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Full text of "Grundriss der Hygiene : für Studirende und praktische Ärzte, Medicinal- und Verwaltungsbeamte"

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GRUNDRISS 


DER 


HYGIENE 


FÜR  STÜDIRENDE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE, 
MEDICINAL-  UND  VERWALTÜNGSBEAMTE 


VON 


Db.  med.  CAKL  flügge, 

O.  G.  PROFESSOR  UND  DIREKTOR  DES  'fiTQIENISOHEN   INSTITUTS 

DER  UNIVERSITÄT   BRESLAU. 


FÜNFTE,  VERMEHRTE  UND  VERBESSERTE  AUFLAGE. 


MIT  173  FIGUREN  IM  TEXT. 


LEIPZIG 

VERLAG  VON   VEIT  &  COMP. 
•      1902 


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Brook  TOB  M0teg«r  A  Wittig  in  Leipzig; 


Vorwort  zur  fünften  Auflage. 


Der  „Ornndriss"  war  einige  Jahre  vergriffen,  weil  ich  leider  nicht 
Zeit  fand,  eine  neue  Auflage  za  bearbeiten.  In  dem  längeren  Zeitraum 
seit  dem  Erscheinen  der  vierten  Auflage  sind  aber  so  erhebliche  Fort- 
schritte  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der  Hygiene  zu  verzeichnen, 
dass  ich  nunmehr  eine  Töllige  Umarbeitung  habe  Tornehmen  müssen. 
Manche  Abschnitte  des  Buchs,  so  die  ,;Einleitung<',  Theile  der  ,,Mikro- 
organismen^',  der  ,, Wohnung'',  der  ^^parasitären  Krankheiten'',  das  Kapitel 
„Immunität"  u.  a.  ql  sind  völlig  neu  geschrieben;  ebenso  sind  zahl- 
reiche erläuternde  Abbildungen,  meist  nach  selbst  gezeichneten  Vor- 
lagen, neu  in  den  Text  eingefügt  An  verschiedenen  Stellen  habe 
ich  bisher  nicht  veröffentlichte  Resultate  eigener  Untersuchungen  sowie 
ErMnmgen  aus  meiner  praktisch -hygienischen  Thätigkeit  eingefugt 

Besonderen  Werth  habe  ich  auch  in  dieser  Auflage  darauf  gelegt, 
die  Lehren  der  wissenschaftlichen  Hygiene  in  streng  kritischer  Dar- 
stellung vorzutragen.  Ich  halte  dies  for  um  so  nöthiger,  je  mehr 
Versuche  gemacht  werden,  selbst  die  noch  ungenügend  geklärten 
Theile  der  Hygiene  populär  darzustellen  und  dabei  unbewiesene  oder 
unrichtige  Lehren  zu  verbreiten  oder  nebensächliche  Dinge  über  Ge- 
bühr aufisubauschen.  Die  Wirkung  chemisch  unreiner  Luft,  der  Mias- 
men- und  Parasitengehalt  der  freien  Atmosphäre,  die  Art  der  Ge- 
sundheitsschädigung durch  die  Wohnung,  der  Begriff  der  kräftigen 
Eost^  die  Bedeutung  des  individuellen  Schutzes  gegen  Infektionskrank- 
heiten sind  nur  einige  Beispiele,  bei  denen  die  Darstellungen  der  popu- 


1050; 9 


IV  Vorwort, 


lären  und  der  wissensohafüiohen  Hygiene  weit  auseinanderzugehen  pfleg- 
ten. Die  populäre  Hygiene  dieser  Art  ist  geradezu  ein  Hemmniss  für 
das  Bestreben  unserer  jungen  Wissenschaft,  die  Wahrheit  zu  erkennen 
und  durch  deren  Verbreitung  dem  Volke  wirklich  zu  nützen. 

Möge  der  ^^Grundriss^'  auch  in  seiner  neuen  Gestalt  sich  Freunde 
erwerben. 

Breslau,  Ende  Juli  1902. 

C.  FlBgge. 


Inhalt. 


Seite 

Einleitoxig 1 

Erstes  Kapitel. 

Die  Mikroorganismen 20 

I.  Fungi,  Faden-  (Schimmel-)pilze 26 

n.  Blastomjcetes,  Sprosspilze 29 

m.  Schizomjcetes,  Spaltpilze,  Bakterien 82 

a)  Morphologisches  Verhalten 82 

b)  Lebensbedingungen  der  Spaltpilze 87 

c)  Lebensäusserongen  der  Spaltpilze 42 

d)  Absterbebedingangen  der  Spaltpilze 46 

e)  Die  diagnostische  Unterscheidung  und  systematische  Eintheilung 

der  Spaltpilzarten 58 

f)  Beschreibung  der  wichtigsten  Bakterienarten 56 

1.  Coccaceae 56 

2.  Bacillaceae 60 

8.  Spirillaceae 74 

rV.  Streptothricheae 78 

V.  Protozoen 81 

Zweites  Kapitel. 

Witterung  und  Klima 90 

I.  Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren ^    .     .    .    .  92 

A.  Temperatur  der  Atmosphäre 92 

Oertliche  und  zeitliche  Schwankungen  der  Temperatur   ...  98 
Hygienischer  Einfluss  der  beobachteten  Temperaturgrade  und 

Temperaturschwankungen 96 

a)  Die  Einwirkung  hoher  Temperaturen 99 

b)  Die  Einwirkung  niedriger  Temperaturen 102 

B.  Die  Luftfeuchtigkeit 106 

Yertheiiung  der  Luftfeuchtigkeit  auf  der  Erdoberfläche  .    .  107 

Oertliche  Yertheiiung  der  Luftfeuchtigkeit 108 

Jahreszeitliche  Yertheiiung  der  Luftfeuchtigkeit 109 

Hygienische  Bedeutung  der  Luftfeuchtigkeit 110 

C.  Der  Luftdruck 115 

Oertliche  und  zeitliche  Yertheiiung  des  Luftdrucks      .    .    .  116 

Hygienische  Bedeutung  der  Luftdruckschwankungen    .    .    .  117 


VI  Inhalt 

Seite 

D.  Die  Laftbewegang 120 

Vertheilung  der  Luftbewegong  auf  der  Erdoberfläche  .    .    .  121 

Hygienische  BedeatuDg  der  Laftbewegang 128 

E.  Die  Niederschlftge 124 

Die  hygienische  Bedeutang  der  Niederschläge 125 

F.  Sonnenscheindaaer;  Licht;  Elektricität 126 

II.  Allgemeiner  Charakter  und  hygienischer  Einflass  von  Witterang 

and  Klima 128 

A.  Die  Witterang 128 

Jahreszeitliche  Vertheilung  der  Todesfälle 181 

B.  Das  Klima 134 

1.  Die  tropische  (and  subtropische)  Zone 135 

ELrankheiten  der  Tropensone 186 

2.  Die  arktische  Zone 188 

Krankheiten  des  polaren  Klimas 138 

8.  Die  gemässigte  Zone 139 

Krankheiten  der  gemässigten  Zone 140 

4.  Das  Höhenklima 142 

Krankheiten  des  Höhenklimas 143 

Acclimatisation 145 

Drittes  KapiteL 

Die  gas-  und  staubförmigen  Bestandtheile  der  Luft 149 

I.  Chemisches  Verhalten 149 

1.  Der  Sauerstoff 150 

2.  Ozon  und  Wasserstoffiraperoxyd 151 

8.  Kohlensäure 153 

4.  Sonstige  gasförmige  Bestandteile  der  Luft 155 

IL  Der  Luftstaub 161 

1)  Grob  sichtbarer  Staub 168 

2)  Bauch  und  Buss 163 

8)  Die  Sonnenstäubchen 164 

4)  Die  Mikroorganismen 164 

Viertes  Kapitel. 

Der  Boden 171 

I.  Die  Oberflächengestaltung  und  geognostisches  Verhalten   .    .    .    .  171 

II.  Die  mechanische  Struktur  der  oberen  Bodenschichten 178 

a)  Komgrösse,  Porenvolum,  Porengrösse 178 

b)  Flächenwirkungen  des  Bodens »    ...  176 

m.  Temperatur  des  Bodens 179 

rV.  Chemisches  Verhalten  des  Bodens 180 

V.  Die  Bodenluft 182 

VI.  Verhalten  des  Wassers  im  Boden 184 

A.  Das  Grundwasser 185 

B.  Das  Wasser  der  oberen  Bodenschichten 190 

VlL  Die  Mikroorganismen  des  Bodens 193 


Inhalt  Yn 

Seit« 

Fünftes  Kapitel. 

Das  Wasser 197 

A.  Allgemeine  Beschaffenheit  der  natürlichen  Wässer 198 

B.  Die  hygienischen  Anfordemngea  an  Trink-  and  Brauchwasser  202 

C.  Die  Untersuchnng  and  Beartheilung  des  Trinkwassers    .    .    .  206 

D.  Die  Wasserversorgung 217 

1.  Lokale  Wasserversorgung 217 

2.  Centrale  Wasserversorgung 220 

Eis.    Kfinstliches  Selterwasser 228 

Sechstes  Kapitel. 

Ernfthrung  und  Nahrungsmittel 280 

A.  Die  Deckung  des  Nährbedarft  des  Menschen 280 

L  Die  Bedeutung  der  einzelnen  Nährstoffe 230 

1.  Die  Eiweissstoffe 281 

2.  Die  Fette 283 

8.  Die  Kohlehydrate 284 

4.  Das  Wasser 285 

5.  Die  Salze 286 

6.  Die  Genuss-  und  Beizmittel    . 286 

n.  Quantitative  Verhältnisse  des  Nähistoff  bedarf» 289 

1.  Erhaltung  des  Körperbestandes  (Ejrhaltungskostmaass) .    .  240 

2.  Eiweiss-(Fleisch-)Ansatz  beim  Erwachsenen 242 

8.  Fettansatz 248 

4.  Fettveriust 244 

ni.  DieAuswahl  der  Nahrungsmittel  zur  Deckung  des  Nährstoff  bedarfiB  245 

1.  Die  Ausnutzbarkeit  und  Verdaulichkeit  der  Nahrungsm  itttel  245 

2.  Aufbewahrung  und  Zubereitung  der  Nahrungsmittel    .    .  248 

8.  Das  Volum  der  Nahrung 250 

4.  Die  Temperatur  der  Nahrung 250 

Zusammensetzung  einer  rationellen  Kost 251 

Verhältniss  der  animalischen  und  vegetabilischen  Nah- 
rungsmittel    251 

Preise  der  Nahrungsmittel 255 

Kost  in  öffentlichen  Anstalten 260 

B.  Die  einzelnen  Nahrungsmittel 268 

1.  Die  Kuhmilch 268 

a)  Die  Zersetzungen  der  Milch 264 

b)  Die  Fälschungen  der  Milch 267 

c)  Krankheitserreger  und  Gifte  der  Milch 268 

Prophylaktische  Maassregeln: 

1.  Die  Untersuchung  und  Controle  der  Milch    ....  270 

2.  Die  Ueberwachung  der  Milchwirthschaften    ....  274 

8.  Präparation  der  Milch  vor  dem  Verkauf 274 

4.  Präparation  der  Milch  nach  dem  Kauf 278 

2.  Die  Ernährung  der  Kinder  mit  Milch  und  Milchsurrogaten      .  278 


vm  Inhalt 

Seite 

Der  Nährstoffbedarf  des  Kindes 278 

a)  Die  Ernährang  des  Kindes  mit  Frauenmilch 280 

b)  Die  Ernährung  des  Kindes  mit  Kuhmilch 282 

c)  Die  Ernährung  des  ELindes  mit  besonders  präparirter  Kuh- 

milch und  Milchsurrogaten 290 

8.  Molkereiprodukte 291 

Die  Rahm-(ÄIilch-)butter 291 

Die  Kunstbutter 294 

.4.  Fleisch 296 

Gesundheitsschädigungen  durch  Fleischgenuss: 

1.  Thierische  Parasiten  des  Fleisches 297 

2.  Uebertragbare  Krankheiten  der  Schlachtthiere  .    .    .  301 

3.  Postmortale  Veränderungen  des  Fleisches      ....  303 

4.  Seltenere  Anomalien  des  Fleisches 305 

Prophylaktische  Maassregeln: 

1.  Vorsieh tsmaassregeln  bei  der  Viehhaltung     ....  306 

2.  Fleischbeschau 306 

3.  Aufbewahrung  des  Fleisches  nach  dem  Schlachten    .  309 

4.  Zubereitung  des  Fleisches 312 

a)  Kochen  und  Braten 312 

b)  Gonservirungsmethodeu 313 

Leicht  verdauliche  Fleischpräparate 315 

5.  Vegetabilische  Nahrungsmittel 817 

a)  (Jetreide,  Mehl,  Brot .  317 

b)  Leguminosen 323 

c)  Kartoffeln 323 

d)  Die  übrigen  Gemüse 324 

Leicht  verdauliche  Vegetabilien 325 

6.  Crenussmittel 326 

a)  Alkoholische  Getränke 826 

b)  Kaffee,  Thee,  Cacao 331 

c)  Tabak 332 

d)  Gewürze 333 

Siebentes  KapiteL 

Kleidung  und  Hautpflege 334 

Eigenschaften  der  Stoffelemente  der  Kleidung 835 

Eigenschaften  der  zu  Geweben  verarbeiteten  Kleiderstoffe    .    .    .  337 

Die  Beziehungen  der  Kleidung  zur  Wärmeabgabe 339 

Beziehungen  der  Kleidung  zur  Wasserdampfabgabe  des  Körpers  342 

Schutz  des  Körpers  gegen  Wärmestrahlen  .    .     .    ^ 342 

Achtes  KapiteL 

Die  Wohnung  (Wohnhaus-  und  Städteanlagen) 347 

L  Vorbereitungen  für  den  Bau  des  Wohnhausee 348 

A.  Wahl  und  Herrichtung  des  Bauplatzes 348 


Inhalt.  IX 

Seite 
ß.  Die  verschiedenen  Formen  des  Wohnhauses  und  ihre  hygie- 
nische Bedeutung 349 

C.  Städtische  Behauungspläne 358 

D.  Bauordnung  und  Wohnungscontrole 356 

E.  Der  Bauplan  für  ein  Wohnhaus 360 

11.  Fundamentimng  und  Bau  des  Hauses 367 

III.  Austrocknungsfrist;  feuchte  Wohnungen 873 

IV.  Temperatur-Regulirung  der  Wohnräume 378 

A.  Temperatur-Eegulirung  im  Sommer 378 

B.  Temperatur-Begulirung  im  Winter 382 

a)  Lokalheizungen 387 

h)  Centralheizungen 393 

Luftheizung 393 

Wasserheizung 398 

Dampfheizung 400 

V.  Ventilation  der  Wohnräume 403 

A.  Der  quantitative  Ventilationsbedarf 404 

B.  Die  Deckung  des  Ventilationsbedarfs 406 

1.  Natürliche  und  künstliche  Ventilation 406 

2.  Systeme  der  künstlichen  Lüftung 407 

8.  Anordnung  der  Ventilationsöfinungen 408 

4.  Motoren 409 

C.  Prüfung  der  Ventilationsanlagen 415 

D.  Leistung  der  Ventilationsanlagen 416 

VL  Beleuchtung 419 

A.  Tageslicht 419 

B.  Künstliche  Beleuchtung 427 

VIL  Entfernung  der  AbfellstoflFe 488 

A.  Die  Beschaffenheit  der  Abfallstoffe 439 

B.  GresundheitsBchädigungen  durch  die  Abfallstoffe 442 

C.  Die  einzelnen  Systeme  zur  Entfernung  der  Abfallstoffe   .     .     .  445 

1.  Abfuhrsysteme 445 

Das  Grubensystem 445 

Das  Tonnensystem 448 

Abfuhr  mit  Präparation  der  Fäkalien 451 

2.  Schwemmcanalisation 455 

a)  Anlage  und  Betriebe  der  Canäle 456 

b)  Beseitigung  des  Canalinhalts 464 

Einlauf  in  die  Flüsse 464 

Bodenfiltration  und  Berieselung 467 

Das  Oxydationsverfahren  (Biologisches  Verfahren)  470 

Mechanische  und  chemische  Klärung 473 

3.  Die  Separationssysteme 481 

4.  Der  Kehricht  und  die  Thiercadaver 486 

VUL  Leichenbestattung 48^ 


X  Inhalt 

Seite 

IX.  Besondere  bauliche  Anlagen 498 

I.  Schulen 494 

A.  Bauliche  Einrichtungen 496 

B.  Mobiliar  und  Utensilien 500 

C.  Betrieb  der  Schulen 503 

IL  Krankenhäuser 508 

Kenntes  Kapitel. 

Beruf  und  Beschäftigung  (Gewerbehjgiene) 516 

A.  Aetiologie  und  Prophylaxis  der  Arbeiterkrankheiten 518 

I.  Gesundheitsschädigungen    durch   die  allgemeinen  hygienischen 

Verhältnisse 518 

n.  G^esundheitsschädigungen    durch    die   Beschäftigungsweise   der 

Arbeiter 521 

1.  Die  Arbeitsräume 521 

2.  Die  Muskelarbeit  und  die  Körperhaltung 522 

8.  Schädigung  der  Sinnesorgane 528 

4.  Gesteigerter  Luftdruck 524 

5.  Excessive  Temperaturen 525 

6.  Einathmung  von  Staub 526 

7.  Einathmung  giftiger  Gase 580 

8.  Beschäftigung  mit  giftigem  Arbeitsmaterial 588 

9.  Gefährdung  der  Arbeiter  durch  Contagien 589 

10.  ünfiQle 541 

a)  UnfEÜle  in  Bergwerken 541 

b)  UnfEÜle  durch  ezplosionsfthiges  Material 548 

c)  UnfUle  durch  Maschinenbetrieb 548 

B.  Belästigung  und  Schädigung  der  Anwohner  durch  Gewerbebetriebe  546 

Zehntes  Kapitel. 

Die  parasitären  Krankheiten 551 

I.  Die  Infektionsquellen 557 

A.  Die  Bescha£fenheit  der  Infektionsquellen 557 

B.  Femhaltung,  Beseitigung  und  Vernichtung  der  Infektionsquellen  560 

1.  Femhaltung  der  Infektionsquellen 560 

2.  Mechanische  Beseitigung  der  Infektionsquellen  ....  568 
8.  Vernichtung  der  Krankheitserreger,  Desinfektion  .  .  .  564 
Ausführung  der  Desinfektion 578 

IL  Die  Infektionswege 584 

II L  Die  individuelle  Disposition  und  Immunität 589 

A.  Wesen  und  Ursachen  der  Disposition  und  Immunität     .    .    .  590 

1.  Aeussere  Ursachen 590 

2.  Innere  Ursachen 591 

a)  Die  Phagocytose 592 


Inhalt  XI 

Seite 

b)  Schntzstofie  im  Blut  und  in  anderen  Säften  des  Körpers  594 

Antitoxine .     .  594 

Agglutinine  und  Präcipitiue 598 

Cjtoljsine  (Bakteriolysine,  Hämolysine  u.  s.  w.)    .    .  601 
B.  Die  absichtliche  Herstellang  der  Immunität  und  die  Scbutz- 

impfdngen 606 

1.  Erhöhung    der   allgemeinen    Resistenz   gegen    parasitäre 

Krankheiten 606 

2.  Specifische  Schutzimpfungen 607 

A.  Active  Immunisirung  durch  Einverleibung  der 
Krankheitserreger  oder  ihrer  wirksamen  Bestand- 
theile 607 

B.  Passive  Immunisirung  durch  Uebertragung  von 
Serum  hoch  immnnisirter  Thiere 613 

C.  'Combinirte  active  und  passive  Immunisirung     .    .  615 
IV.  Die  örtliche  und  zeitliche  Disposition  zu  Infektionskrankheiten  .    .616 

Specielle  parasitäre  Krankheiten 628 

1.  Cholera  und  Diarrhoea  infantum 623 

2.  Diphtherie 626 

3.  Cholera  asiatica 628 

4.  AbdominaltTphus 637 

5.  Variola 642 

6.  Scharlach,  Masern,  Flecktyphus 650 

7.  Influenza 652 

8.  Pest 655 

9.  Bialaria 658 

10.  Tuberkulose 668 


Anhang. 

Die  wichtigsten  hygienischen  Untersuchungsmethoden   .    .    .  672 

L  Allgemeine  Methodik  der  bakteriologischen  Untersuchung     .    .    .  672 

A.  Mikroskopische  Untersuchung 672 

B.  Culturverfahren 677 

IL  Specielle  parasitologische  Diagnostik 680 

1.  Abdominaltyphus 680 

2.  Cholera 683 

8.  Diphtherie 685 

4.  Tuberkulose 687 

5.  Pest 688 

1 .  Gewinnung  des  zur  Untersuchung  geeigneten  Materials  688 

A.  Vom  Lebenden 688 

B.  Von  der  Leiche 689 

2.  Gang  der  Untersuchung 689 

6.  Malaria 691 


xn  Inhalt 

Seite 

III.  Bestimmung   der   Luftfeuchtigkeit   mittelst  des   Schleuderpsychro- 

meters 692 

IV.  Bestimm iing  des  COfGehalts  der  liuft 695 

A.  Grenaue  Bestimmung 695 

B.  Approximative  Bestimmung 696 

V.  Chemische  Trinkwasser-Analyse 697 

1.  Organische  Stoffe  (Sauerstoffverbrauch) 697 

2.  Ammoniak 698 

3.  Salpetrige  Sfiure 698 

4.  Salpetersäure 699 

5.  Chloride 699 

6.  Härte 700 

VI.  Die  Bestimmung  des  Milchfetts  mittelst  des  Laktobutyrometers      .  701 

Register 702 

Errata 714 


Einleitung. 


Zahlreiche  statistische  Erhebmigen  über  die  Sterblichkeitsverhält- 
nisse  der  jetzt  lebenden  Menschen  liefern  uns  den  Nachweis,  dass  wir 
Yon  dem  biblischen  Ideal  ^^Unser  Leben  währet  70  Jahr''  weit  entfernt 
sind.  Wenn  dies  Alter  die  normale  Orenze  darstellt,  an  welcher  der 
menschliche  Körper  im  Kampf  um's  Dasein  erschöpft  wird,  so  moss 
eine  ausschliesslich  aus  solchen  normalen  Individuen  bestehende  Be- 
völkerung eine  jährliche  Sterblichkeit  von  14*8  p.  m.  zeigen,,  d.  h.  auf 
1000  Lebende  müssen  im  Jahre  14*3  Gestorbene  ent&Uen.  Es  befinden 
sich  alsdann  unter  jenen  1000  Lebenden  14-3  im  ersten  Lebensjahre, 
14.3  im  zweiten,  und  so  fort  bis  schliesslich  14-3  im  70.  Lebensjahre. 
Nor  die  letzte  Altersklasse  stirbt  im  laufenden  Jahre  fort,  und  die  Zahl 
der  Bevölkerung  wird  dafür  durch  14-3  Lebendgeborene  regenerirt, 
welche  wiederum  je  eine  Lebenserwartung  von  70  Jahren  haben. 

Selbstverständlich  müssen  in  Wirklichkeit  gewisse  Abweichungen 
von  diesem  Schema  auftreten.  Auch  bei  einer  unter  den  günstigsten 
Verhältnissen  lebenden  Bevölkerung  wird  die  Mortalität  grösser,  die 
dorchschnittliche  Lebenserwartung  geringer  und  insbesondere  die  Ver- 
theilung   der  einzelnen  Altersklassen  weit  weniger  gleichmässig  sein. 

Betrachten  wir  aber  die  Bewegung  der  Bevölkerung  in  den  mo- 
dernen civilisirten  Ländern,  so  werden  wir  überrascht  durch  ihr  völlig 
abnormes  und  zugleich  nach  Ländern  und  Bevölkerungsgruppen  wech- 
selndes Verhalten. 

Die  folgende,  für  Preussen  abgeleitete  Sterblichkeitstafel  zeigt  zwar, 
dass  die  absolute  Zahl  der  Todesfalle  unter  den  erwachsenen  Lebens- 
iltem  bei  etwa  70  Jahren  am  grössten  ist  (ein  gesetzmässiges  Ver- 
halten, das  auch  für  andere  europäische  Länder  statistisch  festgestellt 
wurde);  dass  aber  im  Oesammtdurchschnitt  die  Lebenserwartung  viel 
geringer  ist,  und  dass  namentlich  den  niederen  Altersklassen  bis  zum 
dritten  Jahre  eine  enorm  hohe  Sterblichkeit  zukommt    (Tab.  1.) 

In  Tabelle  2  ist  ferner  die  Zahl  der  Todesfalle  pro  1000  Menschen 
in  den  grösseren  europäischen  Staaten  angegeben.  Die  Sterblichkeit 
zeigt  danach  in  verschiedenen  Ländern  sehr  bedeutende,  bis  100  Prozent 
steigende  Schwankungen. 

PUkMB,  OnudriM.    V.  Aufl.  1 


2 

Einleitung. 

Tabelle  1. 

1 
i 

Sterbetafel  fttr  Preossen  1890/1891. 

1 

1 

,    Wahrscheinliche 

Alter 

in 

vollen 

Jahren: 

Zahl  der  zu  Anfang  der 
\  nebenbezeichneten  Älters- 

1     stufen  Ueberlebenden 

* 

Absterbeordnnnsr: 

1 

Von  Taosend  ster- 
ben jährlich  bis 
,  zor  Erreichung  der 
nächsten  Alters- 
stufe: 

i 

Lebensdi 

ren  vom 

die  neb 

nete  Alte 

ger 

Lebens« 
M. 

iuer  in  Jah- 
Eintritt  in 
enbezeich- 
(rsklasse  an 
echnet 

rwartnng: 

M. 

W. 

M. 

W. 

W. 

0 

1 
100  000 

100  000 

220-9 

188*7 

45.7 

51*5 

1 

1 

77  911 

1 

81135 

65-4 

63. 0 

56. 2 

,       600 

2 

,        72  820       , 

76  027 

28*6 

28-2 

,       57*4 

60*9 

3 

70  740 

i 

?8  885 

191 

18.8 

57.2 

60. 7 

4 

69  890 

72  497 

13. 8 

14-0 

56*7 

60. 2 

5 

68  480 

1 
71  486 

6-9 

72 

56*1 

59-5 

10 

66 119       1 

68  954 

32 

3-8 

51*9 

1 

55. 8 

15 

65  068       1 

1 

67  663 

47 

42 

47.3 

507 

20 

63  566 

66  244 

'         65 

5.3 

42*9 

461 

25 

61  589       ; 

64  507 

6*9 

6-7 

38*6 

41*6 

80 

1 
1 

59  454       ' 

62  375 

8.3 

8-1 

34.4 

872 

35 

57  083 

59  898 

10. 5 

9-4 

30. 2 

1 

82*9 

40 

54115 

57  138 

136 

10. 3 

26*2 

28*7 

45 

50  544 

54  245 

16. 7 

11.7 

223 

24*5 

50 

46  462 

i 

51  147 

21.9 

15. 5 

18. 6 

20*4 

55 

41  590 

47  297 

30-1 

1 

23. 5 

15*2 

16*4 

60 

35  702 

41  995 

41-6 

35.3 

1       120 

12*8 

65 

28  876 

35  081 

61-4 

56*2 

9.1 

9-6 

70 

1        21 039 

26  276 

91. 7 

86-8 

6.8 

71 

75 

13  005 

16  689 

140-2 

133. 4 

4.7 

4.9 

80 

6  111 

8  156 

212.6 

198*3 

3*6 

3.7 

85 

1849 

2  701 

287. 3 

268*1 

8*1 

32 

90 

340 

567 

395-8 

342 . 3 

2*7 

2-9 

95 

27 

70 

388.5 

408. 1 

2-7 

27 

100 

2 

5 

Einleitong. 

Tabelle  2. 


Gestorben  auf  1000  Einwohner: 

1874—88 

1884—98 

Deutschland   .... 

26-2 

24-6 

Oesterreich 

80-6 

28-8 

Ungarn .    .     . 
Frankreich 

85-9 
22-4 

32-2 
22*4 

England 
Schweden  .    . 

20-7 
18-4 

19-2 
16-9 

Norwegen  .    . 
Italien    a    . 

17-2 
291 

16-9 
26*9 

Russland    .    . 

85*4 

1 

84. 7 

Noch  stärkere  örtliche  Contraste  ergeben  sich  z.  B.  bei  einer 
Parallele  ans  den  Jahren  1849 — 57  zwischen  17  landlichen,  relativ  ge- 
sunden Distrikten  Englands  und  den  Distrikten  von  Liverpool  und 
Manchester  (Tab.  3).  Am  bedeutendsten  fallen  endlich  die  Schwan- 
kungen aus,  wenn  die  Wohlhabenheit  einer  stadtischen  Bevölkerung 
oder  auch,  als  Ausdruck  derselben,  die  Höhe  der  Miethe  in  Rechnung 
gezogen  wird  (Tab.  4,  Breslau,  1890). 

Tabelle  3. 


1 

1 

Von  1000  starben  jährlich : 

In  den 
51  Healthy 
1     Districts 

17-56 

In  den 

Manchester 

Districts 

In  den 
Liverpool 
Districts 

Männer  . 

1 
1 

85*88 

40-97 

Weiber  . 

16.23 

80- 46 

36*36 

Tabelle  4. 

Betrag  der                   Auf  1000  Einwohner 

Wohnungsmiethe:         |             Qestorbene: 

bis    800  Mka                                20-7 

„      750    „               ,                     11. 2 

„    1500     „                '                     10.7 

über  1500     ,, 

1 

65 

Diese    verschiedene   Mortalität    der  einzelnen   Altersklassen;    die 
kolossale  Steigerung  der  Todesfälle  in  den  ersten  Lebensjahren;  und  die 


4  Einleitung. 

starken  Contraste  der  Sterblichkeit  zwischen  verschiedenen  Landern  and 
Bevölkerongsklassen  lassen  die  jetzige  Absterbeordnung  nicht  etwa  als 
einfache  Folge  gewisser  nnabänderlicher,  theils  vererbter,  theils  erworbe- 
ner krankhafter  Abweichungen  des  menschlichen  Körpers  erscheinen. 

Wir  sehen  vielmehr,  dass  in  den  Health j-districts  Englands  und 
bei  den  Wohlhabenden  Verhältnisse  vorliegen,  welche  dem  erreichbaren 
Ideal  sehr  nahe  kommen.  Die  Oesammtmortalitat  hält  sich  dort 
zwischen  16  und  17  pro  Mille,  die  vorwiegende  Betheiligung  des  Säng- 
lingsalters  tritt  ganz  znrück,  und  es  ist  damit  gleichsam  eine  Norm 
geliefert,  welche  den  unvermeidlichen  Störungen  der  idealen  Absterbe- 
ordnung BechnuDg  trägt  und  f&r  die  Praxis  Gültigkeit  beanspruchen  darf. 

Wenn  nun  die  Bewegung  der  Bevölkerung  in  den  weitaus  grössten 
Theilen  der  civilisirten  Länder  auch  von  dieser  Norm  so  ausserordent- 
lich abweicht,  dann  berechtigt  uns  das  zu  der  Annahme,  dass  allerlei 
unnatürliche  und  abnorme  äussere  Verhältnisse,  unter  denen  der  heutige 
Culturmensch  zu  leben  gezwungen  ist,  seine  Existenz  erschweren  und 
sein  vorzeitiges  Erliegen  bewirken.  Es  ist  von  vornherein  wahrschein- 
lich, dass  manche  jener  schädigenden  Momente  vermeidbar  und  viele 
der  jetzt  vorherrschenden  Todesursachen  durch  menschliches  Zuthun 
einer  Einschränkung  zugänglich  sind. 

In  Tabelle  5  ist  angegeben,  mit  welchem  Procentsatz  sich  die 
einzelnen  Krankheiten  an  der  Oesammtmenge  der  Todesfälle  betheiligen. 
Trotzdem  diese  Statistik  noch  vielfache  Mängel  aufweist,  welche  nament- 
lich in  der  grossen  Zahl  der  unbekannten  resp.  der  unbrauchbar 
benannten  Todesursachen  liegen  (namentlich  „Krämpfe^';  vgl.  unten 
Kap.  X  „Cholera  infantum'^  so  lässt  sich  aus  derselben  doch  so  viel 
entnehmen,  dass  allein  28  Procent  aller  Todesfalle  auf  Infections- 
krankheiten  und  Ernährungsstörungen  der  Kinder  zu  rechnen  sind; 
10—12  Procent  entfallen  auf  Tuberkulose,  12  Procent  auf  andere  In- 
fectionskrankheiten,  8 — 13  Procent  aufsog.  Erkältungskrankheiten.  Die 
grosse  Mehrzahl  aller  Todesßlle  ist  also  auf  Infectionen,  Anomalieen  der 
Nahrang  und  Störung  der  Wärmeregulirung  zurückzuführen ;  d.  h.  die 
tödtlichen  Erkrankungen  kommen  zum  grösseren  Theile  durch  unmittel- 
bare Einwirkung  von  schädlichen  Einflüssen  unserer  äusseren 
Umgebung  auf  den  bis  dahin  gesunden  Körper  zu  Stande. 

Die  Bedeutsamkeit  der  äusseren  Umgebung  für  den  Oesundheits- 
zustand  einer  Bevölkerung  kann  im  Gründe  für  uns  nichts  Ueber- 
raschendes  haben.  Physiologie  und  Pathologie  haben  uns  längst  gelehrt, 
dass  der  Mensch  nur  lebensfähig  ist  durch  einen  steten  regen  Wechsel- 
verkehr mit  seiner  Umgebung,  aus  welcher  er  Nahrung,  Wasser,  Luft  u.s.  w. 
aufnimmt,  an  virelche  er  Wärme,  Wasser,  Kohlensäure  und  eine  Beihe 


Einleitung. 

Tabelle  5. 


Todesursachen. 


In  Preassen  betrafen 
von  den  nebenbezeich- 
neten Todesursachen 
unter    100   TodesfiUlen 

1892: 


1.  Angeborene  Lebensscbwftche 

2.  Atrophie  der  Kinder 

8.  Einheimischer  Brechdurch^edl 

4.  Diarrhoe  der  Kinder 

5.  KriUnpfe  der  Kinder 

6.  Pocken 

7.  Scharlach 

8.  Masern  und  Böthein 

9.  Diphtherie  und  Croup 

10.  Keuchhusten 

11.  Typbus 

12.  Flecktyphus 

13.  Buhr  (Dysenterie) 

14.  Tuberkulose  

15.  Skropbeln  und  englische  Krankheit 

16.  LuftrOhrenentzündung  und  Lungenkatarrh      .     . 
17^  Lungen-  und  Brustfellentzündung 

18.  Andere  Lungenkrankheiten 

19.  Akuter  Gelenkrheumatismus 

20.  Herzkrankheiten , 

21.  Gehimkrankheiten 

22.  Nierenkrankheiten 

23.  Wassersucht 

24.  Krebs 

25.  Apoplexie 

26.  Altersschwäche  (über  60  Jahre) 

27.  Selbstmord 

28.  Mord  und  Todschlag 

29.  Un^ücksfftlle 

80.  Andere  nicht  angegebene  u.  unbek.  Todesursachen 


5*62 
2*50 
810 
2*35 

14-83 
001 
0-88 
1-49 
5-62 
1.96 
0-87 
000 
014 

10-64 
0-4 
4-06 
7-31 
1-81 
0-22 
135 
2-13 
0-98 
2-06 
213 
4-22 

10-44 
0-85 
007 
1.56 
9-66 


Ton  anderen  Excreten  abgiebt;  dass  aber  nur  eine  Umgebung  von 
bestimmter,  in  gewissen  engen  Grenzen  schwankender  Beschaffenheit 
einen  normalen  Ablauf  des  Lebens  ermöglicht  Auf  jede  zu  intensive 
oder  zn  anhaltende  Abweichung  im  Verhalten  der  äusseren  Umgebung 
reagirt  der  Körper  mit  krankhafter  Störung. 

So  spielt  z.  B.  die  uns  umgebende  Luft  eine  wichtige  Bolle  bei 


6  Einleitmig. 

der  Entwännung  des  Körpers.  Je  nach  der  Temperatar,  der  Feuchtig- 
keit und  der  Bewegung  der  Luft  schwankt  die  Menge  der  durch  die- 
selbe dem  Körper  entzogenen  Wärme,  und  dieser  muss  fortwährend  feine 
RegulirYorrichtungen  in  Thätigkeit  setzen,  um  unter  der  wechselnden 
Beschaffenheit  der  Aussenluft  seine  Eigentemperatur  zu  bewahren.  Er- 
hebt sich  aber  die  Temperatur  und  Feuchtigkeit  der  Luft  über  einen 
gewissen  Orad  hinaus,  so  stösst  die  erforderliche  Entwännung  des 
Körpers  auf  unüberwindliche  Schwierigkeiten,  und  es  resultiren  schwere 
Störungen  in  den  Funktionen  des  Organismus.  Ebenso  wenn  zu  plötz- 
liche und  intensive  Schwankungen  der  Luftwärme  eintreten,  versagt 
die  sonst  schützende  Begulirung,  und  es  kommt  zu  krankhaften  Affek- 
tionen. 

Die  Aussenluft  ist  dann  noch  in  anderer  Beziehung  wichtig.  Im 
Austausch  mit  dem  Körper  verliert  sie  allmählich  Sauerstoff  und  ninmit 
dafür  Kohlensäure  und  andere  Excrete  auf;  schliesslich  wird  sie  derart 
verändert,  dass  Störungen  des  Wohlbefindens  und  Krankheitssjmptome 
eintreten,  wenn  der  Mensch  dauernd  in  derselben  Luft  zu  athmen  ge- 
zwungen ist  Nur  dann  bleiben  die  Störungen  aus,  wenn  eine  stete 
Zufuhr  reiner  Aussenluft  in  solchem  Maasse  stattfindet ,  dass  die  Ver- 
änderung der  Luftbeschaffenheit  sich  innerhalb  gewisser  Grenzen  hält  — 
Femer  bringen  wir  bei  der  Athmung  sehr  grosse  Mengen  Luft  in 
innige  Berührung  mit  Theilen  der  Lungenoberfläche,  welche  für  die 
Ansiedelung  gewisser  Parasiten  besonders  empfänglich  sind.  Sorgen 
wir  nicht  dafür,  dass  die  Aussenluft  frei  von  solchen  parasitären  Keimen 
gehalten  wird,  so  können  schwere  Erkrankungen  die  Folge  sein. 

Weiter  gehören  zu  der  Aussenwelt,  mit  welcher  wir  täglich  in 
engste  Beziehung  treten,  Boden  und  Wasser;  beide  dienen  eventuell 
als  Ansied^lungsstätte  für  Infektionserreger,  und  dann  sind  sofort  eine 
Menge  von  Gelegenheiten  zur  IJebertragung  der  pathogenen  Keime  auf 
den  Menschen  und  unter  Umständen  zur  plötzlichen  Ausbreitung  von 
Epidemieen  gegeben.  —  Aus  der  äusseren  Umgebung  entnehmen  wir 
ferner  die  Nahrungsmittel,  die  in  bestimmter  Quantität  erforderlich 
sind,  um  den  Bestand  des  Körpers  zu  erhalten.  Auch  hier  aber  be- 
drohen uns  verschiedene  Gefahren;  eine  falsche  Zusammensetzung  der 
Kost,  6in  Ueberwiegen  oder  ein  Fehlen  des  einen  oder  anderen  Nähr- 
stofiis,  ein  Durchsetzen  der  Nahrung  mit  Fäulnissorganismen  und  deren 
Produkten,  oder  gar  ein  Anhaften  von  Parasiten  kann  zur  Krankheits- 
ursache werden. 

Noch  mannigfaltiger  gestalten  sich  die  Einflüsse  der  Aussenwelt 
in  Folge  der  künstlichen  Einrichtungen,  durch  welche  der  Cultur- 
mensch  seine  natürliche  Umgebung  modificirt,  zum  Theil  in  der  be- 


Einleitang.  7 

wQssten  Absicht,  sich  gegen  die  Ge&hren  der  letzteren  zu  schützen.  Er 
wählt  sich  zweckentsprechende  Kleidung,  baut  sich  Wohnungen,  gründet 
Städte ;  durch  Industrie  und  Verkehrsmittel  macht  er  sich  unabhängig 
Ton  jeder  örtlichen  und  zeitlichen  Beschrankung  seiner  Bedarfsmittel; 
er  sdiafft  sich  von  fernher  reines  Wasser,  wo  die  Oertlichkeit  kein 
solches  gewahrt;  er  importirt  fehlende  Nahrungsmittel  und  conservirt 
die  überschüssig  vorhandenen.  Durch  die  ganze  so  geschaffene  künst- 
liche Umgebung  können  aber  wieder  neue  schädliche  Momente  ein- 
geführt werden.  Die  Wohnung  mag  gegen  Witterungseinflüsse  Schutz 
gewähren ;  aber  leicht  hemmt  sie  auch  den  normalen  Gasaustausch  des 
Körpers,  führt  zur  Anhäufung  von  Abfallstoffen  und  zur  Au&ahme 
Ton  Infektionskeimen.  Das  hergeleitete  Wasser  mag  frisch  und  rein 
sän;  aber  möglicherweise  nimmt  es  giftige  Stoffe  aus  dem  Material 
der  Leitung  aul  Die  Nahrung  mag  selbst  für  die  grössten  Ansamm- 
lungen von  Menschen  in  genügender  Menge  beschafft  werden;  aber 
Tielfach  ist  dann  die  Qualität  abnorm,  die  Conservirung  ungenügend, 
und  alljährlich  sehen  wir  in  den  grossen  Städten  Tausende  von  Kindern 
gerade  durch  Mängel  der  dorthin  importirten  Nahrung  zu  Grunde 
gehen.  Mag  Beruf  und  Beschäftigung  in  unserer  an  Erfolgen 
reichen  Zeit  dem  Menschen  höchste  Befriedigung  gewähren;  es  fragt 
ach,  ob  nicht  auch  diese  Erfolge  oft  mit  schwerer  Schädigung  der 
Gesundheit  erkauft  werden  müssen. 

So  birgt  denn  die  ganze  natürliche  wie  künstlich  modificirte  Um- 
gebung des  Menschen  yielfache  Krankheitsursachen,  die  eben  um  so 
gefährlicher  erscheinen,  weil  der  Mensch  mit  allen  seinen  Funktionen 
aof  ^en  steten  ^regen  Verkehr  mit  der  Aussenwelt  angewiesen  ist. 
Tritt  daher  abnorme  Sterblichkeit  innerhalb  einer  Bevölkerung  auf, 
oder  kommt  es  zu  auffallig  starker  Erkrankung  einzelner  Lebensalter, 
oder  greifen  epidemische  Krankheiten  um  sich,  —  fast  ausnahmslos 
werden  wir  in  den  jeweiligen  Verhältnissen  der  äusseren  Umgebung 
die  Ursache  zu  suchen  haben. 

Hieraus  ergiebt  sich  ohne  weiteres,  dass  wir  das  grösste  Interesse 
an  einer  gründlichen  Durchforschung  und  genauen  Erkennt- 
niss  der  äusseren  Lebenssubstrate  und  der  dort  gelegenen  Krank- 
heitsursachen haben. 

Die  medicinische  Wissenschaft  früherer  Jahre  hat  der  äusseren 
Umgebung  des  Menschen  nur  wenig  Aufmerksamkeit  geschenkt  Sie 
beschäftigte  sich  vorzugsweise  mit  den  Vorgängen  im  menschlichen 
Körper,  und  wenn  sie  einmal  die  Beziehungen  der  äusseren  Lebens- 
sabstrate  zum  Menschen  berücksichtigte,  so  begnügte  sie  sich  mit 
ttner  relativ  rohen  Empirie  und  mit  ergänzenden  Speculationen,  exactere 


8  EinleitoDg. 

Forsohung  auf  diesem  Gebiet  anderen  Disciplinen,  der  Meteorologie, 
Chemie  y  Botanik,  Zoologie  überlassend.  Da  aber  erfahnmgsgemass  in 
naturwissenschaftlichen  Disciplinen  lediglich  induktive  und  experimen- 
telle Methode  zu  sicheren  Erfolgen  fuhrt;  und  da  wiederum  die  Ver- 
treter jener  anderen  Fächer  ihre  Arbeiten  nicht  nach  medidnischen 
Gesichtspunkten  wählten  und  ausführten,  war  d^r  Fortschritt  in  der 
Erkenntnis  der  uns  interessirenden  Verhältnisse  der  Aussenwelt  bisher 
nur  ein  äusserst  langsamer. 

Erst  vor  wenigen  Jahrzehnten  hat  sich  —  theils  in  Folge  des 
schnellen  Anwachsens  der  grossen  Städte  und  der  dort  sich  häufenden 
Gefahren  für  die  Gesundheit,  theils  unter  dem  mächtigen  Eindruck  der 
verheerenden  Gholerainvasionen  —  in  den  weitesten  Kreisen  die  IJeber- 
zeugung  Bahn  gebrochen,  dass  die  Erkenntniss  der  äusseren  Umgebung 
des  Menschen  und  der  in  dieser  gelegenen  Krankheitsursachen  eines 
der  wichtigsten  Ziele  der  medicinischen  Forschung  ist,  und  dass  di6 
hier  gewonnenen  Untersuchungsergebnisse  einen  bedeutsamen  Theil  der 
medicinischen  Lehre  ausmachen. 

Diese  Forschung  und  diese  Lehre  .^bilden  die  specielle  Aufgabe  der 
Hygiene.  Kurz  definirt  ist  demnach  die  Hygiene  derjenige  Theil  der 
medicinischen  Wissenschaft,  welcher  sich  mit  den  äusseren  Lebens- 
substraten und  der  gewohnheitsmässigen  Umgebung  des  Men- 
schen beschäftigt  und  in  derselben  diejenigen  Momente  zu 
entdecken  sucht,  welche  häufiger  und  in  erheblicherem  Grade 
Störungen  im  Organismus  zu  veranlassen  oder  die  Leistungs- 
fähigkeit herabzusetzen  im  Stande  sind. 

Begrenzt  man  das  Forschungs-  und  Lehrgebiet  der  Hygiene  in 
der  angegebenen  Weise,  so  collidirt  dasselbe  nicht  etwa  mit  einer  der 
übrigen  medicinischen  Disciplinen,  sondern  bildet  far  diese  eine  noth- 
wendige  Ergänzung.  Die  meisten  Berührungspunkte  zeigt  die  Hygiene 
mit  der  allgemeinen  Pathologie;  aber  auch  dieser  gegenüber  ergiebt 
sich  eine  einfache  und  natürliche  Scheidung.  Die  allgemeine  Pathologie 
beschäftigt  sich  zwar  ebenfalls  mit  den  Ursachen  der  Krankheiten;  sie 
verfolgt  dieselben  indess  nur  innerhalb  des  menschlichen  Körpers,  ihr 
Studium  beginnt  erst  von  dem  Moment  an,  wo  die  äussere  Ursache 
mit  dem  Körper  in  Berührung  getreten  ist  Das  Verhalten  der  krank- 
heitserregenden Ursachen  ausserhalb  des  menschlichen  Körpers;  die 
Entstehung  derselben  in  den  den  Menschen  umgebenden  Medien;  ihre 
Entwickelung,  Verbreitung  und  die  Wege,  auf  denen  sie  zum  Menschen 
Zugang  finden,  das  alles  bildet  die  Aufgabe  der  Hygiene. 

Begreift  man  freilich  unter  Hygiene,  so  wie  es  früher  geschah, 
die  Summe  der  praktischen  Maassnahmen  zur  Förderung  der  Volks- 


£inleitaDg.  9 

gesoodheity  so  ist  die  Hygiene  so  alt  wie  die  älteste  Eultor.  Schon 
im  alten  Ägypten  bestanden  hygienische  Vorschriften  über  Nahrangs- 
mittel,  über  Beschau  der  Schlachtthiere,  femer  über  Kleidung  und 
Reinlichkeit  Aehnlich  enthält  die  mosaische  Gesetzgebung  Vorschriften 
über  Nahrung,  Wasserbezug,  Reinhaltung  des  Körpers,  der  E[leidung, 
der  Wohnung,  die  ein  volles  Verständniss  des  Gesetzgebers  für  die 
hygienische  Bedeutung  solcher  Gebote  zeigen.  Im  alten  Rom  wurde 
bekanntlich  durch  ein  Netz  unterirdischer  Kanäle  die  Entfernung  der 
AbfiBillstoffe  besorgt;  der  Verkauf  von  Nahrungsmitteln,  die  Strassen- 
reinlichkcit,  gewerbliche  Anlagen  wurden  von  den  Aedilen  überwacht; 
und  QueU Wasserleitungen  führten  so  reichliches  Wasser  hinzu,  dass 
L  B.  zu  Trajans  Zeit  610  Liter  pro  Tag  auf  jeden  Einwohner  entfielen, 
eine  selbst  für  unsere  heutigen  Begriffe  ungewöhnlich  reichliche  und 
for  die  Hygiene  der  Stadt  gewiss  äusserst  forderliche  Menge. 

Nach  dem  Untergang  des  weströmischen  Reichs  folgen  Jahrhunderte, 
wo  die  Fortsetzung  hygienischer  Maassregeln  mit  wenigen  Ausnahmen 
fehlt;  erst  sehr  allmählich,  mit  der  Kultur  der  germanischen  Völker, 
gewinnt  das  Interesse  für  hygienische  Einrichtungen  wieder  Boden. 
Selbst  die  Seuchen  des  14.  und  16.  Jahrhunderts  werden  Anfangs  gar 
nicht,  spater  mit  ganz  unzulänglichen  Maassregeln  bekämpft.  Erst  im 
18.  Jahrhundert  beginnt  man,  systematisch  Quarantänen  und  Anzeige- 
pflicht fOr  ansteckende  Krankheiten  einzuführen,  verseuchte  Wohnungen 
durch  Bäucherungen  mit  Schwefel  oder  salzsauren  Dämpfen  zu  reinigen. 
Ferner  werden  bei  der  Bau-,  Strassen-  und  Marktpolizei  hygienische 
Gesichtspunkte  berücksichtigt,  und  es  zeigen  sich  die  Anfange  einer 
Gewerbehygiene  und  einer  Schulhygiene.  In  Peteb  Frank's  „System 
der  medidnischen  Polizei'',  dessen  erster  Band  1779  erschien,  ist  uns 
eine  achtbändige  Zusammenstellung  aller  damals  für  erforderlich  gehal- 
tenen hygienischen  Maassnahmen  überliefert.  Auf  welch  rohe  Empirie 
damals  aber  die  hygienische  KiiHk  angewiesen  war,  das  geht  z.  B.  aus 
folgenden  Worten  hervor,  mit  denen  Peteb  Fbank  die  Kennzeichen  eines 
guten  Trinkwassers  schildert:  „Man  hält  dasjenige  Wasser  für  gut, 
welches  in  einem  kupfernen  Gefass  längere  Zeit  aufbewahrt,  keine 
Flecken  darin  zulässt,  wenn  es  gekocht  keinen  Sand  oder  Leimen  ab- 
wirft; wenn  es  helle  und  rein  ist  und  keine  Pflanzengewächse  in  sich 
nähret  Da  aber  alles  dies  sich  dem  Ansehen  nach  so  verhalten  und 
doch  eine  yerborgen  übele  Eigenschaft  dahinter  stecken  kann:  so  muss 
man  das  Trinkwasser  selbst  aus  der  gesunden  Beschafienheit  der  Ein- 
wohner eines  Orts  beurtheilen.^' 

Einen  ganz  neuen  Impuls  bekamen  die  hygienischen  Reformbe- 
strebungen in  den  Jahren  1880 — 1850  in  England.    Einmal  war 


10  Einleitung. 

es  das  ungeahnt  rasche  Wachsen  der  großen  Städte,  das  zu  ausser- 
ordentlichen hygienischen  Missstanden  führte  und  Abhülfemaassregeln 
erforderlich  machte.  Sodann  aber  wirkte  akut  auslosend  die  Cholera, 
die  1813  den  europäischen  Continent  und  speciell  auch  England  zum 
ersten  Male  heimsuchte. 

Englische  Aerzte  leiteten  damals  zunächst  eine  genaue  medicinische 
Statistik  ein.  An  der  Hand  eines  grossen  Zahlenmaterials  wurde 
z.  B.  festgestellt,  dass  die  städtische  Bevölkerung  Englands  eine  viel 
höhere  Mortalität  aufwies  als  die  Landbevölkerung,  und  dass  ein  grosser 
Procentsatz  der  Erkrankungen  und  TodesfiUe  auf  sog.  „vermeid bare '^ 
Krankheiten  entfiel.  1842  wurde  eine  königliche  Untersuchung»- 
Kommission  eingesetzt  mit  dem  Auftrag,  den  gegenwärtigen  Zustand 
der  grossen  Städte  zu  untersuchen  und  über  die  Mittel  zur  Abhülfe 
der  gefundenen  Schäden  zu  berichten.  Dieser  Enquete  folgte  1848 
die  Public  health  Act,  ein  Gesetz  zur  Beförderung  der  öffentlichen  Oe- 
sundheit,  und  dann  die  Durchführung  grossartiger  praktischer 
Beformen.  Enge  dicht  bewohnte  Strassen  und  Stadttheile  wurden 
niedergerissen,  neue  Quartiere  mit  hygienisch  einwandfreien  Wohnungen 
erbaut;  durch  unterirdische  Schwemmkanäle  oder  durch  besondere  Ab- 
fahrsysteme wurden  die  Abfallstoffe  entfernt,  centrale  Wasserversorgungen 
eingerichtet,  die  Nahrungsmittel  einer  strengen  Controle  unterworfen, 
die  Kranken-  und  Armenpflege  besser  organisirt  In  dem  energischen 
Bestreben  nach  Besserung  der  hygienischen  Schäden  beugte  sich  das 
englische  Volk  einer  Menge  von  lästigen  polizeilichen  Controlen  und 
Eingriffen  in  seine  kommunale  Selbstverwaltung.  Der  General  Board 
of  health  hatte  beispielsweise  eine  Anzahl  Inspektoren,  welche  von  den 
Gemeinden  Einsicht  in  alle  Dokumente,  Pläne,  Steuerrollen  u.  s.  w. 
verlangen  konnten,  und  auf  deren  Bericht  hin  die  Gemeinden  zur  Ein- 
richtung eines  Ortsgesundheitsamts  gezwungen  werden  konnten,  welches 
das  Recht  erhielt  zur  Erhebung  von  Steuern  behufis  Deckung  aller  im 
Interesse  der  öffentlichen  Gesundheit  aufgewendeten  Kosten. 

Allerdings  wurde  nach  Ablauf  einiger  Jahre  durch  diese  Reformen 
eine  messbare  Wirkung  auf  den  Gesundheitszustand  erzielt  Die 
Mortalitätsziffer  sank ;  die  einheimischen  infectiösen  Krankheiten  nahmen 
in  vielen  Städten  ab  oder  hörten  ganz  auf;  an  Cholerainvasionen  schloss 
sich  keine  Ausbreitung  im  Lande  an.  —  Mit  Stolz  blickten  Staatsmänner 
und  Aerzte  auf  diese  Erfolge,  und  die  Hygiene  war  innerhalb  kurzer 
Zeit  nicht  nur  in  England,  sondern  auch  in  den  übrigen  civilisirten 
Staaten  populär  geworden. 

Trotzdem  wir  auch  heute  dem  energischen  Vorgehen  der  englischen 
Hygieniker  unsere  Anerkennung  nicht  versagen  können,  dürfen  wir  uns 


EinleituDg.  1 1 

aber  doch  nicht  yerhehlen,  dass  jene  Reformen  im  wesentlichen  und 
in  erster  Linie  eine  Besserung  der  socialen  Lage  der  ärmeren  Bevölke- 
rong,  und  grösstentheils  erst  auf  dem  Umwege  durch  die  gebesserten 
socialen  Verhältnisse  eine  Beseitigung  jener  Gesundheitsschädigungen 
bewirkten,  die  eigentlich  den  Ausgangspunkt  der  Beformen  gebildet  hatten. 
Specifisch  hygienische  Beformen  waren  damals  auch  gar  nicht  möglich ; 
und  zwar  weil  man  über  die  Ursachen  der  hygienischen  Schäden, 
speciell  der  besonders  gefurchteten  Infektionskrankheiten,  so  gut  wie 
nichts  wusste,  und  weil  doch  diese  Ursachen  jeder  rationellen  hygie- 
nischen Reform  zum  Angriffspunkt  dienen  mussten.  In  Bezug  auf 
die  Ätiologie  der  Krankheiten  und  auch  der  Infektionskrankheiten  stand 
man  damals  auf  einem  rein  empirischen  Standpunkt,  der  Ton  dem  oben 
gek^nzeichneten  Feteb  Fbai9k's  kaum  verschieden  war.  Daneben  liess 
man  sich  Ton  allerlei,  der  wissenschaftlichen  Brgründung  noch  durch- 
aus entbehrenden  Hypothesen  leiten.  Speciell  von  den  Infektionskrank- 
keiten  nahm  man  an,  dass  sie  ihre  Entstehung  riechenden  Gasen  und  der 
Anhäufung  von  Schmutz  und  Abfallstofien  Terdanken,  und  dass  sie 
verschwinden  durch  systematische  Reinhaltung  Ton  Haus,  Boden,  Körper 
und  Nahrung  —  Anschauungen,  denen  wir  ebenso  schon  in  den 
altagyptischen  und  mosaischen  Hygiene  begegnen. 

Dass  Beseitigung  socialer  Missstände  und  systematische  Reinhaltung 
die  Volksgesundheit  günstig  beeinflusst,  das  ist  nicht  zu  bezweifeln 
und  durch  die  englischen  Reformen  aufs  Neue  bestätigt  Aber  es  ist 
auch  von  vornherein  wahrscheinlich,  dass  diese  A  rt  des  Vorgehens  vom 
streng  hygienischen  Standpunkt  einen  starken  Luxusbetrieb  darstellt 
und  daß  die  hauptsächlichsten  vermeidbaren  Krankheiten  durch  viel 
etn&chere  Mittel  beseitigt  werden  können.  Und  ebenso  ist  es  wahr- 
scheinlich, dass  jlBue  ohne  Kenntniss  der  Krankheitsursachen  durch- 
geführten Reformen  die  speziellen  hygienischen  Ziele  oft  ganz  verfehlt 
haben«  In  der  That  haben  sich  z.  B.  so  manche  der  damals  angelegten 
Wasserversorgungen  nicht  bewährt  und  mussten  später  durch  andere 
ersetzt  werden,  weil  scheinbar  reine,  in  Wirklichkeit  aber  sehr  ver- 
dächtige Wässer  gewählt  waren.  Ebenso  kam  man,  geleitet  von  über- 
triebenen Ansichten  über  die  Gefahren  verunreinigten  Bodens,  zu  Ver- 
fiüiren  der  Abfiedlbeseitigung,  die  in  der  Neuzeit  von  Grund  aus 
geändert  werden  mussten.  In  manchen  der  assanirten  Städte  zeigten 
sich  trotz  allem  ausgedehnte  Typhusepidemieen,  als  Zeichen,  dass  man 
die  eigentliche  Krankheitsursache  nicht  in  richtiger  Weise  beseitigt 
hatte;  und  eine  Reihe  wichtiger  endemischer  Krankheiten  blieb  in  zahl- 
reichen Städten  von  den  eingeführten  Reformen  völlig  unbeeinflusst 

Offenbar  lag  damals  eine  klaffende  Lücke  unserer  Wissenschaft- 


12  Einleitang. 

liehen  Erkenntniss  vor,  die  erst  ausgefällt  werden  mosste,  ehe 
rationell  begründete  praktische  Reformen  auf  dem  Gebiet  der  Hygiene 
möglich  waren. 

Es  fehlte  eben  damals  an  einer  wissenschaftlichen  hygienischen 
Forschung.  —  Diese  hat  erst  vor  etwa  25  Jahren  begonnen.  Petten- 
KOFEB  war  der  Erste,  welcher  eine  grössere  Beihe  von  Experimental- 
untersuchungen  über  Fragen  der  Heizung  und  Ventilation^  über  Kleidung, 
über  das  Verhalten  Ton  Neubauten,  über  das  Orundwasser  und  die 
Bodenluft  anstellte,  und  welcher  dadurch  der  Eiperimental-Hygiene 
eine  erste  feste  Basis  gab.  Im  Verein  mit  Vorr  legte  Pettenkofeb 
ausserdem  den  Grund  zu  unseren  heutigen  Anschauungen  über  Nahrungs- 
mittel und  Ernährung.  In  späterer  Zeit  waren  es  besonders  die  Ent- 
deckungen Eoch's,  welche  neue  Arbeitsgebiete  erschlossen  und  für  die 
so  überaus  wichtigen  Fragen  der  Entstehung  und  Verbreitung  der 
Infektionskrankheiten  die  Anwendung  exakter  Forschungsmethoden  er- 
möglichten. 

Seitdem  hat  die  Hygiene  in  kurzer  Zeit  vielfache  Aufklärung  über 
interessante  Beziehungen  der  Aussenwelt  zum  Menschen  gegeben  und 
Erfolge  errungen,  welche  der  gesammten  medicinischen  Wissenschaft 
im  höchsten  Grade  forderlich  gewesen  sind,  und  vor  allem  sind  seitdem 
messbare  praktische  Erfolge  viel  deutlicher  zu  Tage  getreten  als 
früher.  Stellt  man  die  Zahl  der  Todesfalle  auf  je  1000  Lebende  in 
Preussen  vom  Jahre  1820  bis  1895  von  5  zu  5  Jahren  zusammen,  so 
zeigt  sich,  dass  in  den  letzten  Perioden  eine  so  niedrige  Sterblichkeit 
geherrscht  hat,  wie  nie  zuvor,  und  dass  die  Abnahme  in  den  letzten 
Abschnitten  progressiv  vorgeschritten  ist 

Eine  solche  Mortalitätsstatistik  ist  freilich  ein  nicht  einwandfreier 
Indikator  für  den  Erfolg  hygienischer  Beformen.  Sterblichkeitsziffem 
aus  verschiedenen  Perioden  sind  überhaupt  schwer  vergleichbar;  und 
vor  allem  sind  wirthschaftliche  und  sociale  Momente,  femer  die  Höhe  der 
Geburtsziffer  von  erheblichem  Einfluss  auf  die  Sterblichkeit  —  Einen 
besseren  Indikator  haben  wir  an  den  infektiösen  Krankheiten.  An 
Typhus  z.  B.  starben  in  Preussen:  1875—79  =  6-2  auf  10000  Lebende; 
1880—84  =  5;  1885—89  =  2.8;  1890—94  =  1-9,  also  eine  starke 
stetige  Abnahme,  die  sicher  zum  grossen  Theil  auf  Bechnung  unserer 
rationelleren  Wasserversorgung  und  Desinfektion  zu  setzen  ist  —  Noch 
intensiver  ist  die  Abnahme  der  Diphtherie :  in  dem  Jahrzehnt  1 880 — 90 
sind  noch  die  meisten  Jahre  mit  18—19  Todesfallen  auf  10000  Lebende 
belastet;  bis  1894  tritt  Abnahme  ein,  aber  noch  gering  und  unregel- 
mässig, 12,  13,  18,  15  Todesfalle;  im  Jahre  1895  9;  1896  7-6; 
1897  nur  noch  6*2  Todesfalle;   und  trennt  man  Stadt  und  Land,  so 


£mleitang.  13 

ist  die  Abnahme  in  den  Städten  eine  noch  erheblich  rapidere.  Hier 
haben  wir  zweifellos  znm  grossen  Theil  die  Wirkung  des  BsmtiNG'sohen 
Senuns  vor  ans;  zum  Theil  ist  aber  auch  sicher  die  frühzeitige  Er- 
kennung der  Krankheit  durch  bakteriologische  Diagnose  und  die  bessere 
Desinfektion  betheiligt  —  Besonders  wichtig  ist  femer  die  Abnahme 
der  Lungenschwindsucht,  dieser  mörderischen  Krankheit,  die  bei 
den  im  Alter  von  15—60  Jahren  Gestorbenen  80—40®/^  aller  Todes- 
falle verursacht  In  den  Jahren  1888 — 90  sehen  wir  eine  allmähliche, 
Ton  1891 — 97  eine  rascher  vorschreitende  Abnahme  der  Phthise.  Hier 
ist  die  frühzeitige  Erkennung  der  Krankheit  durch  den  Bacillennach- 
weis,  die  Erkenntniss  der  Ansteckungswege  und  der  zur  Verhütung 
der  Ansteckung  geeigneten  Maassnahmen  und  die  Verbesserung  der 
Defflnfektion  als  Ursache  der  Abnahme  anzusehen,  wenn  auch  daneben 
die  KrankeuTorsicherungsgesetze  sicher  nicht  ohne  Einfluss  gewesen  sind. 

