gründe an, welche für das Gegentheil fprechen. 
Brodt, fagten fie unter andern, bedeute den Leib, Wein 
die Seele: denn der Wein erzeuge Blut und in diefem 
fen die Seele; es müßten alfo auch Brodt und Wein 
neben einander genoffen werden zum Bekenntniß, dag 
Chriſtus die ganze menfchlihe Natur angenommen und 
auch Leib und Seele erlöft habe b). Andere Ichrten, daß 
die Kirche das Sacrament unter beiden Geftalten aus: 
Eheile, um das Leiden Ehrifti Dadurch defto Tebendiger 





a) Die frübeften Gpuren einer 
ſolchen Dedurfion und eines phi— 
Iofopbifch: poefifhen Beweifes für 
die Rechtmäßigkeit der Kelchweg— 
lfaffung finden fi in einem Ges 
dicht Nudolpbs, Abts vom Klo— 
fier des beil. Tronc (S. Trudo- 
nis) im Lüttichſchen, der vom J. 
1121. an Äbt von St. Fantaleon 
im Göfnifhen war. Aus dem 
Nfepe. führet Bona die Stelle 
fo an: 

Hic et ibi cautela hat, ne Pres- 

byter aegris 


Aut sänis tribuat laicis de san- 
guine Christi, 
Nam fundi posset leviter, sim« 
plexque putaret, 
Quod non sub specie sit totus 
Jesus utraque, 
Bona l. «. 1. Il. c, 18. p. 863, 


b) Go Petrus Lombatdus, der 
jedoch auch der Meinung ift, daß 
der ganze Shrijtus unter einee 
jeden der beiden Geitalten fey. 
Sentt. ], IV. Dist. 11. p. 313. 


22* 


— 340 — 


darzuſtellen ce). Ganz entgegengeſetzt den ſpaͤteren Bes 
ſtimmungen der. Kirche, und umgekehrt lehrte der naͤmli— 
che Wilhelm von Paris, daß obgleich unter jeder der 
beiden Geſtalten der ganze Chriſtus genommen wuͤrde, 
doch die Kirche dag Sacrament unter beiden Geftalten 
unverändert beibehalten habe d)., Noch in der Mitte 
des zwoͤlften Jahrhunderts war, felbft wo die eingetunfs 
te Euchariftie herrfchte, doch den Layen der Kelch nirs 
gendg genommen und alle hiftorifche Zeugniffe fagen dag 
Gegentheil aus. Bon da an aber neigte man ſich immer 
mehr und entfchiedener auf die andere Seite hin. 
Robert von Pulleyn führet ein wichtiges Argument 
für diefen Gegenftand an, Chriſtus, fagt er; habe es 
dem Gutdünfen feiner Braut, der Kirche, überlaffen, zu 
beftimmen, tie das Abendmahl zu halten fey, und er 
erklärt .e8 für gefährlich, den Layen auch den Kelch zu 
reichen, weil fo leicht etwas davon verihüttet werde e). 
Hier in England findet man außer den Grundfägen auch 
fhon die erften beftimmten Spuren einer wirklichen Kelch: 
entziehung. Vom drepzehnten Jahrhundert an wurde dies 
fe. Gewohnheit immer allgemeiner, auch außer England: 
denn die durch Innocenz IN. im Jahr 1215. feyerlic) 
fanctionirte Transfubftantiationslehre mußte die Gefahr, 
etwas zu verfchätten von dem alfo vergötterten Wein, 
nur noch um Vieles fchreckender und graufenvoller ma— 
chen. Alsrander von Hales ſchon fpricht nicht anders 


h HT a m —— 


c) Guilelm. de Campellis in pro caussa praedicta Sacramen- 
einer Gtele, welche ©piftler an» tum utriusque speciei ab ecclesia 
führt, der vom bier an überbaupf immutabiliter retinetur |, c. 
ſehr brauchbar wird ©. 95. 

e) Sententt. P. VIII. c. 3. Spitt⸗ 

d) Et ideo licet in alterutra ler ©. 96. 
specie totus sumatur, tamen 


— 341 pen 
davon, als ob gar Fein Laye in der Kirche mehr den 
Kelch empfange F), obgleich es noch lange nicht fo arg 
war: denn auch jeßt hat man noch Spuren genug, daß 
es allmählich nur damit ging und daß noch lange nicht 
überall der Kelch den Layen genommen war, felbft in 
England nicht einmal g). Auch in Deutfchland Fannte 
man an vielen Orten die neue Gewohnheit noch nicht h). 
Aber nun erflärten fich auch Thomas von Aquin i) und 
Bonaventura k) dafür, und da alfo zwey der vorzüg- 
lichften Helden der Dominicaner nnd Franziscaner ihr 
beitraten, fo Fonnte nicht fehlen, daß alle Drdensgenof; 
fen ihr beifielen; die Bettelmönche trugen den neuen 
Glauben und Gebrauch bald in alle Winkel der Welt D, 
Wunder fogar ließ man gefchehen zu diefem Behuf m), 





£) Sent. 1. IV. Qu. 53. membr. 
ı. Doch wie er felbft davon den— 
te, fprich£ er ebenfo deutlich aus. 
Licet illa sumptio, quae est in 
aecipiendo sub una specie, sufh- 
ciat: illa tamen, quae sub dua- 
bus est majoris meniti, tum ra- 
tione augmentationis devotionis, 
tum ratıone fidei , dilectarionis 
actualis, tum ratione sumptionis 
completioris. — Sumptio sub utra- 
que specie, quem nm:odum sumen- 
di tradidit dominus, est majoris 
efficaciae et complementi. 1. 
e. Qu. 53. art. ı. 


£) So ermahnet eine Gpnode 
zu Durbam v. J. 1220. die Prie— 
fter, den Layen zu unterrichten, 
daß dag, was er im Abendmahl 
frinfe, Blut des Herrn fen. Conc. 
Dunelmense ap. Wilkins I. p. 578. 


h) 3. 8. im Cölniſchen, wo Us 
breit der Gr. lebte. Spittler ©. 
3X. 


i) Perfectio huius sacramenti 
non in usu fidelium, sed in con- 


secratione materiae sita est et ideo 
nıhil derogat perfectioni huius sa- 
cramentli, si populus sumat cor- 
pus sine sanguine , dummodo sa- 
cerdos consecrans sumat utrum- 
que. Summa. P. III. Qu. 80. art. 
ı2. Qu. 74. 

k) Bonavent. in 1. IV. Sent. Dist. 
11. bey Gpittler ©. 99. 


1) Auch die Gifterzienfer fielen 
der neuen Giffe bey und machten 
fogar ein eignes Drdensflafut 
darüber auf ihrem ÖGeneralcapis 
tel vom J. 1261. Cum ex parli- 
cipatione sanguinis Domini, quam 

ost sauctam communionem so- 
Tea percipere personae ordinis 
in calice, pericula inde veniant 
gravia et possint evenire in po- 
sterum gıaviora, capitulum gene- 
rale ordınat, quod monachi con- 
versi, moniales ordinis, exceptis 
ministris altaris, ad calicem 
moresolito non accedant. 
Statutum Cist. ap. Martene in 
Tliesaur. Anecd. IV. p. 1418. 


m) Alexander von Hales erzählt, 


— 342 — 


und diefem Beweiſe widerſtand nicht leicht Jemand im 
Mittelalter, Auch ging man Flug zu Werke, um nad) 
und nad) das Volk an- diefe neue Sitte zu gewöhnen, 
Dem eigentlichen Abendmahlskelch fubftituirte man den 
fogenannten Spuͤlkelchz der Priefter goß zu den in der 
Meffe übrig gebliebenen Tropfen confecrirten Weing lau: 
ter unconfecrirten, fo wurde den Sinnen wenigfteng doc) 
etwas Aehnliches dargeboten n). 

Wenn man aber felbft noch im dreyzehnten Jahr— 
hundert und in der Fatholifchen Kirche felbft nicht felten 
findet, daß die Communion unter beiden Geftalten bie 
und da üblich war, empfohlen und felbft verordnet wurs 
de 0), fo hatte es befonders von Seiten der Sectirer 
de8 dreyzehnten und vierzehnten Jahrhunderts nicht an 
lauten Stimmen gefehlt gegen den SKelchraub. Den 
Kelch zurück zu haben, war eine ihrer gemeinfamften und 
unabläßigften Forderungen, Aber eben nun erſt und die 
ſem Widerfpruche entgegen wurzelte der Fatholifche Lehr: 
fag und Mißbrauch immer tiefer ein und, fie jenen 





daß einige Möndhe es übel ge 
nommen, daß ibnen der Keldy ge 
nommen worden, da nun einſt 
der Friefter das Brodf brad, ſo 
zeigte fih zu Aller Erfiaunen die 
Patene vol Bluf, ja als er nun 
die zerbrochenen Theile der Hoftie 
wieder zulammenfügte, ſo war 
es, als wenn nichts borgefal: 
fen wäre. Summa P, IV. Qu. 53, 
membr, ı, 


no) Sn England befahl der Erz 
Eifchof Jobaun Pelbam von Can» 
ferburp im 9. 1251, feinen Priga 
ftern, daß fie das Volk unterrich« 
ten follten über das, was ıbnen 
im Kelch gereicht werde, wobey 
er auch diek als Zweck augab, 
daß jie mis Hülfe folgen uncon« 


ferrirten Weins den genoffenen 
£eib des Herrn beffer binunter« 
f&luden Eönnten. Bey Gpittler 
©. ıoı. In quibusdam locis post 
sumtionem corporis et sanguinis 
Christi aliquid de ipso sanguine 
reservatur ın calice et superinfun- 
ditur vinum purum, ut ipsi com- 
municantes inde sumant; non 
enim esset decens tantum sangui- 
nem conficere, nec calix capax 
inveniretur, Durandi Rationale di« 
vinor. oflie. 1, IV, c. 77. 


0) Wilkins conc, magr. Brit, 
II. p, 135. Und in Sranfrei noch 
Gpuren der Cpmmunipn sub utra- 
que felbjt am Ende deg 14. Jabrh. 
f. Spittler ©, 43. 


— aa = 


zum Troß, fehaltet und waltet der Papſt mit dem Kelch, 
tie er will, giebt und verweigert ihn, wem er will. 
Indeß Clemens VI. gegen die Mitte des vierzehnten 
Sahrhunderts dem Herzog Johannes von der Norman: 
die und dem Herzog Otto von Burgund aus freyer 
Gnade und Willkuͤhr erlaubt, ihr ganzes Leben hindurch 
den Kelch im Abendmahl zu frinfen p), werden die um 
glücklichen Waldenfer haufenweis abgefchlachtet, weil ihrer 
Seelen Seligfeit allein an diefen heiligen Kelch gebuns 
den war. Wo liefeet man, daß Chriftus und die Apo— 
fiel oder irgend ein wahrhaft Srommer der Vorzeit einen 
ſolchen Unterfchied gemacht, oder daß am Tifche deg 
Herrn ein Fürft mehr fey, denn der Bettler? Welch ei— 
ne Umfehrung aller göttlichen und menfchlicyen Gefege 
gehörte zu folchem Frevel, als man ſich ungefcheut zu 
Rom erlaubte? 

Die Böhmen Fonnten e8 nicht vergeffen, daß fie von 
griechifchen Mönchen das Chriftenthum empfangen hat- 
ten: das Joch der lateinifchen Cerimonien und pofitiven 
Gefeße war ihrem ganzen Geifte zuwider; doch aud) fie 
hatten den Kelch fi) müflen nehmen laffen. Mit defto 
größerem Eifer foderten fie denfelben zurüc, und Jacob 
von Mifa (Jacobellus) in Böhmen war zu der namli: 
chen Zeit das Digan der lauten Begehrungen, als Huß 
das Opfer derfelben ward. Alle, die jenen hörten, lie 
fen das Abendmahl unter beiden Geftalten fich reichen q), 
und alle Verehrer von Huß wußten, daß auch die Kelch: 
forderung, welche er ftandhaft zu Conftanz behauptet, ein 
Grund mehr zu feiner Hinrichtung gewefen war r). 





p) Raynaldi Annal. ad a, 1344. r) De sanguine Christi sub spe- 
n. 62. ad a. 1545. n. 32. cie vini a laicis sumendo; in Hus- 
q) Aen. Sylvii Hist. Bobemor. si Opp. I. p. 42. BergI. Hermaun 
Helmst. 1699. 4. c. 35. p- 52. von der Hardt Acta Concil. Con- 


- — 


Dieſe große Kirchenverſammlung zu Conſtanz hat die 
Ehre, die Verſagung des Layenkelchs zum erſtenmale 
ſymboliſch gemacht zu haben s), und zwar zum Erſtau— 
nen der Welt auf eine hoͤchſt merkwuͤrdige Art. Im Ju— 
nius des Jahres 1415. machte fie ſechs Schluͤſſe hier 
über befannt, in deren erftem, zweitem und dritten fie 
ganz offen erklärt, daß allerdings Chriſtus dag Sacra— 
ment unter beiden Geftalten des Brodtes und Weines 
eingefeßt und ausgerheilt habe, daß auch die Gläubigen 
in. der erften Kirche das Sacrament unter beidın Ger 
falten empfangen hätten, daß aber demungeachtet zur 
Vermeidung einiger Gefahren und nach löblicher Ges 
mwohnheit der Kirchen die Layen nur die Eine Geftalt 
de8 Brodtes empfangen follten T). Ganz offen und ums 
ummwunden erklärt hier eine allgemeine Kirchenverſamm— 
lung, daß ihr beliebt, dag Gegentheil von demjenigen 
feftzufeßen, was unfer Herr Chriftus und die alte Kirche 
gethban. Sie fihreyer den für einen Keger aus, der fich 
noch ferner an die Einfeßung und Verordnung Chrifti 
halten und fich nach der Obfervang der älteften Kirche 
richten würde. Sie ruft nicht nur den Bifchof und fei- 


nen Official und den Inquiſitor gegen ihn auf, fondern . 





stant. T. IIT. Prolegg. p. 21. sqq. 
Lenfant Hist. du concile de Con- 
stance. I. ]. 3. p. 349. sqq. 368. 
371. Die Gefhichte des ganzen 
©treifes über den Layenkelch a. 
D. p. 246. sqgq- 


s) Nody der Gcolaftifer Ga— 
briel Biel führet es als eine als 
te, aber wie man wohl fieb£, 
nicht mebr gebräudliche-Gemohn: 
beit an, das Abendmahl unter 
beiden Geftalten zu nehmen. Olim, 


fag£ er, in quibusdam ecclesiis id _ 


fuit usitatum, ut laicı sub utra- 
que specie communicarent ]. IV. 
Sent. Dist. 12. qu. 2. art.3. Quae- 
stio de una specie fuit dubia us- 
que ad definitionem concilii Con- 
stantiensis. Lect. 84. in can. mis- 
sae. 


t) von der Hardt Conc. Con- 
stant. III. P. 18. p. 646. sqgq. cfr. 
p- 582. sgq. 


— 


— 


— 345 — 


macht es auch den Fuͤrſten und Biſchoͤfen zur Pflicht, 
den weltlichen Arm gegen Alle in Bewegung zu ſetzen, 
welche ſich eigenſinnig dieſer Feſtſetzung der Kirche nicht 
unterwerfen wuͤrden. Und wie viele Tauſend wurden 
nicht in Boͤhmen allein die Opfer dieſer Verfuͤgung! 
Aus Haß gegen der Boͤhmen gottesfuͤrchtige Wider— 
ſetzlichkeit und im Gefuͤhl ihrer ungruͤndlichen und unbe— 
friedigenden Entſcheidung, in Erwägung auch des Aer—⸗ 
gerniffeg, welches der berüchtigte Ausdruck: demungeach— 
tet (hoc non obstante) veranlafßte u), trug man dem 
Kanzler Gerfon eine ausführliche Vertheidigung jener 
Synodalentfcheidung auf, und es ift einer der unbegreif: 
lichſten Puncte in diefer Sache, daß ein fo frommer, 
gelehrter und einſichtsvoller Pralat, fo vol Eifers für 
eine Neformation der Kirche an Haupt und Gliedern, 
fich zu folhem Gefchäft mißbrauchen ließ w). Und was 


— — — — — — — 


u) Luther nannte daher in der 
Folge das concilium Constantien- 
se das Non obstantiense. 


w) Praesentes sunt in hoc Con- 
cilio de praeclaris Vniversitatibus 
tam numero, quam merito prae- 
eellentes Theologi: unde dicunt 
eorum plurimi, qui super hoc 
fuerunt simul congregati, quod 
consuetudo (de non communi- 
eando laicos sub utraque) licite 
et rationabiliter fuerit ıintroducta, 
praesertim post multiplicationenu 
fidelium et hoc propter evitatio- 
nem multiplicis periculi, irreve- 
rentiae et scandali circa suscep- 
tiosem huius benedicti Sacramen- 
ti. Pericula autem haec enume- 
rant: 1. in effusione; 2. in depor- 
tatione de loco in locum; 35. in 
vasorum sordidatione, quae de- 
berent esse sacrata, nec passim 
tractata et tacta a laicis; 4, in 





barbis longis virorum ; in conser- 
vatione pro infirmis,, posset enim 
acetum in vase generari — addi- 
to, quod in aestate bibliones et 
muscae generarentur — quando- 
que etiam putresceret; 6. fieret 
multis quasi abomivabile ad bi- 
bendun: , quando multi alii prae- 
bibissent; 7. in quo vase fieret 
consecratio tantı vını, quantum 
requireretur in Paschate pro ali- 
quot millibus personarum; $. dam- 
num esset in sumpiuositate vini;z 
alıbi enim vinum vix inyenitur, 
alibi care comparatur; 9. esset 
periculum in congelatione; 10. 
induceretur inde periculum falsae 
credulitatis, quasi tanta esset di- 
gnitas laicorum circa sumptionem 
corporis Christi, sicut et sacer- 
dotum; tr. existimaretur, semper 
faisse et esse necessaria commu- 
nio calicis ete.; 12. püularetur vir- 
tus et efficacia huius sacramenti 


= 346 — 


für Gründe waren das und ie unfäglich Fläglich alfe 
die vielen Argumente, welche der Mann bier aufzähle. 
Der nämlichen Gründe bediente fich zwar ohngefähr 
zwanzig Jahre fpater die große Synode zu Baſel, und 
auc) da wurde die Kelchentziehung im Allgemeinen be: 
fiätige x); doch fie hatte den Böhmen den Kelch ge: 
ftattet, und die Unterſuchung diefer Sache wandte fich 
auf eine andere Seite, nämlich auf die Gewalt der Kir: 
che, dergleichen Anordnungen zu treffen und nöthigenfalls 
auch von Beobachtung derfelben zu difpenfiren. Man 
fteilte die Sache hier in ein fo mildes Licht, in welchem 
felbft der Genuß beider Geftalten nicht mehr als Ketze— 
rey erfiheinen Fonnte. Statt des unheiligen hoc non 
obstante, welches man zu Conſtanz zwifchen Ehrifti In— 
ftitution und das Belieben der Kirche geftelle, erflärte 
die Synode nun, "die Layen und die nicht Meffe Iefen: 
den Priefter fenen nicht verbunden nach einem Befehl 
des Heren zum Genus beider Geftalten, Sie erffärt ſo— 
garı es möge Jemand unter Einer Geftalt oder unter 
beiden nach der Verordnung oder Gewohnheit der Kirche 
communiciren, fo gereiche e8 dem würdig Communici— 
venden zum Heil. 

Nach den Beflimmungen des Bafeler Decrets und 
dem Aufſatz von Gerfon hat dann auch die Synode zu 
Trient ihr Decret und ihre Kanonen formirt. Nicht nur 
die Proteftanten hatten fich dazumal aus göttlichen Necht 





esse magis in sumptione, quam 
in consecralione; 13. sequeretur, 
Ecclesiam romanam non rite sen- 
tire de sacramentis, Dec esse in 
hoc imitandam; 14. sequeretur, 
Constantiense conciliumfä in fide 
et bonis moribus errasse; ı5 es- 
set occasia schismatum in Chri- 
stianitale. Contra haeresin de 


communione laicorum sub utra- 
que specie, im J. 1417. auf der 
Synode zu Conſtanz porgelefen. 
Opp. ed. du Pin. II. p. 57. Len- 
fant 1. c. II. 1. V. p. 99. von der 
Hardt 1, c, III. P. 20. p. 765. 


x) Sess. XXX. im December 
1437. ap. Hard. VIII. p. 1244. 


— 347 — 


fchon den Kelch wieder zurückgenommen, fondern auch 
ein Theil der Bifchöfe auf der Synode ſprach dafür, 
dag man den Layen den Kelch wieder geben folle; doch 
ungeachtet felbft vieler Bitten von Königen und Fürften 
beharrete die Synode auf ihrem eitlen Eigenfinn, und 
machte nur noch einen Vorfchlag an den Papfi Pius IV. 
mit den Bedingungen, unter denen zur Noth die Layen 
den Kelch wieder erhalten fünnten y). 

Schwer wäre es zu begreifen, warum die Fatholifche 
Kirche auch jeßt noch immer in der Ausjchliegung der 
Layen vom Kelch beharret, wenn man nicht wüßte, wel 
che Gewalt in diefer Kirche das Vertrauen auf Anderet 
Einficht; ein Paar vorübergefloffene Jahrhunderte und 
die trage Gewohnheit ruhiger und forglofer Conſequenz 
behauptet. Drey allgemeine Conzilia haben die Kelch: 
entziehung fanctionivt und zu flark, fürchtet man, wäre 
die Blöße, welche durch unbedingte Aufhebung diefeg Ver: 
bots fich die Kirche geben würde. Um ein doch nur 
mögliches und zufälliged Unglück zu verhüten, beraubt 
die Kirche lieber ganz ihre Gläubigen desjenigen, was 
Chriſtus ohne Unterfchied und Einfchranfung allen feinen 
wahren Verehrern beſtimmte. Selbft die rührende Sehn- 
fucht und der heiße Durft nach dem labenden Becher 
des Heild kann den ftarren Sinn der Kirche nicht beu— 





y) Diefe Bedingungen find aber calicis fore judicaverit, Und in 


nichf in das Decre£ der Gnnode 
aufgenommen worden. Die Syn— 
ode erklärte vielmehr noch in 
der 22. Gefjion, inlegrum nego- 
tium ad sanctissimum Dominum 
nostrum esse referendunn — qui 
pro sua singulari prudentia id ef 
ficiat, nad utile reip. christia- 
nae et salutare petentibus usum 


der That verfaufte die Kirche ihren 
Kelh ſehr thbeuer. Die Bedinguns 
gen waren von folder Art, dag 
Luther mit Rede ſchon lange por» 
ber fagen konnte, wenn blog der 
Papjt als Papſt den Kelch mwie- 
der frey geben wollte, fo würde er 
fh dejjen ninimermehr bedienen, 


— 348 


gen, und nach einer allegorifchen Deutung der neueften 
Zeit kann die Kirche felbft einen großen und heiligen 
Zweck haben bey diefer Sehnſucht nach dem Kelch, den fie 
nur von weitem zeigt *). Go mag denn auch die hei: 
lige Schrift den Layen wieder vorenthalten werden, was 
Paͤpſte auch einmal ganz nüsli fanden zu ihren 
Sweden, und eine ſchoͤne Confequenz wäre dag befonderg 
in Anfehung des Keldyes von weiten, weil dann die 
Layen doch Menfchenfagung von Gottes Wort gar nicht 
mehr unterfcheiden Fünnten z). Denn fo augenfcheinlic) 
Herräth der Kelchraub feinen innern und wefentlichen Zus 
fammenhang mit römifcher Gewiſſenstiranney, daß nicht 
nur die griechifche Kirche fich niemals ſolches Zoch hat 





“) Sr. don Göthe, indem er den 
Gnceramenten der katholiſchen Kir» 
che eine in der That ganz neue 
poetifche Anſicht abgewinnt, z-igt 
Doch dabey zugleich eine auffals 
Iende linfunde des wirklichen fa» 
tbolifhen Wefens. Sier ganz be» 
fonders ben dem Kelch aus der 
Ferne, wobey er fi von der ir» 
rigen Borausfesung betreten läßt, 
als fen das die rechfe Lehre des 
Rafbolicismus, was doch nur rich» 
fig iſt und ein Bormurf gegen 
derfelben aus dem profeftanti» 
ſchan Gfandpunet: wofür ibm 
dann alfo audy die katholiſche Kir 
che nicht fonderlich danken kann. 
Denn wenn er bier fagf: damit 
das Gehbeimniß dieſes hoben Actes 
noch geſteigert werde, ſiebt er den 
el nur in der Ferne, es ift 
fein gemeines Eſſen und Trinken, 
was befriedigf, es ift eine Him— 
melsfpeile, die nach himmliſchem 
Tranuke durfig made — fo nimmt 
er bier offenbar an, was der Pro= 
teſtant an der Eatholifhen Com» 
munion fadelf, namlidh, daß mit 


Weglafung des Kelchs auch Fein 
wahres Blut des Herrn ausge 
fbeil€E und, genofjen werde, was 
bingegen der Katholif ftandbaff 
leugnef, indem er ja Eraff feiner 
C&oncomifanzlebre glaub£f, daß er 
mi£ dem Leibe des Serrn auch 
das Bluf wirklich empfange, alfo 
auc fein Durft zugleich mi£ dem 
Hunger gejtillet werde, welches, 
wie man ficb£, der Göthiſchen 
Anfih£ geradezu widerfprichk. Aus 
meinem Leben, PDidtung und 
Wahrheit. II. ©. 184. 


z) Go ließ noch im ı6 und 17. 
Sabrb. die Fatholifhe Kirche ihre 
Gemeinen nab der Gommunion 
das alte deutfche Lied fingen: 
Gott fen gelobef und gebenedeiet, 
der uns ba£ gefpeifef mit feinem 
Steifhe und mit feinem Blut. 
Schwerlich Eonnfe doch, dieß mit 
Nachdenken und Verſtand zu thun, 
das arme Volk die Lehre von der 
Concomitanz dabey zu Hülfe ges 
nommen haben. 


auflegen Iaffen a), fondern, was am empörendften iſt, 
die Päpfte auch zu verfchiedenen Zeiten mit wilkührli- 
cher Gewährung des Kelches einen Actus ihrer Superio— 
rität ausübten, woraus man fehen Fann, daß Fein wahr: 
haft religiöfer, nothmwendiger und zwingender Grund die 
Entziehung deffelben motivirte; wie denn überhaupf, man 
mag die Sache betrachten, wie man will, an Feiner Sei: 
fe die Kelchvermweigerung innerlic) und weſentlich mit 
dem Spftem zufammenhängt, fo, daß fie auch nicht, als 
ein unnüger und fchädlicher Auswuchg, unbefchader von 
jenem, twieder davon getrennt werden könnte. Ihre blo- 
Fe Willführ, ihr weltliche Streben, durch diefen Kelch 
von weitem ihr Necht der Dispenfation und Privilegiens 
ertheilung zu beweiſen, und die Welt nur zu tieferer Un— 
terwürfigfeit gegen fich zu bringen, haben die Päpfte und 
Kirchenverfammlungen deutlich genug verrathen im den 
Capitulationen mit den Böhmen, denen man den Kelch 
verftattete, wenn fie nur glauben wollten, der Papft und 
die Kirche koͤnnten es halten damit, wie fie wollten, in 
der DVergünftigung des Kelchs an alle orientalifche Chri- 
fen, welche fich nur der DOberherrfchaft des Papftes un- 
-terwerfen wollten, in der gleichfalls bedingten Nachgie- 
bigfeit gegen das Dringen der Fürften im fechszehnten 
Jahrhundert b) und in der Art, wie men zu verfchie: 
denen Zeiten bey Kaifern, Königen und Fürften in An- 
fehung des Kelches eine Ausnahme machte. Unter ben 
Fürften der Fatholifchen Kirche hatten fonft allein die 
franzöfifhen Monarchen dieß papftliche Privilegium, def: 


a) Bis auf den hbeufigen Tag II. c. ı8. Renaudot Collectio li- 
genießen die Ruſſiſchen, Syriſchen, turgiarum oriental. I. p. 24. II. 
Armenifchen und Abeffpnifchen Kir- p. 42. 

&en das Abendmahl unter beiden b) Calixt. de commuffone sub 
Geftalten. Bona de reb. liturg. I. uiraque specie p. 13. sqq. 


— 0 — 


fen fie ſich auch bey ihrer Krönung, oder in der Todes: 
ftunde wirklich zu bedienen pflegten: aber freylich nur, 
um zu zeigen, daß es ihnen zufomme und dag Necht 
noch nicht erlofchen fen ©): alfo ward auf allen Eeiten 
der heilige Kelch zu äußerlichen und weltlichen Zwecken 
benußt, bier um ein Recht des Befises und dort um 
ein Dispenfationgrecht oder einen Gnadenact in Ertheis 
lung des Kelches zu documentiren d). 





ce) Wie Pagi ausdrüdlich be: ge zu diefem Vorrecht gefommen, 
merkt Breviar. gestor. pontif. ro- wird verſchieden berichtet. ©. 
man. II. P. 2. p. 87. darüber Mayeri dissert. de regis 
z Galliae communione sub utraque. 

d) Wie die franzöfifhen Köni- Wittenb. 1686. 4. 


Neuntes Kapitel 


— —e— — 


Fortſetzung. Vom Sacrament des Abendmahls. Von dem Opfer 
im Abendmahl oder von der Meffe. 


R 


Die katholiſche Kirche betrachtet endlich das Abend— 
mahl auch als ein Opfer, und dieſer Geſichtspunct iſt 
ihr bey weitem der wichtigſte und hoͤchſte in der ganzen 
Anſicht des Abendmahls, weil er fuͤr ihren Cultus und 
das ganze kirchliche Leben der bedeutendſte iſt, als deſſen 
eigentlicher Mittelpunct die Meſſe hervortritt. In wel—⸗ 


— 35I — 


chem innern Zufammenhange oder nur in welcher me: 
fentlichen Beziehung auf einander das Sacrament des 
Abendmahls mit dem Opfer in demfelben ftehe, hat die 
Synode zu Trient nicht angegeben, obgleich eben diefes 
vor Allem wichtig geweſen wäre, zu unterfuchen, durch 
welche veligiöfe Faden beide Materien mit einander ver: 
bunden find. Es läßt fi) gar wohl denken, daß beide 
Anſichten bis zu einem gewiſſen Puncte hin ſich ganz 
unabhaͤngig von einander entwickeln, aber auch nicht 
anders annehmen, als daß ſie doch Einen gemeinſchaft— 
lichen Beruͤhrungspunct haben, an welchem ſie wenig— 
ſtens zuſammenfließen und ſich innig mit einander ver— 
binden, wenn gleich ſie nicht gemeinſchaftlich ſich daraus 
entwickelten. Die Synode hatte vielmehr ein beſonderes 
Zeitintereſſe, Sacrament und Opfer zu ſcheiden und aus— 
einander zu halten, und alſo mehr auf die Verſchieden— 
heit beider zu dringen, als den weſentlichen Zuſammen— 
hang aufzuzeigen a). Und daß Sacrament und Opfer 
im Abendmahl ſich aus verſchiedenen, von einander un— 
abhängigen Prinzipien abfließen, hat fie auch durch die 
Drönung zu dverftehen gegeben, in der fie von beiden 
Gegenftänden handelt. Sin dem Eingange zu ihrem De: 
cret der zwey und zwanzigſten Seffion deutet fie nur im 
Allgemeinen an, daß die ganze in der dreysehnten Siz— 
zung bereit abgehandelte Lehre vom Abendmahl noch 
nicht zu Ende, fondern daß das Abendmahl auch ein 
Opfer fey b). 





a) Si quis dixerit, — quod 0f- vetus, absoluta atque omni ex 
ferri non sit aliund, quam nobis parte perfecta de magno eucha- 
Christum ad manducandum dari, ristiae mysterio in sancta catholi- 
anathema sit. Sess. XXII. Can. 1. ca ecclesia fides atque doctrina 

retineatur et in sua puritate pro- 

b) Sacros. — Synodus — ut pulsatis erroribus atque haeresi- 


Es zeigt ſich auch gleich in dem Sinne, in welchem 
das Farholifche und proteftantifche Syſtem das Abend» 
mahl ein Opfer nennet, eine fo gründliche Verſchieden— 
heit beider, dag man fich nicht wundern Fann, wie fie, 
getrennt fchon an diefem erften Puncte, auch in der gan: 
zen Entwickelung ihrer beiderfeitigen Lehren durchaus kei— 
ne einzige Borftellung mehr mit einander gemein haben. 
Das proteftantifhe Syſtem, fich entwickelnd auf dem 
veinen und feften Boden einer durchaus geiftigen Reli- 
olon, deren Stifter unter andern auch darum gefommen 
und von Gott gefendet worden war, alles DOpfer- und 
Prieſter-Weſen in finnlicher, fichtbarer Are abzufchaffen 
und aufzuheben und die religiöfe Opferidee zu ihrer wah— 
ven Würde und Heiligkeit wieder zu erheben und herzu— 
fiellen, läßt zunächft den Begriff eines Außerlichen und 
cerimoniellen Opfers nur hiftorifch gelten im Judenthum 
und Heidenthum, findet aber für dergleichen Opfer auf 
dern Bebiete des Chriftenthums durchaus feinen Plaß, 
vielmehr einen fo lebendigen Widerfpruch dagegen, daß 
fie mit diefem auf feine Weife beftehen koͤnnen. Sodann 
erfennet e8 in jenem heiligen Tode des Erlöfers dag einzige 
Opfer im Chriſtenthum, das erfte und legte, deffen finnliche 
Seite ung jedoch) nur lehren folte, im Ueberſinnlichen, 
Ewigen und Göttlichen die wahre Bedeutung, Kraft und 
Wirkung diefes Opfers von unendlihem Werth aufzufu- 
chen und anzuerfennen. Ferner laͤßt fi) auch im pro- 
teftantifchen Syftem die ganze Weihung des Menfchen- 
geſchlechts, die Hingabe an Gott, womit wir, abfterbend 

der 


— —— — — — — — — —— 


bus conservetur de ea, quatenus quae sequuntur docet, declarat 
verum et singulare sacriſicium est, etfidelibus populis declaranda de- 
Sp. S. illustratione edocta, haec, cernit. Prooem, decr. Sess. XXL. 


en a 


der Welt, den alten Menfchen in uns ertödten, kurz 
Alles, was innerlich gefihieht, uns zu Gott zu erheben, 
ſich als ein inneres; geiftiges, unfichtbares Opfer der 
Gläubigen betrachten, durch deffen unabläffige Vollzie— 
hung alle wahren Chriften zu wahren Prieftern werden, 
wie die heilige Schrift lehret (Roͤm. 12, 1. r. Petri 
2, 6.) und Auguftinus ce). Endlich Fnüpft ſich auch 
diefeg Opfer insbefondere noch an die Feyer des heili- 
gen Abendmahls, fofern e8 zugleich eine Iebendige Erin: 
nerung ift an dag ewige und einzige Opfer Chrifti am 
Kreuz für unfre Sünden, fofern in diefem Gedanfen 
der Menſch Gott näher gebracht; geweihet und zu allen 
guten Werfen geſchickt gemacht wird, fofern fich mit 
folcher Feyer die inneren Opfer des Danfes und Lobes, 
der Liebe und jeglicher heiligen Empfindung und Tugend 
verbinden. Hebr. 5, 7. 13, 15. 16. Phil. 4, 18. Apoc. 
5, 8. 8, 3. Sn diefem Sinne if die Euchariftie ein 
Dank⸗ Lob- und Gedächtnißopfer, die Gedächtnißfeyerz 
lichfeit des Opfers Chrifti am Kreuz. An fi alfo ift 
das Abendmahl nad) diefen Grundfägen Feineswegeg ein 
Opfer, fondern ein Opfer kann es nur heißen wegen fei- 
ner Tebendigen Beziehung auf das Opfer Chriftii am 
Kreuz. 

Nicht fo aber meinet es die Fatholifche Kirche, wenn 
fie von einem Opfer im Abendmahl fpricht, fondern ein 
wahres; das heißt ihr ein finnliches, fichtbares Opfer 
erblickt fie im Abendmahl; alfo dahin will fie die Opfer- 





c) Verum sacrificum est Omne 
opus, quod agitur, ut sancla so- 
cietate inhaereamus Deo et ad 


enfwidelf er, die äußeren ceris 
moniellen Opfer des a.®. bäffen 
typiſch angedeufef: ı) das Dpfer 


eundem finem proximo consula- 
mus. De civit. Dei. J. X. c. 6. 
Und im vorbergebenden Kapitel 


Ehrifti am Kreuz; 2) die wahren 
inneren, unjidtbaren und geiftie 
gen Dpfer der Gläubigen. c. 5. 


Narbeinede Syſt. d. Katholicigmug IH. 23 


— 354 — 


idee zurüchgebracht wiffen, von to fie wegzubringen die 
entfchiedene Abficht des Erlöfers war. Eine neue Com: 
pofition: des Wefentlichften vom Judenthum und Heiden. 
thum will fie mitten in dem Leben im Chriſtenthum auf: 
gerichter wiffen in der Geftalt der Meſſe. Es ift daher 
bey weitem die Hauptfrage hier nach dem wahren Be: 
griff eines Opfers im Sinne des Chriftenthums, welche 
zwiſchen beiden Kirchen ftreitig ift und auf welche ſich 
alles Uebrige reducire d). Auch die Fatholifche Kirche 
erfennet dag, was die proteftantifche ein Opfer nennt, 
gemwiffermaßen und im uneigentlichen und entfernten Sin: 
ne dafür an; aber den wahren Begriff eines Opfers 
oder den Begriff eines wahren Opfers e) findet fie dort 
nicht: denn dazu gehört nac) ihrer Meinung weſentlich, 
daß es eine fichtbare, öffentliche und gemeinfchaftliche 
Darbringung eines finnlichen Gegenftandes fey E). Wenn 





d) Ganz; richtig giebf daher 
Bellarmin den status controver- 
siae an. Quaestio principalis cum 
haereticıs huius temporis non est 
de sacrificio spirituali aut impro- 
prio. Fatentur enim Philippus in 
Apologia etc. et alii, missam si- 
ve sacram coenam multis modis 
sacrifiicium dici posse, sed de sa- 
crihicio externo, visibili, vere ac 
roprie dicto ac potissimum de 
ıpso Baer sacrificii proprie di- 
cti, id est, de oblatione visibili 
Deo facta ministerio sacerdotum. 
De missa J. I. c. 5. p. 1305. 


e) His ergo rejectis vera deſi- 
nitio sacrihich proprie dieti in ge- 
nere haec esse potest. Sacrificium 
est oblatio externa facta solı Deo, 
a” ad agnitionenı humanae in- 

rmitatis et professionem divinae 
majestatis a legitimo ministro res 
aliqua sensibilis et permanens my- 


stico Titu consecratur et transmu- 
tatur. Bellarm. J. c. 1. I.c.2.p. 
129$. 


f) Secundo dicimus externam 
oblationem esse sacrificium. Du- 
plex enim oblatio et largo modo, 
duplex sacrificium distingui po- 
test, ut S. Augustinus distinguit 
l. X. de civit. Dei cap. 5. invisi- 
bile sive internum et visibile sive 
externum. Invisibile est pia vo- 
luntas, quae divinae majestati se 
et sua omnia offert: visibile au- 
tem est testiicatio quaedam ex- 
terna interni affectus, Quamvis 
autem invisibilis oblatio sit nobi- 
lior et melior visibili et placeat 
Deo invisibilis sine visibili, visi- 
bilis sine invisibili Deo non pla- 
ceat: tamen nomen et ratio sa- 
crificii proprie non conyenit invi- 
sibili oblationi, sed solum visibili 
et externae, oblatio enim inrisibi- 


— 5 — 


daher die Synode zu Trient fo ſtark darauf dringet, daß 
ein wahres und eigentliches Opfer im Abendmahl ſey, 
fo denft fie darunter nur ein ſolches, mie im Juden: 
und Heidenthbum g). Einen ihrer Schwachen Gründe 
dafür nimmt fie ohne Bedenken von der Schwachheit 
und Sinnlichkeit der Menfchen her. Wie e8 die Natur 
des Menfchen erfordert, fo, lehrt fie, habe Chriſtus in 
der Nacht, da er verrathen ward, feiner Kirche dieg ficht: 
bare Opfer hinterlaffen h). 