Ausschliesslicher  und  unbestrittener  ist  die  Wirkung  der  neueren 
hygienischen  Lehren  und  Maassnahmen  auf  die  exotischen  Infektions- 
krankheiten, Cholera  und  Pest  Das  Schreckgespenst  der  Cholera 
hielt  seinen  letzten  Einzug  in  Deutschland  1892.  ZuSillig  betraf  da- 
mals die  erste  Einschleppung  eine  Stadt,  die  in  Bezug  auf  manche 
hygienische  Einrichtungen  und  namentlich  in  Bezug  auf  Wasserrer- 
9organg  om  Jahraehnte  hinter  anderen  Städten  zurück  war;  und  so 
entstand  jene  explosive  Hamburger  Cholera-Epidemie,  die  eine  weit- 
reichende Panik  hervorrief  und  an  vielen  Orten  ganz  vergessen  liess, 
dass  wir  inzwischen  den  Gholeraerreger  genau  kennen  und  sicher  ver- 
nichten gelernt  hatt-en.  Aber  nicht  lange  dauerte  diese  Panik.  Bald 
erfolgte  eine  Bekämpfung  genau  entsprechend  den  nunmehr  erkannten 
Lebenseigenschaften  des  Erregers;  und  diese  Bekämpfung  war  ebenso 
einGach  und  fär  den  Verkehr  und  das  wirthschaftliche  Leben  schonend 
wie  sie  erfolgreich  war.  Achtmal  hat  seither  z.  B.  in  Schlesien  eine  Ein- 
sddeppung  von  Cholera  stattgefunden ;  meist  in  Oberschlesien  von  der 
rassischen  Grenze  her,  zweimal  aber  auch  in  Niederschlesien  von  der 
Oder  aus.  An  die  meisten  dieser  Einschleppungen  schlössen  sich  kleine 
Epidemieen  an ;  es  gelang  aber  jedesmal  rasch,  dieselben  zu  begrenzen ; 
und  das  Publikum  hat  sich  an  diese  Erfolge  bald  so  gewöhnt,  dass 
eigentlich  von  den  späteren  Einschleppungen  gar  keine  Notiz  mehr 
genommen  ist  Was  ist  das  für  ein  Contrast  gegen  die  Aufregung 
und  gegen  die  Störung  von  Handel  und  Verkehr,  die  sonst  durch  eine 
Cholerainvasion  hervorgerufen  wurde! 

Aehnlich  steht  es  jetzt  mit  der  Pest  Diese  alte  Oeissel  des 
Menschengeschlechts  war  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert  aus  Europa 
verschwunden,  als  sie  plötzlich  1878  in  Wet^'anka  im  Oouvernement 


1 4  Einleitung. 

Astrachan  auftauchte.  Diese  Nachricht  rief  damals  grosse  Bestürzung 
in  ganz  Europa  herror.  Und  als  nun  gar  ein  Hausknecht  in 
St  Petersburg  unter  pestverdächtigen  Symptomen  erkrankte ,  da  stand 
die  Pest  im  Centnun  des  öffentlichen  Interesses ,  die  abenteuer- 
lichsten Sperr-  und  Schutzmaassregeln  wurden  diskutirt,  und  allgemein 
sah  man  bereits  die  Schrecken  des  ,y8chwarzen  Todes^'  sich  wieder  wie 
im  Mittelalter  über  Europa  ausbreiten.  —  Wie  anders  die  heutige 
Auffassung!  Die  Pest  verlässt  seit  einigen  Jahren  Europa  und  die 
nächst  angrenzenden  Lander  nicht  mehr.  In  Alexandrien,  Beirut, 
Porto,  Lissabon,  Plymouth,  Glasgow,  Triest,  Wien,  Hamburg  sind  im 
vorigen  oder  in  diesem  Jahre  Pesterkrankungen  vorgekommen,  und 
wir  haben  sicher  noch  manches  neue  Auftiiuchen  von  Erkrankungen 
zu  erwarten.  Aber  inzwischen  haben  wir  den  Erreger,  seine  Existenz- 
bedingungen, seine  Yerbreitungsweise  genau  kennen  gelernt ;  jetzt  können 
wir  die  Krankheit  mit  sicher  wirkenden,  und  doch  schonenden,  allen 
überflüssigen  Aufwand  vermeidenden  Mitteln  bekämpfen.  Und  die 
Erfahrung  zeigt  uns,  dass  nun  diese  Krankheit  nicht  schwer,  sondern 
relativ  leicht  zu  tilgen  oder  in  Schranken  zu  halten  ist. 

Wie  unrichtig  ist  die  Vorstellung,  von  der  man  nicht  selten  hört 
und  liest,  dass  die  Entdeckung  der  Bacillen  eine  übertriebene  Bacillen- 
furcht  und  Beunruhigung  in's  Publikum  getragen  habe!  Gerade  im 
Gegentheil  ist  die  verlässliche  und  zielbewusste  Art,  in  der  wir  jetzt 
die  Epidemieen  zu  bekämpfen  im  Stande  sind,  gewiss  nur  geeignet, 
Ruhe  und  Vertrauen  unter  der  Bevölkerung  zu  verbreiten. 


Seit  dem  Beginn  ihrer  selbstständigen  Entwickelung  ist  die  Hygiene 
auch  mannigfaltigen  Angriffen  und  namentlich  Einwänden  gegen 
die  praktische  Leistungsfähigkeit  dieser  Wissenschaft  ausgesetzt 
gewesen. 

Zunächst  stellen  Manche  der  praktischen  Hygiene  deshalb  eine 
schlechte  Prognose,  weil  die  Beformen  sowohl  auf  dem  Gebiete  der 
individuellen  wie  der  öffentlichen  Hygiene  zu  viel  Mittel  zu  ihrer 
Durchführung  beanspruchen,  und  weil  deshalb  die  ärmeren  Volks- 
schichten für  absehbare  Zeit  von  den  meisten  hygienischen  Reformen 
ausgeschlossen  seien. 

Zu  dieser  Anschauung  kommt  man  jedoch  nur  dann,  wenn  die 
hygienischen  Maassnahmen,  so  wie  es  früher  allgemein  geschah,  mit 
socialen  Reformen  verwechselt  oder  zu  sehr  verquickt  werden.  Ver- 
steht man  unter  speciell  hygienischen  Reformen  nur  solche,  welche 
manifeste  Gesundheitsstörungen  unmittelbar  zu  beseitigen  oder 


Einleitung.  15 

fernzuhalten  im  Stande  sind,  und  welche  gerade  deshalb  Anspruch  auf 
dringliche  Durchführung  haben,  so  lassen  sich  diese  oft  durch  spe- 
eifische,  die  einzelne  Schädlichkeit  treffende  Vorschriften  und  Maass- 
regeln relativ  leicht  durchfahren.  Wollte  man  damit  warten,  bis  die 
ganze  sociale  Lage  der  Bevölkerung  sich  geändert  hat,  damit  auf  dieser 
Basis  und  vielleicht  in  etwas  vollkommenerer  Weise  die  hygienische 
Besserung  sich  etablirt,  so  würden  Jahrzehnte  vergehen,  ehe  gegen  die 
schreiendsten  hygienischen  Missstande  Abhülfe  gewährt  wird.  Man 
bessert  nicht,  sondern  schadet  nur,  wenn  man  bei  der  Bekämpfung 
Jeder  einzelnen  Krankheit  immer  wieder  eine  günstigere  sociale  Lage 
als  unerlässliche  Vorbedingung  hinstellt. 

Oiebt  man  statt  dessen  speci fische  Maassregeln  an,  durch  welche 
auch  ohne  Aenderung  der  socialen  Lage  und  innerhalb  ärmlicher  enger 
Verhältnisse  ein  möglichster  Schutz  gegen  die  betreffende  Krankheit 
gewährt  werden  kann,  so  ist  damit  oft  sehr  viel  zu  erreichen.  Gelingt  es 
doch,  die  Pocken  durch  Impfting,  die  Trichinose  und  Fleischvergiftungen 
durch  öffentliche  Sohlachthäuser,  die  Diphtherie  durch  Desinfection  und 
Schutzimpfung,  die  Cholera  und  Pest  durch  Isolinmg  und  Desinfektion 
wiricsam  zu  bekämpfen,  ohne  dass  die  sociale  Lage  geändert  wird. 
Wohl  erschweren  schlechte  sociale  Verhältnisse  den  Erfolg  und  machen 
eine  schärfere  Anwendung  mancher  Maassregeln  nöthig.  Aber  selbst 
in  dem  Eingeborenenviertel  in  Alexandrien  und  in  den  Proletariats- 
qoartieren  in  Porto  sind  sie  noch  immerhin  durchführbar  gewesen,  und 
man  hat  dort  nicht  zu  warten  brauchen,  bis  die  ganze  Bevölkerung 
auf  eine  höhere  Kulturstufe  gebracht  ist. 

Aber  noch  zwei  weitere  Einwände  sind  gegen  die  praktische 
Ldstungsföhigkeit  der  Hygiene  erhoben.  —  Der  erste  derselben  ist 
schon  vor  etwa  100  Jahren  von  Malthüs  ausgesprochen  und  begründet. 
—  Nach  Malthüs  vermehrt  sich  jede  Bevölkerung,  so  lange  keinerlei 
Hemmung  eiistirt,  in  geometrischer  Progression,  verdoppelt  sich  also 
immer  in  einer  bestimmten  Beihe  von  Jahren  (z.  B.  bei  1.3  Prozent 
jährlichem  Zuwachs  alle  55  Jahre;  bei  1.8  Prozent  Zuwachs  alle 
89  Jahre);  die  Unterhaltsmittel  dagegen  können  nur  in  arithmetischer 
Progression  vermehrt  werden.  Hierdurch  ist  das  Anwachsen  einer 
Bevölkerung  stark  beschränkt,  denn  dasselbe  kann  naturgemäss  nicht 
weiter  gehen,  wenn  das  niedrigste  Maass  von  Unterhaltsmitteln  erreicht 
ist^  dessen  die  Bevölkerung  zu  ihrem  Leben  bedarf.  Jeder  intensiveren 
Vermehrung  wirken  vielmehr  kräftige  Hemmnisse  entgegen;  und  diese 
sind  zum  Theil  vorbeugende  (Beschränkung  der  Nachkommenschaft 
durch  sittliche  Enthaltsamkeit,  Ehelosigkeit,  Vorsicht  nach  der  Heirath), 
im  Wesentlichen  aber  zerstörende,  auf  gesundheitsschädliche  Einflüsse 


16  Einleitung. 

aller  Art  basirte  (schlechte  Emährang  der  KiDder,  Epidemieen,  Khege, 
Hunger  xl  &  w.).  Wirkt  eine  erfolgreiche  Hygiene  dahin,  dass  die 
Mortalitatsziffer  absinkt,  der  jährliche  Bevölkerungszuwachs  also  grosser 
wird,  so  müssen  nur  um  so  eher  jene  hemmenden  Mnfiüsse  zur  Gel- 
tung kommen.  Dauernde  stärkere  Zunahme  der  Bevölkerung  kann 
also  auch  durch  die  hygienischen  Reformen  gar  nicht  erreicht  werden. 

Gegenwärtig  ist  in  Deutschland  der  üeberschuss  der  Geburten  über 
die  Sterbefalle  bereits  so  erheblich,  dass  wir  am  Ende  des  jetzt  be- 
ginnenden Jahrhunderte  mehr  als  200  Millionen  Einwohner  zahlen 
werden.  Eine  ähnliche  Bevölkerungszunahme  weisen  auch  die  anderen 
Eulturstaaten,  England,  Holland,  Belgien,  Schweden  u.  s.  w.  (mit  Aus- 
nahme von  Frankreich)  auf.  Angesichte  dieser  enormen  Ziffer  ist  in 
der  That  ein  Zweifel  darüber  wohl  berechtigt,  ob  sich  für  solche 
Menschenmassen  ünterhaltemittel  werden  beschaffen  lassen.  Aber 
es  ist  das  eine  Frage,  die  den  Hygieniker  eigentlich  gar  nicht  be- 
rührt Wir  können  nicht  eine  einzige,  die  Gesundheit  der  jetzt  leben- 
den Generation  fordernde  Maassregel  unterlassen,  weil  eventuell  kom- 
menden Generationen  der  Nutzen  wieder  verloren  geht  oder  gar 
Schwierigkeiten  daraus  erwachsen.  Ausserdem  aber  ist  es  zweifellos, 
dass  gerade  in  unserer  jetzigen  Zeit  das  MALXHUs'sche  Gesetz  in  Bezug 
auf  die  langsame  und  begrenzte  Vermehrung  des  Unterhalts  seine 
Gültigkeit  verloren  hat.  Auf  den  verschiedensten  Wegen  gelingt  es 
jetzt,  dank  den  sich  häufenden  wissenschaftlichen  Entdeckungen  und 
technischen  Erfindungen,  den  Kreis  der  nutzbaren  Lebensmittel  zu  er- 
weitem. Die  Landwirtechaft  kann  eine  gesteigerte  Produktion  in  Aus- 
sicht stellen  durch  neue  Hülfsmittel  für  die  Regenerirung  des  Ackers, 
durch  wirksame  Bekämpfung  der  Viehseuchen,  durch  Verwerthung  der 
neu  entdeckten  Assimilirung  des  Stickstoffs  der  Luft  durch  gewisse 
Pflanzen.  Schon  ist  der  Chemie  die  künstliche  Herstellung  von  Kohle- 
hydraten im  Laboratorium  geglückt,  und  in  nicht  zu  fem  er  Zeit  werden 
gewiss  die  technischen  Schwierigkeiten  überwunden  sein,  welche  sich 
einer  rentablen  künstlichen  Herstellung  von  Nährstoffen  noch  entgegen- 
stellen. Daneben  gelingt  es  schon  jetzt,  Abfallprodukte  der  Industrie 
in  brauchbare  Nahrungsmittel  umzuwandeln  oder  hygienisch  voUwerthige 
Surrogate  für  theuere  Nährstoffe  aus  billigem  Material  herzustellen. 
Und  schliesslich  sind  die  modemen  Verkehrsmittel  im  Stande,  durch 
reichlichen  Import  eine  ungenügende  heimische  Produktion  in  sehr 
hohem  Maasse  auszugleichen. 

Können  wir  uns  so  über  die  MALXHUs'schen  Einwände  leicht  hin- 
wegsetzen, so  fragt  es  sich  weiter,  ob  wir  ebenso  leicht  Stellung  nehmen 
können  gegenüber  den  Bedenken,  die  von  Spbnoeb  gegen   die  Lei- 


Einleitung.  17 

stongen  der  Hygiene  erhoben  sind.  Hbbbebt  Spengee  stellt  sich  in  seinem 
Werke:  The  study  of  sociology  (von  dem  1875  eine  dentsohe  Ausgabe 
erschien)  im  Grossen  Ganzen  auf  den  MAüTHUs'schen  Standpunkt,  fugt 
aber  noch  die  Behauptung  hinzu,  dass  durch  die  Yerminderung  der 
Schädlichkeiten  eine  Anzahl  schwächerer  Individuen  am  Leben  er- 
halten werde,  welche  sich  dann  vermehren  und  so  die  durchschnittliche 
Tüchtigkeit  herabsetzen.  Die  schwächlicher  gewordene  Gesellschaffc  ver- 
möge dann  auch  den  geringer  gewordenen  Schädlichkeiten  nicht  zu 
widerstehen,  und  so  komme  die  Sterblichkeit  bald  wieder  auf  das 
frühere  Maass,  und  die  hygienische  Besserung  sei  vergeblich  gewesen. 

Diese  Deduction  Spencbb's,  die  seither  gern  auch  von  Anderen 
gegen  die  hygienischen  Beformen  in's  Feld  geführt  wird,  enthält  indess 
einen  logischen  Fehler.  Wenn  Individuen  vorhanden  sind,  die  gegen- 
über bestimmten  Schädlichkeiten  die  Schwächeren  sind,  und  wenn  dann 
diese  Schädlichkeiten  beseitigt  und  dadurch  jene  Individuen  am  Leben  er- 
halten werden,  so  sind  sie  nun  gar  nicht  mehr  die  Schwächeren,  sondern 
sie  waren  es  nur  gegenüber  jenen  bestimmten  Krankheitsursachen. 
Man  kann  unter  den  „Schwächeren^^  nicht  etwa  die  allgemein  Schwächeren 
und  weniger  Leistungsfähigen  verstehen;  denn  diese  werden  gar  nicht 
von  den  hauptsächlich  in  Betracht  kommenden  Krankheiten  mehr 
ergriffen  als  andere  Individuen,  sondern  Cholera,  Typhus,  Diphtherie  u.  a. 
suchen  ihre  Opfer  oft  gerade  unter  den  kräftigsten  Männern  und  Kindern, 
die  nur  in  Folge  einer  besonderen  Epithelbeschaffenheit,  Giftempfang- 
Uchkeit  u.  dgL  diesen  Krankheiten  erliegen.  Die  furchtbare  Säuglings- 
sterblichkeit betrifft  auch  nicht  vorzugsweise  Kinder,  die  von  Anfang 
an  schwächlich  waren  und  zu  kräftigen  Menschen  nicht  heranwachsen 
konnten,  sondern  ursprünglich  vollgesunde  Kinder  sehen  wir  durch 
unverständige  Behandlung  und  Diatfehler  disponirt  werden  für  die 
Seuchen  der  heissen  Sonmiermonate,  die  sie  nun  in  grosser  Zahl  blitz- 
artig dahinraffen.  Und  wenn  wir  die  zur  Erkrankung  an  Tuberkulose 
Disponirten  vor  der  Ansiedlung  des  Krankheitserregers  von  Jugend  auf 
wirksam  zu  schützen  vermögen,  so  conserviren  wir  uns  damit  kein 
schwächliches  minderwerthiges  Menschenmaterial;  sondern  die  Minder- 
wertigkeit dieser  Menschen  bestand  eben  im  wesentlichen  nur  darin, 
dass  sie  für  den  Tuberkelbacillus  empfänglich  waren,  und  sie  sind  so 
gut  lebens-  und  leistungsfähig,  wie  Andere,  wenn  diese  specihsche  Ge- 
fahr beseitigt  ist 

Der  Behauptung  Spenceb's  lässt  sich  mit  mehr  Kecht  eine  andere 
entgegenstellen :  Die  hygienischen  Beformen  bewirken  in  der  That  eine 
gewisse  Auslese  der  Bevölkerung,  aber  in  dem  Sinne,  dass  die  sittlich 
and  intellectuell  höher  stehenden  Menschen  vor  den  übrigen  bevorzugt 

Flüoob,  OnmdriM.    V.  Aafl.  2 


18  Einleitung. 

werden.  —  Dies  ergiebt  sich,  wenn  man  zweierlei  Arten  von  hygieni- 
schen Reformen  nnterscheidet:  erstens  generelle,  von  denen  Alle 
ohne  jedes  Zuthnn  des  Einzelnen  profitiren.  Dahin  gehören  z.  B.  all* 
gemeine  obligatorische  Impfungen,  wie  die  Schntzpockenimpfong;  Ea^ 
nalisation  und  Wasserversorgung,  wenn  sie  möglichst  allen  Einwohnern 
in  gleicher  Weise  zugänglich  gemacht  sind.  Zweitens  bat  aber  ein 
sehr  grosser  Theil  der  hygienischen  Reformen  mehr  facultativen 
Charakter,  und  durch  diese  kann  dann  eine  gewisse  elective  Wirkung 
ausgeübt  werden.  Z.  B.  das  Diphtherieserum  wirkt  erfahrungsgemass 
nur  dann  f^icher,  wenn  es  bald  nach  dem  Ausbruch  der  Krankheit  zur 
Anwendung  kommt;  ebenso  kann  Ansteckung  nur  durch  frühzeitige 
Isolirung  verhütet  werden.  Nur  die  Eltern,  die  ihre  Kinder  sorgsam 
beobachten  und  deren  Behandlung  energisch  betreiben,  haben  den 
vollen  Yortheil  von  jenen  Maassnahmen;  während  dieselben  in  nach- 
lässigen indolenten  Familien  keinen  Erfolg  haben.  Bei  der  Behandlung 
und  Verhütung  der  Phthise  kommt  es  auf  frühzeitige  Erkennung,  auf 
lange  und  consequent  fortgesetzte  Kuren,  auf  Sorgsamkeit  im  Verhüten 
der  Ansteckung  an ;  für  leichtsinnige,  liederliche,  willensschwache  Menschen 
giebt  es  bei  weitem  nicht  in  dem  gleichem  Maasse  Schutz  und  Rettung.  — 
Mögen  wir  den  Müttern  in  der  kritischen  Zeit  der  Hochsommerepidemieen 
einwandfreie  Kindemahrung  unentgeltlich  zur  Verfügung  stellen,  immer 
wird  ein  Theil  derselben  durch  sonstige  nachlässige  Behandlung  der 
Kinder  oder  durch  thörichte  Behandlung  der  gelieferten  Nahrung  trotz- 
dem eine  günstige  Wirkung  nicht  aufkonmien  lassen.  Und  wenn  z.  B. 
in  Oesterreich  die  Schutzpockenimpfung  nicht  obligatorisch,  sondern 
nur  empfohlen  ist,  so  wird  derjenige  Theil  der  Bevölkerung  sich  die 
Vortheile  dieser  focultativen  Maassregel  entgehen  lassen,  der  zu  indolent 
ist  oder  die  Tragweite  seiner  Unterlassung  nicht  zu  beurtheilen  vermag. 

Kurz  —  wir  können  uns  mit  der  Mehrzahl  der  hygienischen  Re- 
formen stets  nur  an  einen  Theil  der  Bevölkerung  wenden;  nicht  etwa 
an  den  bemittelteren,  sondern  im  Gegentheil  sind  es  die  ärmeren 
Klassen,  die  selbstverständlich  vorwiegend  unsere  Fürsorge  erfordern; 
wohl  aber  nur  an  diejenigen,  die  guten  Willen,  Eifer  und  Einsicht  in 
ausreichendem  Maasse  unseren  Reformen  entgegenbringen. 

Die  so  durch  die  hygienischen  Bestrebungen  zu  Stande  kommende 
intellectuelle  und  moralische  Auslese  darf  man  nicht  gering  ver- 
anschlagen. Die  Gesundheit  ist  der  Güter  höchstes  nicht;  und  wenn 
schliesslich  eine  Hebung  der  Volksgesundheit  in  noch  höherem  Grade 
als  jetzt  gelänge  durch  hygienische  Reformen  von  durchweg  generellem 
Charakter,  und  wenn  davon  unterschiedslos  auch  die  unlauteren,  mo- 
ralisch und  intellectuell  minderwerthigen  Elemente  betroffen   würden. 


Einleitung.  19 

SO  könnte  doch  die  Zeit  kommen,  wo  gerade  begünstigt  durch  diese 
Erleichterang  der  physischen  Existenzbedingungen  ein  cultureller  Nieder- 
gang und  eine  Gefährdung  von  Kunst,  Wissenschaft  und  Sitte  drohte. 
Dem  wirkt  jener  facultative  Charakter  der  meisten  hygienischen  Maass- 
Dshmen  entgegen.  Und  so  sehen  wir,  dass  die  Hygiene  in  den  Kampf 
für  die  idealen  Güter  kraftig  einzugreifen  hat,  und  dass  sie  sich  auch 
hierin  den  übrigen  wissenschaftlichen  Fächern  anreiht,  von  denen  jedes 
in  seiner  Weise  in  diesem  Kampfe  mitzuwirken  berufen  ist 


Eine  übersichtliche  und  ungezwungene  Eintheilung  des  Inhalts 
der  Hygiene  ist  durch  die  Fülle  und  TJngleichartigkeit  des  Materials 
einigermaassen  erschwert  Zweckmässig  werden  zwei  grössere  Abtheilungen 
dadurch  hergestellt,  dass  zunächst  die  allgemeinen,  überall  in  Betracht 
kommenden  Einflüsse  der  natürlichen  Umgebung  besprochen  werden; 
diesen  gegenüber  sind  zweitens  die  speciellen  Einflüsse  der  künstlich 
durch  Eingreifen  des  Menschen  modificirten  Umgebung  zu  erörtern. 
Es* würde  jedoch  das  Yerständniss  nur  erschweren,  wollte  man  diese 
Gruppirung  in  rigoroser  Weise  durchführen.  In  einzelnen  Kapiteln, 
wie  z.  B.  beim  Wasser,  ist  die  Beschreibung  der  künstlichen  Ein- 
richtungen zur  Wasserversorgung  nicht  wohl  von  der  Schilderung  der 
natürlich  g^ebenen  Bezugsquellen  des  Wassers  zu  trennen.  Demnach 
wird  die  angegebene  Eintheilung  nur  im  Allgemeinen  für  die  Reihen- 
folge der  einzelnen,  im  Inhaltsverzeichniss  näher  aufgeführten  Kapitel 
maassgebend  sein. 


Erstes  Kapitel 

Die  Mikroorganismen, 


Unter  ^^Mikroorganismen''  begreifen  wir  zahlreiche  kleinste  Lebe- 
wesen, welche  zu  den  niedersten  Pflanzen  gehören  oder  auf  der  Grenze 
zwischen  Thier  und  Pflanze  stehen.  Die  Mehrzahl  derselben  zeigt  nur 
1  (A  Durchmesser  oder  weniger.  Sie  sind  ausgezeichnet  durch  eine  enorme 
Yermehrungsfahigkeit  und  durch  eine  besondere  Breite  der  Existenz- 
bedingungen. Es  giebt  Arten  von  Mikroorganismen,  welche  bei  0^ 
wachsen,  andere,  welche  bei  30^,  wieder  andere,  welche  bei  50®  am 
besten  gedeihen;  einige  Arten  wuchern  am  üppigsten  bei  alkalischer 
Beaction  des  Nährbodens,  andere  bei  sauerer  Reaction.  Auch  die  Art 
der  Nährstoffe  ist  im  Allgemeinen  weniger  beschränkt  als  bei  Thieren 
und  höheren  Pflanzen.  Während  die  Thiere  complicirte  organische 
Stoffe  aufnehmen  müssen  und  diese  in  ihrem  Körper  zerstören,  und 
während  die  chlorophyllführende  Pflanze  auf  relativ  einfache  organische 
Verbindungen  (Ammoniak,  Kohlensäure,  Wasser)  angewiesen  ist,  können 
die  Mikroorganismen  sowohl  von  einfachen  Verbindungen  aus  als  auch  von 
complicirten  Nährsubstanzen  leben.  Im  Ganzen  ziehen  sie  die  letzteren 
vor  und  einige  Arten  vermögen  sogar  nur  von  den  hochconstituirten 
Nährstoffen  der  Thiere  zu  leben. 

Die  Mikroorganismen  spielen  eine  wichtige  Solle  im  Haushalt  der 
Natur,  indem  sie  fortlaufend  grosse  Massen  absterbender  vegetabilischer 
und  animalischer  Substanz  zerstören  und  die  darin  enthaltenen  Stoffe  in 
jene  einfachen  Verbindungen  überführen,  mit  welchen  die  Chlorophyll 
führenden  Pflanzen  ihren  Aufbau  leisten  können. 

Für  die  Hygiene  haben  die  Mikroorganismen  besonderes  Interesse 
erstens  dadurch,  dass  sie  Gährung  und  Fäulniss  erregen,  d.  h. 
dass  sie  unter  Gasentwickelung  in  kürzester  Zeit  sehr  bedeutende  Mengen 
organischen  Materials  zu  zerlegen   vermögen.    Diese  Gährungen  sind 


Die  Mikroorganismen*  21 

uns  theils  nützlich,  indem  sie  uns  z.  6.  bei  der  Präparation  mancher 
Nahrungsmittel  unterstützen  (Brot,  Käse,  Kefyr,  Bier,  Wein).  Theils 
treten  sie  uns  schädigend  gegenüber,  indem  sie  viele  Nahrungsmittel 
rasch  in  einen  ungeniessbaren  Zustand  überfahren;  indem  ferner  in 
{Beulenden  Gemengen  giftige  Stoffe  und  stinkende  Oase  entstehen,  welche 
die  Gesundheit  beeinträchtigen  können. 

Zweitens  kommt  vielen  Mikroorganismen  die  Fähigkeit  zu,  den 
Kreis  der  f&r  ihre  Existenz  geeigneten  Bedingungen  noch  mehr  auszu- 
dehnen; sie  können  nämUch  in  lebenden  höheren  Organismen,  haupt- 
sächlich Thieren,  seltener  Pflanzen,  eine  parasitäre  Existenz  fahren. 
Sehr  häufig  bringen  sie  dabei  ihren  Wirthen  Krankheit  und  Tod. 
Solche  Mikroparasiten  sind  auch  die  Ursachen  vieler  beim  Menschen 
auftretender  Krankheiten;  so  sind  bei  Milzbrand,  Rotz,  Abdominal- 
Typhus,  Cholera,  Tuberkulose,  den  verschiedenen  Wund-Infektions-Krank- 
heiten  u.  a.  m.  Mikroorganismen  als  die  ursächlichen  Erreger  ermittelt. 

Dass  in  der  Tbat  die  Mikroorganismen  die  Ursache  einerseits  von  Gklhmng 
und  FSnlniss  und  andererseits  von  parasitären  Krankheiten  sind,  ist  neuerdings 
mit  aller  Schärfe  bewiesen. 

Es  giebt  aUerdings  Forscher,  welche  auch  heute  noch  diese  EoUe  der 
Mikroorganismen  anzweifeln.  Dieselben  glauben  entweder,  dass  stets  eine 
chemische  Veränderung  der  todten  oder  lebenden  Substanz  der  Ansiedelung 
and  Thätigkeitsentfaltung  der  Mikroorganismen  vorausgehen  müsse;  jene  Ver- 
Indemng  soll  das  Wesentliche,  die  Bolle  der  Mikroorganismen  etwas  Neben- 
aichliches  sein.  Oder  sie  nehmen  in  Anlehnung  an  die  Hypothese  der  Gene- 
ratio  aequivoca  an,  dass  aus  absterbenden  oder  krankhaft  veränderten  und 
zerfallenden  pflanzlichen  oder  thierischen  Zellen  Mikroorganismen  entstehen 
können,  so  dass  es  also  gar  keines  Zutritts  der  letzteren  von  aussen  bedarf, 
am  in  einer  todten  Substanz  Fäulnissorganismen  oder  im  lebenden  Körper 
parasitäre  Organismen  zu  reichlichster  Entwickelung  kommen  zu  lassen 
(BicHAXp's  Mikrozymatheorie;  Fokser's  Heterogenese;  Wigand's  Anamorphose). 
Diese  Ansichten  sind  nach  dem  heutigen  Stande  unserer  Kenntnisse  in 
keiner  Weise  mehr  haltbar  und  durch  eine  Reihe  sorgfältiger  Beobachtungen 
and  einwandfreier  Experimente  widerlegt. 

Beweise  für  die  ursächliche  Rolle  der  Mikroorganismen  bei 
der  Gährung  und  Fäulniss. 

1)  In  jeder  faulenden  Substanz  finden  sich  Mikroorganismen.  Wo  sie  ver- 
miflit  werden,  hat  man  entweder  ungenügende  Methoden  angewandt  oder  man 
hat  SU  spät,  nachdem  bereits  die  Mikroorganismen  wieder  abgestorben  waren, 
die  gefaulte  Substanz  untersucht 

2)  In  organischen  Substanzen,  welche  keine  Erscheinungen  von  Gährung, 
Fäulniss  oder  Zersetzung  darbieten,  finden  sich  keine  Migroorganismen,  oder 
doeh  nur  solche,  welche  nachweislich  eine  schnelle,  leicht  wahrnehmbare  Aendemng 
der  Substanz  nicht  zu  bewirken  vermögen.  —  Ehe  man  die  einzelnen  Arten 
von  Mikroorganismen  und  ihren  äusserst  ungleichen  Effect  gegenüber  der 
gleichen  organischen  Substanz  kennen  gelernt  hatte,   wurde  jeder  Befund  von 


22  ^^  Mikroorganismen. 

irgendwelchen  Mikroorganismen  in  nicht  gährenden  Substraten  gegen  ihre  Rolle 
bei  der  Glfthrang  verwerthet  Jetzt  weiss  man,  dass  nur  die  Abwesenheit  von 
bestimmten  gShrungserregenden  Mikroorganismen  in  gährfreien  Substraten 
erwartet  werden  darf. 

3)  Das  überaus  verbreitete  Vorkommen  von  Gährung  und  Fäulniss  deckt  sich 
mit  der  Verbreitung  der  Mikroorganismen.  Dieselben  finden  sich  fiberall,  im  Luft- 
staub,  im  Wasser,  an  allen  Gegenständen  haftend;  so  dass  sie  an  jedem  Ort 
vorhanden  sind  und  in  Aktion  treten  können,  wo  immer  gährfilhige  Substanz 
in  Gährung  geräth. 

4)  Hemmt  man  die  Entwickelung  von  Mikroorganismen  durch  Zusatz  ge- 
wisser ffir  sie  giftiger  Substanzen  zum  gährftlhigen  Subtrat,  so  tritt  keine  Zer- 
setzung ein.  Gifte  ffir  Mikrooiganismen  sind  s.  B.  Phenol,  Salicylsäure,  Essig- 
säure, grosse  Mengen  Salz  etc.  Bekanntlich  werden  manche  von  diesen  Giften 
angewendet,  um  Nahrungsmittel  zu  conserviren,  d.  h.  vor  GUlhmng  und  Fäulniss 
zu  schützen.  Sobald  man  aber  das  Gift  aus  der  conservirten  Substanz  entfernt, 
z.  B.  das  Salz  mit  Wasser  auslaugt,  oder  die  Säure  neutralisirt,  so  tritt  alsbald 
Zersetzung  ein. 

5)  Tödtet  man  die  einer  gährfähigen  Substanz  anhaftenden  Organismen 
und  hindert  den  Zutritt  neuer  Mikroorganismen,  so  tritt  keine  Gehrung  ein. 
Dieses  Experiment  kann  z.  B.  so  ausgeföhrt  werden,  dass  man  die  gährftLhige 
Substanz  in  einem  Glas-  oder  Blechgefftss  stark  erhitzt  und  gleichzeitig  das  Gre- 
fäss  zuschmilzt  Durch  die  Hitze  werden  alle  lebenden  Wesen  und  so  auch  die 
anhaftenden  Mikroorganismen  sicher  getödtet;  durch  das  Zuschmelzen  ist  der 
Zutritt  neuer  Mikroorganismen  gehindert  So  behandelte  gfthrfUhige  Substanzen 
halten  sich  in  der  That  völlig  unverändert 

Man  hat  wohl  eingewendet,  dass  durch  das  Zuschmelzen  der  Sauerstoff- 
zutritt  zur  gährfähigen  Substanz  gehindert  und  dadurch  die  Gährung  unmög- 
lich gemacht  werde.  Das  Experiment  ist  aber  leicht  so  einzurichten,  dass  man 
den  Luftsauerstoff  ungehindert  zutreten  lässt  Da  die  Luft  an  sich  keine  Gäh- 
rung bewirkt,  sondern  nur  die  etwa  in  ihr  enthaltenen  Mikroorganismen,  so 
müssen  nur  diese  entfernt  werden;  dann  aber  darf  der  Luftzutritt  ohne  Be- 
denken gestattet  werden.  Um  die  Luft  von  Mikroorganismen  zu  befteien,  kann 
man  dieselbe  durch  ein  glühendes  Glasrohr  leiten,  oder  man  filtrirt  sie  durch 
ein  Filter  von  lockerer  Watte,  welches  erfahrungsgemäss  völlig  ausreicht,  um 
alle  körperlichen  Elemente  der  Luft  und  auch  die  Mikroorganismen  zurückzu- 
halten. Oder  man  kann  das  Gefäss  mit  gährftlhiger  Substanz  in  ein  offenes 
Rohr  übergehen  lassen,  dem  man  nur  ein  oder  zwei  Rrtimmungen  nach  ab- 
wärts giebt;  da  die  Mikroorganismen,  wenn  sie  auch  noch  so  klein  sind,  doch 
immer  ein  gewisses  Gewicht  besitzen,  sind  die  gewöhnlichen,  im  Zimmer  vor- 
konmienden  Luftströmungen  nicht  im  Stande,  sie  nach  aufwärts  und  über 
die  Krümmungen  hinweg  in  das  Innere  des  GefUsses  zu  führen.  In  allen  diesen 
Versuchen  bleibt  trotz  des  völligen  ungehinderten  Zutritts  der  gasförmigen  Be- 
standtheile  der  Aussenluft  die  gährfähige  Substanz  unzersetzt 

Das  Experiment  ist  dann  noch  in  der  Weise  zu  ergänzen,  dass  man  die 
conservirte  Substanz  nachträglich  absichtlich  mit  Mikroorganismen  in  Berüh- 
rung bringt  (z.  B.  durch  Entfernung  des  Wattepfropfens  oder  durch  Abbrechen 
des  gekrümmten  Rohres).  Es  tritt  dann  ausnahmslos  binnen  kürzester  Zeit  GMLh- 
mng  ein,  und  es  wird  hierdurch  bewiesen,  dass  die  gährfähige  Substanz  durch 
das  vorausgehende  Erhitzen  nicht  etwa  ihre  Gährfähigkeit  verloren  hatte. 


Die  Mikroorganismen.  23 

6)  Ein  Einwand  könnte  trotzdem  noch  gegen  die  Beweiskraft  der  geschil- 
derten Experimente  erhoben  werden.  Wenn  nämlich,  wie  es  die  Anh&nger  der 
Generatio  aeqoivoca  oder  der  Anamorphose  behaupten,  aus  den  thierischen  und 
pflanzlichen  Zellen  Mikroorganismen  entstehen  können,  so  ist  selbstverständlich 
durch  das  Erhitzen  der  Substanz  resp.  durch  Zusatz  von  Giften  eine  derartige 
spontane*'  Entstehung  von  Mikroorganismen  unmöglich  gemacht  Dass  die- 
selben Substanzen  auf  Zusatz  von  Mikroorganismen  sich  noch  gährf&hig  zeigen, 
beweist  nur,  dass  die  von  aussen  hereingelangenden  Mikroorganismen  auch  im 
Stande  sind,  Gährung  zu  erregen;  es  fehlt  aber  der  Beweis  dafür,  dass  nicht 
TieUeicht  ebensowohl  ohne  Zutritt  von  Mikroorganismen  aus  der  völlig  unver- 
änderten, nicht  geschädigten  Zellsubstanz  Mikroorganismen  entstehen  können, 
welche  Gährung  bewirken. 

Um  diesen  letzten  Einwand  zu  widerlegen,  ist  es  oflfenbar  nöthig,  gähr- 
fiUiige  Substanzen  zu  conserviren,  ohne  dass  man  sie  vorher  mit  Hitze,  Giften 
oder  anderen  die  Zellen  schädigenden  Einflüssen  behandelt  Auch  solche  Ver- 
iQche  lassen  sich  nun  leicht  ausführen  und  ergeben  stets  dasselbe  Resultat,  so- 
bald der  Experimentator  die  nöthige  Uebung  sich  erworben  hat  Will  man  ein 
Stdck  einer  Pflanze  oder  eines  Thieres  in  dieser  Weise  conserviren,  so  muss 
man  allerdings  von  der  äusseren  Oberfläche  der  Pflanzen  oder  Thiere  absehen, 
da  an  dieser  stets  Mikroorganismen  haften.  Im  Innern  finden  sich  aber  er- 
£üirungsgemäss  keine  Mikroorganismen  und  man  braucht  dann  nur  in  einem 
Zimmer,  dessen  Luft  und  Gegenstände  vorher  sorgfältig  sterilisirt,  d.  h.  von 
Mikroorganismen  befreit  sind,  mit  sterilisirten  Händen  und  mit  erhitzten  und 
dtnn  wieder  abgekühlten  Instrumenten  in  das  Innere  des  Pflanzen-  oder  Thier- 
körpers  vorzudringen,  dort  ein  Stück  abzuschneiden  und  in  einem  vorher  steri- 
lisirten Gkfftss  unter  Watteverschluss  au&ubewahren.  So  lässt  sich  z.  B.  ein 
Stück  Leber  eines  Kaninchens,  oder  ein  Stück  Muskel,  oder  ein  Stück  aus  dem 
Innern  einer  Kartoffel  u.  dgl.  ohne  jede  Anwendung  von  Conservirungsmitteln 
jfthrelang  in  unverändertem  Zustande  conserviren.  Diese  Versuche  sind  in 
neuerer  Zeit  in  so  grosser  Zahl  und  mit  so  übereinstimmendem  Resultat  aus- 
geführt, dass  die  hier  und  da  erhaltenen  entgegengesetzten  Ergebnisse  un- 
bedingt auf  mangelhaftes  Beherrschen  der  technischen  Methoden  zurückzu- 
fthren  sind. 

7)  Ueberträgt  man  eine  minimale  Menge  von  einem  Substrat,  welches  sich 
in  einer  bestimmten  speci fischen  GUlhrung  befindet,  und  in  welchem  durch 
diese  Gährung  specifische  Produkte  gebildet  werden,  oder  aber  von  einer  Rein- 
enltur  der  betreffenden  specifischen  Gährungserreger  auf  eine  neue  gährfähige 
Substanz,  so  wird  die  gleiche  specifische  Gährung  (Bülchsäure- ,  Buttersäure-, 
Alkoholgährung  etc.)  hervorgerufen  und  es  finden  sich  auf  der  Höhe  der  GHlh- 
roDg  nur  die  übertragenen  Organismen  in  solcher  Zahl,  dass  durch  ihre  Aktion 
der  ganze  GNihrungsprooess  seine  zureichende  Erklärung  findet 

Neuerdings  ist  es  E.  Buchkkb  gelungen,  alkoholische  Gährung  nicht  nur 
durch  lebende  Hefe,  sondern  auch  durch  die  unter  starkem  Druck  aus- 
gepresste  Leibessubstanz  der  Hefezellen  (Zymase)  hervorzurufen.  Diese 
Entdeckung  ändert  nichts  an  der  Auffassung  von  der  Abhängigkeit  jeder  GUth- 
mng  von  der  Lebensthätigkeit  bestimmter  Bükroorganismen;  jene  Substanz  wird 
eben  nur  in  den  lebenden  Organismen  gebildet  und  repräsentirt  das  Mittel, 
dessen  sich  die  lebende  Zelle  zur  ausgedehnten  Zerlegung  des  Nährmaterials 
bedient 


24  Di6  Mikroorganismen. 

Analoge  Beweise  für  das  Zustandekommen  zahlreicher  In- 
fektionskrankheiten durch  Mikroorganismen: 

1)  Bei  vielen  Infektionskrankheiten  der  Menschen  und  Thiere  beohachten 
wir  im  Blut  und  in  den  Organen  Mikrooiganismen  und  zwar  in  jedem  Einzelfall 
einer  bestimmten  Krankheit  immer  die  gleiche  wohlcharakterisirte  Art  yon 
Mikroorganismen.  Je  vollkommener  unsere  Untersuchungsmethoden  werden,  um 
so  sicherer  und  bei  um  so  zahlreicheren  Krankheiten  gelingt  dieser  Nachweis. 

2)  Bei  gesunden,  von  Infektionskrankheiten  freien  Menschen  und  Thieren 
finden  wir  im  Blut  und  im  Innern  der  Organe  keine  Mikroorganismen.  Es 
geht  dies  mit  Sicherheit  aus  den  oben  beschriebenen  Conservirungsversuchen  mit 
thierischen  Organen  hervor.  Ausnahmsweise  können  sich  unschädliche  Mikro- 
organismen, welche  zufällig  oder  durch  das  Experiment  in  die  Blutbahn  gelangt 
waren,  in  inneren  Organen  gesunder  Thiere  eine  Zeit  lang  lebendig  erhalten. 

8)  Die  Verbreitung  der  Infektionskrankheiten  entspricht  durchaus  der  Ver- 
breitung der  verschiedenen  specifischen  Mikroorganismen  in  unserer  Umgebung, 
so  dass  stets  die  Möglichkeit  gegeben  ist,  dass  durch  die  von  aussen  mittelst 
Luft,  Wasser,  Nahrung,  oder  Berührung  oder  von  der  Haut-  bezw.  Schleimhaut- 
oberflftche  (z.  B.  Nasen-  und  Mundhöhle)  in  den  Körper  gelangten  Mikroorga- 
nismen die  Krankheit  hervorgerufen  wurde. 

4)  Wird  eine  Haut-  oder  Schleimhautwunde,  an  welcher  schädliche  Mikro- 
organismen haften,  fortgesetzt  mit  Substanzen,  welche  die  Vermehrung  der 
Mikroorganismen  hemmen  (Carbolsäure),  behandelt,  so  bleiben  die  Symptome 
einer  Wundinfektion,  Eiterung  und  Fieber,  aus  (Antisepsis). 

Unterbricht  man  die  antiseptische  Behandlung  und  erfolgt  darauf  Ver- 
mehrung der  Organismen,  so  tritt  alsbald  Eiterung  oder  Fieber  ein. 

5)  Tödtet  man  die  in  einer  Wunde  etablirten  schädlichen  Mikroorganismen 
durch  Hitze,  starke  Carbolsäure,  Sublimat  oder  dergleichen,  und  hindert  dann 
den  Zutritt  neuer  Mikroorganismen  durch  abschliessende  keimfreie  Verbände, 
so  tritt  keine  Eiterung  und  kein  Fieber  eiä  (Asepsis). 

Ist  der  Abschluss  unvollkommen  und  gelangen  in  irgendwelcher  Weise  in- 
fektiöse Mikroorganismen  in  die  Wunde,  so  zeigen  sich  in  Kürze  die  Symptome 
der  Wundinfektion  —  ein  Zeichen,  dass  nicht  etwa  die  Substanz  der  Wunde 
durch  jene  Eingriffe  unfähig  geworden  war  zur  Auslösung  einer  Infektion,  son- 
dern dass  die  letztere  nur  so  lange  ausblieb,  als  es  an  geeigneten  Mikroorga- 
nismen fehlte. 

6)  Auch  ohne  Anwendung  von  irgendwelchen  die  Mikroorganismen  oder 
die  Rörperzellen  schädigenden  Substanzen  kann  eine  Wunde  vor  Infektion  ge- 
schützt werden,  wenn  die  Wunde  in  keimfreier  Haut  mit  keimfreien  Instrumenten 
angelegt  und  durch  entsprechende  Verbände  gegen  späteres  Eindringen  schäd- 
licher Mikroorganismen  geschützt  wird  (Aseptische  Operation). 

Während  früher,  ehe  man  die  ursächliche  Holle  der  Mikroorganismen  bei 
den  Infektionskrankheiten  richtig  erkannt  hatte,  zahlreiche  Operationswunden 
mit  Eiterung,  Erysipel,  Septicämie  oder  Pyämie  (sog.  Blutvergiftung)  complicirt 
waren,  vermag  jetzt  jeder  Operateur  nur  durch  sorgfältiges  Femhalten  der  diese 
Krankheiten  erregenden  Mikroorganismen  einen  reaktionslosen  Verlauf  der  Wun- 
den zu  bewirken.  Niemals  sehen  wir  eine  Wundinfektionskrankheit  durch  einen 
„Zersetzungsprocess"  im  Körper  oder  durch  Einverleibung  chemischer  „Gifte" 
entstehen;  wo  Wundinfektion  eintritt,  ist  dieselbe  vielmehr  mit  Bestimmtheit 
auf  das  Eindringen  specifischer  Mikroorganismen  zurückzuführen. 


Die  Mikroorgamsmen.  25 

7)  Viele  Infektionsknmklieiten  lassen  sich  von  Thier  zu  Thler  fortgesetzt 
übertragen  dadorch,  dass  man  minimale  Dosen  Blut  oder  Organsnbstanz  des 
erkrankten  Thieres  aaf  gesunde  Thiere  überträgt.  Solche  Uebertragungen  hat 
man  dorch  Reihen  von  100  Thieren  und  mehr  fortgeführt  Jedes  derselben 
erkrankt  dann  an  der  speci fischen  Infektionskrankheit  nnd  zeigt  stets  die 
speci fische  Art  von  Mikroorganismen  in  solcher  Zahl  und  Vertheilong  in 
den  Organen,  dass  alle  wesentlichen  Krankheitserscheinungen  dadurch  ihre  £r- 
kl&rung  finden. 

Man  hat  früher  wohl  eingewendet,  dass  das  eigentlich  Ursächliche  bei 
diesen  Uebertragungen  vielleicht  eine  gewisse  Rörpersubstanz  aus  dem  kranken 
Organismus  sein  könne,  welche  den  Mikroorganismen  anhaftet  und  zusammen  mit 
diesen  übertragen  wird.  Dieser  Einwand  wird  indessen  dadurch  ausgeschlossen, 
dass  man  die  Mikroorganismen  von  Allem  befreit,  was  ihnen  etwa  noch  vom 
kranken  Körper  her  uihaften  kann.  Zunächst  strebte  man  dies  zu  erreichen 
durch  starke  Verdünnung  des  Blutes  des  erkrankten  Thieres;  selbst  durch 
weniger  als  den  tausendsten  Theil  eines  Tropfens  gelang  es  dann  oft  noch,  die 
specifische  Krankheit  bei  einem  gesunden  Thiere  ebenso  energisch  wie  durch  enorm 
viel  grössere  Dosen  auszulösen.  Das  in  solcher  Weise  wirksame  Agens  konnte 
offenbar  nur  in  einem  vermehrungsfUhigen  Etwas,  d.  h.  in  lebenden  Organismen, 
bestehen.  —  Da  dies  Experiment  aber  nicht  bei  allen  Infektionserregern  gelingt, 
hat  man  weiter  auch  wohl  versucht,  durch  Filtration  die  Mikroorganismen  zu 
isoliren.  Auch  diese  Experimente  stossen  auf  manche  Schwierigkeiten  und  erst 
nach  vielen  vergeblichen  Versuchen  sind  Filter  construirt,  welche  in  der  That 
alle  Mikroorganismen  aus  Flüssigkeiten  zurückhalten.  Dabei  hat  sich  dann 
gezeigt,  dass  das  keimfreie  Filtrat  nicht  im  Stande  ist,  Infektion  auszulösen, 
sondern  nur  die  auf  dem  Filter  zurückbleibende  Masse  von  Mikroorganismen. 

In  neuerer  Zeit  gelingt  die  Isolirung  vieler  infektiöser  Mikroorganismen 
in  einfachster  und  sicherster  Weise  durch  die  künstliche  Cultur.  Bringt 
man  etwas  Blut  aus  dem  an  einer  Infektionskrankheit  gestorbenen  Thier  auf 
ein  Substrat,  welches  den  Mikroorganismen  als  Nährboden  dienen  kann,  z.  B.  auf 
durchschnittene  Kartoffeln  oder  in  einen  grösseren  Kolben  mit  Bouillon,  so  ver- 
mehren sich  die  betreffenden  Mikroorganismen  schnell  in*s  Ungemessene.  Nach 
2  Tagen  findet  man  das  ganze  Nährsubstrat  von  der  kleinen  Impfstelle  aus  voll- 
standig  durchwachsen.  Man  überträgt  nun  von  dieser  ersten  Cultur  eine  mini- 
malste Menge  auf  einen  neuen  Nährboden,  lässt  dort  wieder  die  Mikroorganismen 
sich  massenhaft  vermehren  und  bringt  wiederum  eine  minimale  Menge  auf  ein 
drittes  Substrat;  und  so  fort  durch  eine  Reibe  von  100  und  mehr  „Generationen*^ 
Von  der  letzten  Cultur  impft  man  den  Bruchtheil  eines  Tropfens  in  eine  kleine 
Wunde  eines  gesunden  Thieres  und  ruft  dadurch  mit  vollster  Sicherheit  dieselbe 
specifische  Infektionekrankheit  hervor,  welche  den  Ausgangspunkt  der  Versuchs- 
reihe gebildet  hatte.  Es  ist  nicht  denkbar,  dass  etwas  Anderes  als  lebende 
vermehrungsfähige  Mikroorganismen  nach  dem  Durchgang  durch  die  lange  Reihe 
der  künstlichen  Culturen  im  Stande  gewesen  sein  sollte,  die  krankheitserregende 
Wirkung  unverändert  zu  erhalten.  Vielmehr  müssen  wir  in  diesen  Experimenten 
einen  Beweis  dafür  sehen,  dass  specifische  von  aussen  in  den  Körper  gelangte 
Mikroorganismen  die  ursächlichen  Erreger  der  Infektionskrankheiten  sind. 

Viele  InfektioBserreger  sind  allerdings  dem  gesunden  Körper  gegen- 
über machtlos,  nnd  es   bedarf  zur  Auslösung  der  Infektionskrankheit 


26  I^ie  Mikroorganismen. 

noch  einer  besonderen  Disposition  des  Körpers  (s.  im  10.  Kapitel). 
Niemals  aber  ist  die  Disposition  an  und  für  sich  ausreichend  für  das 
Zust<andekommen  der  Krankheit,  sondern  letztere  tritt  erst  ein  unter 
dem  specifischen  Einfluss  der  von  der  Umgebung  oder  von  anderen 
Menschen  aus  in  den  Körper  eingedrungenen  und  in  die  disponirten 
Organe  gelangten  Mikroorganismen. 


Die  Mikroorganismen  gehören  grösstentheils  zu  den  niederen 
Pflanzen,  theilweise  zu  den  niedersten  Thieren.  Für  unsere  Zwecke 
erscheint  es  praktisch,  fünf  grössere  Gruppen  zu  unterscheiden,  nämlich : 
l)Fungi,  Faden-(Schimmel-)pilze ;  2) Blastomycetes,  Sprosspilze;  3)Schizo- 
mycetes,  Spaltpilze;  4)  Streptothricheen ;  5)  Protozoon. 

/.  Fungi,  Faden-  {Schimme1r)pilze. 

Zellen  relativ  gross,  meist  2 — 10  jk  im  Durchmesser;  bestehen  aus 
celluloseahnlicher  Hülle  und  anscheinend  kernlosem  Protoplasma.  Sie 
wachsen  durch  Verlängerung  an  der  Spitze  zu  Fäden  oder  Hjphen  aus. 
Letztere  sind  meist  gegliedert  und  häufig  verzweigt  durch  Theilung 
der  Endzelle.  Die  auf  dem  Nährsubstrat  wuchernden  Fäden,  welche 
von  dort  die  Nahrung  aufnehmen,  bezeichnet  man  als  Mycelium. 
Vor  diesem  erheben  sich  aufwärts  die  Fruchthyphen,  welche  an 
ihrer  Spitze  die  Sporen  tragen,  d.  h.  rundliche  oder  längliche,  meist 
mit  derber  Membran  versehene  Zellen,  ausgezeichnet  dadurch,  dass  sie 
nach  ihrer  Abtrennung  von  den  Fruchthyphen  auf  jedem  guten  Nähr- 
substrat zu  einem  Keimschlauch  und  demnächst  wieder  zu  einem 
neuen  Mycel  auswachsen  können.  Die  Sporen  dienen  daher  zur  Fort- 
pflanzung und  zur  Erhaltung  der  Art;  sie  können  in  trockenem  Zu- 
stand lange  aufbewahrt  werden,  ohne  ihre  Keimfähigkeit  zu  verlieren. 
—  Unter  gewissen  Umständen  bilden  die  Sporen  (Conidien)  durch 
Sprossung  neue  Conidien,  die  erst  bei  Aenderung  der  Verhältnisse  zu 
Mycelfaden  auskeimen. 

Die  Sporen  bilden  sich  dadurch,  dass  sie  aus  der  an  der  Spitze 
der  Hyphe  befindlichen  Endzelle  durch  querwandige  Theilung  sich  ab- 
schnüren (=Conidien);  oder  die  Endzelle  vergrössert  sich  zum  sog. 
Sporangium  oder  Ascus,  in  dessen  Innerem  durch  Theilung  des 
Plasmas  die  Sporen  entstehen.  Bei  vielen  Arten  findet  sich  neben 
der  ungeschlechtlichen  eine  geschlechtliche  Fructification  (Oosporen, 
Zygosporen).  —  Ausser  Sporen  kommt  vielfach  eine  andere  Dauer- 
form vor,  dadurch   dass  die  Mycelfiden   in  kurze  Glieder  zerlallen 


Faden-  (Schiminel-)piize. 


27 


(Oldienbildong);  oder  dadurch,  dass  sich  altemirend  ein  Glied  des 
MyoelMens  verdickt,  während  das  nächste  leer  wird  (Gemmen-  oder 
Chlamydosporenbildong). 

Man  begegnet  den  Schimmelpilzen  auf  allen  möglichen  todten 
Substraten ,  sie  sind  im  Ganzen  in  Bezug  auf  ihren  Nährbedarf  sehr 
wenig  wählerisch.  Im  Gegensatz  zu  den  Spaltpilzen  können  sie  auch 
auf  relativ  wasserarmem  Substrat  und  bei  saurer  Beaktion  des  Nähr- 
bodens gut  gedeihen.  Will  man  daher  bei  künstlichen  Culturen  von 
Schimmelpilzen  die  rasch  wachsenden  Spaltpilze  fernhalten,  so  setzt 
man  dem  Nährsubstrat  zweckmässig  2 — 5  Procent  Weinsäure  zu.  Ge- 
kochte Kartoffeln,  Brotbrei  oder  Gelatine-,  resp.  Agargemische,  in  solcher 
Weise  angesäuert,  sind  am  geeignetsten  zur  künstlichen  Züchtung.  Die 
Sporenbildung  vollzieht  sich  nur  an  freier  Luft;  unter  Wasser  ent- 
wickelt sich  höchstens  steriles  MyceL  —  Sehr  abhängig  zeigen  sich  die 
Schimmelpilze  von  der  Aussentemperatur.  Das  Optimum  liegt  für  die 
einen  Arten  bei  +  15^,  für  andere  Arten  bei  +  40^ ;  je  nach  der  Tempe- 
ratur gedeiht  daher  bald  diese  bald  jene  Art  auf  demselben  Substrat 
Viele  kommen  parasitisch  auf  Pflanzen  und  niederen  Thieren  vor,  so 
die  Brandpilze  des  Getreides,  der  Pilz  der  Eartoffelkrankheit,  der  Mutter- 
kompilz,  die  Bostpilze ;  die  Empusa  der  Stubenfliegen,  der  Muskardine- 
pilz  der  Seidenraupen  etc. 

Der  Eintbeilong  der  Fadenpike  wird  jetzt  allgemein  das  BBBFELD*8che 
System  zu  Grande  gelegt    Nach  Brbfsld  stehen  anf  der  untersten  Stufe  die 
algenfthnlichen  Pilze,  bei  denen  vorzugsweise  geschlecht- 
liehe Fruetifieation  vorkommt;  die  höheren  Stufen  um- 
hmen  die  Pilze,  welche  nur  in  Sporangien  und  Conidien, 
schliesslich  nur  in  Conidien  (Basidien)  fiructificiren.  — 

Von  der  grossen  Menge  bekannter  Arten  seien 
hier  nur  einige  angef&hrt,  welche  entweder  wegen  ihres 
aUverbreiteten  Vorkommens  unser  Interesse  beanspru- 
chen, oder  welche  eine  pathogene  Wirkung  auch  auf 
Warmbl&ter  ausüben. 

Penicillium,  namentlich  P.  glaucum,  der 
gemeinste  Schimmelpilz.  Wuchert  selbst  in  destiUirtem 
Wasser,  in  vielen  Arzneien  etc.  An  der  Spitze  der 
Fraehthyphen  tritt  ein  Quirl  von  Aesten  pinselförmig 
hervor,  und  diese  tragen  Ketten  von  kugeligen,  3.5 /u 
messenden  Sporen.  Flockiges  weisses  Mjcel,  nach  der 
Sporenbildung  gr&n.  Wftchst  am  besten  bei  15 — 20  ^ 
verkümmert  bei  88 ^  Grosse  Massen  Sporen,  welche 
Warmblütern  durch  Inhalation  oder   durch  Injektion 

oi*t  Blnt  beigebracht  werden,   rufen   keinerlei  Wirkung   hervor,  sie  bleiben 
wochenlang  in  Milz  und  Leber  liegen,  ohne  auszukeimen. 

Oldium.  Als  Mehlthau  auf  lebenden  Pflanzen  parasitirend;  zahlreiche 
Alten;  oft  nur  die  Oldienfructification  von  Arten,  die  unter  anderen  Bedingungen 


Flg.  1.    PenicilUam. 
200:1. 


28  E'is  Hikioorgauiameu. 

Sporen  bilden.  Aof  todtem  Substrat  nsmentlieb  0.  Iftctis,  Hilcfaschimmel, 
Mjcel  und  Sporen  weiss.  Einbche  anfrechte  Prachthyphen  mit  endstindiger 
Kette  von  walienßrmigen  „Sporen".  Findet  sich  regelmässig  auf  saurer  MUcb. 
Gedeiht  zwischen  19  and  30*  am  besten,  föngt  bei  37°  &□  zu  verkümmern. 
Völlig  unschSdlich,  wie  Penieillium. 

Bei  Favus,  Herpes  tonsurans,  Pithyriasis  versicolor,  beim  sog. 
HSnse-Favns  finden  sich  oldinmShnlicbe  Formen;  jedoch  sind  dieselben  keioea- 
&ltB  mit  Otdinm  lactis  identisch,   sondern  repräsentiren 
specifische   Arten,    deren   botanische  ZugebGrigkeit  noch 
zweifelhaft  ist    Von  Trichophyton  tonsurans  scheinen 
verschiedene  Arten  oder  Varietäten  z»  eristiren.    Ebenso 
soll  der  FavDspilE  (Acfaorion  Schoenleiuti)  nach  einigen 
Beobachtern  in  mehreren  Varietäten  aufh«ten,    wBhrend 
Andere  stets  die  gleiche  Art  gefunden  haben.    Dieselbe 
vegetirt  in  den  gewöhnlichen  Gelatine-  oder  Agar-Nttbr- 
Fli2  Oldlamlsotli      Ijö^cn  namenUich  unter  der  Oberflfiche  nnd  bildet  gian- 
200;1.  weisse   spBter  gelbliche  Rasen,   von  deren  Peripherie  sich 

moosartige  AnslSnfer  in  die  Tiefe  erstrecken. 
Hacor.  Familie  von  zahlreichen  Arten.  Sporenbildung  in  Sporangien. 
Am  hSafigsten  kommen  saprophTtisch  vor  U.  mncedo  und  M.  racemosus.  Vier 
Arten,  M.  rbizopodiformiB,  M.  corTmbifer,  H.  pnsillns  und  IL  nunosos,  die 
sAmmtlich  bei  37°  am  besten  gedeihen,  bewirken  den  Tod  von  Kaninchen,  wenn 
ihre  Sporen  in  grösserer  Menge  in  die  Blutbahn  injicirt 
werden.  Es  finden  sich  dann  in  den  verschiedensten 
Organen,  namentlich  in  den  Nieren,  zahlreiche  kleine 
PilEmjcelien  ohne  Frnctifikation.  Injicirt  man  kleinere 
Mengen  von  Sporen,  so  werden  diese  von  Lenkoc^ten 
umzingelt  nnd  es  kommt  weder  tur  Bildung  von  Hyeelien, 
noch  zu  Krankheitserscheinungen.  Auch  beim  Henaoheu 
bat  man  Ansiedelungen  dieser  Mncorarten,  z.  B.  im 
äusseren  GebÖrgang,  gefunden.  Die  übrigen  Hucoiarten, 
darunter  auch  solche,  welche  ebenfalls  ihr  Temperatur- 
Optimum  bei  37*  haben,  sind  vCUig  nnsch&dlicb  und  vei^ 
mOgen  auf  dem  lebenden  Warmblüter  nicht  zn  gedeihen. 
Aspergillus.  Bildet  Fruchttrftger,  welche  an  der 
'"'  '■'"^^  ^™'"  Spitze  kugelförmig  angeschwollen  sind,  anf  dieser  ent- 
wickeln sich  kurze  Stiele  (Sterigmen)  und  dann  erst 
die  Ketten  von  runden  Sporen,  Das  Mjcel  ist  anfangs  weiss,  nach  Eintritt 
der  Sporenbiidung  je  nach  der  Species  gelb,  grOn,  schwaix  n.  s.  W.  A.  glancus, 
gelbgrOn,  gedeiht  am  besten  bei  10—12°,  findet  sich  in  Kellern,  an  feuchten 
Wänden,  anf  eingemachten  Früchten  etc.  Völlig  unschädlich  für  Warmblüter. 
Dagegen  sind  A.  niger,  A.  famigatus,  A.  flavesceus  nnd  A.  subfuscns,  deren 
Tempera toroptim am  ungefähr  bei  i<7°  liegt  und  die  nnter  natDrlicben  Ver- 
hfiltnissen  z.  B.  auf  besonnten  feuchten  Bodenstellen,  Misthaufen  etc.  wuchern 
können,  ftlr  Warmblüter  pathogen.  Nach  Injektion  reichlicher  Sporenmengen 
in  die  Blutbahn  gehen  Kaninchen  zu  Grunde  uiip  man  findet  zahlreiche  MyceUeu 
im  Herzen,  in  der  Leber  und  in  den  Nieren.  Nicht  selten  kommt  es  zn  einer 
natürlichen  Infektion  von  Wannblfltem  mit  Aspergillussporen,  namentlich 
mit  denen  von  A.  fiunigatns.    So  findet  man  bei  Vögeln  häufig  Wucherungen 


Sprosspilze.  29 

solcher  SchimmelpilEe  in  den  Luftwegen.  Auch  beim  Henscben  sind  mjcotiBche 
EtklUlkniigen  durch  die  genumten  ABpergillusarten  beobachtet ;  die  Anaiedeliuigs- 
atKtten  bildeten  die  Bronchien  und  Lungen,  decSussere  GehCrgang,  die  Cornea  u.  s.  w. 
ErwShnt  sei  noch  der  in  den  Hjmenomjceten  gehörige  Hansschwamm, 
UernliuB  lacr^mans,  der  im  Bauholi  und  Hanerwerk  wuchert.  Er  bildet 
ein  &rbtoses  Ujcel,  dessen  Fiden  oft  SchnalleiizellaQ  teigen  (Fig.  &).    An  he- 


« 


FIk.  6.    Harullui  Ueirnum,  Hau*- 
■cbnmm. 