Die Nothmwendigfeit eines aͤußerlichen, finnli- 
chen Hpfers im. Abendmahl, wie die Fatholifche Kir; 
che diefelbe verlangt, ift überdem durch eine Menge 
von Gründen, welche Fatholifhe Theologen, die das 
Spftem ihrer Kirche gewiß verfiehen, dafür ange 
führt haben, außer allen Zweifel gefeßt. Denn fo we 
nig man folchen theologifchen Argumenten einen weſent—⸗ 
lichen Plaß in dem Syſtem verfchaffen und fo wenig 
man annehmen kann, daß überhaupt dag Außerliche Opfer 
in diefem Syſtem jedes innere augfchließe und diefem 
entgegengefeßt fey, was keinesweges in den Grundfägen 
der Kirche liegt, fo erhellet doch leicht, worauf es hier ans 





. 


Figuren hält. Haec denique illa 


lis semper est occulta et privata: 
est, quae per yarias sacrificiorum, 


nomini autem sacrifici proprıe 


omnes intelligunt publicum er ma- 
nifestum honorem Deo exhibitum 
a communi et publico ministro, 
Itaque necessario requiritur ad 
sacrıitium proprie dictum, ut sit 
oblatio externa. |. c. 1299. 


g) Sı quis dixerit, in missa non 
offerri Deo verum et proprium 
sacrificium — anathema sit. Can. 
ı. momif zu verbinden ıft, was 
fie ſchon im ı. kap. über die beid» 
nifchen und jüdifchen Dpfer fagf, 
die fie in ganz eignem Ginn für 


naturae et legis tempore, simili- 
tudines figurabatur, utpote quae 
bona omnia per illa significata, 
velut illorum omnium consum- 
matio et perfectio complectitur. 
Cap. ı. 


h) — in coena novissima, qua 
nocte tradebatur, ut dilectae spon- 
sae suae ecclesiae visibile, sicut 
hominum natura exigit, relinque- 
ret sacriicium etc. Sess. XXII. 
cap. 1. 


23* 


kommt, als die Hauptfache und womit fich die Kirche 
ſchon begnuͤgt. Im Gegenfaß gegen die geiftige Anficht 
des Proteftantismus ift es fchon taufendmahl wieder: 
hohlt worden von Fatholifhen Theologen, daß ein fol- 
ches aͤußerliches Opfer dag weſentlichſte Stuͤck des Got- 
tesdienftes ausmache, daß ſchon die natürliche oder heid— 
nifche Neligion einen fchönen Ueberfluß davon gehabt 
habe, und daß felbft die jüdischen Opfer noch nichte 
feyen und bloße Schatten und Typen gegen das ka— 
tholifche Opfer im Abendmahl. Was in der proteftan: 
tifchen Lehre zwar ausfließend aus einem religiöfen Gruns 
de, doch in feiner ganzen Richtung, Geftalt und Erfchei- 
nung als bloße Superſtition und ale ein Ergeugniß der 
Gögendieneren erfcheint;, wird in der Eatholifchen felbft 
zu Hülfe genommen, die Nichtigkeit ihrer Opferlehre dar- 
zuthun i). Wird dagegen auf den Unterfchied des Chri- 
ſtenthums von aller heidnifchen Neligion und auf die 
hohe Geiftigfeit deffelben aufmerkfam gemacht und wie mit 
dem Opfer am Kreuz alle andere finnliche und aͤußerli— 
che Opfer abgefchafft worden, fo wird erinnert, das 
Opfer Chrifti am Kreuz fey gar nicht von der Art, als 
nöthig fey, um eine Religion zu gründen und zu erhal 
ten, wie fie doch Chriſtus felbft Habe auf Erden haben 
wollen k), woraus dann folgt, daß hier die Kirche doch 


— — 


i) Prima ratio desumitur ex k) Sublato sacrificio missae nul- 


conjunctione,, quae est inter reli- 
gionem seu legem et sacrificium. 
Haec propositio probatur ex eo, 
quod fere omnis religio seu vera, 
sen falsa, omni loco et tempore, 
semper ad cultum Dei sacrilicia 
adhibuit. Hinc enim colligitur id 
prodire ex Iumine et instinctu na- 
tarae et esse primum quoddam 
principium a Deo nobis ingeni- 
tun. Bellarm. 1. c. c. 20. p. 1597- 


lum restat in Ecclesia Christi sa- 
eriicium proprie dictum. Nam si 
ullum assignari posset, id esset 
sacrilicium crucis: id enim unum 
adversarii assignant atque id esse 
volunt unicum et verum christia» 
nae religionis sacrificium. Sed nos 
probabimus, sacriieium crucis, 

uamvyis verissimum sacrificium 
fuehit, non esse eiusmodi, quale 
requiritur ad legem seu religio- 


— 65667 — 


noch etwas gang anderes machen oder damit in Verbin: 
dung feßen müffe, wenns mie dem Chriſtenthum geben 
und Beſtand und Dauer haben follte. Dagegen wird 
die Natur des Opfers im Abendmahl mit der Ders 
brennung der Opferthiere klar gemacht } und ausdrüd:» 
lich angenommen, weil im alten Teftament wahre und 
eigentliche Opfer getvefen, fo müßten dergleichen noth— 
wendig auch im neuen feyn m). Auch die Chriften find 
ja ein Volk, wie die Juden, nicht blos aus Geiſt, fons 
dern auch aus Fleiſch beftehend nm). Wie daher das 
Dpfer bey den Juden das Höchfte des Gottesdienfies 
war, fo muß daffelbe es auch feyn bey den Chriften, 
und hätte daher Chriſtus nicht das Opfer angeordnet, 
fo hätte er, wie Bellarmin zu ſagen ſich nicht entblöder, 
feinem Vater feine fonderlicdye Ehre, fondern vielmehr 
Schande gemacht 0). 





nem constituendam et eonservan- 
dam, qualem in terris usque ad 
mundi consummationem Christus 
esse voluit et ideo si nullum 
aliudhabeamus, plane se- 
qui, ut nullam habeamus 


braeorum sacrificia externa et pro- 
prie dicta babuerit, omnes inve- 
niuntur etiam in populo Christia- 
no. Habuerunt ılli sacrificia ex- 
terna et visibilia, quia et ipsi po- 
pulus erant externus et — 


religionem. Bellarm. J. c. p. 
2399. 


1) Nam ex se opera indifferen- 
tia sunt occidere et cremare ani- 
malia et similia, sed cum illa 
fiunt ad significandum, omnia a 
Deo procedere et in ipsius hono- 
rem consumenda esse, jam sunt 
opera relieionis et proinde bona 
et laudabilia. Bellarm.]. c. c. 2, 
p- 1300. 

m) In populo — fuerunt 
sacriheia proprie dicta, ergo in 
populo christiano esse debenr. 
Bell. 1. c. c. 21. p. 1401. 


n) Caussae, cur populus He- 


nempe non ex solo spiritu, sed 
carne et spiritu eonstans. At po- 
pulus etiam christianus externus 
et visibilis est, et carne et spiritw 
constat. etc. I. c. €. 2I. p. 1401. 


0) Sacrificium est summus cul- 
tus, qui Deo tribui possit. Nam 
sine controversia res verbis prae- 
stant; et inter res sacrae profa- 
nis et inter sacras publicae priva- 
tis et inter publicas ese, quarum 
ipsa substantia in Dei honorem 
consumitur quam eae, quarum 
solus usus. Tale autem est sa- 
crificium proprie dictum, ut no- 
tum est. Quare si hoc genus cul- 
tus fuisset in veteri lege et non 
in nova, fuisset Deus in veteri 


150 — 


Auf ſolch ein aͤußeres, finnliches Opfer im Abend; 
mahl geht nun auch die ganze Gefinnung der Kirche 
mie allen ihren Verordnungen über die Meffe. Keines— 
weges ein Opfer blog in geiftiger, überfinnlicher Art Gott 
dargebracht in dem Genuffe des heiligen Abendmahls, 
fondern ein Opfer in finnlicher Handlung und Gebehrde 
will Diefe Kirche haben im Abendmahl. Darum gedenft 
fie des erſteren kaum befonders, und fcheidet dag Opfer 
fo forgfam vom facramentlichen Genuffe. Das Meß: 
opfer ift feiner ganzen Form nad) eine lebendige mimi— 
ſche Darftelung, eine figürlich bewegliche, die Haupt: 
fumme der evangelifchen Gefchichte, befonders alle ein- 
zelnen biftorifchen Momente des Leidens und Todes Yes 
fir fucceffio darftellende, in Gefticulation, Worten, Ritus, 
Kleidern und Ornamenten durchaus begiehungsreiche dras 
matifche Vorftellung p). 

Und welches ift denn nun der eigentlihe Sinn und 
Inhalt folcher Meffe? Fein anderer, als der, daß das 
von Chrifius am Kreuz blutig geleiftete Opfer bier 
auf eine unblutige Art Gott dargebracht und auf eis 
ne finnlich fichtbare Weife immerdar mwiederhohlt wird. 
Das Fatholifche Syftem nimmt naͤmlich an, die ei- 
gentlihe Vollendung des. ſchwachen levitiſchen Prie— 
fterthums ſey erft in und mit Chrifto gefchehen, wel: 
ches, geiftig verftanden, auch ganz richtig iſt; eben 
fo gewiß iſt, daß mie dem Tode Chrifti fein Prie— 


lege longe majorı honore affe- hier Gtüden: personis, operi- 
ctus, quam in noya et proinde bus, verbis et rebus, Personae 
Christus Patris sui, non gloriam, sunt celebrantes, ministrantes, 
ut dicebat, sed ignominiam pro- circumstantes. Opera sunt gestus, 
eurasset. I. c. p. 14or. actus et motus. Verba sunt ora- 
x tiones, modulationes et orationes, 
p) Es beftebt daber nach In- Res sunt ornamenta, instrumenta 
nocen; und Dürand die Meffe aus et elementa. Rationale div. off. 


u: =: — 


ſterthum nicht ausgelöfchet worden: doc) darin mider: 
fpricht diefes Syftem dem Chriſtenthum, daß es glaubt, 
deswegen, nämlich damit Chriſtus nicht aufhore, Priefter 
zu ſeyn, fen nöthig gewefen oder feine Abficht, in und 
mit dem Abendmahl ein fichtbares Opfer zu hinterlaffen, 
und obgleich er fich felbft allerdings nur einmal hinge— 
opfert, doch diefes blutige Opfer immerdar auch auf eis 
ne unblutige Art darzuftellen und in einer eignen An— 
ſtalt fortzufegen, und fo habe es Chriftus felbft ſchon 
gethan und verordnet in der Einfegung des heiligen 
Abendmahls q). Lauter Folgerungen, deren Wilführ- 
lichkeit fich jedem Unbefangenen von felbft verräth. Doch) 
bier ift zunächft am wichtigften, zu beobachten, in wels 
che Verbindung die Kirche ihr Meßopfer fegt mit jenem 
Dpfer am Kreuz, und wie fie ganz unverdeckt eine wah— 
re Sdentität beider behauptet. Zwar fpricht das Syno> 
daldecret von einer bloßen Repräfentation r), doc) wie 
diefer hier abfichtlic; hingeſtellte zweideutige Ausdruck zu 
verftehben, und wie fehr die Synode dabey an eine 
wahre Wiederdarftelung des Opfers am Kreuz in der 





tium 


q) Quoniam sub priori testa- 
mento, teste Apostolo Paulo, prop- 
ter Levitici sacerdotii imbecıillita- 
tem consummatio non erat, opor- 
tnit, Deo Patre misericordiarum 
ıta ordınante, sacerdotem alium 
secundum ordinenı Melchisedech 
surgere, Dominus noster Jesus 
Christus, qui posset omnes, quot- 
quot sanctificandi essent, consum- 
mare et ad perfectum adducere. 
Is igitur Deus et Dominus noster, 
etsı semel seipsum in ara cru- 
eis, morte intercedente , Deo, 
patri oblaturus erat, ut aeternam 
illice redemptionem operaretur: 
quia tameu per mortem sacerdo- 


eius exstinguendum non 
erat, in coena novissima, qua 
nocte tradebatur, ut dilectae spon- 
sae 'suae eeciesiae, visibile, sicut 
hominuum natura exigit, relin- 
ueret sacrificium, quo cruentum 
Ting semel in cruce peragendum, 
repraesentaretur, eiusque memo- 
ria in finem usque seculi perma- 
neret etc. Sess. XXH. cap. ı. De 
institut. SS. Missae sacrif. 


r) — sacriicium, quo cruen- 
tum illud semel in cruce per- 
agendum, repraesentaretur etc. 


love. 


Meffe denken laffen wollte, geht aus dem ganzen Zuſam⸗ 
menhange deutlich hervor. 

Denn erſtlich ift es ja eine wahre Soͤhnkraft, welche 
die Fatholifche Kirche ihrem Opfer zufchreibt, und zwar 
die nämliche, welche das Opfer Chrifti hatte am Kreuz. 
Die Meffe ift fo gut ein Söhnopfer, als jener Opfertod 
Chriſti. Und welch einem andern Act fonnte wohl die 
Fatholifche Kirche ohne die auffallendfte Impietaͤt ganz 
die namliche Verſoͤhnungskraft zufchreiben, als ebendem- 
felben, durch welchen Chriftus ung die Erlöfung und 
Geligfeit erworben. Um fich gegen jenen Vorwurf zu 
verwahren, muß fie daher ihr Opfer im Abendmahl nicht 
als weſentlich verfihieden betrachten von dem Opfer Chris 
fi am Kreuz, weil fie fonft die gefegneten Wirfungen 
von diefem weg und auf etwas anders beziehen würde, 
was man hingegen nun nicht fagen kann, da fie ihr 
Dpfer mit dem DVerfühnungstod Chriſti ohne Bedenken 
identificiet. Nur fo fann fie doch noch in ihrem Sinn 
ganz richtig fagen, daß fie durch ihr Meßopfer dem Ver— 
dienfte Chrifti am Kreug nichts entziehen wolle. Es ift 
noch immer ein DVerdienft an einer Lehre, die fich aus 
lauter Irrthuͤmern erbauet, wenn fie wenigſtens fich in 
richtiger Confequenz entwickelt. Worin hingegen fo oft 
diejenigen fehlen, die, in den Prinzipien oder Refultaten 
einig, falfche Mittelglieder zur Milderung einfchieben, wie 
e8 Diejenigen der freyer und helfer denfenden Katholifen 
thun, welche, wie in der Noth, zu folchen Erflärungen 
Zuflucht nehmen, nach denen alle Kraft des Meßopfers 
in der bloßen Commemoration des Opfers Chrifti am 
Kreuz beſteht, und alfo jenes Feinesweges für ſich ein 
Söhnopfer für die Sünden der Menfchen wäre, ſon— 
dern nur Kraft der Erinnerung und Application jenes 
Opfertodes Chriſti. Denn obgleich die Fatholifche Lehre 


— 361 


weit entfernt davon ift, fich ohne diefeg Opfer am Kreuz 
irgend ein wahres Verföhnungsopfer in der Meffe zu 
denfen, fo kommt doc alles darauf an, in welche inni- 
ge und wefentliche Verbindung fie beide mit einander 
fest. Sie fann aber den Zuſammenhang nicht innig genug 
aufſtellen; eg ift eine wahre Identitaͤt, die fie mit gerin- 
gem Unterfchied behauptet. Der nämliche Chriſtus, der 
am Kreuz gelitten und fich bingeopfert, iſt es auch, der 
fich in ihrem Meßopfer täglicdy) durch die Hand des Prie- 
fters feinem bimmlifchen Vater darbringt, nur mit dem 
einzigen Anterfchiede, daß dag, was dorf gefchah mit 
Blut, bier ohne Blut vollzogen wird, alfo mit dem ein— 
zigen Unterfchied in der Form der Opferung, nicht aber 
im Opfer ‚felbf. So gewiß nun der Tod Chrifti ver: 
fühnend war und von unendlich fegensreichen Folgen; 
fo gewiß ift e8 auc die Meffe. Jede Art von geiſti— 
ger, felbft Teiblicher Wohthat kommt durch die Meffe den 
Menfchen zu. Durch fie verföhnt, erläßt ung Gott alle 
Berbrechen und felbft die ungeheuerfien Sünden, und 
nicht nur für alle Sünden und Schuld der Lebendigen, 
für alle geiftige und finnliche Bedürfniffe des Menfchen 
in diefem Leben, fondern felbft für die Verſtorbenen wir; 
ket die Meffe trefflich und immer fo guf, als wenn Chris 
ſtus jeden Augenblick für uns von neuem am Kreuz den 
Verfohnungstod litte: denn es iſt eins und daffelbige 
Opfer s). 





cum vero corde etrecta fide, cum 


s) Et quoniam in divino hoc 
metu et reverentia contriti ac poe- 


sacriicio, quod in missa peragi- 


tur, idem ille Christus continetur 
et incruente immolatur, qui in 
ara crucis semel se ipsum cruen- 
te obtulit: docet S. Synodus, sa- 
erificium istud vere propitialorium 
esse per ipsumque &eri, ut si 


nitentes ad Deum accedamus, mi- 
sericordiam consequamur et gra- 
tiam inyeniamus in auxilio opor- 
tuno. Huius quippe oblatione pla- 
catus Dominus gratiam et donum 
poenitentiae concedens crimina et 


Die Theologen erläutern diefe Behauptung auch aus 
dem alten Teftament. So gewiß die Opfer hier außer 
ihrem tnpifchen Sinn, womit fie auf das Opfer Chrifti 
am Kreuz hindeutefen, auch eine wahrhaft verfühnende 
und alles Gute bey Gott bemwirfende Kraft hatten, fo 
gewiß haben fie diefelbe auch im neuen t). Auch aug 
dem Mitelerscharacter Chrifti, der bey dem meffelefenden 
Priefter auch ſtatt findet, fucht man dieß zu erweifen: 
denn wie Chriſtus als Hohepriefter in jenem Opfer ein 
Mittler war zwifchen Gott und den Menfchen, fo ift eg 
auch durch ihn der Priefter nun in der Meffe u). Doch 
damit man auch die Meffe nicht über das Opfer Chrifti 
am Kreuz erhebe, Fann man nur fagen, daß fie, gleich 
tie diefeg, auch nur mittelbar göttliche Wohlthaten be: 
wirke, naͤmlich dadurch, daß fie Gott verfühnt und von 
dem verfühnten Gott dann alles Gute erwarten läßt w). 





peccata etiam ingentia dimittit. 
Vna enim eademque est hostia: 
idemque nunc offerens sacerdo- 
tum ministerio , qui seipsum tunc 
in cruce obtulit, sola offerendi 
ratione diversa. Cuius quidem 
oblationis, cruentae inquam, fru- 
etus per hanc incruentam uberri- 
me percipiuntur; tantum abest, 
ut illi per hanc quovis modo de- 
rogetur. Quare non solum pro 
fidelium vivorum pececatis, poenis, 
satisfactionibus et aliis necessita- 
ribus, sed et pro defunctis in 
Christo, nondum ad-plenum pur- 
gatis, rite juxta Apostolorum tra- 
ditionem, offertur. Sess. XXII. 
cap. II. Sacrificium visibile esse 
propitiatorium pro vivis et de- 
functis. 


t) Sacrificium missae est propi- 
tiatorium, quia si sacrificium cru- 
eis, quod est singulariter propi- 
tiatorium , non impedit, quo mi- 


nus illa vetera fuerint suo modo 
propitiatoria, nec impedire debet, 
quo minus sacrilicium ecclesiae 
sit propitiatorium. Nam sacrifi- 
cium crucis vim habuit ab initio 
mundi, et habebit usque ad mun- 
di consummationem, ac propterea 
si impediret sacriicium nostrum, 
quo minus esset propitiatorium, 
impediret etiam illa et contra, si 
illa non impedivit, nec nostrum 
impedire debet. Bellarm. J. II. c. 
2. p. 1453. 


u) Bellarm. I}. c. cap. 4. p. 1439. 


w) Vt igitur sacriieium erucis 
non justificavit immediate pecca- 
tores, sed placavit Deum et im- 
petravit, ut per debita media 
peccatores ad salutem perduce- 
rentur : sic etfiam sacriicıum mis- 
sae non justificat homines imme- 
diate etc. I. c. c. 4. p. 1442. 


— 363 — 


Durch jede Meffe kommt alfo ein Theil der Wirkung 
des Leidens und Todes Ehrifti ung zu gut, und obgleich 
Chriftus das Nämliche hätte thun koͤnnen durch eine 
einzige Darbringung des Opfers, fo hat er doch, man 
weiß nicht recht warum, angeordnet, daß für jedes ein 
zelne Beduͤrfniß auch eine einzelne Meffe gelefen und al 
fo das Opfer nach den vielfältigen Bedürfniffen auch 
vervielfältiget werde x). 

Doc) in welchem Grade fich die Kirche ihr Opfer 
im Abendmahl identifch denkt mit jenem am Kreuz, gebt 
ja auch aus der fo nachdruͤcklich behaupteten Verſchie— 
denheit des Abendmahlsopfers vom Gacramente des 
Abendmahls und aus dem ebenfo flarf behaupteten Zu- 
fammenhange beider an einem anderen Puncte gleich Elar 
hervor. Darin nämlich coincidirt das Sacrament hier 
mit dem Opfer, daß in beiden Chriſtus leiblich gegen- 
wärtig und Brodt und Wein in denfelben verwandelt 
worden ift, fo daß erft in und vermiftelft der facrament- 
lichen Confecration möglid wird, ihn felbft als Opfer 
Gott darzubringen. Die facramentliche Confecration ift 
alfo dag gemeinfchaftliche Band der Transfubftantiationg- 
und der DOpferlehre vom Abendmahl und fo wahr und 
gewiß Ehriftus unter. der Geftalt des Brodtes und Weing 
gegenwärtig iſt, fo wahr und gewiß opfert er fich auch 
in jeder Meſſe. Hiernach alfo beftimmet fich auch die 
Realität und die vollfommene Gleichheit des Opfers im 
Abendmahl und am Kreuz: denn in beiden Nückfichten 
if es der naͤmliche, wahre und leibliche Chriftus y), und 





x) Bellarm. ]. c. p. 1445. id, quod Deo offertur in sacrifhi- 
cium, plane destruatur, id est, 

y) Bellarmin giebt diefer Jdee ita mutetur, ut desinat esse id, 
eine etwas andere Wendung: Ad quod antea erat: et in hoc maxi- 
verum sacrificium requiritur, ut me differt a simplici oblatione, 


ganz verfehrt wuͤrde es ja herausfommen, wenn die fa: 
tholifche Kirche, nachdem fie einmal kraft ihrer Transſub— 
ffantiation den wahren und wirklichen Ehriftus im Abend» 
mahl gewonnen hat, nun bloß in der Erinnerung an 
ihn, als einen entfernten, der einft den Tod am Kreuz 
erduldet, ihn opfern wollte, alfo ein blog fymbolifches 
Dpfer ftatt finden laffen da, wo fie den Gegenftand des 
Dpfers felbft gegenwärtig hat. Im Gegentheil eben blos 
darum, weil das Abendmahl ein Opfer ift, weil Chriſtus 
in demfelben immerdar, wie einft am Kreuz, nur unblus 
tig geopfert werden fol, ift er im Abendmahl, und Brodt 
und Wein in ihn hinüber fubftantiirt; darum, weil dag 
Abendmahl ein Opfer if, bleibt Chriſtus im Abend: 
mahl, find Wein und Brodt fo in ihm aufgegangen, 
daß er nun bleibend darin gegenwärtig iſt und geopfert 
werden fann, und aljo das Opfer enthüllet erft recht 
den Sinn der Transfubftantiation und giebt Licht und 
Aufſchluß über das ganze Geheimniß des Sacramentes. 
Das Abendmahl Fonnte, wenn es nichts weiter feyn fol 
te, als Sacrament, diefes leicht feyn auch ohne die leib- 
liche Gegenwart, auch ohne daß Brodt und Wein ver: 
twandelt werden müßten in Chriſti Leib und Blut, mie 
ja auc) bey den übrigen Sacramenten Feine leibliche Ge: 





destructione rei oblatae consta- 


quae interdum ritu mystico ele- 
bat. Altera ratio est, quia sacri- 


vabatur coram Deo, sed non de- 


struebatur, nisi quando vere sa- 
crificabantur. Ratio enim huius 
rei duplex esse videtur. Vna ob 
significationem mortis Christi.Deus 
enim, qui primus sine dubio in- 
spirayit Abeli er aliis sanctis viris 
usum sacrificiorum, voluit per ea 
sacrificia sacrificium ompium sa- 
criliciorum praestantissimum ad- 
umbrari: illud autem morte et 


ficium est summa protestatio sub- 
jectionis nostrae ad Deum et sum- 
mus cultus externus, qui exhibe- 
ri possit. Summa autem ista pro- 
testatio requirit, ut non solum 
usus rei Deo offeratur, sed etiam 
ipsa substantia et ideo non so- 
lum usus, sed substantia consu- 
matur. J. c. ]. I. c. 2. p. 13501. 


genwart Chriſti oder Verwandelung der fichtbaren Ma: 
terie und Subſtanz erforderlich ift 2). Hieraus erhellet 
nicht nur der 'wefertliche Zufammenhang der Transfub: 
ftantiation mit dem Opfer, fondern auch der Grad von 
Kealität; der aus jener diefem erwächft, fo, daß Fein 
wefentlicher Unterfchied ztwifchen der Gegenwart Chrifti 
im Opfer des Abendmahls und feiner Gegenwart am 
Kreuz übrig bleibt. 

Wenn durch das Band der Eonfecration Sacrament 
und Opfer im Abendmahl verfaupft find, fo find fie hin: 
gegen wieder ganz verfchieden von einander in Anfehung 
des allgemeinen Genuffes, worin das MWefentliche des 
Sacraments befteht. Die Natur eines wahren, reellen, 
dem Hpfertod Chrifti ganz gleichen Opfers im Abend: 
mahl erlaubt nicht, daß es an alle Gläubige mitgetheilt 
werde. Nur mit ſolchem Ginn, ald in welchem die Pro; 
teftanten das Abendmahl ein Opfer nennen, nämlich ale 
besiehunggreiche Hindeutung auf Chrifti Tod und als 
Erinnerung an fein Opfer am Kreug, nicht aber mit der 





nullum aliud sacramentum conti- 


z) &s fann wohl Eeinem auf: 
net re ipsa corpus Christi, sed 


merffamen Leſer des Decrefs der 


Synode enfgeben, wie fie fo nad» 
drüdli auf die Identität Chris» 
fi im Gacrament und im Dpfer 
dringef befonders im 2, Kapitel. 
Uber Bellarmin erläutert noch aus» 
fübrliber den Ginn der Kirche. 
Sacramenta omnia in aclione con- 
sistunt, non in re aliqua perma- 
nente, ut patet de baptismo er 
ceteris sacramenlis: non enim 
aqua consecrata, sed ablutio est 
sacramentum baptismi. Sola eu- 
charistia non in actione, sed in 
re perınanente consistir, cuius dif- 
ferentiae vix alia ratio reddi po- 
test, nisi quia eucharistia non so- 
lum sacramentum , sed etiam eu- 
charistia esse debuit. Denique 


solum sunt signa visibilia, conti- 
nentria virtualıter gratiam sanctifi- 
cationis: neque aliud requiritur 
ad rationem sacramenti, cum sa- 
eramenta nihil sint aliud, nisi in- 
strumenta sanctificationis. Quare 
etiam Eucharistia potuisset vere 
et proprie sacramentum esse etiam 
si Christi corpus re ipsa non con- 
tineret. Quae igitur caussa est, 
cur debuerit necessario euchari- 
stia Christi corpus re ipsa conti- 
nere, nisi ut posset vere et pro- 
prie Deo Patri a nobis offerri et 
proinde sacrificium esse vere ac 
proprie dictum? 1. c. l.I. c. 22. 
P- 1405. 


— 366 — 


Behauptung eines ſo reellen und vollkommen an ſich 
mit wahrer Soͤhnkraft begabten Opfers laͤßt ſich die 
Mittheilung deſſelben an alle Chriſten vereinigen. Aus 
der Natur eines wahren Opfers fließt ferner ganz rich: 
tig, daß man felbft, un die Wirfung davon zu erfahren, 
nicht einmal dabey gegenwärtig fenn muß, fo wenig, 
als gefodert werden kann, daß, um die Wirkung des 
Dpfers Ehrifii am Kreuz zu genießen, alle Chriſten da: 
bey müßten zugegen gewefen fern. Aus folcher Natur 
eines vollfonmenen Opfers begreift fich alſo recht gut 
die Verordnung, daß zur Feyer gar nicht wefentlich fey, 
daß auch das Volk communicire, fondern nur daß der 
Priefter allein das Abendmahl genieße und Chriftum Gott 
darbringe und opfere für alle Menfchen. Die Synode drückt 
ſich hierüber, fchtwanfend zwifchen der Anficht des Abend- 
mahls al8 Sacrament und als Opfer und in der Ab: 
ficht beide zu behaupten in verfchiedener Hinficht, aͤußerſt 
circumſpect und wunderlich aus a). Gie erflärt nicht, 
fie wuͤnſche es geradezu, daß bey jeder Meffe die Glaͤu— 
bigen auch des Sacraments genießen möchten, ſondern 
nur, fie möchte diefeg wohl wünfchen, gleihfam um ei- 
ne höhere Nückficht anzudeuten, die dem Wunfche im 
Wege ſtehe. And da fie nun kurz darauf folhe Meffen 





a) Optaret quidem SS. Syno- 
dus, ut in singulis missis fideles 
adstantes non solum spirituali af- 
fectu , sed sacramentali etiam eu- 
charistiae perceptione ‘communi- 
carent, quo ad eos huius sanetis- 
simi sacrificii fructus uberior pro- 
veniret: nec tamen siid non sem- 
per fiat, propterea missas illas, 
in quibus solus sacerdos sacra- 
mentaliter communicat, ut priva- 
tas et illicitas damnat, sed pro- 


bat atque adeo commendat; si 
quidem illae quoque missae vere 
communes censeri debent; par- 
tim quod in eis populus sacra- 
mentaliter communicet , partim 
vero, quod a publico ecclesiae 
ministro non pro se tantum, sed 
pro omnibus üidelibus, qui “ad 
cprpus Christi pertinent, celebren- 
tur. ]. c. cap. 6. de missa, in qua 
solus sacerdos communicat. 


367 


auch ohne Kommunion billiget und empfiehlt, fo wollte 
fie ohne Zweifel durch diefe zweifeihafte Nede den Bor: 
wurf vermeiden, daß es doch mwiderfinnig ſey, etwas zu 
wuͤnſchen, wovon man in demſelbigen Augenblicke das 
Gegentheil billige. Auch redet fie bier allein von fol- 
chen Meffen, die in Gegenwart der Gläubigen gehalten 
werden, und erfläre den Wunſch des Wunfches, daß diefe 
nicht ohne Kommunion gehalten werden möchten, ohne 
der eigentlichen Privarmeffe zu gedenken oder nur zu 
thun, als gäbe es dergleichen Winfelmeffen, bey denen 
außer dem Miniftranten des Priefters Niemand zugegen 
if. Denn zweyerley find überhaupt die Privarmeffen in 
der Fatholifchen Kirche. Die eine ift die, bey welcher 
außer dem celebrivenden Priefter nur fein Miniftrant zur 
gegen ift, doch nicht als Communicant, die andere die, 
welche in voller Verfammlung des Volks feyerlich und 
Öffentlich zwar, aber auch eben fo wenig zur Commu—⸗ 
nion des Volks gehalten wird b). Wie dem auch fey, 
fo liegt bier befonders die facramentliche Anficht der Pro: 
teffanten vom Abendmahl mit der Opferlehre der Katho: 
lifen im unverföhnlichften Streit; und aus dieſem Grun: 





b) Es giebt in der fatholifchen 
firdhe eine ganze Reihe verſchie— 
dener Meſſen oder vielmehr meh— 
rere Arten, die Meſſe zu fepern. 
Die ältefte und nllgemeinfte Art 
ihrer Never mar die öffentliche, 
in Gegenmwarf£ der ganzen Gemein: 
de. Dieß ift das Hochamt, deffen 
Saupteigentbümlichfeit und Un» 
ferfibied von den Privafmeffen 
jetzt nur noch in größerem Pomp 
und Gepränge, Gefang und reis: 
&eren Gerimonien beſteht. Sie 


beißt auch missa publica, solen- , 


nis, generalis, legitima. Vna igi- 
tur et eadem censeri debet, quae 
a quibusdam solennis,, ab aliis 


publica, legitima, generalis nomi- 
natur. Bona de reb. liturg. c. 13. 
p- 176. Dem Wort Privasmeffe 
bat der Gprachgebraud off eine 
febr verfchiedene Bedeutung gege— 
ben. Bald ift fie alfo genannt 
von dem Dr£f, weil fie nämlich 
bald in einem bloßen Oratorium, 
bald an einem Pleineren Altar der 
Kirche, bald von der Zeit, weil 
fie nie an Feſten, fondern an 
den übrigen Tagen gehalten wird, 
bald von den Theilnehmenden, 
bald auch davon, daß der Prie 
fter fi felbft und allein commue 
nicist. ©. Bona l. c. cap. 14. 


— 368 — 


de befonderg, weil fie der Diftribution und Communion 
des Abendmahls im Wege ficht, erfcheinet jenen die 
Meffe fo außerft verwerflich. Fefthaltend an demjenigen, 
was da gefchrieben ſteht, weiß die profeftantifche Kirche 
nicht8 von einer folchen Feyer des heiligen Abendmahls, 
bey welcher allein, der die Symbole weihet, fie aud) ge: 
nieft, Die übrigen aber alle als bloße Zufchauer mit 
frocfenem Munde dem Genuffe des Priefters beimohnen.: 
Sondern fo wir ernfihaft uns zum Vorbild nehmen, 
was CHriftus that in der Nacht, da er verrathen ward, 
fo muß auch bey der Feyer des Abendmahls einer feyn, 
nicht, der es weihend allein genießt: denn das that 
auch Chriſtus nicht, fondern einer, der da weihet, dan- 
fet und austheilet, und einer oder eine Mehrzahl, der 
gegeben wird, die da empfängt, iffet und trinke. Jenen 
Wunſch der Synode Fann man nicht einmal’ für ein 
Geftändnig anfehen, daß das Abendmahl doc nur fo 
dem Willen Chriſti gemäß gefeyert werde, obgleich fie, 
durch die Wahrheit bezwungen, gefteht, daß reichlichere 
Srüchte aus einer folchen Feyer erwachfen, als aus je: 
der andern; fie billige und empfiehle ſolche Privarmeffen, 
in denen dag Abendmahl rein allein als ein Opfer be- 
trachter wird. Man fann nicht fagen, daß fie dadurch 
auch den facramentlichen Gehalt des Abendmahls auf: 
opfere, fondern fie will nur Sacrament und Opfer ne 
ben einander beftehen laffen, obgleich in der proteftanti- 
fhen Anficht eing dem andern widerfireitet und nothwen— 
dig Eintrag thut. Es iſt gleichfam nur ein zwiefacher Ge: 
brauch, den die Fatholifche Kirche vom Abendmahl macht c). 

In 


— — —— — 


c) Tribus modis peccat argu- sacrificium esse opus, quod nos 
mentum, primo, quia assumit, Deo exhibemus er illud — 
u 


— 369 


In der proteſtantiſchen Lehre hingegen wird aus dem 
Weſen des Sacramentes, als der Grundlage und der 
Grundbeſtimmung des heiligen Abendmahls, gerade der 
wichtigſte Grund gegen das Opfer hergenommen. Denn 
darin beſteht jedes Sacrament weſentlich, daß durch 
daſſelbe Gottes Gnade und Segen an uns gelangt; das 
Sacrament fuͤhret etwas von Gott auf uns herab, das 
Opfer hingegen fuͤhret von uns etwas hinauf zu Gott. 
Wie das Gebet zu Gott verſchieden iſt von demjenigen, 
was von Gott gebeten und uns von ihm gewaͤhrt wird, 
fo auch das Opfer und Sacrament. In ſeinem Teſta— 
ment hinterließ der Herr ung die Einfegung zu einer 
Erbfchaft und eine Fülle heiliger Wohlthaten und Seg— 
nungen, nicht, daß wir ihm alfo etwas bringen, fondern 
daß wir von ihm empfangen, und durch ihn bereichert 
und glücklich) werden follten. Welchen allen das katho— 
lifche Syſtem dadurch auszumeichen fucht, daß es an; 
nimmt, es fey wefentlich Chriſtus felbft, der ſich einft geopfert 
und noch immerdar opfere im Abendmahl; diefe Opfe— 
rung fey nicht eine Handlung des Menfchen oder des 
Priefters, ſondern Ehrifti felbft durch ihn. So fehret 
e8 auch an diefer Seite wieder zu demjenigen zurück, 
was ihm immer das Wichtigfte und Wefentlichfte bleibt, 








ut nostram actionem actioni Chri- 
sti. At nos non hoc dicimus, sed 
asserimus tam sacramentum seu 
testamentum, quam sacrificium es- 
se Christi opus et actionem: idem 
enim Christus, qui nobis se ipsum 
er eucharistiam praebet in ci- 

um, idem se ipsum per eucha- 
ristiam Patri obtulit et quotidie 
per ministros suos se offert in 
sacrificium. Imo inter alia bona, 
quae nobis Christus moriens te- 


Marbeinete Syſt. d. Rafholicismug. UI, 


stamento suo reliquit, unum fuit 
corpus ipsius et sanguis, quo ute- 
remur, tum ut illa Deo offere- 
mus, tum ut inde animae nostrae 
reficerentur. Neque dissimile est, 
quod agunt homines pii, dum te 
stamenta sua condunt: primum 
enim aliquid donant Deo in usum 
ecclesiarum aut pauperum, dein- 
de haereditatem filiis relinquunt, 
Bellarm. 1. c. 1. I, c. 24. p. 1407. 


24 


— 370 — 


daß naͤmlich das Opfer im Abendmahl von jenem am 
Kreuz nicht weſentlich verſchieden ſey. 

Nur in ſolchem beſtimmten Geſichtspunct eines voll— 
ſtaͤndigen Opfers konnte die Synode ſagen, daß auch 
die bloßen Zuſchauer auf eine geiſtige Weiſe mitgenießen, 
daß der Prieſter nicht blos fuͤr ſich, ſondern fuͤr alle 
Glaͤubige, die zum Leibe Chriſti gehören, dag Abend— 
mahl feyere. Nach der proteftantifchen, ſich auf dag 
Sacrament befchranfenden Anfiht wird zwar auch ein 
“ geiftiger Genuß immer zu dem mündlichen erfordert, 
Soh. 6, 54. ja jener felbft für hinreichend befunden in 
Zällen, wo man des Abendmahls nach der Einfegung 
Chriſti nicht theilhaftig werden kann. Allein nach der 
Verordnung Chriſti follte durchaus beides mit einander 
verbunden feyn und fein Grund reicht hin, die Entzie— 
bung des leiblichen Genuffes zu rechtfertigen; denn Se: 
ſus fagte ausdrücklich: nehmer, eſſet, trinket. Auf die 
lebendige Theilnahme der chriftlihen Gemeinde ift jede 
Berrichtung des Geiftlichen gegründet. So wenig einer 
taufen oder predigen kann für fich allein und ohne die 
gegenfeitige Thätigfeit in Anfpruch zu nehmen, fo wenig 
giebt es irgend einen andern öffentlichen Actus des Geifts 
lichen, den er nicht umgeben von feiner Gemeinde volls 
ziehen koͤnnte. Und wie follte auch wohl in dem Volk, 
wenn dag Band einer lebendigen und feelenvollen Mit 
theilung zerriffen ift, felbft von einer an fich bedeutfas 
men Seyerlichfeit zine Elare, lebendige innere Anfchau« 
ung entfiehen ohne die eigene Theilnahme und fich nicht 
vielmehr daffelbe mit dem Außerlichen Anblick begnügen 
und mit demjenigen, was feinen Sinn trifft und feffele 
und etwas wahrhaft Neligiöfes in demfelben angeregt 
werden durch das, was aus einem todten Mechanismus 
entfprungen, ſich auch in der augenblicklichen finnlichen 


Auffaffung in einen leeren Mechanismus verwandelt. 
Dahin fuͤhret faft nothivendig die Behauptung eines 
reellen, finnlichen Opfers; daher e8 auch nur in der 
Periode der finnlichen Kindheit der Menfchheit ftatt fin; 
den konnte und durd) die geiftige Religion Chrifti ausge: 
votfet ward. Sn der Fatholifchen Opferlehre, welche fich 
aus fregen Stücken dem Sacrament des Abendmahls 
aufgedrungen, ift es übrigens ganz confequent und der 
Analogie aller Opfer vor dem Chriftenthum und der Na; 
fur eines fo wahren, finnlichen Opfers, als fie ſtatuirt, 
ganz gemäß, daß der Priefter allein es genießt für alle 
Gegertwärtige und Abwefende d), und der Genuß des 
Opfers in diefer Art fo wefentlich, daß Mittheilung def 
felben an das Volk damit ganz unverträglich ift und 
feinesmweges mit dem Abendmahl als Opfer, fondern 
nur als Sacrament beftehen Fann e). 

Nimmt man Alles zufammen, was im Fatholifchen 
Spftem für die Realität des Opfers im Abendmahl und 
für Eeine wahre und mwefentlihe DBerfchiedenheit deſſelben 





d) Si adversarii concederent, 


Missam non solum esse sacra- 
mentum, sed etiam sacrificium, 
fortasse in hac re facile conveni- 
rent, siquidem ad sacrificium, 
ut sacrıicium est, nihil refert, si 
multi, vel pauci, vel nulli inter- 
sint aut coınmunicent, cum sa- 
crificium offeratur Deo pro popu- 
lo. Potest enim sacerdos pro po- 
pulo ofierre, etiamsi populus nec 
adsit, nec communicet. Et con- 
firmatur ex lege veteri. Cum enim 
sacrificia offerebantur pro pecca- 
to, nihil inde manducabat is, pro 
quo offerebatur, ut patet Lervit. 
6. et 7. et tamen illi proderat. Et 
confirmatur rursus a simili. Nam 
sacrificium simile est orationi, imo 
est quaedam realis et efhicacissi« 


ma oratio. Porro orationem pro« 
desse ei, pro quo fit, etiamsi il- 
le non adsit, nec sciat quid aga- 
tur, certum et exploratum est, 
Bellarm. ]..c.]. V. c. 6. 


e) Consumptio autem, quae fit 
a sacerdote sacrıficante, non tam 
est comestio victimae, quam con- 
summatio sacrilici et proprie 
combustioni holocausti responde- 
re censetur. Itaque adeo neces- 
saria semper iudıcata est ab ec- 
clesia, ut si forte sacerdos ante 
consumptionem moriatur, vel alio 
modo a consumptione- impedia- 
tur, Oporteat alium sacerdotem 
ılli succedere et sacrifiicium con- 
summare. l. c. p. 1426. 


24* 


_ 


ui 


von dem Opfer am Kreuz fpricht, jene borausgefeßte 
Gleichftelung des Abendmahlgopfers mit den Opfern im 
Heidenthum und Judenthum, jene verfühnende Kraft, 
welche die Kirche ihren Opfern beilegt, den Zufammenhang 
deffelben mit der Transfubftantiation und die Differenz 
deffelben vom Sacrament, fo zeigt ſich von felbft, wie 
wenig diejenigen Katholifen im Geifte ihrer Kirche glaus 
ben und Iehren, melche dies ganze Weſen des Opfers 
im - Abendmahl fubjectiv nehmen und es befchränfen 
auf eine bloße Erinnerung an das Opfer am Kreuz und 
auf eine geiflige Aneignung deffelben. Nicht das ſub— 
jective Band der Erinnerung ift "es allein, kraft deffen 
das Opfer am Kreuz, im Abendmahl repräfentirt, ung 
zu auf kommt; fondern eine wahre und volle, objectiv 
an das Abendmahl gefnüpfte Opferfraft erwartet die Kits 
che von demfelben. Selbſt diejenigen, welche fich fonft 
alle Mühe gegeben haben, auch diefe Seite des Fatholi- 
fchen Syſtems zu mildern und der proteftantifchen An: 
ficht naher zu bringen, koͤnnen es nicht über fich erhal: 
ten, einen andern Sinn jener Feftfegung der Kirche ab- 
zugetvinnen F). So geht auch Boſſuets Streben haupt 





\ 


f) Boffuet fpiel£ zwar viel mit une marque de la part, qulils 


avoient ä cette oblation : ainsi 


den Worten: repraesentation, te- 
moignags, souyenir und comme- 
moration: aber an eine blos ſym— 
bolifhe Darftellung eines abwe— 
fenden Dpfers ift bey ibm Eein 
Gedanke. Je dis donc, quo ces 
paroles du sauveur: prenez, man- 
gez, cecy est mon corps donne 
pour vous, nous font voir, que 
comme les anciens juifs ne s’unis- 
soient pas seulement en Esprit a 
Pimmolation des victimes, qui 
etoient offertes pour eux, mais 
u'en effet ıls manguvient Ja 

air sacrifiee, ce qui leur etoit 


Jesus Christ l’etant fait lui meme 
notre victime a voulu que nous 
mangeassions effectivement la 
chair de ce sacrifice, Afın la com- 
munication actuelle de cette chair 
adorable fut un temoignage per- 
petuel a chacun de nous en par- 
ticulier, que c’est pour nous, qu’il 
l’a prise et que c’est pour nous, 
qu’il Pa immolee. Exposition de la 
doctr. cath. p. 175. An einem ans» 
dern Ort bingegen ſcheint er die 
ganze Dpferkraft auf die Appli— 
eation des einmal vollbrachten 


fächlich darauf hinaus, das chriſtliche Opfer, als ein gei- 
ftiges, dem füdifchen, unvolfommenen Opfer gegenüberzu- 
fielen; allein er bezieht diefen Unterjchied nur auf die 
Art der Opferung, welche ohne Blut gefchieht, ohne des: 
wegen die Nothivendigkeit eines finnlichen  fichtbaren 
Opfers zu begweifeln: im Gegentheil gründet er hier die 
Nealität des Opfers auf die Realität der Trangfubftans 
tiation g), und nur dem Grade der Sinnlichkeit nach 
ift ihm das chriftliche Opfer von dem jüdifchen verfchie: 
den h). Denn wäre auch der Fatholiihe Ritus noch) 
immer etwas weniger finnlih und etwas geiftigerer Art, 





Dpfers am Kreuz zu beſchränken. 
Non que ce soit la, que Jesus 
Christ Pait operee ou meritee, ou 
qu'il y paye le prix de notre ran- 
con, mais par ce, que le même 
qui l’a pay&, est encore ici pre- 
sent pour consommer son Ouvra- 
ge par l'application, qui} nous 
en fair. Explication de quelques 
difficultes sur les prieres de la 
messe. $. 13. 


g) C'est done ceite meme chair 
mangee par les fideles, quinon 
senlement reveille en nous la 
memoire de son immolation, mais 
encore, qui nous en conlirme la 
verite. Et loin de pouvoir dire, 
que cette commemoration solen- 
ne, que Jesus Christ nous ordon- 
ne de faire, exclue la presence 
de sa chair, on voit au contraire, 
que ce tendre souvenir, qu'il 
veut que nous agions a la sainte 
zable de lui comme immole& pour 
nous, est fonde sur ce que cette 
me&me chair y doit Etre prise ré- 
ellement, puis qu’en efiet il ne 
nous est pas possible d’oublier, 
que c’est pour nous, qu’il a don- 
ne son corps en sacrifice, quand 
mous voyons qu’il nous donne 


encore tous le jours cette victime 
à manger. Expos. de la doctr, 
cath. p. 180. 


h) Tel est le sacrifice des chre- 
tiens, infin&ment different de ce- 
lui, qui ss pratiquoit dans la loi, 
sacrifice spirituel et — de la 
nrouvelle alliance, ou la victime 
presente n’est apergue * par la 
toi, ou le glaıve est la parole, 
qui separe mystiquement le corps 
et le sang, ou ce sang par con- 
sequent n’est repandu qu’en my- 
stere et ou la mort n’intervenient 
que par repraesentafion: sacrilice 
neans noins tres veritable en ce, 
que Jesus Christ y est veritable- 
ment contenu et presente a Dieu 
sous cette figure de mort: mais 
sacriice de commemoration,' qui 
bien loin de nous detacher, com- 
me on nous Fobjecte, du sacrifi- 
ce de la croix, nous y attache 
par toutes ses circonstances, puis 
que non seulement il s’y rappor- 
te tout entier, mais qu'en effet 
il n’est et ne subsiste que par ce 
rapport et qu’il en tire toute sa 
vertu. Exposition de la doctr. 
cath. p. 203. Exposition de quel- 
ques difhcultes $. 4. 7: 8. 14. 


als der jüdifche, fo iſt doch nicht genug, nur in biefer 
Beziehung einen Unterfchied zwiſchen beiden” anzunehmen, 
fondern in proteftantifcher Anficht kommt es hauptfäch- 
lich darauf am daß das Opfer im Sinne des Chriften- 
thums ein rein geiftiges, inneres und Überfinnliches ſey, 
welches die Fatholifche Kirche leugnet. Denn daß jede 
rein geiftige Anficht de8 Opfers im Abendmahl nicht 
paſſe in den Kreis ihrer Begriffe davon, hat fie ja noch 
zum Ueberfluß. durch ein eigenes Anathema zu erfennen 
gegeben, welches fie auf Alle geworfen, die da glauben 
wollten, das Meßopfer ſey blos ein Lob- und Danf- 
opfer oder eine bloße Erinnerung an das Kreusegopferi), 
woraus zur Genüge erhellet, daß eine blos fnmbolifche 
Deutung des Abendmahlsopfers durch die Kirche nicht 
nur nicht zugelaffen, fondern ihrer wahren Meinung da- 
Kon ganz entgegen ift. 

Und in welchem Sinne follte denn den Dienern der 
Kirche oder der Fatholifchen Hierarchie der Charakter deg 
Priefterthums beigelegt werden, mare die Meffe, aug 
welcher Haupkfächlich derfelbe entfpringt, nicht ein Opfer, 
wie das im Juden: und Heidentbum? Nicht in unei- 
gentlicher Bedeutung findet in der Fatholifchen Kirche 
der Begriff des Prieſterthums ftatt, fondern, feitdem dag 
Meßopfer erfunden wurde, in einem fehr eigentlichen 
und reellen Sinn, auch in einem von jener Zeit und 





i) Si quis dixerit, missae sa- nd der röm. Katechismus fagf: 


erificium tantum esse laudis et 
gratiarum actionis, aut nudam 
commemorationem sacrificıi in cru- 
ce peracti, non autem propitia- 
torium vel soli prodesse sumen- 
ti, neque pro vivis et defunctis 
Pro peccatis, poenis, satisfactio- 
nibus et aliis necessitatibus offer- 
zi debere, unathema sit. Can, 3. 


Sacriictum missae non merendi 
solum, sed etiam satisfaciendi ef- 
Gcientam continet, Nam uti Chri- 
stus in passione sua pro nobis 
meruit er satisfecit, sic, qui hoc 
sacrificium offeränt pro nobis 
communicant dominicae passionis 
fructum, merentur et satisfaciunt. 
Quaest. 55. 


Denkart verfchiedenen Sinne, wo man in der chriftli- 
chen Kirche das Opfer felbft noch in fo geiftiger Be— 
deutung nahm und im einer gang andern, als nachher. 
Nur wo ein wahres, eigentliches und reelles Opfer iſt, 
muß nothivendig auch ein ihm gleiches und demfelben. 
angemeſſenes Prieftertfum feyn. In dem Opfer der 
Meffe hat der ganze Baum der Fatholifchen Hierarchie 
feine Wurzel. Swifchen dem Opfer für die Welt und 
der Welt felbft ſteht der Priefter von Gott felbft berus 
fen zur Opferung und geweihet zu fo heiligem Geſchaͤft. 
Sn das Opfer ift auch die Welt mit eingefchloffen, und 
ſomit £rite auch der Priefter zwiſchen die Welt und Got. 
Kein einzelner, als folcher, ift fo hoher Handlung fähig, 
fondern nur in höherer Sanction Einer im Namen Al; 
ler dazu verordnet k). Selbſt feine perfönliche Unmwürs 
digfeit und moralifche Schlechtigfeie fann in der noth— 
wendigen Wirfung des Opfers in feiner Hand nichts 
andern: denn er ift Werkzeug nur, der Welt zugleich 
und Gottes und nicht von feiner Perfon, fondern allein 
von der Firchlichen Adminiftration feines Opfergefchäfte 
hängt die Wirfung des Opfers ab 1): Lauter Grund: 
füge, welche gang und rein aug einer confequenten Opfer 
lehre fließen. 








k) Non enim est cuiusque, of- 
ferre sacriäicium, sed publici et 
certi ominis, qui communi no- 
ınine ıd peragat. In lege quidem 
naturae sacerdotes erant vel ca- 
ita familiarum, ut Noe, Abra- 
6: vel ii, quibus Deus id in- 
spirabat. In lege autem scripta, 
soli filii Aaron. In lege gratiae 
soli Episcopi et Presbyteri rite 
ordinati , ut omnia concilia et 
omnes patres et omnium eccle- 
siarum consuetudo docet. Atque 


hince excluduntur a ratione sacri- 
ficii proprie dicti multae oblatio- 
nes privatorum hominum, factae 
soli' Deo, ut cum fideles cande- 
las accandunt et consumunt in 
templo ad honorem Dei. Bellarm. 
l. c. c. 2. p. 1300. 


1) — et haec quidem illa mun- 
da oblatio est, quae nulla indi- 
gnitate aut malitia offerentium in- 
quinari potest. Sess. XXII. c. 1. 


Darum nun Fnüpft die Fatholifche Lehre das Prie— 
fterehum ihrer Kirche an das Opfer Ehrifti ine Abend; 
mahl und an das Priefterehbum Chrifti felbft an, und 
ftellet e8 auf einen Grund, auf welchem es fefifteht, fo 
lange die Sinnlichfeit und Sichtbarkeit des von Chriſtus 
ſelbſt feinem Vater dargebrachten Opfers im Abendmahl 
nicht in Anfpruch genommen, wird. Deswegen richtet 
fi auch der proteftantifche Widerfprud) hauptfächlich zu: 
nächft gegen diefe Behauptung, daß, um das ewige Prie: 
ſterthum Chriſti nicht erlöfchen zu laffen, Gott an die Stelle 
des fihwachen levitiſchen Prieftertbums ein anderes in 
gleicher und der nämlichen Art, nämlich befonders we— 
gen der Schwachheit und Sinnlichkeit der menfchlichen 
Natur, habe treten laffen, und daß Chriſtus feine Apo— 
ftel zu Prieftern des N. DB. eingefegt bey der Einfegung 
und Opferfeyer des Abendmahls, in der er fich felbft ge- 
opferf unter den Epecied des Brodfes und Weins m), 
Denn zu deutlich ift es in heiliger Schrift ausgefpro- 
chen; einmal für immer fey Chriftus als Hohepriefter 
ins Aerheiligfte eingegangen, um alle bisherige finnliche 
Dpfer abzufchaffen, unverträglicd fey mit dem ewigen, 
überfinnlichen Prieſterthum Chrifti der ganze äußere Opferz 
apparat, ja ein Zeichen der Schwachheit und Unvollfom: 
menheit des Priefterthums ſowohl als des Opfers fen 
jede fichtbare und finnliche Wiederholung deffelben. Das 
wahre Wefen und die wahre Wirkung jener Aufopferung 


m) — sacerdotem secundum 


rent, tradidit et eisdem eorum- 
ordinem Melchisedech se in ae- 


que in sacerdotio successoribus, 


ternum constitutum deelarans cor- 
pus et sanguinem suum sub spe- 
ciebus panıs et vinı Deo patri ob- 
tulit acsub earundem rerum sym- 
bolis Apostolis, quos tunc N. T. 
sacerdotes constituebai ut sume- 


ut offerrent, praecepit per haec 
verba: hoc facite in meam com- 
memorationem, uti semper eccle- 
sıa catholica intellexit et docuit. 
Sess. XXII. c. 1. 


Chrifti für die Welt ift ewig und überfinnlich, fo follte 
auch dag Priefterthum in feinem Geift immerdar nur im 
Yeberfinnlichen befiehen und jedes Opfer in feinem Gei- 
fte allein im Geiftigen gefchehen. Die Vereinzelung der 
Dpfer und die Vervielfältigung der Priefter ſtreitet alfo 
mit der Einheit und Ewigkeit des Prieſterthums Chriſti 
und mit der Kraft und GSufficieng des einzigen Opfers 
Eprifti am Kreuz: Dagegen verläßt fih nun die katho— 
lifche Lehre auf die Hypotheſe, daß Chriftus im Abend: 
mahl nicht nur feinen Schülern das Brodt und den 
Wein, feinen Leib und fein Blut gegeben, fondern aud) 
unter den Geftalten des Brodtes und des Weins ſich 
Gott, feinem himmlifchen Water felbft geopfert Habe. 
Nicht nur die Erhebung feiner Augen zum Himmel und 
jenes: das thut, Sondern befonders die altteftamentliche 
Figur des Melcyifedef, durch welche Ehrifti Priefterfchaft 
abgebildet worden, findet man bedeutfam in diefer Bes 
ziehung. Diefer Typus des A. T. mußte erfüllee wer 
den und in Wahrheit übergehn, und Chriſtus ift Priefter 
nach der Drönung Melchifedef. Pf. 110, 4. Hebr. 9, 5. 
Wie diefer einft Brodt und Wein darbrachte, fo auch) 
Chriſtus im Abendmahl. Aber die heilige Schrift ſchweigt 
von einer eigentlichen Opferung Melchiſedeks und in ei— 
nem ganz andern Sinne alfo war er ein Priefter deg 
Höchften m); nicht gefagt ift es, daß dag Priefterthum 
Ehrifti nach der Ordnung Meichifedef darin beftand, daß 
er im Abendmahl feinen Leib und fein Blut geopfert unter 





n) NN von den LXX durb nicht anders verſtanden. ©. Pfaff. 
„ sämveyxs überfest, beißt nicht de oblatione veterum eucharist. 
notwendig obtulit, noch weni» P- 252.sqg. und Lilienthal de ca- 
ger opfern, fondern produxit, none missae p. 146. 

wie auc einige Bäter das Wort 


375 — 


dem Brodt und Wein. Mag alfo immer jene That des 
Melchifedef als Typus gelten vom Abendmahl, fo folgt 
daraus noch immer nichts für ein eigentliches Opfer in 
diefem, fondern besieht fih nur auf die Darreichung des 
Brodtes und Weing, twelche commemorativ an dag hei- 
lige Opfer am Kreuz erinnerf 0). Die weitere Folge 
rung, daß Ehriftus mit jenen Worten: das thut p), fei- 
ne Apoftel zu Prieftern eingefeßt, beruhet wiederum auf 
der Gemwißheit, daß Chriſtus fich felbft im Abendmahl 
Gott geopfert; welches erft weit fchärfer noch zu bewei— 
fen ift. Nicht davon ift die Rede, ob nicht die Geiftli- 
chen des N. DB. auch Pricfter feyen in einem erhabenen, 
geiftigen Sinn, fondern davon, ob fie beſtimmt und aus— 
drücklich darauf angemwiefen worden, den Leib und dag 
Blut Chriſti erft zu bereiten (conlicere) in der Ark, 





den Kelch und das Brodf bezies 
ben, fo müßfe doch wieder erff 
bewiefen werden, daß außer der 
Darreichung derfelben an Die 


0) Wie auch der beilige Augu— 
ffinus die Sache anfiebf. Ipse est 
etiam sacerdos noster in aeternum 


secundum ordinem Melchisedech, 
qui se ipsum obtulit holocaustum 
‘pro peccatis nostris et eius Sacri- 
hei similitudinem celebran- 
dam insuae passionis memo- 
riam cemmendavit, ut illud 
quod Melchisedech obıulit Deo, 
per totum orbem terrarum in Chri- 
sti ecclesia videmus offerri. Octo- 
ginta trium quaestionum 6ı. qu. 
IV. p. 564. sqq- 


p) Allerdings bat das Wort 
facere, YY nice felten die Be- 
deufung des Dpfers, wie Exod. 
29, 4r: Ps. 66, ı5.- Num..15, 3. 
und Eönnfe fie alfo auch baben 
in dem hoc facite. Allein cs bat 
die Bedeufung nibf an fib und 
abfoluf, fondern nur da, wo ım 
Tert und Gontert beflimmt vom 
Dpfer die Rede ill. „Wollte man 
run aud das hoc, royro, auf 


Sünger aud ein Opfer im Abend« 
mabI ftaf£ gefunden. Poulus aber 
beziebe das hoc auf die ganze 
vorbergegangene Sandlung und 
Saltung tes Abendmabls. — 
Wenn die Synode nun ferner 
nob audb das Paſſahlamm an« 
führe, welches geopfer£ ein Bild, 
eine Figur des Dpfers im N. 8. 
war c. 1. und auch profejtantie 
fer Seits die Tödtung des Diter: 
famms als Figur der Dpferung 
Chriſti betrachtet wird nad ı Cor. 
5, 7. fo beziebe£ man bingegen 
im katholiſchen Syſtem die Ers 
füllung jener figürlien Borbil: 
dung nice auf Ebrifti Aufopfes 
rung am Kreuz, fondern auf das 
Abendmahl, da fie dob am Stam— 
me des Kreuzes gefbab nad I 
Petri 2, 24. 1, 18. 19. Job. 1, 29 
19, 56. Apoc. 5, 12. 


wie die Fatholifche Kirche es will, und dann Gott wie— 
derhohlt darzubringen als Söhnopfer für die Sünden 
der Welt. 

So iſt nun die Meffe, fowohl dem Keim und ber 
Wurzel, als dem Stamm und der Verzweigung nad) ein 
Inſtitut, deffen außerordentliche Wichtigkeit, weiter Um- 
fang und tief gehender Einfluß nur aus Fatholifchen 
Prinzipien begriffen werden Fann, und das hingegen dem 
Proteftantismus ewig fremd ift und verwerflich vorfom: 
men muß, teil ſich im ganzen UmEreife feiner aug der 
heiligen Schrift allein gefchöpften veligiöfen Borftelungen 
gar Fein Punct finden laßt, an welchem man fie nur an- 
fnüpfen fönnte. Auch der Fatholifchen Kirche ift fie mehr 
aus dem Beduͤrfniß für das Firchliche Leben entftanden, 
und dann mit dem Chriftenthum fo guf als möglich in 
Harmonie geſetzt, alg aus diefem felbft mit zwingender 
Nothwendigkeit erwachfen. Allgemeine religiöfe Ideen, 
dem Geift und Wefen nach auch im Chriftenthum ent: 
halten, die Sjdee von Weihung der Welt und von einer 
‚heiligen Gefinnung, nach welcher der Menfch fich im: 
merdar der ewigen Gottheit darbringen und opfern fol, 
fhimmern wie aus der Ferne auch ‚noch in diefer fo 
finnlicy überladenen Geftalt der Meffe hindurch, und wer: 
den in der ganz äußerlich und in fheatralifcher Art voll— 
zogenen Meßopferung anfchaulich gemacht. Für folche 
fombolifirte Form der dee ſuchte man dann im Chris 
ſtenthum ein hiſtoriſches Factum, und nicht fi) begnü- 
gend mit dem einmal von Chriſtus am Kreuz für die 
Sünden der Welt vollzogenen Opfer, weil es fich kirch⸗ 
lich nicht gut behandeln ließ, erdichtete man ſich noch 
- ein beſonderes Opfer im Abendmahl, in welchem Chri- 
ſtus fich felbft mit allen Glaubigen vereint Gott darbrin- 
ge, weihe und opfere, und hielt dann für einen fchickli- 


hen Firchlichen Actus, daffelbige immerfort zu wiederhoh— 
Ien. Denn von nicht geringer Wichtigkeit ift die fo oft 
in diefer Lehre überfehene Einheit, in welcher Chriftus 
mit der Kirche und allen Gläubigen im Augenblick der 
Opferung vorgeftellet wird im jeder Meffe und zwar in 
folgender Combinafion. Die Kirche, die Gefammtheit 
der Gläubigen, ift der Leib Chriſti; Chrifti Leib und 
Blut als Opfer ift der Gegenftand der Meffe; alfo. ift 
auch die Gefammtheit der Gläubigen mit in jenes Meß: 
opfer eingefchloffen, und, diefe Einheit wird nicht nur 
durch das Brodt dargeftellet, welches aus vielen einzel: 
nen Körnern beftchend ein Ganzes bildet, wie die Kirche 
mit allen ihren Gliedern, fondern auch noch befonders 
durch das Waffer, welches dem Wein im Abendmahl 
beigemifche wird. Es ift daher nicht blos das Opfer 
feiner felbft, welches Chriſtus in jeder Meffe vollzieht, 
fondern auch ein Opfer der Kirche, welches zugleich voll: 
zogen wird q). Darum befonders ift die an fich ganz 
gleichgültige, von Chriſtus und den Apofteln erweislicd) 
nicht beobachtete, ganz zufällige, obgleich fehr früh, ſchon 
im zweiten Jahrhundert entfandene Gewohnheit, dem 
Abendmahlswein Waffer beisumifchen, auch der Synode 
zu Trient fo wichtig, daß fie diefelbe von neuem Aanctio— 
nire r). Dbgleich hier der Mifchung des Waffers und 





q) Four entendre le fonds de 
cette priere et lever toutes les 
difhcultes, qu’on y veut trouver, 
il faut toujours se souvenir,, que 
ces choses, dont on y parle, sont 
a la verite le corps et le sang 
de Jesus Christ, mais qu’elles 
sont ce corps et ce sang avec 
nous tous et avec nos voeux et 
nos priéres et que tout cela en- 
semble compose une même obla- 
tion, que nous youlons rendre 


en tout point agreable a Dieu. 
Bossuet Explication de quelques 
difficultes sur les prieres de la 
messe, & un nouyeau ‚catholigue 


$. 39. 


r) Monet deinde S. Synodus, 
praeceptum esse ab ecclesia sacer- 
dotibus, ut aquam vino in calice 
offerendo miscerent: tum, quod 
Christum Dominum ıta fecisse 
eredatur, tum etiam, quia e la- 


361 
eins zugefchrieben twird, was eigentlich erſt eine Holge 
des Abendmahlsgenuffes ift, nämlich die Vereinigung 
der Gläubigen mit Chrifto, fo erhält doch für dag Firch- 
liche Leben durch diefe Beziehung die Meffe einen erz 
ftaunlichen Zuwachs an Wichtigkeit, einen unüberfehlis 
chen Umfang und eine weit um fich greifende myſtiſche 
Bedeutfamkeit. Alles, was Menfchen denfen, empfinden 
und unternehmen, läßt fich nun mit der Meffe in Ver— 
bindung ſetzen; dieg Opfer verleiht allen Dingen, Hand- 
lungen und Functionen eine höhere Weihe und Würde, 
und verfnüpft an allen Seiten den Menfchen mit Gott s). 
Es liegt daher in der Meffe dag eigentliche Geheimniß 
des Katholicismus und ein geheimes Band, welches von 
da aus fich entwickelnd alle Gläubige umftrickt und um 
fo leichter alle beſtrickt, je ficherer daffelbe an feinem 
legten Puncte mit unbefchreiblicher Kunft und Feinheit 
an eine entfernte religiöfe Idee des Chriſtenthums ange: 
fnüpft ift, von der es jedoch in feiner ganzen durchaus 





tere eius aqua simul cum sangui- 
ne exierit; quod sacramentum hac 
mixtione recolitur et cum aquae 
in Apocalypsi b. Johannis populi 
. dicantur, ipsius populi fidelis cum 
capite Christo unio repraesenta- 
tur. Sess. XXII. cap. 7. de aqua 
in calice offerenda, vino miscen- 
da. cfr. can. 9. _ Bellarmin ſagt 
dnber fogar: Ecclesiam catholi- 
cam semper credidisse, ita ne- 
cessarium esse aqua vinum mis- 
sceri in calice, ut non possit sine 
gravi peccato omitti. I. c. p. 1143. 
efr. Dallaei de cultib. relig. 1. III. 
cap. 7. p. 325. sqq. 


5) Haec nimirum majorum no- 
strorum religio fuit, ut omnes sa- 
crae et ecclesiasticae functiones, 
sacramentorum administrationes et 
gquascungue 


benedictiones intra 


Missarum solennia peragerentur: 
omnium enim ultima perfeetio et 
consummatio Eucharistia est, a 
qua vim euergelicam et sanctita- 
tem accipiunt. Sive foedus sav- 
ciendum foret, sive ineunda con- 
cordia, sive aliquid Deo offeren- 
dum, sive haeretici excommuni- 
candi, sive sanctorum natalitia, 
aliaeque festivitatles denunciandae, 
sive indicenda jejunia et litaniae, 
sive reconciliandi povenitentes, 
sive imponendae manus super ini- 
tiandos, sive episcopi consecran- 
di, sive reges inungendi, sive 
Chrisma conficiendum, haec et 
alia eiusdem generis ab Euchari- 
stia auspicari solebant, nec quic- 
quam sine sacrificio recte institui 
existimabant. Bona de reb. liturg. 
1. U. c. 14. p. 801. segg. 


— 382 — 


willführlichen Conftruction weder das Dafenn, noch den 
Grund feines Beftandes hat. Nur die Meffe anerfen; 
nen, heißt daher fchon Fatholifch ſeyn; dieſe Anerken— 
nung wurde jederzeit als die ficherfte Probe ıhrer Necht: 
gläubigfeit und Katholicitat allen Verdächtigen zugemu— 
thet und von allen Einzumweihenden als die twefentlichfte 
Bedingung verlangt: denn was laßt einem nicht alg 
Glaube fich auferlegen, der an die Meffe glaubt, und 
wie unendlich viel glaubt einer, vielleicht wohl ohne es 
zu wiffen, indem er an die Mefje glaubt? Ebendeswe— 
gen Fonnte fie im Proteftantismus nie anders, denn alg 
der außerfte Grad der Entfernung von der reinen evans 
gelifchen Lehre erfcheinen. 

Die Fatholifche Kirche hat endlicdy auch ihr Meßopfer 
mit einer großen Menge von Cerimonien umgeben, wel: 
che zwar nur den Werth einer bloßen Umgebung haben 
follen, aber doch mit dem Wefentlichen des Opfers felbft 
in Feiner unmefentlichen Verbindung ftehen. Denn däch- 
te man fich folchen Reichthum von Feyerlichfeiten ge: 
trennt von dem Opfer an fich, was würde von dieſem 
noch übrig bleiben? Zu einem rechten Opfer, wofür die 
Fatholifche Kirche dag ihrige halt, haben folche Cerimo— 
nien fein unmichtiges und unwefentliches Verhaͤltniß, 
denn in fie ift eigentlich der Gedanfe des Opfers einge- 
fleidet, fie machen die einzige Art der Erfiheinung und 
Entwickelung des Gedanfens aus, und wie fie allein 
Bedeutung haben durch diefen, fo ift auch diefer ohne 
fie nicht, was er wefentlich feyn fol. Der Begriff ei- 
nes folchen Opfers, wie die Eatholifche Kirche fich ihre 
Meffe denkt, bringt es alfo wefentlich mit fich, daß «8 
in vielfältigen, wechfelnden und feyerlichen Formen ſich 
vor den Augen der Welt, wenigftens in diefer, entwickele 
und aus diefer alles zu Hilfe nehme, was fie nur 


— 383 — 


darbietet an würdiger Pracht und Kunfl, um das hohe 
Dpfer in eine angemeffene Umgebung eintreten zu laffen, 
Es mag daher ganz richtig ſeyn, daß dieie und jene 
Form und Eerimonie nicht dag Wefentliche des Opfers 
ausmachez; aber daß im Allgemeinen Reichthum und 
Pracht und Feyerlichkeiten verfchiedener Art wefentlich das 
zu gehören, läßt fich nicht leugnen, wenn man den Be; 
griff eines ſolchen Opfers felbft nicht zerftören will. Statt 
fo aus der Natur ihres Opfers die Nothwendigkeit der 
Gerimonie zu beweifen und fie unbedingt zu verlangen, 
ftelt die Synode noch, in wahrer Berftellung, ſich fo, 
als möchte fie wohl gern mit dem Opfer der Meffe fer- 
fig werden ohne alle Eerimonie, wenn e8 nur die Natur 
des Menfchen erlauben wollte, als koͤnnte der Menſch 
zur Noth auch ohne alle Cerimonie, nur etwas fchwer 
(non facile). dag Opfer im Abendmahl vollziehen oder 
vollziehen fehen, und’ als wolte fie durch Verftattung 
diefer Feyerlichkeiten nur die Vollziehung des Opfers 
erleichtern, die alfo aud) wohl ohne diefelbe möglich und 
‚gedenfbar wäre. Hier darf man nur fragen, woher denn 
alle die Cerimonien, welche fie nöthig findet, eigentlich 
ihren Sinn und ihre Bedeutung empfangen, wenn nicht 
aus der Natur des Opfers felbft, und ob man fie in 
diefer Beziehung für willführlich halten darf, wenn fie 
anders bedeutfam und finnreich find? Wil alfo die Syn: 
ode einen recht religiöfen Grund annehmen für ihre Meß; 
cerimonien, fo muß fie ihn allein in dem Wefen ihreg 
Opfers felbft fuchen, falls diefes felbft in der Reli— 
gion gegründet iſt: denn nicht fonderlich religiög iſt, 
zu glauben, daß das Opfer an fich einer Empfehlung 
bedürfe, und daß durch dag, was nur in der Schwach: 
heit des Menfihen begründet ift, die Majeftät eines fo 
hoben Opfers Fünne empfohlen und verherrlicht er: 


— 384 — 


den t) und fo angeſehen, als koͤnne aus dieſem Grunde 
dem über alles heiligen Opfer eine Empfehlung entfte; 
ben, fonnte man mit Necht der Fatholifchen Kirche vor; 
werfen, daß fie mit ihren Meßcerimonien, die mit dem 
Dpfer wefentlich verbunden jo gut mie diefes ;ugelaffen 
werden müffen, doch in folcher Art mehr der Impietaͤt 

einen Reiz, als der Frömmigkeit Nahrung gebe u). 
Wenn die Synode den ganzen Opferapparat und 
Pomp aus apoftolifcher Digciplin und Tradition her— 
leitet, fo kann fie natürlich dieß nur in fehr weitem und 
entfernten Ginne verftehen und will nur damit fagen, 
man babe im Verlauf der Zeit dergleichen etwa im Sinn 
der Apoftel oder fo geordnet, daß es ficher den Beifall 
der Apoftel haben würde, denn die Theologen diefer Kir; 
che koͤnnen es ja jetzt felbft nicht mehr läugnen, wie 
dieſes alles fo nach und nach entftanden, mie einzelnes 
ſich erſt fpater zu der jegigen Form ausgebildet, tie 
man gar vieles davon, einjt in Gebraud) und Anfehn, 
jeßt wieder aufgegeben: nur daß fie immer noch dabey 
die Unterfcheidung binftellen swifchen demjenigen, tag 
toefentlich ift und was nicht, und jenes als ſtets unver- 
aͤndert 





t) Cumque natura hominum ea 
sit, ut non facile queat sine ad- 
miniculis exterioribus ad rerum 
divinarum meditationem sustolli, 
propterea pia mater ecclesia ritus 
quosdam, ut scilicet quaedam 
summissa voce, alia vero elatiore 
in missa pronuntiarentur, insti- 
tuit: cerimonias item adhibuit, 
ut mysticas benedictiones, lumi- 
na, thymiamata, vestes aliaque 
id genus multa ex apostolica di- 
ciplina et traditione ; quo et ma- 
jestas tanti sacrifici commenda- 


retur et mentes Äidelium per haec 
visibilia religionis et pietatis signa 
ad rerum altissimarum, quae in 
hoc sacrificio latent, contempla- 
tionem excitarentur. Sess. XXI. 
cap. 5. de soleminibus missae sa- 
crif. cerim. 


u) Si quis dixerit, cerimonias, 
vestes et externa signa, quibus 
in missarum celebratione ecclesia 
catholica utitur, irritabula impie- 
tatis esse magis, quam olficia pie- 
tatis, anathema sit. I. c. can. 7. 


 :303, — 


verändert behaupten, dieſes aber als folches betrachten, 
was. zu jeder Zeit dem Wechfel unterworfen war w). 
Sobald hier dann die Unterfuchung ing Einzelne geht, 
fo zichen fie, verlaffen von allem Maaßſtab und der 
wahren Grenzlinie zwifchen dem Wefentlihen und Un: 
wefenilichen felbft das Unbedeuterdfte gern ins Weſent—⸗ 
liche hinüber und behaupten das apoftolifche Alterthum 
davon. Es war daher gewiß eine fehr meife Ein- 
richtung mit jener im fiebzehnten Jahrhundert zu Rom 
niedergefegten .Cerimonien » Commiffion (comgregatio 
rituum), um die f£iturgieen und Formen der Particu: 
larfirchen zu prüfen und Geſetze aufzuftellen, durch wel— 
che die alte Freyheit, immer Neues einzuführen, befchränfe 
und die alten Mißbraͤuche nach und nach abgefchafft 
werden follten. Nur daß die Welt von den Kefultaten 
römifcher Neformationg » Congregationen nicht fonderlich 
viel nachzufagen hat. Noch der Cardinal Bona mwenig> 
fiens findet die gebräuchlichen Meßgewaͤnder kaum aug 
einem andern Grunde fchon bey den Apofteln, als weil 
e8 die Synode zu Trient gefagt x). Und eben, meil 
diefe Kirchenverfammlung auf die Ritus und Gerimonien 
ein fo flarfes Gewicht und auf jede Beſtreitung derfel- 
ben das Anathema gelegt, macht noch immer der ganze 





w) Die Ligen; in Erfindung 
neuer Sormen baffe in manden 
Zeifen gar feine Grängen. . Haec 
licentia quidlibet pro arbitrio ad- 
dendi sine certa lege et discipli- 
na adeo quandoque excrevit, ut 
in multis codicibus adhuc exstent 
Officia, Hymni, Orationes, quae 
sine risu, vel potius indignatione 
legi non possunt. Bona de reb. 
liturg. 1. 1. c 7. p. 83. 


x) Fatemur quidem, Christum 


Nlarheinede Gpft. d. Katholicismus III. 


* 


non aliis, quam propriis vestibus 
indutum hoc sacramentum insti- 
tuisse; Apostolis vero et aposto- 
licis viris sacra indumenta aufer- 
re nemo potest, nisi simul osten- 
dat, a quo primum fuerint intro- 
ducta, alioquin regulae ab Au- 
gustino tradirae et concilio Tri- 
dentino adversabitur, a quo inter 
ceter«, quae pia mater ecclesia 
sacriicio adbibet ex apostolica 
disciplina et. traditione vestes re- 
censentur. ]. c. c. 5. p. 52. 


25 


— 306 — 


Meßapparat, die priefterliche Bekleidung y), der ganze 
Ornat des Altars, die ganze Sammlung von heiligen 
Geräthichaften 2), und jede einzelne Verrichtung, Bewe— 
gung und Gebehrde des Meßpriefters a) ein eigenes Stu: 
dium aus, aber auch die firenge Verponung macht eine 
ganz eigene Schwierigfeit für den Fall, wo man, tie 
in neuerer Zeit, verfuchen wollte, ſich unter der ſchweren 
Laſt der Cerimonien und veralteter Gebräuche etwas 
freyer zu bewegen und manches für unfere Zeit Anſtoͤßi⸗ 
ge darin ganz abzufchaffen. 

Dieß tritt vornehmlich bey dem fogenannten Grego- 
rianifchen Canon ein, den die Synode noch befonders 
aufs neue fanctionirt und als bleibende Megliturgie der 
Kirche vorgefchrieben hat. Von demfelben verfichert fie, 
daß er nicht nur von allem Irrthum frey und nichts 
enthalte, was nicht heilig an ſich die Gemüther zu Gott 
erhebe, fondern auch, daß er blos aus Worten Chrifti, 
aus apoftolifchen Traditionen und frommen Zuthaten 
heiliger Päpfte beſtehe b). Nach Gregors I. Ausfpruch 
ift es allerdings apoftolifche Tradition, daß das Geber 





——— — — —— — 


y) Die ganze Meßkleidung im Tifurgifhen Unferfuhungen ge 


Allgemeinen und Einzelnen, bes 
fonders die ſechs vornehmſten 
Stücke, amictus, oder humerale, 
alba, cingulum, manipulus, sto- 
la und planeta befdreibt Bona 
febr genau 1. I. c. 24. p. 40%. 
sqq. 