. , A   FruahUrlger  mit  «lfm  Sporea.    «00;1 

BIcrifmeB  and  Sponm.    300 : 1.  B   Bclinallenbüdatif  ui  Mrodfldan.  400 ;  I 


lichteten  Stellen  bilden  sich  als  PmchttrSger  anhebte  keulenförmige  Basidien, 
»nf  jeder  von  diesen  vier  Sierigmen  mit  ovalen,  gelbbraunen  Sporen.  —  Ueber 
die  hygienische  Bedentong  des  HansBchwamms  s.  im  Kap.  „Wobnnng". 

Literatur:  Fuin,  Botanik,  2.  Theil  von  Leunis'  STUopsis,  Hannover  1662 
a.  folg.  Jahre.  —  Brepslp,  Botanische  Untersuchungen,  Leipzig.  —  SiBBsniuira, 
Die  Fadeapilxe,  Wiesbaden  18B3.  —  FlOooe,  Mikroorganismen,  3.  Aufl.  1896. 

//.  Blastomyceteg,  Sproe^püze. 
Orale  oder  knglige  Zellen  von  2 — 15/t  DuTchmesser;  zeigen  eine 
saweilen  starke,  doppelt-contonrirte  Membran,  köm^s  Protoplasms,  in 
letzterem  Vaouolen.  Die  Vermehrnng  erfolgt  für  gewöhnlich  durch 
HeiTorsprossen  einer  Tochterzelle,  welche  sich  echliesslich  durch  eine 
Querwand  TOn  der  Mntterzelle  scheidet,  und  dann  entweder  noch  längere 
Zeit  an  dieser  haftet  (Bildung  von  Verbänden)  oder  sich  loalöat.  —  Viele 
Sprosspilze,  jedoch  keineswegs  alle,  vermögen  in  Znckerlösnngeo  alko- 
holische Gährung  zu  erzeugen.    Es  sind  zu  unterscheiden: 

a)  Sproaspilae,  welche  nur  eine  gelegentliche  Wnchsform  von 
Schimmelpilzen  darstellen.  Mucor,  Mouilia  u.  a.  m.  können  in 
Znekerlösungen  untergetaucht  befeartige  Sproaaungen  treiben  und  dann 
etwas,  aber  sehr  wenig,  Alkohol  und  Kohlensäure  bilden.  Sobald  es 
dem  Pilz  (z.  B.  durch  aufsteigende  CO,-BläBchen)  ermöglicht  wird,  an 
die  Oberfläche  znrfickzokehren,  tritt  wieder  Fadenbildung  ein. 

b)  Torula-Arten.  Sprosspilze,  welche  sowohl  in  Flüssigkeiten  wie 
anch  auf  festem  Substrat  lediglich  Spiossnngen  bilden.  Sie  venn^en 
keine  oder  nur  ganz  schwache  Alkoholgährong  hervorzurufen. 


80  ^6  Mikroorganismen. 

Die  Cultoren  auf  festem  Substrat  (Gelatine)  zeigen  oft  lebhafte 
Farbe,  rosa,  schwarz  u.  &  w.  Manche  Arten,  z.  B.  die  rosafarbenen,  sind 
ausserordentlich  verbreitet  —  Auch  die  Torula- Arten  gehören  vermut- 
lich zu  gewissen  höheren  Filzen. 

c)  Saccharomyces,  echte  Hefepilze.  Vermehren  sich  in 
Zuckerlösung  nur  durch  Sprossung  und  erzeugen  dabei  Oährung,  d.  h. 
sie  zerlegen  Olykosen,  namentlich  Traubenzucker,  in  Kohlensaure  und 
Alkohol  Rohrzuckerlösungen  gehen  langsamer  in  Oährung  über,  weil 
hier  erst  durch  ein  von  der  Hefe  producirtes  invertirendes  Ferment 
eine  Umwandlung  des  Bohrzuckers  in  Olykose  eintreten  muss.  Ober- 
gahrige  Bässen  von  Hefepilzen  bewirken  sehr  lebhafte,  mit  Emporreissen 
der  Sprossverbände  einhergehende  Oährung,  am  besten  bei  höherer 
Temperatur.    Andere  Bässen  (ünterhefe)  rufen  bei  niederer  Tempera- 

^  tur    sog.    Untergährung    hervor. 


Diese    Bassencharaktere    erhalten 
9^       sich  constant. 

^O  Unter  den  Zackerarten  sind  nach 

^3  £.  Fischer's  Untersuchungen  nur  die- 

jenigen gfthrfähig,  die  in  ihrem  Mole- 
kül eine  durch  3  ohne  Rest  theilbare 
Zahl  von  Kohlenstofffttomen  enthalten, 
deren  allgemeine  Formel  also  ist: 
CgnHeQOaQ;  hierzu  gehört  die  Gljcerose 
CgUeOg,  Traubenzucker,  Fruchtzucker, 
Mannose  und  Galaktose  CeH,,Oe  und 
die   Mannononose  CgHi.Oo:   Tetrosen, 

ii  sproaBung*\B*SpownbUdunJ."  (7  Deckenbildung.    Pentosen,  Heptosen,  und  Octosen  sind 

f&r  Hefe  unverg&hrbar.  Femer  sind 
nur  die  zur  (i-Reihe  gehörigen  Zucker  gährfiKhig,  während  die  optisch  ent- 
gegengesetzten /-Zucker  unvergohren  bleiben.  Innerhalb  der  gährf&higen  Gruppen 
findet  dann  je  nach  der  Species  der  betr.  Hefe  noch  eine  ganz  individuell  be- 
schränkte Auswahl  des  Gährmaterials  statt 

Nach  Ablauf  der  Oährung  sieht  man  bei  allen  echten  Hefepilzen 
innerhalb  6—21  Tagen  auf  der  Oberfläche  der  Flüssigkeiten  Decken- 
bildung eintreten.  Die  Sprossungen  werden  dann  undeutlicher  und 
die  Zellen  länger,  so  dass  sie  an  Hjphen  erinnern.  Die  Temperatur- 
grenzen, bei  welchen  sich  die  Decken  bilden,  die  Schnelligkeit  der 
Bildung  und  das  mikroskopische  Aussehen  der  Decken  liefern  diagnostisch 
brauchbare  Merkmale  zur  Unterscheidung  der  Arten  und  Bässen. 

Auf  festem  Nährsubstrat  (Gelatine)  oder  auf  Gipsplatten  entstehen 
in  den  Hefepilzen  resistentere  Sporen,  1 — 10,  gewöhnlich  1 — 4  an 
Zahl,  und  zwar  durch  freie  Zellbildung  innerhalb  der  vergrösserten 
Mutterzelle  (Askosporen).  In  Bezug  auf  die  Temperaturgrenzen,  inner- 
halb welcher  die  SporenbUdung  vor  sich   geht,   zeigen   die  einzelnen 


Sprosspilze.  31 

Arten  and  Rassen  erhebliche  Unterschiede ,  welche  wiedenun  für  die 
Differential-Diagnose  verwerthet  werden  können. 

Von  den  Lebensbedingungen  der  Hefepilze  sei  erwähnt,  dass 
sie  ausser  Zucker  auch  stets  stickstoffhaltige  Nährstoffe,  lösliches  Eiweiss, 
Pepton,  Amide  und  dergleichen  bedürfen.  Femer  ist  im  Allgemeinen 
für  das  Wachsthum  der  Hefe  Zufiihr  von  Sauerstoff  erforderlich.  Nur 
in  gahrenden  Zuckerlösuugen  kann  die  Hefe  auch  bei  Luftabschluss 
sich  lauge  Zeit  vermehreD,  weil  dann  durch  die  massenhafte  Zerleguog 
des  Zuckers  in  Alkohol  und  Kohlensäure  soviel  Energie  frei  wird,  dass 
dadurch  ein  Ersatz  geliefert  wird  für  diejenigen  Energiemengen,  welche 
sonst  bei  Zutritt  von  Sauerstoff  durch  Oxydation  entstehen. 

Bezüglich  der  Goncentration  und  Reaction  des  Nährsubstrats 
halten  sich  die  Hefepilze  in  der  Mitte  zwischen  Schimmel-  und  Spalt- 
pilzen. Bierwürze,  Malzdekokt  oder  Fflaumendekokt ,  eventuell  mit 
Zackerzusatz,  sind  zur  Cultur  am  besten  geeignet ;  um  Spaltpilze  fern- 
zuhalten, kann  man  zweckmässig  etwa  1  Frocent  Weinsäure  zufügen. 
Gegen  freies  Alkali  sind  die  Hefepilze  empfindlich.  Die  günstigste 
Züchtungstemperatur  liegt  im  Allgemeinen  bei  25 — 30^. 

Es  sind  früher  viele  Arten  and  Varietäten  von  Hefe  nach  der  Form 
nnd  Grösse  der  Zellen  unterschieden.  Jedoch  schwanken  diese  Verhältnisse  bei 
der  einzelnen  Art  so  sehr,  dass  keine  durchgreifenden  konstanten  Differenzen 
bestehen  bleiben.  Diagnostisch  verwerthbar  sind  vielmehr  nur  die  E^cheinungen 
der  Sporenbildung  und  Deckenbildung.  —  Praktisch  unterscheidet  man  nament- 
lich Weinhefe  und  Bierhefe.  Erstere  bewirkt  die  „spontane*^  Gährung  des 
Hosts  u.  s.  w.  oder  anderer  zuckerreicher  Flüssigkeiten.  Im  Gegensatz  dazu  wird 
die  Bierhefe  nur  künstlich  gezüchtet,  indem  immer  von  der  in  lebhafter  Gärung 
befindlichen  Bierwürze  etwas  für  den  nächsten  Brau  zurückbehalten  wird.  In 
ihnlicher  Weise  wird  die  in  Form  des  Sauerteigs  bei  der  Brotbereitung  be- 
nutzte Hefe  weiter  cultivirt  Vielfiu^h  wird  Presshefe  verwendet,  d.  h.  eine 
Bierhefe,  welche  durch  massige  Wasserentziehung  haltbar  gemacht  ist 

In  allen  diesen  Hefearten  findet  man  mehrere  Rassen  vereinigt,  darunter 
oft  auch  solche,  welche  für  den  betreffenden  Gfthrungsprocess  unbrauchbar  oder 
sogar  schädlich  sind  und  welche  also  nur  zufällige  Verunreinigpingen  darstellen. 
Hamsoi  hat  durch  seine  sorgfältigen  Forschungen  im  Laboratorium  der  Karls- 
berg-Brauerei in  Kopenhagen  die  Merkmale  der  guten,  technisch  verwendbaren 
Heferassen  und  andererseits  deijenigen  „wilden"  Hefen  erkennen  gelehrt,  welche 
zu  den  sogenannten  Krankheiten  des  Bieres  u.  s.  w.  Veranlassung  geben.  In  Folge 
dessen  wird  jetzt  meistens  rein  gezüchtete  Hefe  in  den  G^rungsgewerben  benutzt 

d)  Myooderma  oerevisiae  et  vini,  der  Eahmpilz (Saccharomyces 
Hyooderma).  Bildet  auf  gegohrenen  Flüssigkeiten  die  sogenannte  Eahm- 
haxiij  welche  erheblich  schneller  entsteht  als  die  von  echten  Hefen 
gebildeten  Decken.  Die  Haut  ist  matt,  grauweiss,  gefaltet  und  besteht 
wesentlich  aus  langgestreckten  Zellen.  Oährung  erfolgt  nicht,  sondern 
nur  Verbrennung  des  Alkohols. 


32  ^®  Mikroorganismen. 

Statt  der  Gattung  Mycoderma  stellen  Fischer  und  Bbbbbck  die  neae 
Gattung  Endoblastoderma  auf,  von  welcher  einige  Arten  den  frCiheren 
Mjcodermaarten  entsprechen.  Die  Gattung  Endoblastoderma  unterscheidet  sich 
von  Saccbaromyces  theils  durch  die  für  Mjcoderma  beschriebene  Bildungsweise 
der  Kahmhaut,  theils  durch  die  (bei  Endoblastoderma  selten  beobachtete) 
Sporenbildung,  besonders  aber  durch  einen  neben  der  Sprossung  constant  vor- 
kommenden eigenartigen  Fortpflanzungsprocess  durch  endogene  Zellentstehung:. 
Viel  umstritten  ist  die  Stellung  des  Soorpilzes.  Aus  dem  Zungenbelag 
bei  Soor  lässt  sich  ein  Pilz  isoliren,  der  zahlreiche  Sprosazellen  und  Sprossver- 
bände, daneben  aber  fadenförmige  Zellen  und  mycelartig  gegliederte  und  ver- 
ästelte Fäden  zeigt;  die  Sprosszellen  sitzen  vereinzelt  oder  in  Gruppen  (Rosetten) 

den  Fäden  auf.  Der  Pilz  wurde  früher  den  Oi'diumarten 
zugerechnet  und  Oidium  albicans  genannt  Nach  Plaut 
soll  der  Soorpilz  mit  Monilia  oandida  identisch  sein; 
Culturen  der  letzteren,  auf  die  Kropfischleimhaut  von  Tauben 
verimpft,  sollen  Soor  hervorrufen.  Roüx  und  Linossibb 
fanden,  dass  der  Soorpilz  sich  wie  ein  Schimmelpilz  verhält, 
der  für  gewöhnlich  Hefesprossungen  bildet,  in  zuckerarmen 
Nährlösungen  aber  auch  Mycel  liefert.  Nach  den  neuesten 
Untersuchungen  von  Fischer  und  Bbbbeck  findet  sich  da- 
gegen im  Soorbelag  ein  die  Bierwürze-Gelatine  verflüssigen- 
der Pilz  (seltener  eine  nicht  verflüssigende  Varietät),  der 
durch  sein  ganzes  morphologisches  und  biologisches  Ver- 
Fl^7    Soor-  halten,   namentlich   durch    die  Bildung  endogener  Sporen, 

kaitur.    260:1.        sowie   durch    die   Yergährung   von  Gljkosen   zur  Gattung 

Saccharomjces  gehört.  Culturen  auf  die  Hornhaut  von 
Kaninchen  verimpft,  bewirkten  ausgebreitete  Trübung  der  Cornea  durch  Pilz- 
wucherung. 

Neuerdings  sind  in  Carcinomen  und  Sarkomen  Zelleneinschlüsse  be- 
obachtet, die  das  Aussehen  von  Blastomyceten  haben.  Auch  sind  aus  (j^schwülsten 
und  aus  zufälligen  sayrophy tischen  Ansiedlungen  Blastomyceten  (Sacch.  neo- 
formans) iBolirt,  welche  bei  Versuchsthieren  Neubildungen  (jedoch  wie  es 
scheint  nur  Granulationsgeschwülste)  veranlasst  haben  sollen  (Busse,  Sanfblicb, 
Leopold).  Bestätigungen  dieser  Befunde  unter  Vermeidung  aller  der  offenbar 
zahlreich  vorhandenen  Fehlerquellen  stehen  noch  aus. 

Literatur:  Pastbub,  I^tudes  sur  la  bi^re,  Paris  1876.  —  Hansen,  Med- 
delelser  fra  Carlsberg  Laboriet,  Kjöbenhavn  1878  u.  folg.  Jahre  (mit  französi- 
schem R^sum^).  —  Jöbobnsen,  Die  Mikroorganismen  der  Gährungsindustrie, 
Berlin  1886.  —  Fischeb  und  Bbebeok,  Zur  Morphologie  u.  s.  w.  der  Kahmpilze,  der 
Monilia  Candida  Hansen  und  des  Soorerregers,  Jena  1894.  —  Busse,  Die  Hefen 
als  Krankheitserreger,  Berlin  1897.  —  Sanfelice,  Zeitschr.  f.  Hygiene,  Bd.  21, 
22,  29.  —  Leopold,  Arch.  f.  Gynäkol.  Bd.  71. 

///.    Schizomycetes^  Spaltpilze,  Bakterien. 

a)  Morphologisehes  Verhalten. 

Kleinste  chlorophyllfreie  Zellen.  Bei  einigen  Arten  laast  sich  eine 
zarte  Rindenschicht  und  ein  Centralkorper  unterscheiden ,  erstere  be- 
steht aus  einer  Flasmamodification ,  letzterer  aus  Kemsnbstanz;  meist 


Spaltpilze,  Bakterien.  33 

umschliesst  eine  dünne  Zellmembran  einen  Frotoplasmaschlauch  mit 
centraler  Flüssigkeit  In  concentrirten  Salzlösungen  tritt  Wasserent- 
ziehung, Schrumpfung  des  Frotoplasmaschlauchs  und  dadurch  Ablösung 
von  der  Zellwand  ein  (Plasmolyse).  Sie  vermehren  sich  durch  Quer- 
theilung,  indem  die  Zelle  sich  streckt  und  dann  in  zwei  stelbst- 
ständige  Individuen  theilt.  Bei  manchen  Arten  verlauft  zwischen  der 
Beendigung  der  ersten  Theilung  und  dem  Anfang  der  Theilung  der 
neu  entstandenen  Individuen  nur  eine  Zeit  von  20  bis  30  Minuten. 
Bei  anderen  Bakterienarten  dauert  diese  Frist  mehrere  Stunden. 
Rechnet  man  1  Stunde  als  Durschnittswerth,  so  entstehen  aus  jedem 
Spaltpilzindividuum  innerhalb  24  Stunden  16  Millionen  Individuen; 
bei  20  Minuten  Theilungsdauer  liefert  1  Individuum  in  24  Stunden 
4700  Trillionen,  deren  trockene  Masse  ca.  150000  Kilo  wiegen  würde. 
Einer  so  gewaltigen  Vermehrung  wirken  indess  stets  die  unten  zu  be- 
sprechenden hemmenden  Einflüsse  entgegen. 

Die  Spaltpilze  begegnen  uns  in  verschiedenen  Formen,  welche 
grossentheils  erst  durch  gefärbte  mikroskopische  Präparate  deutlich 
erkennbar  werden. 

Die  basischen  Anillnfiarben  werden  von  Bakterien  (und  Zellkernen)  be- 
sonders leicht  aufgenommen  und  zurückgehalten,  und  es  gelingt  daher  mit  Hülfe 
dieser  Farben  eine  isolirte  Bakterien-  (und  Kern-)färbung;  bei  vielen 
Bakterien  lassen  sich  sogar  Färbemethoden  anwenden«  durch  welche  ausschliess- 
lich die  Bakterien  stark  gefärbt  bleiben.  Derartige  Präparate  können  daon  mit 
hellstem  Licht  (ABuft's  Condensor)  untersucht  werden,  so  dass  die  Körperform 
der  Bakterien  viel  deutlicher  hervortritt  als  im  ungefärbten  Präparat  (Näheres 
8.  im  Anhang). 

Die  beobachteten  Formen  sind  im  Wesentlichen  folgende: 

a)  Kugelige  oder  ovale  Zellen,  welche  bei  der  Theilung  stets  wieder 
Kugeln  ergeben.  Diese  Wuchsform  bezeichnen  wir  als  Micrococcus 
oder  Coccus.  Die  Kugeln  bleiben  nach  der  Theilung  entweder  zu  zweien 
aneinander  haften  =  Diplococcus;  oder  sie  erscheinen,  in  Folge 
Kreuzung  der  Wachsthumsrichtung,  zu  vieren  oo  oo  o^  «  iJl 
tafelförmig  nebeneinander  gelagert  =  Me-  ^"^  ^ 
rista;  oder  sie  büden  Würfel  von  je  acht  ^s^^^^onP  ^^o  ^ 
Individuen  =  Sarcina;  oder  die  Kugeln  '^o^ 
halten  stets  die  gleiche  Wachsthumsrichtung          Fig.  s.  Micrococcus. 

j    -     ^         •       TT-  xi.      r  j         -^  Einzelne  Kokken.    B  Diplococcus. 

em  und  oaiten  m  Kettenform  anemander  c  Merista.  d  sarcina.  e  streptococ- 
=  Streptococcus;  oder  endlich  sie  bilden  ^"^   ^  suphyiococcu.  g  zoogioea. 

regellose  Haufen  ^  Staphylococcus.  Sind  sie  durch  zähe  Schleimmasse 
untereinander  verbunden,  so  bezeichnet  man  die  Haufen  als  Zoogioea. 

b)  Stäbchen,  bei  welchen  der  Längsdurchmesser  den  Querdurch- 
messer erheblich  übertrifft  =  Bacillus.    Die  Theilung  der  Stäbchen 

PlCoob,  Orundriis.    V.  Aafl.  ^ 


34  I^io  Mikroorganismen. 

erfolgt  mit  seltensten  Ausnahmen  stets  im  Querdnrohmesser.  Oft  bleiben 
sie  nach  der  Theilung  aneinander  haften  und  bilden  dann  Fäden 
(Scheinfaden)  =  Leptothrix.  Diese  Fäden  zeigen  zum  Unterschied 
von  den  Schimmelpilzfaden  mit  wenigen  Ausnahmen  keine  echten  Ver- 
zweigungen, sondern  höchstens  Pseudo- Verzweigungen  durch  Aneinander- 
lagerung  zweier  Fäden.  —  Zuweilen  zeigen  die  Bacillen  eine  Anschwellung 


^^0 

Flg.  9.    Bacillus.  Hg.  10. 

Ä  Einzeln  und  in  Theilung.    B  Scbleimaden  mit  Ä  Spirillum.    B  Vibrio. 

Paeado -Verzweigung.     C  Clostridium. 

in  der  Mitte  oder  an  der  Spitze,  so  dass  sie  Spindelform  oder  Eaul- 
quappenform  annehmen;  diese  Wuchsform  bezeichnet  man  als  Clo- 
stridium. 

c)  Schraubenförmig  gewundene  Fäden  oder  als  Bruchstücke  solcher 
Schrauben  =  Spirillum,  Spirochaete.  Bei  flach  gewundener  Schraube 
Ä  Vibrio. 

d)  Kugelige  oder  ovale  meist  stark  lichtbrechende  Zellen,  welche 
nicht  durch  Theilung  aus  gleichbeschaffenen  Kugeln  hervorgegangen 
sind  resp.  solche  produciren,  sondern  im  Inneren  der  meist  anders  ge- 
formten Bakterienzelle  entstehen  und  demnächst  zu  einer  der  Mutter- 
zelle gleichen  Zelle  auswachsen  können  =  Sporen.  Sie  sind  im  Ganzen 
resistenter  als  die  übrigen  Wuchsformen  der  Bakterien  und  dienen 
vorzugsweise  der  Erhaltung  der  Art 

e)  Längliche,  kugelige,  oft  unregelmässig  begrenzte  und  sich 
lückenhaft  färbende  Zellformen  verschiedenster  Art  ohne  bestimmten 
Typus,  die  durch  Schrumpfang  oder  Schwellung  aus  normalen  Zellen 
hervorgehen  und  sich  unfähig  erweisen  zu  irgend  einer  Art  der  Ver- 
mehrung =  Involutions-  und  Degenerationsformen. 

Die  gleiche  Spaltpilzspecies  kann  sich  oft  in  verschiedener 
Wuchsform  präsentiren.  Allerdings  kennen  wir  Spaltpilzarten,  welche 
nur  in  Kokkenform  vorkommen,  oder  höchstens  noch  Involutions- 
formen bilden.  Andere  Arten  jedoch  kommen  für  gewöhnlich  als 
Bacillen  vor,  können  aber  ausserdem  in  Form  von  langen  Fäden  auf- 
treten oder  in  Form  von  kugeligen  Sporen  oder  als  verschieden  ge- 
staltete Involutionsformen.  Alle  diese  Wuchsformen  gehören  dann  zum 
Entwickelungskreis  der  betreffenden  Art 


Spaltpilze,  Bakterien. 


35 


~i#^^ 


Flg.  11. 
Bacillus-  und  SpirUlum-Wuchsfonn  Tovchiedener 

Spedes. 


Innerhalb  der  gleichenWuchsform  finden  sich  vielfach  kleine, 
jedoch  deutliche  Differenzen,  sog.  Speciescharaktere,  welche  bei  allen 
Individuen  derselben  Species  nahezu  konstant  hervortreten.  So  zeigt 
die  eine  Art  stets  grosse,  die  andere  kleine,  diese  runde,  jene  ovale 
oder  lancettformige  Kokken;  ebenso  giebt  es  schlanke  und  dicke  Bacillen, 
solche  mit  abgerundeten  und  solche  mit  abgestutzten  Enden  u.  s.  w.  (Fig.  1 1). 
Wir  erhalten  auf  diese  Weise  eine  Reihe  von  Artcharakteren,  welche 
in  diagnostischer  Beziehung  äusserst  werthvoU  sind. 

Endlich  kommen  auch  bei  derselben  Species  gewisse  indivi- 
duelle Schwankungen  der  Form  vor,  namentlich  in  Folge  von  Alters- 
and Ernährungsdifferenzen. 
Bacillen  derselben  Species 
sind  im  Jugendzustand  kür- 
zer, bei  schlechten  Nährver- 
hältnissen  oft  auch  dünner. 
Jedoch  sind  alle  derartigen 
Schwankungen  im  Ganzen 
gering,  so  dass  trotz  derselben 
jene  morphologischen  Artcha- 
raktere meist  bestehen  bleiben. 

Vielfach  zeigen  die  Bakterien  nach  der  Färbung  um  die  Zellsub- 
stanz noch  eine  Art  Hülle  oder  Kapsel^  welche  ungefärbt  oder  nur 
schwach  geerbt  bleibt. 

Viele  Bacillen  und  Spirillen  sind  schwärmfähig,  d.  h.  wir  können 
unter  dem  Mikroskop  beobachten,  dass  sie  lebhafte  Eigenbewegungen 
ausfuhren.  Unter  ungünstigen  biologischen  Bedingungen  hören  die  Be- 
wegungen zeitweise  auf.  Mikrokokken  sind  nur  ausnahmsweise  schwärm- 
fähig, sondern  zeigen  gewöhnlich  nur  zitternde  Molecularbewegung. 
Als  Ursache  der  Bewegungen  sind 
bei  vielen  Bakterien  Geissein  er- 
kannt, die  durch  besondere  Färbe- 
methoden nachweisbar  werden.  Ent- 
weder befindet  sich  an  einem  oder 
an  jedem  Ende  ein  ganzes  Büschel 
von  Geissein ;  oder  nur  eine  einfache 
oft  sehr  lange  Geissei;  oder  die 
Bakterien  sind  an  ihrer  ganzen  Peri- 
pherie mit  feinen  Wimpern  besetzt. 

Von  Ppbffer  ist  nachgewiesen,  dass  die  beweglichen  Bakterien  durch  ge- 
wisse chemische  Stoffe  angelockt  werden  (Chemotaxis).  Füllt  man  sehr  feine 
in  einem  Ende  zngeschmolsene  Glaskapillaren  mit  Lösungen  (z.  B.  von  Cblor- 

8» 


<LU^'-t 


Flg.  12. 
QelsMltngeDde  Bakterien. 


1000:1. 


36  I^ie  Mikroorganismen. 

kalium  oder  mit  Kartoffelflaft)  und  legt  dieselben  in  einen  Tropfen  Wasser  mit 
den  betreffenden  Bakterien,  so  wandern  verschiedene  Bakterienarten  sehr  lebhaft 
in  die  Kapillare  hinein.  Dabei  lässt  sich  die  Mitwirkung  von  physikalischen  Mo- 
menten, Diffosionsstrdmen  u.  dgl.  vollkommen  ansschliessen ;  vielmehr  ist  nur  der 
anlockende  Reiz  des  Chemismus  der  Losungen  entscheidend  (positive  Chemotaxis). 
Von  anderen  Lösungen  werden  dieselben  Bakterien  abgestossen  (negative  Chemo- 
taxis); manche  chemische  Substanzen  äussern  gar  keinen  richtenden  Ilinfluss. 

Von  besonderer  Bedeutung  ist  die  Sporenbildung  der  Bakterien. 
Echte  endospore  Fructification  findet  man  bei  vielen  Bacillen  und 
bei  einigen  Spirillen.  Bei  Mikrokokken,  aber  auch  bei  vielen  Ba- 
cillen ist  sie  noch  nicht  beobachtet.  Die  Bildungsweise  der  endo- 
genen Sporen  ist  verschieden  je  nach  der  Species;  entweder  wachsen 
die  Bacillen  zu  Fäden  aus,  in  den  Fäden  entstehen  lichtbrechende 
Körnchen,  welche  schliesslich  in  perlschnurartig  angeordnete,  runde  oder 
ovale  Sporen  übergehen  (so  z.  B.  bei  den  Milzbrand- Bacillen).    Oder 

die  einzelnen  Bacillen  schwellen  vor  der 

^^;  fi  •  Sporenbildung  zu  Spindelform  auf  und  in 

4r  ^  So    ^    \  I  dem   entstandenen  Clostridium  bildet  sich 


/f  y     P        ^  g     die  runde  oder  ovale  stark  lichtbrechende 

f      §\     ^ °      ob      Spore  (Buttersäure-Bacillen).    Oder  aber  es 

bildet  sich  ohne  erhebliche  morphologische 
sporenwidung  *(a)  und  8por«n-       Aenderuug  dcs  Bacülus  im  Verlauf  desselben 

keimoDg  (6).  r«  i» 

oder  an  einem  Ende  eine  als  Spore  auf- 
zufassende kugelige  Anschwellung.  — Die  meisten  Sporen  zeigen  eine  relativ 
dicke  Membran.  Oft  sind  sie  grünlich  glänzend  und  stark  lichtbrechend. 
Farbstoffe  dringen  schwer  ein,  haften  dann  aber  um  so  hartnäckiger. 

Charakteristisch  für  jede  Spore  ist,  dass  aus  derselben  ein  dem 
mütterlichen  gleicher  Organismus  hervorgehen  kann.  Das 
„Auskeimen"  erfolgt  bei  den  ovalen  Sporen  entweder  in  der  Längs- 
oder in  der  Querrichtung  oft  unter  tanzender  Bewegung.  —  Eine  fernere 
Eigenthümlichkeit  aller  endogen  gebildeten  Sporen  ist  es,  dass  sie  die 
Erhaltung  der  Art  resp.  Varietät  unterstützen,  indem  sie  gegen  die  in 
der  Natur  den  Mikroorganismen  hauptsächlich  drohenden  Gefahren 
resistenter  sind  als  die  Bacillen-  oder  Spirillenform.  Allerdings  zeigt 
auch  hier  wieder  jede  Art  ein  besonderes  Verhalten.  Die  Sporen 
mancher  Bacillenarten  können  jahrelang  in  völlig  trockenem  Zustande 
oder  auch  z.  B.  unter  absolutem  Alkohol  aufbewahrt  werden,  ohne 
ihre  Lebensfähigkeit  einzubüssen,  während  bei  den  Sporen  anderer 
Arten  die  Widerstandsfähigkeit  bei  weitem  nicht  so  stark  ausge- 
sprochen ist. 

Die  Eigenschaft,  Sporen  xu  bilden,  kommt  nach  neueren  Untersuchungen 
derselben  Art  nicht  immer  zu.    Durch  gewisse  schädigende  Momente  (Züchtung 


Spaltpilze,  Bakterien.  37 

in  karbols&urehaltiger  Bouillon)  kann  z.  B.  den  Bülzbrandbacillen  die  Fähigkeit 
Sporen  zn  bilden ,  dauernd  genommen  werden,  während  sie  im  Qbrigcn  ihre 
morphologischen  und  biologischen  Merkmale  beibehalten  (asporogene  Rassen). 
Neben  der  endosporen  hat  man  noch  eine  arthrospore  Fruktifikation  unter- 
schieden. Arthrosporen  entstehen  dadurch,  dass  einzelne  Glieder  einer  Kette, 
oder  eines  Haufens  oder  eines  Fadens  von  Bakterien  sich  lebensföhiger  zeigen 
als  die  übrigen  Theile,  so  dass  sie  nach  dem  Absterben  der  letzteren  zum  Aus- 
gangspunkt neuer  Zellen  und  Zellverbände  werden  können.  Zuweilen  scheinen 
diese  Reste  durch  Grosse  und  Lichtglanz  sich 

auszuzeichnen,   im  Ganzen   fehlt  es  jedoch  an  r\  O  ^===^^0     ^'^ 

typischen  Merkmalen  fdr  dieselben,  und  ebenso  y     ä  k    J^    *^*tv 

scheint  die  höhere  Widerstandsfähigkeit  dieser  t^  ^      j>       A  i 

Sporen  nur  in  ganz  geringem  Grade  vorhanden  ^^  -.       O  i  ^  a     9 

iQTolationsformen  sehen  wir  unter 

Fig.  14. 

den  verschiedensten  schädigenden  Einflüssen,  inyoiuuonsfomien. 

namentlich  bei  Erschöpfung  des  Nährbodens, 

bei  Eintritt  abnormer  Reaction,  bei  abnormer  Temperatur  u.  s.  w.,  meist  in 
nicht  typischer  Weise  sich  bilden,  bei  einigen  Arten  treten  aber  unter 
bestimmten  Bedingungen  so  rasch  und  in  so  charakteristischer  Weise 
Involutionsformen  auf,  dass  wir  dieselben  zur  diagnostischen  Erkennung 
verwerthen  können  (Pest,  Diphtherie). 

b)  Lebensbedingungen  der  Spaltpilze. 

Die  Zellsubstanz  der  Spaltpilze  besteht  zu  ca.  80%  a^  Wasser; 
die  Trockensubstanz  hauptsächlich  aus  Eiweissstoffen  (ca.  SO^oX  Fett 
und  Salzen.  Nach  Crameb  ist  die  chemische  Zusammensetzung  der 
Bakterien  nicht  konstant,  sondern  ändert  sich  je  nach  den  Züchtungs- 
bedingungen und  dem  Gehalt  des  Nährbodens  an  Wasser,  Aschen- 
l>estandtheilen,  stickstofiThaltiger  Substanz  et<;.  in  entsprechendem  Sinne; 
hierdurch  werden  die  Bakterien  zu  einer  weitgehenden  Anpassung  an 
die  verschiedenartigsten  Existenzbedingungen  befähigt  —  Sie  bedürfen 
im  Allgemeinen  für  ihren  Stoffwechsel  ausser  anorganischen  Nährstoffen 
stickstoffhaltiger  und  nebenbei  auch  stickstofffreier  Substanzen.  Die  best« 
stickstoffhaltige  Nahrung  liefern  ihnen  lösliches  Eiweiss,  Pepton  und 
Leim,  die  beste  stickstofffreie  Nahrung  Zucker  und  Glycerin;  doch  kön- 
nen Stickstoff-  und  Kohlenstoffbedarf  eventuell  auch  durch  viel  einfachere 
Verbindungen  Deckung  finden,  z.  B.  durch  Asparagin,  milchsaures  Ammon, 
Leucin,  Tyrosin  u.  a.  m.  Der  zum  Aufbau  des  Bakterienleibes  erforderliche 
Schwefel  wird  ebenso  aus  organischen  Schwefel  Verbindungen  entnommen. 

Vor  allem  beachtenswert  ist,  dass  der  Nährstoffbedarf  je  nach  der 
Spedes  ausserordentlichen  Schwankungen  unterliegt  Manche  Arten  ver- 
mögen mit  den  minimalsten  Spuren  organischer  Substanz,  welche  sich 


38  I^ie  MikrooTganismen. 

in  reinem  destillirten  Wasser  finden,  noch  üppigste  Yermehrung  zu 
leisten.  Andere  Arten  verschmähen  alle  Nährsnbstrate  mit  Ausnahme  von 
Blutserum  oder  Mischungen  von  Fleischsaft  und  Blutserum;  wieder  andere 
gedeihen  und  proliferiren  nur  im  lebenden  Körper  des  Warmblüters. 

Als  Beispiel  einfachster  Ernfthrunf^verhältnisse  seien  die  Nitrobakterien 
WiN00RADSKT*8  angeführt,  welche  ihren  Kohlenstofifbedarf  einzig  und  allein  aus 
der  atmosphärischen  CO^  decken,  sowie  die  sog.  stickstofffixirenden  Mikroben 
in  den  WurzelknöUchen  der  Legaminosen,  welche  befähigt  sind,  den  freien 
Stickstoff  aus  der  Luft  zu  assimiliren  und  so  den  Gehalt  des  Ackerbodens  an 
nutzbarem  Stickstoff  anzureichern. 

Im  Allgemeinen  sind  ferner  die  Spaltpilze  sehr  empfindlich  gegen 
saure  Beaktion  des  Nährmediums,  weniger  gegen  einen  Alkali- 
Ueberschuss.  Jedoch  kommen  auch  in  dieser  Beziehung  zahlreiche 
Ausnahmen  vor,  indem  manche  Arten  gerade  gegen  Alkali  empfindlich 
sind  oder  bei  sauerer  Beaktion  am  besten  wachsen. 

Ebenso  verschieden  ist  das  Verhalten  der  einzelnen  Arten  gegen- 
über dem  Sauerstoff.  Eine  Gruppe  von  Arten,  die  sog.  obligaten 
ASroben,  verlangen  zu  ihrem  Fortkommen  unter  allen  Umständen 
freien  Sauerstoff.  Ihnen  stehen  diametral  gegenüber  die  obligaten 
Anaeroben,  eigen thümliche  Spaltpilze,  die  nur  wachsen  und  sich 
vermehren,  wenn  aller  freier  Sauerstoff  möglichst  vollständig  aus  dem 
Nährsubstrat  entfernt  ist.  Einige  dieser  Anaeroben  vermögen  Gährung 
zu  erregen,  und  —  nach  Analogie  der  Hefe  —  bei  Anwesenheit  gahr- 
fahiger  Stoffe  das  Fehlen  des  Sauerstoffes  leichter  zu  ertragen.  Viele 
aber  führen  ihre  anaerobiotische  Existenz  ohne  einen  Ersatz  durch 
Gährung,  und  scheinen  also  die  noth wendigen  Energiemengen  durch 
Zerlegung  geeigneter  Nährstoffe  (Glycose)  liefern  zu  können.  —  Sehr 
zahlreiche  Bakterien  sind  endlich  facultative  Anaeroben,  d.  h.  sie 
gedeihen  am  besten  bei  Sauerstoffzutritt,  können  aber  auch  ohne  Sauer- 
stoff besonders  dann  leben,  wenn  sie  gleichzeitig  Gährung  erregen. 

Schwankungen  des  Luftdrucks  sind  far  alle  Spaltpilze  so  gut 
wie  indifferent.  —  Durch  Belichtung  tritt  dagegen  eine  sehr  erhebliche 
Schädigung  der  Mikroorganismen  ein  (s.  unten);  und  sogar  gute  Nähr- 
substrate können  durch  Stehen  im  Sonnenlicht  ungeeignet  zur  Kultur 
werden  (Wasserstoffsuperoxyd-Bildung). 

Von  sehr  grosser  Bedeutung  für  das  liCben  aller  Spaltpilze  ist  die 
Temperatur;  auch  hier  aber  zeigen  die  einzelnen  Arten  wieder  einen 
ausserordentlich  verschiedenen  Bedarf.  Der  erste  Anfang  des  Wachs- 
thums  und  der  Vermehrung  liegt  für  einige  Arten  bereits  bei  0**, 
für  andere  erst  zwischen  30  und  40^,  für  einige  sogar  zwischen  40 
und  50^.     Die  obere  Wachsthumsgrenze  finden  wir  für  die  meisten 


Spaltpilze,  Bakterien.  39 

Arten  bei  etwa  40®,  für  einige  bei  50®;  ja  es  sind  sogar  Arten  be- 
obachtet, welche  bei  70®  und  mehr  noch  Wachsthum  zeigen. 

Aus  der  Kenntniss  der  LebeDsbedingungen  der  Spaltpilze  läset  sich  ohne 
Weiteres  die  Art  und  Weise  ableiten,  in  welcher  die  Spaltpilze  am  besten 
künstlich  zu  züchten  sind. 

Als  Nährlösung  benutzt  man  Fleischinfus,  Heuinfus,  Milch,  Harn, 
Blutserum  u.  dgl.  Alle  saueren  Substrate  werden  durch  Sodazusatz  schwach 
alkalisch  gemacht  Da  aber  diese  Nährsubstrate,  sowie  die  Flaschen  und 
Gläser,  in  welchen  sie  aufbewahrt  werden  sollen,  von  vornherein  zahlreichste 
Bakterien  enthalten,  welche  als  störende  Verunreinigungen  sich  bemerklich 
machen  und  die  Kennzeichen  der  beabsichtigten  CuUuren  nicht  rein  zum  Vor- 
schein kommen  lassen  würden,  ist  es  erforderlich,  sämmtliche  Gefässe  und 
Nährsubstrate  vor  dem  Gebrauch  zu  sterilisiren,  d.  h.  von  anhaftenden  leben- 
den Bakterien  zu  befreien.  Das  Sterilisiren  der  Gefösse  geschieht  durch  ein- 
bis  zweistündiges  Erhitzen  im  Trockenschrank  auf  160^,  das  Sterilisiren  der  in 
die  GefSBsse  eingefüllten  Nährsnbstrate  durch  Kochen  im  PAPnv'schen  Topf  oder 
in  strömendem  Wasserdampf. 

Alle  flüssigen  Nährsubstrate  bieten  nun  aber  grosse  Schwierigkeiten, 
sobald  man  die  Cultur  einzelner  bestimmter  Arten  beabsichtigt  Sie  können  sehr 
wohl  gebraucht  werden,  wenn  die  einzelne  Art  bereits  in  reinem  isolirten  Zu- 
stande vorliegt  Das  ist  aber  nur  ganz  ausnahmsweise  der  Fall,  für  gewöhnlich 
muss  man  bei  der  Anlage  von  Cnlturen  von  einem  Gemenge  mehrerer  resp.  vieler 
Spaltpilzarten  ausgehen;  z.  B.  findet  man  in  der  Leiche  eines  an  einer  Infektions- 
krankheit Gestorbenen  zur  Zeit  der  Sektion  neben  den  Infektionserregern,  welche 
man  zu  cultiviren  wünscht,  auch  noch  zahlreiche  Fäulnissbakterien.  Eben  solche 
Gemenge  findet  man  im  Inhalt  des  Choleradarms,  in  verdächtigem  Trinkwasser 
u.  8.  w.  Bringt  man  ein  derartiges  Gemenge  in  eine  Nährlösung,  so  wachsen 
alle  die  verschiedenen  Bakterien  durcheinander,  und  die  Merkmale  der  einzelnen 
Art  werden  durch  die  übrigen  Bakterien  völlig  verwischt. 

Um  in  Flüssigkeiten  eine  Isolirung  der  einzelnen  Art  zu  ermöglichen,  hat 
man  früher  das  Verfahren  der  fraktionirten  Cultur  empfohlen,  welches  darin 
besteht,  dass  man  in  bestimmten  Zwischenräumen  (24 — 48  Stunden)  jedesmal 
eine  kleine  Menge  der  Cultur  in  ein  neues  Culturglas  überträgt;  wiederholt 
man  diese  Uebertragungen  sehr  häufig,  so  erhält  man  schliesslich  allerdings 
eine  reinere  Cultur;  aber  meistens  besteht  diese  vorzugsweise  aus  denjenigen 
Spaltpilzarten,  welche  sich  unter  den  gewährten  Bedingungen  am  schnellsten 
vermehren ;  und  das  sind  gewöhnlich  nicht  etwa  die  uns  interessirenden  patho- 
genen  Bakterien,  sondern  die  Fäulnisspilze.  Nur  unter  Anwendung  bestimmter, 
einer  pathogenen  Bakterienart  besonders  adäquater  Nährsubstrate  und  Cultur- 
bedingungen  gelingt  es  neuerdings  auch  manche  Krankheitserreger  zur  Ueber- 
wQcherung  der  begleitenden  Bakterien  zu  veranlassen. 

Auch  mit  dem  sogenannten  Verdünnungsverfahren  hat  man  zuweilen 
gate  Resultate  erzielt  Bedingung  für  die  Anwendbarkeit  desselben  ist  jedoch, 
dass  der  gesuchte  Spaltpilz  in  dem  Gemenge  nicht  in  erheblicher  Minderzahl 
vorhanden  ist  Man  verdünnt  dann  die  zu  untersuchende  Flüssigkeit  so  stark 
mit  keimfreiem  Wasser,  dass  in  je  1  ccm  nur  ungefähr  ein  Spaltpilz  enthalten 
ist  Darauf  bringt  man  in  eine  grössere  Zahl  von  Gläsern  mit  Nährlösung  je 
1  ccm  der  Verdünnung  und  hat  nun  relativ  gute  Chancen,  dass  wenigstens  in 
einigen  Gläsern  eine  Reincultur  des  interessirenden  Pilzes   zu  Stande  kommt. 


40  Die  Mikroorganismen. 

Immerhin  ist  dieses  Verfahren  sehr  umständlich.  Ausserdem  ist  es  schwer, 
in  flüssigen  Nährsuhstraten  Culturen  rein  zu  erhalten;  bei  jeder  Probenahme 
zum  Zweck  der  mikroskopischen  Untersuchung  und  bei  jeder  Uebertragung  in 
ein  neues  Culturglas  kommen  sehr  leicht  einige  der  überall  verbreiteten  sapro- 
phytischen  Pilze  hinein;  diese  wachsen  in  der  Nährlösung  meist  viel  lebhafter 
als  die  pathogenen  Bakterien  und  verdrängen  letztere  nach  einiger  Zeit  Es 
gehört  daher  eine  ganz  besonders  subtile  Technik  dazu,  um  in  Nährlösungen 
reine  Culturen  herzustellen;  und  nur  wenigen  Forschem  ist  es  geglückt,  in 
solcher  Weise  an  zuverlässig  reinen  Arten  Beobachtungen  über  ihr  morpho- 
logisches und  biologisches  Verhalten  zu  machen. 

Völlig  anders  sind  diese  Verhältnisse  geworden,  seit  Koch  seine  Methoden 
zur  Cultur  der  Spaltpilze  mitgetheilt  hat.  Diese  Methoden  sind  so  einfach  und 
geben  so  sichere  Resultate,  dass  seither  die  künstliche  Cultur  der  Bakterien  in 
allen  medicinischen  Disciplinen  ausgedehnteste  Anwendung  finden  konnte. 

Koch  ging  von  der  Ueberlegung  aus,  dass  in  den  flüssigen  Nährsubstraten 
der  hauptsächlich  störende  Umstand  darin  liegt,  dass  sich  immer  alle  Bakterien 
in  kürzester  Zeit  durch  die  ganze  Flüssigkeit  vertheilen,  so  dass  in  jedem 
Tropfen,  den  man  zur  Untersuchung  oder  zur  weiteren  Cultur  entnimmt,  nicht 
etwa  Exemplare  der  einen  Art,  sondern  Exemplare  aller  verschiedenen  über- 
haupt vorhandenen  Arten  sich  finden.  Wenn  es  gelänge,  die  einzelnen  Bak- 
terien an  einen  bestimmten  Platz  zu  fixiren  und  das  Durcheinandermischen  zu 
hindern,  dann  würde  offenbar  eine  isolirte  Cultur  viel  leichter  sein. 

In  dieser  Richtung  ist  nun  schon  viel  zu  erreichen  dadurch,  dass  man 
irgend  welche  feste  Nährböden  benutzt,  wie  die  Schnittfläche  gekochter 
Kartoffelscheiben.  Breitet  man  einen  Tropfen  Flüssigkeit,  in  welchem  z.  B.  vier 
verschiedene  Bakterien  enthalten  sein  mögen,  auf  einer  solchen  Kartoffel  aus, 
so  kommt  wahrscheinlich  jede  Bakterie  an  einen  besonderen  Platz  zu  liegen 
imd  wächst  dort  zu  einer  Colonie  aus.  Man  bekommt  also  auf  der  Kartoffel 
vier  räumlich  getrennte  Colonieen,  deren  jede  eine  Rein  cultur  repräsentirt. 
Diesen  Charakter  werden  dieselben  auch  dann  bewahren,  wenn  etwa  ein  sapro- 
phytischer  Keim  auf  die  Kartoffel  gerathen  sollte;  ein  solcher  wird  muthmass- 
lieh  wiederum  einen  besonderen  Platz  occupiren,  räumlich  getrennt  von  den 
anderen  Colonieen  und  diese  daher  in  keiner  Weise  beeinträchtigen. 

Sind  allerdings  zahlreiche  und  mannigfaltigere  Bakterien  vorhanden,  dann 
wird  die  Vertheilung  auf  dem  festen  Substrat  nicht  immer  gleichmässig  ge- 
lingen; es  wird  leicht  vorkommen,  dass  auf  dieselbe  Stelle  mehrere  Bakteiien 
gerathen,  während  andere  Stellen  relativ  frei  bleiben.  Besser  wäre  es,  wenn 
man  flüssiges  und  festes  Substrat  combiniren  und  das  flüssige  plötzlich 
in  ein  festes  verwandeln  könnte;  dann  würde  in  der  Flüssigkeit  sehr  leicht  eine 
völlig  gleichmässige  Vertheilung  der  Keime  gelingen  und  bei  dem  plötzlichen 
Erstarren  würde  eine  räumliche  Trennung  der  einzelnen  Exemplare,  selbst  wenn 
diese  in  grosser  Zahl  vorhanden  sind,  erreicht  werden. 

Ausserdem  entziehen  sich  kleine  Colonieen  auf  dem  undurchsichtigen 
festen  Substrat  leicht  der  Beobachtung.  In  dieser  Beziehung  müsste  es  vortheil- 
haft  sein,  durchsichtige  Nährböden  zu  verwenden,  welche  in  dünner  Sehicht 
sogar  eine  Durchmusterung  mit  dem  Mikroskop  gestatten. 

Beiden  Forderungen  können  wir  nun  gerecht  werden,  wenn  wir  den  Nähr- 
lösungen einen  Zusatz  von  Gelatine   oder  Agar-Agar  geben,   so   dass    die 


Spaltpilze,  Bakterien.  41 

Mischuogen  bei  25  bis  30^  resp.  85  bis  40^  noch  flüssig  sind,  bei  rascher  Abkühlung 
aber  sehuell  ertarren. 

Am  häufigsten  benutzt  man  Nährgelatine,  d.  h.  ein  schwach  alkalisches 
Gremenge  von  Bouillon,  Pepton,  Kochsalz  und  10  Procent  Gelatine.  Bringt  man 
in  ein  Glas  mit  solcher  Nährgelatine,  nachdem  mau  sie  vorher  auf  30^  erwärmt 
and  dadurch  verflüssigt  hat,  ein  beliebiges  Gemenge  von  Bakterien,  mischt 
darauf  die  Flüssigkeit  ordentlich  durch  und  giesst  dann  die  Gelatine  auf  hori- 
zontal gelagerte  Glasplatten,  oder  in  ganz  flache  Glasschälchen  in  dünner 
Schicht  aus,  so  werden  die  einzelnen  Keime  von  der  sofort  erstarrenden  Gela- 
tine in  deutlichen  Zwischenräumen  fixirt  Aus  jedem  Keim  entwickelt  sich 
durch  fortgesetzte  Vermehrung  an  der  bestimmten  Stelle  eine  aus  vielen  Millionen 
gleichartiger  Keime  bestehende  Colon ie,  welche  gewöhnlich  schon  nach  1 — 2  Tagen 
makroskopisch  sichtbar  wird ;  und  wenn  man  eine  solche  Colonie  weiter  studirt, 
und  namentlich  auch  mikroskopische  Präparate  davon  anfertigt,  so  zeigt  sich, 
dass  sie  nur  Individuen  derselben  Art  enthält,  d.  h.  dass  sie  eine  Reincultur 
einer  Spaltpilzart  darstellt 

Die  auf  solchen  „Platten*^  gewachsenen  Colonieen  lassen  sich  auch  gut 
mit  schwacher  (40 — 80facher)  Vergrösserung  beobachten  und  zeigen  dann 
mancherlei  makroskopisch  nicht  wahrnehmbare  Eigenthümlichkeiten,  welche  mit 
Vortheil  zur  diagnostischen  Unterscheidung  der  Arten  benutzt  werden  können.  — 
Ferner  lässt  sieh  die  Zahl  der  auf  einer  Platte  vorhandenen  Colonieen  leicht 
ermitteln;  und  da  jede  Colonie  aus  einem  Spaltpilzindividuum  hervorgegangen 
ist,  so  gelangen  wir  auf  diese  Weise  zu  bestimmten  Vorstellungen  über  die 
Zahl  der  Bakterien,  welche  in  dem  untersuchten  Probeobjekt  vorhanden 
waren. 

Auch  auf  den  Platten  dürfen  selbstverständlich  nicht  zu  viel  Colonieen 
vorhanden  sein,  da  dieselben  sonst  zu  dicht  gelagert  sein  und  in  einander 
wachsen  würden.  Kennt  man  daher  die  Zahl  der  im  Probematerial  enthaltenen 
Bakterien  nicht,  so  werden  stets  mehrere  Platten  mit  verschiedenen  Ver- 
donnungsstufen  angelegt    (Genaueres  s.  im  Anhang.) 

Mit  Hülfe  der  geschilderten  Methode  ist  in  den  meisten  Fällen  eine  Iso- 
limng  und  Reincultur  der  interessirenden  Bakterien  zu  erreichen.  Jedoch  giebt 
es  manche  Fälle,  wo  die  Methode  versagt.  Einige  Bakterien  erfordern  für  ihre 
Coltur  durchaus  höhere  Temperatur;  die  Gelatineplatten  darf  man  aber  höch- 
stens bei  22  —  24^  halten,  da  bei  einer  Temperatur,  die  25^  überschreitet,  die 
Gelatine  flüssig  werden  und  also  der  Vortheil  des  festen  Nährbodens  verloren 
gehen  würde.  In  solchen  Fällen  verwendet  man  Agargemische,  welche  noch 
bei  38*  starr  bleiben.  —  Andere  Bakterien  verlangen  aber  durchaus  auch  noch 
andere  Nährsubstrate;  sie  wachsen  z.  B.  auf  Bouillongemischcn  gar  nicht,  da- 
gegen in  Blutserum.  Wieder  andere  Bakterien  erfordern  eine  Entfernung 
des  Sauerstoffs,  die  z.  B.  durch  Aufgiesseu  einer  hohen  Schicht  Gelatine 
oder  Agar,  oder  besser  durch  Verdrängen  der  Luft  mittelst  Wasserstoffgases 
nnd  Zuschmelzen  der  Culturgefässe,  femer  auch  durch  Zusatz  gewisser  redu- 
cirender  Körper,  wie  Dextrose,  Brenzcatechin,  ameisensaures  Natrium,  Schwefel- 
natrinm,  indigschwefelsaures  Natrium  u.  a.  m.,  erreicht  wird.  Manche  Bak- 
terien endlich,  welche  wir  mikroskopisch  beobachten  können,  sind  bisher  durch 
keine  Modifikation  der  Methode  in  künstlicher  Cultur  zu  erhalten. 

Eine  vielfache  Variirung  der  Züchtungsmethoden  ist  schon  deshalb  em- 
pfehlenswerth,  weil  erst  dabei  die  sämmtlichen  einer  Spaltpilzart  zukommenden 


42  Di^  Mikroorganismen. 

biologischen  Eigenthümlichkeiten  in  ihrem  vollen  Umfang  erkannt  werden 
können.  Auch  die  Züchtung  in  flüssigen  Nährsubstraten  darf,  nachdem  erst 
eine  Isolirung  erfolgt  ist,  nicht  versäumt  werden;  namentlich  ist  die  sogenannte 
Cultur  im  hängenden  Tropfen  wichtig,  um  das  morphologische  Verhalten 
und  den  Formenkreis  der  betreffenden  Art  kennen  zu  lernen  (s.  Anhang). 

e)  Lebensftasserangen  der  Spaltpilze. 

Allen  Spaltpilzen  kommt  die  Fälligkeit  zu,  gewisse  Nährstoffe  des 
Substrats  zu  assimiliren  und  diese  theils  für  ihr  Wachsthum  und  ihre 
Vermehrung  zu  verwenden,  theils  aber  zu  zerlegen,  in  Oxydationspro- 
dukte überzuführen,  und  so  die  für  ihre  Leistungen  erforderlichen 
Energiemengen  zu  gewinnen.  Ein  wie  grosser  Theil  der  assimilirten 
Nährstoffe  für  das  Wachsthum  verwandt  wird,  darüber  ist  noch  wenig 
bekannt.  Wahrscheinlich  ist  dieser  Antheil  bei  den  verschiedenen 
Spaltpilzarten  sehr  wechselnd ;  manche  Bakterien  vermögen  aber  jeden- 
falls ausserordentlich  schnell  einen  Theil  der  Nährstoffe  in  Körpersub- 
stanz überzuführen  und  dadurch  ausgebreitete,  makroskopisch  sichtbare 
Colonieen  zu  bilden. 

Unter  den  Stoffwechselprodukten  der  Spaltpilze  haben  viele  für 
uns  ein  besonderes  Interesse. 

Kohlensäure  ist  wichtig  als  allgemeinstes  Stoffwechselprodukt 
und  als  echtes,  mit  seltenen  Ausnahmen  (s.  S.  38)  nicht  wieder  assi- 
milirbares  Excret.  Bei  starker  Anhäufung  vermag  sie  auf  viele  Bak- 
terienenarten  einen  schädigenden,  die  weitere  Vermehrung  hemmenden 
Einfluss  auszuüben. 

Ofb  wird  durch  wuchernde  Bakteriencolonieen  die  Reaction  des 
Nährsubstrats  verändert;  durch  manche  Arten,  bei  Gegenwart  von  Zucker 
wohl  durch  alle  Arten,  wird  freie  Säure,  z.  B.  Milchsäure,  Essig- 
säure u.  s.  w.,  producirt,  während  andere  die  Alkalescenz  erheblich 
erhöhen.  Besondere  Wichtigkeit  erlangen  diese  Stoffwechselprodukte  da- 
durch, dass  sie  in  viel  höherem  Orade  als  die  Kohlensäure  bakterien- 
feindliche Eigenschaften  entfalten.  0*11  bis  0*3  Procent  der  genannten 
Säuren  und  0*5  bis  1*0  Procent  Ammoniumcarbonat  reichen  hin,  um 
viele  Bakterienarten  in  ihrem  Wachsthum  und  ihrer  Vermehrung  zu 
hemmen;  etwas  stärkere  Concentrationen  tödten  sogar  manche  Arten 
ab.  Im  Kampf  verschiedener  Bakterien  um  ein  Nährsubstrat  sind  diese 
Stoffwechselprodukte  daher  oft  von  ausschlaggebender  Bedeutung. 
Steigt  die  producirte  Säure-  oder  Alkalimenge  noch  weiter  an,  so  kann 
schliesslich  eine  Wachsthumshemmung  auch  für  die  producirende  Art 
selbst  zu  Stande  kommen;  so  wird  z.  B.  die  weitere  Vermehrung  der 
Milchsäurebacillen  und  der  Fortgang  der  Milchsäuregährung  durch  die 


Spaltpilze,  Bakterien.  43 

aDgesammelte  Saure  sistirt,  ähnlich  wie  die  Hefegährong  durch  einen' 
gewissen  Alkoholgehalt.  —  Bei  manchen  Bakterien  sind  auch  Beduk- 
tionsprocesse  beobachtet;  hierher  gehört  z.  B.  die  Bildung  von  Schwefel- 
wasserstoffy  von  Merkaptan,  von  Leukoprodukten  aus  Methylenblau  und 
Indigo,  die  Denitrifikation  (Reaktion  der  Nitrate  und  Nitrite)  u.  s.  w. 

Bei  vielen  Arten  beobachten  wir  femer  lebhafte  rothe,  blaue,  gelbe 
und  grüne  Pigmente,  welche  die  Masse  der  Colonie  und  oft  noch  einen 
grösseren  Bezirk  des  Nährsubstrats  färben.  Dadurch  wird  das  Aussehen 
der  Colonie  sehr  charakteristisch,  und  oft  ist  daher  die  Farbstoffproduk- 
tion für  diagnostische  Zwecke  verwerthbar.  —  Die  meisten  Pigment- 
bakterien scheinen  nur  eine  chromogene  Substanz  zu  bilden,  welche 
erst  bei  Sauerstoffzutritt  in  den  Farbstoff  übergeht. 

Zahlreiche  Bakterien  liefern  ausserdem  Fermente,  d.  h.  lösliche 
organische  Körper,  welche  namentlich  die  Eigenschaft  hsfben,  gewisse 
complicirte  unlösliche  Verbindungen,  z.  B.  Eiweiss,  Starke  u.  s.  w.,  in 
leicht  lösliche  Substanzen  überzuführen.  Offenbar  dienen  diese  Fermente 
den  Bakterien  zu  einer  Erweiterung  ihres  Nahrungsbereichs  und  sie 
spielen  damit  dieselbe  Rolle,  wie  im  höheren  Organismus  das  Ptyalin, 
Pepsin  u.  s.  w.  Bei  vielen  Bakterien  finden  wir  diastatisches,  bei 
einigen  invertirendes,  bei  sehr  vielen  peptonisirendes  Ferment;  manche 
Arten  liefern  auch  Labferment.  Die  peptonisirenden  Bakterien  ver- 
flüssigen die  Nährgelatine  und  liefern  damit  ein  wiederum  für  diagnos- 
tische Zwecke  verwerthbares  Merkmal. 

2bhlreiche  Spaltpilze  bewirken  eine  quantitativ  bedeutend  gesteigerte 
Zersetzung  gewisser  Nährstoffe,  oft  unter  Produktion  reichlicher  Mengen 
von  Gas,  d.  h.  sie  versetzen  ein  bestimmtes  gährfähiges  Substrat 
in  Gährung. 