2) Deffen Befchaffenbeit in den 
alten, mittleren und neueren Zei» 
ten Bona ausrübrlih befchreibe 
l. c. c. 25. p. 455. sqq- 


a) Diefem Gegenftande, der nad 
den verfchiedenen Dbfervanzen und 
Miffalen der verfchiedenen Kirche 
ſich nicht gleich bleibt, bat Bona 
den ganzen zweiten Theil feiner 


widmet. 

b) Et cum sancta sancte admi- 
nistrari conveniat, sitgue hoc om- 
nium sanctissimum säacrıflicium x 
Eeclesia catholica, ut digne rere- 
renterque offerretur ac percipe- 
retur, sanctum canonem multis 
ante seculis instituit, ita ab omni 
errore purum, ut nihil in eo con- 
tineatur, quod non maxime san- 
ctitatem ac pietatem quandam 
redoleat mentesque offerentium 
in Deum erigat. Is enim constat 
cum ex ipsis Domini verbis, tum 
ex apostolorum traditionibus ac 
SS. quoque pontificum piis insti- 
tutionibus. Sess, XXII. cap. 4. De 
<anone missae, 


— 387 — 


des Heren bey der Feyer des Abendmahls recitirt wur⸗ 
de und die im Canon enthaltenen Einſetzungsworte ge- 
hören gleichfalls dahin. Was er aber fonft noch ent: 
hält, kann für durchaus nichts weiter gelten, als menfch. 
liche Lehre und Snftitution, und Fann nur aus päpftli- 
chem Gefichtspunct für frey von allem Irrthum gehal: 
ten werden ec). Die Gefchichte dieſes Canons zeige 
deutlich genug, wie menfchlih e8 mit der Entftehung 
deffelben zu diefer Form zugegangen. Gregorianifch feldft 
heißt er nur in fehr uneigentlihem Sinn, entweder, 
weil Gregor der Große noch zulegf einiges dazu that, 
oder weil er ihm vollendete, oder gar nur, weil er zu 
feiner Zeit vollendet und von ihm zuerft in der Diöcefe 
von Rom eingeführt wurde, Aus fchon vorhandenen 
liturgiſchen Formularen, von denen jedoch Feines älter 
if, als die Nicänifche Synode, und aus den verfchie: 
denften Theilen wurde er im fiebenten Jahrhundert zu. 
zufammengefeßt. Gregor felbft fagt, daß ein gemiffer 
Scolafticus, deffen Namen er aber nicht nennt, ihn 
componirt habe d); aber jede genauere Unficht defjelben 
und befonders die Wiederhohlung der Namen der Heili: 
gen in dem Canon fönnte leicht auf den Gedanken füh- 
ren, daß mehr als ein Compilator daran ſich verfuchte, 
wenn diefe Wiederhohlung nicht aus der Compofition. 





c) Die Gnnode aber giebf nody Jationis hostiam consecrarent, Et 


befonders dieſer Behaupfung ib. 
ren Fluch. Si quis dixerit, cano- 
nem missae errores continere, 
ideoque abrogandum, anathema 
sit. Can. 6. 


d) Orationem vero dominicam 
ideirco mox post precem dicimus, 
quia mos apostolorum fuit, ur ad 
ipsam solummodo orationem ob- 


valde mihi inconveniens visum 
est, ut precem, quam scholasti- 
cus composuerat, super oblatio- 
nem diceremus et ipsam traditio- 
nem , quam redemptor noster 
somposuit , super eius corpus et 
sanguinem ‚taceremus. Greg. M. 
Epist. 1. VII. ep. 64. cfr. 1.X. ep. 
2. Bona ]. 1I. c. 11. p. 747. Lilien- 
thal de canone missae p. 18. 


25 * 


368 


der unter fich felbft fo ungleichartigen Theile noch Teich. 
ter zu erklären wäre. Urfprünglich alfo ging die Com: 
pofition nicht einmal von einem römifchen Bifchof oder 
von der Kirche aus; fondern fie nahm nur die fchon 
fertige Compilation auf, um fie zu fanctioniren und zu 
publiciren. Doc, wurde der Canon feitdem weder über: 
all gleicy eingeführt e); noch für unverbefferlic und un- 
auslaßlich gehalten bey jeder Meſſe F). 

Nun ift eg aber längft fchon für die größte Unvolls 
kommenheit defjelben erkannt worden, daß er lateinifch 
ift, abgefehen felbft von dem Inhalt deffelben. Und noch 
die Synode zu Trient hat es von neuem feftgefeßt g) 
und verpönt, daß man bey dem Gottesdienft und ins— 





e) Mit einmal in ollen römi— 
fben Kirhen noch Zabrhunderte 
nachber, auch nicht in der May— 
fändifchen Kirche, wo die foge: 
nannte Ambrofianifdhe Liturgie 
berrfchend blieb, wie aus einem 
Zeugniß von Abülard hervorgeht. 
Romanae sedis consuetudinem nec 
ipsa civitas tenet, sed sola eccle- 
sia Lateranensis, quae mater est 

omnium, antiquum tenet officium, 
nulla fillaram suarum in hoc eam 
sequente, nec ipsa etiam Romani 
pallatü basilica Mediolanensis me- 
tropolis ita in talıbus ab omnibus 
dissidet, ut nulla eiiam suffraga- 
nearum suarum matris instilutio- 
num imitetur. Epist. apolog. ad 
Bernh. Clarevall. p. 250. Dieſe 
Abweihung der Mapländiſchen 
Kirbe von der Römifiben deuref 
der Pfeudoambrofius, ein ©chrift: 
fieller ohne Zweifel aus dem Em 
de des 7. Jabrh., felbjt nicht um« 
deutlich an. Cupio sequi eccle- 
siam Komanam, sed tamen et 
nos homines sensum habemus, 
ideo quod alibi rectius servatur 
et nos recte custodimus. De Sa- 
eram. 1. UI. c. ı. 





f) Beränderf haben die folgen» 
den Püpfte nichts wefentlicdhes in 
dem Canon, außer in der Ötel» 
Iung der Wr-fe. Dieß bemerk£ 
Bona ausdrüdlid in Beziehung 
auf die Trienter Beftimmundg. |. 
c. p. 748. Aber da& man fi nicht 
überall ängftlih an diefen Canon 
band bey jeder Nleffe, gebt nich 
nur aus dem Mozarabiſchen Mifs 
fale bervor, fondern überbaupt 
aus der Meglitsrgie, welde Fla— 
cius edirte, aud in app. Bonae 
de reb. lit. II. p. 913. und aus 
der £iturgie in der Bibliorbek der - 
Königin Ebhriftina von Schweden, 
wo fajt für jede Meſſe ein bes 
fonderer Canon aufgeftellee iſt J. 
c. I. c. 12. p. 140. sqg. 


8) Etsi missa magnam conti- 
neat populi fidelis eruditionem, 
non tamen expedire yisum est | 
patribus, ut vulgari lingua pas- 
sim celebraretur etc. Sess. XXH. 
cap. 8. de missa vulgari lingua 
== non celebr. etc. — Si quis 
ixerit — lingua tantum vulgari 
missam celebrari debere — ana- 
thema sit. l. c. Can. 9. 


befondere bey der Meffe fih einzig und allein der latei- 
rifchen Sprache bedienen fol. Weil man wohl an- 
nehmen Fonnte, daß jene Feftiegung keinesweges eine 
Glaubenslehre enthalte und eine Docktrinal- Verfügung 
fey, fo ift fie von jeher den verfchiedenften Auslegungen 
ausgefeßt gemwefen. Als Digciplinar - Verordnung betrach- 
tet, kann fie fchon an und für fich nicht auf eine ewige 
Dauer und Geltung Anfprucy machen. Es muß, was 
fie enthält, fich nad) den Zeiten und Umftänden ändern 
laffen. Ja der Canon verflucht nur den, der da fagen 
wuͤrde: die Meffe müfle nur in der Mukterfprache ges 
halten werden, der alfo eine unbedingte Nothwendigkeit 
der Mutterfprache behauptet. Der Canon ‚geht alfo auch 
nicht gegen den, welcher fagt, nothwendig fey es zwar 
nicht, wie die Proteftanten behaupten, die Meſſe deutfch 
zu Iefen und üderali in der Mutterforache: doch wuͤrde 
es fich für die heutige Zeit und die Umſtaͤnde, in denen 
wir jegt leben, und die fich feit dem Zridentinum fo 
fehr geändert haben, von großem Nugen feyn. Diefen 
Gang pflegt der befcheidene und ängftliche Widerfpruch 
der Katholiken zu nehmen, welche den Wunfch der Lan: 
degfprache bey der Feyer der Meffe mit dem Gehorfam 
gegen die Kirche vereinigen wollen h). 

Doch kann man nicht hoffen, Wünfche diefer Art 
realifirt zu fehen, als bis die Kirche, welche das Gefeß 
gegeben, daffelbe swieder zurücfgenommen. Diefes aber 
ſteht nicht eher zu erwarten, als big die alten Gründe, 
welche fie von jeher für die Iateinifche Sprache ange: 





h) ©. die ſchon etwas alte, fi in der abendländifchen Kirche 
aber fchr wohl geratbene Schrift: bey dem Gottesdienfte der Iateis 
Prüfung der bejabeuden Gründe, niſchen Sprache bedienen? Franff. 
welche die Gottesgelehrten anfüb» und £eip;. .1777. 8. 
ren über die Srage: Soll man 


führt, ganz und gar ihr Getwicht verloren häften i). 
Die Rückficht auf die Einheit, Unveränderlichfeit und 
Feyerlichkeit des Gottesdienftes uͤberwiegt bey ihr jede 
andere. Man wurde aber vom Anfang an bey Einfüh- 
rung der Iateinifchen Sprache in den öffentlichen Got- 
tesdienft von dem Grundjaß geleitet, daß, fowie in der 
Religion nur Ein Glaube, fo auch nur Eine Sprache 
ſtatt finden müffe in der Erfcheinung derfelben. An die 
ſem Puncte hänge die Iateinifche Sprache mit dem Wer 
fentlichen des Fatholifchen Syſtems zufammen und er: 
Teint der ausſchließliche Gebrauch derfelben alg weſent— 
lich katholiſch. In denjenigen Stücken des Cultus alfo, 
welche, wie die Meffe, einen Haupttheil deffelben bilden, 
wird fich die Tateinifche Sprache, welche einmal fich 
den Gegenftänden defjelben fo innig angefchloffen und 
die Form des religiöfen Inhaltes ausmacht, nicht mehr 
davon frennen laffen. Eine Kirche, der fo viel daran 
gelegen if, daß Alles bleibe und beftehe in alter ſtatu— 
farifcher Form, würde fich mit dem Gebrauch der jedes; 
maligen Landesfprache eine Gelegenheit zur Aufnahme 
der mannichfaltigften religiofen Anfichten bereiten, mie 
denn noch Niemand der Landesfprache mwirflich fich be: 
dient hat bey der Meffe, ohne fich, nicht blos in der 
Form und Behandlung, fondern auch im Innern derſel— 
ben die mwefentlichften Veränderungen zu erlauben und 


i) Und daß fie diefes noch lan» 
ge nicht verlobren haben, geb£ 
unfer andern auch aus den Acten 
der neueften Synode zu Florenz 
berbor, wo die Bifchöfe über dies 
fen Gegenjtand ein Gufachten ge» 
ben follten, aus welchem die mei: 
ften der bald anzuführenden Grün— 
de genommen worden find. Re— 


sponsa Hetruriae Archiepiscopo- 
rum et Episcoporum ad proposita 
a Regia sua Celsitudine Magno 
Hetruriae Archiduce puncta eccle- 
siastica, quae actorum congrega- 
tionis Florentinae a. 1755. habitae 
Tomum V. constituunt, Ex Ita- 
lico in Latinum translata a Car. 
Schwarzel. Bambergae 1790. 


se SO 


den einmal feften und unveränderlichen Geſichtspunct 
der Kirche mehr oder weniger zu verrücken. Confequent 
mug man es alfo finden im höchften Grad, daß eine 
Kirche, welche jede freyere Bewegung des Geiftes aus 
einmal angemwiefener Bahn fo forgfältig unterdruͤckt und 
den Wechfel religiöfer Anfichten fo ſehr haffet, durch den 
Gebrauh Einer Sprache in demjenigen Theile der Reli— 
gion, der ihr bey meitem der wichtigfte iſt, jede Derans 
laffung dazu aus dem Wege geräumt bat. Biel zu guf 
fennet fie das geheime Band und den Zufammenhang 
der Sprache mit der Religion und weiß, welche Verwir— 
rungen, Neuerungen und Unfälle allein aus der Sprache 
in der dogmatifchen Anficht der Religion und durch die 
theologifhen Streitigkeiten entftanden find. 
Auch die Communication der einzelnen Fatholifchen 
Voͤlker in demjenigen, was ihnen allen doch gemein: 
ſchaftlich iſt, würde durch die jedesmalige Landesſprache 
gehemmt und dag gemeinfame Band zerriffen werden, 
durch welches alle verbunden finds. Denn wie die Ge 
Iehrfamfeit, fo ift auch die Religion an fein Land ge: 
bunden und braucht ſich auch nicht durch die Landesſpra⸗ 
che daran binden zu laffen. Auch an diefer Seite hänge 
die lateinifche Sprache, mwenigftens der Gebrauch Einer 
univerfellen und gleichfam Fatholifchen Sprache noch fehr 
gut und mefentlid mit den Syſtem zufammen. Zwar 
läßt fich nicht Ieugnen, daß man im Anfang und bey 
der erfien Berbreitung des Chriftenthums die jedeemali- 
ge Mutterfprache des Landes geredet, in welchem die 
Apoftel das Chriſtenthum anpflanzten, wie fie denn über: 
- haupt der Gabe der Sprachen ſich dankbar und mit 
groger Weisheit bediehten K): aber was die, Apoftel 





k) 1 Er. 14, 14. 


— 392 — 


thaten, macht, wenn man nachher aus Firchlichen Grün: 
den davon abzumeichen für nöthig fand, in diefem Sy: 
fiem nicht leicht eine Schwierigfeit. Zuerſt alfo wurde 
im Gottesdienft die griechifche Sprarhe gebraucht, ſelbſt 
im Verhaͤltniß zu lateinifchen Völfern, hernach die Iatei- 
nifche, doch eben nur, weil fie die Kandesfprache war. 
Selbft im Orient, obfchon es dafelbft viele Völfer giebt, 
welche verfchiedene Sprachen reden, hat man doch feine 
andere Piturgie, als die griechifche, der fich die Griechen 
und Melchiten, und die chaldäifche, deren fich die Ma— 
roniten, Neftorianer und Kopten in verfchiedenen Län: 
dern bedienen 1). So ging e8 auch im Abendland, da 
fi) fo viele einzelne Völfer mit ihren befondern Spra— 
chen in der chriftlichen Kirche zufammenfanden und ver: 
einige unter Ein gemeinfames Oberhaupt zu Nom auch 
eine gemeinfame religiöfe oder Eultus: Sprache, namlich 
die des Dberhauptes felbfi, erhielten. Bon Rom aus 
und durch römifche, wenigftens durch römifchgefinnte 
und mit vömifchen Inſtructionen verfehene Miffionare 
wurden die meiften der abendländifchen Voͤlker bekehrt; 
ihre eigene, treue Anhänglichfeit an den Mittelpunct der 
Kirche flößten fie diefen Völkern ein.  Gleichformigfeit 
des Gortesdienfies, worauf fo viel anfomme in einer 
Eatholifchen Kirche, in den Kirchen verfchiedener Länder 








1) Nos loquimur de. ecclesia 
latına. Nam in ecclesia graeca 
recte faciunt, cum graeca lingua 
utuntur, et in ecclesiis Syriae, 
cum utuntur lingua chaldaica. 
Nam requiritur ad ministerium 
sacramentorum lingua non vul« 
garis, sed quae tamen non 
sit omnino incognita, saltem do- 
ctis, alioqui non invenirentur pa- 
stores et mınistri necessarii. Ta- 
les autem sunt lingua graeca, chal- 


daica, et latina: nulla enim est 
vulgaris et tamen quaelibet est 
communis et nota peritis in suis 
regionibus. Idem fere dici po- 
test de arabica, quae nunc est 
communis multis orientalibus pro- 
vinciis et in ea celebrantur ofli- 
cia divina, sed alia est arabica 
vulgaris, alia arabica, qua utun- 
tur in sacris. Bellarm. de sacr. in 
gen. 1. II. c. 3r. p. 337. cfr. Bo- 
na de reb. lit. 1. I. c. 5. p. 57- 


einzuführen, gab es Fein beſſeres und ſchicklichetes Mit: 
tel, als Alles auf römifchen Fuß zu fegen. Innige Ver 
bindung aller Kirchen in der Welt unter einander und 
mit der Haupt» und Mutter- Kirche zu Rom und dem 
Papſt zu fliften, gab es fein befferes Mittel, als die 
Sprache des alten Rom in dem ottesdienft aller 
Kirchen. So fam ed, daß die einzelnen abendläns 
difchen Völker, als fie fi) zum Chriſtenthum befehr- 
ten, die Deutfchen, Franken, Engländer, Polen und ans 
dere mitternächtliche Voͤlker, die Meffe lateiniſch hörten, 
obgleich fie fein Wort davon verfianden. Karl der Gro- 
fe, bemüht, Alles im Gottesdienft auf römifche Art und 
Ordnung zurüczuführen, jah die Gemeinfamfeit der las 
teinifchen Sprache als das äußere religiöfe Band aller 
der Bölfer an, die unter feinem Scepter vereinigef 
waren. 

Eine lebendige Sprache im Goftesdienft ſtreitet fers 
ner mit der nothmwendigen Unveraͤnderlichkeit deffelben ; 
denn es Fann nicht verhüfet werden, dag je nachdem je: 
ne fich ändert, ausbildet oder verbildef, auch die Liturs 
gie jedesmal eine andere Geftalt annehme. Eine leben: 
dige Sprache im eigenzlichen Sinn, wie ‚die deutfche, 
hat nicht nur der Eigenthümlichkeiten und befondern 
Nedensarten fo viele, fondern ift auch einer unbegrang- 
ten Ausbildung, Erweiterung und Bereicherung fähig, iſt 
allerley Beugungen und Abanderungen unterworfen und 
muß mit dem Gefchmac der Nation mancherley Epo- 
chen durchlaufen. Ungeziemend wäre ed nun im höch- 
fien Grad, wenn auch die Sprache des Cultus dem Ein: 
fluß folcher Veraͤnderlichkeit follte ausgefegt feyn, wenn 
man nach jedem halben Jahrhundert tie Sprache deg 
Gottesdienftes umfhaffen müßte, weil fie unverftändlich, 
gefchmacklos und lächerlich geworden feyn würde in fo 


— 394 — 


veralteter Form. Auch dagegen ift am beften geforgt 
durch ein bleibendes, unmwandelbares und todtes Idiom. 

Außerdem hat die Farholifche Kirche noch ein Argu— 
ment für die Beibehaltung der lateiniſchen Sprache, 
welhem man im Kreife diefer Ideen und aug dem ge 
nuinen Geſichtspunct der. Kirche die zwingendfte Kraft 
nicht abfprechen Fann. Widerfprechend finder fie eg der 
Majeſtaͤt der Religion und der Feyerlichkeit des Gottes— 
dienſtes, fich einer im gemeinen Leben üblichen Spra- 
che zu bedienen. Ohne die Iateinifche Sprache an und 
für fich für beffer oder gar für heiliger zu halten, als jede 
andere Sprache, zieht fie diefelbe nur vor darum, weil 
fie nicht die gemeine ift m). Schon hieraus wächft ihr 
eine gewiffe Ehrwürdigfeit zu. Durch den einmal ſeit 
fo vielen Jahrhunderten gefnüpften innigen Zuſammen— 
bang mit den heiligen Handlungen entſteht ihr dann 
weiter eine getwiffe Würde, fo, daß fie in diefem Zufam: 
menhange nun als etwas Wefentliches und weſentlich 
mit der Religion und durch diefelbe mit ihr Verbunde— 
nes angefehen werden kann. In diefem Sinne allein 
fann man ein neues Argument vorbringen von folgen: 
der Geſtalt. Noch Niemand hat an der Gültigkeit eis 
nes Sacraments oder an der heiligen Wirfung deffelben 
gezweifelt, deswegen, weil e8 in lateinifcher Sprache voll: 
jogen worden; wollte man nun fie weglaffen und mit 
der Landesfprache vertaufchen; fo würde dieß den Anz 


m) Sacramentz requirunt ma- dinariis et quotidianis, ita par es- 
jestatem et reverentiam quandam, se videtur, -ut utamur alıa ingua. 
quae certe melius conservatur, si Nec tamen somniamus, linguam 
utamur lingua non vulgari et com- Latinam esse magis sacram, quam 
muni. Quomodo enim aequum sint ceterae; sed hoc ipso dici- 
est, ut in sacramentis ministran- mus eam habere plus veneratio- 
dis uiamur alia domo, aliis vesti- nis, quod non est vulgaris. Bel- 
bus, aliis instrumentis, quam or- larm. l.c. p. 559. . 


fchein haben, als befchuldige man die Kirche eines Sur: 
thums und einer Verlegung der richtigen Form, in der 
Adminiftration des Sacraments, worauf doch fo unge 
mein viel anfommt in diefem Syſtem. Die Ueberfchrift 
am Kreuz des Erlöfer8 war nur in drey Sprachen ab: 
gefaßt, und daher, fagen die Sefuiten Salmeron und 
Pellarmin, koͤnne auch nur eine von den dadurch gez 
weihten Sprachen die des Goftesdienftes ſeyn; auch ha- 
be Chriſtus felbft im Augenblick feiner Hingabe als Opfer 
für die ganze Welt in einer den Römern und Juden 
unbefannten Sprache fein Eli, Eli Lama Sabachthani 
gerufen. Gegen diefen Grund, daß die fremde Sprache 
des Gottesdienfied auch die Feyerlichkeit und Würde def 
felben befordere «und daß die Majeflät des Opfers die 
felbe auch in der Meffe verlange, macht nun die Bes 
hauptung, daß diefe Sprache doch dem Volke unver 
fandlich fey, in diefem Syfiem in der That gar Feine 
Schwierigfeit. Denn eben diefes ift e8 ja, was es mit 
feiner lateinifchen Sprache fucht und beabfichtige. 
Gerade dieß nun ift die Seife, von welcher die Ta; 
teinifche Sprache bey dem Gottesdienft überhaupt und 
der Meffe befonders in den neueren Zeiten fo oft ange: 
griffen worden iſt n). Doc fehr zu besmeifeln if, 06 
diefes aus Fatholifchen Grundfägen gefchehen iff, nd 
nur mit irgend einem Schein des Rechtes bey der Meffe. 
Denn wer mag leugnen, daß die Feyerlichfeit der Meffe 
dadurch gewinnt, daß fie im lateinifcher Sprache gehal- 
ten wird, und wer mag es doch bezweifeln, daß folche 
Seyerlichfeit gerade in der Verfchleyerung des unabfeh: 





n) Noch neuerlih von Friedr. che bey der Liturgie; in Batz fheof. 
Brenner in einem Auffag über Zeitſchrift L. 4. und 5. Heft. ©, 
die Einführung der Mutterfpra 275 ff. 


lich) hohen Myſteriums befteht, welches in der Meffe ge 
feyert wird? Mit diefer Anftalt wollte die Kirche dem 
menfchlichen Verſtande fo wenig einen Unterricht oder 
eine Belehrung über göttliches Geheimniß geben, daß 
vielmehr und im Gegentheil die fremde Sprache abficht: 
lich deswegen gewählt und jeder einheimifchen: vorgezo— 
gen worden if, um den Geiſt und das Wirfen einer 
facramentlichen Handlung und der Meffe in ein heiliges, 
fhauerliches Dunkel einzufchließgen, um den Sinn derfels 
ben auf feine Weife zu profaniren und gemein zu ma: 
hen, zu welcher Profanation und Gemeinmahung «3 
vor Allem zuerft gehören würde, wenn Jemand nicht 
anders der Sacramente oder der Meffe genießen wollte, 
als fo, daß er auch gehörig begriffe, wovon die Nede 
darin wäre, von Allem, was da verhandelt würde, feis 
nem DBerftande die nöthige NRechenfchaft ablegen Fönnte. 
Diefe feyerlichen Handlungen haben als folche in der 
Fatholifchen Celebration gar Feine Tendenz, dem Verſtan— 
de Flar zu werden, fondern find einzig und allein auf 
den augenblicklichen religisfen Eindruck berechnet und be— 
abfichtigen blog, dag Gemüth leife anzurühren und ans 
zuregen und mit frommen Gefühlen zu erfüllen, welche 
felbfE nicht einmal eine nothiwendige Beziehung auf die 
gegenwärtige Handlung haben müfjen. Entweder vers 
fennen oder abfichtlich ignoriren mußte man daher den 
wahren Geift der Meffe und befonders die dogmatifche 
Idee, auf der fie ruht im Fatholifchen Spftem, um auf 
Abfchaffung des alten Iateinifchen Gewandes derſelben 
anzutragen. Denn nimmt man nod) wirklich an, die 
Meſſe, fofern fie etwas der Fatholifchen Kirche ganz ei: 
genes und von der proteftantifchen nie anerfannt worden 
if, fen eine im Chriſtenthum und im Bedürfniß alles 
firchlichen Lebens gleich tief und wohl gegründete Ans 


ftolt, fo muß fie auch nothwendig, als eins der unbe 
greiflichften Geheimniffe, auf eine möglichft geheimniß- 
reiche Weife behandelt werden und felbft bey ihrer Er- 
ſcheinung in dem Kreife von Gerimonien abfichtlich ges 
wählt, ſinnreich und ausdrucksvoll, einen myſtiſchen Cy- 
clus um die religiöfe Hauptidee ziehen, auf der fie be; 
ruhen fol. Und was fann wohl frefflicher erfonnen 
werden, dem Layen das Verſtaͤndniß derfelben zu erfchtwe; 
ven, ja unmöglich zu machen, und ihn immer nur da 
feftzuhalten, wo diefe Anftalt ihn haben will, alg eine 
fremde, ihm ganz unverftändliche Sprache, und mag 
fann wohl mehr die Wirkung des Geheimniffes verftärs 
fen, alg wenn die Sprache felbft ein Geheimniß if? 
Iſt die Meffe ein fo wahres und eigentliches Opfer in dent 
“ Sinn, als die katholiſche Dogmatif annimmt, fo kann 
allerdings die Majeftät deffelben nicht beffer geehrt wer: 
den, als dadurd, daß fie verhindert wird, in das helle 
Licht der Begriffe einzutreten: denn fo am Licht befehen, 
dürfte mit dem Geheimniß nur zu bald auch die Maje- 
ftät zerfließen und verfchwinden. Ale die Vorftellungen, 
auf denen als feinem legten Grunde das Meßopfer be; 
ruht, find von der Art, daß ihnen am beften ift im 
Dunkeln und daß fie das Licht nicht wohl vertragen 
fönnen. Ganz meislich hat auch darum die Kirche eine 
ausländifche Sprache dabey in Gebrauch geſetzt, dag 
dem Layen die Luft vergehen foll, über den eigentlichen 
Grund desjenigen, was in der Meffe gefchieht, genauer 
nachzudenfen. Die £eute glauben jeßt ganz treuherzig, 
es fiecke fchon in den fremden Worten felbft eine wahre 
Zauberfraft, und fie koͤnnen fi) die Handlung gar niche 
recht verrichtet denfen, wenn nicht der Priefter mit feiz 
nem Miniftranten die gemöhnlichen Iateinifchen Zaubere 
formeln dabey hergemurmelt. Will man das unbe 


— 5068 — 


ſtimmte Regen und Bewegen dunkler Gefuͤhle Andacht 
nennen, fo kann man zugeben, daß die dem Layen un: 
befannte Sprache felbft feine Andacht erhößen muß und 
mit größerer Kraft fein Gemuͤth befaßt. : Ein beiliger 
Schauer überfälle ihn, wenn er das ehrwuürdige alte 
Kirchenlatein hört; was er nicht verftcht, das ahndet er 
doch, und er macht fich von der Sache eine viel größe 
re, böbere Vorſtellung, als er nöthig hätte. Selbſt der 
gemeinfte Laye würde fi) bald von dem Opfer in ber 
Meffe zurückziehen, wenn er ganz deutlich wüßte, wie 
fichg eigentlich damit verhielte, und ce8 hat, wie man 
leicht fühlt, felbft für die gebildete Empfindung etwas 
MWiderwärtiges, einen Act in deutfcher und verftändlicher 
Sprache verrichtet zu fehen, an den der Verſtand fein 
Hecht hat. ES ift ganz falſch und aus Farholifchen 
Grundfägen leicht zu miderlegen, wenn man annimmt, 
die Meffe beruhe auf einer folchen Zufammenwirfung 
des Volks mit dem celebrirenden Priefter, daß jenes da— 
bey nicht koͤnne und dürfe müffig ſeyn oder andere Ge: 
bete verrichten, die auf die heilige Handlung gar Feine 
Beziehung haben. Auch hiebey denft man mehr an dag, 
was die Meffe Inftructives und Belehrendes für das 
Volk haben follte, als an dag, was die Natur eines 
wahren Opfers mit fich bringt. Denn es liege gar nicht 
in dem Begriffe von diefem, daß das Volk felbft als 
mithandelnd dabey gedacht werde, und mehr als genug 
ift fchon, daß das Volk durch den Miniftranten des 
Priefters vorgeftellet wird. Es gefchieht mit dem Opfer 
etwas für das Volk, und es braucht alfo nicht einmal 
dabey zu feyn, und in der Verfammlung um das Dpfer 
ift daher auch mit Recht der ihm verftattete Antheil dar- 
an auf den Anblick von weitem und außen befchränft. 
Vollkommen genug iſt es den Layen, zu willen, mas 


auch die Roheſten wiffen, daß dieſes und jenes eine 
Meſſe ſey, mögen fie auch übrigens nicht das Mindefte 
davon verfiehen. So bringt «8 die Natur eines wah- 
ren Opfers mit fih) 0). Es erhellet diefes auch aus 
einer Vergleihung des Opfers in der Meffe mit demje 
nigen, was bey den Sacramenten das Volf unmittelbar 
zu leiſten hat. Die Fatholifche Kirche felbft macht gar 
feine Schwierigkeit mit Zulaffung der einheimifchen Spra- 
che in allen den Fällen, to fie vornehmlich oder allein 
die Thätigkeit des Volkes in Anſpruch nehmen will, 
woraus dann fo oft ein fo buntes Gemiich entfteht von 
lateinifcher Kirchen» und Mutterfprache. Was im Tauf: 
Kitus den Taufling angeht und in der Form der Frage 
an ihn augfgefprochen wird, ift deutfch; mas Bingegen 
der Priefter im Namen der Kirche fpricht, Iateinifch, 
Bey der Communion fpricht der Priefter Iateinifch: Ec- 
ce agnus Dei, qui tollit peccata mundi, hierauf 
das Deutfche: Herr ih bin nicht würdig u. f. w. und 
dann wieder lateinifcy: corpus Domini nostri Jesu 
Christi et. Weil die Ehe auf einem ausdrücklichen 
Eonfenfus der Brautleute beruht, fo gefchieht die Copu- 








0) Bir wollen biebey das opus 
operatum nicht einmal in Un 
ſchlag bringen. Nam si ulla esset 
necessitas, quae cogat lingua vul- 
gari Sacramenta ministrari, ea ma- 
xime, ut-intelligaut id, quod di- 
citur, qui Sacramenta percipiunt: 


est in extrema unctione: Deus 
autem omnes linguas intelligit; 
aut diriguntur ad personas, sed 
consecrandas vel absolvendas, non 
autem instruendas et docendas, 
ut ın baptismo et absolutione et 


at haec non est vera necessitas. 
Nam verba Sacramentorum aut 
diriguntur ad -lementa, ut con- 
secratio Eucharistiae benedictio 
aquae et olei: elementa autem 
nullam linguam intelligunt; aut 
diriguntur ad Deum, ur formae 
verborum deprecatoriae , qualis 


proinde per accidens est, si per- 
sona intelligit. Cuius signum est, 
quia verissime et efhicacissime bap- 
tizantur et reconciliantur etiam ıi, 
qui non utuntur ralione, ut pa- 
tet in baptismo infantium et in 
reconciliatione aegrotorum, qui 
sunt a sensibus abalienati etc. 
Bellarm. 1. c. p. 338. 


— 400 — 


lation ganz in der Mutterſprache, wie auch die Beich— 
te. So faͤngt auch der Prieſter, gleichſam im Namen 
der Kirche, ſeine Predigt mit einem lateiniſchen Kreuze 
und Texte an und faͤhrt dann in der Mutterſprache fort. 
So behauptet die kirchliche Sprache ſelbſt da, wo ſie 
mit dem Volk in unmittelbare Beruͤhrung kommt, ihr 
Recht und unterſcheidet genau den Moment, wo das 
Volk ſelbſt in Anſpruch genommen wird, wo ſie dann 
auch die Mutterſprache neben ſich gelten laͤßt. Wollte 
es dieſe Unterſcheidung zwiſchen der kirchlichen und der 
Volksſprache in den ſacramentlichen Handlungen verſtat— 
ten, und dadurch die Kirche mehr Gleichheit in die 
Form derſelben bringen, fo möchte immerhin die lateini— 
ſche Sprache wegfallen in allen den kirchlichen Hand— 
lungen, deren Sinn von ſelbſt klar zu Tage liegt oder 
die ſich doch ſchoͤn, gründlich und herzerhebend im Sin: 
ne bes Chriſtenthums darftellen, vollziehen und vrläutern 
laffen, e8 möchte alfo immerhin bey der Taufe und dem 
Abendmahl als Sacrament die einheimiſche Sprache ſtatt 
finden; ja fel&ft bey andern Fleinen frommen Verrich- 
tungen, tie bey Ausſegnung der Sechswoͤchnerinnen, 
bey Leichenbegängniffen und verfchiedenen Weihen die 
- Kirche ſich der Landesfprache bedienen. Nur bey der 
Meſſe würde es etwas fich felbft Widerfprechendes in- 
volviren, fie, im Sinne der Fatholifchen Kirche, 
in deutſcher Sprache gelefen zu fehen, da einmal die 
Sorm der Fateinifchen Sprache mit dem Inhalt der al- 
ten Meßliturgie fo innig verſchmolzen und zufammenges 
wachfen if, daß jene nicht unbefchadet von dieſem, ges 
ſondert werden fünnte. Was würde wohl aus dem fo: 
genannten figurirten Hochamt in deutfcher Sprache wer: 
den, und welch einen auffallenden Contraft und innern 
Widerſpruch wuͤrde daffelbe in diefer Geſtalt mit allen 

den 


— 401 — 


den andern dabey uͤblichen Bewegungen, Ornamenten 
und Cerimonien bilden? Wozu wuͤrde es fuͤhren, wenn 
man nun auf einmal Gelehrten und Ungelehrten einen 
tiefern Blick vergoͤnnte in das wahre Weſen der Meſſe; 
wie bald wuͤrden ſie dadurch immer weiter gereizt ſelbſt 
den Grund des Ganzen erforſchen, ſich über Alles ver: 
ftändigen wollen und nicht eher beruhigen, als bis fie 
zur Klaren Einficht in den Grund der Anftalt und ihren 
wehren Zufammenhang mit dem Chriſtenthum gelangt 
wären, und was in aller Welt koͤnnte der Meffe wohl 
damit gedient feyn? 

Keine andere Wahl blieb daher denen, welche ſtatt 
der lateinichen Sprache die deutfche bey der Meffe ein: 
geführt wiffen wollten, als mit jener zugleich die alte 
Geftalt der Meſſe jelbft zu verändern und die dogmati- 
ſche Hauptidee felbft zu verwerfen, auf die fie gebauet 
ift. Eine bloße Ueberfegung des Gregorianifchen Ka: 
nong genügte nicht, das fah man wohl ein, fondern ihn 
felbft mußte man weſentlich verändern. Aber damit muß: 
te auch zugleich die Meffe etwas ganz anderes werden, 
als was fie urfprünglich gemwefen war. Die meiften 
Theile der Meffe hatten mit der lateinifchen Sprache 
zugleich ihre Bedeutung, ihren tiefen Sinn und myfli- 
ſchen Eindruck verloren. Zuruͤckgefuͤhrt auf den bloßen 
facramentlichen Sinn de8 Abendmahls mußte das ei; 
gentliche Opfer nur als etwas ganz Außermefentliches 
und bald felbft als ein unnatärlicher Auswuchs erfchei: 
nen gegen die Segnung und allgemeine Communion deg 
Brodtes und Weins p). So entbehrend ganz jenes ei- 





p) Wie denn aud der einfihis. im Batz theolog. Zeitſchrift UI. r. 
volle Berfaffer der Abhandlung: Sée., obgleich er bey Angabe der- 
Ueber DVBerbefferung der Liturgie jenigen Ritus, die von Jeſus 


Marbeinede Syſt. d. Karbolicigmusg, III. 26 


— 


402 — 


genthuͤmlichen Grundes, den die katholiſche Kirche 
fuͤr ihre Meſſe anzufuͤhren pflegt, wurde ſie, wo ſie 
ſelbſt in deutſcher Sprache unveraͤndert in ihrer uͤbrigen 
Geſtalt beibehalten ward, etwas ganz Unertraͤgliches und 
Unſchmackhaftes. Weit conſequenter verfuhr man alfo, 
wenn man die Meſſe als ſolche mit der lateiniſchen Spra— 
che zugleich aufgab, und mit der deutſchen Sprache zus 
gleich eine ganz andere Anftale an ihre Stelle treten 
ließ. Man ging dabey von dem Grundfaß aus, daß 
auch diefe Firchlihe Anftalt, wenn fie Iehrreich und nutz— 
vol für das Volk feyn follte, verftändlich ſeyn müffe, 
daß fie dem Zeifgeift, der Zeitphilofophie und dem Ge: 
ſchmack der Menfchen fi) anbequemen müffe, daß die 
alterthuͤmliche Form der Meffe für die gegenwärtige Zeit 
der Aufklärung veraltet fey g) — lauter Behauptungen, 
welche mit dem mwahren Geifte des Katholicigmus im 
geradeften Widerfpruch fiehen und die man auch nir- 
gends praftifch durchführen Fonnte, ohne diefen bis da- 
hin für fo. wefentlich angefehenen Theil des Cultus ganz 
und gar aufzugeben. Wohl hat e8 Eeinen Zweifel, daß 
der verbietende Canon der Synode zu Trient von der 
Beichaffenheit ift, daß er dem Bifchof die Befugnif nicht 
nimmt, für feine Diöcefe auch ohne Anfrage zu Rom 
die Landesfprache in den Gottesdienft einzuführen; aber 





der Zeit von der Kirche find fefks 
gefeg£ worden u. f.w. Man fiebe 
leicht, daß bier nicht blos Die 
Ginribtung der Meſſe, fondern 
diefe felbft, fofern fie neben dem 
Sacrament bejieht, als etwas Aus 
ferwefentliches betrachtet wird. 


felbft angeordnef und derer welche 
blos Menfchenfagungen find, noch 
fagt: die von Jeſus felbft anges 
ordneten lifurgifihen Formen find 
nach der Lehre der Schrift und 
Tradition die fieben Gacramenfe 
©. 39, noch ausdrücklich binzus 
fügt: außerwefentlich ift bey der 


Euchariftie die ganze Einrichtung 
unferer Meffe, da alle daben por: 
tommende Gebete erft im Lauf 


q) ©. die angef. Abb. von Pörk- 
ner in Bag theol. Zeitfohrift IL ı. 
©t. ©. 49. 50. 


— 7/3 — 


ein anders iſt, ob es beſonders in Anſehung der Meſſe 
katholiſch gedacht iſt, dieſes zu thun. Alle die Bewegun- 
gen in den neueren Zeiten uͤber dieſen Gegenſtand hatten 
eine ungleich tiefere Tendenz, als blos das ſcheinbar zu. 
fällige Gewand der Meffe abzuftreifen und ihr ein moder; 
nes umzuhängen. Weil die Veränderungen den Mittel: 
punct des Eultus betrafen, fo befchränften fie ſich auch 
nicht allein auf die Meffe und ſchon die allgemeinen ' 
Grundfäße, von denen man dabey augging, führten north: 
wendig immer weiter, fo, daß fich das Ende diefer Neue: 
rungen bald nicht mehr abfehen ließ. Pan fah es Flar 
genug ein, daß ein Theil des Gottesdienſtes, “auf diefe 
Art reformirt, einen zu auffallenden Contraft bilden wuͤr— 
de gegen fo viele dlterthümliche Formen, und daß man 
bald fich werde gezwungen fehen, auc) an dieſe die Hand 
zu legen. Es laͤßt fich daher der lebhafte Widerfpruch, 
den diefe Neuerungen fanden, wohl begreifen und aug 
Fatholifchen Grundſaͤtzen rechtfertigen. 

Die erfien Schritte zur Veränderung der Meßanftalt 
gefchahen im Jahr 1786 an der heizoglichen Hofcapelfe 
zu Stuttgardt. Der Herzog Eugen von Würtemberg 
veranlaffete feine Hofprediger, eine neue und verbefferte 
Ordnung der Meffe einzuführen r). Borlefungen aus 
einer deutfchen Bibel, deutfcher Gefang und Austheilung 
des Abendmahls mie deurfchen Worten, waren die Ein 
leitungen dazu, und die erfte deutſche Meffe wurde bald 
darauf ebenfalls dafelbft gelefen. Mit großer Klugheit 





r) Noch in den neueften Zeifen fen. ©. Schwarzel Anleif. zu eis 
erbiel£E der berzoglibe Hof in ner vollftändigen Paſtoraltheol. II, 
Bürtemberg vom Papft Pius VI. ©. 98. und die angef. Abb. von 
die Erlaubniß, in feiner katholi- Brenner in Baß theol. Zeitſchr. 
ſchen Hofcapelle alle Sonntage ei- J. 4. ©. 287. 
ue deutſche Meſſe halten zu Taf 

26* 


— 404 


war dabey die Einrichtung getroffen, daß jedes der Meß— 
gebete, che es deutfch gelefen ward, vorher Tateinifch vor: 
getragen wurde. Go gefchah zugleich den Satzungen 
des Kirchenraths zu Trient Genüge. Mitten unter den 
heftigften Angriffen, befonders von Maynz aus, behaups 
tete fich dieſe Anftalt, die erfte in ihrer Art s).. Go 
vorfichtig und behutfam jedoch diefe erſten Schritte wa— 
ven, fo lag doch darin ſchon der Wunfch und die Mög: 
lichFeit, noch weiter zu geben; auch erklärte man es das 
zumal ſchon, daß damit die Axt noch nicht an die Wurs 
sel gelegt worden ſey t). Man fand in dem Miffale 
felöft ein gothifches für unfere Zeiten nicht mehr paffens 
des Sebäude, und fo wandte fich die Eritif immer ſchaͤr— 
fer gegen die Hauptliturgie des Katholicismus. Man 
deckte immer mehr Gebrechen deffelben auf, man machte 
einzelne Theile deffelben fogar lächerlich, man tadelte be- 
fonders dag wunderliche Gebehrden- und Cerimonien- 
Spiel de8 Meßpriefters und zeigte an allen Geiten bie 
hoͤchſte und dringendſte Nothwendigfeit einer umfaffenden 
Derbefferung u). Endlich fing man dann auch noch 
an, die Meffe nach den Grundfägen der Kantifchen Phi— 





s) Werkmeifter an die Maynzer 
Sournaliften über Die deutſche 
Meß; und Abendmahls Anſtalten 
in der herzogl. Hofcapelle. Stuttg. 
1787. und deffelben Beiträge zur 
Berbefferung der Patbolifchen Lis 
furgie in Deutſchl. 1. Heft. Um 
1789. 


t) Werfmeifter über die deut: 
fhe Meg.» und Ab. Anft. ©. 11. 


u) Die feyerliden Dpfer des 
Geelforgers im Zirkel feiner Heer 
de oder liturg. Meß-Gelegenbeits— 
und Befper» Gebete zum Öcbraud 
der öffentl. Goffesverehrungen, 


von einem Regular: £andpfarrer, 
Augsb. 1800. (Grafers) Prüfung 
des Eatholifchprack. Unterrichts 
von einem Fatholifchen Religions» 
lehrer. Leipz. 1900. ©. 429. ff. 
(Beda Prader) Neue Liturgie des 
Pfarrers M. in K. im Departe, 
men£ C. der Nafionalfynode zur 
Prüfung vorgelegt. Tübing. 1802. 
Schelhorn Beiträge zur zweckmä— 
ßigen Einrichtung des öffentlichen 
Öottesdienjtes und der Lifurgie 
u. ſ. w. Arnftade und NRudolftade 
1805. Entwurf eines neuen Ni» 
fuals von einer Gefellfchaft kath. 
Geiftliher im Bisthum Conftan;. 
1806. 


— 205 — 


Iofophie zu würdigen, nach welcher fie dann vollends 
als gar armfelig erfchien. Nach dem Maaßſtabe der 
Eittenlehre geprüft, und aus einem blog moralifchen Ge 
fichtspunct betrachtet, fand fich, daß die Meffe in der 
bieherigen Geftalt wenig oder nichts enthalte zur Vers 
edelung der fittlichen Natur, zur Befferung des Herzens 
und Lebens. Nichts blieb unter diefer Eritif von dem 
bisherigen Ritus an feiner alten Stelle. Das gewoͤhn⸗ 
Eiche Meßbuch ift als völlig untauglid) befunden, und 
man hat Vorfchläge gethan zu einem neuen an der Stelle 
deffelben v). Go wie es bisher beftand, nämlich aus 
vier TIheilen, von denen der erſte die Zeitmeffe (pro- 
prium de tempore), der zweite die für einzelne Hei— 
lige (proprium Sanctorum), der dritte die für meh. 
vere Heilige (commune. Sanctorum)), der vierte die 
für Verſtorbene enthält; fü, daß dann der zweite Theil 
noch immer am Ende die für jeden Kirchfprengel eige- 
sen Meſſen (proprium dioeceseos) und die Meffen 
aus apoftolifcher Nachfiht (ex indulto apostolico ) 
befaßte, ift in dieſer Geftalt als ganz zweckwidrig, aber; 
gläubifche Dinge enthaltend u. ſ. w. befunden worden. 
Der bey jeder Meffe vorkommende Introitus trägt we— 
nig oder nichts zur Gittlichfeit bey, da felbft die Pfal- 
men moralifchen Inhalts darin dunkel und in fchlech- 
ter Fateinifcher Sprache gelefen werden. Die Drationen 
sor der Epiftel, vor der Präfation und nach der Coms 
munion find zum Theil abergläubifch, zum Theil pole— 
mifch gegen die Keger, voll Mirakel und Frömmeley. 


v) Binfer Liturgie, mas fie des Werthes unferer lifurg. Büs 
ſeyn folte, oder Theorie der öffent. cher. Münden. 1804. Deſſ. Erftes, 
Goitesverebrung. Def. Berfuhe deutſches, krit. Meßbuch. Landsh. 
zur Derbefferung der kathol. Li- 1810. ©. 5ı. ff. 
furgie. Erſter Verſuch. Prüfung 


— 406 — 


Die Epiſteln, zum Theil Lectionen aus dem A. T. ent: 
haltend, find übel gewählt, einformig und unverftändlich. 
Das Graduale, welches von den Staffeln des Pultes 
(ambo), auf dem es gefungen wurde, den Namen hat, 
dag Alleluja und der Tractus, welcher von der Ziehung 
des Tons in die Länge alfo heißt, find fämmtelich fchon 
wegen der augländifchen Sprache verwerflich. Die Evan: 
gelienabfchnitte find unfruchtbar für das Feld der Site 
lichfeit, und enthalten fogar den Beweis der göttlichen 
Sendung Zefu aus Wundern, an die man heutzutage 
nicht mehr glaubt. Die Verſe bey dem Offertorium und 
nach der Communion find nicht mannichfaltig genug, 
auch die eilf Prafationen find es nicht genug und gehen 
mehr auf Worte, denn auf Werke. Soweit die abwech— 
felnde Form der Meffe- Die eigentliche Meffe oder die 
Theile, ohne welche fie nicht für ganz und vollftändig 
angefehen wird, wenn der Priefter auch nur einen der: 
felben, dag credo und gloria abgerechnet, ausgelaffen 
hätte, bietet aud) einen reichlichen Stoff zu Verbeſſerun— 
gen dar. Statt des GStaffelgebets oder Pſalm Zudica, 
womit die heutige Meffe nach römifcher Vorſchrift be: 
ginnt, Fann der mittelmäßigfte Kopf heutiges Tages ein 
befferes liefern w). Auch das darauf folgende Conhteor 
muß durch ein befferes Neucbefennenig evfegt werden. 
Das nun folgende und neunmal vorkommende Kyrie 
Eleyfon ift unverfiändlich, und das bloße Herfagen ber 
fördert den Mechanismus. Das gloria in excelsis 
muß nur felten vorfommen: dag dominus vobiscum 
fomme auch zu oft. Das Conftantinopolitanifche Sym— 
bolum oder Credo muf ganz geftrichen werden, weil es 





w) AU D. ©. 88, 


— 1/07 — 


im Gegenfaß zu Irrlehren gemacht worden. Die Gebete 
nach dem Hffertorium und, die orate fratres müffen 
ausgemerzt werden, weil fie der Privatfrömmigfeit eini- 
ger Bifchöfe ihren Urfprung verdanfen und zu häufig 
vorfommen. Die oratio secreta muß laut gefprochen 
werden und verbeffert; fo auch der Hymnus: Heilig. 
Der Kanon der Meffe, beftchend aus fo vielen Gebeten 
und alfo genannt, weil er eine bleibende Vorſchrift der 
Meſſe feyn fol, muß auch wandelbar gemacht werden, 
er ift zwar alt, aber eben deswegen untauglich in Zeiten 
der Aufklärung. Die beiden memento, zivar zuläffig, 
müffen eine andere Stellung haben. Die Elevation der 
Hoftie und des Kelches muß bleiben, weil fie zweckmaͤßig 
it. Das nun folgende Vaterunfer muß feltenee vorfom: 
men und in der Meffe oft verändert und umfchrieben. 
Das Brechen der Hoftie ift ganz paffend. Die Auffor- 
derung zum Frieden bleibe, nur der Friedenskuß falle 
weg. Das agnus Dei fey nur nicht immer einerley 
und monotonifch. Die Gebere vor der Communion müf- 
fen verändert und paßlicher gemacht werden. Die Com: 
munion des Volks muß mehr Erhebendes haben; dag 
ite missa est muß mit einex paffenden Nede oder mit 
einem Lied vertaufcht werden; fo auch der Gegen de8 
Prieſters ans Volk und das Anhängfel des Ablefens deg 
Evangeliums Johannis. Die ganze Meßanftalt aber be; 
fördert fowohl an fich, als in Kückficht ihres Gebrauchg 
den Anthropomorphismus bey denen fowohl, die paffiv 
Theil daran nehmen, als bey denen, die Meffe leſen laf- 
fen. Mehrere Meffen, wie die vom Herzen Sefu, von 
der DVerfeßung des heiligen Haufes von Nazareth, von 
Mariafchnee, von der Eindrüdung der Wundenmale in 
den Leib des heil. Franz von Aſſiſſi, von den Engeln u. 
ſ. w. veranlaffen den Unglauben, den Aberglauben, Ei- 


en 


— 


— 4068 — 


gennutz, Mechanismus u. ſ. f. Es gebricht der Meſſe 
an aͤſthetiſcher Kraft, an Mannichfaltigkeit, Einheit und 
iſt leider von der muͤndlichen Belehrung getrennt. Die 
Meſſe iſt in eine dem Volk unzugaͤngliche Sprache ge— 
huͤllt, und in ihrer gegenwaͤrtigen Geſtalt jener Abend— 
mahlsfeyer der erſten Jahrhunderte ganz unaͤhnlich x). 

Aus dieſen und andern ähnlichen Vorſchlaͤgen erhels 
let zur Genüge, daß bey den neueren Vorfchlägen zur 
Umbildung der Meffe die alte Dpferidee faft gar nicht 
mehr zur Sprache gefommen ift, nicht. einmal mehr in 
der milden Form, nad) der die Meffe nur eine ſymboli— 
fehe Darbringung des Leibes und Blutes Chrifti ent - 
hält. Aber e8 erhellet zugleich, daß die Fatholifche Kir: 
che fich in ihrer bisherigen Geftalt überhaupt erft aufge: 
geben und ihren Hauptgrundfägen ganz entfagt haben 
muß, bevor es zur Realifirung folcher Borfchläge kom— 
men kann. 

Bis dahin wird der Fatholifche Priefter fich an dems 
jenigen müffen genügen laffen, was ihm die Synode zu 
Trient nicht nur erlaubt, fondern felbft zur Pflicht ge 
macht hat. Damit die Schaafe Chriſti nicht hungern, 
follen die Geelforger von Zeit zu Zeit einiges von dem— 
jenigen, was in der Meffe vorfommt, erflären und felbft 
von den Geheimniffen des heiligften Opfers Einiges vor: 
tragen, befonders an den Feften und Sonntagen y). Es 
ift gewiß, daß diefe Vorfchrift, wenn fie nur recht ber 





x) 4. D. ©. 187. 


y) Etsi missa magnam conti- 
neat populi fidelis eruditionem: 
non tamen expedire visum est 
patribus, ut vulgari lingua pas- 
sim celebraretur: quamobrem re- 
tento ubique cuiusque ecclesiae 


antiquo et a sancta Romana Ec- 
clesia omnium Ecclesiarum matre 
et magistra probato ritu, ne oves 
Christi esuriant, neve parvuli pa- 
nem petant et non sit, qui fran- 
gat eis, mandat $. Synodus pa- 
storibus et singulis curam anima- 
rum gerentibus, ut frequenter 


— 400 — 


nutzt wird, reichlichen Erſatz und große Entſchaͤdigung 
darbietet für den Zwang zur lateiniſchen Meſſe. Ob— 
gleich die Synode Alles in der alten Ordnung gelaſſen 
haben will, erkennet ſie ſelbſt doch an, daß die Meſſe 
auch viel Belehrendes und Inſtructives habe, nämlich 
neben und außer ihrer unmittelbaren Feyer, wohin die Be: 
lehrung nicht gehört und fie wünfcht daher, daß dem Volk 
auch der Sinn und die Bedeutung der Firchlichen Ceris 
monien dabey erklärt werden möge, naͤmlich foweit fich 
derfelbe überhaupt erklären und faffen läßt. Indem die 
Spnode unterlaßt,; zu beftimmen, was von der Meffe 
zu erflären fen und was nicht, giebt fie dem Geelforger 
freye Hand felbft über die tiefſten Geheimniffe, falls er 
fie felbft zu faffen vermag, obgleich fie anzudenten fcheint, 
daß doch auch nicht Alles in diefen Kreis gehöre, itt- 
dem fie ſagt, etwas (aliquid und mysterium aliquod) 
folle erflärt werden. Mag fie aber dabey vorausfegt, 
ift, daß die Lehrer felbft fich ganz in den Sinn der Ce 
rimonien und des Myſteriums überhaupt hineindenfen, 
und nicht anders, als aus dem Geifte der Kirche ſpre— 
chen, und befonders an dem hochheiligen Opfer felbft 
fefthalten, welches fie bier ausdruͤcklich nennet. Ein 
kluger Lehrer wird von felbft die Gränze fehen und be 
obachten, welche fein Unterricht nicht überfchreiten darf 
und der Fromme fich hüten, feine eigenen Einfälle und 
Meinungen von diefer oder jenen Seite der Meffe alg 
die wahre Lehre der Kirche dem Volk mitzutheilen. Dies 
fe Vorfchrift der Kirche, daß der Lehrer der Neligion in 





inter missarum celebrationem. vel quod declarent, diebus praeser- 
per se, vel per alios, ex iis, quae tim dontinicis et festis. Sess.XXII. 
in missa leguntur, aliquid expo- Cap. 8. — de myst. missae popu- 
nant, atque inter cetera sancıis- lo explicand. 

simi huius sacrificii mysterium ali- 


— 410 — 


Predigten und Katechiſationen über die liturgiſchen Hand; 
lungen, über die Bedeutung der Cerimonien und den Sinn 
der dabey zu fprechenden Worte einen faßlichen und 
zweckmaͤßigen Unterricht geben, daß fie befonders vor 
der Adminiftration der Sacramente die Kraft und den 
Gebrauch derfelben nad) der Faffungsfraft der Empfan- 
genden erklären follen a) — dieſe VBorfchrift ift übers 
haupt von den Vertheidigern der Meffe und des Gok 
tesdienftes in der alten Form ſtets als ein hinreichens 
des Mittel angejehen worden, jeden zu beforgenden Scha: 
den zu verhüten, die aus der Unverftändlichkeit der Meffe 
an fich entjpringen möchte und felbft von denen, welche 
für Abänderung der Meffe ftreiten, alg ein vor der Hand 
aus allen Kräften zu benugendes Mittel empfohlen wor: 
den, um die Meffe auch in ihrer alterthümlichen Form 
nicht nur möglichft unſchaͤdlich, ſondern auch möglichft 
nugreic und erbaulic) zu machen. 





z) Sess. XXIV. cap. 7. de reform. 


— 441 — 


Zehntes Kapitel 


Fortſetzung vom Sacrament des Abendmahls, Urs 
fprung der Meſſe. 


—— — — 


Die allgemeine religiöfe dee eines Opfers ift von der 
Art, daß die reinften, wahrften und würdigften Begriffe, 
wie die voheften, unvollfonmenfien und befchränkteften 
fi) damit verbinden laffen. Gerade diefe Verknüpfung 
derfelben mit den verfchiedenften Vorftellungen weiſet in 
derfelben auf eine höhere Allgemeinheit und Nothwen— 
Digfeit zurück und auf einen Punct, der das eigentliche 
religiöfe Leben und den wejentlichen Inhalt derfelben 
bildet, und nach welchem diefe Idee an fid) einen tiefen 
Grund hat in dem Bewußtſeyn von Gott, und fomit 
‚auch in der menfchlichen Natur. 

Es giebt feine religiöfe Idee, welche in fo verfchie- 
denen Seftalten in der Gefchichte erfchienen und auf fo 
mannichfaltige Weife im Cultus fomwohl, als in der 
Doctrin ſymboliſirt hervorgetreten wäre. E83 ift wichtig 
und nothwendig für eine richtige hifforifche Anficht, dag 
in allen Gefialten Gemeinfame nicht zu überjehen oder 
zu verfennen. Auch eine partheyifche und engherzige Bes 
trachtung der DOpferidee im Juden» und Heidenthum 
fann doch nicht leugnen, daß dem letzten und weſent— 
lichften Puncte nach das Opferweſen in jenen Geſtalten 
einen allgemeinen religioͤſen Grund, eine veligioje Bezie— 
bung und die Beftimmung hatte, den Menfchen auf ir: 
gend eine Art, wenn noch fo unvollfommen und ent 


—— Alk 


fernt, Gott näher zu bringen. In folcher Anerkennung 
fonnte auch das Chriſtenthum diefe Idee von neuem 
aufnehmen. Doc auch ohne NRücficht auf die Opfer, 
welche in den bis dahin .beftehenden Religionen die 
. Hauptfache waren, Fonnte das Ehriftenthum die Opfer: 
idee aus fich erzeugen, und diefelbe nicht nur auf die 
verfchiedenften religiöfen Erweiſungen übertragen, fondern 
auch und vornehmlich den Tod des Erlöfers auf die 
wuͤrdigſte und geiftigfte Are dadurch ſymboliſiren. Die 
innere Wahrheit und Ewigkeit der religiöfen dee felbft 
konnte dazu bewegen und zwingen. Golche Darfiellung 
eines einzigen, hohen und geiftigen Opfers Fonnte an 
ſich nicht viel Einladendes haben für Juden und Hei: 
den, weil fie darin nur den Untergang ihrer eigenen 
Dpfer erblicken Eonnten, und wirklich ftellt auch die 
SHriftliche Neligion ihr erhabenes Opfer den ihrigen mehr 
in dieſer abfchreefenden Geftalt entgegen, als in irgend 
einer Art von Anbequemung dar an ihre falfchen, rohen, 
finnlichen und Außerlichen Opfer, welche fie im Gegen- 
gentheil- aufs Fräftigfie befämpft. Aus innern, religiöfen 
Gründen fehen die erften chriftlichen Lehrer fich gezwun⸗ 
gen, zuerſt die Falſchheit aller bisherigen Opferbegriffe 
aufzudecken und ihnen die reinere Lehre des Chriſten— 
thums von der nothwendigen Abſchaffung aller ſinnli— 
chen und irdiſchen Opfer negativ gegenuͤberzuſtellen, fo: 
dann aber auch poſitiv die ganze Groͤße, unendliche Hei— 
ligkeit und aͤußere Unwiederhohlbarkeit des einmal in 
Chriſti Tod vollzogenen Soͤhnopfers darzuſtellen. 

Wenn nun die Heiden beſonders den Chriſten den 
Vorwurf machten, ſie ſeyen Atheiſten, weil ſie keine Tem— 
pel, Altaͤre und Opfer haͤtten, ſo konnten ſie ſehr ſchick— 
lich dieſen einzelnen Opfern die reinmoraliſchen Opfer, 
die Dankopfer, die taͤglichen Opfer der Liebe, der gegen— 


feitigen Hülfe, der Ausuͤbung jeder chriftlichen Tugend, 
Gott zu Ehren, enfgegenfegen und lehren, daß in und 
mie dem Chriftenthum diefe an die Stelle der finnlichen 
und blutigen Opfer getreten feyen. Dieſen moralifchen 
Begriff des Opfers findet man daher auch bey den aͤl—⸗ 
teften Kirchenlehrern am häufigften aufgefaßt. Die 
heiligen Thaten der Andacht; des Gebetes, der Fürbitte, 
der gegenfeitigen Liebe, und des Danfes gegen Gott find 
es hauptfächlich, denen fie den Namen der Opfer beile: 
gen. So nicht nur die apoftolifchen Väter a), fondern 
auch Tertullianus b), Juſtinus c) und Clemens von 





a) 3- 3. Barnabas Epist. c. 1. 
Patr. apost. ed. Coteler. I. p. 57. 
wo er dieſe moraliſchen Bezeigun: 
gen hostias, victimas, oblationes 
nennet. L 5 

b) Contra Marcione:n 1. IV. c, 
I. wo er das sacriiciam mun- 
dum, weldes Gott von uns ver» 
langt, durch simplex oratio de 
conscientia pura cerläufert p. 413. 
ed. Rigalt. und adv. Judaeos c. 5. 
Nam quod nou terrenis sacrifciis, 
sed spiritualibus Deo litandum sit, 
ita Jegimus, ut scriptum est: cor 
contribulatum et humiliatum ho- 
stia Deo est et alibi: sacrifica 
Deo sacriicium laudis et redde 
altissimo vota tua. Sic itaque sa- 
erificia spiritualia laudis designan- 
tur et cor contribulatum accepta- 
.bile sacrificium Deo demonstra- 
tur. Itaque carnalia sacrificia re- 
probata intelliguntur. Bergl. die 
Anmerf. pon Rigaltius, der noch 
mebrere &tellen anfübre aus dem 
Apologeficus, ad Scapulam, de 
Oratione, de Jejuniis, wo es ums 
fer andern heißt: haec est statio 
sera, quae ad vesperam jejunans 
pinguiorem orationem Deo im- 
molat l. c. p. 188. 


e) Nicht nur in der ſchon oft an⸗ 


gefübrfen Befhreibung der Abend» 
mabIsfeyer Apol. I. n. 65. p. 83. 
wo eucharistia und gratiarum ac- 
tiones und preces immer zufams 
men fteben, fondern befonders im 
Dial. cum Tryph. n. 41. wo er 
zeigf, wie die Dpfer im U. T. für 
die vom Ausſatz gereinigfen ein 
Bild ſeyen Som neuteſtamentli— 
sen Abendmabl, quem Dominus 
noster Jesus Christus in passionis 
recordationem pro his, qui ab 
omni pravitate purgantur, sus- 
ceptae heri praecepit, und fodanır 
das Abendmahl betrachtet als da— 
zu dienend ut gratias agamus Deo, 
tum quod mundum et omnia, 
quae in eo sunt, propter homi- 
neın creavit, tum quod nos a 
neguitia, in qua fuimus, libera- 
verit et principatus et poteslates 
funditus deleverit per eum, qui 
eius voluntate possibilis factus 
est p. 144. und n. 117. Preces et 
gratiarum actiones, quae a dignis 
peraguntur, sola esse perfecta et 
Deo accepta sacrificia et ipse pro- 
nuntio. Haec enim Christiani quo- 
que sola peragere didicerunt, etiam. 
in recordatione alimoniae suae 
siccae et liquidae, in qua etiam 
passionis, quam filius Dei prop- 
ter nos pertulit, recordantur. p. 
221. 


— 4/14 — 


Alerandrien d). Auch vom Abendmahl faßte man vor: 
züglich diefe Geife auf, nach der e8 eine feyerliche Er 
innerung an Jeſu DOpfertod war und ein Denfmal für 
alle Wohlthaten, welche wir dem Leiden und Tod des 
Erlöfers verdanfen e). 

Diefelbige moralifche Bedeufung war e8 dann auch, 
die fehr früh auf die Materie des Brodtes und Weing 
im Abendmahl überging. Die bey dem Abendmahl ges 
brauchlichen Darbringungen nahnıen, als Oblationen, zu: 
gleich den Character der Opfer an. Von demjenigen, 
was Seder mitbrachte in die Verfammlung, wurde zu: 
erſt das Abendmahl gehalten, fodann das Uebrige zum 
Unterhalt der Geiftlichen und an die Armen verwandt f). 
Non dieſen Oblationen hatte man früh fihon die Vor: 
ffellung aufgefaßt, daß, was man zu fo edlem und hei: 
ligem Zweck verwende, auch Gott angenehm und ange 
fehen fey, als werde es ihm felbft dargebracht; die Dar: 
bringung folcher Beiftener zu frommen Firchlichen Zwecken 
war ein Merkmal der Ehrfurcht und Liebe gegen Gott 
und das Dargebrachte felbft wurde deswegen alg wah— 
re8 Danfopfer mit Gebeten und GSegnungen zu feiner 
religiöfen Beftimmung eingeweiht. Man fonnte diefes 
fehr ſchoͤn thun im Sinne des Chriftenthums, wo, was 
zu fiommen Zweck und aus gegenfeitiger Liebe gethan 
wird, fo angefehen wird, als habe man e8 Ehrifto und 
Gott felbft gethban. Man that e8 auch im Andenken an 
dag, was Gott im a. T. befohlen, daß von Allem Gott 
die Erftlinge darzubringen feyen. Da nun von folchen, 





d) Clem. Alex. Strom. 1. II. c. e) f. befonders die aus Juſti— 
18. p. 469. ed. Poıt. 1. III c. 12. nus eben angeführte Stellen. 
p- 305. l. VII. c. 3. p. 836. c. 6. 


P- 848: sgq. f) Albaspinaei Obseryatt. 1. I. 


c. 5. P. 39. 


415 


durch die Fromme Gefinnung felbft ſchon gemeihten Ob; 
lationen auch dag Brodt und der Wein im Abendmahl 
‚genommen wurde, fo haftete auch an denfelben der Be— 
griff eines Hpferg, aber Feines andern, als eines folchen 
blog, dag wegen der frommen opfernden, beifteurenden 
und darbringenden Gefinnung diefen ganz fchicklichen 
Namen hatte. So wurde dann aud) Brodt und Wein 
felöft Opfer genannt und als wirkliche Opfer betrachten, 
wie jede Gabe zu edlem und frommen Zweck, felbft im 
nicht Firchlichen Gebrauch, mit Recht ein Opfer heiße. 
Da war von einem Opfer für die Ehriften fo wenig die 
Mede, als von einem Verföhnungsopfer im Abendmahl, 
fondern ihrer eigenen uneigennüßigen, aufopfernden, dank: 
baren, liebevollen und heiligen Gefinnung wegen wurde, 
was fie opferten, im allgemeinften Sinne ein Opfer ge 
nannt. 

Diefe bey Irenaͤus g) zuerft h) ſich findende An: 
ficht der Oblationen als wirklicher Opfer und mithin 





g) Sed et suis discipulis dans 
econsilium primitias Deo offerre 
ex suis creaturis non quasi indi- 
genti, sed utipsinon infru- 
cetuosi nec ıngralti sint, 
eum, qui ex creatura panis est, 
accepit et gratias egit dicens: 
hoc est corpus meum et calicem 
similiter — et novi Testamenti 
novam docuit oblationem, quam 
ecclesia ab Apostolis aceipiens in 
universo mundo offert Deo, ei, 
qui alimenta nobis praestat, pri- 
mitias suorum munerum in novo 
Testamento etc. Ady. haer. 1. IV. 
€. 17. p- 249. ed. Mass. und Dies 
fes Thema ſetzt er im folg. Kap. 
for£ befonders zu Unfang, wo er 
ausdrüdlih bemerkt, daß Gott 
felbft folhes Dpfers nicht bedüt« 
fe, fondern nur der Menſch, der 
ſich dadurch geehrt finden müffe, 


wenn feine Darbringung ange», 
nehm und wohlgefällig fey und. 
daß Alles dabey auf eine rein- 
fif£lihe Gefinnung anfomme. 1. |. 
P; 250. 


h) Denn es ift wohl nicht nö— 
thig, bier auf die Lifurgie des 
Jacobus, Petrus, Matthäus, Jo— 
bannes, Nlarcus, der heil. Jung» 
frau Maria und des Dionpfing 
Areopegita und felbft nicht eins 
mal auf Clemens Romanus Rüde 
fib£ zu nehmen. Ueber die er 
wiefene Falſchheit jener Lifurgieen 
darf man nur den Daille Iefen 
de cultib. rel. p. 1177 und 1214. 
oder Nic. le Nourris in Apparat. 
ad Bibl. max. PP. I. diss. 2. p 
19. Nat. Alexander h. e. Sec. I. 
c. 12. p. 59. Du Pin. nouv. bibl. 
1. I. p. 8.sqg. Daß in dem Zeug: 


— 16 — 


des Abendmahls, als eines wahren Opfers in diefem 
fietlichen Sinn, ift aud) dem Tertullian i) und Eypriank) 
ganz gewöhnlich; nur daß fich freylich diefe beiden la- 
teinifchen Väter nicht mehr mit der allgemeinen und 
unbeftimmten Bedeutung der Abendmahlsoblationen ale 
Dpfer begnügen, fondern ihnen ſchon beftimmte Bezie— 
hungen der Nusbarfeit geben. Aber dieß war weſentlich 
nur eine Erweiterung und beftimmtere Beziehung des all- 
gemeinen Gedanfens eimer liebevollen und frommen Ge— 
finnung, welche fi) in folchen Darbringungen bewies, 
Das Andenken an die im Dienft des Erlöfers,gefalle: 
nen Märtyrer und an die in dem Herrn Entjchlafenen 
überhaupt wußte fich nirgends fehicklicher und rührender 
anzufnüpfen, al8 an die Abendmahlsoblationen und die 
Feyer des Abendmahls überhaupt: denn wie man bier 
des Todes Chrifti am Kreuz vornehmlich gedachte, fo auch 
derer, die in ihm und für ihn geftorben waren. Golche 
am Todestage der Geftorbenen jährlich erneuerte feyerli- 
che Erinnerungen, wie nad) Zertullianus Zeugniß 1) 

in 





niß des Clemens ep. ad Corinth. 
n. 40. 44. p. 168. PP. Apost. ed, 
Cot. nich£s der Eatholifchen Lebre 
günftiges liege, audy wenn man 
von den flarten Snterpolationen 
des Briefes abfeben mil, bat 
Buddeus befonders gezeigt. Diss. 
qua evincitur, Glem. Rom. atque 
Irenaeum non favere missae pon- 
tificiae. Jen. 1705. in den Miscell. 
sacris P. II. p. 45. sqq. ©. au 
Christ. Matth.Pfafhi Notae in Iren. 
Fragmenta anecdota. Hag. 1715. 


8. p- 39. sgg. 
i) Tert. de orat. c. 14. p. ı55. 


k) Cypr. ep. 63. p. 148. 


1) Oblationes pro defunctis, 
pro natalitiis annua die facimus. 
De cor. mil. c. 3. p. 102. und 
exhort. cast. c. 11. p. 525. wo er 
die Unerlaubtbeif der zweiten Hei» 
ratb auch daraus beweıfef, weil 
man ja fonft für die geftorbene 
Frau aud die jährliche Darbrin- 
gung leiten müßfe, neque enim 
pristinam poteris odisse, cui etiam 


. religiosiorem reservas alfectionem, 


ut, jam receptae apud Dominum, 
pro cuius spiritu postulas, pro 
qua oblationes annuas reddis, 
Stabis ergo ad Dominum cum tot 
uxoribus, quot in oratione com- 
memoras et offeres pro duabus ? 
etc, und Zur; vorber: in secundo 

matri- 


in der afrifanifchen Kirche herrfchten, waren der Natur 
eines lebendigen Firchlichen Vereins angemeffen und wuͤr— 
dig; es war der Geburtstag eines Märtyrer, nämlich 
ins himmliſche Leben, den man auf ſolche Weife feyer: 
fe; e8 waren wahre Danfopfer, die man mit den Obla— 
lationen an diefem Tage darbrachte; denn indem man 
diefe Gaben auf dem Altar niederlegte, wurde nicht nur 
das Andenken an den Geftorbenen erneuert, fondern auch 
Gott gedankt für Alles demfelben im Leben erzeigte Gu- 
te, für feinen feligen Tod und, wenn es ein Märtyrer 
war, für feinen fo ehrenvollen Tod. 


Hiemit hatte man zwar den Begriff eines Opfers 
für Jemanden aufgefaßt, und zwar einer Firchlichen Dar: . 
bringung und Feyer zu Jemandes Nus, felbft nach dem 
Tode deffelben, aber in feinem andern Sinne, als in 
dem einer wohl vergönnten, ja löblichen Fürbitte und 
Danffagung für, ihn. Bon einer Soͤhnkraft des Opfers 
im Abendmahl, von einer Zufammenftellung, Vergleichung 
oder Verbindung mit dem Opfer am Kreus, oder gar 
einer Wiederhohlung und Fortfegung deffelben ift Hier 
nicht die mindefte Spur, fo wenig als von einer Erloͤ— 
fung durch daffelbe aus dem Fegfeuer u. dgl. Es if 
in allen diefen Opferbegriffen noch nichts, was nicht 
felbft mit dem reinſten proteftantifchen Begriff zu verei: 


GE EEE I TE TE El u 


matrimonio duae uxores eundam 
eircumstant maritum, una spiritu, 
alla in carne |. c. 
ep..59:-p- 77. ep. 12. p. 27. Die 
fer erzäbl£ noch befonders, daß 
für einen, der einen Presbyter 
zum Zufor ernenne und ihn durch 
folhe Geſchäfte an feinen geijtli» 
ben Verrichtungen bindere, ſchon 
pon feinem Borgänger auf einem 


Vergl. Cypr., 


eignen Gonzilium die Gfrafe an: 
geordne£ worden, daß nad deffen 
Zode Feine Dblationen darge, 
bracht und feine Gebete für ibn 
in der Kirche angejtelle werden 
follten. ep. 1. p. 1. ©. Joach. Hil- 
debrand primitivae ecclesiae of. 
fertorium pro defunctis, Helmst. 
1693. 4- 


Marheinecke Syſt. d. Katholicismus. II. 27 


— 18 — 


nigen ware. Selbſt die Unterfcheidung zwifchen Clerus 
und Layen, die feit der Mitte des zweiten Jahrhun— 
derts immer beftimmter hervortrat, gründete fich urſpruͤng⸗ 
lich nicht auf die Oblationen oder die finnlichen Dar: 
bringungen al8 Opfer, fondern darauf, daß im geiftigen 
Sinn die Diener der Kirche feyen, was Prieſter und 
feviten im A. B., wozu man in der Kirche des N. 2. 
auch nur geiftiger Opfer bedurfte. Solche Opfer, als 
diefe Dblationen waren, Fonnten in feinem Fall weder 
das Gefühl von der Nothwendigkeit befonderer Priefter, 
noc) das von einer ihnen eigenen höhern Würde erwek—⸗ 
fen, vielmehr nur die große Abhangigkeit derfelben von 
den Layen beweifen. Der Begriff eines Opfers faft ety- 
mologifh ſchon enthalten in dem einer jeden Oblation, 
entwicfelte fich fo natürlich) und einfach durch fich felbft, 
daß in der Darbringung derfelben die Layen fich felbft 
gewiſſermaßen für Priefter halten Eonnten im geiftigen 
Sinn m), und daß man nicht nöthig hat, ſchon hier 
ein angelegtes Gewebe hierarchifch eigennüßiger Plane 
su ſehen, nach welchem die Anficht der Oblationen 
als Opfer, Gott dargebracht, recht abfichtlich, liſtig und 
babfüchtig von den Geiftlichen befördert worden wäre, 
um fich nur ihren Unterhalt zu fihern n). 


Doc felbft noch die Verbindung des Opfers mit 
dem Abendmahl entwickelte ſich im dritten Jahrhundert 
fehr beſtimmt und unzweideutig. Es war von Anbeginn 





m) Daber Terfullian noch fa: bringe zur Erklärung der Dbln« 


gen konnte: Nonne et laici sacer- fionen als Dpfer in dieſer Zeit 

dotes sumus. De jejun. c. 6. in f. Gef. des Dogma von dem 

Dpfer des Abendmabls, in Stäud— 

n) Denn darauf läuft doh am Iın u, Ödyleusners Öötting. fbeol. 
Ende hinaus, was Ziegler por Biblioth. U. 2. Gt. ©. 176 ff. 





— 49 — 


an nicht überfehen worden im Glauben der Chriften, in 
welchem großen und geifligen Sinne der Tod Chrifti 
am Kreuz das Opfer für die Welt genannt worden; 
das Abendmahl, deffen Brodt und Wein fchon Jängft 
die Bedeutung wahrer Oblationen unter den Chriften 
angenommen, tar ja weſentlich zur Erinnerung an je 
nes Opfer am Kreuz geftiftet und aud) von den Chriften 
bisher fo gefeyert worden; auch war ja felbft in der 
theologifchen Entwicelung eines Juſtinus und Irenaͤus 
die dee einer innigen und lebendigen Berbindung Chri- 
ſti mit den fichtbaren Elementen im Abendmahl als 
Glaube der Chriften hervorgetreten — wie hätten fie 
nun dag Abendmahl nicht felbft auch als Gedaͤchtniß— 
opfer des Todes Chriſti betrachten folen? Konnte, ja 
follte man das Abendmahl feyern, ohne des heiligen 
Hpfers am Kreuz zu gedenken; war dieſes Angedenken 
des Opfers, durch Weihung und Genuß des Leibes und 
Blutes Chriſti gefeyert, nicht felbft ein Opfer des Dam 
feg, der Liebe, und mar diefes Opfer des Tiebevollen 
und danfbaren Gedächtniffes jenes Opfers am Kreuz nicht 
durch das Chriſtenthum felbft gefodert? Cyprianus, in- 
dem er dieſe Ideen ausſprach, legte damit nur den 
Glauben. aller Ehriften von Anfang an zu Tage, und 
that es zufolge Elarer Vorſchrift des Chriſtenthums. In 
diefem Sinne hält er auch das Band der Erinnerung 
ald dasjenige feft, welches das Abendmahl mit dem 
Opfer am Kreuz verknuͤpft; denn aus feinem Glauben 
an die lebendige und reelle Gegenwart Chrifti im Brodt 
und Wein mußte e8 noch gar nicht folgen, als noth⸗ 
wendig, daß das Abendmahl anders als kraft dieſer 
Commemoration ein Opfer ſey; es iſt daher auch eigent 
lich felbft das Abendmahl nur darum ein Opfer, weil 


27” 


— 2120 — 


wir, indem mir das Andenken an das Opfer Ehrifti 
feyern, im Grunde unfer eigenes Opfer heiliger Empfin- 
dungen Gott darbringen, und ung genteßend des Leibes 
und Blutes Chrifti Iebendig verfegen im Geift an dag 
heilige Kreuz, an welchem der Herr fi) für die Welt 
dahingegeben und geopfert hat. Diefer Sinn allein läßt 
fich finden in den hieher gehörenden Stellen Cypriang 0), 
welche fo oft gemißbraucht worden find zur Beſtaͤtigung 
einer fpätern Opfertheorie vom Abendmahl, und welche 
auch Feine weſentlich neue Lehren, fondern den Ausdruck 
des hriftlichen Glaubens von Anfang enthalten, alfo 
auch gar feine fo entfcheidende Veränderung in den Op: 
‚ ferbegriffen vom Abendmahl bildeten oder herbeiführten, 
noch alle die Folgerungen verfchuldeten, die man daraus 
ſchon abgeleitet hat Pp). 