Auf  diese  Weise  kann  gebildet  werden: 

a)  ans  Zucker  »Milchsäure;  die  Erregung  dieser  Gilbrung  sind  der 
B.  acidi  lactici,  der  Rechtsmilchsfture  liefert,  der  B.  acidi  paralactici,  der  B.  acidi 
laevolactici  und  der  Micr.  ac.  pandactici,  die  überall  verbreitet  sind  und  für  ge- 
wöhnlich die  saure  Milchgfthrung  veranlassen.  Ausserdem  vermögen  aber  auch 
sahireiche  andere  Bacillen  und  Mikrokokken  die  gleiche  Gährung  zu  leisten, 
wenn  auch  in  quantitativ  geringerem  Grade. 

ß)  aus  Stärke  und  Zucker  »  Buttersäure  und  Nebenprodukte.  Als  Er- 
reger sind  bis  jetzt  mehrere  anafirobe  und  aärobc  Bacillen  bekannt. 

f)  Einige  weniger  häufige  Gährungen  sind  die  sogenannte  schleimige 
Qährung,  die  Dez  trän  gährung  des  Zuckers,  die  Sumpfgasgährang  der 
Cellnlose.  Femer  Vorgährungen  der  Fettsäuren  und  verschiedene  eigenthüm- 
liehe  Yergährungen  des  Gljcerins,  bei  welchen  namentlich  Aethjlalkohol 
entsteht 

if)  aus  Alkohol  »  Essigsäure.  Die  Erreger  sind  zwei  oder  mehr  Bacillen- 
arten,  ausserdem  ist  reichlichster  Sauerstoffzutritt  für  den  regen  Ablauf  dieser 


44  I^i^  Mikroorganismen. 

Gährang  erforderlich.  —  Eine  Oxydationsgährang  ist  auch  die  Nitrifikation 
im  Boden  darch  die  Nitrobakterien. 

e)  Die  Vergährung  eiweissartiger  Stoffe  »  Fäulnis s.  Es  lassen  sich  ver- 
schiedene Stafen  der  Zersetzung  unterscheiden ;  zunächst  erfolgt  Peptonisirung, 
dann  tiefere  Spaltung  des  Moleküls;  es  entstehen  theils  Ammoniakderivate,  theiis 
Benzolderivate,  theils  Fettsäuren.  Immer  bilden  sich  diese  oder  jene  stinkenden 
Gase,  z.  B.  Schwefelammonium,  Indol,  Skatol,  flüchtige  Fettsäuren,  Trimethjl- 
amin  u.  a.  m.  Die  Zerlegung  des  Eiweissmoleküls  im  Sinne  der  Fäulniss  ver- 
mögen zahlreiche  Bakterienarten  zu  leisten,  nur  erfolgt  durch  die  einen  eine 
tiefere  Zerstörung  mit  charakteristischen  Endprodukten,  als  durch  die  anderen. 
Bei  der  spontan  verlaufenden  Fäulniss,  welche  uns  vorzugsweise  interessirt, 
finden  wir  stets  eine  Menge  verschiedener  Bakterienarten  an  dem  Zerstörangs- 
werk,  theils  gleichzeitig,  theils  in  einer  gewissen  Aufeinanderfolge  betheiligt. 
Im  Anfange  pflegen  namentlich  ASroben  in  den  Vordergrund  zu  treten;  in 
späteren  Phasen  und  tieferen  Schichten  des  Substrats  Ana^roben.  Ist  das 
Substrat  der  Art,  dass  während  des  ganzen  Fäulnissprocesses  reichlich  Sauerstofl 
zutreten  kann,  wie  z.  B.  im  porösen,  für  Luft  durchgängigen  Boden,  dann  er- 
folgt Verwesung,  d.  h.  die  eigentlichen  Fäulnissprodukte  und  namentlich  die 
stinkenden  Grase  werden  sehr  rasch  oxydirt  zu  Wasser,  Kohlensäure,  salpetriger 
Säure  und  Salpetersäure. 

Bemerkenswerth  ist,  dass  einige  Gährungserreger  durch  Einwirkung 
schädigender  Momente  ihr  Vermögen,  Gährung  zu  erregen,  auf  kürzere 
oder  längere  Zeit  einbüssen. 

Eine  weitere  äusserst  interessant«  Gruppe  von  StoflFwechselprodukten 
der  Bakterien  bilden  die  Toxine.    Dahin  gehören: 

1.  Die  Amine,  Diamine  und  Ammoniumbasen  (Cholin).  Diese 
Verbindungen  werden  von  zahlreichen  Bakterien  geliefert,  namentlich 
im  Anfangsstadium  der  Fäulniss;  sie  sind  theils  ungiftig  (Ptomalne, 
Leichenalkaloide) ,  theils  giftig  (besonders  Aethylendiamin).  Letztere 
können  durch  zersetzte  Nahrung  eingefülirt  werden  und  Fleisch-,  Wurst- 
Käsevergiftung  hervorrufen  (s.  unter  „Fleisch**) 

2.  Die  Bakterienproteine,  sind  in  den  Leibern  der  Bakterien  ent- 
halten, werden  erst  beim  Absterben  derselben  theilweise  löslich  in  den 
Eörpersaften  bezw.  durch  mehrstündiges  Kochen  mit  dünner  Kalilauge 
extrahirt.  Sie  haben  positiv  chemotaktische  Wirkung  gegenüber  den  Leu- 
kocyten  und  können  daher  zu  Eiteransammlung  führen  (phlogogene 
Wirkung).  Ausserdem  wirken  sie  fiebererregend  (pyrotoxisch);  und  bei 
intraperitonealer  Einverleibung  grösserer  Mengen  können  sie  den  Tod  der 
Yersuchsthiere  durch  Lähmung  der  Cirkulations-  und  Athmungscentren 
herbeiführen.  —  Die  zur  Wirkung  gelangende  Quantität  der  Proteine 
ist  je  nach  der  Bakterienspecies  sehr  verschieden;  ebenso  ist  auch 
die  Art  der  Wirkung  der  Gifte  nicht  gleich.  —  Die  Bakterienproteine 
sind  relativ  hitzebeständig. 


Spaltpilze,  Bakteiieu.  45 

3.  Die  specifischen  Toxine,  früher  Toxalbamine  genannt. 
Werden  schon  dnrch  Temparatoren  zwischen  40  und  60^  zerstört  Einige 
sind  leicht  extrahirbar  z.  B.  durch  Yorsichtiges  Erwärmen  der  Kultur 
unter  Phenolzusatz;  oder  durch  Filtration  mittelst  Chamberland-Filter 
(Porzellan thon-Filtei);  andere  sind  schwer  von  der  Leibessubstanz  der 
Bakterien  zu  trennen.  Am  vollständigsten  und  schonendsten  scheint  dies 
zu  gelingen  durch  Auspressen  der  Bakterienzellen  unter  hohem  Druck 
(Bakterioplasmine,  £.  und  H.  Büchneb).  Die  gelösten  Toxine  sind  fall- 
bar durch  Zinkchlorid  und  Ammonsulfat  Nach  möglichster  Reinigung 
resultiren  Körper  ohne  Eiweissreaktion,  so  dass  die  frühere  Annahme, 
es  handele  sich  um  Toxalbumine,  nicht  aufrecht  erhalten  werden  kann.  — 
Die  specifischen  Toxine  sind  der  betreffenden  Bakterienspecies  eigenthüm- 
lich.  Die  meisten  sind  von  unvergleichlich  höherer  Wirksamkeit,  als 
die  giftigen  Aminbasen  und  die  Bakterienproteine:  die  von  ihnen  her- 
vorgerufenen Yergiftungserscheinungen  entsprechen  der  Wirkung  der 
lebenden  Bakterienart.  Oft  liefert  dieselbe  Bakterienspecies  mehrere 
specifische  Gifte,  von  denen  die  einen  rasch,  die  anderen  erst  nach 
wochenlanger  Inkubation  wirken  können. 

Eine  besonders  wichtige  Lebensausserung  der  Spaltpilze  besteht 
endlich  in  der  Krankheitterregimg  im  thierischen  und  menschlichen 
Körper,  die  zum  Teil  auf  der  Produktion  der  eben  besprochenen  Toxine, 
zum  Theil  auf  massenhafter  Vermehrung  der  eingedrungenen  Spaltpilze 
im  Blut  und  in  den  Organen  des  lebenden  Thieres  beruht  In  einem 
der  folgenden  Capitel  wird  auf  diese  parasitäre  Existenz  speciell 
einzugehen  sein;  hier  sei  nur  hervorgehoben,  dass  auch  bezüglich  der 
Befähigung  zu  dieser  die  durchgreifendsten  Unterschiede  zwischen  den 
verschiedenen  Arten  von  Spaltpilzen  bestehen.  Wir  unterscheiden 
exquisite  Saprophyten,  welche  stets  nur  auf  abgestorbenem  Material 
wuchern  und  schlechterdings  nicht  befähigt  sind,  im  lebenden  Körper 
des  Warmblüters  sich  zu  vermehren  oder  dort  irgend  eine  Störung 
hervorzurufen.  Von  solchen  saprophytischen  Arten  kann  man  viele 
Millionen  direkt  in  die  Blutbahn  eines  Thieres  injiciren,  ohne  dass 
irgend  welche  Reaktion  seitens  des  Körpers  auftritt  Tödtet  man  das 
Thier  kurze  Zeit  nach  der  Injektion,  so  sind  bereits  alle  injicirten 
Bakterien  abgestorben. 

Oegenüber  diesen  harmlosen  Saprophyten  giebt  es  obligate  Para- 
siten unter  den  Bakterien,  welche  ausschliesslich  im  lebenden  Körper 
sich  vermehren  und  jedes  todte  Nährsubstrat  verschmähen. 

Drittens  haben  wir  noch  facultative  Parasiten  zu  unterscheiden, 
die  zwar  auf  todtem  Material  gut  fortkommen,  in  unserer  Umgebung 
ilso  gelegentlich  sich  vermehren   und   leicht  künstlich   zu  cultiviren 


46  Die  Mikroorganismen. 

sind,  die' aber  andererseits  auch  im  lebenden  Körper  gedeihen  und  in 
demselben  Krankheiten  erregen  können. 

Auch  die  Energie  der  parasitären  Wucherung,  die  sogenannte 
Virulenz  der  Bakterien,  erhält  sich  bei  derselben  Art  nicht  konstant 
Durch  verschiedenste  Einflüsse  können  yielmehr  pathogene  Bakterien 
ihre  Virulenz  ganz  oder  theilweise  einbüssen. 

d)  Absterbebedinsrungren  der  Spaltpilze. 

Die  niedrigste  Stufe  der  Schädigung  yon  Bakterien  besteht  darin, 
dass  sie  in  einen  Zustand  latenten  Lebens  übergeführt  werden.  Es  tritt 
dann  eine  Hemmung  des  Wachsthums  und  der  Vermehrung,  oder  eine 
Hemmung  des  Ausleimens  der  Sporen  ein,  welche  aber  zunächst  nur 
so  lange  anhält,  wie  das  schädigende  Moment  einwirkt.  Sobald  recht- 
zeitig Beseitigung  des  schädigenden  Einflusses  erfolgt,  beginnt  sogleich 
wieder  lebhafte  Vermehrung. 

Eine  solche  Entwickelnng^hemmnng  kann  z.  B.  hervorgerufen 
werden  durch  das  Fehlen  oder  die  Beschränkung  irgend  eines  noth- 
wendigen  Nährstoffs,  z.  B.  durch  massige  Wasserentziehung  (prak- 
tisch verwendet  zum  Conserviren  vieler  Nahrungsmittel).  Ferner  wird 
die  Vermehrung  zum  Stillstand  gebracht  durch  niedrige  Temperatur, 
und  zwar  ist  der  in  dieser  Weise  wirksame  Temperaturgrad  je  nach 
der  Spaltpilzart  und  nach  den  jeweiligen  sonstigen  Bedingungen  ver- 
schieden. Das  Wachsthum  der  Tuberkelbacillen  sistirt  bei  einer  Ab- 
kühlung unter  25^;  für  andere  pathogene  Bakterien  liegt  die  kritische 
Temperatur  unter  15 — 16^;  für  Saprophyten  unter  5®,  für  einige  erst 
unter  O^'. 

Ausserdem  kann  eine  Entwickelungshemmung  durch  Zusatz  sehr 
kleiner  Mengen  von  gewissen  chemischen  Substanzen  zum  Nährsub- 
trat  oder  auch  durch  Stoffwechselprodukte  der  Bakterien  (s.  S.  42) 
erreicht  werden;  die  nebenstehende  Tabelle  giebt  —  soweit  eine  ver- 
gleichende Uebersicht  aus  den  verschiedenen,  nicht  nach  einheitlicher 
Methode  ausgeführten  Versuchen  überhaupt  entnommen  werden  kann  — 
ungefähre  Zahlen  dafür,  in  welcher  Concentration  dieselben  auf  ver- 
schiedene Bakterienarten  wirken. 

Die  Wirksamkeit  dieser  Gifte  lässt  sich  quantitativ  dadurch  feststellen, 
dass  man  verschiedene  Mengen  des  Mittels  der  Nährgelatine,  resp.  Bouillon  oder 
Serum  zufügt  und  nun  beobachtet,  ob  das  Wachsthum  der  betreffenden  Bakterien- 
art vollständig  oder  theilweise  behindert  ist  Man  findet  dabei  oft  ein  ganz 
verschiedenes  Verhalten  der  einzelnen  Bakterienarten;  femer  ist  aber  sehr  wohl 
auf  die  gesammten  übrigen  Lebensbedingungen  zu  achten;  z.  B.  auf  die  Tem- 
peratur, Nährstoffe,  Reaktion  u.  s.  w. ;  werden  die  Bakterien  auf  dem  Temperatur- 


Spaltpike,  Bakterien. 


47 


Bakterienhemmende 
Mittel 


WftBsentoffisaperoxjd    . 

Chlor 

Brom 

Jod 

Jodkaliam. 

Chlomatrium    .... 


•         • 


Schwefel-  oder  Salzsäure  .    . 


Schweflige  Säare 

ÄTBenige  Sftore 
BorBftare  . 
Borax  .... 


Kalilauge 


Ammoniak 


Soda 


Aetzkalk 


»         • 


Stibemitrat  .    .    . 

Qaecksilbercblorid 

RopferBulfat 

EiBenvitriol 

Raliumpennanganat .     .     .    . 

Formalin  (40*/o  Formaldebyd) 

Alkohol 

Essigsäure,  Oxalsäure  u.  s.  w. 
Senfol 

Carbolsfture 


Benzoesäure 
Salicjlsäure . 
Thymol  .  . 
Campher .  . 
Qiinin  .  . 
Terpentinöl . 
Pfeffermünzöl 
Raliseife  .    . 


Hemmt  die  Entwickelung  von: 


Milzbrand- 
bacillen 


Fäulniss- 

bakterien 

(in  Bouillon) 


anderen  Bakterien 


1 : 20000 

1 : 1500 

1 :  4000 

1:1500 

1:2000 

1:5000 

1:5000 

1:7 

1:60 

1 :  3000 

1:400 

1:6000 

1:200 

1:800 

1:100 

1:40 

1:700 

1:700 

1:60000 
1 : 100000 


1:1000 


1:12 


1:80000 


1 :  800 


1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 


1000 

1500 

10000 

1000 

600 

8000 

8000 

1000 


1:10000 

1:20000 
1:1000 
1:90 
1:500 

1:10 

1:400 

1:3000 

1:500 


1 : 1000 
1:8500 


{ 


Cholera  1  :  6000 
Diphtherie  1 :  3000 
Rotz  1 :  700 

Typhus       1 : 500 
Cholera       1 :  1000 


Diphtherie  1 :  600 
Cholera  \ 
Typhus 


(Cholera 
ITvphus 

{Cholera 
Typhus 
fCnolera 

Sphus 
olera 
[Typhus 
Typhus 


1:400 


1:500 


1:45 


1:1100 


1 
1 


50000 
60000 


/Cholera     1 :  20000 
iStaphyl.    1:5000 


Diphtherie    1:500 
Typhus  1 :  400 

Cholera         1 :  600 


48  I^ie  Mikroorganismen. 

Optimum  gehalten,   so   ertragen   sie   manche  schädliche  Momente   reaktionslos, 
die  hei  ungünstigerer  Temperatur  schon  merklichen  Einflnss  äussern. 

Von  der  Entwickelungshemmung  wesentlich  verschieden  ist  die 
Tödtnng  der  Bakterien,  welche  jedes  Leben  derselben  unmöglich  macht^ 
auch  nachdem  die  schädigenden  Mittel  wieder  entfernt  und  die  besten 
Lebensbedingungen  hergestellt  sind.  Eine  solche  Tödtung  kann  aus 
der  Entwickelungshemmung  hervorgehen  und  durch  die  gleichen  Mittel 
wie  diese  bewirkt  werden,  wenn  die  Dauer  der  Einwirkung  verlängert 
wird;  sie  kann  femer  in  relativ  kurzer  Zeit  erreicht  werden  dadurch, 
dass  das  hemmende  Mittel  concentrirter  und  energischer  angewendet 
wird.  Concentration  und  Dauer  der  Einwirkung  sind  daher 
bei  jeder  Abschätzung  eines  bakterientödtenden  Mittels  genaa 
zu  berücksichtigen.  Die  Wirksamkeit  variirt  je  nach  der  Bakterien- 
art;  dann  auch  je  nach  dem  Alter  der  Individuen  und  nach  ihrem 
Entwickelungszustand.  Jüngere  Individuen  scheinen  resistenter  zu  sein 
als  ältere,  der  Involution  nahe;  Sporen  sind  oft  enorm  viel  wider- 
standsföhiger  als  die  vegetativen  Formen.  Von  grossem  Einfluss  sind 
ausserdem  auch  hier  die  übrigen  gleichzeitig  vorhandenen  Lebens- 
bedingungen, Temperatur,  Nährsubstrat  u.  s.  w.;  durch  gleichzeitige 
geringe  Erhöhung  der  Temperatur  ist  der  EfTekt  der  schädigenden 
Mittel  meist  erheblich  zu  steigern.  —  Endlich  ist  zu  beachten,  dass 
bei  Anwendung  chemischer  Agentien  der  Zusammensetzung  des  Nähr- 
substrats eine  besondere  Bedeutung  zukommt,  insofern  das  gleiche 
Mittel  in  dem  einen  Substrat  vielleicht  unverändert  bleibt  und  zur 
vollen  Wirkung  gelangt,  während  es  in  anderen  eine  theilweise  Zer- 
setzung erfahren  und  dadurch  wesentlich  geschwächt  werden  kann. 

Bei  der  Prüfung  und  Vergleichnng  der  bakterientödtenden  Mittel  sind  alle 
diese  Verhältnisse  in  Rechnung  zu  ziehen.  —  Die  Prüfung  geschieht  in  der 
Weise,  dass  eine  gewisse,  annähernd  gleiche  Menge  einer  frischen,  feuchten, 
oder  auch  an  Deckgläsern,  Granaten,  Sandkörnern  u.  s.  w.  angetrockneten  Cultur 
eine  gemessene  Zeit  mit  den  zu  prüfenden  Mitteln  in  Berührung  gebracht  wird. 
Dann  wird  das  Material  mit  Nährgelatine  gemischt  in  Platten  ausgegossen  oder 
besser  in  Bouillon  oder  Serum  bei  35  ^  gehalten.  Werden  chemische  Substanzen 
geprüft,  so  müssen  die  Deckgläser  resp.  Granaten,  nachdem  sie  aus  der  Gift- 
lösung herausgenommen  sind,  mehrfach  in  destillirtem  Wasser  abgespült  werden, 
damit  keine  Spur  des  Giftes  in  die  Nährgelatine  übertragen  wird  und  dort 
etwa  hemmend  auf  das  Wachsthum  wirkt  Die  Culturen  werden  mehrere  Tage 
im  Brütofen  gehalten ;  ist  dann  auf  denselben  jede  Bildung  von  Colonieen  aus- 
geblieben, so  sind  die  betreffenden  Bakterien  als  getödtet  anzusehen. 

Von  besonderer  Bedeutung  sind  diejenigen  schädigenden  Einflüsse^ 
welche  innerhalb  unserer  natürlichen  Umgebung  ein  Absterben 
von  Bakterien  in  grösserem  Umfange  zu  bewirken  yermögen.  Dahin 
gehört  fortgesetztes  Fehlen  Ton  Nährstoffen,  in  Folge  dessen  sporen- 


Spaltpilze,  Bakterien. 


49 


Vernichtet: 

Bakterientödtende 

Strepto-  und 

Milzbrand- 

.  TvDhuß-, 

Mittel 

Staphylo- 
kokken 

Cholerabacillen 

Milzbrand- 
sporen 

innerh.  5  Min. 

innerh.  5  Min. 

in  2—24  St. 

WuMTstoffsaperoxyd 

conc. 

1:200 

1:500 

1:100  n.lSt 

Chlor 

O.l7o 

0-1 '»/o 

0.2«/oinlSt 

Jodtrichlorid .... 

1:200 

1:1000 

l:1000(V,Tg.) 

Jodkalium      .... 

1:10 

Schwefel-  od.Salz8ftiiTe 

1:10 

1:100 

1:1500 
Typhus  1:700 

1:50 
n.  10  Tagen 

Schweflige  Sftore   .    . 

1:800 

Gafl:10Vol.»/o 

(nur  oberfl.) 

Borainre 

1:80 

conc. 
unvollständig 

Ralilaage 

1:6 

1:300 

Ammoniak     .... 

1:800 

Soda 

1:40 

Ammoniumcarbonat    . 

1:100 

Aetzkalk 

1:1000 

Silbemitrat    .... 

1 :  1000 

1:4000 

Qaecksilberchlorid .     . 

1:10000-1000 

1:2000 

1:10000 

1:2000(26  St. 

KnpferBolfat .... 

1:20  (5  Tage) 

Kaliumpermanganat   . 

1:200 

• 

1:20  a.  I.Tag 

Chlorkalk.         .    .    . 

1:600 

1:20  (ist.) 

Alkohol 

TO'^/on.löMin. 

70«/on.lOMin. 

Esfligsftnre,  Oxals.  etc. 

1  : 2—800 

Chloroform    .... 

1:14 

Formalin 

1:10 

1:20 

1:1000 

1:20  in  6  St. 

CarfoolBftore  .... 

1:60 

1 

Cholera  1:200 
Typhus  1:50 

1:800 

1:20  in  4— 45 
Tagen  (bei  40« 
in  8  Standen) 

SaHcjlBAnre  .... 

1:1000 

1 

1 

Kreflobeifenldsang 

1:40 

1:40 

l:10n.  12  St. 

Kreolin 

1:100 

1:8000 

« 

f 

(Typh.  1:250) 

L170OI 

1:800 

j;      1:300 

*  •  * 

i 

107o  in  6  St. 

Chinin 

■ 

1:100  n.lOT. 

Teq>entinöl    .... 

r 

« 
I 

conc  6  Tage 

VtDooB»  Onmdrta.    V.  Aufl. 


50  ^^  Mikroorganismen. 

freie  Bakterien  den  Inanitionstod  erleiden,  und  zwar  einige  Arten  schon 
nach  Stunden,  andere  erst  nach  Monaten  und  Jahren.  Femer  ist  dahin 
za  rechnen  Schädigung  durch  gleichzeitig  auf  demselbenSubstrat  wuchernde 
andere  Bakterienarten  und  deren  Stoffwechselprodukte  (Säure  und  Alkali); 
sodann  Temperaturen  von  45 — 60^,  wie  sie  namentlich  an  der  be- 
sonnten Bodenoberfläche  häufig  yorkommen.  Weiter  der  Einfluss  des 
Lichts,  besonders  des  directen  Sonnenlichts;  durch  letztere  werden 
bei  Gegenwart  von  Luft  und  Wasser  sogar  Milzbrandsporen  inner- 
halb einiger  Stunden  bis  Tage  getödtet;  auch  difiFuses  Tageslicht  ist  im 
Stande,  nach  mehrtägiger  Einwirkung  auf  die  Culturen  z.  B.  Tuberkel- 
bacillen  zum  Absterben  zu  bringen.  Nur  auf  manche  Schimmel-  und 
Hefenpilze  übt  Belichtung  einen  günstigen  Einfluss  aus.  —  Besonders 
bedeutungsvoll  und  in  grossem  Maassstabe  in  der  Natur  wirksam  ist 
noch  die  Wasserentziehung,  das  Austrocknen  der  Bakterien.  Zahl- 
reiche Mikrokokken,  Spirillen  und  Bacillen  vertragen  in  sporenfreiem 
Zustand  durchaus  keine  intensivere  Wasserentziehung.  Die  an  trockenen 
Objekten  etwa  haftenden  Bakterien,  namentlich  die  im  Ganzen  empfind- 
licheren pathogenen,  sind  oft  nicht  mehr  lebensfähig.  Alle  Bakterien, 
welche  durch  Austrocknen  getödtet  werden,  können  ferner  niemals  durch 
Luftstaub  verbreitet  werden,  da  in  letzteren  nur  völlig  trockene  Orga- 
nismen übergehen.  Für  die  Infektionsgefahr,  welcher  wir  durch  eine 
bestimmte  Spaltpilzart  ausgesetzt  sind,  ist  es  daher  von  grosser  Be- 
deutung, ob  die  Individuen  der  betreffenden  Art  beim  völligen  Aus- 
trocknen sich  lebensfähig  erhalten. 

Die  künstlich  anwendbaren  Tödtungsmittel  sind  auch  prak- 
tisch wichtig,  weil  sie  zur  Desinfektion  von  Kleidern,  Woh- 
nungen, Latrinen  u.  s.  w.  benutzt  werden.  Welche  bakterientödtende 
Mittel  hier  am  besten  Verwendung  finden,  und  wie  dich  im  Einzelfall 
die  Technik  der  Desinfektion  gestaltet,  das  ist  in  einem  späteren 
Kapitel  zu  erörtern;  hier  sei  nur  eine  Uebersicht  der  desinficirenden 
Mittel  gegeben.  Zunächst  ist  hohe  Temperatur  zu  erwähnen.  In 
flüssigen  Substraten  sind  50 — 60^  im  Allgemeinen  ausreichend,  um 
bei  einer  Einwirkungsdauer  von  10 — 60  Minuten  sporenfreie  Bacillen 
und  Mikrokokken  zu  tödten.  Einige  Arten  erfordern  höhere  Wärme- 
grade oder  längere  Einwirkung.  Sporen  gehen  vielfach  erst  durch  eine 
Temperatur  von  100®  zu  Grunde,  welche  2 — 15  Minuten,  bei  einzelnen 
saprophy tischen  Arten  sogar  5 — 16  Stunden  einwirken  muss. 

Ein  erheblicher  Unterschied  besteht  darin,  ob  die  Erhitzung  im 
trockenen  Zustand  und  in  relativ  trockener  Luft  oder  aber  in  Flüssig- 
keiten resp.  in  Wasserdampf  erfolgt;  bei  trockenen  Sporen  ist  das 
Eindringen  durch  die  Sporenmembranen  erschwert  und  die  das  Ab- 


Spaltpilze,  Bakterien.  61 

sterben  begleitenden  Aendenmgen  des  Protoplasmas  kommen  nicht  so 
leicht  zu  Stande,  als  wenn  dieselben  einen  gewissen  Wassergehalt  be- 
sitzen.  Trockene  Luft  todtet  daher  dieselben  Sporen  erst  bei  drei- 
stündiger Einwirkung  von  140 — 160*^,  welche  in  kochendem  Wasser 
oder  Wasserdampf  innerhalb  5 — 10  Minuten  zu  Grunde  gehen. 

Niedere  Temperaturen,  auch  unter  0%  wirken  nur  in  geringem 
Grade  schädigend.  Manche  besonders  empfindliche  Bakterienarten 
gehen  durch  Gefrieren  zu  Grunde;  von  anderen  Arten  sterben  die 
älteren,  weniger  widerstandsfähigen  Individuen  ab;  die  Mehrzahl  dei 
sporenfreien  und  wohl  alle  sporenhaltige  Bakterien  werden  dagegen  in 
Eis  lebensfähig  erhalten. 

Femer  sind  zur  Tödtung  der  Bakterien  zahlreiche  chemische 
Substanzen  geeignet  und  zwar  im  Wesentlichen  die  gleichen  wie  die 
zur  Entwickelungshemmung  benutzten.  Die  umstehende  Tabelle  giebt 
über  die  Wirksamkeit  der  wichtigsten  chemischen  Tödtungsmittel  gegen* 
über  vorsichtig  angetrockneten  Bakterien  Auskunft,  jedoch  nur  in 
ganz  annähernder  Weise,  da  die  Einzelzahlen  nicht  nach  einheitlicher 
und  den  auf  S.  48  pracisirten  Forderungen  entsprechender  Methode 
gewonnen  sind. 

Chlor,  Brom  and  Jod  desinficiren  sehr  energisch,  sind  aber  in  der  Praxis 
der  Desinfection  wenig  anwendbar,  weil  sie  alle  Gegenstände  zu  stark  beschä- 
digen. Ozon  wirkt  erst  in  grösserer  Concentration  bakterientödtend  (s.  Rapitd 
„Lioff^.  Wasserstoffsuperoxyd  desinficirt  in  1  proc.  Lösung  krftftig  und 
ist  praktisch  verwendbar.  —  Die  Mineral  säuren  sind  unter  einander  ziemlich 
gleich werthig;  sporenfreie  Bakterien  vernichten  sie  in  Iproc.  Lösung  schon  in 
wenigen  Minuten.  Die  Alkalien  wirken  in  Form  der  Aetzalkalien  zwei-  bis 
dreimal  schwächer  als  Säuren,  erheblich  geringer  in  Form  der  Carbonate.  Die 
Ammon Verbindungen  stehen  hinter  den  übrigen  Alkalien  zurück.  Seifen- 
lÖsoDgen  sind  nur  bei  gleichzeitiger  Erwärmung  wirksam;  10 proc.  Schmier* 
seifenlösung  von  75^  todtet  in  20  Minuten  Milzbrandsporen  ab.  —  Ener- 
glBch  desinficirende  Wirkung  kommt  femer  dem  Aetzkalk  zu.  Diesem  weit 
aberlegen  sind  aber  Rupfer-,  Silber-,  Gold-  und  Quecksilbersalze. 
L^etztere  repräsentiren  unser  wirksamstes  und  am  meisten  anwendbares  Desin- 
fektionsmittel. 

Unter  den  organischen  Verbindungen  ist  das  Chloroform  als  gutes 
I>e8inficien8  zu  nennen;  mit  Chloroform  gesättigtes  Wasser  todtet  sporenfreie 
Bakterien  rasch  ab.  Jodoform  wirkt  auf  fast  alle  Bakterien  gar  nicht  schä- 
digend (Ausnahme:  Cholerabacillen);  zur  Wundbehandlung  ist  es  trotzdem  ver- 
wendbar, weil  anscheinend  unter  dem  Einfluss  gewisser  Bakterien  und  Zer- 
■etKongen  in  der  Wunde  Abspaltung  von  Jod  erfolgt.  Formaldehyd  in 
40^/^iger  wässriger  Lösung  (Formalin)  hemmt  in  1  p.  m.-Lösung  die  Bakterien- 
wacherung;  bei  höheren  Concentrationen  todtet  es  Bakterien,  selbst  Sporen. 
In  Gasform  ist  Formaldehyd  bei  Einhaltung  einer  bestimmten  Concen- 
trmtion  und  Zeitdauer  der  Einwirkung  im  Stande,  alle  auf  den  Flächen  und  in 
der    Luft    eines    Zimmers    vorhandenen    pathogenen    Bakterien    abzutödten. 


52  Die  MikroorganiBmen. 

Formaldehjd  spielt  daher  in  der  Praxis  der  Desinfektion  eine  sehr 
wichtige  Rolle  (s.  Kap.  „Bekftmpfong  der  parasitären  Krankheiten**).  —  Aach 
der  Aethylalkohol  wird  praktisch  als  Desinfectionsmittel  verwendet,  be- 
sonders zar  Händesterilisation  vor  aseptischen  Operationen.  Absoluter  Alkohol 
wirkt  unvollkommener  als  60~70^/oiger  Alkohol. 

Verbreitete  Desinficientien  finden  sich  unter  den  Körpern  der  aromatischen 
Reihe.  Bis  vor  einigen  Jahren  hielt  man  die  Ca rb Ölsäure  für  besonders 
wirksam;  es  zeigte  sich  aber,  dass  wirksamere  Körper  gegeben  sind  in  den 
Kresolen  (Oxytoluolen)  und  anderen  homologen  Phenolen,  die  neben  Carbol 
im  Theer  und  in  der  rohen  Karbolsäure  enthalten  sind.  Um  die  schwer  lös- 
lichen, resp.  unlöslichen  Kresole  löslich  zu  machen,  wird  entweder  SchwefiBl- 
säure  zu  roher  Karbolsäure  zugesetzt,  so  dass  sich  Kresolsulfosäuren  bilden; 
oder  die  Kresole  werden  mit  Seifenlösung  emulgirt  (Kresolseifenlösung); 
oder  die  Kohlenwasserstoffe  und  Kresole  des  Theers  werden  durch  Harzseife 
emulgirt  (Kreolin);  oder  aus  einem  an  Kresolen  reichen  Theeröl  wird  durch 
Leinölseife  eine  Lösung  hergestellt  (Lysol);  oder  die  Kresole  sind  durch  kre- 
sotinsaures  Natrium  (Solveol)  bezw.  durch  Kresolnatrium  (Solu toi)  in  Lösung 
gebracht;  oder  endlich  rohes  Carbol  ist  mit  Mineralöl  gemischt,  so  dass  die 
Mischung  auf  Wasser  schwimmt;  allmählich  lösen  sich  dann  von  oben  her 
Kresole  in  den  zu  desinficireuden  Flüssigkeiten  (Saprol).  —  Von  diesen  Prä- 
paraten ist  das  praktisch  wichtigste  die  officinelle  Kresolseife,  Liquor  Cresoli 
saponatus,  ein  Gkmisch  von  gleichen  Theilen  Rohkresol  und  Kaliseife,  das  in 
5*/oiger  Lösung  zur  Verwendung  kommt 

Bemerkenswerth  sind  unter  den  organischen  Desinficientien  noch  die 
ätherischen  Gele,  die  in  vielen  Parfüms  enthalten  sind;  femer  die  Anilin- 
farbstoffe, wie  Methjlviolett  (Pyoktanin)  und  Malachitgrün,  die  in  Verdün- 
nungen von  1 :  1000  und  weniger  sporenfreie  Bakterien  rasch  abtödtcn. 

Werden  schädigende  Einflüsse  nicht  so  intensiv  auf  Bakterien 
applicirt,  dass  deren  Tödtnng  erfolgt,  sondern  kürzt  man  die  Dauer 
der  Einwirkung  etwas  ab  oder  mässigt  man  den  Temperaturgrad,  resp. 
die  Concentration,  so  entsteht  bei  vielen  Arten  eine  gewisse  Ab- 
tohw&chimg,  die  sich  eine  längere  Keihe  von  Generationen  hindurch  erhält 
Dieselbe  äussert  sich  meist  durch  eine  VerlangsamuDg  der  Vermehrung 
und  in  einer  geringeren  Resistenz  gegen  Schädlichkeiten.  Besonders 
wichtig  ist  es,  dass  manche  pathogene  Arten  gleichzeitig  einen  theil- 
weisen  oder  gänzlichen  Verlust  der  Virulenz  erfahren;  für  einige 
Oährungserreger  ist  in  ähnlicher  Weise  eine  Einbusse  ihres  Gährungs- 
vermögens  constatirt  Solche  „Abschwächung"  kann  z.B.  bei  Milz- 
brandbacillen  erzielt  werden  durch  15  Minuten  dauernde  Einwirkung 
von  52*^,  durch  4stündige  Erwärmung  auf  47^,  durch  6tägige  Er- 
wärmung auf  43^,  durch  28tägige  auf  42*5^,  ferner  durch  längere 
Einwirkung  dünner  Lösungen  von  Carbolsäure  oder  Blaliumbichromat; 
auch  durch  Insolation  von  bestimmter  Dauer  u.  s.  w.  —  Die  „abge- 
8chwächten'<  Infektionserreger  können  als  Impfstoffe  bei  der  Schutz- 
impfung Verwendung  finden,  welche  neuerdings  in  so  grossem  Um- 


Spalipibse,  Bakterien.  53 

fftnge  als  prophylaktisches  Mittel  gegen  Infektionskrankheiten  empfohlen 
und  unten  ausführlicher  zu  besprechen  ist 

e)  IHe  dlagrnostiselie  Untersekeidangr  und  systematlsehe  Etntheiliuif 

ier  Spaltpilzarten. 

Früher  haben  einige  Botaniker  wohl  die  Ansicht  geäussert,  dass 
die  Spaltpilze  ein  derartiges  Anpassungsvermögen  besitzen,  dass  sie  ihre 
Form  und  ihre  Funktionen  je  nach  dem  Substrat  ändern,  auf  welchem 
sie  gerade  leben.  Diese  Ansicht  hat  jedoch  durch  die  zahlreichen 
Forschungen  der  letzten  Jahre  keine  Bestätigung  gefunden.  Wir  sehen 
yielmehr,  dass  wohl  charakterisirte,  distinkte  Species  und  Varietäten 
bei  den  Spaltpilzen  in  der  nämlichen  Weise  existiren,  wie  bei  den 
Schimmelpilzen  und  bei  den  höheren  Pflanzen.  Manche  Spaltpilze  be- 
wahren sogar  ihre  Artcharaktere  mit  ganz  besonderer  Zähigkeit  Bei 
anderen  dagegen  treten  allerdings  mit  der  Variirung  der  Lebens- 
bedingungen kleine  Abweichungen  von  ihrem  sonstigen  Verhalten  ein, 
namentlich  geringe  morphologische  Aenderungen,  oder  auch  gewisse 
Differenzen  im  Aussehen  der  Colonieen  und  Culturen.  So  liefern 
manche  Bacillen  (z.  B.  Proteus-,  Typhusbacillen)  bei  günstigsten  Lebens- 
bedingungen, Temperatur  von  37  ^  u.  s.  w.  kurze,  kugelähnliche  Elemente, 
so  dass  sie  Kokken  gleichen,  während  sie  bei  niederer  Temperatur  zu 
langen  Bacillen  und  Fäden  auswachsen.  Verlust  der  Farbstoffproduktion, 
des  Peptonisirungsvermögens,  der  Gährungserregung  oder  der  Virulenz 
werden  nicht  selten  bei  fortgesetzter  künstlicher  Züchtung  als  Folge 
einer  Anpassung  an  die  veränderten  Lebensbedingungen  beobachtet; 
and  dieser  Verlust  gleicht  sich  unter  adäquaterem  Verhalten  entweder 
rasch  wieder  aus,  oder  bleibt  längere  Zeit  bestehen. 

Alle  diese  Abweichungen  halten  sich  indess  innerhalb  gewisser 
Grenzen.  Sie  führen  keineswegs  zu  einem  Yölligen  Verwischen  aller 
Artcharaktere,  sondern  sie  bilden  vielmehr  einen  Theil  der  Arteigen- 
thümlichkeiten,  und  je  vollständiger  sie  erkannt  werden,  um  so  besser 
wird  die  Abgrenzung  einer  Art  gelingen. 

Für  die  praktische  Verwerthung  unserer  Kenntnisse  über  die  Mikro- 
organismen ist  die  relative  Beständigkeit  der  wesentlichen  Artcharaktere 
ron  ausserordentlicher  Bedeutung.  Wäre  dieselbe  nicht  vorhanden,  so 
würde  weder  jemals  eine  diagnostische  Unterscheidung  und  Erkennung 
Ton  Spaltpilzen  möglich  sein,  noch  könnten  wir  mit  irgend  welcher 
Aussicht  auf  Erfolg  mit  Spaltpilzen  expcrimentiren  und  zu  wirklichen 
Fortschritten  in  der  Erkenntniss  des  Verhaltens  der  Infektionserreger 
gelangen. ' 


64  Die  Mikroorganismen. 

Im  Grossen  und  Ganzen  stehen  uns  folgende  Mittel  zur  diagnostischen 
Unterscheidung  und  zur  Eintheilung  der  Spaltpilze  zu  Gebote:  Enteni 
morphologische  Merkmale.  Unter  diesen  scheint  sich  der  Modus  der 
Fruktifikation,  also  der  Sporenbildung  und  Sporenkeimung,  am  constan- 
testen  zu  erhalten  und  am  besten  als  Classifikationsprincip  zu  eignen.  Da 
indessen  der  Vorgang  der  Sporenbildung  sehr  schwierig  zu  beobachten 
und  für  viele  Bakterien  noch  gar  nicht  erforscht  ist  oder  überhaupt 
nicht  Torliegty  müssen  vorläufig  andere  morphologische  Merkmale  zur 
Classifikation  benutzt  werden.  Vor  allem  ist  die  verschiedene  Wuchs- 
form der  Bakterien  als  Micrococcus,  resp.  Bacillus  (Bacterium)  oder 
Spirillum  in  Betracht  zu  ziehen,  da  dieselbe  mit  wenigen  Ausnahmen 
von  der  einzelnen  Art  zäh  festgehalten  wird.  Die  systematische  Ein- 
theilung der  Spaltpilze  stützt  sich  daher  zweckmässig  zuvörderst  auf 
drei  grosse  Abtheüungen :  Coccaceae,  Bacillaceae  (Bakteriaceae), 
Spirillaceae,  wobei  unter  die  Coccaceae  nur  solche  Bakterien  ge- 
rechnet werden,  welche  bei  ihrer  Vermehrung  ausschliesslich  kugelige 
Individuen  bilden;  unter  die  Bacillaceae  solche,  welche  für  gewöhnlich 
als  Stäbchen  oder  Fäden,  zuweilen  als  Sporen,  niemals  aber 
als  Mikrokokken,  d.  h.  mit  fortgesetzter  Vermehrung  in  Kugel- 
form vorkommen;  und  unter  die  Spirillaceae  solche  Bakterien,  welche 
stets  als  kürzere  oder  längere  Stücke  von  Schrauben  erscheinen  und  bei 
ihrer  Vermehrung  immer  wieder  solche  Schrauben  produciren.  — 
(Die  durch  echte  Verästelungen  ausgezeichneten  Bakterien  werden  als 
eine  besondere,  zwischen  Faden-  und  Spaltpilze  einzureihende  Gruppe 
„Streptothricheae^'  zusammenge&sst,  s.  unten.) 

Zweitem  können  wir  biologische  Merkmale  zur  Differenzirung 
benutzen.  Wenn  auch  die  morphologischen  Kennzeichen  wohl  aus- 
reichen ,  um  jene  grossen  Abtheilungen  zu  begründen ,  so  ist  es  doch 
unmöglich,  eine  weitere  Unterscheidung  nach  solchem  Princip  durch- 
zuführen. Dazu  sind  die  unter  den  verschiedenen  Art«n  hervortretenden 
FormdiflFerenzen  viel  zu  geringfügig. 

Offenbar  sind  manche  biologische  Eigenschaften  der  Spaltpilze 
weit  besser  zu  einer  Charakterisirung  und  vorläufigen  Classificirung 
geeignet  Vor  allem  bietet  das  Aussehen  der  Golonieen  auf 
einem  bestimmten  Nährboden  zahlreiche  augenfällige  Differenzen. 

Berücksichtigt  man  zunächst  nnr  einen  sog.  normalen  Nährboden,  nämlich 
die  mebrerwäiinte  N&hrgelatine,  so  zeigen  sich  bereits  auf  dieser  die  Colonieen 
verschiedener  Arten  von  ganz  ungleichem  Aussehen.  Auf  den  Platten  bildet 
die  eine  Art  weisse  trockene  Häufchen,  die  andere  weisse  schleimige  Tropfen, 
eine  dritte  Colonie  verflüssigt  die  Gklatine  in  ihrem  Umkreis  und  sinkt  auf  den 
Boden  des  hergestellten  Verflüssigungskraters;  wieder  andere  Colonieen  zeigen 
lebhaft  gelbe,  grüne,  rosarothe,  dunkelrothe  Farbe.   Femer  zeigt  das  mikro- 


Spal^ülxe,  Bakterien.  55 

skopitche  Bild  der  jüngsten  Colonieen  sehr  charakteristische  Differenzen« 
Dieselben  erscheinen  bald  als  runde,  scharf  contoarirte,  bald  als  unregelmässige 
Scheiben  mit  vielfach  gezacktem  und  gezähneltem  Ck>ntur.  Bald  sind  sie 
weisslich  oder  hellgelb  von  Farbe,  bald  dunkelbraun  bis  schwarz;  bald  zeigen 
sie  eine  homogene  Oberfläche,  bald  ist  dieselbe  von  tiefen  Furchen  durch- 
sogen. —  Auch  die  sogenannten  „Stichculturen''  in  Nährgelatine  bieten 
manche«  intoessante  Merkmal.  Dieselben  werden  dadurch  angelegt,  dass  man 
in  ein  Bdhrchen  mit  starrer  Nährgelatine  mittelst  Platindrahts,  welcher  kurz 
vorher  mit  einer  Colonie  der  betreffenden  Art  in  Berührung  gebracht  wurde, 
einen  Einstich  macht;  entlang  dem  Impfistich  entwickelt  sich  dann  die  Cultur 
als  weisslicher  oder  gelblicher  Faden,  bald  nur  zart  angedeutet,  bald  dick  her- 
vortretend, bald  im  ganzen  Umkreis  die  Oelatine  verflüssigend,  und  so  eine 
Bohre  bildend,  in  deren  flüssigem  Inhalt  die  Beste  der  Cultur  schwimmen. 
Oder  man  legt  auch  Strichculturen  an,  d.  h.  man  lässt  die  G^atine  bei 
schräger  Lage  des  Böhrchens  erstarren,  so  dass  eine  relativ  grosse  Oberfläche 
entsteht,  und  über  diese  Fläche  führt  man  den  Platindraht  mit  losem  Strich. 
Es  entwickelt  sich  dann  von  diesem  Strich  ausgehend  bald  nur  eine  zarte  Auf- 
lagerung, bald  ein  dicker  schleimiger  Belag,  und  bald  entfernt  sich  dieser  nur 
wenig  vom  Impfistrich,  bald  wuchert  er  schnell  über  die  ganze  Fläche  der 
Gelatine. 

Sollte  schliesslich  die  Art  des  Wachsthums  auf  Nährgelatine  keine  Diffe- 
renzinmg  zwischen  zwei  Arten  ermöglichen,  so  bietet  doch  vielleicht  das  Wachs- 
thum  auf  anderen  Nährsubstraten  brauchbare  Unterschiede.  Z.  B.  wachsen 
manche  Bakterien  auf  Nährgelatine  gleich,  aber  auf  Kartoffeln  völlig  ver- 
schieden. Auch  die  übrigen  Lebensbedingungen,  oder  aber  die  Absterbe- 
bedingongen  gewähren  Unterscheidungsmerkmale,  wenn  die  Culturmethoden 
versagen.  Manchmal  zeigt  uns  femer  das  Thierexperiment  noch  Unter- 
schiede zwischen  zwei  Arten,  welche  im  Uebrigen  als  völlig  gleich  erscheinen. 
Ist  eine  kleine  Gruppe  unter  sich  sehr  ähnlicher  Bakterienarten  aus  der 
Menge  der  übrigen  abgegrenzt,  so  lassen  sich  innerhalb  dieser  Gruppe  oft  mit 
Vortheü  wieder  morphologische  Differenzen  oder  Besonderheiten  in  der  Auf- 
nahmefähigkeit für  Farbstoffe  verwerthen  (GaAM^sche  Färbung;  s.  im  Anhang). 
Httvorgehoben  sei  noch,  dass  wir  zuweilen  zwischen  zwei  Bakterienarten, 
von  denen  verschiedenartige  Wirkungen  auszugehen  scheinen,  keine  morpho- 
logische oder  biologische  Differenzen  finden.  Offenbar  ist  man  nicht  berechtigt, 
in  Folge  eines  solchen  Mangels  von  merklichen  Differenzen  die  Bakterien  als 
identisch  und  beide  Krankheiten  als  ätiologisch  einheitlich  anzusehen.  Unsere 
Mittel  zur  Untersuchung  und  Unterscheidung  der  Bakterien  sind  gegenüber 
deren  unendlichen  Kleinheit  noch  so  grob  und  unzulänglich,  dass  sehr  wohl 
tjpische  Differenzen  ezistiren  können,  welche  sich  bis  jetzt  unserer  Wahr- 
nehmung völlig  entziehen. 

Unter  Anwendung  der  aufgezahlten  Hülfsmittel  gelangen  wir 
schliesslich  zu  einer  systematischen  Eintheilung  der  Spaltpilze,  welche 
zwar  durchaus  den  Charakter  eines  provisorischen  Versuchs  tragt,  aber 
doch  einigermaassen  eine  Orientirung  auf  dem  grossen  und  sonst  un- 
entwirrharen  Gebiet  der  Mikroorganismen  gestattet 


56  I^ie  Mikroorganismen. 


f)   Besehreibiuiff  der  wiehtigsten  Bakterlenarten. 

1.  Coccaceae. 

Staphylococcus  pyogenes  aureus  (Fig.  15). 

Der  häufigste  Eiterpilz,  wird  in  50  Procent  und  mehr  aller  eiternden 
Wunden  u.  s.  w.  gefunden ;  er  ist  fast  regelmässig  als  einzige  Bakterien- 
art in  Acnepusteln,  Furunkeln,  akuten  Abscessen,  im  Eiter 
von  Phlegmonen  enthalten;  femer  kann  er  yom  Blut  aus  pyämisohe 
Processe  hervorrufen  und  erzeugt  dann  Eiterherde  in  den  verschiedensten 

•       Organen.    Er  findet  sich  gewöhnlich  als  einzige  Bak- 
terienart im  Knochenmark  bei  akuter  Osteomyelitis. 

Kleine  unter  1  fi  messende,  in  regellosen  Haufen  liegende 
Kokken;  nach  Gram  färbbar.     Bilden  auf  Grelatineplatten 
am  zweiten  Tag  punktförmige  Colonieen,  die  bei  SOfacher 
Fig.  16.  staphylo-      VergrÖBserung,  so  lange  sie  in  der  Tiefe  liegen,  rund  oder 
Culturprflparat.  oval,  scharfrandig,  feinkörnig  und  dunkelgelb  bis  braun  er- 

^^ '  ^'  scheinen.    Sobald  sie  bis  zur  Oberfläche  durchwachsen,  ver- 

flüssigen sie  die  Gelatine  im  Umkreis  von  1  bis  2  mm. 
Wächst  auch  auf  Kartoffeln  als  goldgelber  Belag;  femer  in  Milch  unter  Ge- 
rinnung derselben.  Hält  sich  sehr  lange  lebensfähig,  in  Culturen  oft  über 
ein  Jahr. 

In  unserer  Umgebung  ist  er  sehr  verbreitet;  er  findet  sich  auf 
der  Nasen-  und  Rachenschleimhaut  sowie  im  Darm  bei  gesunden  und 
kranken  Menschen,  wird  durch  Berührungen  auf  diq  äussere  Haut  und 
die  Kleider  übertragen ;  kann  auch  durch  trockenen  Staub  weiter  ver- 
breitet werden.  —  Die  Cultur  des  Pilzes  auf  die  gesunde  Haut  der 
Menschen  fest  eingerieben,  erzeugt  ausgebreitete  Furunkel ;  in  Wunden 
der  Haut  gebracht,  erregt  er  Eiterung.  Unter  den  gebräuchlichen 
Versuchsthieren  reagiren  nur  Meerschweinchen  auf  subcutane  Einver- 
leibung mit  Eiterung  und  Abscessen.  Injicirt  man  die  Cultur  Kaninchen 
in's  Blut  oder  in  die  Peritonealhöhle,  so  bilden  sich  reichliche  Kokken- 
herde in  verschiedenen  Capillargebieten ,  namentlich  in  den  Nieren, 
und  die  Thiere  gehen  wesentlich  in  Folge  der  embolischen  Nephritis 
zu  Grunde.  Werden  nach  der  intravenösen  Injektion  Knochen  des 
Thieres  gebrochen,   so  entstehen   in   diesen   osteomyelitische  Processe. 

Neben  dem  Staph.  aureus  kommt  eine  citronengelbe  Varietät  mit  ähn- 
lichen Wirkungen  vor. 

Staphylococcus  pyogenes  albus. 

Dem  vorigen  morphologisch  und  biologisch  gleich,  nur  dass  die 
Colonieen,  Stich-  und  Strichculturen  weiss  bleiben.  Ein  Uebergang 
der  weissen  in  die  gelb  wachsende  Art  oder  umgekehrt  wird  bei  sorg- 


Spaltpibte,  Bakterien.  57 

fiAtiger  Beinhaltnng  der  Caltnren  anscheinend  nicht  beobachtet.  Aosser 
der  Farbe  liegen  auch  noch  andere  wichtige  DifPerenzpunkte  zwischen 
beiden  Arten  Tor:  1)  bezüglich  des  Fnndorts.  St  p.  aureus  wird 
relativ  selten  und  in  geringer  Menge  auf  der  menschlichen  Haut  ge- 
funden, auf  deren  Oberfläche  er  gelegentlich  von  den  Schleimhauten 
aus  Terschleppt  wird«  St  p.  albus  wuchert  dagegen  regelmassig  in 
der  Haut,  wächst  in  Schweiss-  und  Talgdrüsen  hinein  und  wird  daher 
bei  schichtweisem  Abtragen  der  Haut  noch  in  tiefen  Schichten  reich- 
lich gefunden*  Bei  der  Desinfektion  der  Hände  wird  er  von  den  Des- 
inficientien  schwer  erreicht  2)  Bezüglich  der  Wirkungen  in  Wunden 
der  menschlichen  Haut  erscheint  der  St  p.  albus  ungleicB  harmloser. 
Er  erzeugt  meist  nur  Stichkanaleiterung  an  den  Wundnähten  nach 
aseptischen  Operationen;  gefahrlichere  Eiterungen,  Sepsis,  Osteo- 
myelitis werden  durch  ihn  selten  hervorgerufen,  und  wo  dies  beobachtet 
wurde,  ist  es  noch  zweifelhaft,  ob  nicht  andere  Eitererreger  zugegen 
waren,  die  bei  der  Cultur  von  dem  St  albus  verdeckt  wurden. 

Streptococcus  patbogenes  longus  (Fig.  16). 

Diplokokken  und  Kokkenketten  häufig  von   mehr  als  6  Gliedern. 

Nach   Gram    färbbar.     Bildet    auf  Gelatineplatten   erst  am   dritten   bis 
vierten  Tage  kleine  Colonieen,  weiss,  ohne  Verflüssigung  der  Gelatine;   unter 
dem  Bfikroekop  zeigen  sich  die  Colonieen  rund,  grangelb- 
Hch,  fein  granulirt    Im  Stich  und  Strich  nur  zarte  Ent- 
wickelang meist  nicht  confluirender  Colonieen;   auf  Kar- 
toffeln kein  merkliches  Wachsthum. 

Findet  sich  ebenfalls  sehr  häufig  im  Eiter  und 
ist  in  unserer  Umgebung  sehr  verbreitet,  besonders  cocous  pathogenes 
auf  den  menschlichen  Schleimhäuten ;  auf  der  Rachen-  **  °  *  "rlt.  sog  :  l  ^^' 
Schleimhaut  gesunder  Menschen  bei  70 — 80  7o  ^^^ 
Untersuchten.  Erzeugt  in  Hautwunden  Eliterung;  ausserdem  ge- 
legentlich Lymphangitis,  Erysipel,  Puerperalfieber  und  andere 
septische  Erkrankungen;  er  wird  ferner  bei  Angina,  Scharlach- 
diphtherie, Gelenkentzündungen  nach  Scharlach,  Endocarditis. 
Meningitis,  Otitis  u.  s.  w.  häufig  gefunden,  und  muss  als  Erreger 
dieser  Krankheiten  angesprochen  werden.  Vielfach  gesellt  er  sich 
anderen  Krankheitserregern  hinzu  und  erzeugt  Mischinfektionen,  so 
bei  Diphtherie  und  Phthise.  Die  Unterschiede,  welche  die  bei  diesen 
verschiedenen  Affektionen  herausgezüchteten  Streptokokken  im  morpho- 
logischen und  culturellen  Verhalten  unter  einander  zeigen,  sind  zum 
Theil  äusserst  geringfügig  oder  es  sind  solche  überhaupt  nicht  wahrnehm- 
bar. Die  Verschiedenheiten  der  Invasionsstätte  und  der  individuellen 
Empßnglichkeit  sowie  Differenzen  der  Virulenz  reichen  aus,   um   die 


58  1^6  Mikroorganiflinen. 

Yerschiedenartigkeit  der  Erkrankung  zn  erklaren.  Die  Virulenz  ist 
je  nach  dem  Ansgangsmaterial  sehr  wechselnd ;  sie  schwankt  ausserdem 
nach  den  Züchtungsbedingungen.  Durch  fortgesetzte  Thierpassage  lasst 
sich  die  Virulenz  für  die  betreffenden  Versuchsthiere  sehr  steigern; 
nachweislich  ist  aber  die  Virulenz  gegenüber  Thieren  durchaus  nicht 
maassgebend  für  die  Virulenz  gegenüber  dem  Menschen,  und  der  gleiche 
Stamm  hat  sogar  auf  verschiedene  Menschen  ganz  ungleiche  Wirkung. 

Ausser  dem  Strept  pathog.  longus  kommen  noch  andere  Streptokokken 
zur  Beobachtung,  die  Unterschiede  im  morphologischen  und  biologischen  Ver- 
halten erkennen  lassen.  So  bilden  die  einen  Streptokokken  vorwiegend  lange 
Retten  (Str.  longus),  wachsen  in  BoniUon  ohne  di£Fnse  Trübung,  nur  mit 
Flöckchenbildnng,  yerflüssigen  die  Gelatine  nicht,  bilden  keinen  sichtbaren  Belag 
auf  Kartoffeln;  andere  bilden  kurze  Ketten  (Str.  brevis),  trüben  die  BouiUon, 
yerflüssigen  langsam  die  Gelatine,  wachsen  merklich  auf  Kartoffeln;  eine  dritte 
Gruppe  von  höchst  virulenten  Streptokokken  wächst  auf  Gelatine  unter  Ver- 
färbung derselben;  die  in  Scharlachfällen  gefundenen  Streptokokken  bilden  in 
Bouillon  zusammengeballte  Flöckchen  (Str.  conglomeratus). 

Es  kommen  indessen  zwischen  aUen  diesen  Streptokokken  Uebergänge  vor, 
indem  die  morphologischen  und  biologischen  Kennzeichen  der  einzelnen 
Spielart  Variationen  unterliegen  können. 

Diplococcus  Pneumoniae  (Streptococcus  lanceolatus)  (Fig.  17). 

Diplokokken,  die  bei  croupöser  Pneumonie  in  dem  erkrankten 
Organ  und  im  rostfarbenen  Sputum  regelmässig  vorkommen,  sehr  häufig 

auch  bei  Bronchopneumonieen.  Secundäre  Ansied- 
lungen  der  Kokken  bewirken  Meningitis,  Pleu- 
ritis u.  s.  w.  Eitrige  Otitis  media,  Endocarditis 
ulcerosa,  Abscesse  und  Gelenkeiterungen  sind  oft 
auf  den  Dipl.  pneunt  zurückzuführen.  —  Die  Kokken 
rui^pnelmoni^e.  siud  eifonuig,  häufig  mit  zugespitzten  Enden,  und 
^^*^iIS^8oo  :?*""*"     zeigen    in   Sputum-    resp.   Blutpräparaten   eine   sich 

scharf  abzeichnende  ungefärbte  Schleimhülle.  (Diplo- 
coccus lanceolatus  capsulatus).  Nach  Oram  iarbbar.  —  In  den 
Culturen  kurze,  4 — 6gliedrige  Ketten.    (Streptococcus  brevis). 

Die  Kokken  gedeihen  am  besten  auf  Agar  oder  Blutserum  bei  85*,  wo 
sie  einen  thautropfenähnlichen  grauweissen  Belag  bilden.  Die  Culturen  sterben 
rasch  ab  und  gehen  durch  Austrocknen  (in  Culturen  rasch,  nicht  so  leicht  in 
schleim-  und  eiweisshaltigen  Medien)  zu  Grunde.  Mäuse  und  Kaninchen  sterben 
zuweilen  schon  nach  Einimpfung  kleiner  Dosen  an  Septikämie,  regelmässig  nach 
Injektion  in  die  Blutbahn  und  man  findet  die  Kokken  dann  reichlich  in  Blut 
und  Organen.  Bei  directer  Injektion  in  die  Lunge,  zuweilen  auch  nach  sub- 
cutaner  Impfung,  entsteht  fibrinöse  oder  eitrige  Pleuritis,  Endocarditis  u.  dgl. 
Bei  fortgesetzter  Cultur  tritt  bald  Verlust  der  Virulenz  ein.  —  Da  danach  eine 
längere  Haltbarkeit  virulenter  Diplokokken  in  unserer  Umgebung  so  gut  wie 
ausgeschlossen  ist,  da  die  Kokken  aber  auf  der  normalen  Mund-  und  Backen- 


Spaltpilze,  Bakterien.  59 

Mhleimhant  vieler  Menechen  gefanden  werden,  nimmt  man  an,  dass  sie  yon 
dort  anter  gewissen  Umständen  and  namentlich  unter  Mitwirkung  von  „Blr- 
kiltongskrankheiten**  in  die  Lange  eindringen. 

Seltener  beobachtet  man  in  pneamonischen  Langen  eine  Bakterienart,  die 
von  FaiEDLAimsR  als  £rreger  der  Pneumonie  angesprochen  und  als  Micrococcus 
Pneumoniae  bezeichnet  wurde.  Diese  Art  bildet  jedoch  in  Culturen  wesentlich 
Bacillen  und  sogar  Fftden  und  wird  daher  richtiger  als  Bacillus  Pneumoniae 
bezeichnet.  Im  mikroskopischen  Präparat  lassen  sich  leicht  Kapseln  sichtbar 
machen.  Er  wächst  üppig  in  Gelatine  in  Form  eines  weissen  schleimigen  Belags 
(ähnlich  wie  Bac.  aSrogenes,  s.  u.).  —  Für  Kaninchen  ist  er  völlig  unschädlich, 
för  Mäuse  nur,  wenn  ihnen  übergrosse  Mengen  durch  Inhalation  oder  mittelst 
Injektion  der  Culturen  durch  die  Thoraxwand  in  die  Lunge  gebracht  werden.  — 
Er  acheint  regelmässiger  Epiphyt  der  menschlichen  Nasen-  und  Rachenschleim- 
haut  und  ohne  ätiologische  Bedeutung  für  Pneumonieen  zu  sein. 


Staph.  pyog.  aureus  und  albus,  Strept  path.  longus  und  der 
Diploc.  pneumoniae  sind  die  häufigste  Ursache  der  Eiterung,  Sepsis 
und  Pyämie.  —  Eiterung  kann  im  Experiment  auch  z.  B.  durch 
isolirte  Toxine  bewirkt  werden,  in  der  Praxis  kommen  aber  nur  die 
genannten  Kokken-  und  einige  später  zu  beschreibende  Bacillenarten 
(nam.  B.  coli)  in  Betracht.  —  Akute  Sepsis  und  Pyämie,  sog. 
Blutvergiftung,  entsteht  nie  durch  Eindringen  eines  Giftstofis  in  eine 
Wunde  (z.  B.  sog.  Leichengift,  giftige  Farbe,  Phosphor,  Dinte  und  dgL), 
sondern  stets  durch  eine  Invasion  derartiger  lebender  Bakterien.  Häufig 
fiUt  zeitlich  diese  Invasion  nicht  mit  der  Verletzung  zusammen,  sondern 
erfolgt  nachträglich  durch  Finger,  Speichel,  Verbandzeug  u.  s.  w.,  an  denen 
die  Bakterien  haften. 


Diplococcus  intracellularis  meningitidis. 

Semmelförmige  Diplokokken,  vorzugsweise  in  Leukocyten  einge- 
lagert^ dem  Oonococcus  ähnlich.  Meist,  aber  nicht  immer,  nach  Gram 
färbbar.  Züchtung  gelingt  nur  bei  37^  auf 
Glyoerinagar.  Neuerdings  in  fast  sämmtlichen 
Fidlen  von  epidemischer  Genickstarre  im  Ex- 
sudat der  Pia  und  im  Nasenschleim  der  Er- 
krankten nachgewiesen. 