—— — — — — —ñ — —— —ñ— — — —— 


o) Nam si Jesus Christus Do- 
minus et Deus noster ıpse est 
summus sacerdos Dei patris et 
“ sacrificium patri se ipsum primus 
obtulit et hoc fieri in sui com- 
memorationem praecepit: utique 
ille sacerdos vice Christi vere 
fungitur, qui id, quod Christus 
fecit, imitatur et sacrificium ve- 
rum et plenum tunc offert in ec- 
clesia Deo patri, si sic incipiat 
offerre secundum quod ipsum 
Christum  videat obtulisse (näm- 
fi, daß auch Waffer zum Wein 
gefchüffef werden fol). Ceterum 
omnis religionis et veritatis disci- 
plina subvertitur, nisi id, quod 
spiritualiter praecipitur et fideli- 
ter reseryatur. — Et quia passio- 
nis eius mentionem ın sacrificiis 
omnibus facimus (passio est enim 
Domini sacrificium, quod offeri- 
mus), nibil aliud, quam quod 
ille fecit, facere debemus. Scrip- 
tura enim dicit, quotiescunque 


enim ederitis panem istum et ca- 


licem istum biberitis, mortem Do- 


mini annunciabitis, quoadusqu» 
veniat. Quotiescunque ergo cali- 
cem in commemorationem Domi- 
ni et passionis eius offerimus, id, 
— constat Dominum fecisse, 
aciamus. Ep. 63. p. 155 sqgq. 


p) Wie diefes befonders Zieg» 
Ier thut, der auf diefen Brief 
Gpprians ein ganz falſches Ge: 
wichf gelegt und dem DBerf. zum 
Theil alle die fpäfern craffen Bor: 
ftelungen vom Dpfer im Abend: 
mahl zur Laſt legf, an die er in 
der That nicht von ferne gedacht 
und die nach feiner gefunden An» 
ſicht in Ddiefem Briefe Tiegen, 
Wenn er fo oft auf die Bebaup« 
fung zurüdlomme, man bab: Gotf 
erinnern wollen an das Dpfer 
Chriſti am Kreuz und das Aus 
denfen daran bey ibm erneuern, 
fo läßt fih dieß wirklich nur aus 


Es ift nur zu gewiß, daß mit dem vierten Jahrhun— 
dert neben der Lehre vom Opfer, wie fie noch Cypria— 
nus vortrug, fich eine andere immer mehr hervordrang- 
te, nach welcher dann wirklich das Sacrantent des Abend- 
mahls mit dem Opfer in demfelben zufammenfloß und 
fo innig verbunden wurde, daß man bald beide nicht 
mehr getrennt denfen Eonnte. Es iſt nicht noͤthig, hier 
su leugnen oder aus einzelnen Stellen zu beweifen, was 
in allen Schriften der Vater vom vierten Jahrhundert 
. an offen zu Tage liegt. Denn mögen auch Einige das 
Dpfer im Abendmahl fich noch immer blos als Erinne: 
rung denfen an das Dpfer Chrifti am Kreuz: viel zu 
bochgefpannt, myſterioͤs und ſchauerlich waren doch ihre 
Vorſtellungen von der Gegenwart Chrifti im Abendmahl, 
als daß fie diefelbigen Vorfielungen nicht auch auf das 
eben fo lebendig gegenwärtige Opfer darin hätten bezie— 
hen und übertragen follen. Saͤmmtliche Väter diefer 
und der nächften Zahrhunderte Fonnten fich durchaus 
die Gegenwart Chrifti im Abendmahl nicht anders denfen, 
denn als Gegenwart Chrifii in ver Dualitat des Opfers 
am Kreuz; wie ihnen der namliche Chriftug, der da am 
Kreuz geftorben, im Abendmahl gegenwärtig war, fo 
war es auch hier dag naͤmliche Opfer, als dort — wel: 
ches Feineswegs etwa eine Folge ihres Glaubens an ei- 
ne wahre Verwandelung der fichtbaren Zeichen in den 
Leib und das Blut Ehrifii war (denn diefe Lehre war 
noch lange nicht eingeführt oder herrfchend), fondern 
ſchon gegenwärtig im Abendmahl oder verbunden mit 
den fichtbaren und bleibenden Zeichen fonnten fie Chri- 





feinem Mißverftand des Worfes in dem Ausdrude: dargeſtellt, 
commemoratio er£lären, der ſich vorgeſtellt, Ticgt jenes gar nice. 


in Gyprians Vorſtellung doch ſo 4. D. S. 32;. ff. 
?[ar auf uns felbft bezicht; denn 


— 422 — 


ſtum nicht ſehen, ohne zugleich an ihn als Opfer am 
Kreuz zu denken und dieſes mit dem Abendmahl zu iden⸗ 
tificiren. E8 ift fehr ſchwer zu fagen, welche Vorftellung 
die andere immer weiter trieb und fieigerte, ob die dee 
des Opfers fo fehr auf die Lehre von ber reellen Ge- 
genwart wirkte, daß man Faum flarf genug fich über die 
leßtere ausdrücken Fonnte, oder ob die leßtere felbft fo 
viel beitrug, die dee von einem wahren, eigentlichen, 
verfühnenden Opfer im Abendmahl herrfchend zu mas 
chen. Genug, daß beide fi) in und durch einander enta 
tickelten, daß man Chriftum als das nämliche Opfer, 
welches am Kreuz fich darbrachte, auch im Abendmahl 
erblickte. 


Und doch waren diefe Begriffe noch rein gegen die, 
welche man heutiges Tages von der Meffe hat, und 
frey von allen den Mißbräuchen, welche nun die Meffe 
begleiten und ausmachen: denn überhaupt hatte man 
felbft im vierten und fünften Jahrhundert von der ei» 
gentlichen Meffe fchiverlich auch nur eine Ahndung auf: 
gefaßt. Man Fonnte wohl mit religiofem Sinn darauf 
fommen, Chriftum im Abendmahl nicht anders mehr, 
als nur in der Geftalt des Opfers am Kreuz, zu erblicken; 
aber damit war nichts weiter, als nur über eine befon- 
dere Art der Gegenwart entfchieden. Keine einzige Stelle 
kann man anführen aus kirchlichen Autoren der 5 erften 
Sahrh. für die Behauptung, daß man in dem Sinne ein 
Dpfer erkannt oder geglaubt hätte im Abendmahl, daß es 
nicht jederzeit von den Commiunicirenden wäre genoffen 
worden, dag man Sacrament und Opfer im Abendmahl 
aus einander geriffen, daß man beide neben einander 
babe beftehen laſſen, alfo ein eigentlicheg Opfer ange 
nommen und gefeyert hätte für Andere, ohne daß irgend 


jemand, außer dem Prieſter, nöthig gehabt hätte, das 
Abendmahl zu genießen oder auch nur dabey gegenwär; 
tig zu ſeyn. Vielmehr beftand gerade darin bie eigen: 
thuͤmliche Anficht und Behandlung des Abendmahle, daß 
man das Sacrament mit dem Opfer aufs innigfte ver 
band und das Abendmahl niemals feyerte, ohne daß es 
wäre von wenigſtens einigen Chriften außer dem Prieſter 
genoffen worden, welches hingegen jeßt, und wie es ein 
vollfommenes Opfer mit fich bringt, nicht nur nicht 
nothwendig, fondern auch, wenn e8 gefchieht, nur gleich» 
fam eine zufällige facramentliche Begleitung des Opfers 
iſt und eine son diefem ganz gefonderte Handlung. 


Juſtinus berichtet in der fihen oft citirten Stelle, 
daß Jedem der Gegenwärtigen das Abendmahl gereicht 
worden fey und dag man es felbft den Abwefenden bin- 
tragen laffen. Darum wurde das Abendmahl auyafız 
von den griechifchen Vätern diefer Zeit, von Tertullian 
und überhaupt von den lateinifchen oft fchlechtiveg coe- 
na genannt im altrömifchen Sinn q). Die Ungluͤckli— 
chen blog, welche gefallen waren, wurden auggefchloffen 
vom Abendmahl, und eben aus dem Grunde des hoben 
Werths der Theilnahme an dem Genufe des Abend: 
mahls hatte man den Unterfchied feſtgeſetzt zwifchen den 
Gläubigen und dem Gefallenen oder Büßenden. Go 
wenig alfo dachte man dazumal daran, die Gläubigen 
aussufchliegen vom Abendmahl oder fich felbft davon zu 
enthalten, daß man eben damit nur als ein Gefallener 
oder Büßender wäre aufgezeichnet worden. Kein einzi- 
ge8 nur einigermaßen beweifendes Zeugnig läßt ſich an- 





q) Plutarch. Sympos. l. VIII. Problem. 6. p. 726. E. 


— 44 — 


fuͤhren fuͤr ſo hohes oder gar apoſtoliſches Alter der Pri— 
vatmeſſen, kein einziges Beiſpiel von einem ſolchen Fall, 
daß das Brodt und der Wein, wenn auch noch ſo ein— 
ſam genommen, nicht zum oͤffentlichen und allgemeinen 
Genuß beſtimmt, oder womit der Begriff eines Opfers 
im katholiſchen Sinn verbunden geweſen wäre. Wenn 
in einzelnen Fallen die alten Chriften fich in Gefängnif: 
fen, Holen und auf den Gräbern oder des Nachts allein 
eommunicirten, fo ift darin die Noth der Verfolgung, 
welche fie dazu zwang, fichtbar genug r). 

Als dann nachher im vierten und fünften Jahrhun— 
dert die Bußdifeiplin milder wurde, riß auch bald Lauig— 
feit ein unter den Chriften und eine Gleichgültigfeit ges 
gen den Genuß des heiligen Abendmahle, gegen melche 
der heilige Chryfoftomug eine fcharfe Strafpredigt hielt. 
Er erklärte geradezu das haufig gefeyerte Opfer im Abend: 
mahl für volig vergeblich, wenn Keiner der Gläubigen 
e8 genießen wollte, und für vergeblich, bloß am Altave 
zu fichen, woraus erhellet, wie fehr man noch dazumal 
die Communion für das Wefentlichfte und Nothwendig— 
fie hielt s). Chryfoftomug, weit entfernt zu glauben, 
das Volk communicire geiftig mit, wenn der Priefter 
allein die Meſſe halte, ſchließt vielmehr daffelbe von al- 
Ien Wohlthaten aug, welche allein an den Genuß deffelk 
ben gebunden find t). mn Feiner einzigen der Titurgis 





num sacrıficium , frustra adsta- 


r) Si colligere (collectio) in- 
mus altari. Nemo est, qui par- 


terdiu non potes, habes noctem. 


Non potes discurrere per singu- 
los, sit tibi et in tribus ecclesia. 
De fuga in persec. c. 14. 


s) O! consuetudinem, c! prae- 
sumptionem! frustra est quotidia- 


ticipet. etc. Hom. ıı. in Ephes. 
p- 961. 


t) ]. c. Vergl. Bona de reb. li- 
turg. c. 12, * 198. Dallaeus de 
eultib. relig. 1. IV. c. 2. p. 455. 


ſchen Schriften der erften fünf Jahrhunderte, weder in 
der fogenannten Liturgie des Jacobus, Marcus, noch in 
der des Baſilius, Chryſoſtomus, noch in den apoftolis. 
fchen Canonen des vierten Jahrhunderts, noch in den 
mpftagogifchen Catechefen des Cyrillus von Jeruſalem 
oder in der Firchlichen Hierarchie des Dionyfius findet 
fi) von Privatmeffen auch nur eine Spur: in allen dies 
fen Schriften ift vielmehr die Theilnahme des Volkes 
am Abendmahl durch Genuß vorausgefegt und ausdruͤck— 
lich als nöthig dargeftelt. Selbſt noch in dem Sacra— 
mentarium von Gregor 1]. finden ſich belle Spuren von 
Bolfscommunion. Da bittet der Priefter 5. B. Gott im 
Namen Aller, die bey dem Abendmahl gegenwärtig find, 
daß fie e8 würdig genießen möchten, und nac) vollbrach- 
ter Communion danfet er Gott, daß die Gläubigen es 
genoffen haben. Hieraus leuchtet befonderg ein, wie 
höchft verkehrt es fey, noch jest folche Gebete in der 
Meſſe beizubehalten, welche fo offenbar eine Verſamm— 
lung von Communicirenden vorausfegen — eine Gedanken⸗ 
lofigfeit und Unfchicklichfeit, die nur in einem gotteg- 
dienftlichen Actus, der in fremder Sprache gefeyert wird, 
nicht auffallen und befremden kann. Auch fühlte der 
Papſt Innocenz TI. ſolche Unfchieklichkeit, und fuchte 
fih nur damit zu helfen, daß er annahm, die Engel 
feyen doch wenigftens gegenwärtig bey der Meffe und 
auf fie beziehe fich der Plural, worin in der Megliturgie 
gefprochen wird. Allein diefe feßt nicht blog eine Ver— 
fammlung voraus, fondern auch eine folche, welche dag 
Abendmahl genießt, was ſich von den Engeln nicht fa: 
gen läßt u). Selbſt da vom fechfien Jahrhundert dag 


ua) De ofhc. miss. 1. II. c. 20. 


— 226 — 


Meßweſen allmählig in Gang Fam, mar e8 doch auf 
Sahrhunderte noch Sitte, daß obgleich nicht alle, die 
gegenwärtig waren, auch communicirten, doc) nie ein 
Abendmahl blos als Meffe in dem Sinn gehalten ward, 
daß nicht auch Einige noch außer dem meffelefenden 
Priefter das Abendmahl empfangen hätten, 

Wie ſehr die Gewohnheit, die facramentliche Bedeu: 
tung feftsuhalten, felbft nod) in der Zeit, wo die Opfer 
idee fich mit dem Abendmahl ſchon innig verbunden 
hatte, fich behauptefe, geht aus mehreren Zeichen ber 
Zeit; befonders zunächft aus dem Canon einer Synode 
zu Nantes hervor, deren Zeit fi) zwar ſchwer firiven 
läßt, die aber ficher nicht älter ift, als das neunte Jahr: 
Hundert, aber auch nicht jünger, als das ſiebente: denn 
es ift darin fehon von Privatmeſſen in ganz ausgebilde- 
ter Form die Rede. Und doch wird es darin fehr flarf 
gemißbilligt, daß der Priefter allein die Meffe lieſet, oh— 
ne von den Communicirenden umgeben zu ſeyn; es wird 
das Widerfprechende gezeigt zwifchen der eingefchlichenen 
verfehrten Gewohnheit und den Worten, die der Priefter 
zu fprechen hat, es wird für lächerlich erklärt, den Mau- 
ern und Wänden zugumurmeln, was allein in der Um— 
gebung und Communion der Menge Bedeutung bat und 
jeder Pfarrer, der diefe Verordnung übertritt, mit der 
Sufpenfion vom Amt bedroht w). Das Nämliche ver: 





tat ad orationem, eum dicit: 


w) Definirit sanctum Concilium, 
ut nullus presbyter praesumat so- 
lus Missam cantare, cui enim 
dicit: Dominus vobiscum, 
aut: sursum corda, aut: gra- 
tias agamus Domino Deo 
nostro, cum nullus adsit, qui 
respondeat, aut in Canone: et 
omnium circumadstantium, 
cum nemo adsit? aut quem invi- 


oremus, cum nullus sit, qui 
secum oret? Aut ista igitur pe- 
nitus reticenda sunt et non so- 
lum non erit perfectum sacrili- 
cium, verum etiam incurret, quis- 
quis ille est, terribilem illam sen- 
tentiam: si quis tulerit de hoc, 
tollet Dominus partem eius de 
libro vitae, aut si haec muris aut 


— 427 — 


ordnet Theodulph von Orleans in einem eigenen Capi—⸗ 
pitulare vom J. 821. x), eine Synode zu Maynz vom 
%. 813. y) und eine andere zu Paris unter Ludwig 
dem Frommen vom Jahr 829 2). Erft innerhalb Dies 
fer Zeit, vom Anfang des fiebenten bis zum Anfang des 
neunten Jahrhunderts war die eigentliche Meffe zu Stanz 
de gefommen, und einer folchen Zeit war die Erfindung 
in aller Hinficht würdig: doch hatte, wie jener Iebhafte 
Widerfpruch felbft genugfam beweiſet, noch lange nicht 
überall da8 Sacrament des Abendmahls von dem Opfer 
in demfelben fich loggeriffen. Nach dem Ausfpruch des 
Herrn: wo zwey oder drey in meinem Namen verfans 
melt find, da bin ich mitten unter ihnen, fing man all 





parietibus insusurraverit, ridiculo- 
sum est. Quapropter illa ridiculosa 
superstitio, maxime a monaste- 
riis Monachorum exterminanda 
est. Proyideant autem Praelati, 
ut Presbyteri in Coenobiis et in 
alıis ecclesiis cooperatores habeant 
in celebratione missarum. Si quis 
haec transgressus fuerit, ab ofhi- 
cio suspendatur. Conc. Nannet. 
can. 30. ap. Burchard. J. III. e. 
68. et Ivon. Garnot, Decr. P. III. 
cap. 70. P. II. c. 118. 


x) Sacerdos Missam solus ne- 
quaquam celebret: quia sicut illa 
celebrari non potest sine saluta- 
tione sacerdotis, responsione ni- 
hilominus plebis, ıta nimirum ne- 
quaquam ab uno deber celebrari. 
Esse enim debent, qui ei circum- 
stent, quos ille salutet, a quibus 
ei respondeatur et ad memoriam 
illi reducendum est ilud dominı- 
cum; ubicunque fuerint duo vel 
ires in nomine meo congregati 
et ego in medio eorum. Théod. 
Cap. c. 7. ap: Dallaeum |. c. p. 
532. 


y) Conc. Mogunt. c. 43. Conc. 
Tom. VO. p. 1251. 


z) Irrepsit in plerisque locis 
partım incuria, partim avaritia, 
reprehensibilis usus et congrua 
emendatione dignus, eo, quod 
nonnulli presbyterorum sine mir 
nistris missarum solemnıa fre=- 
quentent. — Vnde conveniendus 
imo interrogandus nobis videtur 
huiusmodi corporis et sanguinis 
domini solitarius consecraior, qui- 
bus dicat, dominus vobiscum er 
a quo illi respondeatur: er cum 
spiritu tuo; vel pro quibus sup- 
plicando domino inter caetera: 
Memento domine et om- 
nium circumstantium, quum 
nullus ceircumstet, dicit. Quas 
consuetudo quia apostolicae et 
ecclesiasticae auctoritati relraga- 
batur et tanto myterio quandamı 
dehonoralionem irrogare videtur, 
omnibus nobis ın commune yi- 
sum est, ut deinceps huiasmodi 
usus inhibeatur. Can. 48. Conci! 
T. VIL p. 1628. 


mählig an, zu glauben, daß zwey oder drey bey ber 
Feyer des Abendmahls gegenwärtig, vollfommen hinrei- 
vend feyenz fo ging man immer weiter, bis man dann 
endlich fo weit Fam, die Anrede an die Gegenmwärtigen 
auf Menfchen blos in der dee zu beziehen und zu glau- 
ben, daß fchon genug fey, wenn der Priefter fi Men: 
ſchen als gegenwärtig denfe. Am Ende ftellte man in 
der Figur des Miniftranten das Volk dar, in welcher 
Einrichtung felbft fich noch der Iegte Schimmer der al- 
ten Volfstheilnahme am Abendmahl verräth. Doch auch 
ſelbſt dieſe WVolfsrepräfentanten ließ man an manchen 
Orten weg, wie jene Canonen deutlich bemweifen. Aug 
einem offenbaren Mißbrauch der alten öffentlichen feyer- 
lichen Meffe oder Abendmahlsadminiftration entwickelte 
fich alfo die Privarmeffe a). Vom neunten SFahrhun: 
dert an griff dann das Uebel der Privatmeffen immer 
weiter um fich, ungeachtet der Verbote jener Synode, 
und da man verstweifelte, ihrer Menge einen Feften Damm 
entgegenzufegen, fing man an, fie zuerft zu dulden, fo- 
fodann fie zu entfchuldigen und endlich fie auch zu recht: 
fertigen und zu vertheidigen. Go Löfchete ſchon Wala: 
fried Strabo in der erfien Hälfte des neunten Jahrhun— 
derts mit wenigen Worten fühn den fihönen Glauben 
und Gebrauch der alten Kirche aus. Doc) Fonnte felbft 
er noch dieſes nicht thun, ohne zugleich fi) in einen 
augenfcheinlichen Widerfpruch zu verwickeln b). 





a) Wie diefes fih noch im ı2. pluraliter ab eo dicitur: dominus 
Jahrh. in Gratians Pecret ver- vobiscum et illud in secretis: ora- 
räth, wo es heißt: Hoc quoque te pro me, aptissime ‘convenit, 
statutum est, ut nullus Presby- ur ipsius respondeatur salutatio- 
terorum Missarum solennia cele- ni. Consecr. Dist. ]. c. 61. 
brare praesumat, nisi duobus prae- 
sentibus sibique respondentibus b) Possumus ↄautem et debe- 
ipse tertius habeatur: quia cum mus, ut eadem sancıa missarum 


— 129 — 


Wie und wo zuerft die ſchoͤne Erfindung auffam und 
in Gang gefeßt wurde, laßt ſich zwar nicht fo genau 
det Zeit und den Umſtaͤnden nach fagen: denn es koſte— 
te doch immer noch einige Arbeit und Zeit, bis man die 
chriftlichen und finnigen Gebräuche der erfteren Jahrhun- 
derte vergeffen gemacht; doch iſt gewiß, daß es nicht zu: 
nächft, wenigſtens ficher nicht allein des Volkes erfalte- 
ter Eifer war, der die Priefler etwa gezwungen, fich mit 
dem Sacrament und Opfer des Abendmahls fo in die 
Einfamfeit und Stille zuruͤckzuziehen ce): fondern außer 
der finnlichen und aͤußerlichen Geftalt, in welcher die 
Priefterfchaft einmal das Opfer des Abendmahls einfüh- 
ven wollte, und wozu die Gegenwart und Theilnahme 
des Volks gar nicht nothwendig gehörte, und außer ei: 
ner andern Urfache, welche die vorbemeldete. Synode zu 
Paris gang deutlich bezeichnet in dem Geiz und der Hab⸗ 
fucht des Clerus, der nämlich felten fo lange wartete, 
um die vielen beftellten und bezahlten Meffen auch mit 
den nöthigen Communicanten zu befegen, zeigt fich in 
der Flöfterlichen Verfaffung die Hauptveranlaffung. Die 
Mönche, deren ganzes Leben und Treiben auf Einfam- 





celebratio non paucis, sed mul- 
tis prodesse credatur, dicere ce- 
teros in fide et devotione offe- 
rentium et communicantium per- 
sistentes eiusdem oblationis et 
communionis dici et esse partici- 
pes. Valafr. S:rabon, de reb. ec- 
eles. t. 10. c. 22. und bald nad» 
ber: Quamvis autem quum soli 
sacerdotes missas celebrant, in- 
telligi possit illos eiusdem actio- 
nis esse cooperatores, pro qui- 
bus tunc ipsa celebrantur officia 
et quorum personam in quibus- 
dam responsionibus sacerdos ex- 
sequitur: tamen fatendum est, 


illam esse legitimam mis- 
sam, cui intersunt sacerdos of- 
ferens atque communicans, sicut 
ipsa compositio precum eryidenii 
ratione demonstrat. ]. c. 


ce) Wie Bona und fo ziemlich 
alle katholiſche Schriftſteller dieß 
als eine der Hauptveranlaſſungen 
der nachmaligen Geſtalt der Meſ— 
fe angeben. De reb. liturg. 1. I. 
c. 13. p. 177. Und wäre es auch, 
bon welcher Geite ber war denn 
folhe Kälte gegen die Commu— 
nion des Ubendmahls gefommen? 


— 130 — 


feit und Abgefchiedenheit von der Welt berechnet war, 
fonnten auch in ihren Kloftermauern die Meffe nicht im— 
mer unter dem nöthigen Zufluß des Volkes halten. Sehr 
viele andere gottesdienftliche Berrichtungen gefchahen von 
ihnen bey Tag und Nacht, ohne dag gerade das Volk 
zugegen war. Wie nahe lag alfo die Verfuchung, der; 
gleichen aud) mit dem Abendmahl ohne das Volk zu 
probiren. Nicht früher alfo darf man in jedem Fall 
den Anfang der Privarmeffen fegen, als in jene Zeit, 
wo die Mönche ihr Weſen trieben und in Klöfter einge: 
fperrt twaren, und felbft feitdem muß erft noch eine gute 
Zeit verfloffen feyn, bis fich die Neuerung ganz unter 
ihnen ausbilden und feftfegen fonnte d). Denn in den 
erſten Zeiten der Klofterverfaffung waren, tie befannt, 
die Mönche faft nichts andere, als Layen; fie Fonnten 
felbft nicht einmal dag Abendmahl adminiftriren, fon: 
dern mußten fich daffelbe von einem fremden Parochus 





d) Bona, indem er ehrlich ger 
fiebt und es beweifef, daß fünf 
und mebr Sabrbunderfe hindurch 
das Abendmahl nie ohne Come 
munion des Volks gehalten wor— 
den, macht ſich dadurch den Be— 
weis für das hohe Alter der Pri— 
vatmeſſen, die er in einzelnen Fäl⸗ 
len findet, deſto ſchwerer, ja ganz 
unmöglich; auch find feine Argus 
mente dafür fammtlih ads jener 
Zeit bergenommen, wo man ſchon 
bon den urſprünglichen Formen 
des Opfers hinlänglich abgekom— 
men war I. c. p. 177. und 187. 
Gr felbft bat es bewiefen, das es 
noch im gfen Jabrhundert Gifte 
war, daß das Volk zugleich com» 
municirfe, Selbſt zu Nom war 
es bis dabin noch in einigen Kir» 
den üblich, daß bey feyerlichen 
Mefen der kirchlichen Perfonen 
mehrere am Abendmabt Theil nab« 
men. Sapientissimo, fagt er, con- 


silio, ne ın desuetudinem abeat 
antiquissimus ecclesiae ritus, sine 
quo vix possunt intelligi, quae in 
liturgicis orationibus quotidie re- 
eitantur. L c. 1. II. © 17. p. 841. 
©o ſagt auch der Verf. des Mi— 
erologus im 11. Nabrh.: Scien- 
dum est, juxta antiquos patres, 
quod soli communicantes divinis 
mysteriis interesse consueverant. 
Vnde et ante oblationem juxta 
Canones jubebantur exire. Cate- 
chumeni et poenitentes, videlicet 
qui nondum se praeparaverant ad 
communicandum. Hac quoque 
ıpsa sacramentorum ıinnuit con- 
fectio, in qua sacerdos non pro sua 
sola pblatione et communicatione, 
sed et aliorum rogat et maxime 
in oratione post communionem 
pro solis communicantibus orare 
videtur. In max. Bibl. PP. T. X. 
c. 61. p. 761. 


— 431 — 


oder Presbyter, der dazu in ihr Kloſter geſchickt wurde, 
verwalten laſſen, und Anfangs ſchickte man ihnen gar 
die conſecrirten Zeichen des Brodtes und Weins ing 
Kloſter; erſt ſpaͤter gab man zunachſt den Aebten die 
Ordination, um ſie zu dieſem heiligen Geſchaͤft faͤhig zu 
machen. Von dieſer Zeit an feyerten fie dann erſt pri« 
vatim unter ſich die Meſſe ohne das Volk, und bald 
ſchien ihnen genug, wenn einer von ihnen allein officiir⸗ 
te, ſowohl ohne die andern Mönche, als ohne das Volf. 
Die ſchon angeführten Synodalverordnungen geben es 
deutlich zu verfichen, daß das Uebel der Privatmeſſe zu: 
erft in den Klöftern entftanden und dort zuerft nur ge- 
duldet worden fey e). Aber bald ahmte dann auch der 
Elerus an den bifchöflichen Kirchen die fo bequeme Sit. 
te nach, nach der man mit fo geringer Mühe fo unfäg- 
lich viel ausrichten Fonnte. Der von der Welt urfprüng- 
lic) abgefonderten TIhätigfeit der Mönche hat alfo die 
Meſſe noch in der heutigen Geftalt zum Theil ihre Eri- 
fienz zu verdanfen und für ein Zeitalter, das noch an 
Moͤnche glaubte, gab es auch faum eine größere Ems 
pfehlung für irgend einen Mißbrauch, als wenn er von 
Mönchen herfiammte. 

Sm achten und neunten Jahrhundert wurde die Ge: 
wohnheit; das Dpfer im Abendmahl ohne Kommunion 
des Volks zu vollbringen, noch mehr beveſtigt durch die 
Menge einzelner Kapellen und Dratorien, deren faft jes 
der Magnat fich auf feinen Meyerhöfen anlegte und 





e) Die Synode zu Manfes fagt erlaubfen die Päpfte zuweilen den 
es ausdrüdlich. Quapropter ılla eingef&loffenen Mönchen mandyer 
ridiculosa superstitio maxime a flöfter, felbft obne Miniftranten 
monasteriis Monachorum extermi- Das Amt zu verrichfen. Grat.Decr. 
nanda est. l.c. Auch fpäfer no Dist. 1. c. 6ı. glossa. 


— 132 — 


durch die Menge von Altäiren in den Kirchen, deren Ver— 
vielfältigung fichtbar genug auf die fchon eingeriffene 
Vervielfältigung der Meffen hindeutet. In den Capellen 
und Dratorien auf den einzelnen Burgen hatte man bald. 
eben fo viele Fleine und abgefonderte Kirchen und in 
der ungeheuren Menge der fogenannten abjolut ordinir- 
ten Priefter und der Burgpfaffen, über welche faft alle 
Synoden diefer Zeit Flagen, eine fo große Menge Eleris 
fer, welche fich nicht einmal auf eine recht fchickliche 
Weiſe in den firchlichen Organismus und in die hierar: 
chifche Ordnung einflechten ließen, fondern meiftens ganz 
unabhängig ihr Wefen trieben. Diefe Adfonderung von 
den größern Kirchen und dem gefeglichen Clerus war 
faft allein zu dem Behuf gemacht, die Meffen deſto un- 
abhängiger von aller Welt zu Iefen. Die lauten Kla- 
gen der Bifchöfe über die Unorönung und ihre Derords 
nungen dagegen Fonnten den Mißbrauch nicht hemmen, 
der dort auch mit der Adminiftration des Abendmahls 
getrieben ward und wo man fi) nicht das Mindefte 
darum befümmerte, ob noch Layen dabey communicirs 
fen oder gegenwärtig waren, oder nicht. 

Wozu in der Welt, in diefem und jenem Leben, war 
auch die Meffe nicht müßlich und heilfam nad) den Bor: 
ſtellungen diefer Zeit, und mie natürlich mußte fich dies 
felde vervielfaͤltigen nach den Bedürfniffen, da man fos 
bald in derfelben ein glückliches und unfehlbares Mittel 
erblickte, Alles mögliche von Gott zu erfiehen. Privat— 
und Votiv-Meſſen gab eg, zumal feit dem achten Jahr: 
hundert, für alle Lebensbedürfniffe, in allen Nöthen, bey 
jedem öffentlichen Unglück des gemeinen Weſens, tie 
bey dem Privatleiden in einer Haushaltung. Privatmef- 
fen gab es, um der Märtyrer und Heiligen Andenken 
zu feyern, um aus einem Energumenen den Teufel aus: 

zujagen, 


— 43 — 


zujagen, um Ketzer zur reinen Lehre zurächubringen, für 
Heil und Glück gläubiger Seelen, für Reifende, im Drang: 
fal, bey großer Sterblichkeit, ſelbſt des Viehes, bey Un: 
fruchtbarkeit, felbft der Weiber, bey großer Dürre Regen zu 
erfiehen, bey langem Regen heiteres Wetter zu erbitten, 
in Kriegszeiten, bey Gewittern, bey Einfegnung einer 
Wittwe, die Keufchheit gelobte, bey der Conferration eis 
ner heiligen Jungfrau, gegen ungerechte Nichter, für Kö: 
nige u. ſ. w. F). Das Fach der Seelenmeffen war wie: 
derum fehr ausgebreitet. Se ftärfer man die Wirkung 
haben wollte, defto mehr Meffen durfte man nur leſen 
laffen g). Auf der Synode zu Attigny befchließen ſaͤmmt⸗ 
liche Bifchöfe im 3. 765., daß jeder für einen von ih— 
nen, wenn er geftorben wäre, nicht weniger als hundert 
Meffen fingen laffen und jeder Bifchof dreyßig davon 
felbft halten fol h),. Etwas Aehnliches verordiet eine 
Synode zu Dingelfingen vom J. 769.; in welchem Jahr 
man in DBaiern zuerft von Privatmeſſen gefprochen fin: 
det i), Hier wird verordnet, dag für jeden geftorbenen 
Bifchof oder Abt hundert, und für jeden andern Geiftlis 
chen dreyßig Privatmeſſen gelefen werden follen k). Selbſt 





f) Cornelius Schulting baf aus 
den Mliffalen verſchiedener Kir— 
&ben folder Votivmeſſen für die 
verfibiedenen Zuftande und Bes 
dürfniffe der Nlenfchen nicht we— 
niger als bunder£ und fünf Ar: 
fen gefammelt. Biblioth. eccles, 
II: P. 1. p. ge. 

g) ©o findet man z. B., daß 
im 5%. 632. für eine verftorbene 
gofifelige Frau im fränkiſchen 
Reich dreyßig Tage binter einan— 
der Meffe gelefen wurde. Mabil- 
lonii Acta Ord. S. Benedicti ]. p. 
356. Für eine Anzahl Herftorbener 
Mönche befabl der Abt Gudbert 
neunzig Meffen. Lulli Archiep. Mo= 
gunt. Epist. 95. p. 150: 


Narbeinede Epft. d. Katholicismus IH. 


h) Conyent. Attiniac. ap. Hard. 
IN. p. 2009. Eine engliſche Nom 
ne, Bugga, bittet den beil. Bor 
nifacius, mehrere Meſſen anzus 
fielen für die Geele eines ihr 
theuren Anverwandten. Bonif, Ep, 
35. p- 45. ed. Serar, 


i) ©. Winter über die drep 
großen Gpfloden der Ygilolfing. 
Periode zu Aſchheim, Dingolfing 
und Jleuebing, in den Gociefäfgs 
acten der Baier. Acad. d. Bif 
fenfi). 1807. 2. Abtb. $. 9. Defr 
felben etftes deutſches Eritifches 
Meßbuch. ©. 420, 


k) Hard. ]. c. p: 1031. 
28 


— 134 — 


die einſichtsvollſten Männer der Zeit ſtimmten diefen 
Vorſtellungen bey, wie Alcuin 1) und der VBerfaffer des 
Werkes über die Bilder, dag unter Carls des Großen 
Namen geht m). Sm Jahr 984. erlaubte der Kai— 
fer Otto II. oder vielmehr der Erzbiſchof Willigis von 
Maynz im Namen des Kaifers, dem Stift zu Frankfurt 
am Mayn, daß alle am Freytag im Mayn gefangenen 
Fifche, die fonft in die kaiſerliche Pfalz geliefert werden 
mußten, der Kirche gehören follten, und zum Danf da: 
für verpflichtete fi) das Kapitel, je am Freytag eine 


Mefje für den frommen Kaifer zu Iefen n). Wo ift die- 


Gränge für eine Superftition, fo fie einmal als die wah— 
ve Religion ſich geltend gemacht? 

Es ift noch übrig, Eurz zu unterfuchen, wie der Na: 
me Meffe an diefe befondere Art Firchlicher Feyer gekom— 
men. Sehr lächerlich irren diejenigen, wie Bona ſagt, 
die, wo. dad Wort missa bey alten Firchlichen Schrift: 
ftellern vorkommt, dabey fogleich an die heutige Meſſe 
denken 0). Bey mehreren alten Lehrern, mie bey den 
apoftolifchen Vätern, ift dag Wort von fpätern Handen 
eingefchoben, oft auch, wie bey Rufinus, in der lateini- 
ſchen Ueberfeßung des Clemens Romanus, das Wort 
missa an die Stelle des griechifchen Auroupyız oder 
owagız geſetzt. Mit dem Namen Mefje belegte man 
überhaupt eine dreifache Art des Firchlichen Gottesdien- 
fies, Man nannte fo die Vorlefungen aus der heiligen 





1) Poëma de pontif. et sanct, tionis in Moeno, feria VIta cum 
eccles. Eborac. Opp. II. ed. Fro- nocte praecedente et subsequen- 
ben. p. 250. te, omni modo quo fieri potest, 

per Ottonem III. Ap. Wurdtwein 
m) De imaginibus 1. II. c. 31. in Dioec. Mogunt. p. 418. 


ed. Heumann p. 245. 
o) Bona de reb. liturg. 1. I: c. 


n) Donatio et concessio pisca- 9%; p. 26. sqq. 


_ Al u eu 


Schrift (lectio), zuweilen auch die zum öffentlichen Ge: 
brauch befiimmten Gebetsformeln (collectae) p), oft 


auch die ganze Adminiftration des Sacraments. 


Ueber 


den eigentlichen Urfprung des Namens Meſſe ift man 
fo wenig einverfianden, daß Einige ihn fogar aus dem 


Hebräifchen q), Andere aus dem Griechifchen Tr), 


Ande⸗ 


ve endlich aus der deutſchen Sprache s) —— haben. 