Micrococcus  Gonorrhoeae  (Gonococcus)  pjg  ig.   Micrococcus  der  Go- 

e.  800:1  (nach  Bumm). 
liegCDde  Kokken,  b  s 
in  Eit 


(Rg.  18)  finden  sich  regelmässig  in  gonor-    rJfÄriie^;'  Än^i 
rhoeischem  Sekret,  so  lange  dasselbe  noch    ^"""^SieiLi^lSf Kokkon"  ^*' 


kontagiös  ist. 

Diplokokken,  die  in  kleinen  Haufen  auf  und  namentlich  in  den  Zellen  des 
Sekrets  liegen.    Messen  im  Lftngsdurchmesser  1.25  fij  im  Querdurcbmesser  0.6 


60  P-ie  Uikroorganigman. 

bü  O.B  fi.  Nach  Qum  nicbt  fScbbar.  Wachsen  aaf  kOnatlicbem  Substrat 
schwierig;  die  Cnltnr  gelingt  auf  menscblichem  Blntaeram  und  auf  Senunagar 
bei  ST°.  Für  Tbiere  vOllig  indifierent;  der  Diplococcus  ist  ein  nur  fOr  den 
Henacben  angepasster  obligater  Parasit 

Hicroeoccns  tetragenns. 
Häufig  im  menscblichen  Sputum;  ist  ferner  mehr&cb  als  eintiger  Hikro- 
organismuB  in  Abacessen  der  Mundhöhle  beobachtet,  so  dass  ihm  eitererregende 
Eigenschaften  Engesprocheu  werden  mOssen.  Bildet  Titeln 
Ton  je  vier  nebeneinander  liegenden  Individuen,    welche 
von  einer  OallerthQlle  kapselartig  umschlossen  sind;  nach 
Gbam  (Srbbar;  wächst  leicht  auf  Gelatine.    Die  Culturen 
sind  nur  für  weisse  Hfiuse,   nicht  aber  für  graue  Haua- 
m&nse  und  Feldmäuse  virulent.    Bringt  man  einer  weissen 
Maos  eine  kleine  Menge  in  eine  Hautwunde,  so  gebt  die- 
Pi«.  19.  Microcoocui     selbe  nach  3  bis  10  Tagen  an  Sepsis  zu  Omnde  und  zeigt 
■iiHtricb!.'"6bo:  1.         '"■   B'"^   *i''d    in   allen   Organen   reichliche  Mengen    der 
Mikrokokken.     Wegen    seines    charakteristischen   mikro- 
skopischen Bildes  ist  der  Pilz  zu  allerlei  Experimenten  im  Laboratorium  be- 
sonders geeignet. 

Saproph^tische  Kokken. 
Als  Micrococcus   ureae   wurde  früher  ein  Goceua  beschrieben,  dessen 
Cultureu  die  specifische  Leistung  zukommen  sollte,   in  Ham-  oder  Hamstoff- 
Idsnngen   rasche  UeberfDhrung  des  Hamstofiis   in  Aramoniumcarbonat   zu   be- 
wirken.    Deraelbe  war  indessen  vermnthlich  identisch  mit  einem   der  ziemlich 
zahlreichen  Kokken  oder  Sarcinen,  denen  die  gleiche  Eigen- 
Og      ^^  Schaft  zukommt,  z.  B.  dem  Staph.  pjog.  aur.  und  albus.    Auch 

aSh         Bacillen  wie  B.  coli,  Proteus  u.  a.  w.  bewirken  dieselbe  Zer- 
Ql  ^^w         Setzung. 

Sarcina.     Mehrere  Arten  und  Varietäten,  alle  charak- 
•chcmiUich.  terisirt   durch  die  kubische  Zuaammenlagerung  von  je  acht 

B'W-l-  Kokken   in  ein  Packet;  oft  sind   mehrere   kleine  Packete  zu 

einem  grösseren  gruppirt.  Wachsen  in  Form  trockener 
Häufchen  auf  Gelatine,  die  einen  weiss,  andere  gelb,  wieder  andere  orange. 
Sehr  verbreitet  Werden  häufig  aus  der  Luft  aufgefangen.  Bei  pathologischen 
Zuständen  des  Magens  oft  in  grossen  Mengen  im  Mageninhalt,  jedoch  an- 
scheinend ohne  pathogene  Wirkung. 

2.  Bacillaceae. 
Bacillus  anthracis,  MilzbraudbacUlus  (Figg.  21— 2&). 
Findet  sirh  im  Blut  und  in  den  Organen  jedes  am  Milzbrand 
gefallenen  Thieres.  Relativ  grosse  Stäbchen  von  5 — 20  fi  Länge  und 
1 — 1-25  /*  Breite,  ohne  Eigenbewegung.  Im  lebenden  Thierkörper 
und  im  uneröffneten  Cadaver  erfolgt  nur  fortgesetzte  Vermehrung  durch 
Theilung  and  Bildung  von  Scheinfäden.  Dagegen  erfolgt  bei  Laft- 
zotritt  und  bei  Temperaturen  zwischen  16  und  42°  im  todten  Substrat 


Spaltpilze,  Bakterien.  61 

und  in  Cnltoren  Sporenbildung.  Die  Bacillen  wachsen  zunächst 
zu  fUden  ans  nnd  in  diesen  bilden  sich  in  perlschnurartiger  Reihe 
glänzende  Sporen  (Figg.  28, 24).  Schliesslich  zerfallt  der  Faden,  die  Sporen 
werden  frei  nnd  können  unter  günstigen  Bedingungen  wieder  von 
neuem  zu  Bacillen  auskeimen. 

CKe  Bacillen  wachsen  leicht  auf  Nährgelatine;  sie  bilden  auf  Platten  nach 

24  bis  48  Standen   kleine   weisse  P&nktchen,   welche   sich  bei  SOfacher  Ver- 

grossenmg  als  ein  anregelmässig 

eontoorirtes  Knäuel  aus  gewellten  I       ^ 

Fadensträngen  darstellen.  Erreicht  \  flV 

die  Colonie  die  Oberfläche,  so  tre-  ^m\  / 

ten  die  einzelnen  lockigen  Faden-         ^     ^S^  1 

stränge  am  Rande  deutlicher  her- 

vor(F1g.  25)  und  wuchern  auf  weite 

Strecken   über  die  Grelatine  hin.  A 

Gleichzeitig  tritt  in  der  Umgebung  m^ 

der  Colonie  langsame  Verflüssiirune: 

T^            -u       i_      •     u       Di5  PIg.21. Milzbrand-  Flg.22.Mil»brandbaolllen. 

em.       iy\^    mikroskopische    Bild  bacllleD.MIuseblut  MeerachweinoheDblat  (nach 

der  Milzbrandcolonie  ist  so  cha-  (nach  Koch).    700:1.  Koch).   660:1. 

rakteristisch,  dass  dasselbe  für  die 

Diagnose  verwerthet  werden  kann.  —  Auf  Kartofieln  wachsen  die  Bacillen  in 
Form  einer  weisslichen  Auflagerung;  in  BouUlon  entstehen  wolkige  Massen  am 
Boden  des  Gkfasses. 

Impft  man  Mäusen,  Kaninchen,  Meerschweinchen  die  minimalsten 
Mengen  einer  Cnltur  in  eine  Hautwunde,   so   sterben   dieselben  nach 


Tlf.  23.    HllsbraDdfiden,  drei  Stunden  alte  Flg.  24.    Mllxbrandfiden  mit  Sporen^ 

CiUter  Ton  Meencbwelnchenblat  In  bumor  aqueos  24  BtOndige  Gultur  (naob  Koch).    800 : 1. 

f  naob  Koch).    660 : 1. 

22  resp.  40  Stunden  am  Milzbrand.  Femer  sind  Schafe,  Binder 
Pferde  ausserordentlich  empfänglich  und  in  den  Ueerden  dieser  Thiere 
kommt  es  nicht  selten  zum  Ausbruch  von  Epizootien.  Nach  dem  Tode 
des  Thieres  findet  man  alle  Capillaren  der  Leber,  Milz,  Nieren  u.  s.  w.  wie 
austapezirt  mit  enormen  Mengen  von  Milzbrandbacillen,  so  dass  jedes 
AussMchpräparat,  namentlich  aus  der  Milz,  mit  Sicherheit  die  Diagnose 


62  ^^9  Mikroorganismen. 

auf  Milzbrand  zu  stellen  gestattet  Hühner,  Tauben,  weisse  Ratten 
sind  unempfänglich.  Auch  der  Mensch  zeigt  eine  relativ  geringe 
Empfänglichkeit/  da  er  häufig  nur  mit  örtlicher  Affektion  reagirt  — 

Durch  manche  schädliche  Einflüsse  büssen  die 
\i^    Culturen   ihre  Virulenz   ganz  oder  theilweise  ein 

(8.  S.  62). 

Bacillus  Typhi  abdominalis. 

«    or   ^.1  V      A  Durch  Cultur  nachweisbar  in  der  Milz,  der 

Flg.  26.    Milzbrand-  ' 

coionie.  60:1,  Bei  a     Leber  uud  dcu  Mesenterialdrüseu  jeder  Typhu»- 

der  Rest  der  tiefliegenden  ^.,,.  «i,       ,  ,  .^j 

Coionie,  b  oberflÄchUche     leichc.    lu  den  Dejcktionen  Typhuskranker  ist  der 

Bacillus  meist  nur  spärlich  vorhanden  und  wird  in 
den  Culturen  leicht  durch  die  viel  zahlreicheren  Coli-Bakterien  verdeckt 
(s.  unten) ;  in  manchen  Fällen  gelingt  es  aus  dem  Harn,  oder  auch  aus  dem 
Blut,  besonders  der  Roseolaflecke,  die  Typhusbacillen  während  des  Lebens 
zu  züchten.  Mikroskopisch  stösst  der  Nachweis  auch  in  der  Typhns- 
Milz  auf  grosse  Schwierigkeiten;  dagegen  gelingt  hier  der  Nachweis 
durch  das  Culturverfahren  mit  voller  Sicherheit  (Gafpky).  —  Bei  irgend 

welchen  anderen  Krankheiten  sind  niemals  die 

i  J  /^)i      't*^  ^      gleichen  Bacillen  gefunden.   Die  Bacillen  müssen 

•s^'    cl\^\  daher   als  Erreger   des  Abdominaltyphus 

^ %^  /  U  \^       angesehen  werden. 
^'   V  \  ^»  ^^    j*^  ^"    ^®°   Schnittpräparaten   erscheinen   die 

n  \   '  y/  '^  x^j'       Bacillen  als  kurze,  plumpe,  an  den  Enden  ab- 
Fig.  2t).  Typhusbacillen      gerundoto  Stäbcheu,  welche  meist  in  grösseren 

^'^LoEmBRr  000:°"^^        Haufeu    zusammenliegen.     Aus    den   Culturen 

entnommen  erscheinen  sie  je  nach  den  Cultur- 
bedingungen  verschieden,  von  Agarcultur  bei  37®  sehr  kurz,  von 
Kartoffel  bei  22®  länger  und  mit  Neigung  Fäden  zu  bilden.  Oft 
zeigen  sich  in  den  gefärbten  Bacillen  ungefärbte  Lücken,  die  jedoch 
nicht  als  Sporen  aufzufassen  sind.  Die  künstlich  gezüchtet.en  Ba- 
cillen sind  trotzdem  sehr  resistent;  sie  erhalten  sich  im  ausgetrock- 
neten Zustande  bis  zu  drei  Monaten  lebensfähig.  —  Im 
Bouillontropfen  untersucht  zeigen  die  Bacillen  lebhafte  Eigenbe- 
wegung; durch  besondere  Färbemethoden  (s.  Anhang)  sind  an  jedem 
Bacillus  8 — 12  um  die  ganze  Peripherie  angeordnete  Geissein  sicht- 
bar zu  machen. 

Die  jüngsten  Colonieen  auf  Gelatineplatten  erscheinen  bei  schwacher  Ver- 
grösserung  rund,  oder  oval,  oder  wetzsteinförmig,  von  scharfem  Contour  und 
gelblicfagrüner  Farbe.  Charakteristisch  wird  das  Bild  der  Coionie,  sobald  sie 
bis  zur  Oberfläche  durchgewachsen  ist  E^  entsteht  dann  rasch  eine  flache 
Auflagerung,  welche  unter  dem  Mikroskop  einen  stark  ausgebuchteten  Contour, 


Spftl^il»,  B&kterieu.  63 

eine  granweissliche  Farbe  and  anf  der  OberfiKohe  ein  System  von  Furchen  und 
Faltm^en  leigt,  welche  sich  nach  dem  Bande  eo  veriisteln  (weinblattartige 
Zeichnong).    Yerfläuigattg  der  Gelatine  tritt  nicht  ein, 

EigenthOmlich  ist  auch  das  Wachsthnm  auf  RartoffeUcheiben.    £a 
entsteht  hier  über  die  ganse  Fläche  eine  Art  Haut,  welche  kanm  wahr- 
nehmbar ist,  weil  sie  die  Farbe  der  nraprUnglichen  Kartoffel  völlig  unverändert 
liaat;    mikroskopische  FrKparate  von  irgend   einer  Stelle   zeigen   aber  grosBe 
Hengea  beweglicher  Bacillen.     Auf  Kartoffeln  mit  stärker  alkalischer  Reaction 
kommt  dieses  tTpiscbe  Wachatbum  nicht  in 
Stande,  sondern  es  entsteht  dann  eine  gelb- 
liche   oder    gelbbrftuDliche   schmierige   Auf- 
lagerang. —  Auf  Fleisch,  in  Bouillon,  Milch 

n-aw.  können  sich  die Typhnsbacillen  lebhaft  lO  /^ 

Tcrmebren,  auf  letiterer  ohne  sichtbare  Ver-  ^    — *' 

lodenmgen  bervorEumfen.  In  Wasser  findet  "b 

swar  fOr  gewöhnlich  keine  Vermehrung  statt, 
wohl  aber  halten  sich  die  hineingebrachten 
Bacillen  Monate  lang.  —  Ueber  die  Diffe- 
rensial-Diagnoae  der  TTphnsbacilten,  die 
nth  g^enüber  cafalreichen  fthnlichen  Bakterien  (namentlich  BacL  coii-Arten) 
siemlich  schwierig  gestaltet,  siehe  im  Anhang. 

Thiere  siad  für  Uebertragungen  des  Typhus-Bacillus  wenig  em- 
p^Dglich.  Eine  Vermehrung  erfolgt  erst,  wenn  sehr  grosse  Mengen 
der  Bacillen  iajicirt  werden;  es  scheint  aber,  als  ob  eine  allmähliche 
Gewöhnung  der  Bacillen  an  gewisse  Veisnchsthiere  stattfinden  könne.  — 
Sehr  leicht  gelingt  es,  bei  verschiedensten  Vereuchsthieren  durch  Ein- 
bringung hinreichend  grosser  Mengen  sterilisirter  oder  filtrirter  Cultnren 
in  knrzer  Zeit  ausgesprochene  Intoxikationserseheinungen  hervor- 
zamfen. 

Wird  Menschen  oder  Versachstbieren  (Meerschweinchen,  Ziegen) 
Cnltur  Ton  Typhusbacillen  subcutan  injicirt,  so  zeigen  sieh  im  Blnt- 
senun  der  Geimpften  nach  kurzer  Zeit  Schntzetoffe,  darunter  solche, 
welche  eine  Au^hwemmung  von  Tjphusbaciüen  zn  agglutiniren, 
d.  b.  Verkleben  und  Häufchenbildung  der  Bacillen  zu  bewirken  rer- 
mögen.  Anderen  Bakterien  gegenüber  zeigt  sich  diese  Wirkung  des 
Serums  nicht  Die  gleiche  specifisohe  Wirkung  beobachtet  man 
auch  an  dem  Serum  von  Tjphuskranken  und  TyphosrekonvalesceDten 
(WcDAL'sehe  Reaktion].  Darin  liegt  ein  Beweis  für  die  ätiologische 
Bedeutung  der  Tj'phosbacillen.  Ausserdem  bietet  die  WiDAL'sche  Re- 
aktion  das  beste  Mittel  zur  Erkennung  einer  verdächtigen  Erkrankung 
als  Typhus;  andererseits  kann  eine  fragliche  Cultar  durch  ihr  Ver- 
halten gegenüber  zweifellosem  Typhussemm  als  Typhnscultnr  erkannt 
werden.    (Näheres  s.  in  Eap.  X  und  im  Anhang.) 


64  I^ie  Mikroorgamsmen. 

Bacillas  aSrogenes  and  Bacillus  coli. 

Dem  Typhusbacillus  in  vielen  Beziehungen  ähnlich  sind  zwei 
Gruppen  von  sehr  verbreiteten  Bacillenarten,  denen  man  gemeinsam  die 
obenstehende  Bezeichnung  gegeben  hat.  Zur  Gruppe  des  B.  a^rogenes 
rechnet  man  verschiedene  Arten  und  Varietäten,  die  dadurch  gekenn- 
zeichnet sind,  dass  sie  im  Gegensatz  zum  Typhusbacillus  unbeweglich 
sind  und  dass  sie  auf  Gelatineplatten  ohne  Verflüssigung  meist  als 
dickere,  porzellanweisse  Tröpfchen  wachsen.  Einzelne  Arten  bilden 
indess  auch  flache  häutchenartige  Auflagerungen.  A^rogenesarten 
kommen  regelmässig  im  Darm  vor.  Femer  gehört  hierher  ein  Er- 
reger der  Milchsäuregährungy  der  bei  Blutwärme  unter  den  spontan 
in  der  Milch  sich  entwickelnden  Gährungserregem  in  den  Vordergrund 
tritt)  Linksmilchsäure  bildet  und  zuweilen,  aber  nicht  regelmässig,  nach 
Gbah  gefärbt  bleibt. 

Auch  pathogene  Wirkungen  gehen  von  Aerogenesarten  aus.  Nament- 
lich gehören  die  häufigsten  Erreger  von  Cystitis  zu  dieser  Gruppe; 
ferner  die  Erreger  des  Bhinoskleroms.  —  Kbuse  hat  es  neuerdings 
wahrscheinlich  gemacht,  dass  der  Erreger  der  einheimischen  epidemi- 
schen Ruhr  ein  plumper  unbeweglicher  Bacillus  ist,  der  oft  in  die 
Eiterzellen  der  eitrig-schleimigen  Dejecte  eingelagert  ist,  und  der  auf 
Gelatineplatteu  Golonieen  bildet,  die  von  Typhuscolonieen  kaum  zu 
unterscheiden  sind.  Das  Serum  von  Ruhrb-anken  schien  auf  diese 
Bacillen  specifisch  agglutinirend  zu  wirken. 

Einige  Arten  zeichnen  sich  dadurch  aus,  dass  die  Bacillen  im 
Thier-  und  Menschenkörper  mit  sog.  Kapseln  auftreten;  gleichzeitig 
pflegen  sie  üppiger  zu  wachsen  und  dicke  schleimige  Auflagerungen 
in  den  Culturen  zu  bilden.  Zu  diesen  „Kapselbakterien*'  gehören  z.  B. 
der  Pneumobacillus  Feiedlaendbb's  (s.  S.  59)  und  die  Ozaena- 
Bacillen. 

Zur  Gruppe  B.  coli  rechnet  man  zahlreiche  Arten,  die  darin 
übereinstimmen,  dass  sie  plumpe  oder  schlanke  kurze,  bewegliche 
Stäbchen  bilden,  mit  mehreren  perithrichen  Geissein,  ohne  Sporen, 
nach  Gbam  nicht  farbbar.  Auf  Gelatineplatten  bilden  die  Golonieen 
flache  Auflagerungen,  meist  etwas  dicker  als  bei  den  Typhusbacillen, 
stärker  gefärbt  und  ohne  deutliche  weinblattartige  Zeichnung.  Jedoch 
kommen  starke  Annäherungen  an  das  Aussehen  der  Typhuscolonieen 
vor.    Ueber  die  sonstigen  Culturdifferenzen  s.  im  Anhang. 

Coliarten  findet  man  regelmässig  im  Darm  des  Menschen  und  der 
Thiere.  Bei  den  verschiedensten  Darmafliektionen  des  Menschen  zeigen 
die  Dejecte  fiast  Reincultur  von  CoUhakterien,  so  bei  Kinderdiarrhoe, 
Cholera  nostras,  Cholera  asiatica,  Typhus  u.  s.  w.,  ohne  dass  daraus  eine 


8paltpilEe.  Bakterien. 


65 


ätiologische  Bedeutung  der  Bacillen  für  die  betreflFende  Krankheit  ge- 
folgert werden  darf.  Manchen  Arten  kommen  aber  zweifellos  pathogene 
Wirkungen  zu;  sie  vermögen  z.  B.  Entzündung  der  Gallenwege,  Peri- 
tonitis, Cystitis,  Pyelitis  und  Nephritis,  allgemeine  Sepsis  zu  veranlassen. 
Auch  bei  den  sog.  Fleischvergiftungen  (s.  unten)  sind  Coliarten 
ätiologisch  betheiligt. 

Bacillus  tabercalosis. 

1882  von  Koch  entdeckt.  —  Findet  sich  in  allen  tuberculösen 
Organen  und  Sekreten  da,  wo  der  tuberculöse  Process  im  Entstehen 
oder  Fortschreiten  begriflFen  ist,  niemals  dagegen  bei  nicht  tuberculösen 
Individuen.  Schlanke,  meist  leicht  gekrümmte  Bacillen  von  1-6 — 3*5  fi 
Lange.     Charakterisirt  durch  das  Verhalten  gegen  Anilinfarben;  die- 


^:. 


:/0 


MiMM 


Flg.  28.    Spatam  mit  Tuberkel- 
bacillen  (und  rereinzelten  Diplo- 
and  Streptokokken).    600:1. 


C^ 


Flg.  29.    Colonieen  von  Tubt^rkelbaüilleo 
auf  Blotaenim  (nach  Kocu).    700 : 1. 


selben  dringen  ohne  besondere  Zusätze  schwer  in  die  von  einer  wachs- 
arügen  HüUe  umgebenen  Tuberkelbacillen  ein,  dagegen  leichter,  wenn 
ihnen  Alkali,  Anilin  oder  Carbolsäure  zugefügt  ist  und  die  Einwirkung 
längere  Zeit  hindurch  oder  bei  Siedehitze  erfolgt  Die  einmal  ein- 
gedrungenen Farbstoffe  haften  dann  aber  sehr  fest  und  widerstehen 
lange  Zeit  der  Entfärbung  z.  B.  durch  Säure  (Säurefestigkeit  der  Tu- 
berkelbacillen). Färbt  man  zuerst  mit  alkalischem  Farbstoff  und  lässt 
dann  Säure  einwirken,  so  bleiben  alle  Bakterien  ohne  Färbung  mit 
Ausnahme  der  Tuberkelbacillen;  die  übrigen  Bakterien  und  die  Zell- 
kerne können  dann  mit  einer  Contrastfarbe  nachgefärbt  werden  (s.  An- 
hang). —  In  den  gefärbten  Bacillen  treten  oft  2 — 6  helle  Stellen  auf, 
die  aber  nicht  auf  Sporenbildung  zu  beziehen  sind. 

Die  Caltur  der  Tuberkelbacillen  gelang  Koch  auf  erstarrtem  Blutserum, 
aber  nur  bei  S7^  und  auch  dann  zeigte  sich  erst  nach  10 — 14  Tagen  deutliches 
Wacbsthum  in  Form  von  trockenen  Schüppchen  und  Bröckchen.  Da  Platten 
nicht  anwendbar  sind  und  da  die  Cultur  so  lange  Zeit  gebraucht,  bis  die 
TaberkelbaciUen  sich  ausbreiten,  lisst  sich  fttr  gewöhnlich  kein  Material  zu 
ZOchtangsversuchen  verwerthen,  welches  noch  andere  saprophy tische  und 
schneller  wachsende  Bakterien  enthält;  diese  occupiren  sonst  das  ganze  Nfthr- 
•abstrat   längst,   ehe   die  Tuberkelbacillen  sich  zu  vermehren  beginnen.     Am 

FlOook,  OrondrlM.    V.  Aufl.  6 


ßg  Die  Mikrooiganismen. 

besten  geht  man  daher  zxxm  Zwecke  der  Anlage  von  Cultaren  von  Leichen- 
theilen  aus,  welche  mit  allen  Caotelen  entnommen  sind,  oder  aber  besser  von 
den  Organen  eben  gestorbener  resp.  getödteter  inficirter  Thiere.  —  Neuerdings 
sind  viele  Nährsubstrate  constmirt,  auf  welchen  die  Tuberkelbacillen  schneller 
und  üppiger  wachsen.  Besonders  empfiehlt  sich  ein  Znsatz  von  4%  Olycerin 
zu  Agar  oder  Bouillon.  Ferner  wirken  Zusätze  von  Eidotter,  Grehim,  Nährstofi 
Hetden  (HsssB'scher  Nährboden)  günstig.  Mit  solchen  Gemischen  gelingt  auch 
die  Cultur  aus  Sputum  von  Phthisikem,  wenn  man  den  inneren  eitrigen  Kern 
des  Sputums  erst  mehrfach  in  sterillsirtem  Wasser  abspült  und  dann  auf  dem 
zu  Platten  ausgegossenen  Nährboden  ausstreicht  —  Auch  auf  pflanzlichem  Nähr- 
boden (Kartoffeln)  wachsen  die  Tuberkelbacillen  gut;  es  genügt  sogar  ein  künst- 
liches Gemisch,  welches  nur  Ammonsalze,  1,5%  Glycerin,  Wein-  oder  Milch- 
säure und  Magnesiumsulfat  und  Ealiumphosphat  enthält 

Die  Uebertragung  yon  den  Cultnren  aus  auf  Thiere  gelingt 
am  sichersten  bei  Meerschweinchen.  Diese  sind  durch  subcutane  Impfung 
und  durch  Inhalation  versprayter  Aufschwemmungen  oder  trockenen 
Staubes  von  Cultur  oder  Sputum  mit  constantem  Erfolg  zu  inficiren; 
Kaninchen  schon  schwieriger;  alle  Versuchsthiere  gehen  indess  an 
typischer  Tuberculose  zu  Grunde,  wenn  Cultur  oder  phthisisches  Sputum 
in  die  Bauchhöhle  resp.  in  eine  Vene  injicirt  wird.  Nach  diesen  Besul- 
taten  sind  die  Tuberkelbacillen  zweifellos  als  die  Erreger  der  Tuber- 
culose anzusehen. 

Die  Bacillen  sind  sehr  lange  haltbar;  im  trockenen  Zustand  bleiben 
sie  6 — 9  Monate  lebensfähig,  im  feuchten  Zustand  können  sie  trotz 
der  Anwesenheit  anderer  Bakterien  sich  bis  zu  6  Wochen  erhalten. 

In  den  Culturen  zeigen  die  Tuberkelbacillen  häufig  ein  Auswachsen 
zu  Fäden  mit  echten  Verzweigungen;  manche  Fäden  enden  mit 
keulenförmigen  Anschwellungen.  Auf  Grund  dieser  Merkmale 
rechnet  man  den  Tuberkelbacillus  jetzt  zur  Gruppe  der  Strepto- 
thricheen  bezw.  zu  den  Fadenpilzen  (ebenso  wie  die  sich  ähnlich 
verhaltenden  Hotz-  und  Diphtheriebacillen).  Die  praktisch  ausschliess- 
lich in  Betracht  kommende  Wuchsform  ist  indess  die  des  Bacillus. 

Varietäten  des  Tuberkelbacillus.  Eine  eigenthümliche  Differenz 
fanden  Eooh  und  Sohütz  zwischen  den  aus  tuberculösen  Erkrankungen 
(Perlsucht)  der  Binder  und  den  vom  Menschen  stammenden  Tuberkel- 
bacillen. Während  die  Perlsuchterreger  letzteren  in  Bezug  auf  mikro- 
skopisches Aussehen,  Culturverhalten  und  Wirkung  gegenüber  kleineren 
Versuchsthieren,  Meerschweinchen  und  Kaninchen,  vollkommen  gleichen, 
unterscheiden  sie  sich  dadurch,  dass  sie  auch  Rinder,  Schafe  und 
Schweine  leicht  zu  inficiren  vermögen,  während  dies  mit  den  Erregern 
der  menschlichen  Tuberculose  nicht  gelingt  Ob  auch  umgekehrt 
die  Erreger  der  Perlsucht  Menschen  nicht  zu  inficiren  vermögen,  ist 
noch  durch  weitere  Beobachtungen  und  Untersuchungen  zu  ermitteln. 


Bpiltpilze,  Bakterien.  67 

Eine  erheblich  weiter  abweichende  Art  bilden  die  Erreger  der 
Geflügel(HHbner-)tobercolose.  Diese  wird  durch  Bacillen  ver- 
arsacht,  die  rorzngsweise  in  der  Leber  wuchern,  in  Cultureo  leichter 
wachsen,  hier  feuchte,  speckige  Äaflagernngen  liefern,  und  Meer* 
Bchweinchen  nicht  Inüeiren.  Andererseits  sind  Hühner  gegen  mensch- 
liche Taberkelbacillen  nur  aosnahmsweise  empfänglich. 

Starke  VerKnderungea  aollen  die  Tnberkelbacillen  in  Kaltblütern 
(naclien,  Blindacbleichen,  FrAsehen)  er&hren;  nach  längerem  Aufenthalt  in 
dieaen  Thieren  sollen  Cnlturen  entstehen,  die  schoa  bei  ZimmeTtemperatnr  als 
tnaammenhängender  Belag  wachsen.  Verwechslongea  mit  einer  der  im  Folgenden 
beachriebeaen  Arten  sind  bei   diesen  Versnchen  nicht   immer  mit  Sicherheit 


Die  Bäniefeatigkeit  der  TnbeAelbacillen  ist  ftti  dieselben  nicht  ganz 
■pecifisch.  Sie  kommt  auch  den  Leprabacillen,  femer  den  SmegmabacUlen 
{In  geringerem  Grade)  zn.  Ausserdem  ist  neuerdings  eine  Gruppe  von  „säare- 
festen"  Bacillen  bekannt  geworden,  zu  der  zahlreiche  Arten  zu  gehören 
tebeinen,  welche  in  Butter,  Knhexkrementeu,  auf  FuttergrSsem  (Tbimotee)  und 
in  der  Ackererde  sehr  verbreitet  sind.  Ihre  Aehnlicbkeit  mit  den  Tnberkel- 
bacillen eretreckt  sieb  aasser  auf  die  Säure festigkeit  auf  das  Vorkommen  von 
VerlateloDgen  und  Keulenformen  in  den  Culturan  (vgl.  „Streptothricheen"),  und 
auf  Pathogenität  gegenfiber  Heerschweinchen  und  Kaninchen,  gelegentlich  ge- 
kennseiehnet  auch  durch  das  Aufrret^n  tuberkelähnlicher  ASektionen.  Deut- 
liche Differemten  treten  aber  sowclil  in  den  Cultnren  hervor,  die  sämtlich  bei 
Zimmertemperatar  rasch  wachsen  und  zusammenhängende,  oft  farbige,  dicke 
AufUgemngen  bilden;  als  auch  im  Tbiereiperiment,  iasofero  z.B.  die  Impfung 
in  die  vordere  Angenkammer  beim  KaoiDchen  ohne  Erfolg  bleibt 
Bacillus  Leprae. 

Bei  allen  Formen  des  Aussatzes  finden  sich  in  den  erkrankten 
Organen,  z.  B.  in  den  Tumoren  der  Haut  and  auf  den  uicerirenden 
Schleimhäuten  (besonders  der  Nase],  ausserordent- 
lich   zahlreiche  Bacillen,  meist  in   Gruppen   ge- 
lagert    und    oft    in    eigenthümliche    Zellen    ein- 
gebettet    Die  Bacillen  messen  8—6  /i,  nehmen 
Fftrb^ffe  auch  ohne  Alkaliznsatz  auf,  widerstehen 
aber  der  Enterbung  in  ähnlicher  Weise  wie  die  Tu* 
berkelbacillen.  In  künstlichen  Cnlturen  kommt  kein 
Wachsthum,  oder  höchstens  Wachsthum  nicht  säure- 
fester  Bacillen  zu  Stande,  deren  Bedeatung  zweifelhaft 
ist    Anch  bei  Vebertragungen  auf  Thiere  hat  man 
bisher  nur  ausnahmsweise  ein  beschränktes  Wachs-  ü2S;,?Sni^^iJ^bS'^"i 
ihum  der  eingebrachten  Knoten  beobachtet  —  Aus 
der  Verbreitung  der  Bacillen   in  den   erkrankten  Organen,  aus  der 
Constani  und  Ausschliesslichkeit  ihres  Vorkommens  därfen  wir  anf  ihre 
ätiologische  Bedeutung  schliessen. 


68  I^B  Mikroorganismea. 

Bacillns  Hailei,  RotE-Bacillna. 
Von  LoEFFLER  in  frischen  Eotzknoten  nachgewiesen.     Die  Bacillen 
sind  etwas  grdsaer  tind  dicker  e.\s  Tnbetkelbacillen,  lassen  sich  schwierig 
ßrben;  die  gefärbten  Bacillen  zeigen  unregelmässige  Lücken;  ausserdem 
lassen  sich  dnrch  DoppeUarbung  Sporen  nachweisen.    Die  Bacillen  Bind 
ziemlich  leicht  cnltivirbar,  wach- 
sen auf  Blutserum  in  Form  von 
glasigen  Tropfen,  aaf  Kartoffel- 
scheiben in  Form  eines  charakte- 
ristischen, anfangs  gelben,  später 
braunen  Belags,  unter  25*>  fin- 
det nur  spärliches  Wachsthum 
statt.  Mit  den  Culturenlässt  sich 
bei  Thieren  typischer  Kotz  her- 
Tormfen ;    am   empfänglichsten 
sind  Feldmäuse,  junge  Hände 
«(.  3t.  BoubacuiBD.  scbniu  uie  einem  Boii-      gnd  UeeTschweinchen  (Erkran- 
kung der  Hoden).— Die  Cultoren 
halten  sich  im  trockenen  Zustand  einige  Wochen  lebensfähig;  bei  fort- 
gesetzter Cultur  geht  die  Virulenz  der  Bacillen  verloren.  Gegenüber  den 
üblichen  Desinfektionsmitteln  (Hitze,  Kresol)  zeigen  sie  massige  Resis- 
tenz. —  Auch  in  Rotzeultnren  finden  sich  verästelte  Fäden,  durch  welche 
die  Zugehörigkeit  der  Bacillen  zu  den  Streptothricheen  dargethan  wird. 

Bacillas  Diphtheriae. 

Durch  Untersachnngen  von  Lobffleb  ist  festgestellt,  dass  bei 
diphtherischen  Processen,  speciell  bei  der  epidemisch  auftretenden 
Bachendiphtberie,  stets  eine  bestimmte  Art  von  Bacillen  vorkommt, 
die  nicht  sowohl  durch  ihr  culturelles  Verhallen  als  vielmehr  durch 
Form  und  Lagerang  der  Einzelindividnen  charakterisirt  isL  Es  sind 
zwei  Stadien  zu  unterscheiden;  die  jungen  Bacillen,  d.  h.  solche,  die  auf 
gutem  Nährboden  in  5 — 8  Stunden  gewachsen  sind;  and  die  älteren 
Individuen,  9 — 24  Stunden  alt 

Die  Gestalt  der  jungen  Individuen  ist  die  eines  kurzen  Keils, 
das  eine  Ende  ist  hänfig  deutlich,  zuweilen  nur  andeutungsweise  dicker 
als  das  andere.  Oft  zeigt  dabei  der  Bacillas  eine  leichte  Krümmung. 
Die  Lagerang  verschiedener  Individuen  ist  fast  stete  so,  dass  sie 
divergiren  oder  sich  kreuzen;  in  Haufen  sind  sie  regellos  durcheinander 
geworfen,  nicht  parallel  aneinander  gereiht  Nicht  selten  lagern  sieb 
die  Bacillen  in  V-Form,  oder  gar  in  T-Form. 

Die  älteren  Individuen  sind  ähnlich  gelagert;  der  einzelne  Bacillas 


Bpiütpike,  Bakterien.  69 

zeigt  aber  grössere  Lange,  stärkere  kealige  Auftreibung  des  einen  Endes 
oder  beider,  manchmal  auch  Verdickungen  an  anderen  Stellen,  oft  aber 
auch  Zerfall  in  einzelne  Segmente.  Diese  Formen  entsprechen  offenbar 
einer  sehr  früh  eintretenden  Involation.  —  Die  Bacillen  sind  un- 
beweglich, bilden  keine  Sporen.  Sie  sind  mit  den  gewöhnlichen  Färbe- 
mitteln (bes.  gut  mit  Fuchsin),  femer  auch  nach  Gbam  farbbar. 

Die  Cultur  gelingt  leicht  bei  einer  Temperatur  über  25^  aof  verschiedenen 
Nährböden.  Auf  Platten  von  Glycerin-Agar  entstehen  Colonieen,  die  bei 
60facher  Vergrosserong  unregelmässig  begrenzt  und  ganz  grob  gekörnt  er- 
scheinen, an  verstreuten  Schnupftaback  erinnernd.  Am  schnellsten  wachsen 
sie  aof  LöPVLiR'scher  Blutserummischung  (3  Theile  Serum  +  1  Theil 
Dextrose-Peptonbouillon),  die  in  flachen  Schälchen  durch  Erhitzen  auf  100® 
zum  Erstarren  gebracht  ist,  und  auf  welcher  das  Untersuchungsmaterial  ober- 
flichUch  ausgestrichen  wird.  Schon  nach  4 — 6  Stunden  bilden  die  Diphtherie- 
bacülen  kleine  graue  Tröpfchen.  Dieser  „elektive"  Nährboden  kann  daher  zum 
Herauszüchten   der  Diphtheriebacillen   aus   Gremengen   besonders  gut  benutzt 

'i^iV-^        vC^>'  %v 


^N. 


Flf.  82.    DIphtheriebMilleD,       Flg.  83.    DiphtheriebadUeo,       Flg.  34.    DiphtheriebadUen, 
Juoge  Cultur.    800:1.  ältere  Cultur.    600:1.        NnssBR'BcheDoppelfarbuDg.  600:1. 

werden  (s.  im  Anhang).  —  In  Bouillon  wachsen  die  BacUlen  unter  anfänglicher 
Trfibung  und  unter  starker  Säurebildung;  später  lagert  sich  die  Cultur  ab  An- 
flug an  Boden  und  Wand  des  Gkfässes,  die  Bouillon  klärt  sich  und  nimmt 
alkalische  Reaktion  an. 

Die  Resistenz  der  Bacillen  gegen  schädigende  Einflüsse  ist  gering. 
Starkes  Eintrocknen,  so  dass  sie  in  Staubform  durch  die  Luft  trans- 
portabel werden,  tödtet  sie  ab;  in  dickeren  Schichten  und  gegen  licht 
geschützt  können  sie  dagegen  Monate  lang  lebendig  bleiben.  Hitze  und 
chemische  Desinficientien  tödten  sie  sehr  rasch  ab. 

Die  Uebertragung  der  Culturen  auf  Versuchsthiere  gelingt 
bei  Kaninchen,  Tauben  etc.,  wenn  die  Trachea  geöffnet  und  die  Cultur 
auf  die  Schleimhaut  eingerieben  wird.  Es  entstehen  dann  ausgebreitete 
Membranen,  aber  oft  auch  schwere  Allgemeinerscheinungen  und  bei 
chronischem  Verlauf  Lahmungen.  Bei  Meerschweinchen  genügt  die 
subcutane  Einimpfung  einer  kleinen  Culturmenge  (1  ccm  Booillon- 
cnltur),  um  die  Thiere  innerhalb  2  Tagen  zu  tödten;  bei  der  Section  finden 
sich  Oedeme,  pleuritische  Ergüsse,  Hyperämie  der  Nebennieren  u.  s.  w.  — 
In  den  inneren  Organen  finden  sich,  ebenso  wie  nach  tödtlichem  Ver- 
lauf  beim    Menschen,    meist    keine    Bacillen,    sondern    die    ganzen 


70  I^ie  Mikrooiganismen. 

Wirkungen  sind  auf  Rechnung  loslicher  Gifte  zu  setzen,  die  von  den 
lediglich  an  der  Imp&telle  gewucherten  Bacillen  producirt  sind. 

Ffir  die  Verbreitang  der  Diphtherie  ist  es  von  BedeatuDg,  dass  in  der 
ReconvalesceDz  oft  noch  mehrere  Wochen,  in  einzelnen  FäUen  sogar  Monate^ 
Diphtheriebacillen  im  Mundbchleim  gefanden  werden ;  häufig  sind  diese  Bacillen 
im  Thierversach  ayiralent,  manchmal  bleibt  aber  die  Virulenz  erhalten.  — 
Femer  lassen  sich  auch  im  Munde  gesunder  oder  von  kaum  merklicher  Angina 
befallener  Menschen  (namentlich  Erwachsener)  aus  der  Umgebung  von  Diphtherie- 
kranken häufig  Diphtheriebacillen  nachweisen. 

Pseudo -Diphtheriebacillen,  d.  h.  Bacillen,  welche  in  ihrer  Form 
den  Diphtheriebacillen  ähnlich  sind,  werden  vorzugsweise  in  der  Nase  beob- 
achtet Sie  zeigen  nicht  so  ausgesprochene  Reilform,  mehr  parallele  Lagerung 
und  anderes  Verhalten  bei  der  Cultur  auf  Gljcerinagar  und  in  Bouillon.  Ge- 
naueres über  ihre  Unterscheidung  s.  im  Anhang. 

Durch  Einverleibung  allmählich  gesteigerter  Dosen  von  Diphtherie- 
gift kann  Thieren  ein  sehr  hoher  Orad  von  UnempföngUchkeit  gegen 
das  Diphtheriegifk  verliehen  werden.  Das  Serum  solcher  Thiere  vermag 
bei  an  Diphtherie  erkrankten  Menschen  Schutz  gegen  die  Oiftwirkung 
der  Bacillen  und  damit  Heilung  der  Krankheit  herbeizufähren  (Behbinq). 

Bacillus  Influenzae. 

Von  Pfeiffeb  zuerst  beobachtet  Aus  dem  Secret  des  Nasen- 
rachenraums, besser  aus  dem  eitrigen  Kern  des  zähen,  hellgelblich- 

grünlichen  Bronchialsecrets  lassen  sich  bei  Influenza- 

,?        kranken   Präparate    herstellen,    in   welchen   nach 

,;..;'^      nrb™.g  mit  dünn«  Q>,b.l«.d«Uö«a,g  M««n 

s»rn    .V       von  feinen  Bacillen  zu  erkennen  sind.     Die  Ba- 

fj*.'  1  >;%   ^      cillen  haben  etwa  die  Dicke  der  Mäuseseptikämie- 

nC;>.\'^-v*  V.  ■       bacillen,  sind  aber  kürzer;  sie  färben  sich  zuweilen 

•'.'.  "^'^     r '        an  den  Polen  starker  als  in  der  Mitte.    Oft  findet 

Fig.  35.    Bacillen  der  ^^"  ^^  ThcUung  begriffene  Bacillen,  die  mit  Diplo- 

1000  rr°".ch  pÄ^)*.  kokken  verwechselt  werden  können.    In  allen  Cnl- 

turen  und  bei  beginnender  Involution  treten  längere 
Scheinfaden  auf.  Die  Bacillen  haben  keine  Kapseln;  keine  Eigenbe- 
wegung; keine  Sporen;  sind  nicht  nach  Gbam  farbbar. 

■  Eine  Züchtung  gelingt  nur  auf  einem  Nährsnbstrat,  das  Hämogoblin 
enthält  Nähragar  wird  mit  Blut  oder  Hfimogoblinlösung  bestrichen ;  und  dann 
wird  in  Reagensglftser  mit  diesem  Nährsubstrat  Bronchialsputum  gebracht,  das 
vorher  mit  Bouillon  zur  Emulsion  verrieben  war.  Die  Influenzabacillen  bilden 
feine  Tröpfchen  von  glasartiger  Transparenz.  Sie  wachsen  nur  zwischen  27 
und  42^  und  sind  streng  a6rob. 

In  der  Cultur  halten  sie  sich  nur  14 — 18  Tage  lebensfähig.  Aus- 
trocknen in  dünnen  Schichten  tödtet  sie  rasch;  im  Auswurf  halten  sie 
sich  länger  lebendig,  aber  in  völlig  trockenem,  verstaubbarem  Sputum 
sind  sie  abgestorben. 


Spaltpilse,  Bakterien.  71 

Yersuchsthiere  sind  für  die  Infektion  unempfänglich;  nur  bei 
Affen  gelingt  es,  durch  Einbringen  von  Beincultur  in  die  Nase  oder 
Trachea  infektiöse  Processe  zu  erzielen.  —  Grössere  Mengen  der  Cultur 
erzeugen  bei  Kaninchen  schwere  Intoxicationserscheinungen. 

Bei  Bronchopneumoiiie  im  EaDdesalter  sind  Psendo-lnflaenza-Bacillen 
beobachtet,  welche  den  echten  Influenzaerregem  in  allen  Beziehnngen  ähnlich, 
aber  wesentlich  grösser  sind  und  viel  hftofiger  längere  Scheinfäden  bilden. 

Bacillus  pestis. 

Bei  Pestkranken  zuerst  yon  Eitasato  und  Yebsin  nachgewiesen. 
Die  Bacillen  finden  sich  bei  Bubonenpest  in  der  die  Infektionsstelle 
darstellenden  Pustel  und  im  Inhalt  des  künstlich  eröffneten  Bube;  bei 
Pestsepsis  im  Blut;  bei  Pestpneumonie  im  Sputum.  Es  sind  kurze, 
plumpe,  unbewegliche,  sporenfreie  Stabchen;  meist  nur  au  den  Polenden 
die  Farbe  behaltend,  so  dass  in  der  Mitte  eine  ungefärbte  Lücke  bleibt 
(TgL  unten  die  B.  der  Hühnercholera).  Nicht  nach  Gbam  farbbar.  — 
Leicht  zu  züchten,  am  besten  bei  32®,  aber  auch  bei  37®  und  bei  5® 
wachsend. 

Die  Colonieen  auf  Agar  sind  wenig  charakteristisch;  auf  Gelatineplatten 
Beigen  sich  bei  60facher  Vergrösserung  warzenfSrmige  Colonieen,  die  von  einer 


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f\g.  9ß.    AoMtTlch  Ton        Flg.  87.    IiiToIatioiisfoniien      Flg.  88.    Pettcolonieen  auf  erataiTter 
PMUmbo.    800:1.  der  PMtbMiUen  auf  SaU-  GeUtine,  100:1. 

agar  800:1. 

unregelm&ssig  gezackten,  hellen,  fein  granulirten  Randzone  umgeben  sind.  In 
den  Culturen  fehlt  die  Polf&rbung;  zuweilen  entstehen  Fäden,  unter  anderen 
Verhältnissen  Retten  von  ganz  kurzen  Gliedern.  Auf  Agar  mit  1— 2^/o  ClNa- 
zosatz  bilden  die  Bacillen  aufgequollene  Degenerationsformen,  die  in  ähnlicher 
Weise  bei  anderen  Bakterien  nicht  beobachtet  werden. 

Die  Resistenz  der  Bacillen  ist  gering.  In  flugfähigen  Staub 
können  sie  nicht  lebend  übergehen;  unter  schützenden  Schichten  von 
Sputum,  Schmutz  u.dergl.  können  sie  dagegen  Wochen  und  Monate  infektiös 
bleibeD.  Durch  Hitze  und  Chemikalien  werden  sie  leicht  abgetödtet.  — 
Die  Infektion  mit  Culturen  gelingt  am  leichtesten  bei  Ratten;  die- 
selben sind  schon  durch  Aufistriche  auf  die  Conjunctiva  und  per  os 
zu  infidren.  Meerschweinchen  reagiren  am  besten  auf  intraperitoneale 
Einverleibung.    Auch  Mäuse,  Affen  u.  s.  w.  sind  empfanglich. 

Werden  Menschen  oder  Versuchsthieren  vorsichtig  abgetödtete 
Culturen  (1  stündiges  Erhitzen  auf  65^  subcutan  ii\jicirt,  so  bekommt 


72  I^ie  MikroorgaDismen. 

ihr  Seram  specifisohes  Agglutinirungsvermögen  gegenüber  Pest- 
bacillen.  Solches  Serum  kann  zur  Verificirung  verdächtiger  Colturen 
benutzt  werden.  Auch  bei  vielen  Pestkranken  zeigt  das  Blut  speci- 
fische  Agglutination;  aber  meist  erst  spat  (vom  9.  Tage  an)  und  un- 
regelmässig (nur  etwa  in  der  Hälft«  der  Fälle),  so  dass  die  Probe  zur 
Feststellung  der  Krankheit  nicht  so  verwendet  werden  kann  wie  bei 
TyphusföUen  die  WiDAL'sche  Reaction. 

Bacillas  des  malignen  Oedems. 

Etwas  schlanker  als  Milzbrandbacillen,  bildet  häufig  Fäden,  femer 
Sporen  unter  Aufschwellung  des  Bacillus  zum  Clostridium;  exquisite 

Anaßroben. 

^    f  In   unserer  Umgebung  sind  sie  sehr 

//           ^    f  (//  verbreitet  und  vermehren  sich  wahrschein- 

\       %            O^)   /  ^Xj^  ^*®^    "*    Päulniassubstraten    während    der 

\  B               r/     I  r      V  \  anaöroben  Phase  der  Fäulniss,  im  Darm- 

^  \                     Jj^  r~^  \  inhait  der  Pflanzenfresser  u.  s.  w.  Regelmftsaig 

^^  V^^v^  findet  man  sie  in  Erde,  welche  mit  Faul- 

^  ^^  fliissigkeit  oder  Dünger  imprägnirt  war,  z.  B. 

Fig.    39.      Bacillen    des    malignen        .       r«^^^«      ^j^,    A^lr««.»wi*»       D*:»^    •««« 

Oedems;  Unks  au8  der  Mibs  eines  Meer-  »^  harten-  Oder  Ackererde.  iSnngt  man 
schweinohens,  rechts  aus  der  Lunge  einer      Thieren,  namentlich  Meerschweinchen,  etwas 

Maus  (nach  Koch).    700:1.  cy   ^         a  j.        j-       u      *  *^  u* 

Gartenerde  unter  die  Haut,  so  entsteht 
ausgebreitetes  Oedem  mit  starkem,  blutig- 
serösem £x8udat.  In  diesem,  ausserdem  auf  dem  Peritoneum  und  der  Pleura, 
selten  im  Inneren  der  Organe,  finden  sich  die  Bacillen.  Von  den  gestorbenen 
Thieren  aus  lassen  sich  Culturen  in  Gelatine  oder  Agar  anlegen,  bei  welchen 
jedoch  für  vollständige  Entfernung  des  Sauerstoffs  gesorgt  werden  muss.  — 
Beim  Menschen  erzeugen  die  Bacillen  eine  Wundinfektionskrankheit,  das  rasch 
zum  Tode  führende  gangränöse  Emphysem  der  Haut 

Bacillus  TetanL 

Die  Erreger  des  Wundstarrkrampfes  finden  sich  ähnlich  wie  die 
Oedembacillen  hauptsächlich  in  Erde,  aber  auch  im  Staub  und  Kehricht 
aus  unsauberen  Wohnungen  tl  s.  w. 

Bringt  man  solche  Erde  oder  Kehricht  Yersuchsthieren  (namentlich  Mäusen 
und  Kaninchen)  in  eine  Hautwunde,  so  entsteht  nach  1  —  2  Tagen  ausgesprochener 
Tetanus,  der  meist  rasch  zum  Tode  führt  Bei  der  Untersuchung  menschlicher 
Tetanusfälle  hat  sich  gezeigt,  dass  der  Eiter  der  betretenden  Wunden  bei 
Mäusen  und  Kaninchen  genau  die  gleichen  Symptome  hervorruft,  wie  die  Erd- 
impfung. Ausserdem  ist  nachweisslich  Tetanus  beim  Menschen  sehr  oft  in 
Fällen  zu  beobachten,  wo  Erde  in  die  Wunde  eingedrungen  war.  Genauere 
bakteriologische  Untersuchungen  haben  dargethan,  dass  die  gleichen  in  der 
Erde  und  im  Stubenkehricht  verbreiteten  Erreger  sowohl  den  tbierischen  Impf- 
tetanus, als  auch  den  Wundtetanus  der  Menschen  bewirken  (inclusive  des 
Trismus  neonatorum,  bei  welchem  eine  Verunreinigung  der  Nabelwunde  die 
Schuld  trägt).  —  Die  Erreger  sind  feine  gerade,  bewegliche  Bacillen  mit  grossen 


Spiütpilze,  Bakterien.  tjfS 

encUtfindigen  Sporen.  Sie  sind  Ana^roben,  «bilden  aaf  Grelatine  in  einer 
H- Atmosphäre  Colonieen  mit  dichtem  Centriim  und  feinem  Strahlenkranz;  all- 
mählich verflüssigen  sie  die  Gelatine  unter  Gasentwickelung.  Am  besten 
wachsen  sie  bei  37 ^  —  Die  Reinculturen ,  auf  Versuchsthiere  übertragen,  er- 
xengen  keine  Eiterung,  nur  locale  Hyperämie;  nach 
24—36   Standen  Tetanus.    Weder  im  Blut,  noch  in  w     #  i 

den  Organen  der  erkrankten  oder  gestorbenen  Thiere  ^         ^\jJ 

sind  die  Bacillen  nachweisbar.  —  Das  sterile  Filtrat  %   \L^ 


^^f 


von  Beinculturen  wirkt  durch  seinen  Gehalt  an  speci- 

fischem  Giftstoff  (Tetanotozin)  gleichfalls  tetanisirend  ^  ^j^ 

auf  Versuchsthiere   und   zwar   schon   in  Dosen  von     ^  --\c    ^ 

0,1  Milligr.  des  Filtrats  und  weniger  (vgl.  S.  45).  ^       V  l^ 

Nur  für  gewisse  Thierraceu  pathogene  C      ^ 

Bacillen.  Fig.  40.     TetanuBbacillen, 

ir,       sporentragend,  aus  Agarcultar 

Bacillus  des  Kauschbrands,  emor  Krank-       (nach  Kitasato).   iooO:1. 
beit,  welche  unter  dem  Rindvieh  grosse  Verheerungen 

anrichtet.  Die  Bacillen  sind  denen  des  malignen  Oedems  ähnlich,  auch  in 
Bezug  auf  Anaärobiose,  haben  aber  weniger  Neigung  zu  Fadeubildung,  und  die 
spindelförmig  aufgetriebenen  Bacillen  haben  die  Sporen  nahe  dem  Ende.  Meer- 
schweinchen sehr  empfänglich,  Kaninchen  wenig.  Die  Virulenz  der  Bacillen 
lisst  sich  in  den  Culturen  graduell  abschwächen  (Schutzimpfung). 

Bacillus  des  Schweinerothlaufs.  Aeusserst  feine,  kurze  Bacillen 
0*6 — 0-8  fi  lang  und  etwa  0-2  fi  dick.  Finden  sich  in  grosser  Menge  im  Blute 
und  in  den  Capillaren  aller  Organe  von  an  Rothlauf  verendeten  Schweinen. 


1 


*  ( • 


'^> 


Fir.  41.    Bacillen  der  MftuBeseptikftmie  (nach  Koch).  Fig.  42.    Bacillen  der 

760:1.     Links   weiBse  Blutkörperchen   mit  Bacillen;  rechts       KanlncbenBeptikämle 
rothe  Blutkörperchen  mit  zwischengelagerten  Bacillen.  aus  Sperllngsblut  (nach 

Koch).    700:1. 

Oft  liegen  sie  in  Leukocyten  des  Blutes,  welche  unter  dem  Einfluss  der  Bacillen 
zu  zerfallen  scheinen.  Sie  wachsen  leicht  in  Nährgelatine.  Die  Colonieen  auf 
Platten  erscheinen  als  rundliche,  weisse  Trübungen  der  Gelatine;  auch  im  Stich 
eotsteht  nur  eine  zarte,  wolkige  Trübung.  —  Sehr  ähnlich  sind  die  Bacillen  der 
sogenannten  Mäuseseptikämie,  die  man  nicht  selten  erhält,  wenn  man  Mäuse 
mit  beliebigen  Faulflüssigkeiten  impft. 

Bacillus  der  Kaninchenseptikämie  und  der  Hühnercholera.  Kurze, 
Dar  an  den  Polen  sich  färbende  Bacillen,  ähnlich  den  Pestbacillen.  Wachsen 
leicht  anf  den  verschiedensten  Nährsubstraten;  tödtcn  Mäuse,  Kaninchen, 
Taaben  u.  s.  w.  nach  Einimpfung  der  minimalsten  Guiturmengen.  Auch  bei  der 
sogenannten  Schweineseuche  und  bei  der  Wildseuche  sind  ähnliche  Bak- 
terien beobachtet,  die  vielleicht  sämmtlich  einer  Art  angehören,  vielleicht  aber 
Tenchiedene  Racen  darstellen. 


74  Die  Mikroorganismen. 

SaprDphjtische  Bacillen. 

Manohe  sind  nicht  harmlos,  sondern  können,  wenn  sie  in  grösse- 
rer Menge  subcutan  oder  intravenös  in  den  Thierkörper  gelangen, 
entweder  durch  Toxinwirkung  (Bakterienprotein)  schädigen  oder 
zur  Wucherung  gelangen. 

Zunächst  seien  einige  chromogene  Arten  erwähnt: 

Bacillus  prodigioBus.  Wächst  in  schön  roth  gefärbten  Colonieen  und 
wird  vielfiAch  zu  Experimenten  benutzt;  früher  als  Micrococcus  bezeichnet;  doch 
kommen  neben  kugeligen  Gliedern  deutliche  Langstäbchen  und  Fäden  vor. 
Bacillus  pyocyaneuB,  im  grünblauen  Eiter  enthalten;  mehrere  Varietäten. 
Kleine  bewegliche  Bacillen,  wachsen  in  Gelatine  unter  Produktion  eines  blau- 
grünen Farbstoffes  und  unter  Verflüssigung.  Bildet  giftige  Stoffwechselprodukte 
und  vermag  sich  im  Körper  mancher  Thiere  (Kaninchen,  Meerschweinchen) 
zu  vermehren.  Bacillus  der  blauen  Milch.  Längere  Bacillen,  liefern 
in  der  Gelatine,  welche  nicht  verflüssigt  wird,  und  in  nicht  gesäuerter  Milch 
einen  gpraubraunen  Farbstoff,  der  bei  sauerer  Beaktion  in  einen  tiefblauen 
übergeht 

Femer  verschiedene  Gährungserreger:  Milchsäure-  und  Buttersäure- 
erreger s.  8.  48  und  unter  „Milch'*. 

unter  den  zahlreichen  Fäulnissbacillen  sei  hervorgehoben:  Proteus 
vulgaris.  Bacillen,  welche  mit  Verflüssigung  der  Gelatine  wachsen  und  unter 
gewissen  Bedingungen  schwärmende  Colonieen  auf  den  Platten  bilden.  Kann 
unter  besonderen  Bedingungen,  namentlich  unter  Beihülfe  oder  nach  Vorbereitung 
durch  andere  Bakterien,  im  Lebenden  wuchern,  z.  B.  auf  der  Rachenschleim- 
haut —  Eine  Abart,  der  B.  protens  fluorescens  ist  für  Tauben  und  Mäuae 
pathogen  und  beim  Menschen  der  Elrreger  der  sog.  WsiL^schen  Krankheit  — 
Bacillus  phosphorescens.  Auffischen,  Fleisch,  in  Salzwasser,  aber  auch 
in  Nährgelatine  wachsend.  Die  Gulturen  leuchten  intensiv  im  Dunkeln.  Mehrere 
Arten  oder  Varietäten.  —  Ohne  bekannte  Gährungserregung  ist:  Bacillus 
subtilis,  der  sogenannte  Heu-Bacillus.  Ebenfülls  eine  aus  mehreren  Arten 
und  Varietäten  bestehende  Gruppe.  Enorm  verbreitet,  in  grosser  Menge  im 
Heustaub.  Morphologisch  dem  MUzbrand-Bacillus  einigermaassen  ähnlich,  aber 
durch  seine  Beweglichkeit,  sein  Wachsthum  in  Gelatine  u.  s.  w.  unterschieden. 
Die  Sporen  sind  noch  erheblich  resistenter  als  die  Milzbrandsporen;  daher  er- 
hält man  BacUlen  aus  dieser  Gruppe  häufig  ab  Verunreinigung  von  Substraten, 
welche  ungenügend  sterilisirt  sind.  Viele  Arten  peptonisiren  das  Kas6in  der 
Milch  und  einige  liefern  Toxine,  welche  Versuchsthiere  nicht  nur  nach  intra- 
venöser Injektion,  sondern  auch  nach  VerfÜtterung  der  Bacillen  tödten.  Die 
giftige  Substanz  ist  in  den  Bakterienkörpem  enthalten  (s.  unter  „Milch'O* 

3.  Spirillen. 

Spirochaete  Obermeieri,  Recurrens-Spirillen. 

Finden  sich  im  Blut  der  an  Febris  recurrens  Erkrankten,  jedoch 
nur  während  der  Fieberanfalle ;  niemals  in  den  Exkreten.  Lange,  wellige 
Fäden  mit  10 — 20  Schraabenwindangen ,  lebhaft  beweglich.  Leicht 
farbbar,   nicht  nach  Obam.    Ausserhalb  des  Körpers  behalten  sie  in 


Spaltpilze,  Bakterien.  75 

physiologisclier  Eochsalzlösnng  noch  mehrere  Standen  ihre  Beweglich- 
keit,  Yermehrang  tritt  aber  weder  hier  noch  in  anderen  künstlichen 
Coltoren  ein.  SpiriUenhaltiges  Blut  auf  Affen  oder  Menschen  über- 
tragen ruft  Febris  recurrens  hervor ;  von  Spirillen  freies  BInt  ist  wirkungs- 
los. —  Die  natürliche  Verbreitung  unter  den 
Menschen  erfolgt  vermuthUch  durch  Yermittelung 
von  Flöhen  und  Wanzen. 


Spiriilum  Cholerae  asiaticae. 

Von  EocH  1883  entdeckt    In  akuten  Fällen 
asiatischer  Cholera  können  die  Spirillen  regel- 
mässig aus  den  Entleerungen  des  Kranken  oder 
aus  dem  Darminhalt  der  Leiche  gezüchtet  werden;    pig.  is.  BecurreDsspiruien 
weniger  leicht,  aber  dennoch  sicher  gelingt  der  imBiut,  5oo:i. 

Nachweis  in  den  späteren  Entleerungen  eines 
langsam  verlaufenden  Falles;  nicht  mehr  auffindbar  sind  sie  oft  in 
dem  auf  den  eigentlichen  CholeraanfoU  folgenden  Typhoid.  Niemals 
werden  in  den  Organen  Gholeraspirillen  gefunden ;  ihre  einzige  Wohn- 
stätte ist  der  Darm ;  und  von  da  dringen  sie  höchstens  in  die  obersten 
Schichten  der  Darmschleimhaut  ein.  —  Durch  directe  mikroskopische 
Untersuchung  gelingt  der  Nachweis  weniger  sicher  als  darch  die  Cultur 
auf  Gelatineplatten.  Auch  ganz  vereinzelte  Choleracolonieen  lassen  sich 
nachweisen,  wenn  man  Schleimflöckchen  aus  den  Dejekten  untersucht 
—  Ist  die  Zahl  der  Choleracolonieen  gering,  so  stösst  das  Herausfinden 
derselben  aus  den  Colonieen  der  übrigen  darmbewohnenden  Bakterien 
auf  Schwierigkeiten.  In  dem  Fall  bringt  man  zunächst  einige  Schleim- 
flöckchen in  Reagensgläser  mit  alkalischer  2  ^o  i^^^  Peptonlösung  und 
hält  diese  bei  37  ^  Nach  8  Stunden  sind  dann  die  Eommabacillen 
in  grösserer  Zahl  an  der  Oberfläche  angehäuft,  und  von  da  aus  an- 
gelegte Oelatineplatten  lassen  zahlreiche  Colonieen  erkennen.  (Ge- 
naueres 8.  im  Anhang.) 

Durch  dieses  Verfahren  sind  von  guten  Beobachtern  die  Cholera- 
spirillen  ausnahmslos  in  jedem  typischen  Cholerafall  jeder  seither  aut- 
getretenen Epidemie  nachgewiesen ;  auch  bei  zahlreichen  leichten  diar- 
rhoeischen  Erkrankungen,  die  während  einer  Choleraepidemie  vorkommen. 
Vom  Tage  der  Erkrankung  ab  sind  sie  meistens  8 — 10  Tage  lang, 
in  vereinzelten  Fällen  bis  zu  23  Tagen  in  den  Dejektionen  nachweis- 
bar. —  Dagegen  hat  man  niemals  beim  normalen  Menschen  oder 
während  irgend  einer  anderen  Krankheit,  oder  irgendwo  in  unserer 
Umgebung  zu  cholerafreier  Zeit  die  gleichen  Spirillen  auffinden  können ; 
diese  Constanz  und  Ausschliesslichkeit  des  Yorkonmiens  lässt  keine  andere 


76  I^ie  Mikrooiganismen. 

Erklärnng  zu,  als  die,  dass  die  Spirillen  die  Erreger  dieser  Krankheit 
darstellen. 

Die  Choleraspirillen  erscheinen  meist  in  der  Form  kurzer,  schrau- 
benförmig gekrümmter  Stäbchen;  an  den  jüngsten  Individuen  ist  die 

^  Krümmung  kaum  sichtbar,  spä- 

\  ^.^  ter   werden    nicht  selten    lange 

^  j:^^^^^>>      Schrauben    von    10  —  20    Win- 

\     ^i    i^k     A^t^^^  düngen  und  mehr  gebildet     Sie 

^j<  ^y^Y^^XK<r^^  führen  lebhafte,  theils  drehende, 

y' ,    '^  ^\  ^^^^  ^  theils   vorwärts  schiessende   Be- 

' •    ^^^^  wegungen    aus    und    zwar    mit 

«    ./   ^u  1        .  .11     .   «  ,  uu_«v       Hölfe  eines  am  einen  Ende  haf- 

Pig.  44.     Choleraspirillen  in  Fleischbrühe  /-i    •       -i^  j 

meist  Kommaformen,  bei  a  lange  Spirillen  (nach        tondon      GeiSSelfadcnS.        lU      Spa- 
teren  Stadien   kommt   es   leicht 
zur  Bildung  von  Involutionsformen ;  theils  quellen  die  Stäbchen,  theils 
zerfallen  sie  unter  Bildung  von  Kügelchen. 

Auf  Gelatineplatten  bilden  sie  nach  24  Standen  kleinste  Colonieen,  weiche 
bei  eoßicher  Vergrösserung  als  helle,  fast  farblose  Scheiben  mit  gebuchtetem 
welligen  Contour  und  glänzend-höckeriger  Oberfläche  erscheinen.  Am  zweiten 
Tage  beginnt  Verflüssigung  der  Gelatine,  die  aber  langsam  fortschreitet  und 

sich  nicht  weiter  als  1—2  mm  von  der  Colonie  aus  erstreckt 
Stichcultureu  in  Gelatine  zeigen  Anfangs  nur  eine  weissliche 
Trübung  entlang  dem  Stichcanal,  dann  bildet  sich  eine  dünne, 
mit  Flüssigkeit  gefüllte  Röhre  aus,  welche  sich  nach  oben 


V:'-'- 


m:i^ 


— r^ggT'yi  JJ'^^r' 


:^  etwas  erweitert,  aber  in  den  ersten  Tagen  nie  bis  zum  Glas- 
Fl«  45    Cholera-     ^^de  vorschreitet;  erst  nach  8—14  Tagen  erstreckt  sich  die 
oolonieen,  60:1.       Verflüssigung  über  den  ganzen  oberen  Theil  der  Gklatine. 

Auch  auf  anderen  Nährsubstraten  wachsen  die  Cholera- 
spirillen leicht,  auf  Kartoffeln  nur  bei  höherer  Temperatur  von  80—35^  in 
Form  einer  graubraunen  Auflagerung.  In  Milch  vermehren  sie  sich  lebhaft 
ohne  sichtbare  Veränderung,  namentlich  ohne  Coagulation  der  Milch. 

Setzt  man  zu  einer  12  Stunden  alten  Cultur  in  peptonhaltiger  Bouillon 
einige  Tropfen  Schwefelsäure,  so  entsteht  innerhalb  der  nächsten  30  Minuten 
eine  schöne,  rosa  violette  Färbung  (Choleraroth).  Die  Reaktion  kommt  da- 
durch zu  Stande,  dass  die  Choleraspirillen  Indol  und  salpetrige  Säure  als  Stotf- 
wechselprodukte  liefern,  während  andere  Bakterien  gewöhnlich  nur  entweder 
Indol  oder  salpetrige  Säure  bilden;  sie  ist  jedoch  nicht  völlig  charakteristisch 
für  die  Choleraculturen,  da  einige  Bakterien  und  auch  einzelne  Vibrionen  die- 
selbe Farbenreaktion  zeigen. 

Die  Choleraspirillen  halten  sich  bezw.  wachsen  noch  in  Wasser  mit  geringen 
Mengen  organischer  Stofl*e.  —  0*1  Procent  freier  Säure  und  0-2  Procent  Aetz- 
kali  genügen  zu  ihrer  Abtödtung.  Die  untere  Temperaturgrenze,  von  welcher 
ab  sie  bei  künstlicher  Cultur  gedeihen,  liegt  bei  16^,  reichliche  Vermehrung 
erfolgt  erst  zwischen  22  und  25^;  das  Temperatur- Optimum  liegt  bei  35  ^  Hitze 
von  60^  tödtet  sie  bei  10  Minuten  langer  Einwirkung;  dasselbe  wird  erreicht 
durch  kurz  dauerndes  Aufkochen  einer  Flüssigkeit.  Durch  2  Procent  Carbol- 
säure  oder  1 :  2000  Sublimatlösung  werden  sie  binnen  wenigen  Minuten  getödtet 


Spaltpilze,  Bakterien.  77 

Sehr  empfindlich  sind  die  Choleraspirillen  auch  gegen  das  Aus- 
trocknen; in  dünner  Schicht  völlig  getrocknet^  sind  sie  bereits  nach 
2-— 24  Standen  nicht  mehr  lebensföhig.  Durch  trockene  Gegenstande 
oder  auch  durch  Luftströmungen  können  daher  die  Choleraspirillen 
nicht  verbreitet  werden.  In  dicken  Schichten,  z.  B.  in  Agarculturen 
können  dagegen  noch  nach  Monaten  lebensßhige  Individuen  gefunden 
werden.  —  An  der  menschlichen  Hand  sind  die  Cholerabacillen  binnen 
2  Stunden,  auf  Papier  binnen  24  Stunden,  auf  trockenen  Waaren  und 
Nahrungsmitteln  binnen  24  Stunden,  auf  feucht  aufbewahrten  Nahrungs- 
mittehi  binnen  8  Ts^en  abgestorben.  In  Wasser  können  sie  unter 
Umständen  über  8  Tage,  in  feuchter  Wäsche  über  14  Tage  lebendig  bleiben. 

Bei  Thieren  lässt  sich  eine  der  menschlichen  Cholera  ähnliche 
Erkrankung  bei  ganz  jungen  Kaninchen,  Katzen  und  Hunden  reprodu- 
ciren.  Eine  Art  Infektion  gelingt  bei  Meerschweinchen  dadurch,  dass 
man  ihnen  zunächst  Opiumtinktur  in  die  Bauchhöhle,  dann  erst  Soda- 
lösong  (zur  Neutralisirung  des  Magensaftes)  und  darauf  Choleracultur 
in  den  Magen  injicirt.  —  Femer  entsteht  durch  Injectionen  von  Cultur 
in  die  Bauchhöhle  von  Meerschweinchen  heftige  Toxinwirkung,  die 
sogenannte  Meerschweinchencholera ,  gekennzeichnet  durch  rapiden 
Temperaturabfall,  allgemeine  Muskelschwäche,  partielle  Muskelkrämpfe, 
Lähmung  der  Centren  der  Cirkulation  und  der  Temperaturregulirung, 
so  dass  in  wenigen  Stunden  CoUaps  und  Tod  eintritt  Von  einer 
vollvirulenten  Cultur  auf  Agar  bei  37<>,  die  nicht  älter  als  18  Stunden 
ist,  genügt  7ia  Pl&tinöse  (1  Oese »  2  mg  Culturmasse,  enthaltend 
200  Millionen  lebende  Individuen)  zur  tödtlichen  Wirkung.  —  Zahl- 
reiche andere  Bakterien  erzeugen  durch  ihre  Proteine  ähnliche  Krank- 
heitserscheinungen;  jedoch  ist  durch  die  PFEiPEB*schen  Immunisi- 
rungsversuche  der  specifische  Charakter  der  Wirkung  der  Cholera- 
bakterien erwiesen.  Werden  nämlich  Yersuchsthiere  (Meerschweinchen, 
Ziegen)  mit  steigenden  Dosen  Choleracultur  vorbehandelt,  so  erlangen 
sie  eine  specifische  Immunität  gegen  Cholera,  nicht  aber  gegen  andere 
Bakterien  bezw.  ähnliche  Vibrionen;  und  umgekehrt  schützt  Vorbe- 
handlung mit  anderen  Bakterien  die  Thiere  nur  unvollkommen  und 
vorübergehend  gegen  Cholerainfektion.  —  Dem  Blutserum  solcher 
gegen  Cholera  immunisirter  Yersuchsthiere  kommt  agglutinirende 
Wirkung  specifisch  für  Cholerabakterien  zu;  ferner  zeigt  solches  Blut- 
serum die  Fähigkeit,  Cholerabakterien  rasch  aufzulösen,  wenn  es  mit 
der  Cultur  in  die  Bauchhöhle  von  Meerschweinchen  gebracht  wird. 

Die  gleiche  Wirkung  hat  auch  das  Serum  von  cholerareconvales- 
centen  Menschen;  ein  weiterer  Beweis  für  die  ätiologische  Bedeutung 
der  Cholerabacillen  (vgl.  Kap.  X  und  im  Anhang). 


78  IHe  Mikroorganismen. 

üebertragungen  von  Choleracultur  auf  Menschen  haben  theils 
aus  Unachtsamkeit,  theils  absichtlich  mehrfach  stattgefunden  (Selbst- 
infektionsversuche  von  v.  Pbttenkofer  und  Eiimebich,  Metsohkikoff, 
Stbickeb  u.  A.).  Der  Erfolg  war  das  Auftreten  leichter,  schwerer  und 
z.  Th.  sehr  schwerer  Choleraerkrankungen.  Ein  Fall  von  zufallig  im 
Laboratorium  acquirirter  Cholera  verlief  tödtlich. 

Dem  Choleravibrio  ähnliche  Spirillenarten. 

Am  längsten  bekannt  sind  die  von  Finkler  und  Prior  bei  Cholera 
nostras  gefundenen  Spirillen.  Dieselben  verfifissigen  die  Gelatine  energischer, 
wachsen  anders  auf  Rartoffeln  und  zeigen  kleine  morphologische  Differenzen 
gegenüber  den  Choleraspirillen.  Sie  finden  sich  fast  nie  im  Darm  normaler 
und  kranker  Menschen,  werden  auch  bei  Cholera  nostras  neuerdings  stets  ver- 
misst  und  sind  also  für  die  Aetiologie  dieser  Krankheit  sowohl,  wie  f&r  die 
Cholera  asiatica  bedeutungslos.  —  Femer  Spirillum  tjrogenum,  in  Käse 
gefunden,  den  Choleraspirillen  ähnlich,  aber  durch  das  Wachsthum  auf  Kartoffeln, 
in  Milch  und  durch  das  Thierexperiment  leicht  zu  unterscheiden.  —  Vibrio 
Metschnikoff,  in  den  Colonieen  den  FiNKLER'schen  Spirillen,  zuweilen  aber, 
namentlich  in  den  Stichculturen,  den  Choleravibrionen  ähnlich;  von  letzteren 
hauptsächlich  unterschieden  durch  die  Virulenz  des  Vibrio  M.  gegen  Tauben, 
die  gegenüber  der  Cholera  wenig  empfänglich  sind,  nach  Impfung  mit  Vibrio 
M.  aber  an  schwerer  Septikämie  mit  Massen  von  Bakterien  im  Blut  und  in  den 
Organen  erkranken.  V.  M.  ist  vermuthlich  identisch  mit  einem  im  Nordhafen 
in  Berlin  gefundenen  und  als  V.  Nordhafen  bezeichneten  Bakterium.  —  Als 
wesentlichste  Fundstätte  der  verschiedensten  Spirillenarten  ist  die  Düngerjauche 
(und  der  Schweinekoth)  bekannt  geworden.  Von  da  gelangen  dieselben  in 
das  Wasser  von  Bächen  und  Flüssen,  und  in  diesem  findet  man  namentlich  im 
Spätsommer  und  Herbst  eine  reiche  Ausbeute  an  choleraähnlichen  Vibrionen. 
Mehr  als  30  Arten  und  Varietäten,  von  denen  manche  ausser  durch  ihre  Her- 
kunft sich  nur  durch  die  Phosphorescenz  der  Cujturen  und  durch  geringe  Ab 
weichungen  im  Aussehen  der  Colonieen  auf  Gelatine  von  Choleravibrionen 
unterscheiden,  sind  in  den  letzten  Jahren  beschrieben. 

IV.  Streptoth/richeae. 

£ioe  Gruppe  von  Mikroorganismen,  die  zwischen  den  Fadenpilzen 
und  den  Spaltpilzen  steht  In  den  Culturen  können  manche  Arten 
Mycelien  und  Fruchthyphen  mit  Sporenketten  bilden,  so  dass  sie  mit 
Schimmelpilzen  die  grössteAehnlichkeit  haben.  Mikroskopisch  sind  aber  die 
Fäden  oft  von  Bacillen^en  nicht  zu  unterscheiden,  nur  dass  sie  echte 
Verästelung  zeigen;  und  die  Fäden  zerfallen  häufig  in  bacillen-  und 
kokkerartige  Glieder,  die  auf  frischem  Nährsubstrat  zunächst  nur  durch 
Theilung  sich  vermehren.  —  Vielfach  entstehen  ausserdem  durch  Ver- 
gallertung  der  Membran  der  Fäden  keulenförmige  Anschwellungen, 
die  als  Degenerationsprodukte  aufzufassen  sind. 

Zahlreiche  Arten;   die  meisten  sind  saprophjtisch  weit  verbreitet^ 


Sbreptothricheae.  79 

nieht  aelten  kommea  aber  snch  psthogene  Wirkmigen  (nekrotisireiide 
und  granulirende  ProccBse)  dorch  Streptothricheen  zu  Stande.  Die 
Diphtheriebacillen,  RotzbaciUen,  Inberkelbacillen,  sowie  die  den 
letzteren  nabestehendeo  säurefesten  Bakterien  müssen  wegen  der  in 
ihren  Culturen  beobachteten  echten  Verästelungen  und  Eeolenbildnngen 
eigentlich  den  Streptothricheen  oder  gar  den  Fadenpilzen  eingereiht 
werden.  Da  sie  aber  in  dem  uns  interessirenden  menschlichen  Material 
nur  in  Bacillenform  vorkommen,  werden  sie  aas  praktischen  Gründen 
zweckmässiger  bei  den  Bacillen  besprochen. 

Als  Hanptvertreter  der  Streptothricheen  ist  anzusehen: 

Der  Actinomjcea  oder  Strahlenpili. 

Bewirkt  beim  Menschen  die  verschiedenartigsten  Abscesse  and 
Gitemngen  and  wird  besonders  häufig  beim  JEUndvieh  als  Ursache  von 
Absceesen  in  Zunge  und  Kiefer 
beobachtet  Im  Eiter  derartiger 
Abscesse  findet  man  gelbe  Köm- 
chen, die  aof  leichten  Drook  in 
einielne  Pilzrasen  zerfeilen.  Let& 
tere  bestehen  ans  hyphenähnlichen 
gabiig  verzweigten  Fäden,  die  von 
einem  Centrum  radiär  aasstrshlen 
and  nach  der  Peripherie  zu  in 
kenlenartige  Anschwellungen  aus- 
Uofen. — Zuweilen  findetman  solche 
Actinomyoes-Dr&sen  in  den  Krypten 
derTonEdllen,ohnedassKrankheits> 
erscheinnagen  sich  daran  knäpfen. 

Die  Erfahrungen  über  das 
VoAommen  der  Aotinomyces-E!r- 
krankongeo  lassen  darauf  schliessen, 

daas   der   Pilz   an   vegetabilischen  ^„    Mta^j^  too:i, 

Nahmngsmitteln  zn  haften  vermag 

nnd  zuweilen  mit  diesen  (Getreidegrannen)  in  den  Körper  eindringt. 
Als  Eintnttswege  beim  Menschen  betrachtet  man  vorzugsweise  Ver- 
letzangen  der  Mondschleimhant  und  cariöse  Zähne;  femer  die  Lunge, 
wesentlich  nach  Aspiration  von  Keimen  aas  der  Mundhöhle;  in  sel- 
teneren FälleD  den  Darm  oder  Verletzungen  der  Haut. 

Caltaren  gelingen  auf  den  verschiedensten  Substraten ,  auf  Agar, 
Blatsemm,  Kartoffeln  (Bostböh).  Impfversache  an  Thieren  hatten 
noch  kein  unzweifelhaftes  Ergebniss. 


80 


Die  Mikroorganismen. 


Bemerkenswert  ist,  dass  Culturen  tod  Tuberkel bacillen,  von  den  diesen 
verwandten  sänrefesten  Bakterien  und  von  Rotzbacillen  nach  gewisser  Ein- 
verleibung in  Thiere,  z.  B.  Injektion  in  die  Niere ,  Bildungen  liefern, 
die  dem  Strahlenpilz  gleichen.  Vielleicht  liegt  auch  den  natürlich 
vorkommenden  Actinomyceserkrankungen  nicht  immer  derselbe  Erreger 
zu  Grunde. 

Streptothrix  Israeli.  Aas  2  Fällen  von  Acünomykose  beim  Menschen 
isolirt  Wachsen  nur  anafirob  auf  Agar,  in  Eiern  u.  s.  w.  Zeigen  in  den  Cal- 
toren  vorzugsweise  Stabchen,  die  den  Diphtheriebacillen  ähnlich  sind.  Durch 
intraperitoneale  Uebertragang  der  Culturen  konnten  bei  Kaninchen  und  Meer- 
schweinchen Tumoren  mit  Actinomycesdrusen  hervorgerufen  werden.  —  Femer 
sind  zu  erwähnen:  Streptothrix  Madurae,  Erreger  des  sog.  „Madurafusses".  — 
Streptothrix  alba,  häufig  in  Luft  und  Wasser,  wächst  auf  Gelatine  aSrob 
unter  Verfltissigung  und  mit  reichlicher  Bildung  von  Luftfftden. 


Angereiht  sei  hier  eine  Gruppe  von  Mikroorganismen,  deren  einfachste 
Elemente  die  verschiedenen  Wuchsformen  der  Spaltpilze  aufweisen,  die  aber 
dadurch,  dass  diese  Elemente  zu  Verbänden  von  relativ  bedeutender  Grösse 
vereinigt  sind,  theils  gewissen  Algen,  theils  Fadenpilzen  nahestehen. 

Dahin  gehört: 

1)  Die  Gattung  Cladothrix;  Fäden,  deren  einzelne  Elemente  durch  die 
Möglichkeit  der  Eigenbewegnng  und  das  Vorkommen  einer  echten  endogenen 

Sporenbildung 
sich  als  Bacillen 
ausweisen.    Cha- 
rakterisirt  durch 
falsche    Astbil- 
dung;   zwei    in 
ihrem     Verband 
gelockerte  Bacil- 
len wachsen  jeder 
für    sich    weiter 
und    die    beiden 
Fäden    bleiben 
dann  an  der  Ui^ 
Sprungsstelle  eine 
Strecke  mit  ein- 
ander in   Berüh- 
rung. —  Häufig 
in  verunreinigten 
Wässern.     Auch 

in  reineren  Brunnenwässern  kommt  oft  eine  Cladothrixart  vor,  welche  die  Ge- 
latine in  der  Umgebung  der  Colonie  braun  färbt 

2)  Gattung  Crenothrix.  Fäden,  welche  an  festem  Substrat  haften;  der 
Inhalt  der  Fäden  theilt  sich  innerhalb  der  umgebenden  Scheide  in  kurze  Quer- 
stücke und  diese  zerfallen  in  kleinere  runde  Segmente;  aus  solchen  kugeligen 
Elementen  können  neue  Fäden  hervorwachsen.  —  Häufig  in  Brunnen  und  in 
Wasserleitungsröhren,  besonders  wenn  das  Wasser  eisenhaltig  ist 

3)  Gattung   Beggiatoa.     Der  vorigen   morphologisch   ähnlich.     In   den 


Fig.  47  a  u.  b.    Cladothrix  dichotoma,  a  100:1,  b  &00:1. 


Protozofin.  81 

Zellen  finden  uch  Einlagerungen  von  Schwefel  in  Form  stark  lichtbrechender 
ESrper.  —  Viel&ch  in  FabrikahwOfiBem. 

Die    beiden    vorgenannten   Oattnagen    gehSren    dadurch,    dsss    sie   ein 
anagesprochenes       SpitMnwacha- 
thum   seigen,   sowie   darch    ihre 

VennehningarerhlltniBse   in  den  l  2 

Spaltalgen.  ^  n 

Literatur:  G.  FlOoob,  Die  y  1^ 

HikrooT^anismen,  S.Aufl.,  IB96. — 
Lbbnuim  &  Nbuiumii,  Atlas  und 

Omndriw  dar  Bakteriologie,  2.  Aufl.  [« 

1899.  —  C.  FnlHKBL  Orundrisa  der  \ 

Bakterienknnde,  S.  Aufl.,  ISeO.  —  Q!  S 

GüHTHU,  EinfUirang  in  das  Stu-  H  ^ 

dium  der  Bakteriologie,  4.  Aufl.—  i'i  M 

Hna,  Lehrbuch  der  bakterioio-  f^  ig,  uiBlne  K»»p  «m  Flg.  Ifl.  Begdiitaii  mlbm 
gwchen  Untersuchung  und  Dia-  '^"""^'^^^"''^rj  ■""''  60o""''i^Mlt*sJhlFVftl- 
gnoatik,   1894.  —  Bdiffe,  Die  He-  kSriieni,  2.  Fulen,  der 

thoden  der  Bakterien-Forecliung,  T,rb™udif^T*mit°dMt. 

5.  Aufl.  —  FnXnUL  und  Pfbiv^BB,  Uchsn  8cli«id«wlDdeD. 

Uikrophotographischer  Atlas  der 

BaktarienkuDde,  1S89— 92.  —  LoBrri.Ea,  Vorlesungen  über  die  geschichtliche 
Entwickeinng  der  Lehre  von  den  Bakterien.  —  BiaMOABTEN,  Jahresbericht  Ober 
die  Foitaohritte  in  der  Lehre  von  den  pathogeuen  Mikroorganismen,  von  188S  an. 

V.  Protozoen.. 

Mit  diesem  Namen  bezeichnet  man  die  niedersten  (einzelligen) 
thierisohen  Ijebewesen.  Eine  scharfe  Abgrenzung  derselben  gegenüber 
den  eiohchsten  Pflanzen  ist  anmöglich,  and  so  kommt  es,  dass  einzelne 
Formengnippen  bald  diesem,  bald  jenem  ßßiche  zugerechnet  werden. 
Dies  gilt  besonders  von  den  Mjxomyoeten  oder  Mycetozoen,  den 
Schimmpilzen  oder  Filzthieren,  sowie  von  den  Ghytridiaceen.  Nament- 
lich die  letzteren  haben  für  uns  ein  gewisses  Interesse,  da  sie  eine  para- 
sitÜBChe  Lebensweise,  ond  zwar  meist  in  höheren  oder  niederen  Vflanzen 
fahren.  Nor  im  Jagendstadinm  bewegen  sie  sich  frei  als  mit  einer 
Oeissel  versehene  protoplasmatiscbe  Körper,  dringen  dann  nach  Ver- 
lost ihrer  Geissei  unter  amöboiden  Formveränderungen  iii  ihre  VVirths- 
lellen  ein  und  gelangen  innerhalb  derselben  zum  Wacbsthum  und 
s^liesslich  durch  snoceesiv  wiederholte  Zweitheilnng  (Sporenbildung) 
Ein  Vermebrang. 

Als  eigentliche  Protozoen  kann  man  mit  BOtsobli  vier  Klassen 
einzelliger  Organismen  bezeichnen:  die  Saroodinen,  Mastigophoren, 
lofnsorien  und  Sporozoen. 

In  allen  vier  Klassen  der  Protozoon  giebt  es  parasitische  Ver- 
treter, die  Sporozoen  interessiren  ans  aber  haupteächlich,  weil  sie  durch- 


82  Die  Miktoorganlamen. 

aus  auf  das  Leben  als  Schmarotzer  angewiesen  sind.    Künstliche  Zäch- 
tung  ist  bei  allen  diesen  Formen,  im  Gegensatz  zn  dem,  was  wir  bei 
den  pflanzlichen  Parasiten  gesehen  haben,  noch  nicht  gelungen. 
1.  Sarcodina  (Bhisopoden). 

Meist  einfache  Frotoplasmaklümpchen  ohne  Differenzirang,  Amö- 
boide Fortbewegung  durch  Aussenden  und  Einziehen  von  PsendopodieD. 
Vermehrung  durch  Zweitheilung;  oder  Sprossung;  oder  Spomlation. 
Letztere  geschieht  durch  suocessir  erfolgende  wiederholte  Zweitheilung, 
so  dass  der  Inhalt  der  Zelle  schliesslich  in  eine  grössere  Anzahl  von 
Tochterzellen  zerföllt,  die  frei  werden  und  im  Jagendzustand  entweder 
eine  Oeissel  tragen  oder  sich  nur  amöboid  bewegen.  —  Können  in 
Pflanzen  und  Thieren  schmarotzen;  in  letzterem  Fall  bewohnen  äe 
meistens  die  Körperflüssigkeiten  oder  wandern  zwischen  die  Gewebs- 
elemente,  seltener  in  dieselben  ein.    Dahin  gehören: 

Amoeba  coli.  QSnfig  in  nontialem  menKhlichem  Stahl.  In  Strohmfna 
Kflchtbar. 

Amoeba  djaeatertae.  Bei  der  ägyptiBchea  Dysenterie  in  den  De- 
jekteu  und  in  Schnitten  durcb  die  Darmschleimhant;  femer  im  Eiter  der  die 
Krankheit  nicht  selten  begleitenden  LeberabBceste.  Die  Amöben  sind  1  bis 
Smal  so  gross  wie  Leakoc;ten,  enthalten  Vacuolen  and  oft  FiemdkSrper. 
Züchtung  ist  nicht  gelungen;  dagegen  die  Uebertragting  der  Krankheit  auf 
Katien  darcb  Injektion  von  amöbenfaal tigern  Stuhl  oder  Absceaseiter  in'g 
Rectum. 

Leydenia  geinmiparaSchandinn.  In  der  AscitesflOssigkeit  beiCanönom- 
kranken  beobachtet.  Grosse  mit  fettartigen  Tropfen  nnd  Pigment  geifellte  Zellen 
mit  strahl enfSrmigen  AuslSnfem.  Vennehrang  durch  Theilnng  oder  AbscbnOnuig 
von  Knospen,  die  grosse  Conglomerate  bilden  können. 

Cytoryotes  yaccinae  et  variolae.  Inhalt  Ton  menschlichen 
Fockenpustfiln   oder  von  Kuhpocken  bezw.  menftchlichen  Impfpusteln 

i  erzeugt  bei  rorsichtiger  Einbringung  unter  die 
oberen  Schichten  der  Hornhaut  bei  Kanincbeo 
(und  anderen  Thieren)  in  den  Homhautzellen 
kleine,  die  Kemfärbungen  annehmende  rund- 
liche Einlagerungen,  die  sog.  VaccinekÖrper- 
chen  (GuABNiEfii}.  Durch  abgeschabte  Theil- 
Flg.  6u.  eben  der  Hornhaut  lässt  sich  derselbe  Procees 

pere^^D  H^tasuiapithaii^li»  immer  wieder  bei  neuen  Kaninchen  herrorrofen, 
.9uo:t  (»»h  T.  w«<u«»,).  jt^Ij  vielfachen  (46)  Uebertragongen  war  die  Ein- 
imprung  von  Abschabsein  der  Hornhaut  auf  Kälber  und  auf  Kinder 
erfolgreich,  so  dass  diese  gegen  spätere  Impfangen  mit  animaler  oder 
humanisirter  Lymphe  immun  waren  (v.  Wa£ilibw8ki).  Andere  Sab- 
stanzen  oder  unwirk:>am  gewordene  Lymphe  ruft  die  Vacwnekörperchen 
nicht  hervor.  Muthmasslich  sind  letztere  organisirte  Gebilde,  an  denen 


Protoso&i.  88 

Emige  auch  amöboide  Bewegungen  gesehen  haben  wollen,  nnd  deren 
Zahl  mit  dem  Alter  des  ImpMchs  deutlich  zuzunehmen  scheint. 
Manche  sehen  daher  in  dem  y^Gytoryctes''  den  Erreger  der  Variola 
und  Vaccine.  Andere  halten  den  eigentlichen  Erreger  für  noch  unbe- 
kannt und  unsichtbar,  und  erklaren  das  regelmässige  Enstehen  der 
Vacdnekörperchen  nur  aus  einer  specifischen  Beeinflussung  der  Hom- 
hautzellen  durch  das  Virus  der  Pocken  bezw.  Euhpocken. 

2.  Mastigophora  (Flagellaten). 

Während  der  Hauptperiode  des  Lebens  durch  Oeisseln  beweglich; 
daneben  Bewegung  durch  Pseudopodien.  Vermehrung  durch  Zwei- 
theilung, zuweilen  auch  Sporulation. 

Im  Magendanncanal  bei  Menschen  and  Thieren,  im  Vaginalsekret  a.  s.  w.: 
Gercomonas,  mit  einer  Greissei;  Trichomonas  (intestinalis  und  vaginalis, 
erstere  Art  erheblich  kleiner)  mit  drei  Geissein  und  einer  undulirenden  Mem- 
bran; Megastoma  mit  napf¥5rmig  ausgehöhltem  Körper  und  sechs  Geissein. 

Im  Blutplasma  von  Ratten  und  Hamstern:  Herpetomonas  Lewisii,  zu- 
gespitster,  20  bis  SOfi  langer  Körper  mit  Geissei  yon  der  Länge  des  Körpers. 
Vermehrung  durch  Längstheilung.  Bewirkt  keine  ausgesprochenen  Krankheits- 
erscheinungen. 

Trypanosom a  sanguinis,  bis  80  fi  lang,  mit  Geissei  und  undulirender 
Membran,  im  Blut  von  Fröschen,  Schildkröten,  Fischen,  im  Darm  der  Auster  u.  s.  w. 

Trypanosoma  Evansi,  15  bis  20  ft  lang,  mit  dickem  Kopf,  zarter  un- 
dulirender Membran  und  GeisseL  Buft  eine  bei  Pferden,  Kameelen,  Rindern 
durch  Fieber  und  Anämie  zum  Tode  führende  Krankheit  hervor,  die  in  Indien 
and  Birma  als  Surra,  in  Afrika  als  Nagana  oder  Tsetsefliegen-Krankheit  bekannt 
ist.    Die  natfirliche  Verbreitung  scheint  nur  durch  die  Tsetsefliege  zu  erfolgen. 

8.    Infusoria. 

Ausgebildete,  mit  Wimpern  besetzte  Cuticula,  Ekto-  und  Entosark. 
Vermehrung  durch  Zweitheilung  oder  Sporulation.  Leben  im  Wasser, 
einige  schmarotzen  im  Darm  von  Thieren.  Beim  Menschen  (vorzugs- 
wdse  in  diarrhoeischen  Stühlen)  häufiger  beim  Schwein,  findet  sich  im 
Dann  Balantidium  (Paramaecium)  coli,  etwa  70  /a  lang,  mit  grossem 
bohnenformigen  Kern  und  zwei  Vacuolen. 

4.    Sporozoa. 

Vermehrung  nur  durch  Sporulation;  Sporen  meist  sichel-  oder 
nierenf5rmig.  Leben  ausschliesslich  parasitisch.  Von  den  sechs  Ordnungen 
der  Sporozoen  seien  nur  kurz  erwähnt  die: 

Sarcosporidia.  MiEscHiR'sche  Schläuche,  Psorospermien  der  Säuge- 
duere.  In  den  quergestreiften  Muskeln  zwischen  und  innerhalb  der  Primitiv- 
btedel  als  lang^  Schläuche  mit  Massen  von  Sporobiasten  (Muttersporen)  besw. 
sichel-  bis  nierenformigen,  stark  lichtbrechenden  Sporen.  Häufig  bei  Pferden, 
Rindern,  Schafen,  Mäusen,  selten  beim  Menschen.  Als  Eingangspforte  des 
Parasiten,  der  wenig  Störungen  hervorruft,  wird  der  Verdauungstractus  an- 
gegeben.   Künstliche  Infektionen  sind  misslungen. 

6» 


84  I^e  Mikroorganismen. 

Mjzosporidia.  Leben  als  Amöben  in  Körperflüssigkeiten  und  im  Gewebe 
(Epithel  der  Kiemen,  Gallen-  und  Harnblase)  ihrer  Wirthe;  als  letztere  fungiren 
vor  allem  Fische,  unter  denen  die  Parasiten  Epizootien  hervorrufen  können. 
An  einzelnen  Punkten  des  Leibes  erfolgt  Bildung  eigenthümlicher  Sporen:  die- 
selben enthalten  1 — 8  ovale,  glänzende  sog.  Polkapseln,  die  auf  Zusatz  von 
Reagentien  (Alkali)  einen  spiralig  angerollten  langen  Faden  hervorschiessen  lassen. 

Microsporidia.  Psorospermien  der  Arthropoden.  Im  Inneren  der  Ge- 
webe. Bilden  kleine  glänzende  Sporen.  Dahin  gehören  die  Erreger  der 
Pebrine  der  Seidenraupen.  Die  Sporen  des  Parasiten,  die  sog.  Cornalia'* 
sehen  Körperchen,  4  fi  lang,  2  fi  breit,  finden  sich  in  allen  Organen  der  er- 
krankten Thiere  und  gehen  in  die  Eier  der  aus  inficirten  Raupen  entwickelten 
Schmetterlinge  über.  Durch  die  von  Pastbür  eingeführte  „Zellengrainage*% 
mikroskopische  Untersuchung  der  Eier  auf  Sporen  und  Ausschluss  der  inficirten 
Eier  von  der  Zucht,  kann  die  Weiterverbreitung  der  Pebrine  gehemmt  werden. 

Coccidida.  Bei  Mollusken  und  Vertebraten  in  fixen  Zellen  des  Wirths, 
besonders  in  den  Epithelien.  Entweder  erfolgt  in  der  befallenen  Zelle  directe 
Sporulation;  die  gebildeten  sichelförmigen  Keime  können  andere  Zellen  des- 
selben Wirths  befallen  und  so  die  Krankheit  in  diesem  ausbreiten;  oder  es 
bilden  sich  nach  Encjstirung  erst  hartschal  ige  Muttersporen,  und  nachdem 
diese  eine  Zeit  lang  ausserhalb  des  Wirths  sich  aufgehalten  haben,  kommt  es 
zum  Austritt  der  freien  Sporen,  und  durch  diese  zur  Infektion  eines  anderen 
Wirths,  so  dass  diese  indirecte  Sporulation  die  Ausbreitung  des  Processes  auf 
neue  Individuen  veranlasst.  —  Dahin  gehört:  Coccidiumovi forme.  Bewirkt 
kleine,  mit  blossem  Auge  sichtbare,  gelbliche  Knoten  in  der  Leber  von  Kanin- 
chen, seltener  im  Darm.  In  den  Epithelzellen  der  Gallengänge  zahlreiche  Para- 
siten, theils  direct  sichelförmige  Sporen  liefernd.  —  Adelea  ov ata  (mit  Dauer- 
sporen) und  Eimeria  Schneideri  (directe  Bildung  von  Sichelkeimen)  im 
Darm  des  Tausendfuss.  —  Clossia  octopiana  in  Organen  des  Tintenfisches. 
Clossia  soror  in  der  Niere  von  Schnecken. 

Gregarinida.  Parasiten  von  wurmähnlichem  Aussehen,  meist  Dann- 
schmarotzer bei  Insecten  und  Würmern;  einzelne  auch  in  anderen  Organen, 
z.  B.  im  Hoden  der  Regenwürmer.  Cuticula,  Ekto-  und  Entoplasma;  eigen- 
thümliche  Fortbewegung  (Gleitbewegung  durch  Absonderung  einer  gaUertartigen 
Substanz  am  hinteren  Körperende,  die  den  Körper  stielartig  vorschiebt).  Ver- 
mehrung häufig  eingeleitet  durch  Copulation  zweier  „Gameten''  zu  einer  „Syzj- 
gie'*;  dann  Encystirung.  Bildung  von  Muttersporen  (der  Kahnform  wegen 
„Pseudonavicellen'*  genannt)  und  sichelförmigen  Tochtersporen  (Sporozotten). 
Letztere  werden  erst  im  Darmsaft  eines  anderen  Wirths  frei. 

Die  wichtigsten  menschlichen  Parasiten  finden  sich  in  der  Ordnung 

Haemogregarinlda  (Haemosporidia). 
Bei  Fröschen,  Beptilien,  Vögeln  und  Menschen.  Parasitiren  in  den 
rothen  Blutkörperchen.  Bilden  in  diesen  zunächst  sehr  kleine  Ein- 
schlüsse, die  allmählich  wachsen,  amöboide  Bewegungen  zeigen,  dabei 
oft  Melanin  in  sich  ablagern.  Vermehrung  a)  durch  directe  Sporulation 
im  ursprünglichen  Wirth  (endogene  Entwicklung),  b)  durch  Gameten- 
und  Syzygienbildung,  dann  Produktion  von  Sporoblasten  und  Sporo- 
zolten  unter  Zuhülfenahme  eines  Zwischen  wirths  (exogene  Entwicklung). 


Protozoto.  85 

—  Bei  den  meisten  Arten  ist  die  endogene  oder  die  exogene  Entwicklung 
nur  lückenhaft  bekannt 

Von  Hftmogregarinen  bei  Kaltblütern  seien  genannt: 

Uaemogregarina  ranarum  (Drepanidium).  Hftufig  in  den  Blut- 
körperchen namentlich  von  Rana  esculenta.  Die  jüngsten,  4  fi  langen  wurm- 
artigen Parasiten  runden  sich  spftter  allmählich  ab  und  liefern  dann  directe 
Sporalation;  Zahl  und  Grösse  der  rosettenfthnlich  angeordneten  Sporen  schwankt 
erheblich.  Daneben  finden  sich  kleinere  und  grössere  langgestreckte  Würmchcn, 
theils  in  den  rotben  Blutkörperchen,  theils  frei,  deren  endogene  Sporulation  nicht 
beobachtet  ist  und  die  vermuthlich  exogen  unter  Sjzygienbildung  sich  vermehren. 

Hämogregarinen  bei  Eidechsen  und  Schildkröten.  Würmchen  von  der 
Lftoge  eines  rothen  Blutkörperchens  oder  grösser.  Direkte  Sporulation  in  in- 
traglobnlbr  gelagerten  Cysten. 

Die  Hämogregarinen  der  Warmblüter  werden  auch  als,,Malaria- 
parasiten^  im  weiteren  Sinne  bezeichnet. 


Flg.  6L    Frosdiblatkdrperehen  mit  Flg.  62.    Blat  mit  Pjroeom« 

Drepanidium,  600:1.    o.  runde  Form.  bigemlnom,  000:1. 

h,  Sporulation.    c  UngUohe  Form. 

Zu  ihnen  rechnen  manche  Autoren  den  Parasiten  des  Texas fiebers, 
Pjrosoma  bigeminum.  Die  Krankheit  verlftuft  bei  Rindern  mit  hohem 
Fieber,  Anftmie  und  Bluthamen.  In  den  rothen  Blutkörperchen  findet  man 
sehr  kleine ,  meist  zu  zweien  gelagerte  bimförmige  Eörperchen,  8  fi  lang,  die 
mit  den  spitzen  Enden  convergiren.  Eine  weitere  Entwicklung  im  Blute  ist 
nicht  beobachtet  Die  Uebertragung  erfolgt  durch  eine  blutsaugende  Zecke 
(Ixodes  bovis);  die  vollgesogene  Zecke  fällt  von  den  Rindern  ab,  deponirt  im 
Boden  ihre  EÜer,  die  nach  2  bis  6  Wochen  auskommenden  jungen  Zecken 
kriechen  auf  neue  Rinder  und  inficiren  diese.  —  Da  Sporulation  und  geschlecht- 
lidie  Vermehrung  für  den  Parasiten  nicht  bekannt  ist,  ist  seine  Zugehörigkeit 
zu  den  Malariaparasiten  zweifelhaft. 

Zu  diesen  gehören: 

a)  Halteridium  DanilewskjL 

Findet  sich  in  unserem  Klima  während  des  Sommers  in  zahl- 
reichen Thurmfalken  und  Buchfinken;  in  der  tropischen  und  subtropischen 
Zone  auch  in  Tauben,  Sperlingen  u.  s.  w.  Selbst  bei  reichlichem  Para- 
ntengehalt  zeigen  die  Vögel  wenig  Krankheitserscheinungen.  Künst- 
liche Uebertragung  auf  gesunde  Vögel  misslungen.  —  In  den  rothen 
Blutkörperchen  trifft  man  zahlreiche  Parasiten  verschiedener  Grösse; 
die  älteren  bilden  lange  Würmchen,  die  sich  um  den  Kern  herumlagern, 
oft  in  Hantelform,  ohne  dass  der  Kern  verschoben  wird.  —  Endogene 
Sporulation  konnte  nicht  beobachtet  werden;  dagegen  die  Anfange  der 


86  Die  Mtfcroorguimien. 

gesohleohtlichen  Entwicklung:  TJntersnoht  man  das  Blut  nach  Ifisohnng 
mit  1  Tbeil  Semm  von  Tanbeoblat  und  9  Theilen  0,6  proo.  Eochsalz- 
lösang  im  h&ngenden  Tropfen,  so  tritt  der  Parasit  ans  den  BlntkSrper- 
cben  heram,  die  Hantelform  geht  in  Kogelform  über;  man  kann  daon 
mit  der  RoMAHOWSKT'achen  Ptffbnng  {9.  nnten)  zwei  Kategorien  von  nmden 
Körpern  unterscheiden,  solche  mit  blassblauem  Plasma  und  compakter 
Ghromatänmasse,  an  deren  Rand  bald  4 — 8  fedenförmige  Gebilde  aaf- 
treten,  die  sich  losreissen  und  frei  in  der  Blutflöesigkeit  bewegen;  und 


Flg.  EB.  Eotwlcklani 
Ä  =  TuibeDblntkSrp^eli*ii  mit  Junfoi  (I) 
l  =  MlDiicb«n,  3- V— — ^—      "       ■     - 

kORMT     hCTTOrgshwi 

X  =  WDraictuiDUldm 


bsglDiitndtr  WOrrncluiDbadaDK ;    3  •=  («rtiä** 


WUnnelwn. 

zweitens  solche  mit  kräftig  blauem  Plasma  und  aufgelockertem  Cbro- 
matin.  Erstere  sind  als  männliche,  letztere  als  weibliche  Gameten 
anzusehen.  Treffen  die  spermatozoenähnlichen  Gebilde  auf  einen  weib- 
lichen Gameten,  so  entsteht  an  diesem  binnen  etwa  20  Alinut«n  eine 
Vorwölbang,  dann  ein  spitzer  Zapfen,  ans  dem  schliesslich  ein  freies,  wenig 
bewegliches  Würmchen  hervorgeht  Dieses  muss  vermuthlich  in  einem 
noch  unbekannten  Zwisohenwirth  seine  «eitere  Entwicklnug  durebmadien. 
b)  Proteosomft  araaait. 
Kommt  hauptsächlich  in  südlichen  Ländern  in  Stieglitzen,  Sperlingen 
u.  s.  w.  vor.  Vemrsacht  schwere  Erkrankung,  die  sich  durch  Blnteinimpfong 


i 


[inKblutkarpai 


Entatcklun«  tod  Pnil< 

mit  PuuHen.     B  •=  S 

ler  mlDnlioli«  mit  Bpcrmatoi 

-lugeln   mit  ( 


lOUO  :  1  (aub  KooB). 
DD.     CundD  =  FnlaPi 
=  WDimclienbilduiiK.    F-=CjwU»  li 


■uhlrlKbB  F< 

Mngtanml  Ton  Culn,  Honadln  Sngeli 

and  durch  gewisse  Mücken  eiperimentell  auf  gesunde  Vögel  übertragen 
lässL     Meist  lindet  sich  reichlich  Halteridium  neben  Froteosoma  im 


Pft>tozoeii.  87 

Bhit  der  VögeL  Letzterer  Parasit  zeigt  nur  runde  oder  ovale  Formen; 
ferner  verdrangt  er  den  Kern  des  befallenen  Blutkörperchens,  indem 
er  ihn  nach  einem  Pole  zu  verschiebt  und  dabei  um  seine  kurze  Achse 
dreht  Bei  den  herangewachsenen  Parasiten  tritt  Sporulation  ein,  in- 
dem 16  kleine  Sporenelemente  das  im  Centrum  zusammengezogene 
Pigment  rosettenartig  umlagern.  Neben  dieser  endogenen  Vermehrung 
beobachtet  man  die  Anfange  der  geschlechtlichen  Entwicklung  wie  bei 
Halteridium  in  Serummischungen,  nur  dass  es  nicht  bis  zur  Würm- 
chenbildung kommt  Diese  finden  sich  vielmehr  erst  im  Mageninhalt 
von  Culex  nemorosus,  12 — 15  Stunden  nachdem  die  Mücke  Blut  der 
erkrankten  Vögel  eingesogen  hat  Nach  48  Stunden  sind  die  Würm- 
chen verschwunden,  es  bilden  sich  aber  an  der  Aussenseite  des  Magens 
von  Culex  kugelförmige,  durchsichtige  Gebilde  (Coocidien),  deren  In- 
halt sich  in  Sporoblasten  und  am  6. — 7.  Tage  in  zahlreiche  Sichelkeime 
verwandelt  Letztere  überschwemmen  den  ganzen  Körper,  sind  aber 
vom  9.  bis  10.  Tage  an  nur  noch  in  den  Speicheldrüsen.  Von  diesen 
aus  gelangen  die  Keime  beim  Stechen  gesunder  Vögel  in  deren  Blut 
und  vermehren  sich  dort  zunächst  wieder  durch  Sporulation. 

c)  Malariaparasiten  der  Affen. 

Bunde  kleine  Parasiten,  zeigen  bei  BoMAKOwsEY-Färbung  um  das 
runde  oder  stäbchenförmige  Chromatinkom  eine  ungefärbte  Zone.  — 
Endogene  Sporulation  nicht  beobachtet  Nach  Serunmiischung  Bildung 
von  Körpern  mit  fadenförmigen  Fortsätzen;  Befruchtung  und  Würmchen- 
bildung noch  nicht  klar. 

d)  Malaria  hominis. 
In  frischen  ongeftrbten  Blntprftparaten  sind  die  Parasiten  durch  ihre 
Pkeadopodienbildong  leicht  kenntlich.  —  Fftrfoong  dünner  Aasstrichpräparate 
nach  Koch:  15  Thdle  Borax,  6  Methylenblau,  800  Wasser:  darin  wenige  Se- 
kuDden  färben  und  in  Wasser  spülen,  bis  ein  grünlicher  Farben  ton  sich  zeigt.  — 
Oder  Doppelftrbung:  Vorf&rbung  mit  alkoholischer  Eosinlösung,  dann  alko- 
holisches Methylenblau.  —  Oder  nach  Romanowskt:  einprocentige  wftsserige 
Methylenbiaulösung  und  einprocentige  wässerige  Eosinlösung  werden  zu  gleichen 
Theilen  in  flachen  Schalen  gemischt  Die  entstehenden  glänzenden  Häutchen 
werden  wiederholt  mit  dem  Glasstab  verrührt  Vor  dem  Einlegen  des  Deck- 
glases wird  das  letste  Häutchen  mit  Fliesspapier  entfernt  Dann  wird  das  Deck- 
^iMM  ftr  8  bis  7  Stunden  eingelegt,  in  Wasser  gespült,  getrocknet  Das  beste 
Miscbungsverhältniss  der  Farblösungen  muss  nach  frischer  Bereitung  und  auch 
jedesmal  nach  längerem  Stehen  ausprobirt  werden. 

Die  jüngsten  Parasiten  haben  Napf-  oder  Ringform  und  füllen 
nur  ^/jo  des  rothen  Blutkörperchens.  Allmahlich  wachsen  sie,  dabei 
wirdy  oft  unter  auffalligem  Abblassen  des  Blutkörperchens,  Melanin  ge- 
bildet, das  sich  in  bald  kleineren,  bald  grösseren  Stabchen  und  Köm- 
chen zerstreut  in  den  Körper  des  Parasiten  einlagert.  Schliesslich  kommt 


88  Di«  Hikroorgftnitmen. 

es  im  Sporulation ,  die  äholicb  verläuft  wie  bei  Proteosoma;  das  Pig- 
ment sammelt  sich  im  Centnim,  und  dor  umliegende  Körper  des  Para- 
siten theilt  sich  in  8 — 20  kleine  Elemente,  die  zunächst  noch  rosetten- 
artig  das  Pigmenteentnim  umlagern  (Gänseblflmchenstadium),  schliesslich 
aber  sich  loslösen,  frei  im  Plasma  treiben  und  von  da  aos  neue  rothe 
Blutkörperchen  be&llen.  Die  Zeit  der  Auflösung  des  sporuliren- 
den  Parasiten  fällt  mit  dem  Fiebereintritt  zusammen,  wohl 
in  Folge  des  Freiwerdens  pjrogener  Stoffwechselprodukte. 

Ausser  dieser  endogenen  Sporalation  liann  man  nicht  seilen  die 
Aufsage  exogener  geschlechtlicher  Entwicklung  beobachten.  Am  häu- 
figsten treten  bei  der  Tropenmalaria,  wenn  die  Krankheit  längere  Zeit 
bestanden  hat  und  eine  gewisse  Immunität  eintritt,  halbmondförmige 
Qebilde  auf,  die  zuerst  noch  am  rothen  Blntköipercbeu  haften,  später 
frei  werden.  Unter  ihnen  kann  man  ähnlich  wie  bei  Halteridium  nach 
der  Färbung  des  Plasmas  und  nach  der  Chromatinvertheilung  zwei  Kate- 
gorien unteisoheiden:  männliche  und  weibliche  Gameten.    Eistere  Ter- 


n;^: 


Flg.  Se.    EntwlokluDg  d»  MilkrUpinulttn.    1000:1  (r=  GOO:  l),  thellnlH  uhemiÜHh. 
Ä  =  HenwiliUcbs  BlBUBrpsnbaD  mit  PirulMn.    B  ^  gponilitlOD.    C  =  HuIbraondOrmlge  Punultt-a, 
•pfaliiHh«  Form  anorhinpiid.    D  =  Spann itouiED-AiiHrnduDg,    E  =  WOrmcbfn  mu  dun  Dum  Ton 
Anopbelea.  F-^Cytit  („AnsphLant")  la  dar  Uiganwand  tdd  «nophetes,  mit  SlchclkaJtaen.   O  -  TnA* 


wandeln  sich  im  entnommenen  Blntfropfen  binnen  wenigen  Minuten 
in  sphärische  Körper,  die  sich  mit  geisselartigeu  Fäden  umgeben  können. 
Die  schwächer  färhbaren  Halbmonde  sollen  sich  in  ovoide  Körper  um- 
bilden. Die  Befruchtung  der  letzteren  und  eine  Würmchenbildung  ist 
aber  in  den  Blutpräparaten  nicht  beobachtet.  Dagegen  wollen  Boss  und 
nach  diesem  Qbassi  und  Celli  verfolgt  haben,  dass  die  Copulation 
und  die  Entstehung  von  Würmchen  im  Intestinaltractua  einer  Stech- 
mücke, Anopbeles  claviger  s.  maculipennis,  stattfindet  Die  Würmchen 
sollen  sich  in  die  M^enwand  einbohren  und  hier  die  Bildung  eines 
„Amphionten"  mit  Sporoblasten  und  schliesslich  sichelförmigen  Sporen 
veranlassen,  die  sich  vorzugsweise  in  der  Speicheldrüse  ansammeln. 
Von  da  aus  soll  durch  Stiche  des  Insects  die  Krankheit  auf  gesunde 
Menschen  übertragen  werden. 


Protozoon.  89 

Sowohl  durch  zahlreiche  Beobachtungen  in  Malaria-  und  nndaria- 
freien  Gegenden  sowie  durch  Experimente  mit  Stechmücken,  die  man 
am  Kranken  hat  saugen  und  nach  circa  10  Tagen  (der  Zeit,  die  bis 
zur  Ausbildung  der  Sichelkeime  verfliesst)  Gesunde  hat  stechen  lassen, 
ist  sichergestellt,  dass  vorzugsweise,  wenn  nicht  ausschliesslich,  Anopheles 
eUTiger  als  Zwischenwirth  bei  der  Verbreitung  der  Malaria  eine  Rolle 
spielt,  während  Culex-arten  nicht  in  Betracht  kommen. 

Qenos  Culex  unterscheidet  eich  von  Anopheles  z,  B.  durch  die  kurzen 
Fühlhornery  die  wenig  gefiederten  Antennen  und  den  komplicirten  Stechapparat; 
bei  Anopheles  sind  Ftlhlhömer  und  Stechapparat  ungefähr  gleich  lang  und  die 
Anteimen  stark  gefiedert.  Anopheles  daviger  ist  speciell  gekennzeichnet  durch 
vier  tof  jedem  Flügel  befindliche  in  Form  eines  T  gesteUte  dunkele  Flecke. 

Die  Malaria  tritt  in  mindestens  3  verschiedenen  Typen  auf,  denen 
ebenso  viele  Abarten  des  Malariaparasiten  entsprechen: 


ng:  66a.    QaarUna.    1000:1.  Flg.  66b.    Tertlanm.    1000:1. 

1  ■  Jnftr,  2  B  ilt6r«r  Panait,  8  s  SpomUtlon.     1  s  Junger,  2  a  Utertr  Panait,  8  a  SpondatloiL 

Der  Parasit  der  Febris  quartana  (mit  Wiederholung  des  Frost- 
und  Fieberanfalls  nach  je  72  Stunden)  zeigt  grobe  Pseudopodien,  grobes 
Pigment^  bei  der  Sporulation  8 — 12  Sporen. 

Bei  Febris  tertiana  (Fieber  alle  48  Stunden)  erscheint  der  Parasit 
zarter,  das  Pigment  feiner;  auch  er  füllt  vor  der  Sporulation  das 
Blutkörperchen  ganz  aus;  die  Zahl  der  Sporen  betragt  16 — 20;  ihre 
Lagerung  ist  meist  nicht  regelmassig  rosettenartig. 


Flg.  66  c.    BCalarla  tropica.    1000 : 1. 
1  s  Kleiner  Ring.    2  a  Qrosaer  Ring.    8  »  Sporulation.    4  s  HalbmondfSrnilge  Paraaiten. 

Die  Malaria  tropica  (oder  Aestivo-Auiumnalfieber  der  Italiener) 
ist  eine  Tertiana,  bei  der  zwar  auch  alle  48  Stunden  der  Anfall  sich 
wiederholt,  bei  der  aber  das  Fieber  circa  40  Stunden  andauert,  die  Be- 
miasion  nur  6 — 8  Stunden.  Zu  Anfang  des  Fiebers  findet  man  hier 
den  Parasiten  in  Form  kleiner  Ringe  mit  deutlichem  Chromatinkom; 
zu  Ende  und  während  der  Bemission  grössere  Binge,  aber  immer  nicht 
mehr  als  Vs  ^^^  rothen  Blutkörperchen  einnehmend,  mit  einer  Ver- 
breitung gegenüber  dem  Chromatinkom.    Einzelne  Pigmentkömer  sind 


90  Witterang  und  Klima. 

nioht  siohtbar,  nur  braune  Verfärbung.  Spomlation  ist  im  Blnt  aus 
der  Mngerknppe  nicht  zn  beobachten;  dieselbe  erfolgt  nnr  in  inneren 
Organen,  namentlich  in  der  Milz.  Von  dort  entnommene  Blntproben 
zeigen  Bilder  ganz  ähnlich  wie  bei  der  Spomlation  von  Proteosoma.  — 
Ueber  Halbmonde  und  Geisseikörper  s.  oben. 

Die  beschriebenen  Parasiten  sind  zweifellos  als  die  Erreger  der 
Malaria  anzusehen,  weil  sie  in  jedem  Einzelfall  von  Malaria  mit  Sicher- 
heit nachgewiesen  werden,  nie  aber  bei  gesunden  Menschen  oder  anderen 
Kranken  gefunden  sind;  weil  femer  die  Menge  der  Parasiten  der  Inten- 
sität der  Krankheit  entspricht;  weil  wirksame  Chininbehandlung  auob 
die  Parasiten  zum  Verschwinden  bringt;  und  weil  intravenöse  Injektion 
kleiner  Mengen  parasitenhaltigen  Blutes  —  aber  auch  nur  solchen 
Blutes  —  bei  Gesunden  typische  Malaria  hervorruft. 

Literatur:  Leückabt.  Die  Parasiten  des  Menschen,  2.  Aufl.,  1879 — 86.  — 
BüTSCHLiy  Protozoa,  1882.  —  Balbiaki,  Le9ons  snr  les  sporozoaires,  Paris  1884.  — 
EjiüSBy  Protozoon  in  Flügge,  Mikroorganismen,  8.  Aufl.,  Bd.  II.  —  v.  Wasilibwbki, 
SporozoSnkonde,  1 900. — Laveban,  Natore  parasitaire  des  accidents  de  rimpalndismey 
Paris  1881.  —  CoüNOiutAK  und  Abbot,  American  Joum.  of  the  medical  sc  1885.  — 
Mabohiafava  und  Celli,  Atti  della  B.  Academia  dei  lincei,  1884ffl  —  Goloi, 
Snlla  infesione  malarica,  Torino  1886.  —  Zeitschr.  f.  Hygiene,  Bd.  X.  —  Kock^ 
Zeitschr.  f.  Hyg.,  Bd.  84. 


Zweites  Kapitel 

Witterung  und  Klima. 


Id  der  unsem  Erdball  umgebenden  Atmosphäre  laufen  eine  Reihe 
von  Erscheinungen  ab,  welche  in  hohem  Grade  hygienisches  Interesse 
beanspruchen;  und  zwar  kommen  sowohl  physikalische  Vorgänge,  die 
Temperatur-,  Dmck-,  Feuchtigkeitsschwankungen  und  die  Bewegung  der 
Atmosphäre  in  Betracht;  als  auch  das  chemische  Verhalten  der  Luft, 
ihr  Gehalt  an  Sauerstoff,  Ozon,  Kohlensäure  und  fremden  Gasen;  und 
drittens  die  Beimengung  staubförmiger  Bestandtheile. 

Zunächst  interessieren  uns  hier  die  physikalischen  Processe,  welche 
in  den  Ausdrücken  „Wittemng  und  Elima''  zusammengefasst  werden. 
Die  Lehre  von  diesen  Vorgängen  bezeichnet  man  gewöhnlich  als 
Meteorologie  und  Klimatologie.    Unter  Witterung  versteht  man 


Witterung  and  Klima.  91 

spedell  die  betreffenden  physikalischen  Vorgänge  in  der  Atmosphäre 
während  einer  bestimmten  kürzeren  Zeit;  unter  Klima  dagegen  das 
mittlere  Verhalten  der  meteorologischen  Faktoren,  welches  fQr  irgend 
einen  Ort  durch  längere  Beobachtung  sich  ergeben  hat 

Beide,  Wetter  und  Klima,  sind  von  Alters  her  als  hygienisch  be- 
deutungsvoll erkannt;  beide  werden  noch  jetzt  von  Aerzten  und  Laien 
gern  als  Ursache  zahlreicher  geringer  oder  schwererer  Störungen  der 
Gesundheit  angeschuldigt 

Statistische  Erhebungen  haben  in  der  That  gezeigt,  dass  gewisse 
Krankheiten  nur  in  einem  bestimmten  Klima  vorkommen,  dass  andere 
eine  wesentlich  verschiedene  Energie  und  Ausbreitung  zeigen,  je  nach 
den  klimatischen  Verhältnissen  des  Landes.  —  Ferner  hat  sich  heraus- 
gestellt, dass  die  Mortalität  an  verschiedenen  Krankheiten  varürt  je  nach 
dem  Wechsel  der  Jahreszeiten  und  der  gleichzeitig  wechselnden  Witterung. 

Manche  von  Alters  her  behauptete  Einflüsse  von  Klima  und 
Witterung  haben  sich  freilich  noch  nicht  statistisch  mit  voller  Be- 
stinuntheit  beweisen  lassen,  sind  aber  durch  vielfache  praktische  Er- 
fahrung zu  begründen.  So  die  Abhängigkeit  katarrhalischer  und 
rheumatischer  Leiden,  gewisser  Ernährungsstörungen  und  nervöser 
Affiektionen  von  Witterung  und  Klima;  so  die  Heilkraft  mancher  Klimate 
für  diese  oder  jene  Leiden. 

Vielfach  wird  der  Einfluss  von  Klima  und  Witterung  auch  über- 
schätzt Namentlich  können  die  steten  Schwankungen  der  Witterung 
leicht  ausgenutzt  werden,  um  in  fehlerhafter  Weise  Causalverbindungen 
mit  der  ebenfalls  vielfach  wechselnden  Häufigkeit  gewisser  Krankheiten 
herzustellen.  Ebenso  begegnen  wir  oft  dem  Bestreben,  namentlich  an 
Bade-  und  Kurorten,  minimalste  klimatische  Differenzen  zu  wichtigen 
HeilCaktoren  aufzubauschen. 

Um  über  die  wirkliche  Bedeutung  der  meteorologischen  und 
klimatischen  Einflüsse  ein  zuverlässiges  Urtheil  zu  gewinnen,  wird  es 
zunächst  erforderlich  sein,  die  Faktoren,  welche  Klima  und  Witterung 
zusammensetzen,  nämlich  Lufttemperatur,  Luftdruck,  Luftfeuchtigkeit, 
Luftbewegung  u.  s.  w.  im  Einzelnen  zu  analysiren,  die  örtlichen  und 
zeitlichen  Schwankungen  des  einzelnen  Faktors  zu  ermitteln,  deren 
Wirkung  auf  den  Menschen  zu  prädsiren,  und  dann  erst  den  Gesammt- 
einfluss  von  Witterung  und  Klima  auf  die  Frequenz  verschiedener 
Krankheiten  zu  erörtern. 


92  Witterung  and  Klima. 


L  Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren. 

A.  Tempermtnr  der  Atmosphire. 

Methode  der  Beobachtung.  Ge wohnlich  benutzt  man  empfindliche 
QuecksUberthermometer  mit  kleinen  Geflssen,  welche  in  gewisaen  Zwischen- 
räumen  geaicht  werden  müssen;  zuweilen  Metallthermometer;  f&r  grosse  Kälte- 
grade Weingeistthermometer. 

Speciell  für  meteorologische  Beobachtungen  werden  vielfach  Maximal-  und 
Minimalthermometer  gebraucht  Die  jetzt  gebräuchlichste  Konstruktion  ist 
das  U-f5rmige  Thermometer  von  Six  und  Cabblla,  ein  Weingeistthermometer 
mit  Einschaltung  eines  QuecksilberfiEidens,  der  an  jedem  Ende  einen  Index  vor- 
schiebt, so  dass  Maximum  and  Minimum  beobachtet  werden  können. 