* Mabillon de cursu gallicano 
disquis. p. 107. et 393. 


q) Nach der Behaüptung näm— 
lic), daß die Apoſtel von den He— 
bräern, die Lateiner von Petrus 
die Meſſe und das Wor£ empfan: 
gen hätten. Gie leiten es ab bald 
von 197 facere, welches zuwei— 


* 


len im römiſchen Sinn sacrificare‘ 


bedeutet, wovon Yyy, opus, 
zT» 
sacrificium, bald auch von 779}%, 


altare, bald auch yon 794, cen- 


— 
sus, tributum, oblatio. Deut. 16, 
10. Diefer Meinung war außer 
Baronius Annal.ad a. 34. n. 59. 
fıhon Reuchlin Hebraic. erudir. |. 
I. Zur Widerlegung reicht allein 
fbon bin, daß man das Wort 
niche nur nicht ben den Apoſteln, 
ben den Griechen und Syrern fin: 
Def, die Doch fo viele andere bes 
bräifche Worte beibehalten haben, 
fondern auch nich£ bey den der be» 
bräifhen Sprache Eundigen Bür 
fern, bey Drigenes, Hieronymus 
u... 


r) Aus dem Griechiſchen kvsw; 
arcanis initio und dem davon ab— 
geleifefen unesg, initiatio, do- 
etrina mystica. ©. Greuzers Sym— 
bolit und Mythologie I. p. 52, 
Joh. Meurfius führe in feinem 
tract. graeco - barb. einen griechis 


feben Aufor an, der dag [akfeinie 
fbe Wort missa ſchon förmlich 
griechiſch hat. - Allein eine folche 
Auforicäf, faufend Jahre nad) 
Ehriftum, beweiſet nur, dag man 
das ſchon gebräuchliche Wort mis- 
sa auch im Griechifchen beibehielt 
und die Ableitung, wie fie Gene- 
brard. in liturg. apostol, c. 1. zus 
erft atıfgeftelle, ift ſehr weit ber» 
gehohl£ und fihwerfällig. 


s) Diefe merfwürdige Etymo— 
Iogie hat zuerjt der Biſchof Aus 
befpine aufgeftell£, der das kirch— 
liche Wor£ aus dem Altdeutſchen 
berleitef, wo Meſſe urfprünglich 
einen Znfammenfluß ven Men— 
ſchen und ein Feſt bedeutete, an: 
gewendet fodann auf die kirchliche 
Neffe, weil ebenfalls doben oft 
eine enge Menſchen zufammen- 
kommt. Bey Gohriftfielern des 
Mittelalters, ja ſchon in den Ca— 
pi£ularien bon Sarl d. Ör. und 
Ludwig d. Ft. ift das Wort in 
dem Ginne eines $eftes nicht un» 
gewöbnlib. Allein gerade um: 
gefebr£ ift Hon dem geiftlichen 
Jahrmarkt erjft das Wort auf 
den mwelflichen übergegangen und 
der Name: Rranffurter,, Ötras: 
burger. Meffe Fam eben aus der 
Gifte ber, nach welcher den Feft: 


fagen zugleich bejliimmte und 
jäbrlihe faufs- und DBerfaufg: 
tage angefnüpft wurden, weil 


das Volk an jenen Seften zur 
firchlihen Neffe am bäufigften 
zufammenfloß. Es war überdem 


28* 


436 


Es laßt fih aber in voraus vermuthen, daß ein fo 
ächt Tateinifches Inftieue und Product auch aus der Tas 
teinifchen Sprache feinen Namen angenommen habe. 
Nur theilen fich noch diejenigen, welche das Wort missa 
aus dem lateinifchen missio, a mittendo ableiten, wie— 
derum in drey oder vier befondere Meinungen. Nach 
Einigen ift missa foviel als transmissa und hat feine 
wahre Bedeutung von der gewöhnlichen Anrede ang 
Volk: ite, missa est, nämlich hostia: die Hoftie ift 
durch einen Engel an Gott überbracht oder überfendet 
worden. Diefe Ableitung verräth ihren fcholaftifchen 
Urfprung und zugleich die ſchon ausgebildete Meßtheo— 
ries daher find es auch nur die Mönche t) und die 
Scholaftifer u), welche fie vortragen. Andere halten 
missa für foviel als missio, wie bey Firchlichen Aus 
foren auch remissa nicht felten iſt fiatt remissio w), 
und beziehen das Wort fodann auf die Oblationen, wel⸗ 








Sitte bey den Franken, ibre Jahr— 
müärfte in der Jläbe der Kirchen 
zu balten, weil man vor dem Cin- 
faufen gewöhnlich erft noch eine 
Nieffe börfe: fo wurde dann bald 
für beide auch in andrer Rüdjicht 
febr perwandfe Dinge Ein Wort 
gebraudt. S. Kirchners Geſch. 
der Stadt Frankfurt J. S. 61. Jene 
Meinung des Aubeſpine, daß von 
den weltlichen Dingen das Wort 
auf den kirchlichen Actus überge— 
gangen ſey, iſt daher faſt ironifch. 
Albaspinaei de Sacram. Euchar. |. 
1I. c. 3. cfr. Du Fresne Glossar, 
sub v. missa. 


t) Wie Peter von Clügny De 
mirac. ]. U. c. 28. der Abe Rus 
pertus De div. oflic. 1. II. c. 23. 


u) Wie Petrus Combardus, der 
ſedoch die Sache etwas anders 


betrachtet, nämlich missa dicitur 
a mittendo, quia angelus a Deo 
mittitur, ut assistat sacrilicio et 
illud ad Deum deferat. Sententt, 
1. IV. Dist. 15. Hugo de S. Vict. 
de Sacram. ]. II. p. 8. cap. ult, 
Thomas drüdt fi fo darüber 
aus: Missa nominatur, quia per 
angelum sacerdos preces ad Deum 
mittt, sicut populus per sacer« 
dotem; vel nominatur missa, quia 
Christus est hostia, nobis missa a 
Deo, unde et in fine missae Dia- 
conus in festivis diebus populum 
licentiat, dicens: ite, missa est, 
scilicet hostia ad Deum per an- 
gelum, ut sit Deo accepta. Thom. 
Aqu. P. III. Qu. 83. art. 4. 


w) Tert. advers. Marc. 1. IV. c. 
18. Diximus de remissa peccato- 
rum. Go auch Cyprianus, Dpfas 
fus u. a. 


47 — 


che von den einzelnen Chriſten dargebracht oder hinges 
fchieft wurden. Von folhen Oblationen oder Miffen 
wurde, wie befannt, in den älteften Zeiten auch die Mas 
terie des Abendmahls genommen und jene felbft in je 
ner Zeit Opfer genannt. Doc am richtigften leitet man 
wohl das Wort von der Entlaffung des Volkes ab (mis- 
sa a missione, dimissione populi.x). ‚Sn folcher 
Etymologie ift zugleich das Wefen der- ächtfarholifchen 
Meffe ausgefprochen, deren Opfer, vom Sriefter celebrirk, 
nicht nothwendig der dabey gegenwärtigen Menge be: 
darf. Das Wort, in diefem Sinne gebraucht und aus: 
gelegt, Fam zu der nämlichen Zeit in Gebrauch, wo die 
eigentliche Meffe fich bildete. Zu Anfang des fechften 
Jahrhunderts trug Avitug, der. Erzbifchof von Vienne, 
diefe Erfläarung vor, amdeutend zugleich, wie diefer 
Sprachgebrauch auch in. weltlichen Geſchoͤften und bey 
Profanferibenten nicht ungewoͤhnlich ſey, wo das Volk 
abtreten muß y). In alten Zeiten, wo die Predigt 
noch nicht ſo zuruͤckgeſetzt, wenig beſucht und noch nicht 
als außerweſentlich betrachtet wurde (denn durch keine 
einzige Vorſchrift iſt den Glaͤubigen die Anhoͤrung einer 
Predigt zur beſondern Pflicht gemacht), hielten, wenn 
der erſte Theil der Liturgie in der Meſſe voruͤber war, 
die Biſchoͤfe ihre Homilien an das Volk und an die 








x) Dieſer me Ps ffud auch 
Bellarmin. 1. W..c. 17.‘ Nat: 
Alex. Hist. DE Sec. XIIF. et 
XIV. diss. 13. Mabillon de liturg. 
gällic. 1. II. p. 107. Bossuet Ex- 
plie. de quelques diffic. sur les 
prieres de la messe c. 2. Van 
Espen ius ecclesiast. P. II. lib. 5. 


c. 1, 


y) Non missum facitis, nihil 


‚est aliud, quam non dimittitis. 


A cuius proprietate sermonis in 
ecelesiis palatiisque sive praetoriis 
Missa fieri pronunciatur, cum po- 
pulus ab observatione dimittitur. 
Nam genus hoc nominis etiam in 
saecularibus auctoribus intervenie- 
tis. Ep. 1. ad Gundob. Burgun- 
dionum regem p. I. Op PP- ed. Sie 
mond. II. Bona de reb. liturg. 1. 
I. c. 16. p. 232. 


= 


Katechumenen befonderd. Mit diefer Meffe oder diefem 
Theil derfelben, der fogenannten Meffe der Katechume— 
nen, pflegten diefe entlaffen zu werden. Gleich wie nun 
in den älteften Zeiten nach dem Evangelium und der 
Predigt die Katechumenen, Ungläubigen und Büßenden, 
denen verboten war, bey der Feyer des Abendmahls zu: 
gegen zu feyn, von dem Diaconus entlaffen wurden z), 
fo gebrauchte man nun feit dem- fechften Jahrhundert 
für die neue Dpferanftalt ein Wort, welches dem Volke 
anzeigte, wie wenig daffelbe für nothiwendig dabey ge: 
halten werde, ohne daß doch zuvor die eigentliche Be 
deutung und Beziehung des Ausdrucks noch eine wahre 
und freffende Anwendung hatte. Denn wo wird noch, 
außer etwa bie und da in Italien und Frankreich, Die 
Zwifchenzeit zmwifchen dem Ablefen des Evangelium und 
dem Dffertorium benußt zur Predigt oder zur Erklärung 
einzelner Stücke der Meſſe, wie e8 doc) noch die un 
zu Trient befohlen? 


z) Mit den Worten: Si quis det locum, mie Gregorius fagf, 
est catechumenus, exeat foras, Dial. l. UI. c. 23. 
oder: si quis non communicat, 


Eifies : Sap:üt el 


Bon der Verehrung der Heiligen, der Reliquien 
und Bilder. 





l Das e8 Heilige gebe bey Gott im Himmel, oder daß 
fie zu ehren feyen, findet die proteftantifche Kirche fo 
fehr gegründer im Chriftenthum, daß ohne Verlegung 
der Ehrfurcht gegen di: Religion feldft fi Niemand der 
ebendafelbft gebotenen und mehrfach bezeigten Ehrfurcht 
gegen Diejenigen entziehen Fann, welche als aus: 
gezeichnete Herolde und Helden der Religion gepriefen 
werden. Es iſt religiös und liegt gleic) tief im Weſen 
aller Religion, als der. menfchlichen Natur, zu glauben, 
daß es auf der unendlichen Stufenleiter des religiöfen 
Lebens folche giebt, in denen daffelde fih bis zu einem 
hohen Grade von Vollfommenpeit, Reinheit, Schönheit 
und Herrlichfeit entwickelt und ausgebildet, daß dieſel— 
ben bey Gott vor den Uebrigen, welche, noch im irdi- 
fchen Leben befangen, ſich der menfchlichen Schwachheit 
und Unsollfommenheit nicht entfchlagen haben, alg Mu: 
fer eines heiligen Wandels bervortreten und in diefer 
Eigenfchaft von den Uebrigen, welche fich zu ihnen noch 
nicht erhoben haben, auch religiös geehrt, geliebt und 
auf alle anftändige und wuͤrdige Weife gepriefen wer: 
den. Die heilige Schrift lehrt, das Andenken der Ge; 
rechten bleibe in Gegen, und ſtellet uns nicht wenige 
Mufter folches heiligen Lebens dar. Sie zeigt ung, wie 
Gott fih an folchen verherrlicht, groß und wunderbar, 


— 440 — 


gegenwärtig und mächtig bewiefen, und leitet auch auf 
ſolchem Wege unfere danf: und liebevolle Gefinnung 
auf Gott, der ſich in ihnen und duch) fie offenbarte, 
um ebendamit der Kirche ein deutliches Zeugniß feines 
fortmährenden Schußes und Beiftandes, feiner Regie: 
rung, Weisheit und Gnade zu geben. Luc, 1, 47. ff. 
Laut preifer die Schrift die Gaben Gottes, womit er. die 
Heiligen auggerüftet und die Heiligen felbft, welche die: 
felben fo weife und rechtfchaffen angewendet; an vielen 
Beifpielen zeige fie ung, wie wir Diefelben am beften 
ehren fünnen, wenn wir namlich ihren Glauben, ihre 
Hoffnung und Liebe, ihre Geduld und alle übrigen Tus 
genden freu und ohne Unterlaß nachahmen, wenn wir 
durch Lebendige Anfchauung ihres erhöhten und feligen 
Zuftandes ung immerdar in inniger Verbindung mit ih: 
nen erhalten und auf unferer irdifchen Wallfahrt ftets 
dahin fireben, wohin fie bereits gefommen find.  Diefe 
Verbindung, in der die Heiligen im Himmel mit ung 
ftehen, ift ihe Gebet für die Gemeinde der Heiligen und 
davon fließen für ung der Segnungen nicht wenige und 
geringe aus, und diefe geiftige Theilnahme an ihrer Se— 
ligfeit ift die befie Ehre, die wir ihnen ermweifen koͤnnen. 

Wollte daher die Fatholifche Kirche mit ihrer Lehre 
von den Heiligen weiter nichts fagen, als dieß, fo wuͤr— 
de ſchwerlich jemals ein erheblicher Streit darüber ent: 
ftanden feyn. Allein es ift nicht nur viel mehr, was fie 
till, fondern auch viel anderes. Denn weit fchreitet fie 
hier über die heilige Schrift hinaus, und knuͤpft ihr des 
Eigenen und Eigenthümlichen viel an, einzig bemüht, 
daß nichts davon ausdrüclich gegen die heilige Schrift 
fey, da Hingegen die proteftantifche Kirche bier fchon 
alles mit derfelben im Streite findet, was nicht aus: 
drücklich im devfelben geboten iſt. Die Fatholifche Kirche 


— 44 — 


beruft fich für die einzelnen Anfichten und Inſtitutionen, 
welche fie in dieſer Beziehung aufftellet, gar nicht auf 
die heilige Schrift, fondern nur auf alten Gebrauch, 
auf Confenfion der Väter und auf Decrete der Kirchen: 
verfammlungen. Es ift ein gang eigenes Feld, wel⸗ 
cheg, zwar berührend an verfchiedenen Seiten die heilige 
Schrift; doch eigentlich neben derfelben bloß zum Behuf 
des Firchlichen Lebens angelegt worden. Nach) ‚Fatholiz 
ſchen Grundfägen geht es ja ohne Bedenken au, daß 
irgend eine Einrichtung, weder der Lehre und dem Be: 
fehl, noch der Verheißung und dem Beifpiel nach aus— 
drücklich in der heiliaen Schrift enthalten und dennoch, 
angeknuͤpft auf irgend eine Weife an dag Chriftenthum; 
sum gemeinfamen Firchlichen Verband nöthig befunden 
worden ſey. 

Aus dieſem Gefichtspunete muß auch die Fatholifche 
Lehre von den Heiligen, derfelben Reliquien und Bildern 
betrachtet werden. Auch muß man der Synode zu Trient 
dag Zeugniß geben, daß fie, obgleich übergehend alle Be- 
weiſe aus heiliger Schrift; doc) diefe Lehre noch in einent 
hohen Grade von Reinheit aufgeftellt und die Heiligen- 
Verehrung in ihrem Sinn nicht nur nicht alg wefentli; 
che Pflicht geboten, fondern faft ängftlich genau diefelbe 
von aller Superftition zu befreyen und entfernt zu hal: 
ten gejucht hate Denn gut und nüßlich, ſagt fie nur, 
fey eg, die Heiligen anzurufen und zu ihrem Gebet, ih— 
rer Macht und Hülfe die Zuflucht zu nehmen, um Wohl: 
thaten zu erlangen, die uns übrigens allein von Gott 
durch Chriſtum zu Theil werden Fönnten, als welcher der 
einzige Erlöfer und Erretter; ewiger Geligfeit, fagt fie, 
genöffen die Heiligen im Himmel, für die Menfchen be: 
teten fie, auch für die Einzelnen; es gebe einen Weg, 
folche Verehrung der Heiligen mit dem Worte Gottes 


— 


und der Ehre des einzigen Mittlers zu vereinigen und 
unfromm daͤchten Alle, welche dieß leugneten a). 

Es iſt hiebey zunaͤchſt fehr auffallend, doch aus der 
Eilfertigfeit; womit die Väter zu Trient in diefer legten 
Sitzung zu Werf gingen, noch erflärlich, daß fie weder 
der Jungfrau Maria noc) der Engel mit einem Wort 
gedenfen, welche doch fonft vor allen Heiligen in der 
Fatholifchen Kirche angerufen werden müffen b). Noch 
mehr muß den, welcher, unbekannt mit der Lehre ber 
Kirche, blos auf die Art gefehen hat, tie diefe Heili- 
gen: DVerehrung fich in der Praxis und Erfahrung dar; 
ftellt, die milde doctrinelle Darftellung derfelben befrem- 
den, und die ganze fo rückfichtsvolle Faffung des Syn— 





a) Mandat S. Synodus omnibus 
episcopis et ceteris docendi mu- 
nus, curamque sustinentibus, ut 
jMta catholicae et apostolicae Ec- 
clesiae usum, a primaevis chri- 
stianae religionis temporibus re- 
ceptum, Sanctorumque PP. con- 
fessionem et SS. Conciliorum de- 
creta, inprimis de Sanctorum in- 
tercessione, invocalione, reliquia- 
rum honore et leg'timo imaginum 
usu fideles dıligenter instruant, 
docentes eos, Sanctos una cum 
Christo regnantes, orationes suas 
pro hominibus Deo offerre, bo- 
num atque utile esse, suppliciter 
eos invocare et ob benelficia im- 
petranda a Deo per Filium eius 
Jesum Christum Dominum no- 
strum, qui solus noster redemp- 
tor et salvator est, ad eorum ora- 
tiones, opem, auxilium confuge- 
re; illos vero, qui negant, Sar- 
ctos aeterna felicitate in coelo 
fruentes invocandos esse, aut qui 
asserunt, vel illos pro hominibus 
non orare, ve} eorum, ut pro 
nobis, etiam singulis orent, in- 
vocationem esse ıdololatriam, vel 
pugnare cum verbo Dei adversa- 


rique honori unius mediatoris Dei 
et hominum Jesu Christi; vel 
stultum esse, in coelo regnanti=- 
bus voce vel mente snpplicare, 
impie sentire. Sess. XXV. Decr. 
de invocat. venerat. et reliqu. 
Sanctorum et sacr, imaginibus, 


b) Sn Anfebung der Engel er» 
gänzt der röm. Cafebismus den 
Mangel in der Trienter Erklä— 
rung. Ben der Grpofitien der er- 
ften Bitte beißt es: Illud etiam in 
huius praecepti explicalione ac- 
curate docendum est, veneratio- 
nem et invocationem sanctorum 
Angelorum ac beataruın anima- 
rum, quae coelesti gloria perfru- 
untur, aut etiam corporum ipso- 
rum sanctorumque cinerum cul- 
tum, quem semper catholica ec- 
clesia adhibuit, huic legi non re- 
pugnare. Quis enim adeo demens 
est, qui, edicente Rege, non se 
pro Rege quisquam gerat aut re- 
gio cultu atque honore aflici pa- 
tiatur, continuo putet, nolle Re- 
gem, suis ut magistratibus honos 
deferatur? etc. P. III. c. 2. p. 


295: 


— 443 
odaldecrets. Es ift daher ſelbſt jenen Fatholifchen 
Theologen, die fich fonft vor Feiner noch ſo craffen Ge 
ſtalt einer Lehre fehenen, wie einem Bellarmin, und nicht 
blos folchen, welche diefelbe auf alle Art zu verfeinern 
fichten, wie einem Boffuet, fehr leicht gemacht, die Hei- 
ligen-VBerehrung nicht nur in einem anftändigen, fondern 
ſelbſt anziehenden Lichte darzuftelen. Von allen zugleich 
wird es oft und lauf wiederhohit, nicht im mindeften 
ſolle durch folche Verehrung der Heiligen der Ehre Got— 
te8 und des Erlöfers entzogen, fondern immer nur Gott 
allein in den Heiligen und durch die Verehrung derfel- 
ben verehrt und angebetet werden. Nur eine Interceſ— 
fion bey Gott fey den Heiligen zugufchreiben und Fein 
Vertrauen in die eigene Kraft, Gewalt, Gnade oder 
Perdienfte der Heiligen zu fegen ec); nicht fie follten 
doch eigentlich) unmittelbar helfen in Gefahr oder Wohl 
thaten den Menfchen erzeigen, fondern blos als Fürbitter 
für ung eintreten bey Gott d). Wie fehon die Leben- 
digen für einander beten und fich der gegenfeitigen Für; 
bitte empfehlen, fo ift auch die Anrufung der Heiligen 





c) So fagf felbft Bellarmin: 
Non licet a Sanctis petere, ut 
nobis tanquam auctores divino- 
rum beneficiorum gloriam vel gra- 
tiam aliaque ad beatirudinem me- 
dia concedant; — ut intelligamus, 
ab eis auxilium exspectandum es- 
se non ut ab auctoribus, sed ut 
ab impetratoribus. Doc kann er 
es nich£ lafjen, wenigftens noch 
binzuzufegen: Est tamen notan- 
dum, cum diecimus, non debere 
peti a Sanctis, nisi ut orent pro 
nobis, nos non agere de verbis, 
sed de sensu verborum : nam 
quantum ad verba, licet dicere: 
S. Petre, miserere mei, salva me, 
aperi mihi aditum coeli; item, 


da mihi sanitatem corporis, da 
patientiam, da mihi fortitudinem 
eıc. Dummodo intelligamus, sal- 
va me, et miserere mei orando 
pro me, da mihi hoc et illud tuis 
precibus et meritis etc. De Sanct. 
beat. 1. I. c. 17. p. 1192. 


d) Sancti non sunt immediati 
intercessores nostri apud Deum, 
sed quicquid a Deo nobis impe- 
trant, per Christum impetrant. 
Itaque Sanctos inyocamus ad hoc 
solum , ut faciant id, quod nos 
facimus, quia meljus et efficacius 
ipsi fäcere possunt, quam nos, 
melius illi et nos simul, guam 
nos soli. Bellarm. l. c. p. 1183. 


— 44 — 


oder Aufforderung, daß fie für ung beten, mehr nur ei— 
ne Anrede, denn eine eigentliche Anrufung; daher fogar 
einige Theologen felbft die Invocation allein auf Gott 
beziehen und die an die Heiligen gerichtete nur eine 
Eompellation nennen wollen, wodurd der Menfch im 
Grunde nur fein Verlangen bezeigt nach demjenigen, 
was die Heiligen ohnehin und von felbft fchon thun e). 
Die Synode zu Trient habe ſchon den richtigen Maaf- 
ftab zur Beurtheilung diefer Sache an die Hand gege— 
ben und indem fie fagte: gut und nüßlich fen eg, die 
Heiligen anzurufen, die Gränzen der Heiligen-Verehrung 
an allen Seiten beftimmt F). 

Es war allerdings eine weife Auskunft, nicht allein 
durch die eilende Zeit, in. der das Decret gemacht wur: 
de, veranlaßt, fondern auch fonft gut berechnet, dieſen 
Gegenfiand in einer gemwiffen ſchwebenden Allgemeinheit 





quas ultra citrague nequit consi- 
stere verum, continer.ac merito 
pro regula tertia habetur. Cul- 


e) L’eglise, en nous enseignant, 
qu’ıl est utile de prier les Saints, 


nous enseigne à les prier dans ce 
mi6me esprit de charite et selon 
eet ordre ‘de societe fraternelle, 
qui nous porte a demander les 
secours de nos freres vivans sur 
la terre, et le Catechisme du 
Concile de Trente canclut de cet- 
te doctrine, que si la qualite do 
Mediateur, que l’ecriture donne 
a Jesus- Christ, recevoit quelque 
pröjudice de Hl'intercession des 
Saints, qui regnent avec Dieu, 
elle n’en recevroit pas moins de 
Uintercession des fideles, Qui vi- 
vent avec nous. Bussuet Expos. 
de la doctr. de l’egl. cath. c. 4. 


f) Ipsa, quam in determinanda 
Sanctorum veneratione, Ececlesia 
secuta est, declarandi ratio vene- 
rationem Sanctorum infra fines, 


tum enim Dei seu lege naturae 
eordibus inscriptum et lege Chri- 
sti omnibus praeceptum atque in- 
star medii ad aeternam salutem 
consequendam ‚ necessari esse, 
constanter tenuit; contra venera- 
tionem Sanctorum nec legibus 
praescriptam, nec ulla ratione ne- 
cessariam, sed solum licıtam, ho- 
nestam, utilem rem esse defini- 
vit. Quisquis ergo rem non ne- 
cessariam pro necessaria aut men- 
te habet aut ipso facto habere se 
probat, a mente Ecclesiae misere 
aberrat; sicut aberraret, qui rem 
bonam, utilem, honestam seu 
verbis seu facto non bonam, ho- 
nestam , utilem esse contenderet, 
Sailer Ecclesiae catholicae de Cul- 
tu Sanctorum docirina. Monachii 


1797« 4. P. 66. 


— 445 — 


zu erhalten, weil ſich doch hier nicht gut ins Einzelne 
gehen ließ, ohne in irgend eine Art von Superſtition zu 
fallen, und weil, wenn nur das Allgemeine feſtgeſtellet 
iſt, alles Beſondere ſich von ſelbſt findet. Die Synode 
ſagt zwar, gleichfalls im Allgemeinen: aller Aberglaube 
in der Verehrung der Heiligen ſolle aus dem Wege ger 
räumt werden 6) und hiedurch glaubte fie fich gegen 
jeden Vorwurf gefchügt: allein weder zeigt fie im Ein; 
zelnen an, welches der Aberglaube fey, den fie meint, 
noch hat fie oder die Kirche Anftalten gefroffen zur Aus; 
rottung des mwuchernden Unfrauts, welches fich auch auf 
diefem Felde fo üppig ausgebreitet hat Wenn man 
daher die Menge von Eirchlich beftehenden Inſtitutionen 
und Einrichtungen, die mit der Heiligen »Verehrung zu- 
fammenhängen, vergleicht mit der allgemeinen Lehre der 
Synode, fo entfteht hieraus glei) ein unüberfehbares 
Misverhältniß, und weil jene Dinge doch auch Firchlich 
beftehen und von ‚dev Synode feinesweges aufgehoben 
worden, fo kann man unmöglich annehmen, daß fie dar: 
um nicht zur Heiligen⸗Verehrung gehören, weil die Syn⸗ 
ode nicht davon geſprochen. Die Synode ſpricht hier 
freylich nicht von einzelnen den einzelnen Heiligen ge 
widmeten Kirchen und Altaͤren, Feſten, Bruͤderſchaften, 
Geſchenken, Weihrauch; Lichtern, Proceſſionen und Sup: 
plicationen; aber findet ſie darum dergleichen verwerflich 
oder nur weniger nothwendig und zulaͤſſig? Kann man 
alſo gleich nicht mit Recht jeden doctrinellen Irrthum 
und jede practiſche Entſtellung der Lehre ſogleich der 
Kirche ſelbſt aufrechnen, ſo darf man doch nicht mit 
Unrecht in der katholiſchen Lehre ſelbſt den letzten Grund 


= 3 R 


g) = omnfs superstitio in Sanctorum inyocatione tollatur. 1. c, 


— 446 — 


fuchen, aus welchem ein folches Mißverhaltnig zwifchen 
der Lehre und dem Glauben und Leben zu erklären ift, 
und um. fo mehr, da bier die dogmatifche Darftellung 
fo kurz, fo allgemein, fo abſichtlich befchönigend iſt, muß 
man fehen, was aus diefen allgemeinen GSäßen im 
Glauben und Leben der Menfchen geworden ift oder fich 
machen laͤßt. Der Gegenftand, mit welchem fich die 
Synode befaßt, ift feinem Wefen nach practifch, und 
die Gefinnung, der Glaube, die eigentliche Lehre verräth 
fich) daher hier auch am ficherften durch die Handlungen, 
welche der Gegenftand mit fich bringt und erfordert. 
Der ift noch nicht genugfam Fatholifch gefinnt, der nur 
die Theorie von der Heiligen: Verehrung recht inne hat; 
und der ift es fiher gar nicht, felbt im Sinne der 
Synode, der nur denft und lehrt, wie fie, ohne auch 
vor einem Heiligenbilde feine Knie zu beugen- oder in 
feinem Brevier die Heiligen vorſchriftsmaͤßig anzurufen, 
der fich ausfchließen wollte von aller Theilnahme an 
“ den kirchlich angeordneten Feften, Umgängen, Heiligen 
meffen und dergleichen, fey e8 auch, daß er nur glauben 
möchte es fey nicht gut und nüßlih. Wohl hat ihm 
die Kirche Feine Pflicht aufgelegt, bey jeder Procefjion 
oder überall bey einer zu erfcheinenz aber felbft wenn er 
dergleichen für fich auch nicht für gut und nützlich hielte, 
fo muß er doch wenigftens annehmen, daß dergleichen 
für taufend andere gut und nüßlich fey und fich dafür 
eines Grundes bewußt feyn. 

Was hier nun die Farholifche Lehre und Praris von 
der profeftantifchen Kirche trennet, ift fehon die eigens 
thümliche Art der Eatholifchen Heiligen: Verehrung und 
die Invocation derfelben, welche diefe in feinem Sinne 
anerfennt. Zwar will wohl das Fatholifche Syſtem den 
Heiligen, wie auch den Bildern und Reliquien derfelben, 


Zr nn 


447 
feinesweges diefeldige oder eine folche Verehrung zufpres 
chen, als Gott gebührt, vielmehr zwifchen der Art, Gott 
zu verehren und der dem Menſchen erzeigten Ehre noch 
eine mittlere, eine dritte Stufe feftfegen, für die NHeiliz 
gen. Die Diftinction zwiſchen der Latrie, welche. Gott 
und der Dulie, welche den Heiligen zufommt h), ift 
allerdings wenigfiens fehr gut geeignet, den Willen und 
die Meinung der EFatholifchen Kirche zu bezeichnen und 
den Vorwurf von ihr abzuwenden, als fen zwifchen der 
Art, Gott und die Heiligen, oder derfelben Bilder und 
Reliquien zu verehren, gar Fein Unterfchied. Aber wenn 
man auch davon abfehen will, daß diefe Diftinction we— 
der biblifch, noch patriftifch fich bewährt und beweiſen 
läßt i), alfo ganz willführlich und blos gemacht und 
angenommen worden zu dem Zweck, Gottes: und Heilis 
gen-BVerehrung noch in dem Syſtem zu unterfcheiden, 
fo bleibe ja doch auc) diefer Lnterfchied nur graduell; 
es ift doch nicht der unendliche und genetifche Unter 
fchied zwifchen der Ehre, die dem Schöpfer und ber, 
welche dem Gefchaffnen ermiefen wird, und vollends 
laffen fih nach den Graden des religiöfen Glaubens 





h) Est excellentia quaedam me- 
dia inter divinam et humanam, 
qualis est gratia er gloria Sancto- 
rum et huic excellentiae respon- 
det tertia species cultus, quam 
Theologi vocant duliam; et quia 
b. virgo, ut mater filii Dei ira 
praestat aliıs Sanctis, ut dici possit 
Domina et Regina nostra, quod 
aliis Sanctis non conyenit, * nisi 
admodum imperfecte: ideo Theo- 
logi hauc speciem, quam vocant 
duliam, dividunt in duliam pro- 
rie dıctam et hyperduliam, tri- 
Br: illam Sanctis ceteris, 
istam matri Christi etc. Bellarm.]. 


c. c. 12. p. 1161. cfr. Sailer ]. c. 
p- 65. 

i) Dieß darf nad Daille advers. 
Latinor. de cultus relig. obj. tra- 
dır. 1.1. c. 5. p. 19. sqg. ride 
mebr bemwiefen werden. Auch ſagt 
es ja Bellarmin felbfi, daß die 
„Diftinction ſpäter gemacht fen. Si 
licuit antiquae ecclesiae conıra ve- 
teres haereticos nova vocabula in- 
venire, cur non licuit etiam ec- 
clesiae posteriori contra haereti- 
cos posteriores noya aliqua voca- 
bula invenire, aut certe iisdem 
in alia significatione uti? |]. c. 1. 


]. c. 14. p. 1174. 


— 446 — 


und Enthuſiasmus beide Stufen in der Praxis nimmer; 
mehr genau aus einander halten, fo, daß mit Unter 
druͤckung zu großer Andacht gegen die Heiligen diefe 
nie an die Andacht gegen Gott gränzte oder mit dieſer 
gar zufammenflöffe. Die feine Mittelfiufe der Hyperdu— 
lie gegen die Jungfrau Maria, welche den Uebergang 
maht aus der Dulie, und die Lafrie graͤnzt offenbar 
felbft in der Theorie fchon fo nahe an beide Geiten 
an, daß es für die Praris bier durchaus an einem 
fichern Eriterium mangeln muß, woran fi) noch ein 
fpecififcher Unterfchied ausmitteln Tieße. a wenn man 
bedenfet; daß die heilige Schrift und die Vater durch: 
gängig die Ausdrücke Latrie und Dulie für ganz gleich: 
bedeutend nehmen und mit dem einen fo gut als mit 
dem andern die Verehrung Gottes bezeichnen, fo koͤnnte 
man leicht, wenn man nicht auf den Sinn fehen woll 
te, den die Fatholifche Kirche willkuͤhrlich damit verbin: 
det, daraus fehließen, daß fie mit ihrer Hyperdulie der 
Maria noch einen hoͤhern Grad der Verehrung, als Gott 
ſelbſt zufprechen wollte; doch muß man, wie gefagt; die 
ganze Diftinction im Sinn der Kirche faſſen: denn fonft 
enthielte fie gar eine wahre Blasphemie, 

In welchem Sinne man aber auch immer die In— 
vocation der Heiligen nehmen mag, fo muß fie in jedem 
Fall der Proteftant dem Katholiken allein überlaffen; 
denn nimmermehr wird doch jener blos mit der heiligen 
Schrift fich darein finden koͤnnen. Goll es Gott 
allein ſeyn, der in den Heiligen geehrt, verehrt und an- 
gebetet wird, fo gefchiehet den Heiligen offenbar zuviel 
und mehr, als andern Gefchöpfen Gottes, denen folche 
Ehre nicht erwiefen wird, Soll ein Theil der Vereh— 
rung wenigſtens auf die Heiligen allein gehen, fo ges 
ſchiehet der Anbetung und Verehrung Gottes und Chriſti 

Abbruch), 


u 1 


Abbruch, und es ift ein felbft erfundener Cultus, Gott 
und Chriftum umgehend mit feinen Gebeten bey irgend 
einem Heiligen ftehen zu bleiben. Nicht in irgend einer 
Art von Anrufung fol doch nad) der heil, Schrift die 
Ehre beftehen, welche wir den Heiligen im Himmel zu 
erweifen haben; nirgends ift dafelbft der Menfch mit 
feinen Gebeten auf die Heiligen angemwiefen. Sich auf 
diefe Art wenden an die Heiligen, würde nicht anders 
herausfommen, als ob die in der heiligen Schrift ung 
vorgefchriebene Anrufung Gottes und Ehrifti nicht hin- 
reichend, nicht ficher, nicht wirffam, Gott nicht ange: 
nehm wäre. Gefährlich alfo muß e8 einem SProteftan- 
ten feheinen, den fichern Pfad zu verlaffen und fich ing 
Ungemiffe zu begeben, auch ſchon, der fichern und wirk— 
famen Anrufung Gottes und Chrifti in jeder Noth und 
in jedem Bedürfniß noch eine andere und unfichere 
an die Seite zu fiellen. 

Zum andern ift e8 doch auch nicht die bloße Suter 
ceffion, bey welcher der Fatholifche Glaube ftehen bleibt, 
fondern nicht felten auch die Gnade, die Barmherzigkeit, 
ja felbft das Verdienſt der Heiligen, welches durch die 
Gebete aufgerufen wird. Mag immerhin dag reinere 
Syſtem davon nichts wiffen wollen; in der allgemeinen 
Praris Liegt es ganz anders und offen zu Tage: ſelbſt 
die Synode unterfcheidet von den Gebeten der Heiligen 
nicht nur die Hülfe, twelche fie dadurch ung leiften (au- 
xilium), fondern auch noch eine andere Hülfe (opem), 
welche nicht bloß tautologiſch dafteht, ſondern wo nicht 
noch mehr, doc, wenigftens noch etwas anderes fagen 
will k). Sm allen Legenden, Nitualbüchern, Miffalen, 





k) — ad eorum orationes, opem, auxilium confugere. |], c. 


Marhbeinede Syſt. d. Katholicismus. III. 29 


a 450 — 


Brevieren und Katechismen werden die Heiligen unſere 
Helfer, Beſchuͤtzer, Befreyer genannt aus jeder Noth, 
unſere Zuflucht, unſer Schutz und Schirm, unſer Leben 
und Hei. Es muß der katholiſchen Kirche uͤberlaſſen 
bleiben, dieſes Vertrauen auf die Heiligen, auf ihre Ge— 
bete und Huͤlfe mit dem Vertrauen auf Gott und ben 
Erlöfer in Uebereinftimmung zu fegen. Den Proteftans 
ten kann fo etwas nicht anders vorfommen, denn als 
eine Theilung der Gott allein zuftchenden Macht und 
Gewalt; und als habe Gott Verzicht gethan auf feine 
Allmacht, Gnade und Liebe und fie der Maria und den 
- Heiligen übergeben. Selbſt jener Actus der Fürbitte und 
Interceſſion der Heiligen bey Gott für ung, auf den die 
£atholifchen Theologen in der Lehre alle Kraft der Hei: 
ligen befchränfen, wird doc) meift immer als ein Act 
der Gnade und Barmherzigkeit vorgeftellt, wozu fie jes 
desmal erft flehentlich müffen angerufen werden. Und 
two ſteht in heiliger Schrift gefchrieben, daß Gott; um 
Wohlthaten den Seinigen zu erweiſen, erft ſolcher Für; 
bitten der Heiligen bedürfe oder irgend darauf fehe; wo— 
zu die Mittelsperfonen zwifchen Chriftus und uns, und 
warum nach Art weltlichen und irdifchen Gefchäftsgan- 
ges fich erft an jene wenden, um zu diefem zu gelangen, 
da Chriſtus allen Gebeten zugänglich fich feiner Kirche 
nie entzogen? Auf die Heiligen wird darum befonders 
fo großes Vertrauen gefegt, weil fie uns näher ſtehend 
und vormals felbft im Fleiſch mannichfaltig verſucht, 
gnädiger, mitleidiger und barmherziger feyen, als Ehri: 
ſtus und geneigter, als er, unfer Gebet zu erhören und 
uns zu helfen, Auch eine Art von Alwifjfenheit der 
Heiligen wird dabey offenbar vorausgefegt. Denn nicht 
nur daß fie im Ullgemeinen für die Kirche Chrifti auf 
Erden beten und Theil nehmen an den Schieffalen der: 


451 


felben, fondern daß fie auf jedes einzelne Gebet des Ein: 
zelnen und auf den befondern Inhalt eines jeden hören, 
wird in der katholiſchen Kirche angenommen 1). Selbſt 
die getwöhnliche Auskunft, daß fie dag Alles durch Gott 
erft erfahren, mildert die Anftößigfeit und Willkuͤhrlich— 
feit jener Behaupfung nicht m). Da werden ferner die 
Heiligen als Mitregenten Chrifti betrachtet m); ihre Ver 
dienfte fommen den Menfchen zu flatten 0): an diefem 
Punct ſteht die Eatholifihe Lehre, beſonders die fcholafti- 
fhe Dogmatif, welche neben der Interceſſion durch das 
Gebet ohne Bedenken aud) nod) die Verdienfte der Hei- 
ligen einfchiebt, im fehreyendften Contrafte mit der pros 
teftantifchen. 

Bon welcher Art die Heiligen: Verehrung in der Fa: 
tholifchen Kirche ift, zeigt fi) auch in den eigenen Meſ— 
fen, welche fie zu Ehren und zum Andenken derfelben 
feyert. Die Synode zu Trient konnte diefen Gegenftand . 
nicht berühren, ohne zugleich einen fo gewöhnlichen Ser: 





dere toti mundo et Ecclesiam re- 
gere et gubernare. ]. c..p. 1189. 

0) So felbjt im Mefcanon: 
quorum pfecibus et meritis con- 
cedas, ut in omnibus protectio- 
nis tuae muniamur auxilıo, Det 
Katechismus weiß etffaunlich viel 


1) Bellarm. ]. c. c. 18. p. 1187. 


m) Bellarm. 1. c. 1. U. c. zo. 
wo die Herfchiedenen Meinungen 
darüber vorkommen. 


n) So nennet die Synode felbft 
die Heiligen una cum Christo re- 
gnantes ]. c. und Bellarmin ſagt 
gar: Nos facile ostendemus, non 
solum ab Angelis, sed etiam a 
spiritibus beatorum hominum re= 
gi et gubernari fideles viventes |. 
c. €. 18. p- 1187. und nachher: 
habemus igitur, spiritus bono- 
rum hominum post morteın ante 
diem resurrectionis accipere po- 
testatem in gentes et regere et 
pascere eas — sustentare Eccle= 
siam — ac demum sedere in ıhro- 
no Christi i. e. cum illo..praesi- 


zu rühmen bon den uns zu guf 
Eommenden Berdienften der Heis 
ligen. Aus der ſcholaſtiſchen Dog- 
matik fen es an des einzigen £oms» 
bardus Zeugniß genug. Interce- 
dunt ergo ad Deum pro nobis 
Sanctı, merito, dum illorum me- 
rıta suffragantur nobis, et affectu 
dum vota nostra cupiunt impleri. 
Oramus ergo, ut intercedant pro 
nobis, id est, ut merita eorum 
nobis suffragentur et ut ipsi ve- 
lint bonum nostrum, quia eis vo- 
lentibus Deus vult et het. Sententt. 
1. IV. Dist. 45. 


29* 


452 — 


thum dabey zu widerlegen, und fie fanctionirt die Heili- 
genmeffen, indem fie den Wahn berichtigt, als werde 
den Heiligen felbft das Opfer dargebracht p). Auch in 
den Miffalen, felbft im Canon, ift Alles voll von Heili- 
gen; in den einzelnen Heiligen Meß-Liturgieen wird faft 
nichtg von Gott erficht ohne die Interceſſion derfelben, 
und es iſt, als koͤnne Gott felbft gar nichts gewähren, 
ohne diefe. Es mwill aber nicht fonderlich viel fagen, 
wenn die Synode und Bellermin erinnern, an und für 
ſich fen doch Feine einzige Meffe zur Verehrung und An, 
rufung der Heiligen angeordnet: denn der letztere geſteht 
es doch ſelbſt, daß die Heiligen, wenn gleich nicht im 
Sanon, doc in den übrigen Theilen der Meffe, felbft 
mit divecter Nede angerufen werden q). Hieraus läßt 
fich beurtheilen, in twiefern richtig if, was behauptet 
wird, daß in allen Gebeten und Meffen den Heiligen kei— 
ne weitere Ehre, als die der Erinnerung an fie oder ihres 


p) Et quamvis in honorem 
et memoriam Sanctorum nonnul- 
las interdum missas ecclesia ce- 
lebrare consueyerit: non tamen 
illis sacriicium offerri docet, sed 
Deo soli, qui illos coronavit; un- 
de nec sacerdos dicere soler, of- 
fero tibi sacrificium, Petre vel 
Paule, sed Deo de illorum victo- 
riis gratias agens, eorum patro- 
cinia implorat, ut ipsi pro nobis 
intercedere dignentur in coelis, 
quorum memoriam facimus in 
terris. Sess. XXII. c. 5. De miss. 
in honor. Sanctor. — Si quis di- 
xerit, imposturam esse, missas 
celebrare in honorem- Sanctorum 
et pro illorum intercessione apud 
Deum obtinenda, sicut ecclesia 
intendit, anathema sit. ]. c. can. 5. 


4) Sancti in sacrihicio Missae 
inyocari possunt — per precem 
ad eos directam, ut cum dicimus: 
S. Petre, ora pro me et hoc mo- 
do non invocantar Sancti in Mis- 
sa, nisi obiter, in versiculis 
post lectionem idque solum in 
una vel altera Missa, qui tamen 
modus nihil haber absurdi. Nam 
si licet a viventibus petere, ut 
nos juvent orationibus suis, dum 
tam sublimi fungimur ministerio 
unde etiam dıcimus in *Liturgia: 
Orate fratres, cur non liceat idem 
a Sanctis petere? Isti versiculi 
canuntur in Missa Catechumeno- 
rum, quae non est proprie sacri- 
fiium, in Missa autem fidelium, 
quae incipit ab oblatione, nun- 
quam ita directe Sancti invocan- 
tur. De Missa ]. II. c. 8. p. 1462, 


— 453 — 


Gedaͤchtniſſes zuerkannt werde 7). Selbſt die Meglitur: 
gie enthaͤlt dergleichen unmittelbare Anrufungen. Ob ſie 
gerade im Canon oder nur außer demſelben auf ſolche 
directe Weiſe angeſprochen werden, iſt an ſich ganz gleich— 
guͤltig. Es iſt eine bloße Zufaͤlligkeit, die ſich nicht aus 
dogmatiſchen Gruͤnden, ſondern einzig aus der Zeit und 
Art der Entſtehung des Canons begreift, daß in dem— 
felben fein directer Anruf der Heiligen vorfommt. Die 
verfchiedenen DVerfaffer der einzelnen Gebetsformeln, aus 
denen derfelbe befteht, fprechen darin nach den Begriffen 
und Sitten ihrer Zeit. "So konnte dann und mußte 
wohl gefchehen, daß im Canon fein unmittelbarer Ans 
ruf der Heiligen vorkommt, weil die einzelnen Theile, 
aus denen er erſt fpäter zufammengefeßt wurde, ziemlich 
alt find und aus einer Zeit, in der man freylich an fol 
ehe Art, die Heiligen anzurufen, noch nicht dachte und 
glaubte. 

Ueber diefe Are von Meffen, welche man in der ka— 
tholifchen Kirche Votivmeſſen nennt, ift nicht noͤthig, 
noch befonders zu bemerfen, wie wenig durch fie der 
proteftantifchen Kirche die Heiligen-Verehrung empfohlen 
werde. Denn nimmt fie an der Mefje überhaupt [don 
fo großen Anftoß, als gezeigt worden iſt, fo denkt fie 
bey den Heiligen-Meffen nur an den Ausfpruch Chrifti: 





r) Aub Herr Fefler thut fi 
darauf piel zu guf, indem er 
aufmerlfam darauf macht, daß 
Bis auf den beufigen Tag nicht 
ein einziges firchengebet irgend: 
wo vorhanden ift, in melchem 
Nario, oder was immer für ein 
Heiliger, angerufen würde. »Die 
fe Behauptung überraſcht Gie; 
ich will fie beweifen.« Und doch 
führee er ſelbſt nachher zwey For» 
meln an, in welchen die Patbol. 
Kirde die heilige Zungfrau und 
die Heiligen unmittelbar anruft: 


der Schluß des faufendmal gebes 
fefen Engliſchen Grußes: Seilige 
Maria, Mutter Gottes, bitte für 
uns arme Günder jegf und in 
der Stunde unfers Todes. Amen, 
und die Litaney, worin es heißf: 
beiliger Petrus, biffe für uns; 
beiliger Paulus, biffe für uns 
und fo for£ ben mehreren Apo— 
ſteln, Märtyrern, Biſchöfen, Bes 
kennern und Jungfrauen. Anſich- 
ten von Religion und Kirchen— 
thum. II. S. 213. 


dieß thut zu meinem Gedächtniß, um ebendamit zu: 
gleich alle Einmifchung der Heiligen in das Abendmahl 
aussufchließen. 

Noch weniger ift wohl, was fonft noch in der fa. 
thelifchen Kirche und in fofern auch durch fie beſteht 
von einzelnen Sitten und Mißbräuchen der reinen Lehre, 
geeignet, dag gebildete religiöfe Gefühl anzufprechen oder 
den Glauben auf eine mwürdige Weife zu unterhalten. 
Nach einer alten Obſervanz haben die Heiligen in der 
Fatholifchen Kirche fich getheile in die Regierung und 
Beſchuͤtzung der Welt, und einzelne Staaten, Provinzen, 
Familien, Häufer, Menfchen, Stände, Künfte, Krankhei— 
ten u. ſ. w. haben ihren befondern Schußheiligen, den 
man verehret durch Meffen, Bilder, Lichter, Fefte, Wall 
fahrten, Anrufungen und Gebete. Auch wird gewöhnlich 
nicht nur dag Cruzifix, fondern auch das Bild der Mas 
tia und anderer Heiligen Kranfen und Sterbenden vor: 
sebalten zum Küffen, wie man darüber in einer Legion 
von Legenden weitere Auskunft, auch hinlanglihe Wun— 
der bemerkt finder; auch eigene Gebete giebts für dieſe 
Sale s). Don Wundern, welche die Heiligen im Leben 
fowohl, als nach ihrem Tode gethan, ift Alles voll in 
ihren Biographieen, ſaͤmmtlich mit poetifcher Freiheit zu 
andachtigen Zwecken erdichtet, eine Art chriftlicher My— 
thologie, ohne hifforifchen Grund: denn da die alte Le— 
gende untergegangen war, wurde dergleichen auf die Na: 
men der einzelnen Heiligen von neuem und unzählige 
gedichter, nicht ohne poetifchen Werth. Und doch ift eg, 
wenn man genauer zuficht, gerade diefe Wunder: Kraft, 





s) Im Rituale Rom, 3. 8. pı Angeli et omnes Sancti, interce- 
181. 203. Sancte Angele Dei, mi- dite pro me et mihi succurrite 
hi custos assiste, omnes gancli etc. 


— 415 — 


die ihnen zu folcher Ehre verholfen: denn nicht leicht 
ift wohl aus einem Menfchen ein Heiliger, oder aus 
einem Gebein eine Neliquie geworden in der Fatholifchen 
Kirche, ohne fich durch die nöthigen Wunder vorher le: 
gitimirt zu haben vor des Papftes Gericht. Man darf 
nur das Leben des fchlechteften Heiligen oder des neues 
ften anfehen, fo findet fi) die Erzählung von feinen 
Wundern als die Hauptfache ing Unermegliche ausge 
fponnen; bey jedem Schritt auf dem üppigen Felde der 
Legende ftößt man auf Wunder; da wird man plößlic) 
durch die Huülfe der Heiligen oder Reliquien und Bilder 
oder des Kreuses aus Krankheiten und Lebensgefahren, 
aus Feuers: und Waffers-Noth und aus jedem andern 
Unglück des Lebens wunderbar errettet. Doch felbft die 
erftaunlichften Wunder, welche an oder durch Neliquien 
verftorbener frommer Perfonen gefchehen, qualificiren die- 
fe noch nicht; gleich in die Neihe der Heiligen aufge: 
nommen zu werden, fondern erft wenn der Papſt folche 
Wunder genau befehen und geprüft, kann die Feyerlich- 
feit der’ Heilig oder Selig: Sprechung erfolgen, durch 
welche einer erft eigentlich privilegire wird zur Invoca— 
tion t). Es gehört daher noch in diefen Kreis Fatholi- 
fcher Vorftelungen die Canonifation, durch welche dag 





t) Bellarm. de Sanct. beat. 1. I. id testantur communi consensu 
€. 9. p. 1155. der bier natürlicy historici, qui tamen homines fue- 
audb die Unfehlbarkeit des Pap- Tunt et mentiri potuerunt, cur 
fies einmiſcht und noch einige an» non credimus sine haesitatione, 
dere fchöne Gründe angiebt. Ter- quod testatur Deus per miracula, 
tio miracula magna et dilgenter quando nulla est ratio suspican- 
examinata, faciunt rem evidenter d contrarium? Quarto probatur 
eredibilem: ut Sancıi a Pontiice ex praeparatione; nam antequam 
non canonizantur ordinarie, nisi Sancti canonizantur, indicuntur 


claruerint magnis et certis mira- jejunia et preces publicae et tota 
eulis; et confirmatur: nam si ere- res diu et diligentissime exami- 
dimus sine ulla haesitatioue, Cae- natur: non est autem credibile 


sarem et Pompejum fuisse, quia Deum non adesse Ecclesiae suae 


m 486: — 


Volk erft darüber gewiß werden kann, welchem Sub» 
jecte folche Ehre und ob auch mit Zug und Recht zu 
erweiſen fey. 

Gleicherweife verhält es fich auch mit den Neliquien 
der Heiligen, deren Verehrung urfprünglich aus der reli- 
giöfen Werthſchaͤtzung alles deffen entftanden- ift, was 
von einem uns theuren Menfchen übrig geblieben, ung 
immerdar an ihn erinnert und uns in feiner Gemein: 
[haft erhält. Dieſe fo natürliche und fchöne Empfins 
dung nimme in der Fatholijchen Kirche faft durgängig 
einen krankhaften Charafter an, indem fie nicht inner: 
halb der Graͤnzen ſich halt, welche das Gebiet des reis 
nen Glaubens und wohlerlaubter Empfindung von dem 
de8 Aberglaubens trennet. Denn nicht darüber kann 
wohl ein Streit entftehen zwiſchen der proteftantifchen 
und Fatholifchen Kirche, ob nicht die Körper oder Ge 
beine der Heiligen, fo man derfelben gewiß werden Fann, 
mit Ehrerbierung und Achtung zu behandeln und zu bes 
graben feyen, auch nicht, ob was ung fonft von demjes 
‚nigen, was heilige Menfchen in diefem Leben befeffen 
haben, übrig geblieben und erhalten ifi, in Ehren zu 
halten fey. So freylicy fucht die Synode zu Trient die 
Sache vorzuftelen u), als ob es ihr nur auf Achtung 





sic dispositae et supplicanti. Vlti- 
mo probatur a posteriori, quia 
in aliis rebus, in quibus Pontili- 
ces errare possunt, aliquando re 
ipsa reprehenduntur errore: at in 
hoc nullus usquam error depre- 
hensus est. J. c. p. 1156. 


u) — Sanctorum quoque mar- 
tyrum et aliorum cum Christo 
viventium sancta corpora, quae 
viva membra fuerunt Christi et 
templum Sp. S. ab ipso ad aeter- 


nam vitam suscitanda et glorifi- 
canda, a fidelibus veneranda es- 
se: per quae multa beneficia a 
Deo hominibus praestantur: ita, 
ut affirmantes, sanctorum reli- 
quiis venerationem atque hono- 
rem non deberi, vel eas aliaque 
sacra monumenta a fidelibus inu- 
tiliter honorari atque eorum opis 
impetrandae caussa, sanctorunı 
memorias frustra frequentari; om- 
nino damnandos esse, prout jam 
pridem eos damnayit et nunc 


57 — 

und Ehre der Reliquien ankomme. Allein etwas ganz 
anderes und ungleich mehr iſt es, was die katholiſche 
Kirche mit ihrer Reliquien-Verehrung ſagen will. Die 
Frage iſt naͤmlich, ob nicht die Leiber, die Knochen, die 
Aſche der Heiligen und Alles, was ſie an ſich hatten 
oder nur beruͤhrten, ſo man deſſelben habhaft werden 
kann, mit graͤnzenloſer Erfurcht aufzunehmen, aufzube⸗ 
wahren, auf dem Hochaltar auszuſtellen, in jeden Altar 
einzumauern w), mit Silber, Gold und Seide einzufaß 
fen und zu zieren, bey Procefftonen und Supplicationen 
mit Lichtern und prächtigen Umgebungen oͤffentlich herz 
umsutragen, von dem Volk mit befonderer Wirfung zu 
berühren, zu füffen, ja faft anzubeten, als ob die göftli- 
ce Gnade datan fich auf eine befondere Weife geheftet, 
ob nicht felbft koſtbare Gefchenfe denfelben als Opfer 
darzubringen, vieler Sünden Ablaß aus ihrer Verehrung 
zu gewinnen, eine Wallfahrt nach einem Önadenort, wo 
dergleichen Dinge zu fehen, als ein verdienſtlich Werk, 
anzuftellen, ob dergleichen nicht mit Nutzen fogar zu fra= 
gen, an den Hals zu hängen, oder einem, der dergleis 
chen bedarf, aufzulegen, ob nicht auch dem Eide durch 





etiam damnat ecclesia, Sess.XXV. 


pflegeen. Mit Rech£ find derglei— 
l.c. Wie fih der Verehrung der 


Sen fhöne Gaden in jedem Als 


Reliquien ein ſchöner und würdi— 
ger Sinn abgewinnen laßt, kann 
man feben bey Bofjuet a. D.cr 
5. und Eeiler a, D. ©. 6. und 
60. 


w) Die Gifte, in jeden Altar 
einige Reliquien eines Seiligen 
einzulegen, nad welder aud der 
Theil des Altars noch jest se- 
pulchrum beißt, ift eine Nachah— 
mung der älteſten Ghriften, wel» 
de auf den Gräbern ibrer Mar: 
forer ihren Gottesdienſt zu feyern 


far angebradf£, denn fonjt würde 
der Priefter mit Unrecht, Eüffend 
den Altar, in der Meſſe fagen: 
oramus te, Domine, per merita 
‚Sanctorum tuorum, quorum reli- 
quiae hic sunt. Missal. rom. 

237. Mit arogen Weitläuffigfei« 
fen und Feyerlichkeiten werden 
nah dem römiſchen Pontificale 
die Reliquien in einer neugemweib, 
fen Kirche angebradf. Ponr. rom, 
P. 2. de eccles. dedic, p. 209: 


sqq. 


— 458 


Auflegung der Hande auf die Reliquien ein höherer Grad 
von Feperlichfeit zu geben, und ob nicht gegen recht 
große und andächtige Neliquienfucht die Furcht vor um: 
tergefchobenen, falfihen und gemachten Reliquien, womit 
notoriſch im Mittelalter ordentlich gehandelt wurde alg 
eigener Fabrikwaare, abzulegen und jeder durch die ein. 
zige Sicherheit zu beruhigen fey, daß die Kirche, der 
Papft dergleichen Dinge anerkannt, approbirt und fanc- 
tionirt habe. Dies ift es, was unter dem fchönen Ti: 
tel der Neliquien:Berehrung fich Alles verbirgt und meift 
immer im Gefolge derfelben fich finder. Wenn alle fa: 
tholifche Schriftfteller fo heftig gegen den Vorwurf firei- 
ten, daß fie den Reliquien göttliche Ehre eriviefen oder 
fie anbeteten, fo will das in der That nichts weiter fa: 
gen, als daf fie in thesi glauben und Ishren, man 
müffe die Anbetung Gottes noch wohl unterfcheiden von 
der Verehrung der Reliquien, und jene ungleich höher 
fielen, als dieſe, welches auch wohl gerathen ift: über 
den Grad des Unterfchieds aber in demjenigen, was 
doch fo in einer Neihe liegt, laßt fich in der Theorie 
durchaus nichts feftfegen, fondern nur annehmen, nicht 
diefelbige Verehrung fey es, welche fie Gott und melche 
fie den Reliquien erzeigt x). 





Sanctorum, sive fuerunt partes 


x) Bellarmin drückt fi biers 
ipsorum, ut ossa, carnes, et ci- 


über fo aus: Nos reliquias qui- 


dem honoramus et osculamur ut 
sacra pignora patronorum no- 
strorum: sed nmec adoramus ut 
D)eum, nec invocamus ut San- 
ckos, sed minori cultu reneramur, 
quam Sanctorum spiritus, nedum 
quam Deum ipsum. De reliqu. 
Sanct. ]. II. c. 2. p. 1228. Dafı 
quez hingegen ſpricht fihon weit 
nachdrücklicher. Apud Catholicos 
veritas indubitanda est reliquias 


neres, sive res aliae, quae ipsos 
tetigerunt, vel ad ipsos pertine- 
ant, adorandas et in hoc honore 
sacro habendos esse. In III. Thom. 
quaest. 25. disp. 112. .c. 2. Nach» 
ber fag£ er auch: cinctoria et su- 
daria Pauli adoratienis cultu esse 
veneranda und zuleßf, nun babe 
er gegen die Keger bewiefen, re- 
liquias esse adorandas. |. c. 


An Anfehung der Bilder in den chriftlichen Kirchen 
gab es von jeher drey verfchiedene Meinungen. Nach 
der einen machen die Bilder heiliger Perfonen und Ge; 
genftände einen wefentlichen Theil des chriftlichen Cultus 
aus. Bilder werden auggeftellt zur Anbetung deffen, 
was fie vorftelen. Obgleich weder den Bildern an ſich 
und als Produeten der Kunft, noch wegen einer etwa 
angenommenen. Einheit der Bilder mit ihren Gegenflän- 
den Anbetung ermwiefen wird, fo führen fie doch fo ficher 
die Andacht auf die Perfonen und Gegenftände der An— 
betung hin, welche durch die Bilder vorgeftelet werden, 
daß fie als wefentliche Theile eines chriftlichen Eultug 
in feiner Kirche fehlen fünnen. Nach der andern’ fireng 
enfgegengefeßten Meinung flreitet e8 mit dem wahren 
Geiſte chriftlicher Andacht, Bilder zu verehren, wenn 
gleich nur als Andeutungen degjenigen, was fie vorftel- 
len, fie fünnen nur als Störungen, als falfche Erregun- 
gen und als Hinderniffe der Andacht betrachtet werden, 
fie find daher auch aus allen Kirchen zu verbannen, alg 
Zeichen eines unchriftlichen Gottesdienftes. Nach einer 
dritten, mittleren Meinung find die Bilder in den Kir— 
chen nicht nur zugelaffen, fondern auch, an fich zwar 
ganz gleichgültig, doch der Kunft wegen gefchäßt, zum 
- Schmud und zur Zierde der Kirchen, zur Erinnerung und 
Verfinnlichung heiliger Perfonen und Gefchichten gern 
gefehen, und weder unvereinbar mit dem wahren Geifte 
hriftlicher Andacht, wenn fie im rechten Licht und Werth 
betrachtet werden, noch auch in irgend einem Sinn eis 
gentlihe Gegenftände des Cultus oder der Verehrung. 
Diefe drey Meinungen offenbarten ſich im achten Sahr- 
hundert fchon bey dem Streit über die Bilder, und 
wurden ausgefprochen durch die drey Synoden zu Ni- 
cäa, Konftantinopel und Frankfurt am Mayn, im ſechs— 


— M⸗ — ⸗ 


4 

zehnten Jahrhunderte aber aufs neue in der katholiſchen, 
reformirten und lutheriſchen Kirche. 

Die katholiſche Kirche, getreu ihren Grundſaͤtzen von 
dem Werth der ſinnlichen Anſchauung und der Phanta— 
fie, als Hülfgmittel, um durch fie den Geift und das 
Gemuͤth zu Gott zu führen, legt auch einen fehr hohen 
Werth auf die Bilder und fichere ihnen die gebührende 
Ehre und Verehrung y). Sie denkt fid) die Bilder als 
eine Art heiliger Schrift, welche daher auch neben dieſer 
und mit diefer befichen und tie diefe verehrt werden 
ſollen. Was dem Geifte und Verſtande unmittelbar bie 
Beilige Schrift, das find nicht blos dem rohen und in 
der Sinnlichkeit befangenen Menfchen, der jene nicht 
Iefen kann, fondern aud) dem gebildeten, kraft der inni- 
gen Verbindung des Geifies und der Sinnlichkeit, alfo 
als Gegenftände der Kunft, die heiligen Bilder. Manche 
Menfchen koͤnnen fogar mehr lernen aus den Bildern; 





) — Imagines porro Christi, 
Deiparae Virginis et aliorum San- 
<torum in templis praesertim ha- 
bendas et retinendas, eisque de- 
bitum honorem et venerationem 
impertiendam; non quod creda- 
tur inesse aligua in iis divinitas 
vel virtus, propter quam sint co- 
lendae, vel quod ab eis sit ali- 
quid petendum, vel quod fiducia 
ın imaginibus sit figenda, veluti 
olim fiebat a gentibus, quae in 
idolibus spem suam eollocabanrt, 
sed quoniam honos, qui eis ex- 
hibetur, refertur ad prototypa, 
quae illae repraesentant, ita, ut 
per imagines, quas osculamur, et 
coram quibus caput aperimus et 
procumbimus, Christum adore- 
mus et Sanctos , quorum illae 
similitudinem gerunt, veneremur: 
id, quod conciliorum, praesertim 
vero II. Nicaenae synodi decretis 


eontra imaginum Oppugmatores est 
sancitum. Ilud vero diligenter 
doceant Episcopi, per has histo- 
rias mysteriorum nostrae redemp- 
tionis, picturis vel aliis similitudi- 
nibus expressas, erudiri et con- 
firmari populum in articulis fidei 
commemorandis et assidue reco- 
lendis, 'tum vero ex omnibus sa- 
eris imaginibus magnum fructum 
percipi, non solum, quia admo- 
netur populus beneficiorum er 
munerum, quae a Christo sibi 
collata sunt, sed etiam quia Dei 
per sanctos miracula et salutaria 
exenipla oculis fidelium subjiciun- 
tur, ut pro iis Deo gratias aganr, 
ad sanctorumque imitationem, vi- 
tam moresque suas componant 
excitenturque ad adorandum ac 
diligendum Deum et ad pietatem 
colendam. Sess. XXV. 1. c. 


N — 461 — 
als aus der heiligen Schrift, weil jene naͤmlich, ſo recht 
berechnet auf ihre Faſſungskraft, ihren Geiſt nicht zu 
ſehr anftrengen 2). Hiedurch erweitert nun zwar die 
katholiſche Kirche unleugbar den Kreis desjenigen, was 
den Menſchen kirchlicherweiſe afficiren, zur Religion Hins 
fuͤhren, in derſelben erhalten oder etwas Hoͤheres in ihm 
anregen kann, da ſie ja ſelbſt das entfernter Liegende 
und durch die heilige Schrift nicht Gegebene an ſich 
zieht: aber dafuͤr kuͤmmert es ſie auch um ſo weniger in 
der Praxis, von welcher Art, Beſchaffenheit und Geſtalt 
dasjenige iſt, was auf dieſe Weiſe in dem Menſchen 
entwickelt wird: denn ſelbſt die craſſeſte Superſtition, 
welche mehr oder weniger in dem weiten Umfange die— 
ſes großen Gebiets ſich faſt nothwendig einſtellen muß, 
weil ſie, in der naͤmlichen Reihe liegend, eine von den 
Stufen dieſer Gefuͤhlsleiter ausmacht, wird ſie lieber 
dulden, als eine Verachtung oder gar einen Krieg gegen 
die Bilder. Wenn nun, wie unleugbar, die geiſtige Res 
ligion Jeſu in ihrer heiligen Schrift noch ungleich fchär- 
fer, als die des alten Bundes alle Bilder Gottes und 
göttlicher Dinge, als Gegenftände der Verehrung in ir 
gend einem Sinn, verwirft und ſich befonders an diefer 
Seite von allem heidnifchen Wefen rein und unberühre 
erhält, fo feyen, heiße «8 in der Fatholifchen Kirche, durch 
Verbote diefer Art nur die Bilder fremder Götter ver; 
worfen, oder der Damonen, Gögen, Creaturen Vereh— 
rung unferfagf, oder nur befohlen, daß man die Bilder, 
als foldye und als Ieere Bilder, nicht anbeten, fondern 
zu demjenigen erheben folle, der durch fie vorgeftellee 


z) Prima utilitas est instrucio tura. Bellarmin, de imaginibus 
et eruditio; melius enim inter- Sanctor, l. U. c. 10. p. 1281. 
dum docet pictura, quam scrip- 


— 462 — 


. 


werde. Es habe ja, ſagt man weiter, Gott von jeher 
zu feiner Verehrung dem Worte noch äußere, fichtbare 
Zeichen zugefellt, wie die Sacramente, e8 ſey alfo auch 
dem Worte Gottes nicht zuwider, neben den Sacra— 
menten auch noch die Bilder zur Verehrung Gottes und 
göftlicher Dinge zu gebrauchen. So macht die Bilder: 
Verehrung eine ganz eigene Seite des chriftlichkirchlichen 
Lebens aus. Im A. T. zwar, wo Chriftus noch nicht 
leiblich erfchienen, fen nicht erlaubt gewefen, Gott, den 
unfichtbaren, in einem fichtbaren Bilde zu verehren, nach- 
dem er fich aber im Fleiſch gezeigt, müffe er auch durch 
Bilder verehret werden a). Ihre Heiligfeit aber empfan- 
gen fie von den verfchiedenften Seiten, theils daher, weil 
fie gewöhnlich an heiligen Orten ftehen, theils weil fie 
meift eigends kirchlich geweihet werden, theils und be; 
fonders daher; weil fie heilige Gegenftände abbilden und 
verfinnlichen b). Die einzelnen Vorftellungen über den 
Grad der Heiligkeit eines Heiligenbildes find durch die 
allgemeinen VBorfchriften der Kirche auf eine fo verfuͤh— 
rerifche Weife frey gelaffen, daß man nicht nur in der 
Praris, fondern felbft in der Theorie der einzelnen Leh- 
rer auf erfravagante Vorftellungen ſtoͤßt. Schon ber 
heilige Thomas ftellte feine Anficht der Bilder in ein 
verfänglich Dilemma. Wenn ein Bild betrachtet werde, 
fagte er, rein für fich, als Holz oder Gemälde oder als 
gehauene Arbeit, fo gebühre demfelben durchaus Feine 
Verehrung, die nur einem vernünftigen Weſen zufomme. 





a) Ego dico, non esse tam tholici et ad fidem pertinet, 
certum in Ecclesia, an sint fa- illud est in opinione. Bellarm. 1. 
ciendae imagines Dei, sive Trini- c. 1. Il. c. 8. p. 1202. 
tatis, quam Christi et Sanctorum ; 


hoc enim conlitentur omnes Ca- b) Bellarm. l. c. c. 19. p. 131$. 


46 
403 r 


Werde e8 aber angefehen als Bild Ehrifti z. B., fo ſey 
vergeblich, noch einen innern Anterfchied zu flatuiren 
ztoifchen dem Bild und feinem Gegenflande, und die 
Adoration und Latrie gebühre demfelben fo gut, als 
Chriſto felbft ec), Doc felbft wenn Fatholifche Lehrer. 
noch den bleibenden Unterſchied feſthalten zwiſchen dem 
Bild und feinem Inhalt, verfagen fie jenem doch nicht 
immer, wie doch die Synode zu Trient noch will, die 
Anbetung d), und wenn e8 Fatholifche Iheologen felbft 
wiffenfchaftlich behaupten, daß die Bilder aud) an ſich 
auf folche Art zu verehren feyen e), wie mag man dann 
noch der Superfiition des Volks zu feuern geneigt oder 
auch nur im Stande feyn? ift einmal angenommen, durch 
das Bild könne die Andacht den ficherfien Weg finden 
zu demjenigen, der dadurch bezeichnet wird, fo wird ſich 
bald auch die Anberung des Bildes durdy die nämlichen 
Zeichen verrathen und Fund geben, als gegen den ber 





c) In III. Sententt. Dist. 9. Qu. 
1. Art. 2. et 5. Sunma Qu. 25. 
art. 4. 5. 


d) Quoniam imago Christi in- 
troducta est ad repraesenrandum 
eum, qui pro nobis crucifixus est, 
nec offert se nobis pro se, sed 
pro ıllo, ideo omnis reverentia, 
quae ei offertur, Christo offer- 
tur, et propterea imagini Christi 
debet cultus latriae exhiberi — 

Effigiem Christi dum transis, 

semper adora, 

Non tamen effigiem, sed quem 

designat, honora. 
Bonavent. |. III. Dist. 9. Art. r. 


Qu. 2. 


e) Imagines Christi et Sancto- 
rum venerandae sunt non solum 
per accidens vel improprie, sed 
etiam per se et proprie, ita, ut 
ipsae terminent venerationem , ut 


in se considerantur et non siylum 
ut vicem gerunt exemplaris. — 
Imago Christi ipsum Christu.m i. 
e. hypostasin divinam huinana 
carne vestifam repraesentat. — 
Concilium VII. definit, imagines 
venerandas eo modo, quo 'rene- 
ramur Evangelia et sacra vasa; 
atqui ista honorantur per tie et 
proprie, ut onınes fatentur, nec 
enim personam alicuius alterius 
gerunt: igitur et imagines fer se 
et proprie venerandae surt. — 
In ipsa imagine vere inest «liquid 
sacrum, nımirum similitudo ad 
rem sacram et ipsa dedicat io, si- 
ve consecratio divino cultui; „er-- 
go ipsae in se et non solum, ut 
prototypi vicem gerunt, honore 
dignae sunt. — Inde sequitur, 
non deberi imagini honorem, qui 
debetur Deo, sed minorem. 
Bellarm. ]. c. c. 21. p. 1322. 


zeichneten Gegenftand deffelben, denn nicht geneigt und 
im Stande ift das Gemüth und die Phantafie, welche 
verbinden und einigen, zu trennen und aus einander zu 
halten, was wohl zu unterfcheiden ift, will man nicht 
in die fchimpflichfte Superftition verfallen; dieß aber ift 
nur das Werf der Reflexion, welche in dem Momente 
der Andacht nicht immer freyen Zutritt hat. Bedenft 
man ferner, was Alles fonft noch eingefchloffen Liegt in 
jenen allgemeinen Grundfägen, die feyerlichen Einweihun— 
gen, das Berauchern der Bilder, die Gebetsformeln das 
bey, welche im Pontificale enthalten find, die einzelnen 
Gebete, welche vor den Bildern zu fprechen find und 
auf die fo und foviel Ablaß gefegt ift u. f. f., fo fann 
man fürwahr die fcharfen Vorfehrungen gegen den Aber: 
glauben nicht zu ernfthaft finden, welche, wie man rüb: 
men muß, die Synode zu Trient am Schluß ihrer Ab» 
handlung diefes Gegenftandes getroffen hat, ohne, was 
man beklagen muß, auch nur eins von jenen Dingen 
felbft zurückzunehmen oder namentlich abzufchaffen. Alles 
aber, was die Synode hier noch geleiftet, wenigſtens in 
der Borfchrift und Lehre, um jeden Mißbrauch und Aber: 
glauben auszurotten, hat fie, nad) der Leberzeugung der 
Proteftanten, durch die einzige billigende Berufung auf 
die zweite Synode zu Nicaͤa wieder verdorben: denn es 
ift unmwiderfprechlich far und am Tage, daß diefe Kir: 
chenverfammlung den fhimpflichften Bilderdienft und die 
fraurigfte Abgötterey mit den Bildern eingeführte und 
fanctionire hat, mie ſich auch noch Liefer unten zeigen 

wird. 
ueberhaupt hat fich die Synode zu Trient gleich zu 
Anfang ihres Decrets für ihre Verehrung der Heiligen, 
Reliquien und Bilder auf das chriftliche Alterthum be: 
rufen, auf einen Fatholifchen Gebrauch, vom Anbeginn 
der 


—_ 15 — 


der chriftlichen Religion an ‚eingeführt, auf die Befennt- 
niffe der heiligen Väter und die Decrete der. heiligen 
Kirchenverfammlungen. Deshalb ift wohl der Mühe 
werth, bier noch in aller Kürze zuguiehen, wie es mit 
diefen Dingen in den erften Jahrhunderten der chriftli- 
chen Kirche gehalten worden ifl. 

Es ift. aber in der That nur Eine Stimme aller 
firchlichen Schriftfteller der erfteren Sahrhunderte, welche, 
durchaus gemäß der chriftlichen Borfchrift, „Gott allein, 
den Vater, Sohn und Geift verehrt und angebetet wif- 
fen will, und außerdem Niemand weiter und Nichts. 
Auch die katholiſche Kirche raumet ein, daß immer Gott 
allein angebetet werden muͤſſe. Doc auch die Art der 
Gottesperehrung wird von den Alten auf viel an: 
deres noch ausgedehnt, als blos auf das fürmliche Ge; 
bet beſchraͤnkt; auch durch Gerechtigkeit und Tugend und 
immer hellere und reinere Erkenntniß legt unfere Vereh— 
rung Gottes fich zu Tage. So gebrauchen fie das Wort 
Theofebie ganz gleichbedeutend mit Euſebie. Auch der 
gemeinfamen Lehre der älteren Väter, daß außer dem 
Schöpfer nichts Gefchaffenes anzubeten ſey, ſtimmt die 
fatholifche Lehre bey; auch fie lehrt, dag Gott ung aus 
Allem, der Welt, der Natur, dem Menfchen anfpreche, 
und als der Grund aller Dinge anzubeten fey. Hätten 
aber jene Kircyenväter auch die Meinung des fpäteren 
Kaͤtholicismus gehabt, daß namlich dennoch die Engel 
und die Heiligen, derfelben Neliquien und Bilder, we; 
nigftens Gott in, ihnen, auf irgend eine Art zu verehren 
feyen, fo wäre doch natürlich gemwefen, und mit echt zu 
erwarten, daß fie wenigftens zu erfennen gegeben hätten, 
jene augfchliegliche Gottes-Verehrung folle keinesweges 
der andern der Heiligen, der Maria, oder der Engel u. 
fe mw. irgend einen Eintrag thun, fondern könne gar 

Marheinede Syſt. d. Katholicismus. If. 30 | 


— 466 


wohl neben diefer beftchen, wenigſtens irgend einmal 
und auf irgend eine Art hätten fie dann doch gewiß 
den Unterfchied gemacht, den jegt die Fatholifche Lehre 
fo feft hält, zwifchen der Latrie und Dulie, als fehr ges 
eignet, die Eigenthümlichfeit beider Arten von Verehrung 
feftzufegen. Nichts von dem Allen findet ſich im chrift: 
lichen Alterthum. Es ift nur die menfchliche Ehre und 
die göttliche Verehrung und Anbetung, welche fie ſtreng 
unterfcheiden und weit aus einander halten: nichts Drits 
tes dazwiſchen leiden fie, fie fchließen es vielmehr aufs 
beftimmtefte aus F). 

In Feiner andern als folchen würdigen Geftalt zeigt 
fi) auch fihon im zweiten Jahrhundert die Verehrung 
der Märtyrer, welche die Eatholifche Kirche jest fo ges 
wöhnlich für ihre Heiligen»DVerehrung anzuführen und 
zu benußen pflegt, ohne daß doc) diefe mit jener auch 
nur einige Nehnlichfeie hat. Denn wenn man in jener 





f) Homo humane venerandus, 
Deus solus timendus. Tatiani 
Orat. pro Christ. p. 162. Tert. 
Apologet. c. ı7. Praescriptum est 
nobis coelesti lege, ne quem alium 
adoremus praeter unicum illum 
legis ipsius auetorem Deum. Mag- 
num nefas est, adorare aliud prae- 
terquam Deum, ui condidit coe- 
lum et terram. cfr. Lactant, Inst. 
div. 1. I. c. 20. 1 IV. c. ı4. Tert. 
Scorp. c. 4 Praescribitur milii, ne 
quem alium adorem, aut quo- 

uo modo venerer, praeter uni- 
cum illum, qui ita mandat Clem, 
Recogn. 1..V. p. 30. Bon den 
Werken des Schöpfers fagt Dris 
genes: honore quidem digna es- 
se, non tamen etiam adoratione 
et cultu. Contra Cels. 1. I. p. 10. 
Wenn aber Arenäus ſagt: Sicut 
illa (Eva) seducra est, ut effu- 
geret Deum, sic haec (Maria) 


Suasa est, obedire Deo, ut Vir- 
ginis Evae Virgo. Maria fieret ad- 
vocata. Adv. haeres. 1. V. c. 6. 
und Bellarmin hiebey ausruft: 
quid clarius? De Sanct. beat. c. 
19. 55. fo folgt daraus noch gar 
nicht, daß ein Client überall den, 
der ibn berfriff, anrufen und 
mebr als menfchlich verebren müf- 
fe, und überdem ift gar nicht ges 
fagf, daß fie deswegen aub ung 
verfrefe. Es wird Maria die ad- 
vocata Evae genannt, nur wegen 
des Geborſams, den fie dem ihr 
erfcheinenden Engel bewies, und 
weil fie dadurch den Geborfam 
der Eva gegen den böfen Geift 
wieder guf machte. Nicht einmal 
zu gedenfen, daß adrocare in der 
Iateinifihen Ueberfsgung ſteht für 
TALURKAEN > welches gar nice 
einmal fo viel fagen will, 


— 467 


Zeit den Todestag des Märtyrer jährlich fo fromm und 
rührend beging, nämlicy als deffen Geburtstag, nämlich 
ing rechte, himmliſche Leben g), fo that man in Nückficht 
feines fchönen, heldenmüthigen Todes nur gerührter und 
erhabener, was für jeden Chriſten insgemein gefchab, 
der in dem Herrn entfchlafen war h), und mußte nun 
jede gemeinfame, feyerliche, religiöfe Erinnerung an dag 
fchöne Leiden und Sterben eines Blutzeugen, der Ger 
danfe an feine Beharrlichfeit und Tapferkeit und Die 
dadurch in Allen entflammte Entjchliegung, ihm ähnlich 
zu werden, [chen eine wahre Verehrung, eine Dulie feyn 
in irgend einem Sinn? Vielmehr um jeden Schein zu 
entfernen, fagt die Gemeinde zu Smyrna in dem Mar- 
tyrium ihres heiligen Polycarpus, daß ſolches keineswe— 
ges geſchehe, die Märtyrer anzubeten oder göftlich zu 
verehren, fondern nur um ihr Gedaͤchtniß zu feyern und 
die noch Lebenden auf ähnliche Fälle vorzubereiten i). 
Die Heiden hatten auf Jnfligation der Juden jenen 
Chriften den harten Vorwurf gemacht, daß fie den Po— 
Iycarpus, diefen ihnen fo theuren und glorreichen Hel— 
den des Chriftenthbumg, wenn fie hätten deffelben Koͤr— 
per aus dem Feuer erreichen fünnen, gewiß verehrt und 
Chriſto nachgeicht habeh würden. Von ſolchem fchreck- 
lichen Berdacht reinigt fich die Chriftengemeinde auf ei: 
ne Außerft mwürdige Weife k). Weiter wird berichtet, 


— — —ñ —ñ — — — — —e — —ñ— —e — —ñ— 


g) Tert. de corona mil. c. 3. 
Cyprian. epist. 34. 


bh) Tert. de monog. c. 10. 


i) — non ad adorandos, sed 
ad eorum, qui decertaverunt me- 
moriam et ad posterorum exerci- 
talionem atque praeparationem. 


Acta S. Polycarpi ap. Euseb. hist. 
eccl. 1. IV. c. 125. R 


%k) Atque haec illi Judaeis sub- 
monentibus obnixeque instantibus 
dixerunt, qui nos observabant; 
cum illum ex igne derepturi es- 
semus, illud f