Die  Aufstellung  des  Thermometers  muss,  da  nur  die  Lufttemperatur 
gemessen  werden  soll,  in  solcher  Weise  erfolgen,  dass  es  gegen  die  Strählung 
vom  Boden  und  von  erwärmten  Hauswänden,  ebenso  auch  gegen  Regen  u.  8.  w. 
geschützt  ist.  Daher  muss  das  Thermometer  an  der  Nordwand  des  Hauses, 
mindestens  vier  Meter  über  dem  Boden  und  in  einem  Gehäuse  angebracht 
werden,  welches  keine  Bestrahlung,  sondern  nur  eine  Einwirkung  der  zutretenden 
Luft  auf  das  Thermometer  gestattet 

In  einfacher  und  meist  hinreichend  genauer  Weise  lässt  sich  die  Luft- 
temperatur bestimmen  durch  das  „Schleuderthermometer",  d.  h.  durch  ein 
gewöhnliches  Thermometer,  welches  an  einer  1  Meter  langen  Schnur  einige  Male 
im  Kreise  geschwungen  wird.  Diese  Methode  der  Messung  der  Lufttemperatur 
ist  gerade  für  hygienische  Zwecke,  in  Wohnräumen  u.  s.  w.,  gut  anwendbar.  — 
Für  meteorologische  Stationen  empfiehlt  sich  die  Anwendung  des  AssMAinr^schen 
Aspirationsthermometers.  Das  Thermometer  befindet  sich  in  einem  dünn- 
wandigen Metallgehäuse;  im  Kopf  des  Gehäuses  liegt  ein  Federkraft- Laufwerk, 
durch  welches  ein  Exhaustor-Scheibenpaar  in  schnelle  Umdrehung  versetzt  wird; 
letzteres  unterhält  einen  konstanten  Lnftstrom,  der  mit  2,3  m  pro  See  G^ 
schwindigkeit  am  Thermometergefäss  vorbeistreicht 

Soll  auch  der  Erwärmung  durch  die  Sonnenstrahlung  Rechnung  ge- 
tragen werden,  so  sind  —  da  an  den  gewöhnlichen  Thermometerkugeln  eine 
fast  vollständige  Reflexion  der  Strahlen  stattfindet  —  Thermometer  mit  ge- 
schwärzten Gefässen  zu  verwenden,  die  in  eine  luftleere  Glashfille  eingeschlossen 
sind  (Vacuumthermometer).  Sie  g^ben  in  der  Differenz  gegenüber  der  Lofi- 
temperatur  ein  annäherndes  Maass  der  Strahlungsintensität 

Die  Thermometerbeobachtungen  zu  meteorologischen  Zwecken  erfolgen 
am  vollkommensten  durch  selbstregistrirende  Thermometer,  welche  den  Gang 
der  Temperatur  vollständig  aufzeichnen.  Auch  stündliche  Ablesungen  ergeben 
fast  ebenso  brauchbare  Resultate,  werden  indess  nur  an  wenigen  Stationen  aus- 
geführt. Addirt  man  die  Stundenbeobachtungen  eines  Tages  und  dividirt  durch 
24,  so  erhält  man  das  Tagesmittel  der  Temperatur.  Die  Tagesmittel  addirt 
und  durch  die  Zahl  der  Tage  des  Monats  resp.  Jahres  dividirt  ergeben  das 
Monats  mittel  resp.  Jahresmittel.  —  Ein  richtiges  Tagesmittel  wird  auch  er- 
halten, wenn  man  nur  dreimal  täglich,  8  Uhr  Früh,  2  Uhr  Nachmittags,  10  Uhr 
Abends  beobachtet  und  die  Summe  der  erhaltenen  Zahlen  durch  3  dividirt; 
oder  wenn  man  um  7  Uhr  Früh,  2  Uhr  Nachmittags,  9  Uhr  Abends  abliest, 
die   für  die  Abendstunde   erhaltene  Zahl  doppelt  setzt  und  dorch  4  dividirt; 


IMe  eimelnen  metoorologiflchen  FaktoreD.  93 

oder  wenn  man  ans  den  Daten  för  8  Uhr  FrQb,  2  Uhr  Nachmittags,  7  Uhr 
AbendB  nud  für  das  Minimum  das  Mittel  bildet.  Auch  das  allein  aus  Maximal- 
nnd  Minimaltemperatnr  entnommene  Mittel  giebt  ein  annfthemd  richtiges,  im 
Gkmxen  jedoch  zu  hohes  Tagesmittel. 

Oertliche  nnd  zeitliohe  Schwankungen  der  Temperatur. 

üeber  die  Temperaturverhältnisse  der  bewohnten  Erdoberfläche 
erbalten  wir  Aufschlnss  durch  die  an  zahlreichen  Orten  gesammelten 
meteorologischen  Daten. 

Dieselben  beschrftnken  sich  allerdings  bis  jetzt  nar  auf  die  Beobachtung 
der  Lufttemperatur.  Für  hygienische  Zwecke  ist  ausserdem  die  Temperatur 
der  umgebenden  Gregenstftnde  (Boden,  HauswSnde  u.  s.  w.)  von  Interesse,  da 
die  Wftrmeabg^be  von  unserem  Körper  auch  durch  die  Strahlung  und  Leitung 
swiscben  diesem  und  den  verschieden  temperirten  Gegenständen  beeinflusst 
wird.  Ebenso  ist  die  directe  Bestrahlung  des  Körpers  durch  die  Sonne  be- 
deutongsvoU  für  die  Temperaturempfindung  desselben. 

a)  Am  häufigsten  wird  die  mittlere  Monats-  nnd  Jahrestemperatur 
der  klimatischen  Charakteristik  zu  Grunde  gelegt 

Sie  wird  vielfiush  dargestellt  in  Form  der  Monats-  und  Jahres  isothermen, 
d.  h.  Linien,  welche  die  Orte  gleicher  mittlerer  Monats-  resp.  Jahreswärme  mit 
einander  verbinden.  Aus  denselben  lässt  sich  indessen  nichts  über  die  wirk- 
lichen Temperaturverbftltnisse  eines  einzelnen  Ortes  entnehmen,  da  bei  der 
Construction  die  lokalen  Einflösse,  welche  auf  die  Temperatur  wirken,  nach 
Möglichkeit  künstlich  eliminirt  werden.  In  dieser  Beziehung  kommt  vor  allem 
die  Höhenlage  des  Or^  in  Betracht;  je  weiter  man  sich  von  der  gesammten 
wirmeependenden  Erdoberflftche  entfernt,  um  so  niedriger  wird  naturgemftss  die 
Lufttemperatur,  und  zwar  nimmt  dieselbe  im  Mittel  für  je  100  Meter  um  etwa 
0.54*  (m  grösserer  Höhe  langsamer)  ab.  Bei  der  Construction  der  Iso- 
thermen werden  die  an  höher  gelegenen  Orten  beobachteten  Zahlen  auf  das 
Meeresniveau  reducirt 

Die  wirkliche  Höhe  der  Temperatur  an  verschiedenen  Orten  ist 
daher  nur  aus  den  Resultaten  fortgesetzter  Specialbeobachtungen  zu 
entnehmeiL  Die  umstehende  Tabelle  giebt  in  der  dritten  Golumne 
die  mittlere  Jahrestemperatur  von  25  aus  allen  Zonen  ausgewählten 
Städten.  Die  Höhenlage  jedes  Ortes  ist  in  der  zweiteu  Golumne  ver- 
zeichnet; dieselbe  ist  z.  B.  beim  Vergleich  von  Veracruz  und  Mexico, 
Giloutta  und  Darjeeling,  Berlin  und  München  sehr  zu  berücksichtigen. 

b)  Sie  absoluten  und  mittleren  Extreme.  Unter  absoluten 
Extremen  versteht  man  die  höchste  resp.  niedrigste  Temperatur,  welche 
überhaupt  während  der  gesammten  Beobachtungsjahre  zu  verzeichnen 
war;  die  mittleren  Extreme  findet  man,  indem  man  die  höchsten  resp. 
niedrigsten  Temperaturen  der  einzelnen  Beobachtungsjahre  addirt  und 
durch  die  Zahl  der  Jahre  dividirt 


1 


94 


Wittening  nndJKlima. 
aP.B...gS. 

B Ä . 

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iiecoiKQDfcoo»o«QOO»-^eoooi!Oooooo»-^ocoQ0«4iieo^ 

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Mittlere  Jahres- 
Temperator 


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Mittlere  Tages- 
Schwankung 


wärmsten 
Monats 


kältesten 
Monats 


3  ^ 

5 


Mittlere  Jahres- 
schwankung 


Unperiod.  mittlere 
Jahresschwankung  | 

Veränderlichkeit 
von  Tag  zu  Tag 


Die  einzelnen  meteorologiBohen  Faktoren.  95 

Die  niedrigste,  in  Sibirien  (Werohojansk)  beobachtete  Temperatur 
betrog  —  68^  Die  höchsten  Wännegnide  finden  sich  in  der  Nähe 
des  rothen  Meeres  und  sollen  dort  bis  +65^  betragen.  In  Chartnm 
ist  das  mittlere  Maximum  +46-6^;  in  Labore  das  absolute  Extrem 
+50-9®,  in  Multan  +52-8^  Zwischen  höchster  und  niedrigster  Tem- 
peratur der  Yon  Menschen  bewohnten  Statten  findet  man  also  eine  Diffe- 
renz von  133^;  während  die  mittlere  Temperatur  um  etwa  40^  differirt 

c)  Die  mittlere  Tagestchwankungy  d.  h.  die  mittlere  Differenz 
zwischen  der  Maximal-  und  Minimaltemperatur  eines  Tages.  Ueber  dem 
Meere  ist  die  Tagesschwankung  selbst  unter  dem  Aequator,  wo  die  Theilung 
des  Tages  in  Tag  und  Nacht  am  schär&ten  hervortritty  sehr  gering,  in- 
mitten der  grossen  Continente  selbst  in  polarer  Region  bedeutend.  Ausser- 
dem sind  die  örtlichen  Lageverhältnisse,  die  Neigung  zur  Bewölkung  u.  s.  w. 
für  die  Temperaturschwankung  des  einzelnen  Ortes  von  Wichtigkeit 

Die  intensivsten  Gontraste  innerhalb  24  Stunden  treten  in  der 
Sahara,  im  westlichen  Tibet,  im  westlichen  Hochplateau  Nord- Amerikas 
herror.  Dort  finden  sich  Tagesschwankungen  von  40 — 42  ®.  Die  Tem- 
peratur kann  dort  Nachmittags  2  Uhr  bis  38®  betragen,  des  Nachts  aber 
durch  intensive  Ausstrahlung  gegen  den  völlig  klaren  Himmel  bis  unter 
den  Gefrierpunkt  sinken.  —  In  denselben  Breiten  ist  dagegen  über  dem 
atlantischen  Ocean  die  mittlere  tägliche  Schwankung  zu  1-6®  gefunden. 

In  unseren  Breiten  verläuft  die  Tagesschwankung  der  Tempe- 
ratur im  Allgemeinen  so,  dass  das  Minimum  kurz  vor  Sonnenaufgang 
(hn  Winter  näher  an  Mittemacht)  liegt,  das  Maximum  zwischen  2  und 
3  Uhr.  Zwischen  1  Uhr  und  5  Uhr  Nachmittags  ändert  sich  die 
Temperatur  wenig;  bis  1  Uhr  und  von  5  Uhr  ab  tritt  rasches  Steigen 
lesp.  Fallen  ein.  —  Die  Intensität  der  Schwankung  beträgt  im  Jahres- 
mittel: in  Wien  8®,  in  Berlin  6-4 ^  Im  November,  Dezember,  Januar 
beträgt  sie  im  Mittel  nur  4 — 5^;  in  den  Sommermonaten  9 — 10^.  Die 
niedrigsten  Schwankungen  kommen  an  trüben  Wintertagen  vor;  sie 
können  weniger  als  1^  ausmachen.  Den  höchsten  Tagesdifferenzen  be- 
gegnet man  an  heiteren  Sommertagen,  wo  Schwankungen  von  15 — 20^ 
(Morgens  früh  +13^,  Nachmittags  +31^  nicht  selten  sind;  femer 
zuweilen  im  Winter  und  Frülyahr,  wenn  Windrichtung  und  Wetter 
eme  plötzliche  Aenderung  erfahren.  So  gehört  ein  rasches  Ansteigen 
der  Temperatur  von  —7®  auf  +6®  in  unserem  Klima  zu  den  allj^ir- 
hfihen  Vorkommnissen. 

d)  Die  mittlere  Jahresachwankung.  Inmitten  der  grossen  Con- 
tinente finden  wir  die  stärksten  Gontraste  der  Temperatur  im  Laufe 
einea  Jahres,  und  zwar  um  so  stärker,  in  je  höhere  Breiten  wir  konunen ; 


96  Witterang  und  Klima. 

während  im  tropischen  See-  und  Eüstenklima  die  Jahresschwanknng 
minimal  wird. 

Man  registrirt  eine  unperiodische  und  eine  periodische  Jahresschwankung 
(Columne  8  und  9).  Die  absolute,  unperiodische  Jahresschwankung  ergiebt 
sich  aus  der  Differenz  zwischen  den  absoluten  Extremen  (Columne  6  und  7); 
die  periodische  mittlere  Jahresschwankung  wird  erhalten  aus  der  Differenz 
zwischen  den  mittleren  Jahresextremen  (Columne  4  und  5);  oder  einfacher  hus 
der  Differenz  zwischen  den  mittleren  Temperaturen  des  heissesten  und  des 
kältesten  Monats.  Man  gewinnt  so  einen  Ausdruck  f&r  den  durchschnitt- 
lichen Contrast  der  Jahreszeiten,  und  unterscheidet  nach  diesem  1)  das 
Aequatorial-  oder  Seeklima,  mit  einer  mittleren  Jahresvariation  der 
Temperatur  bis  höchstens  15^  2)  das  Uebergangsklima,  mit  einer  mittleren 
Schwankung  von  15— 20<>.  8)  das  Landklima,  mit  20— 40^  Jahresschwanknng. 
4)  das  excessive  Landklima,  mit  40—60^  Jahresschwankung. 

Wie  wichtig  es  für  die  Charakterisirung  eines  Klimas  ist,  dass 
neben  der  mittleren  Jahrestemperatur  aiich  die  mittlere  Jahresvariation 
der  Temperatur  angegeben  wird,  das  geht  z.  B.  aus  einem  Vergleich 
zwischen  Dublin  und  Astrachan  hervor..  Beide  Orte  zeigen  gleiche 
mittlere  Jahreswärme;  der  Unterschied  zwischen  heissestem  und  käl- 
testem Monat  beträgt  aber  in  Dublin  nur  IP,  in  Astrachan  33^;  die 
unperiodische  Jahresschwankung  beziffert  sich  in  Dublin  auf  30^;  in 
Astrachan  auf  62  ^ 

e)  Die  interdiurne  Teranderlichkeit,  d.  h.  der  un  periodische  Tem- 
peraturwechsel, der  sich  von  einem  Tag  zum  anderen  vollzieht.  Bei 
starkem  derartigen  Wechsel  sprechen  wir  von  „veränderlichem  Wetter", 
und  wenn  sich  derselbe  in  einem  grösseren  Abschnitt  des  Jahres  wieder- 
holt bemerkbar  macht,  von  „veränderlichem  Elima". 

Die  mittlere  Verftnderlichkeit  eines  Monats  orhftlt  man  dadurch,  dass  man 
die  Differenzen  zwischen  der  Mitteltemperatur  je  zweier  auf  einander  folgender 
Tage  bildet,  die  fQr  den  ganzen  Monat  gefundenen  Differenzen  addirt  und 
durch  die  Zahl  der  Monatstage  dividirt  Aus  den  Monats werthen  erhält'  man 
die  mittlere  Veränderlichkeit  des  Jahres. 

Ueber  die  Veränderlichkeit  der  Temperatur  liegen  erst  aus  neuerer  Zeit 
zahlreichere  Beobachtungen  vor.  Dieselbe  nimmt  im  AUgemeinen  nach  den 
Polen  hin  zu,  jedoch  in  sehr  unregelmässiger  Weise;  die  Mazima  liegen  z.  B. 
im  nördlichen  Theil  der  Vereinigten  Staaten  und  in  Westsibirien.  Landeinwärts 
wird  die  Veränderlichkeit  im  Ganzen  grösser;  femer  steigt  sie  mit  der  Höhen- 
lage. Jedoch  sind  lokale  Momente  und  namentlich  die  herrschenden  Wind- 
richtungen von  bedeutendem  Einfluss.  —  Zeitlich  findet  sich  die  höchste  Ver- 
änderlichkeit im  Winter,  die  geringste  im  Sommer. 

Hygienischer  Einfluss  der  beobachteten  Temperatnrgrade 

und  Temperaturschwankungen. 

Directe  Störungen  der  Gesundheit  durch  die  Temperatureinflüsse 
der  Atmosphäre  müssen  vorzugsweise  die  Wärmeregulirung  unseres 


Die  einzelneD  meteorologiacben  Faktoren.  97 

Edrpeis  betreffen,  imd  es  ist  daher  erforderlich,  zunächst  anf  die  Art 
und  Weise,  wie  die  Eigenwarme  des  Körpers  unter  den  verschiedensten 
äusseren  Verhältnissen  erhalten  wird,  etwas  näher  einzugehen. 

Die  Wftrmeregalirung  des  Körpers.  Im  Allgemeinen  findet  die  Ab- 
fahr  der  3000  W.-E.,  welche  im  Mittel  der  Körper  des  Erwachsenen  in  24  Standen 
prodacirt,  aaf  folgenden  Wegen  statt: 

1)  Dnrch  die  Speisen,  welche  indess  für  gewöhnlich  nur  40 — 50  WSrme- 
einbeiten  aofnehmen.  2)  Durch  die  Erwärmung  der  Athemluft  und  durch  Wasser- 
verdunstong  an  der  Lungenoberfläche,  200—400  W.-E.  3)  Durch  Wärmeabgabe 
von  der  Haut,  2000  W.-E.  und  mehr. 

Die  letztere  überwiegend  wichtige  Wärmeabfuhr  erfolgt  theils  durch 
Leitung,  theils  durch  Strahlung,  theils  durch  Wasserverdunstung.  Diese 
drei  Abfuhrwege  können  in  der  freien  Atmosphäre  sämmtlich  ausserordentlich 
kräftig  funktioniren  und  jeder  f&r  sich  den  ganzen  Wärmebetrag  abführen. 
Andererseits  aber  kann  es  auch  im  Freien  zu  einem  völligen  Abschluss  des 
einen  oder  des  anderen  oder  sogar  auch  aller  drei  Wege  kommen. 

Durch  Leitung  giebt  der  menschliche  Körper  Wärme  vor  allen  Dingen  an 
die  omgebende  Luft  ab,  umsomehr,  je  grösser  die  Temperaturdifferenz  zwischen 
Hant  und  Luft  ist  und  je  rascher  die  Luft  wechselt  Hat  die  Luft  z.  B.  eine 
Temperatur  von  17^,  so  läset  sich  berechnen,  dass  1  cbm  Luft  bei  seiner  Er- 
wärmong  auf  Körpertemperatur  höchstens  6  W.-E.  aufnimmt;  in  einem  ge- 
«diftossenen  Räume  wird  daher  die  gesammte  Wärmeabgabe  durch  Leitung 
nnbedeutend  sein;  sie  kann  nur  erheblich  werden  bei  bewegter  Luft,  und  da  im 
Freien  gewöhnlich  eine  Luftbewegung  von  mindestens  2 — 5  Meter  pro  Secunde 
besteht,  so  wird  dort  diese  Art  der  Wärmeabgabe  relativ  viel  leisten  können. 
Immeihin  ist  auch  hier  «die  Menge  der  abgeleiteten  Wärme  sehr  wechselnd; 
bei   kalten   heftigen  Winden   sehr  gross,   bei   warmer  ruhiger  Luft  äusserst 


Die  Wärmeabgabe  durch  Strahlung  ist  theils  von  der  Grösse  und  dem 
Auflstrahlungsvermögen  der  Körperoberfläche,  von  der  Temperaturdifferenz  gegen- 
Aber  den  umgebenden  G^enständen  und  von  einigen  anderen  weniger  einfluss- 
Faktoren  abhängig.  Dieser  Weg  der  Wärmeabgabe  funktionirt  aus- 
ng  innerhalb  geschlossener  Bäume,  wo  durch  die  Ausstrahlung  gegen  kältere 
Wände,  Möbel  u.  dgl.  unter  Umständen  die  hauptsächlichste  Wärmeabgabe  des 
Körpers  erfolgen  kann.  Derselbe  Weg  gelangt  auch  im  Freien  zur  Benutzung, 
wenn  i.  B.  kältere  EUuiswände,  namentlich  aber  Bäume  oder  Sträucher,  die  durch 
ihre  stete  reichliche  Wasserverdunstung  eine  relativ  niedrige  Eigentemperatur 
haben,  in  der  Umgebung  sich  finden.  Andererseits  kann  die  Wärmeabgabe 
dorch  Strahlung  minimal  werden,  wenn  z.  B.  stark  erwärmte  Febwände,  Hans- 
mauern  oder  andere  Menschen  die  Umgebung  des  Körpers  bilden. 

Durch  Wasser  Verdunstung  können  ebenfalls  sehr  grosse  Mengen  Wärme 
dem  Körper  entzogen  werden.  Bei  der  Verdunstung  von  1  g  Wasser  werden 
0.61  W.-E.  latent  Da  nun  der  Mensch  für  gewöhnlich  900  g,  bei  stärkerer 
Köfperanstrengong  2000—2600  g  Wasser  durch  Verdunstung  von  der  Haut  ver- 
lieren kann,  so  beträgt  die  Wärmeentziehung  auf  diesem  Wege  allein  500  bis 
1500  W.-E.;  jedoch  ist  das  Maass  der  Wasserverdunstung  durchaus  abhängig 
theila  von  gewissen  im  Körper  gelegenen  Momenten,  theils  von  der  Lufttempe- 
ratur,  der  Lnfttrockenheit,  der  Luftbewegung  und  dem  Luftdruck  (s.  unter 
»^oftfrochtigkeit^). 

FtOooB,  Gmndrias.    V.  Aufl.  7 


98  Witterung  und  Klima. 

Gegenüber  dieser  ausserordentlich  variablen  Zabl  und  Breite  der  Wege 
der  Wärmeabfuhr  ist  es  von  grosser  Bedeutung,  dass  durch  Abänderungen  der 
äusseren  wärmeentziehenden  Faktoren  stets  eine  derartige  Reaktion  der  im 
Körper  gelegenen  regulirenden  Faktoren  angeregt  wird,  dass  der  Wärmezustund 
des  Körpers  der  gleiche  bleibt;  und  zwar  wird  theils  die  Wärmeproduktion, 
theils  die  Wärmeabgabe  des  Körpers  beeinflusst. 

Eine  Vermehrung  oder  Verminderung  der  Wärmeproduktion  kann  einmal 
erfolgen  durch  Vermittelnng  der  Hautnerven.  Je  nachdem  diese  in  stärkerem 
oder  geringerem  Grade  abgekühlt  werden,  regen  sie  reflektorisch  den  Verbren- 
nungsprocess  in  den  Muskeln  mehr  oder  weniger  an  (chemische  Wärme- 
regulation). Für  je  1  ®  Temperatursteigerung  sinkt  die  C0,-Aus8cheidung  und 
die  Wärmeproduktion  um  etwa  2  Procent  Bei  einer  Aussentemperatur  von 
mehr  als  20^  sistirt  aber  die  weitere  Herabsetzung.  —  Zweitens  kann  durch 
Veritiehrung  oder  Einschränkung  der  willkürlichen  Muskelbewegungen  die  Wärme- 
Produktion  geändert  werden.  Bei  starker  Abkühlung  tragen  ausserdem  unwill- 
kürliche Muskelbewegungen  (Zittern,  Frostschauer)  zu  vermehrter  Wärmebildung 
bei.  —  Drittens  kann  durch  Variirung  der  Quantität  und  Qualität  der  Nahrung 
die  Wärmeproduktion  beeinflusst  werden.  Namentlich  wird  durch  Fettaufnahme 
die  Wärmebildung  vermehrt;  bei  ruhendem  Körper  steigert  in  erster  Linie 
reichliche  Eiweisszufuhr  den  Umsatz  der  Zellen. 

Die  Wärmeabgabe  wechselt  nach  dem  Athemvolum;  zweitens  je  nach 
der  Vergrösserung  oder  Verringerung  der  Wärme  abgebenden  Körperoberfläche 
(Strecken  und  Spreizen  der  Beine  u.  s.  w.);  vor  allem  aber  nach  der  BlutfÜlle 
und  Blntcirculation  des  vorzugsweise  für  die  Wärmeabgabe  in  Betracht  kom- 
menden Organs,  der  Haut,  und  nach  der  Intensität  der  Wasserverdampfung 
von  der  Haut  —  Diese  physikalische  Wärmeregulation,  bei  der  in 
erster  linie  die  Haut  activ  ist,  setzt  namentlich  dann  ein,  wenn  die  chemische 
Wärmeregulation  versagt,  also  bei  Aussentemperaturen  über  20*^.  Unter  ge- 
wissen Verhältnissen,  z.  B.  bei  lebhaftem  Wind,  tritt  sie  erst  bei  erheblich 
höheren  Temperaturen  in  Action  (Rubker,  Wolpbbt). 

Für  den  unbekleideten  Körper  würden  indess  alle  diese  regulirenden  Vor- 
richtungen nicht  ausreichen,  um  demselben  unter  allen  klimatischen  und  Witte- 
rungsverhältnissen die  Erhaltung  der  normalen  Körperwärme  zu  garantiren.  Erst 
durch  Einschaltung  der  Kleidung  und  Wohnung,  und  durch  entsprechende 
Abwechselung  sowohl  in  Zahl  und  Dicke  der  Kleid ungshüllen  wie  in  Heizung 
und  Lüftung  der  Wohnung  gelingt  es  dem  Menschen,  sich  gegen  die  starken 
Variationen  der  Lufttemperatur  ausreichend  zu  schützen. 

Selbst  wenn  diese  künstlichen  Vorrichtungen  zu  Gebote  stehen,  kommt  es 
noch  häuflg  zu  Störungen  der  Wärmeregulirung,  weil  die  richtige  Handhabung 
und  Anpassung  jener  Vorrichtungen  unter  Umständen  schwierig  ist  und  weil 
viele  Menschen  gezwungen  sind,  einen  Theil  des  Tages  ausserhalb  der  Wohnung 
zuzubringen,  lediglich  auf  den  Schutz  der  Kleidung  angewiesen. 

Es  ist  somit  begreiflich,  dass  die  Temperaturverhältnisse  der  Atmo- 
sphäre trotz  aller  der  geschilderten  natürlichen  nnd  künstlichen  Regnlir- 
vorrichtnngen  nicht  selten  zu  Gesundheitsstörungen  führen. 

Entweder  kann  durch  zu  hohe  Temperatur  die  Entwärmung  des 
Korpers  behindert  werden,  so  dass  eine  Art  Wärmestauung  entsteht; 


Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren.  99 

oder  niedere  Temperatnrgrade  fahren  zu  starke  Abkthlnng  und  da- 
deidi  Erfrierungen  oder  Erkältungen  herbei. 

ft)  Die  Einwirkung  hoher  Temperaturen« 

Die  akuten  Krankheitserscheinungen,  welche  durch  VVärmestauuug 
zu  Stande  kommen,  bezeichnet  man  als  Hitisohlag. 

Im  Anfkngsstadiom  erscheint  das  Gesicht  geröthet,  die  Augen  glänzend; 
es  stellt  sich  Kopfschmerz,  ein  Gef&hl  von  Beklemmung,  Trockenheit  im  Halse 
und  heisere  Stimme  ein.  Weiterhin  wird  die  Haut  trocken  und  brennend; 
dazu  gesellt  sich  Flimmern  vor  den  Augen  und  Ohrensausen;  die  Herzaktion 
wird  stfirmisch;  dann  tritt  ohnmachtähnliche  Schwäche,  oft  Zittern  der  Glieder 
tin  and  schliesslich  bricht  der  Kranke  bewnsstlos  zusammen.  Von  da  datirt 
dann  der  eigentliche  Krankheitsanfall,  auf  dessen  Symptome  hier  nicht  ein- 
zugehen ist 

Wir  begegnen  dem  Hitzschlag  vorzugsweise  in  den  tropischen  und 
subtropischen  Landern.  Aber  auch  in  gemässigten  Klimaten  und  in 
Mitteleuropa  sind  in  heissen  Sommern  Falle  von  Hitzschlag  nicht 
selten,  namentlich  bei  militlirischen  Märschen  und  bei  Feldarbeitem. 

Die  Bedingungen  für  den  Hitzschlag  sind  namentlich  dann  ge- 
geben, wenn  die  Luft  ruhig  und  mit  Feuchtigkeit  nahezu  gesättigt 
ist;  so  in  den  Tropen  namentlich  im  Anfange  der  Regenperiode,  in 
gemässigterem  Klima  an  Sommertagen  vor  dem  Ausbruch  von  Ge- 
wittern.  Besondere  Gefahr  bieten  femer  Oertlichkeiten,  an  welchem 
auch  eine  Abstrahlung  unmöglich  wird,  z.  B.  erwärmte  Felswände  und 
Engpässe.  Femer  liegt  eine  besondere  Gefahr  in  der  Umgebung  mit 
Menschen,  z«  B.  bei  militärischen  Märschen  in  geschlossener  Golonne. 
Disponirend  wirken  ausserdem  auf  das  Zustandekommen  des  Hitzschlags 
Muskelbewegungen;  je  angestrengter  die  militärischen  Märsche  daher 
sind,  um  so  grosser  wird  die  Gefahr  des  Hitzschlags.  Eine  sehr  voll- 
ständige Behinderang  der  Wärmeabgabe  kommt  bei  Tunnelarbeiten 
XU  Stande;  auch  hier  treten  aber  die  Erscheinungen  von  Beklemmung, 
grosser  Mattigkeit^  bedeutender  Pulsfrequenz  und  Steigerang  der  Eigen- 
warme auf  39 — 42®  weit  eher  bei  Arbeitsleistung  ein,  als  bei  rahigem 
Aufenthalt;  unter  letzterer  Bedingung  kann  die  Temperatur  etwa  20® 
bober  hegen,  bis  die  gleiche  Intensität  der  Erscheinungen  eintritt, 
welche  bei  Arbeit  beobachtet  wird.  —  Disponirend  wirken  femer: 
leicblicbe  Nahrang,  welche  erhöhte  Wärmeproduktion  veranlasst;  un- 
gmOgendes  Getränk,  so  dass  nicht  fortwährend  Wasserverdunstung  von 
der  Haut  unterhalten  werden  kann;  femer  Alcoholica,  und  eng  an- 
liegende warme  Kleidung.  —  In  ausgesprochenem  Grade  wird  ausser- 
dem eine  individuelle  Disposition  und  eine  Gewöhnung  an  hohe  Tem- 
pera^en  beobachtet 


100  Witterang  und  Klima. 

um  dem  Hitzschlag  yorznbengen,  mnss  Tersncht  werden,  auf 
irgend  einem  Wege  eine  Wärmeabgabe  des  Körpers  zn  erreichen.  In 
den  Tropen  sind,  ansser  zweckmässiger  Kleidung  und  Wohnung,  Ver- 
meiden von  Körperbewegungen,  massige  Nahrung,  Bewegung  der  Luft 
durch  Fächer  u.8.  w.  und  häufigere  kalte  Uebergiessungen  indicirt  Bei  den 
militärischen  Märschen  ist,  falls  gefahrdrohende  Witterungsverhältnisse 
vorliegen,  die  Kleidung,  Nahrung  und  Getränkaufhahme  zu  reguliren, 
die  Märsche  sind  nicht  zu  forciren  und  so  viel  als  möglich  auf  die 
Nachtzeit  zu  verlegen,  die  Colonnen  sind  möglichst  weit  auseinander 
zu  ziehen,  um  eine  Circulation  von  Luft  und  so  die  Möglichkeit  einer 
gewissen  Wärmeabgabe  für  die  im  Innern  der  Colonne  marschirenden 
Mannschaften  herzustellen. 

Ahweichende  Symptome  konmien  an  sonnigen  Tagen  dadorch  zu,  Stande, 
dass  nicht  sowohl  eine  allseitig^  Hemmung  der  Wftrmeabgabe  eintritt,  sondern 
eine  zu  intensive  Erhitiong  des  Körpers  durch  directe  Sonnenstrahlung. 
Diese  ruft  den  sogenannten  Sonnenstich  hervor.  In  leichteren  Fftlien  entsteht 
durch  starke  Insolation  an  den  unbedeckten  Hautstellen  eine  kurz  verlaufende 
Hyperämie  oder  eine  Dermatitis  mit  Entzündung  und  Transsudation.  In 
schweren  Fällen  kommt  es  zu  meningitischen  Erscheinungen,  zu  ezcessiver  Steige- 
rung der  Körpertemperatur  und  zum  Tod  durch  Wärmestarre  des  Herzmuskels, 

Der  Sonnenstich  tritt  um  so  eher  ein,  je  intensiver  die  Wirkung  der 
Strahlen  auf  den  Körper  ist;  also  namentlich  bei  senkrecht  aufiBallenden  Strahlen, 
femer  bei  klarem  Himmel  und  bei  möglichst  dünner  Schicht  der  Atmosphäre. 
In  den  tropischen  Continenten  und  auf  höheren  Bergen  ist  er  daher  am  häufig» 
sien;  femer  auch  beim  Aufenthalt  auf  Wasser  oder  auf  Gletschern,  wo  die 
reflektirten  Strahlen  mit  zur  Wirkung  gelangen. 

Es  ist  relativ  leicht,  gegen  die  directen  Insolationswirkungen  Schutz  zu 
finden,  imd  zwar  durch  Einschaltung  irgend  einer  Bedeckung,  welche  zur  Ab- 
sorption der  Strahlen  ungeeignet  ist  Am  besten  giebt  man  den  Bekleidungs- 
stücken weisse  Farbe;  ausserdem  ist  namentlich  für  locker  sitzende,  mit  Oeff- 
nungen  für  Luft  versehene  und  gleichzeitig  den  Nacken  schützende  Kopf- 
bedeckungen zu  sorgen. 

Ohronisohe  partielle  Wärmestauung  kann  durch  langer  anhaltende 
Einwirkung  massig  hoher  Temperatur  zu  Stande  kommen.  Eine  Periode 
mit  Tagesmitteln  über  25  ^,  namentlich  wenn  die  nächtliche  Abkühlung 
gering  und  die  Luft  feucht  und  wenig  bewegt  ist,  wird  bereits  von 
vielen  Menschen  schlecht  ertragen.  Derartige  Temperaturen  kommen 
auch  in  unseren  Breiten  fast  in  jedem  Sommer  vor  und  führen  bei 
manchen  empfindlichen  Individuen  zu  ausgesprochenen  Störungen. 
Innerhalb  der  Wohnungen  kann  es  in  Folge  der  Insolationswärme  der 
Mauern  zu  besonderer  Steigerung  der  Wärme  und  Erschwerung  der 
Wärmeabgabe  kommen  (s.  Kap.  Wohnung). 

In  tropischen  Klimaten  stellt  sich  als  erste  Folge  einer  andauern- 
den Erschwerung  der  Wärme-  und  Wasserdampfabgabe  durch  warme 


Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren.  101 

and  feuchte  Luft  eine  Erschlaffong  and  ein  Sohwächegefübl  des  Körpers 
her  („Tropenanämie'*).  Woranf  dieser  Zustand  beruht,  ist  noch  unent- 
schieden. Neuere  Untersuchungen  haben  Unterschiede  in  der  Zahl  der 
rothen  Blutkörperchen,  im  Qehalt  des  Bluts  an  Hämoglobin,  im  spec. 
Gewidit  und  Wassergehalt  des  Bluts  nicht  erkennen  lassen. 

Bei  längerer  Dauer  der  Anämie  stellt  sich  fast  regelmassig  eine  Yer- 
gröfiserung  der  Leber  und  auch  wohl  der  Milz  ein.  Ausserdem  werden  beim 
Aufenthalt  in  den  Tropen  noch  folgende  Symptome  beobachtet:  Die  Zahl 
der  Athemzüge  ist  etwas  gesteigert,  die  Tiefe  derselben  geringer;  der 
Puls  ist  weniger  voll  und  kräftig;  die  Körperwärme  ist  häufig,  namentlich 
Nachmittags  und  Abends,  um  Bruchteile  eines  Grades  über  die  Norm 
erhöht  Die  Urinsekretion  ist  stark  vermindert;  die  Haut  wird  in  Folge 
der  massenhaften  Sekretion  von  Schweiss  und  der  ersten  Durchfeuchtung 
erschlafft.  Der  Schlaf  ist  unruhig  und  ungenügend.  Die  Verdauung  ist 
oft  gestört,  und  es  besteht  grosse  Neigung  zu  Diarrhoe  und  schwereren 
Darmerkrankungen.  Für  diese  Abnormitäten  des  Intestinaltraktus  wird 
yon  den  Golonialärzten  theils  die  massenhafte  Aufnahme  von  Getränk,  theils 
die  reichliche  Entziehung  von  Chloriden  durch  den  Schweiss,  und  die 
daraus  resultirende  Verarmung  des  Magensaftes  an  Salzsäure  verant- 
wortlich gemacht  Wahrscheinlich  fuhrt  aber  auch  die  erwähnte  Ver- 
änderung der  BlutbeschaSenheit  zu  Abnormitäten  der  Verdauungssäfte. 

Unter  dem  Einfluss  der  Anämie,  der  Verdauungsstörungen  und 
Appetitlosigkeit .  tritt  eine  Erschlaffung  des  ganzen  Körpers  und  ein 
Besistenzmangel  desselben  ein.  Infektiöse  Krankheiten  werden  unter 
soldien  Verhältnissen  besonders  leicht  acquirirt  und  nehmen  ungünstigen 
Verlauf  —  Ferner  stellt  sich  in  Folge  der  Erschlaffung  der  Haut  eine 
ausserordentliche  Empfindlichkeit  gegen  die  geringfügigsten  Temperatur- 
schwankungen her,  und  die  Menschen  sind  daher  sehr  disponirt  zur 
Aoquirirung  von  Erkältungskrankheiten. 

Indirect  werden  hohe  Temperaturen  dadurch  hygienisch  bedeu- 
tungsvoll, dass  sie  die  Vermehrung  saprophjtischer  und  infektiöser 
Mikroorganismen  in  unserer  Umgebung  befördern.  Daher  werden  in 
heissen  Klimaten  resp.  im  Hochsommer  zahlreiche  Bakterien  in  den 
Verdauungstraktus  eingeführt,  die  um  so  leichter  zu  Störungen  Anlass 
geben,  weil  die  persönliche  EmpQLnglichkeit  durch  die  oben  betonte 
schlechtere  Qualität  der  Verdauuugssäfte  gesteigert  ist 

Die  Schutimaaisregeln  gegen  die  aus  anhaltend  heisser  Witte- 
ning  entstehenden  Gesundheitsstörungen  stimmen  zum  Theil  mit  den 
gegen  den  Hitzschlag  empfohlenen  Maassregeln  überein.  Für  massige, 
eben  ausreichende  Nahrungsaufnahme,  massige  Muskelarbeit,  leichte 
Kleidung  ist  in  erster  Linie  zu  sorgen;   Lage   und  Einrichtung  des 


102  Witterung  und  Klima. 

Wohnhauses  ist  so  zu  wählen,  dass  dasselbe  Schutz  gegen  excessive 
Temperaturen  gewährt;  durch  häufige  kalte  Waschungen  und  den  Ge- 
brauch grosser  Fächer  ist  die  Wärmeabgabe  zu  unterstützen  (vgL 
Kap.  ,, Wohnung^').  —  Gegen  die  Aufnahme  schädigender  Mikroorganis- 
men ist  durch  Kochen  der  Nahrung,  kühle  Aufbewahrung  derselben, 
durch  tadelloses  Wasser  u.  s.  w.  Schutz  zu  suchen  (vgl.  Kapitel  X). 

b)  Die  Einwirkung  niedriger  Temperaturen. 

Erfiriemngen  einzelner  Körpertheile  oder  des  ganzen  Körpers 
kommen  nicht  zu  Stande,  so  lange  die  Möglichkeit  zu  genügender  Be- 
kleidung, ausgiebigen  Muskelbewegungen  und  reichlicher  Nahrungs- 
aufnahme gegeben  ist  Erst  wenn  einer  dieser  Faktoren  versagt,  z.  B. 
im  Schlaf,  femer  wenn  Störungen  des  Yerdauungsapparates  Torliegen 
und  nicht  reichlich  Nahrung  assimilirt  werden  kann,  droht  Gefahr 
für  die  Gesundheit  und  das  Leben. 

Zunächst  entsteht  dann  eine  merkliche  Abkühlung  der  peripheren  Körper- 
theile. Die  Blutgefässe  der  Haut  erscheinen  hier  Anfangs  contrahirt;  dann  aber 
tritt  Gcfässlähmung,  Hyperämie  und  Schwellung  und  gleichzeitig  um  so  stärkere 
Entwärmung  ein.  Bei  weiterer  Kälteeinwirkung  erfolgt  dann  Erfrieren  der 
peripheren  Theilo  und  damit  eine  Zerstörung  der  zelligen  Elemente  und  mehr 
oder  weniger  nui^gedchnte  Nekrose.  Während  dieser  Process  an  den  Extremi- 
täten abläuft,  macht  sich  gleichzeitig  in  Folge  der  ausgedehnten  Gontraction  der 
Hautgeßlsse  Congestion  in  Lunge  und  Gehirn  geltend,  und  in  Folge  dessen  Be- 
klemmung und  Kopfschmerz.  In  späteren  Stadien  steigern  sich  die  Cerebral- 
Symptome;  es  tritt  Schwindel,  Betäubung  ein  und  schliesslich  der  Tod  durch 
Lähmung  der  nervösen  Centralorgane. 

Am  leichtesten  kommt  eine  derartige  Kältewirkung  zu  Stande  bei 
stark  bewegter  kalter  Luft;  eine  Temperatur  von  — 3o®  bei  Wind- 
stille ist  weniger  empfindlich  als  eine  Temperatur  von  —10^  bei 
starkem  Wind.  Ferner  kann  bei  relativ  hoher  Luftwärme  starke  Ab- 
kühlung des  Körpers  erfolgen  durch  intensive  Ausstrahlung;  bei  völlig 
heiterem  Himmel  vermögen  selbst  Tropennächte  zum  ErfMeren  zu 
führen.  In  hohem  Qrade  unterstützt  wird  der  schädigende  Einfluss 
der  Kälte  durch  Alkoholgenuss,  der  zwar  Hyperämie  der  Haut  und 
dadurch  zunächst  Wärmegefühl,  aber  dann  auch  um  so  vermehrte 
Wärmeabgabe  herbeiführt 

Bei  geringerem  Grade  der  Einwirkung  können  durch  niedere  Tem- 
peraturen Erkältungskrankheiten  hervorgerufen  werden. 

Ueber  das  Wesen  der  Erkältung  haben  wir  noch  wenig  sichere 
experimentell  begrandete  Vorstellungen.  Wir  dürfen  annehmen,  dass  Er- 
kältungen wesentlich  durch  intensive  oder  anhaltende  Wärme  entzieh  an  gen 
von  der  Haut  zu  Stande  kommen,  die  zu  fühlbarer  Abkühlung  der  Haut- 
nervcu  führen.  Eine  directo  Schädigung  der  Schleimhäute  des  Respirations* 
tractus  durch  kalte  Luft  scheint  gar  nicht  oder  selten  Ursache  von  Erkältungen 


Die  einzelnen  meteorologiBchen  Faktoren.  108 

dieser  Organe  zu  sein,  da  das  Hinaustreten  aus  dem  20^  warmen  Sommer  in 
kalte  Winterloft  bei  genügendem  Haatschutz  keine  Störung  zu  veranlassen 
pflegt  Betrachtet  man  die  Wirkung  eines  Kältereizes  auf  die  Haut,  so 
resoltirt  zunächst  allerdings  Zusammenziehung  der  Blutgefässe  und  Anämie 
der  Haut,  aber  dieser  Zustand  dauert  nur  sehr  kurze  Zeit;  normaler  Weise 
tritt  sehr  rasch  eine  Reaktion  ein:  die  Haut  röthet  sich  und  wir  bekommen 
Wftrmeempfindnng,  d.  h.  es  haben  die  vom  Kältereiz  getroffenen  Hautnerven 
vasomotorische  Centren  zur  Wiedererweiterung  der  HautgeTasse  augeregt.  In 
dieser  Reaktion  liegt  vermuthlich  unser  normaler  Schutz  gegen  Kältewirkuug; 
ihr  ist  es  zu  danken,  dass  ein  eigentliches  Kältegefühl  in  den  Hautnerven  gar 
nicht  zu  Stande  kommt  In  typischer  Weise  sehen  wir  einen  solchen  Reaktions- 
voTgang  verlaufen  z.  B.  bei  einer  kalten  Uebergiessung  des  Körpers. 

Nun  aber  können  die  Hautnerven  durch  Verweichlichung,  d.  h.  durch 
Mangel  an  Uebung  erschlaffen;  sie  dürfen  nicht  für  zu  lange  Zeit  des  Kälte- 
reizes und  der  Auslösung  der  Reaktion  entwöhnt  werden.  Es  tritt  das  beson- 
ders hervor  bei  solchen  Körpertheilen,  welche  für  gewöhnlich  bedeckt  und 
gegen  Kftltewirkung  geschützt  gehalten  werden.  Während  Hände  und  Gresicht 
sich  stets  reaktionsfähig  zeigen,  vermögen  die  Hautnerven  einer  Halsparthie, 
welche  durch  warme  Kleidung  vor  Kältereizen  bewahrt  war,  keine  Reaktion 
zu  zeigen,  sobald  der  Hals  ausnahmsweise  entblösst  und  von  kalter  Luft 
getroffen  wird.  Andererseits  wird  die  Reaktion  unterstützt  durch  Uebung  der 
Haat,  durch  systematische  Gewöhnung  an  normale  Kältereize,  z.  B.  kalte  Ab- 
waschungen. —  Femer  kann  durch  Körperbewegung  einem  schädlichen 
EtnfluBS  der  Kältewirkung  vorgebeugt  werden,  weil  dann  durch  die  beschleunigte 
Circulation  und  die  Oefässerregung  der  Haut  mehr  Wärme  zugeführt  und  die 
Kftlteempfindung  gehindert  wird.  Bei  Körper  ruhe  dagegen,  und  besonders  im 
Sehlaf,  kommt  es  viel  leichter  zu  einem  Versagen  der  schützenden  Reaktion. 

Eine  schädliche  Kältewirkung  entsteht,  sobald  fühlbare  Abkühlung 
der  Haut  eintritt  Diese  Erscheinung  tritt  ein  bei  jeder  zu  lange  anhaltenden 
Kaltewirkung  auf  ausgedehntere  Hautparthieen.  In  Folge  der  Hauthyperämie 
kommt  es  zu  gesteigerter  Wärmeabgabe,  schliesslich  fehlt  für  die  massenhafte 
Abfuhr  der  entsprechende  Ersatz  und  es  kommt  eine  fühlbare  Abkühlung  der 
Haut  zu  Stande,  die  dann  wieder  eine  Contraktion  der  Blutgefässe  herbeiführt. 
—  Weit  häufiger  kommen  aber  lokale  Wärmeentziehungen  von  kleineren 
empfindlichen  Hautbezirken  aus  in  Betracht  Die  vorerwähnten,  gewöhnlich 
geschützten  und  an  Kälte  nicht  gewöhnten  Körpergegenden;  femer  die  peripher 
gelegenen  Theile  und  namentlich  die  Füsse,  die  relativ  am  schwersten  auf 
normaler  Wärme  zu  erhalten  sind,  können  bei  sonst  warmem  Körper  eine  fühl- 
bare Abkühlung  erfahren. 

Eine  besondere  Grefahr  liegt  femer  dann  vor,  wenn  vorher  durch  Aufent- 
halt bei  hoher  Temperatur  oder  durch  starke  Muskelarbeit  Hyperämie  der 
Haut  und  Schweisssekretion  eingetreten  war  und  nun  bei  Körpermhe  stärkere 
theilweise  Abkühlung  eintritt  Unter  solchen  Verhältnissen  pflegt  die  schützende 
Reaktion  völlig  zu  versagen;  um  so  leichter,  je  ausgiebiger  der  schwitzenden 
Haut  dorch  Verdunstung  Wärme  entzogen  wird.  —  Ferner  löst  eine  allmähliche, 
aber  anhaltende  locale  Wärmeentziehung,  wie  sie  z.  B.  durch  feuchte  Klei- 
dung and  Schahwerk  zu  Stande  kommt,  bei  vielen  Menschen  Kältegefühl  aus. 
Manche  zeigen  endlich  eine  besondere  Empfindlichkeit  gegen  die  durch  bewegte 
and  aof  beschränkte  Stellen  des  Körpers  auftreffende  Luft  erfolgende  Wärme- 


104  Witterung  und  Klima. 

entziehang   (,,Zuglaft").     Zaweilen   kÖDoen   Neoralgieen    innerhalb    weniger 
Stunden  nach  vorübergehender  Einwirkung  solcher  Zngluft  sich  einstellen. 

Sobald  diese  Kältereize  ein  Erkalten  der  Nervenenden  der  Haot  herbei- 
führen, resoltiren  von  diesen  ans  reflektorisch  Störungen  in  den  vasomotorischen 
Centren.  In  welcher  Weise  dann  die  bei  den  katarrhalischen  Krankheiten 
beobachteten  pathologischen  Aenderungen  der  Schleimhäute  zu  Stande  konunen, 
darüber  fehlt  es  noch  an  begründeten  Vorstellungen.  An  den  sich  entwickelnden 
Krankheitsprocessen  betheiligen  sich  schliesslich  in  hervorragender  Weise  die 
Mikroorganismen,  welche  in  den  normalen  Sekreten  vorhanden  und  nur  gegen- 
über der  völlig  intakten  Schleimhaut  ohne  Gefahr  sind.  Ausbreitung  und 
Verlauf  des  Krankheitsprocesses  pflegen  ganz  von  der  Art  der  zuMlig  vor- 
handenen Bakterien  abhängig  zu  sein. 

Diejenigen  Witterangsverhältnisse,  welche  am  leichtesten  zu 
Erkältungskrankheiten  Anlass  geben,  sind: 

1)  heftige,  kühle  Winde.  Dieselben  können  im  Freien  trotz  aller 
Schntzvorkehmngen  za  starke  Entwärmang  des  Körpers  veranlassen,  sie 
können  selbst  in  den  Wohnräumen  sich  fahlbar  machen  und  eventuell 
Zugluft  bewirken; 

2)  plötzliche  Temperaturschwankungen.  Nicht  etwa  die 
Schwankungen,  die  sich  im  Laufe  eines  Jahres  oder  eines  Monats  voll- 
ziehen, und  denen  wir  durch  unsere  künstlichen  Regulireinrichtungen 
vollauf  begegnen  können;  sondern  Schwankungen,  die  so  rasch  zu  Stande 
kommen,  dass  eine  entsprechende  Regulirung  der  künstlichen  Einrich- 
tungen zur  Erhaltung  der  Eigenwärme,  Kleidung,  Heizung  u.  &  w., 
auf  Schwierigkeiten  stösst  In  dieser  Beziehung  ist  nicht  nur  plötz- 
licher Abfall  der  Temperatur  bedeutungsvoll,  sondern  auch  plötzliche 
Steigerung;  denn  diese  fuhrt  dann  leicht  zu  einer  Ueberhitzung  des 
Körpers  und  im  Gefolge  davon  zu  einer  um  so  leichteren  Schädigung 
durch  kühlere  Winde. 

3)  Niederschläge,  welche  zu  Bodennässe  und  zur  Durchnässung 
des  Schuhzeugs,  oder  zur  Durchfeuchtung  der  Kleidung  und  damit  zn 
abnormer  Wärmeentziehung  führen. 

Als  besonders  für  Erkältungskrankheiten  disponirende  Klimate 
werden  wir  bezeichnen  dürfen: 

1)  ein  feuchtes  tropisches  Klima,  in  welchem  es  während  des 
grössten  Theils  des  Jahres  an  normalen  Kältereizen  fehlt,  und  in 
welchem  daher  eine  Verweichlichung  der  Haut  zu  Stande  kommt  In 
solchem  Klima  kann  eine  Temperaturemiedrigung  von  30^  auf  24^, 
namentlich  wenn  gleichzeitig  die  Luft  bewegt  ist,  schon  Frostschauer 
und  Erkältungen  auslösen; 

2)  ein  Klima,  in  welchem  heftige  kalte  Winde  und  Niederschläge 
mit  Bodennässe  vorherrschen; 


Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren.  105 

3)  ein  EUma,  welches  vielfacbe  plötzliche  Schwankungen  der 
Temperator  darbietet.  Zwar  lasst  sich  schliesslich  allen  Schwankungen 
daroh  genaue  Anpassung  der  künstlichen  Schutzvorrichtungen  begegnen, 
and  bei»  fehlerfreier  Handhabung  dieser  Yorrichtungen  braucht  auch 
ein  an  Schwankungen  reiches  Klima  nicht  zu  Erkältungen  zu  fuhren. 
Aber  je  vielseitiger  der  anzuwendende  künstliche  Apparat  ist,  je  häufiger 
eingreifende  Begulirungen  erforderlich  sind,  um  so  leichter  werden 
Mißgriffe  und  schädigende  Temperatureinflüsse  zu  Stande  kommen. 
Besonders  bedenklich  sind  Perioden  abnormer  Witterung  —  Ein- 
tritt grösserer  Wärme  zur  Winterszeit,  Rückfall  von  Kälte  während 
des  Sommers  — ,  weil  sie  in  überraschender  Weise  eine  völlige  Aende- 
nmg  unserer  Gewohnheiten  erfordern. 

Die  bisherigen  meteorologischen  Daten  geben  uns  leider  einen 
nar  sehr  unvollkommenen  Aufschluss  über  diese  hygienisch  interessanten 
Schwankungen  der  Temperatur.  Die  am  sorgflUtigsten  registrirten  Jahres- 
Bcfawankungen  und  Monatsschwankungen  sind  für  uns  nur  von  sehr  geringem 
Interesse.  Weit  wichtiger  erscheint  die  Verftnderlichkeit  der  Temperatur  im 
Laufe  des  Tages  und  die  Yer&nderlichkeit  von  Tag  zu  Tag. 

Auch  diese  Ausdrücke  kommen  aber  nicht  sur  richtigen  Darstellung, 
wenn  nur  die  Mittelwerthe  angegeben  werden.  Die  durchschnittliche 
tfigliehe  Amplitude  bewegt  sich  z.  B.  in  München  zwischen  4®  und  9,4^;  an 
einigen  Tagen  kommen  dagegen  Tagesschwankungen  von  22 — 28^  vor.  Gerade 
diese  mehr  vereinzelten  ezcessiven  Schwankungen  sind  es  aber,  die  uns 
interessiren.  Ebenso  müssen  wir  auch  bei  der  Veränderlichkeit  von  Tag 
zu  Tag  die  Intensität  der  Schwankungen  unverwischt  zum  Ausdruck  zu  be- 
kommen suchen. 

Femer  sind  Schwankungen  von  gleicher  Intensität  nicht  gleichwerthig, 
wenn  sie  in  verschiedener  Temperaturlage  und  zu  verschiedener  Tageszeit  ver- 
laufen. £in  Temperaturabfall  von  26®  auf  16®  erfordert  bei  weitem  nicht  so 
eingreifende  Aenderung  unserer  Gewohnheiten  und  das  Ingangsetzen  so  neuer 
Begnlirvorrichtungen,  wie  ein  solcher  von  16®  auf  6®;  und  wiederum  ist  die 
Wirkung  auf  den  Menschen  viel  leichter  störend,  wenn  die  Aenderung  etwa 
zwischen  Mittag  und  Abend,  als  wenn  sie  über  Nacht  sich  vollzieht.  Ebenso 
smd  Schwankungen  unter  0®  weit  weniger  bedenklich,  ab  solche,  die  von  0®  in 
die  Temperaturlage  von  +  8®  bis  +  10®  heraufreichen;  ohne  sehr  aufmerksame 
ReguHmng  der  Kleidung  und  Wohnung  führen  diese  letzteren  äusserst  leicht 
sa  Ueberhitzung  des  Körpers. 

Vor  allem  ist  es  aber  für  die  Beurtheilung  der  einzelnen  Schwankung 
noch  sehr  wichtig,  in  welcher  Weise  sich  gleichzeitig  die  übrigen  klima- 
tischen Faktoren  verhalten.  Es  ist  oben  hervorgehoben,  dass  in  erster 
Linie  der  Wind  und  daneben  die  Feuchtigkeit  eine  wesentliche  Rolle  beim 
Zustandekommen  der  Erkältungskrankheiten  spielen.  Gleiche  Temperaturen 
haben  einen  ganz  verschiedenen  entwärmenden  Effekt,  je  nachdem  sie  das  eine 
Mal  von  heftigen  Winden,  das  andere  Mal  von  ruhigem  und  trockenem  Wetter 
begleitet  sind.  Es  wäre  dringend  erwünscht,  den  entwärmenden  Einfluss  nament- 
lich des  Windes  so  zu  berücksichtigen,  dass  der  jeweiligen  Entwärmung  unseres 
Körpers  dadurch  Rechnung  getragen  wird.  —  Auch  bei  den  Wirkungen  excessiv 


106  Wittenmg  und  Klima. 

hoher  und  niedriger  Temperaturen  sind,   wie  wir  oben  gesehen  haben,  stete 
andere  klimatische  Faktoren  gleichzeitig  betheiligt 

Erst  durch  eine  wesentlich  andere  Art  der  Begistrirung  können  daher 
die  hygienisch  interessanten  Beziehungen  der  Lufttemperatur  richtig  erkannt 
werden  (vgl.  S.  128). 

B.  Die  Laftfenehtlgkeit. 

Verhalten  des  Wasserdampfes  in  der  Luft  Der  beim  Verdunsten 
des  Wassers  gebildete  Wasserdampf  vertheilt  sich  gleichmftssig  in  der  Luft  und 
übt  dort  einen  gewissen  Druck  aus,  so  dass  das  Barometer  um  einige  Millimeter 
fallen  müsste,  wenn  die  Luft  plötzlich  getrocknet  würde.  Die  Menge  des  in  der 
Luft  enthaltenen  Wasserdampfes  kann  durch  den  von  demselben  ausgeübten 
Druck  (Spannung,  Tension)  gemessen  werden;  man  giebt  daher  die  Wasser* 
dampfmenge  gewöhnlich  in  Millimetern  Quecksilbersäule  an.  —  Büt 
steigender  Temperatur  vergrössert  sich  das  Aufnahmevermögen  der  Luft  für 
Wasserdampf;  je  heisser  daher  die  Luft,  um  so  höher  kann  der  Druck  des 
Wasserdampfes  steigen.  Für  jeden  Temperaturgrad  bt  aber  die  Aufnahme- 
fähigkeit der  Luft  für  Wasserdampf  scharf  begrenzt,  es  existirt  für  jeden  Grad 
ein  Zustand  der  Sättigung  mit  Wasserdampf  oder  der  maximalen  Tension 
des  Wasserdampfes;  sobald  Temperaturemiedrigung  eintritt,  muss  Condensation 
von  Wasserdampf  oder  Thaubildung  eintreten,  da  nunmehr  die  der  höheren 
Temperatur  entsprechende  Wasserdampfmenge  nicht  mehr  von  der  kälteren 
Luft  in  Dampfform  behalten  werden  kann  (vgl.  die  Tabelle  im  Anhang). 

Für  gewöhnlich  aber  ist  die  Luft  nicht  mit  Wasserdampf  gesättigt,  sondern 
enthält  eine  geringere  Menge,  so  dass  bei  der  betreffenden  Temperatur  noch 
mehr  in  Dampfform  aufgenommen  werden  könnte.  Um  den  daraus  resultirenden 
Feuchtigkeitszustand  der  Atmosphäre  zu  beurtheilen,  bestimmt  oder  berechnet 
man  folgende  Grössen: 

1)  Die  absolute  Feuchtigkeit,  d.  h.  diejenige  Menge  Wasserdampf  in 
Millimetern  Hg  oder  in  (jhramm  oder  Liter  pro  1  cbm  Luft  ausgedrückt,  welche 
zur  Zeit  wirklich  in  der  Luft  enthalten  ist  Dieser  Ausdruck  bildet  gewöhnlich 
die  Grundlage  für  die  Berechnung  der  übrigen  Faktoren. 

2)  Die  relative  Feuchtigkeit  oder  die  Fenchtigkeitsprocente 
g^ben  die  vorhandene  Feuchtigkeit  an  in  Procenten  der  für  die  betreffonde 
Temperatur  möglichen  maximalen  Feuchtigkeit.  Bezeichnet  man  die  maximale 
Feuchtigkeit  mit  F^  die  absolute  mit  F^^  so  sucht  die  relative  Feuchtigkeit  das 

r»  100  J^ 

Verhältniss  -~  anzugeben  oder  in  Procenten  berechnet  — =— ^* 

3)  Das  Sättigungs(Spannungs-)deficit;  misst  die  Differenz  zwischen 
maximaler  und  wirklich  vorhandener  absoluter  Feuchtigkeit,  also  F — F^\  das- 
selbe wird  ausgedrückt  entweder  in  Millimeter  Quecksilber  (Spannungs- 
deficit)  oder  in  Gramm  Wasserdampf  auf  1  cbm  Luft  (Sättigungsdeficit). 
Beide  Ausdrücke  zeigen  geringe,  für  gewöhnlich  zu  vernachlässigende  Diffe- 
renzen; im  Folgenden  wird  der  Ausdruck  Sättigungsdeficit  auch  für  die  Span- 
nungsdifferenz gebraucht 

4)  Der  Thaupunkt,  d.  h.  diejenige  Temperatur,  für  welche  augenblick- 
lich die  Luft  mit  Wasserdampf  gesättigt  ist,  oder:  für  welche  F^  die  Bedeutung 
von  F  hat  Sobald  diese  Temperatur  um  ein  Minimum  erniedrigt  wird,  muss 
Condensation,  Thaubildung  eintreten.  Die  Thaupunktsbestimmung  dient  wesent- 
lich zur  Wetterprognose. 


Die  einseinen  meteorologischen  Faktoren.  107 

Methoden  lur  Bestimmung  der  Laftfeachtigkeii 

1)  Bestimmung  durch  Wägung  des  Wasserdampfs,  welcher  aus  einem 
gemessenen  Luftvolum  durch  Schwefels&ure  oder  Calciumchlorid  absorhirt  ist 

2)  Condensationshygrometer;  bestimmen  den  Thaupunkt  und  aus 
diesem  mit  Hülfe  der  oben  gegebenen  Tabelle  die  absolute  Feuchtigkeit  Ein 
klemes  cylindrisches  Geftss,  welches  aussen  mit  einer  glänzend  polirten  Silber- 
bekleidung versehen  ist,  wird  künstlich  abg^fihlt;  mit  Hülfe  von  empfindlichen 
Thermometern  wird  genau  beobachtet,  bei  welcher  Temperatur  Thaubildung 
auf  der  Silberfläche  eintritt.    (Daniel,  Rbonaült.) 

3)  Haarhygrometer;  entfettete  Haare  oder  Strohfasem  oder  Streifen 
thierischer  Membranen  verkürzen  sich  bei  relativ  trockener  Luft  und  verlängern 
sich  mit  steigender  relativer  Feuchtigkeit  Sie  k5nnen  leicht  in  passender  Weise 
angehängt  und  mit  einem  Zeiger  verbunden  werden,  der  sich  auf  einer  Skala 
bewegt;  die  Zahlen  der  empirisch  geaichten  Skala  geben  dann  direct  die 
Feuchtigkeitsprocente  an.  Die  Instrumente  sind  sehr  veränderlich  und  müssen 
häufig  eontrolirt  werden. 

4)  Atmometer;  messen  das  in  der  Zeiteinheit  von  einer  bekannten  Fläche 
verdunstete  Wasser  und,  da  dieses  in  ruhiger  Luft  und  bei  gleichem  Luftdruck 
von  dem  Sättigungsdeficit  abhängt,  liefern  sie  directe  Bestimmungen  dieses  Aus- 
drucks. Mit  den  bisher  constrnirten  Atmometem  sind  jedoch  zuverlässige  An- 
gaben nicht  zu  erhalten. 

5)  Psychrometer.  Man  beobachtet  zwei  Thermometer,  von  welchen  die 
Kugel  des  einen  mit  Musselin  umhüllt  und  mit  Wasser  befeuchtet  ist;  an  dem 
feuchten  Thermometer  wird  Wasser  verdunsten  und  zwar  um  so  energischer,  je 
trockener  die  Luft  und  je  niedriger  der  Barometerstand  ist;  entsprechend  dem 
Grade  der  Wasserverdunstung  wird  mehr  oder  weniger  Wärme  latent  und  das 
feuchte  Thermometer  muss  eine  um  so  niedrigere  Temperatur  gegenüber  dem 
trockenen  Thermometer  zeigen,  je  austrocknender  die  Luft  wirkt.  Man  wartet 
bis  das  feuchte  Thermometer  seinen  tiefsten  Stand  erreicht  hat,  liest  dann  ab 
und  berechnet  aus  der  Temperatur  des  trockenen  und  des  feuchten  Thermo- 
meters nach  einer  einfachen  Gleichung  oder  mit  Hülfe  von  Tabellen  die  absolute 
Feuchtigkeit 

Das  Psychrometer  liefert  ungenaue  Angaben,  sobald  die  Windgeschwindig- 
keit, welche  die  Verdunstung  gleichfalls  energisch  beeinflusst,  wechselt  Ver- 
^chbare  Werthe  erhält  man  daher  sowohl  im  Freien,  wie  besonders  in  der 
Zimmerluft  nur  dann,  wenn  man  stets  einen  Luftstrom  von  gleicher  Ge- 
schwindigkeit über  die  feuchte  Kugel  streichen  Ifisst  Dies  lässt  sich  erreichen 
durch  AssMANN^s  Aspirationspsychrometer,  bei  welchem  neben  dem  S.  92 
beschriebenen  trockenen  Thermometer  sich  noch  ein  solches  mit  befeuchteter 
Kugel  befindet  —  Oder  man  befestigt  das  feuchte  Thermometer  an  einer  1  m 
langen  Schnur  und  schwingt  es  einmal  pro  Sekunde  im  Kreise.  Mit  einem 
solchen  Schleuder-Psychrometer,  das  für  hygienische  Untersuchungen  das 
brauchbarste  Instrument  ist,  erhält  man  ausreichend  genaue  Werthe  (s.  An- 
hang). 

Yertheilang  der  Luftfeuchtigkeit  auf  der  Erdoberfläche. 

1)  Die  Menge  der  absoluten  Feuchtigkeit  hängt  Yor  allem  ab  von 
der  Temperatur,  sodaim  von  der  Möglichkeit  zu  reichlicher  Wasser- 


108 


Witterung  und  Klima. 


Verdunstung.    Maximal  ist  sie  z.  B.  im  mexikanischen  Meerbusen  bei 
windstillem  Wetter;  das  Minimum  finden  wir  in  den  Polargegenden. 

Oertliohe  Vertheilung  der  Luftfeuchtigkeit 


Archangel  . 
St  Petersburg 
Königsberg 
Kiel   .    .    . 
Borkum . 
Berlin 
Darmstadt 
Breslau  . 
Basel 
Wien 
Athen 
Odessa   . 
Tiflis.    . 
Bombay 
Labore  .* 
New  York 
Philadelphia 


Mittlere 

Mittlere 

absolute 

relative 

Feuchtigkeit 

Feuchtigkeit 

(in  mm) 

(Procente) 

3-8 
4-8 
6-4 
6-7 
7-8 
6-8 
7-0 
6-6 
6-7 
6*9 
91 
6-8 
80 
19-8 
11*5 
6-6 
70 


80 
82 
80 
82 
86 
74 
75 
75 
75 
72 
62 
76 
67 
77 
52 
67 
68 


Mittleres 

Sftttigungs- 

deficit 

(io  nim) 


0-9 
11 
1*8 
15 


1 
2 
2 


4 
6 
7 


2-5 
2*2 


2 
5 
2 
3 
5 

10-6 
3-2 
3*3 


1 
6 
l 
9 

8 


Die  Tagesschwankung  der  absoluten  Feuchtigkeit  yerlfiuft  in 
unseren  Breiten  an  klaren  Sommertagen  so,  dass  kurz  Yor  Sonnen- 
aufgang das  Minimum  liegt,  und  zwar  weil  wahrend  der  Nacht  gewöhn- 
lich Thaubildung  eingetreten  ist;  dann  steigt  die  absolute  Feuchtigkeit 
in  Folge  der  zunehmenden  Wasserverdunstung  bis  etwa  9  Uhr  Morgens, 
darauf  erfolgt  Abnahme  bis  4  Uhr  Nachmittags,  weil  sich  unter  dem 
Einfluss  der  stärkeren  Erwärmung  ein  aufisteigendei  Luftstrom  aus- 
bildet, welcher  einen  Theil  des  Wasserdampfs  mit  sich  fortführt  Von 
4  Uhr  ab  sinkt  die  erkaltende  Luft  allmählich  wieder  abwärts  und 
damit  tritt  Steigerung  der  Luftfeuchtigkeit  ein  bis  etwa  9  Uhr  Abends. 
Ton  diesem  zweiten  Maximum  ab  ist  dann  wieder  ein  Sinken  der 
Feuchtigkeit  in  Folge  von  Condensation  zu  bemerken ,  so  dass  vor 
Sonnenaufgang  das  Minimum  eintritt  Bei  trübem  Wetter  wird  der 
Gang  dieser  Curve  mehr  oder  weniger  verwischt;  im  Winter  ist  nur 
eine  maximale  Erhebung  etwa  um  2  Uhr  Nachmittags  und  ein  tiefster 
Stand  zur  Zeit  des  Sonnenaufgangs  ausgeprägt 


Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren. 


109 


Die  Jahressehwankiing  verläuft  so,  dass  wir  im  Januar  die 
geringste,  im  Juli  die  höchste  absolute  Feuchtigkeit  haben  (s.  Tab.). 

2)  Die  relative  Feuchtigkeit  zeigt  eine  Tagesschwankung 
der  Art,  dass  das  Maximum  (im  Mittel  95  Procent  Feuchtigkeit)  zur 
Zeit  des  Sonnenaufgangs  liegt  Von  da  nimmt  sie  allmählich  ab,  er- 
reicht zwischen  2  und  4  Uhr  das  Minimum  (50 — 60  Procent),  um  gegen 
Abend  wieder  zu  steigen.  Die  Jahresschwankung  zeigt  im  Ganzen 
nur  geringe  Differenzen;  in  unserem  Klima  haben  wir  im  Winter  die 
höchste  relative  Feuchtigkeit  von  75 — 85  Procent;  in  den  Sommer- 
monaten das  Minimum  mit  65 — 75  Procent  Feuchtigkeit  —  Den  ge- 
ringsten Sättigungsprocenten,  zwischen  20  und  40  I^ocent,  begegnen 
wir  im  Frühjahr  und  Sommer  zur  Mittagszeit  und  bei  östlichen  Winden. 


Jahreszeitliche  Vertheilung  der  Luftfeuchtigkeit 


1 

1 

1 

Borkuir 

i 

Königsberg 

Dannstadt 

1 

1 

Absol. 
Feucht 

Relat 
Feucht 

Sätt- 
Deficit 

Absol. 
Feucht 

Relat 
Feucht 

CfiQ 

Absol. 
Feucht 

Relat 
Feucht 

Deficit 

4*5 

90 

0-5 

3.5 

88 

0-4 

1 
42 

83 

0*9 

Februar    .     . 

51 

91 

0.6 

84 

86 

0-6 

4.6 

81 

11 

Mirs     .    .     . 

5-2 

86 

0*8 

8-8 

82 

0.8 

4.7 

73 

1.7 

April    .    .    . 

6-4 

84 

18 

5.1 

75 

1.7 

5.7 

66 

29 

Mai  ...    . 

7-8 

81 

1.8 

7-0 

71 

2.9 

7.4 

64 

42 

Juni      .    «     . 

10*6 

82 

24 

9.6 

72 

37 

9-6 

66 

4.9 

Juli.    .     .     . 

12-0 

82 

2-6 

10. 9 

74 

3.8 

11. 1 

68 

5-3 

August.    .    . 

12-0 

83 

2-5 

10. 7 

75 

3  6 

1  10.7 

70 

46 

September 

10-4 

86 

l'S 

73 

80 

1.8 

9-3 

74 

3-8 

Oetober    .    . 

8-0 

87 

12 

67 

83 

14 

i     70 

80 

17 

November 

6.1 

89 

0.7 

4.6 

87 

0-7 

5.6 

84 

1.1 

Deeember.     . 

51 

92 

0*5 

38 

88 

0.5 

,    4.3 

87 

07 

Die  örtliche  YertheUung  weist  eben&lls  nur  geringe  Differenzen 
auf  üeber  den  Continenten  finden  wir  im  Allgemeinen  ein  Jahres- 
mittel  Ton  70 — 80  Procent  relativer  Feuchtigkeit,  an  den  Meeresküsten 
80 — 90  Procent  —  An  der  bekanntlich  sehr  trockenen  Ostküste  von 
Nordamerika  beträgt  die  mittlere  relative  Feuchtigkeit  noch  nahezu 
70  Procent  Die  niedrigsten  Zahlen,  25 — 30  Procent,  werden  beob- 
achtet  in  Aegypton  während  der  Chamsin  weht;  femer  an  der  Riviera 
in  den  Wintormonaten,  wo  sogar  nur  15 — 20  Procent  beobachtet 
werden,  wenn  der  fShnarüge,  vom  kälteren  Hinterland  aus  die  ligu- 


110  Wittening  und  Klima. 

mtikm  Alpen  übersteigende  and  beim  Absinken  sich  stark  ci  waiineade 
Nordwind  herrscht 

3)  Das  Sattigongsdeflcit  zeigt  eine  tägliche  Periode,  welche  der- 
jenigen der  relativen  Feuchtigkeit  ähnlich  ist,  aber  etwas  grössere  £x- 
cursionen  macht.  Die  Jahresschwankong  lässt  ungeheuere  Differenzen 
herrortreten  (s.  Tabelle  S.  109);  im  Juni  und  Juli  ist  das  Sättigungsdeficit 
um  500 — 700  Procent  grosser,  als  im  December  und  Januar.  An 
warmen  Sommertagen  mit  ostlichen  Winden  erhebt  es  sich  nicht  selten 
bis  zu  einer  Höhe  von  20  mm.  —  Auch  örtlich  treten  sehr  starke 
Differenzen  hervor;  schon  auf  unserem  Continent  ist  die  Lage  an  der 
Küste  gegenüber  dem  Inneren  durch  ein  erheblich  geringeres  Sättigungs- 
deficit ausgezeichnet;  Darmstadt  z.  B.  zeigt  ein  £äst  doppelt  so  grosses 
mittleres  Sättigungsdeficit  als  Borkum. 

Hygienische  Bedeutung  der  Luftfeuchtigkeit 

Es  liegt  der  Oedanke  nahe,  dass  eine  directe  Wirkung  der  Luft- 
feuchtigkeit auf  den  menschlichen  Organismus  dadurch  zu  Stande  kommt^ 
dass  die  Wasserdampfabgabe  und  durch  Vermittelung  dieser  auch  die 
Wärmeabgabe  vom  Körper  quantitativ  abhängig  ist  vom  Verhalten  der 
Luftfeuchtigkeit 

Das  vom  OrgaDismus  abgegebene.  Wasser  verl&sst  den  Körper  un- 
gefähr zu  gleichen  Theilen  in  Form  von  Dampf,  nnd  in  flüssiger  Form  im 
Schweiss,  Harn  und  Koth.  Ist  die  Verdampfung  behindert,  so  steigert  sich 
die  Menge  des  im  Schweiss  und  Harn  ausgeschiedenen  Wassers;  ist  die  Ver» 
dampfung  reichlich,  so  werden  jene  Sekrete  spftrlicher. 

Ist  der  Ersatz  des  durch  die  Haut,  den  Harn  oder  den  Darm  ausgeschiedenen 
Wassers  unzureichend,  so  tritt  zunächst  ein  OefÜhl  der  Trockenheit  an  der 
Zungenwurzel  und  am  Gaumen  auf;  durch  diese  „Durstempfindung"  erfolgt  vor* 
zugsweise  die  Regulierung  der  Wasserzufnhr.  Dieselbe  Tit>ckenheit8empfindung 
kann  aber  auch  durch  örtliche  Eintrocknung  hervorgerufen  werden. 

Die  Wasserd am p fabgab e  vollzieht  sich  theils  von  den  Athmungs- 
Organen,  theils  von  der  Haut  aus.  Von  den  1300  g  (im  Mittel)  in  Dampffbrm 
ausgeschiedenen  Wassers  entfallen  etwa  400  g  ^  warmen  Klimaten  weniger) 
auf  die  Lunge,  der  Rest  auf  die  Haut 

Bisher  nahm  man  an,  dass  die  Wasserdampfabgabe  von  der  Haut  ab- 
hängig sei  von  der  Verdunstungsintensität  der  Luft;  dass  also  die  Haut  sich 
nicht  anders  verhalte  wie  die  todte  feuchte  Fläche  des  Atmometers,  deren 
Wasserabgabe  vom  Sättigungsdeficit,  vom  Barometerstand  und  von  der  Laft- 
bewegung  abhängt 

Ein  abweichendes  Verhalten  wurde  nur  für  die  Athmnngsluft  berechnet 
Man  nahm  an,  dai^s  diese  im  Mittel  mit  einer  Temperatur  von  36 — 3T®  nnd 
gesättigt  mit  Wasserdampf  ausgeathmet  wird,  einerlei,  welche  Temperatur  und 
Feuchtigkeit  die  Aussenluft  hat  Bei  dieser  Annahme  enthält  die  Ausathmungs- 
luft  stets  circa  41  g  Wasserdampf  pro  1  Cubikmeter,  und  die  Menge  des  in 
den  Lungen  verdampften  und  der  EÜnathmungsluft  zugefügten  Wassers  ergiebt 


Die  eincelnen  meteorologiBchen  Faktoren.  111 

flieh  soDAch,  wenn  die  absolute  Feuchtigkeit  der  Einathmungslnft  von  jenen 
41  g  snbtrahirt  wird.  Die  Wasserdampfabgabe  dareb  die  Athmung  ist  daher 
nach  der  absoluten  Feuchtigkeit  der  Luft  zu  bemessen. 

Neuere  Experimente  von  Rubnbr  zeigen  aber,  dass  wir  uns  die  Wasser- 
dampfibgabe  von  den  Flftchen  des  lebenden  Körpers  nicht  als  einen  passiven 
Vorgang  vorstellen  dürfen  ähnlich  der  Verdunstung  von  todtem  Substrat,  son- 
dern der  Körper  ist  dabei  ganz  wesentlich  aktiv  betheiligt  Auch  die  Ab- 
hängigkeit der  Wasserabgabe  seitens  der  Lungen  von  der  absoluten  Feuchtigkeit 
Ist  nicht  als  genau  zutreffend  anzusehen;  die  ganze  mit  der  verdunstenden  Ober- 
fliehe in  Berfihrung  kommende  Athmungsluft  wird  nicht  immer  gleichmfissig  er- 
winnt  und  mit  Wasserdampf  gesftttigt,  und  ausserdem  muss  die  bei  verschiedenen 
Körpenost&nden  sehr  erheblich  schwankende  Menge  der  Athmungslnffc  die  GrOsse 
der  Wasserabgabe  alteriren. 

Ans  den  physiologischen  Versuchen  ergiebt  sich  bezüglich  des  Ein- 
flusses der  äusseren  Yerhältnisse,  dass  die  Gesammt-Wasserdampfab- 
gäbe  cet  par.  und  namentlich  bei  gleichbleibender  Temperatur  von 
der  relativen  Feuchtigkeit  abhängig  ist  Bei  gleicher  relativer  Feuchtig- 
keit ist  dagegen  die  Wasserdamp&bgabe  vor  allem  von  der  Temperatur 
abhängig.  Von  15^  abwärts  steigt  sie,  aber  nur  in  Folge  der  Zunahme 
der  Lungen  abscheidung.  Mit  höherer  Temperatur  steigt  die  Wasser- 
damp&usscheidung  durch  die  Haut,  und  zwar  von  etwa  25®  in  steilerer 
Curre.  —  Wind  setzt  die  Wasserdampfabgabe  von  der  Haut  bei  20  bis 
35®  erheblich  herab;  erst  bei  sehr  hoher  Temperatur  wird  sie  gesteigert 
(Wolpebt).    Der  Luftdruck  hat  wenig  Einfluss. 

Neben  den  äusseren  Verhältnissen  ist  von  grosser  Bedeutung  der 
jeweilige  Zustand  des  Organismus;  und  zwar  haben  den  stärksten  Ein- 
flnsB  Muskelarbeit  und  Ernährung.  Durch  Muskelarbeit  kann  die 
Wasserdamp&bgabe  auf  das  Mehrfache  gesteigert  werden.  Die  Er- 
nährung zeigt  ihren  Einfluss  namentlich  bei  höherer  Temperatur.  Bis 
-f  15®  hat  die  relative  Feuchtigkeit  den  wesentlichsten  Einfluss,  gleicb- 
g^tig  welcher  Art  die  Ernährung  ist  Von  25®  aufwärts  zeigt  sich 
dne  unbedingte  Steigerung  der  Wasserdampfabgabe  mit  der  Tempe- 
ratur, selbst  beim  hungernden  und  wenig  genährten  Organismus.  Für 
die  zwischenliegenden  Wärmegrade,  bei  denen  wir  uns  gewöhnlich  be- 
finden, gilt  aber  das  Gesetz,  dass  bei  stärkerer  Ernährung  resp.  über- 
schüssiger Nahrung  eine  Steigerung  der  Wasserdampfabgabe  mit  der 
Temperatur  schon  von  15®  ab  beginnt  und  so  bedeutend  wird,  dass 
die  Temperatur  das  bestimmende  Moment  für  die  Wasserdampfabgabe 
ausmacht    Die  Haut  kommt  dann  früher  in  den  sog.  „aktiven''  Zustand. 

Eine  unter  allen  Umständen  normale  relative  Feuchtigkeit 
kann  in  Folge  dieser  verschiedenartigen  mitwirkenden  Faktoren  nicht  an- 
gegeben werden.  Indessen  ist  ein  Ueberschuss  der  Wasserdampfabgabe 
vom  Körper  zweifellos  von  viel  geringerer  hygienischer  Bedeutung  als 


112  Witterung  nnd  Klima. 

eine  Hemmung.  Erstere  ffihrt  höchstens  zu  vermehrtem  DorstgeföhL 
Eine  Hemmung  der  Wasserdampfabgabe  ist  dagegen  mit  einer  Wärme- 
stauung verbunden,  die  bei  höheren  Temperaturgraden  belästigend  und 
gefährlich  werden  kann;  und  ausserdem  erzeugen  hohe  Sättigungs- 
procente  ein  specifisches  Gefühl  der  Beklemmung  und  Beängsti- 
gung; 70 — 80  Procent  Feuchtigkeit  werden  schon  bei  24^  sehr  schlecht 
ertragen,  vollends  bei  Muskelarbeit  und  reichlicher  Nahrung.  —  Bei 
18 — 20 ^y  Buhe,  gemischter  Eost,  fehlender  Luftbewegung 
scheinen  40 — 60  Procent  Feuchtigkeit  am  günstigsten  zu  sein; 
bei  höheren  Temperaturen  30 — 40  Procent  —  Nur  bei  niederen 
Temperaturen  unter  15®  bewirkt  feuchte  Luft  eine  Vermehrung 
der  Wärmeabgabe  durch  Strahlung  und  Leitung  im  Vergleich  zu  kalter 
trockener  Luft;  erstere  macht  daher  bei  gleichem  Temperaturgrad 
einen  viel  kälteren  Eindruck.  Eine  Schwankung  der  Luftfeuchtigkeit 
um  12Yj  Procent  erzeugt  eine  ähnliche  Vermehrung  des  Wärmever- 
lustes durch  Leitung  wie  eine  Verminderung  der  Temperatur  um  1® 
(Bübnbb).  —  Extrem  niedrige  Feuchtigkeitsprocente  sind  bei  niederer 
Temperatur  ohne  erhebliche  Wirkung.  Bei  höheren  Wärmegraden  sind 
sie  willkommen  zur  Erleichterung  der  Wärmeabgabe;  störende  Er- 
scheinungen kommen  nur  vor,  wenn  bei  sehr  hohen,  tropischen  Tem- 
peraturen und  heftigen  Winden  ein  ungewöhnliches  Austrocknen 
der  unbedeckten  Haut  und  der  exponirten  Stellen  der  oberfläch- 
lichen Schleimhäute  eintritt,  und  durch  starken  Staubgehalt  der  Luft 
unterstützt  wird. 

Abgesehen  von  der  geschilderten  Beeinflussung  der  Wasserdampf- 
abgabe und  Wärmeabgabe  des  Körpers  zeigt  die  Luftfeuchtigkeit  aber 
noch  eine  Reihe  von  ausgesprochenen  hygienischen  Beziehungen,  welche 
mit  gewissen  alltäglichen  Beobachtungen  über  die  Wirkung  feuchter 
oder  trockener  Luft  zusammenfallen.  Wenn  wir  im  gewöhnlichen  Leben 
von  trockener  oder  feuchter  Luft  sprechen,  so  wollen  wir  damit 
die  austrocknende,  das  Wasser  von  freien  Flächen  zum  Verdunsten 
bringende  Kraft  der  Luft  bezeichnen.  Durch  eine  trockene  Luft  wird 
die  Feuchtigkeit  unserer  Kleidung,  der  Schweiss,  die  Feuchtigkeit  der 
Bodenoberfläche  rasch  verdunstet,  es  bildet  sich  Staub;  Holz,  Nahrungs- 
mittel, die  Vegetation  vertrocknen.  Gleichzeitig  empfinden  wir  eine 
stärker  austrocknende  Luft  daran,  dass  die  Lippen  und  die  Haut  spröde 
werden,  und  dass  bei  offenem  Munde  und  bei  anhaltendem  Sprechen 
Zunge  und  Gaumen  eintrocknen  und  Durstempfindung  auslösen. 

Diese  austrocknende  Wirkung  der  Luft  hat  eine  vielfache  in- 
directe  hygienische  Bedeutung  dadurch,  dass  die  Bildung  und  Ver- 
breitung von  Luftstaub,  die  Lebensfiihigkeit,  die  Vermehrung  und  Ver- 


Die  einzelnen  meteorologiBchen  Faktoren.  113 

hreitong  der  Münroorganismen,  die  Wasserrerhaltoisse  des  Bodeos  o.  ä.  m. 
ron  derselben  abhängig  sind.  Bei  trockener  Lnfk  hört  die  Vermehrung 
der  aaf  dem  Boden  oder  in  irgend  welohen  feachten  Substraten  lebenden 
Mikroorganismen  auf;  yiele  Arten  werden  sogar  durch  das  Trocknen 
getödtet;  daf&r  werden  aber  die  resistenteren  mit  dem  Staub  in  die 
Luft  übergef&hrt  und  durch  Winde  verbreitet  Stellt  sich  femer  an 
der  Bodenoberflache  eine  trockene  Zone  Ton  einiger  Mächtigkeit  her, 
so  sinkt  das  Grundwasser  und  jedes  Tieferspülen  von  Niederschlägen 
oder  Verunreinigungen  in  die  unteren  Bodenschichten  hört  auf.  Auch 
die  Bewohnbarkeit  von  Neubauten  und  Kellerwohnungen,  die  Gonserrir- 
barkeit  mancher  Nahrungsmittel  u.  s.  w.  ist  wesentlich  von  der  aus- 
trocknenden Kraft  der  Luft  abhwgig. 

Es  ist  daher  für  die  Hygiene  auch  von  Interesse  festzustellen, 
welcher  unter  den  verschiedenen  Ausdrücken  für  das  Verhalten  der 
Luftfeuchtigkeit  die  verdunstende  Kraft  der  Luft  gegenüber  todten 
Flächen  am  richtigsten  kennzeichnet. 

Aus  den  oben  gegebenen  Zahlen  für  die  örtliche  und  zeitliche 
Veriheüung  der  absoluten  Feuchtigkeit  geht  ohne  Weiteres  hervor, 
dasB  dieselbe  uns  den  gewünschten  Maassstab  nicht  giebt,  dass  sie  sich 
vielmehr  eher  gegensätzlich  verhält 

Ebensowenig  wird  die  austrocknende  Wirkung  der  Luft  durch  die 
relative  Feuchtigkeit  gemessen.  Wir  machen  stets  die  Erfahrung, 
dass  die  trocknende  Wirkung  der  Luft  im  Hochsonmi»  der  des  Winters 
um  ein  ganz  Bedeutendes  überlegen  ist,  viel  mehr  als  dies  in  den 
S.  109  aufgeführten  zeitliche  Differenzen  der  relativen  Feuchtigkeit 
hervortritt  Femer  weisen  vielfache  Erfahrungen  der  Bewohner  der 
wertlidien  Vereinigten  Staaten  (z.  B.  das  schnelle  Austrocknen  der 
Neubauten,  der  Wäsche,  aufbewahrten  Brodes  u.  &  w.)  darauf  hin,  dass, 
dort  eine  ganz  erheblich  trocknere  Luft  herrscht  als  auf  unserem 
Continent;  trotzdem  ist  die  relative  Feuchtigkeit  dort  kaum  geringer 
als  z.  B.  in  Wien.  —  Die  eminent  austrocknende  Wirkung  des 
Chamsin  ist  vollauf  bekannt,  und  doch  zeigt  hier  die  Luft  immer  noch 
höhere  relative  Feuchtigkeit  als  in  den  Wintermonaten  an  dqr  Biviera, 
wo  weder  Menschen  noch  Vegetation  unter  austrocknender  Luft  zu 
leiden  haben. 

Für  diese  austrocknende  Wirkung  der. Luft  giebt  vielmehr  das 
Sättigungsdeficit  einen  richtigen  Ausdruck.  Die  Intensität  der 
Waaserverdunstung  ist  cet  par.  der  Grösse  des  Sättigungsdeficits  pro« 
portional;  je  grösser  der  noch  nicht  mit  Wasserdampf  gefüllte  Baum 
ist  (F-^  PJ,  um  so  energischer  austrocknend  wirkt  die  Luft.    Im  Gründe 

FiJÖBam,  Onmdrifli.    V.  Aufl.  8 


114  Witterung  und  Klima. 

gind  zwar  for  die  Vefdunstong  noch  zwei  andere  Faktoren  in  Betracht 
zu  ziehen,  die  Lnftbew^gnng  und  der  Luftdruck.  Abgesehen  yom 
Höhenklima  kommen  aber  bedeutende  Differenzen  des  Luftdrucks  auf 
der  Erdoberfläche  nidit  vor;  und  es  sind  daher  im  Freien  nur  Sät- 
tigungsdeficit  und  Wind,  in  geschlossenen  Bäumen  und  bei  Windstille 
sogar  das  Sättigungsdeficit  allein  maassgebend  für  die  Verdunstung. 

Die  zeitliche  und  örtliche  Vertheilung  des  Sättigungsdeficits  harmo- 
nirt  in  der  That  mit  allen  unseren  Erfohrungen  über  die  Verschieden- 
heiten in  der  austrocknenden  Wirkung  der  Jahreszeiten  und  Elimate. 
Die  starken  zeitlichen  Differenzen  stimmen  mit  der  Thatsache  überein, 
dasä  wir  im  Sommer  ein  viel  schnelleres  Austrocknen  beobachten  als 
im  Winter;  die  starken  örtlichen  Differenzen  entsprechen  den  Unter- 
schieden des  continentalen  und  des  Seeklimas  in  Bezug  auf  trocknende 
Wirkung  der  Luft 

Auch  das  aus  der  relativen  Feuchtigkeit  in  keiner  Weise  erklärliche 
Verhalten  der  Luftfeuchtigkeit  im  Westen  der  Vereinigten  Staaten,  an 
der  Riviera  und  in  Aegypten  findet  volle  Erklärung,  sobald  man  die 
Luftfeuchtigkeit  nicht  durch  die  relative  Feuchtigkeit,  sondern  durch 
das  Sättigungsdeficit  misst.  Der  Unterschied  beider  Ausdrücke  liegt 
eben  wesentlich  darin,  dass  bei  gleicher  relativer  Feuchtigkeit,  aber 
wechselnder  Temperatur,  das  Sättigungsdeficit  ausserordentlich  ver- 
schieden ausßllt  und  dass  im  Sättigungsdeficit  der  Einfluss  der  Tem- 
peratur gleichsam  mitenthalten  ist  Bei  +  5  ^  repräsentirt  eine  relative 
Feuchtigkeit  von  70  Procent  eine  gar  nicht  austrocknende  LaR 
von  2  mm  Sätt-De£,  bei  85  ^  dagegen  eine  sehr  stark  trocknende  Luft 
von  12  mm  Sätt-De£ 

Im  Osten  der  Vereinigten  Staaten  haben  wir  zwar  ungefähr 
gleiche  relative  Feuchtigkeit  wie  bei  uns,  aber  durchschnitüich  erheb- 
lich höhere  Temperatur,  und  daraus  ergiebt  sich  ein  erheblich  grösseres 
Sättigungsdeficit  Bei  uns  haben  wir  im  Juli  eine  mittlere  Temperatur 
von  18^  und  68  Procent  Feuchtigkeit,  in  Philadelphia  dagegen  24-4** 
und  60  Procent  Feuchtigkeit;  das  Sättigungsdeficit  beträgt  dann  bei 
uns  4-9  min,  an  letzterem  Orte  9-1  mm;  dementsprechend  ist  die 
austrocknende  Wirkung  der  Luft  etwa  doppelt  so  gross.  —  Ebenso 
erklärt  sich  jetzt  das  paradoxe  Verhalten  Aegyptens  und  der  Riviera. 
Der  Chamsin  zeigt  bei  25 — 30  Procent  Feuchtigkeit  eine  Temperatur 
von  circa  40®,  das  Sättigungsdeficit  beträgt  alsdann  40  mm;  eine  Zahl, 
welcher  man  eben  nur  in  der  v^tationslosen  Wüste  begegnet;  dazu 
kommt  noch  die  Wirkung  der  lebhaften  Windbewegung.  An  der  Biviera 
beobachten  wir  dagegen  20  Procent  Feuchtigkeit  bei  einer  gleichzeitigen 


Die  einzeliieii  meteorologiBchen  Faktoren. 


116 


Dnrcfaschnittstemperatiir  von  etwa  10^;  das  Sattignngsdeficit  beträgt 
alsdann  7  mm,  d.  h.  dasselbe  ist  immerhin  nooh  so  gering,  da-ss 
Yon  einer  stark  austrocknenden  Wirkung  nicht  die  Bede  sein  kann,  r^ 
Wie  schon  erwähnt,  sind  übrigens  die  belästigenden  Wirkungen  des 
Chamsin  und  des  Sirocco  zu  einem  wesentlichen  Theile  durch  die  un- 
geheuren Staubmassen  bedingt,  mit  denen  die  Luft  während  des 
Herrschens  jener  Winde  erfüllt  zu  sein  pflegt 

Im  hygienischen  Interesse  ist  somit  eine  Messung  und  Begistrirung 
der  absoluten  Feuchtigkeit  kaum  indicirt;  Bedeutung  kommt  dagegen 
f^  die  Funktionen  der  Wasserdampf-  und  Wärmeabgabe  vom  Körper 
der  relativen  Feuchtigkeit  zu;  und  neben  dieser  ist  das  Sattignngs- 
deficit maassgebend  für  die  austrocknende  Wirknng  der  Luft. 

Die  bisherige  Begistrirung  der  Loftfeuchtigkeit  leidet  unter  fthnlichen 
Fehlem  wie  die  der  Wärme.,  Dadurch,  dass  stets  nur  Mittel werthe  berechnet 
werden,  tritt  ein  Verwischen  der  einzelnen  bedeutungsvoUen  Phasen  ein;  und 
bei  jeder  Einzelbeobachtung  müsste  die  gleichzeitige  Wirkung  anderer  einfluss- 
reicher Faktoren,  z.  B.  des  Windes,  mit  zum  Ausdruck  gebracht  werden. 

C.  Der  Lnftdruek« 

Messung  des  Luftdrucks.  Wir  messen  den  Druck  der  Luft  gewöhn- 
tich  durch  die  Höhe  einer  Quecksilbersäule,  weiche  der  auf  uns  lastenden  Luft- 
sinle  das  Gleichgewicht  hält  (Quecksilberbarometer);  oder  durch  sogenannte 
Holo8teric-(Aneroid-)Barometer,  bei  welchen  eine  flache  Dose  aus  elasti- 
schen Metall-LameUen  einen  barometrischen  Cylinder  bildet,  dessen  Wandungen 
je  nach  der  Stärke  des  Luftdrucks  Excursionen  ausfahren.  Die  Barometer- 
ablesungen an  verschiedenen  Orten  und  zu  verschiedener  Zeit  sind  nur  bei  der- 
selben Temperatur  unter  einander  vergleichbar.  Nach  jeder  Ablesung  ist  dem- 
ent^rechend  eine  Reduction  der  Barometerangäbe  auf  0^  am  einfachsten 
mit  Hülfe  von  Tabellen,  vorzunehmen. 

Höhe  einer  Luftsäule,  deren  Druck  1  mm  Hg  das  Gleich- 
gewicht hält 


Baro- 
meterstand 


+  80* 


780  mm 

11-5  Meter 

760  „ 

11-8   „ 

1^    ,»  1 

12. 1   „ 

720  „ 

12. 4   ., 

700  ., 

12-8   ., 

880  .,  ' 

13. 2   „ 

+  20 


11*1  Meter 

11-4      „ 

11-7 

120 

12-3 

12-7 


>» 


1» 


•j 


+  10' 


10* 7  Meter 
10-9 


»» 


11-2 
11. 6 
11*9 
12*2 


t> 

»> 


0' 


10*2  Meter 

10*5 

10*8 

11*1 

11-4 

11*8 


-  10 


9*8  Meter 
10.  l      „ 
10*4 
107 
11*0 
11. 3 


»» 


r» 


»» 


>» 


Will  man,  wie  es  bei  meteorologischen  Beobachtungen  gewöhnlich  der  Fall 
ist,  ans  den  Barometerbeobachtungen  verschiedener  Orte  auf  die  augenblicklich 
Torbandcnea  Gleichgewichtsstörungen  im  Luftmeer  schliessen,  so  mnss  vorher 

8» 


116  WitteroDg  und  Klima. 

noch  ein  wichtiger  lokaler  Einfluss  eliminirt  werden,  nämlich  die  Höhenlage 
des  Ortes.  Mit  der  Erhebung  über  die  Erdoberflftche  nimmt  der  Luftdruck  in 
geometrischer  Progression  ab;  und  um  daher  yergleichbare  Zahlen  zu  erhalten, 
müssen  die  sfimmtlichen  Beobachtungszahlen  auf  das  Meeresniveau  reducirt 
werden.  Dies  geschieht  entweder  mit  Hülfe  von  complicirten  Formeln,  oder 
einfacher  durch  Tabellen,  welche  wenigstens  eine  annfthernde  Reduktion  mna- 
zuführen  gestatten.  Als  Beispiel  sei  auf  die  obenstehende,  stark  akgekftrste 
Tabelle  verwiesen,  welche  angiebt,  wie  hoch  eine  Luftsfiule  ist,  deren  Druck 
1  mm  Hg  betrSgt,  und  zwar  bei  verschiedenem  Barometerstand  und  bei  ver- 
schiedenen Wärmegraden.  Je  nach  der  Temperatur  und  dem  Luftdruck,  welche 
während  einer  Ablesung  geherrscht  haben,  sucht  man  in  der  Tabelle  den  Werth 
für  die  Höhe  einer  Luftsäule,  welche  im  concreten  Falle  eine  Dnick-Zu-  oder 
Abnahme  um  1  mm  Hg  bewirkt.  Dividirt  man  dann  die  Höhenlage  des  Ortes 
durch  die  so  gefundene  Zahl  von  Metern,  so  findet  man  diejenigen  Millimeter 
Quecksilber,  welche  dem  abgelesenen  Barometerstand  hinzu  zu  addiren  sind,  um 
den  Barometerstand  im  Meeresniveau  sti  erhalten. 

Oertliche  und  zeitliche  Yertheilung  des  Luftdrucks. 

Die  Tagesschwankung  des  Luftdracks  ist  in  der  gemässigten 
und  kalten  Zone  geringfügig  und  unregelmässig.  In  den  Tropen  stellen 
sich  zwei  Maxima  ein,  am  Vormittag  und  Abend,  und  zwei  Minima^ 
um  4  Uhr  Früh  und  um  4  Uhr  Nachmittags,  ein.  Dieser  Gang  der 
Tagesschwankung  stimmt  überein  mit  der  Gurve  der  absoluten  Feuchtig- 
keit, und  ist  wesentlich  dadurch  bedingt,  dass  mit  zunehmender  Wärme 
ein  aufeteigender  Luftstrom  und  ein  seitliches  Abfiiessen  der  Luft  in 
die  oberen  Schichten  sich  einstellt,  dass  dagegen  am  Abend  wieder 
ein  Absinken  der  erkaltenden  Luft  erfolgt. 

Die  Monats-  und  Jahresschwankung  zeigt  in  unserem  Klima 
das  Minimum  im  Sommer,  das  Maximum  im  Winter.  Die  monatliche 
Amplitude  beträgt  bei  uns  etwa  12 — 20  mm;  die  Jahresamplitude 
macht  in  maximo  30 — 40  nmi  aus;  zwischen  den  Extremen  mehrerer 
Jahre  können  46 — 50  mm  Differenz  liegen,  die  aber  immerhin  erst 
eine  Excursion  um  6  Procent  des  gesammten  Luftdrucks  repräsentiren. 

Die  örtliche  Yertheilung  des  Luftdrucks  wird  registrirt  durch 
Isobaren,  d.  h.  Linien,  welche  die  Orte  mit  gleichem  Luftdruck  resp. 
mit  gleichem  Monatsmittel  des  Luftdrucks  yerbinden  (die  Barometer- 
stände auf  Meeresniveau  reducirt).  Eine  Karte  der  Isobaren  zeigt  nicht 
wie  eine  Isothermenkarte  Linien,  welche  im  Allgemeinen  den  Breiten- 
graden parallel  laufen,  sondern  einzelne  geschlossene  Kreise,  um  welche 
concentrisch  in  grösserem  oder  geringerem  Abstand  die  übrigen  Iso- 
baren erfolgen.  Es  existiren  sonach  lokal  begrenzte  Maxima  und 
Minima,  und  von  diesen  Centren  aus  steigt  oder  fallt  der  Luftdruck 
nach  allen   Richtungen   hin.     Auch   die  örtliche  Yergleichung  lässt 


Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren.  117 

indessen  nur  dne  geringe  Amplitade  der  Schwankangen  erkennen ;  die- 
selben bewegen  sich  zwischen  740  und  770  mm,  betragen  also  höchstens 
2—3  Procent  des  gesammten  Luftdrucks. 

Weitaus  stärkere  Schwankungen  resultiren  aus  der  Höhenlage 
des  einzelnen  Ortes.  Im  Mittel  bewirkt  jede  Erhebung  um  1 1  m  eine 
Drackabnahme  um  1  mm,  jedes  Hinabsteigen  unter  das  Meeresniveau 
eme  entsprechende  Steigerang. 

Folgende  mittlere  Barometerstande  sind  an  dauernd  bewohnten 
hochgelegenen  Ortschaften  beobachtet: 

Mexico 2270  Meter  586  mm  Hg 

Quito 2850      „  549    „      „ 

Pikes  Peak  (Colorado,  N.-Am.)    ....  4300      „  451    „      „ 

Dorf  S.  Vincente  (bei  Portugalete,  Bolivia)  4580      „  436    „      „ 

Kloster  Hanle  (Tibet) 4610      „  433    „      „ 

Bä  Torübergehendem  Aufenthalt  wurden  noch  niedrigere  Ablesungen 
erhalten:  so  von  Gebr.  Schlagentweit  im  Himalaja  bei  6780  m 
Höhe  s  840  mm  Hg;  von  Glaibheb  im  Luftballon  bei  8840  m  Höhe 
«  248  mm  Hg. 

Andererseits  sind  Menschen  in  tiefen  Bergwerken  bei  oft  lang- 
diiiemdem  Aufenthalt  und  anstrengender  Arbeit  einem  um  50  mm 
und  mehr  über  das  Normale  gesteigerten  Luftdruck  ausgesetzt.  Noch 
höherer  Druck  kommt  in  den  sogenannten  Caissons  zu  Stande,  mit 
deren  Hilfe  Arbeiten  unter  Wasser  ausgeführt  werden.  Die  Arbeiter 
sind  hier  stundenlang  einem  Druck  von  2 — 3  Atmosphären  ausgesetzt; 
ferner  kommt  es  in  den  Taticherglocken  zu  einem  Druck  yon  6  bis 
7  Atmosphären  (ygL  im  IX.  Es^.).  Die  oben  aufgeführten  örtlich  und 
zeitlich  wechselnden  Druckschwankungen  des  Luftmeeres  verschwinden 
hat  g^enüber  diesen  enorm  grossen  Excursionen. 

Hygienische  Bedeutung  der  Luftdruckschwankungen. 

1)  Stark  gesteigerter  Luftdruck  ruft  zunächst  eine  Verlang- 
samung  und  Vertiefung  der  Athmung  hervor;  gleichzeitig  wird  das 
Blut  von  der  Peripherie  des  Körpers  zu  den  inneren  Organen  hin- 
gedrängt; der  Puls  wird  ein  wenig  verlangsamt  Bei  geschlossener  Tube 
wird  das  Trommelfell  eingewölbt  und  dadurch  das  (Jehör  beeinträch- 
tigt Sprechen  und  Pfeifen  ist  erschwert,  auch  die  sonstige  Muskel- 
arbeit etwas  behindert  Alle  diese  Erscheinungen  gleichen  sich  unter 
normalem  Luftdruck  bald  wieder  aus,  nur  bei  längerem  Aufenthalt 
bidbt  abnorme  Ausdehnung  der  Lunge  leicht  bestehen. 


118  Witterung^  und  Klima. ' 

Ausser  der  Dmckwirknng  kommt  noch  der  Einfloss  der  y er- 
mehrten Sauerstoff-Aufnahme  in  Frage.  Da  oomprimirte  Luft 
in  1  cbm  eine  dem  stärkeren  Druck  entsprechend  grössere  Gewichts- 
menge Sauerstoff  enthalten  muss,  als  weniger  dichte  Luft;  da  aber  das 
eingeathmete  Luftvolum  mindestens  das  gleiche  bleibt^  so  müsste  eine 
stärkere  Sauerstoffaufiiahme  erfolgen. 

In  der  That  wird  beim  Aufenthalt  in  comprimirter  Luft  das 
Yenenblut  heller;  zu  einer  erheblidien  Yermehrung  des  Blutsauerstoflb 
kommt  es  jedoch  nicht,  da  das  Hämoglobin  schon  bei  etwa  400  mm 
Hg-Druck  mit  Sauerstoff  gesättigt  ist  und  eine  yermehrte  Aufnahme 
von  Sauerstoff  daher  nur  mittelst  einfacher  Absorption  im  Plasma 
erfolgen  kann. 

Bedeutendere  Schädigungen  werden  daher  selbst  durch  sehr  stark 
yermehrten  Luftdruck  nicht  ausgelöst  Dagegen  muss  der  Uebergang 
aus  der  comprimirten  Luft  in  gewöhnliche*  mit  grösster  Vorsicht  er- 
folgen;  bei  zu  raschem  Wechsel  können  durch  plötzlichen  Austritt  der 
im  Blut  absorbirten  Gase  in  Form  yon  Gasblasen  gei&hrliche  Gtoffiss- 
yerstopfungen  entstehen.  Ferner  führt  der  Andrang  des  scihnell  in 
Haut  und  Schleimhäute  zurückströmenden  Blutes  zu  Gefasszerreissungen 
und  eyentuell  zu  Blutungen  der  Nase,  der  Lungen,  des  Magens  u.s.  w. 

2)  Stark  yerminderter  Luftdruck  wirkt  theils'  durch  die  Drude- 
abnahme,  theils  durch  Verminderung  der  Sauerstoffzufuhr.  Erstere 
yerursacht  Erweiterung  der  Haut-  und  Schleimhautgeßisse.  Dieselben 
können  sogar  zerreissen  und  Blutungen  aus  Zahnfleisch,  Nase,  Lungen 
hervorrufen.  Das  Trommelfell  wölbt  sich  nach  aussen,  Athmung  und 
Muskelbewegungen  sind  erleichtert  —  Nicht  ohne  Bedeutung  ist  viel- 
leicht unter  manchen  Verhältnissen  die  mit  der  Abnähme  des  Luft- 
drucks sich  einstellende  Erleichterung  der  Wasserverdampfttng  yon 
der  Haut,  wenn  dieselbe  auch  nicht  gerade  hohe  Werihe  erreicht 

Einflussreicher  ist  die  verminderte  Sauerstoffzufuhr  (nach 
einigen  Autoren  ausserdem  die  Herabsetzung  des  GO,-Gehalts  im  Blute). 
In  2000 — 2500  m  Höhe  ist  die  im  gleichen  Luftvolum  enthaltene  Sauer- 
stoffmenge schon  um  mehr  als  ein  Viertel  verringert;  in  5000  m  Höhe 
ist  sie  fast  auf  die  Hälfte  reducirt,  so  dass  das  gleiche  Quantum  Sauer- 
stoff unter  gewöhnlichem  Luftdruck  bei  einem  Gehalt  der  Luft  von  nur 
11  Procent  Sauerstoff  aufgenommen  werden  würde;  man  kann  abo  mit 
einem  kurzen  Ausdruck  sagen,  dass  die  Luft  in  5000  m  Höbe  nur  noch 
11  Procent  0  enthält 

Diese  rasche  Sauerstoffverminderung  müsste  schon  in  mSaäger 
Höhe  von  Einfluss  auf  den,  Körper  sein,  wenn  sie  nicht  durch  Be- 


Die  euuselnen  meleorologischön  Faktoren.  119 

sohlennigung  derBlatoircnUtion  undVermehrnng  derAthem« 
freqaenz  ausgegliohen  würde.  Der  Puls  steigt  bei  1000  m  Erhebung 
om  4 — 5,  in  4000  m  Höhe  um  12 — 20  Schläge  pro  Minute  (einige 
Beobachter  behaupten,  dass  diese  Zunahme  sich  bei  längerem  Aufenthalt 
in  gldcher  Höhe  wieder  verliere);  die  Athemfrequenz  ist  bei  4000  m 
nahezu  verdoppelt;  die  Exspirationsfahigkeit  ist  deutlich  vermehrt 
Ausserdem  scheint  aus  den  vielfach  sich  widersprechenden  Yersuchs- 
ergebnissen  doch  hervorzugehen ,  dass  eine  Zunahme  der  rothen  Blut- 
körperehen und  eine  Vermehrung  des  Hämoglobingehalts  des  Blutes  sich 
einstellt  In  Folge  dessen  treten  erfahrungsgemäss  keine  Symptome  ver- 
minderter Sauerstofizufnhr  bis  zu  einer  Höhe  von  circa  2000 — 2500  m  auf. 

Selbst  in  grösserer  Höhe  scheint  aber  noch  ein  dauernder 
Aufenthalt  ohne  Benachtheiligung  des  Körpers  möglich  zu  sein  in 
Folge  einer  allmählich  sich  ausbildenden,  noch  nicht  genauer  erkannten 
Anpassung  des  Organismus. 

Erst  in  4—5000  m  Höbe  ist  schwächliche  Constitution  und  ver- 
minderte Leistungsfähigkeit  der  Bewohner  unausbleiblich;  die  Gesichts- 
farbe wird  blassgelby  die  Muskeln  sind  schlafi^  die  Besistenz  vermindert 
(Anoxyh^mie  Joubbakbt'b). 

Bei  vorübergehendem  Aufenthalt  in  grösseren  Höhen  kommt 
es  leichter  zu  Gesundheitsstörungen,  weil  den  betreffenden  Individuen 
jene  Anpassung  des  Körpers  fehlt  Es  tritt  dann  hochgradige  Ermüdung, 
Herzklopfen,  AthemnoÜi,  Schwindel,  schliesslich  Bewusstlosigkeit  ein, 
oft  konunt  es  zu  Hämorrhagieen.  An  diesen  Wirkungen  ist  sowohl  die 
Drack-  wie  die  Sauerstöffabnahme  (vielleicht  auch  die  geringere  CO,- 
Spannung  des  Blutes)  betheiligt;  dieO-Abnahme  wohl  am  wesentlichsten, 
da  bei  Ballonfahrten  die  ErMrung  gemacht  wurde,  dass  durch  zeit- 
weises Einathmen  von  reinem  Sauerstoffgas  die  meisten  störenden  Er- 
scheinungen vermieden  werden. 


Die  Schwankungen  des  Luftdrucks,  wie  sie  in  den  Isobaren  zum 
Ausdruck  kommen,  oder  die  zeitlichen  Differenzen  desselben  äussern 
offenbar  keinerlei  directe  Wirkungen  auf  den  gesunden  Menschen; 
nur  bei  abnormen  Zuständen  (Lungenkrankheiten)  können  vermuthllch 
Störungen,  z.  B.  HaemoptoS,  durch  plötzliches  Sinken  des  Luftdrucks 
tosgelöst  werden.  Ein  indirecter  Einfluss  zeigt  sich  darin,  dass 
die  Barometerschwankungen  Bewegungen  der  im  Boden  enthaltenen 
Luft  veranlassen;  beim  Sinken  des  Luftdrucks  erhebt  die  Bodenluft 
sich    über    die    Oberfläche    und    dringt   eventuell    in    unsere    Wob- 


120 


Witlierang  «ad  Klima. 


nongen  ein.  —  Ferner  spielen  die  LnftdmcksGfawBnknngien  eine  Solle 
beim  Entstehen  der  sogenannten  ,,bösen  Wetter'^  in  Steinkohlengraben. 
Das  in  tieferen  Erdspalten  sich  findende  Methan,  welches  mit  Lnft  ge- 
mengt eipIoaiY  ist^  yermag  in  Folge  eines  plötzlichen  Sinkens  des 
Luftdrucks  in  grösserer  Masse  in  die  Graben  einznt^eten  nnd  dort 
Explosionsge&hr  zn  bedingen. 

D«  Die  Lnflbewegong« 

Die  Bewegnngsvorg&nge  in  der  Atmosphiure  zeigen  sich  anfs  Innigste 
abhangig  von  d«a  Verhältnissen  des  LuMracks. 

Messung  der  Laftbewegang.  Die  Richtavg  des  Windes  wird  be- 
stimmt dorofa  frei  angestellte  Windfahnen,  die  aus  zwei  im  Winkel  von  20^ 
gegen  einander  geneigten  Flügeln  bestehen. 

Die  Stärke  der  Laftbewegang  kann  entweder  approximativ  bestimmt 
werden;  scbwftohste  Strömungen  dorch  die  Ablenkung  einer  Kenenilamme, 
durch  Tabaksrauch,  Flaumfedern  oder  dergleichen;  stärkerer  Wind  durch  Fest- 
stellung seiner  Wirkung  auf  Baumblätter,  Baumzweige  u.  s.  w. 


Wind- 
stärke 


<)— 6 


Geschwin- 
digkeit des 
Windes 


Met«r  in  d«r 
Secande 


Winddruck 


Kilogr.  auf  cton 
Quadratmeter 


Wirkungen  des  Windes 


0 


8 
l 

5 
6 


Stille 

Schwach 

Massig 


0-0-6 


0-5—4 


4—7 


Frisch  7—11 

Stark  11-17 


Sturm 
Orkan 


17-28 
über  28 


0— 016 

0-15—1-87 

1-87—5-96 

5-96-16-27 
15-27—34.35 

34.35—95.4 
über  95.4 


Der  Rauch  stei«^  gerade   oder  ^t 
gerade  empor. 

Für  das  ChsfKhl    merkbar,    bewegt 
einen  Wimpel. 

Sti«ckt  einen  Wimpel,   bewegt  die 
Blätter  der  Bäume. 

Bewegt  die  Zweige  der  Bäume. 

Bewegt  grosse  Zweige  imd  schwächere 

Stämn^ 

Die  ganzen  Bäume  werden  bewegt 

Zerstörende  Wirkungen. 


Zu  genaueren  Messungen  benutzt  man  Anemometer;  entweder  statische, 
bei  denen  der  Druck  des  Windes  gemessen  wird,  oder  dynamische,  bei  welchen 
man  die  Geschwindigkeit  aus  der  Zahl  der  Umdrehungen  eines  Rotationsapparates 
entnimmt  (Flügel-Anemometer;  RosmsoM'sches  Schalenkreuz- Anemo- 
meter). Die  nebenstehende,  der  6  stufigen,  sog.  Landskala  entsprechende  Tabelle 
giebt  einen  Vergleieh  d^r  empirisch  beobachteten  Windgeschwindigkeit  und  der 
dureh  statische  und  dynamische  Instrumente  gemessenen.  Vielfach  wird  eise 
12  stufige  „Seeskala^^  benutzt  -^  Mit  grossen  Schwierigkeiten  ist  die  Wahl  eines 
für  die  Aufstellung  der  Anemometer  geeigneten  Ortes  verbunden.  Weni|:e 
Meter  über  der  Erdoberfläche  sind  Hemmnisse  nicht  zu  vermeiden;  und  in 
grösserer  Höhe  sind  die  gefundenen  Werthe  mit  denen  in  unserer  Umgehmg 
nicht  vergleichbar. 


Die  «DMlnei)  meteorologiMhen  Faktoren.  121 

VflTtlielliimg  der  LnftbewegTing  *af  der  Erdoberfläche. 

Die  Wiode,  welche  durch  die  tileichgewichUstÖniDgen  im  Luftmeer 

beding  mA,  werden  im  Allgemeinen  in  senb^hter  Richtnog  zu  den 

Imbtres  nuh  dem  Laftdrnoksminimam  hin  oder  Tom  Maiimom  w<^ 

ädi  bewegen;  nnd  sie  werden  nm  so  raschere  Strömang  zeigen  mOssen, 


Flg.  ST.    Srnsptticb«  Wlttennffkirt«. 

jt  Uixer  die  We^^strecke  zwischen  zwei  laobaien  wird,  je  dichter 
Matera  aofeinander  rücken  und  je  eteiier  also  der  Abfall  des  Laft- 
AnK^es  ist.  Die  Beziehang  zwischen  der  DrnckdifFerenz  einerseits  and 
der  WegHtrecke,  anf  welcher  dch  dieselbe  Tollzieht,  andererseits,  be- 
teichnet  man  gewöhnlich  als  den  barometrischen  Gradienten. 
Derselbe  giebt  an,  wie  gross  die  Dmckdifierenz  ist  anf  eine  bestimmte, 
(iBheitliohe,  senkrecht  za  den  Isobaren  gemessene  Weglänge.  Als 
Koheit  der  W^l&nge  dient  ein  Aeqnatorgrad  =  tll  Kilometer.  Je 
höhnr  der  Qradient,  d.  h.  je  mehr  Millimeter  Druckdifferenz  auf 
lil  Eilometer  Weglänge  entfallen,  nm  so  rascher  moss  die  Wind- 
bnregnng  sein. 


•  * 


122  Wittonmg  und  Klima. 

Während  die  DoftÜieildieQ  in  solcher  Weise  ton  Allen  Selten  nach  einem 
Minimum  hin  oder  von  einem  Maximum  weg  strömen,  erleiden  sie  noch  eine 
gewisse  Ablenkung,  theils  durch  die  Erdumdrehung,  theils  durch  die  Centrifngal- 
kraft  In  Wirklichkeit  entstehen  daher  nicht  Bewegungen  in  der  Richtung  des 
Gradienten,  sondern  es  entstehen  Spiralen,  welche  auf  der  nördlichen  Halbkugel 
von  links  nach  rechts  nach  dem  Minimum  hin,  resp.  vom  Maximum  fort  sich 
bewegen.  Die  von  einem  Minimum  beherrschten  Strömungen  nennt  man 
Cyclonen,  die  Yon  einem  Maximum  ausgehenden  Winde  Anticyclonen. 
Die  letzteren  zeigen  eine  relative  Ruhe  und  Unveränderlichkeit,  während  die 
Oyclonen  im  Allgemeinen  veränderliches  Wetter  bewirken.  Minima  und  Maxima 
findet  man  oft  in  lebhaft  fortschreitender  Bewegung;  auf  der  nördlichen  Halb- 
kugel wandern  die  Minima  vorzugsweise  von  West  nach  Ost  und  der  Wind 
hat  hier  den  niederen  Druck  links  und  etwas  vor  sich,  den  höheren  rechts  und 
etwas  hinter  sich.  Minima  können  sich  unter  Umständen  mit  einer  Greschwindig- 
keit  von  800— -1000  Kilometer  pro  24  Stunden  bewegen. 

Eine  gute  Uebersicht  über  die  momentan  herrschenden  Windverhältnisse  ge- 
ben die  synoptischen  Witterungskarten(Fig.  57),  die  von  vielen  Tagesbl&ttem 
publicirt  werden.  Auf  denselben  sind  die  Isobaren  eingezeichnet;  feiner  Pfeile« 
welche  die  Windrichtung  anzeigen  (der  runde  Kopf  des  Pfeiles  geht  voran),  and 
durch  die  Fiederung  des  Pfeiles  die  Windstärke  (sechs  ganze  Striche  bedeuten 
stärksten  Orkan).  Der  Kopf  der  Pfeile  giebt  ausserdem  durch  die  verschiedene 
Schattirung  Aufschluss  über  den  Grad  der  Bewölkung;  ein  Punkt  neben  dem 
Kopf  bedeutet  Regön  ü.  s.  w. 

In  der  gemässigten  Zone  stehen  die  Luftströmangen  unter  dem 
Einflüsse  der  Gjclonen  und  Anticyclonen;  häufig  findet  ein  regelloser 
Wechsel  der  Windrichtung  und  Windstärke  statt  In  Westeuropa 
herrschen  im  Allgemeinen  West-  und  Südwestwinde  vor  und  zwar 
unter  dem  Einfluss  von  Depressionen,  welche  über  dem  Atlantischen 
Ocean  entstehen  und  Ton  da  nach  Nordosten  fortschreiten. 

Ausserdem  treten  an  vielen  Orten  lokale  Ursachen  für  die  Wind- 
bewegung  hinzu.  So  haben  wir  am  Meeresufer  hftufig  lokale  Land-  und  See- 
winde; Vormittags  findet  in  den  oberen  Schichten  eine  Strömung  von  dem  stariL 
erwärmten  Land  zur  See  statt,  in  den  unteren  Schichten  umgekehrt,  in  den 
Abendstunden  erfolgt  allmählicher  Ausgleich  und  in  der  Nacht  stellt  sich  eine 
entgegengesetzte  Strömung  her  wie  am  Tage,  weil  jetzt  das  Land  stärkere  Ab- 
kühlung erleidet  Femer  beobachtet  man  in  Gebirgsthälem  eine  Periodicitftt 
der  Luftströmungen,  indem  am  Tage  ein  energisches  Aufiiteigen  der  erwärmten 
Thalluft,  Nachts  di^gegen  ein  Niederströmen  der  kalten  Luft  eintritt  Grössere 
nahe  der  Meeresküste  gelegene  Gebirgsmassen  pflegen  oft  sehr  starke  Temperatur- 
differenzen und  dadurch  heftige  lokale  Winde  zu  veranlassen,  so  den  Mistral 
in  der  Provence,  die  Bora  in  Dalmatien  u.  s.  w. 

Ausser  der  Richtung  und  Stärke  des  Windes  ist  auch  seine  sonstige  Be- 
schafienheit,  namentlich  die  Temperatur  und  die  Feuchtigkeit  der  Luft,  von 
Bedeutung.  Für  meteorologische  Zwecke  sucht  man  die  mittlere  Temperatur, 
Feuchtigkeit  u.  s.  w.  für  jede  einzelne  Windrichtung  aus  langjährigen  Beobach- 
tungen zu  ermitteln.  Man  erhält  in  dieser  Weise  Charakteristika  der  Windrich- 
tungen und  zugleich  lokale  Wahrscheinlichkeitszahlen  für  das  Wetter,  welches 
jede  Windrichtung  bringt 


Die  einzelnen  ineteorologiBchen'  Faktoren.  1 23 

Begelmlsaige  zeitlicbe  Schwankungen  der  Windrichtong  nnd 
Windatfirke  kommen  in  unserem  Klima  nicht  vor;  wir  können  hdchatens  eine 
stuimreichere  Jahreshälfte  von  Ende  September  bis  £nde  M&r«  unterscheiden 
gegen&ber  einer  ruhigeren,  welche  sich  über  Sommer  und  Herbst  erstreckt 

Femer  beobachten  wir  auf  dem  Continent  bei  relativ  ruhigem  heiteren 
Wetter  eine  Tagesschwankung  in  der  Windstärke  derart,  dass  dieselbe  um  10  Uhr 
ansteigt,  kurz,  nach  Mittag  das  Maximum  erreicht  und  gegen  Sonnenuntergang 
absinkt  £a  erklärt  sich  dieser  Gang  dadurch,  dass  in  der  Nacht  die  untere 
Luftschicht  als  die  kältere  dem  Vermischen  mit  der  oberen  nicht  ausgesetzt  ist: 
die  obere  ist  aber  stets  in  viel  rascherem  Strömen  begriffen,  weil  sie  nicht  wie 
die  untere  durch  Häuser,  Bodenerhebungen  u.  s.  w.  in  der  horisontalen  Fort- 
bewegung behindert  ist  Gegen  10  Uhr  Morgens  aber  ist  die  untere  Luftschicht 
dorehwärmt,  wird  nun  nach  -oben  gedrängt  und  mischt  sich  mit  den  lebhafter 
bew^^  Schichten.  G^gen  Abend  tritt  in  Folge  der  Bodenai^sstrahlung  all- 
mählich wieder  die  frühere  Schichtung  nnd  Stagnation  ein».  Daher  kommt  es, 
daas  aich  aber  Nacht  die  stärkste  Ansammlung  von  Gerüchen  geltend  macht, 
namentlich  im  Hochsommer,  wo  die  engen  Strassen  und  Höfe  und  die  Souterrains 
der  Häuser  die  relativ  niedrigsten  Temperaturen  zeigen. 

Angesichts  der  an  den  meisten  Tagen  sich  vollziehenden  lebhaften 
Sdiwanknngen  der  Windstarke  ist  -weder  aus  den  3  mal  taglich  ge- 
machten Momentanbestimmungen,  noch  aus  dem  am  Anemometer  ab- 
griesenen  G^sammtwerth  für  24  Stunden  ein  Schluss  auf  das  wirkliche 
?eihaItCT  und  die  eyentuellen  Wirkungen  des  Windes  statthaft. 

Hjgienische  Bedeutung  der  Lnftbewegung. 

Die  Windrichtung  ist  stets  nur  bedeutungsroll  durch  den  be- 
seitenden Charakter  des  Windes,  durch  die  Temperatur,  Feuchtigkeit, 
Wolken,  Niederschläge,  welche  eine  bestimmte  Windrichtung  mit  sich 
XQ  bringen  pflegt 

Die  Windstärke  ist  direkt  von  bedeutendem  Einfluss  auf  die 
Wärmeabgabe  des  Körpers.  Im  Freien  ist  in  Folge  der  steten,  selbst 
bei  ^Wlndstille  und  schwachem  Wind  noch  mit  ^a  ^^  ^  Meter  pro 
Sefamde  Geschwindigkeit  sich  yollziehenden  Luftbewegung  die  Ent- 
wärmung  durch  Leitung  ausserordentlich  erleichtert  gegenüber  den 
Wohnräumen.  In  tropischen  Elinüiten  oder  an  heissen  Sommertagen 
werden  unter  der  Beihülfe  stark  bewegter  Luft  sehr  hohe  Temperaturen 
gut  ertragen.  Das  „erfrischende^'  Gefühl  beim  Hinaustreten  aus  den 
Wohnungen  ins  Freie  ist  wesentlich  auf  die  bessere  Entwärmung  durch 
Leitung  in  der  bewegten  Luft  zurückzuführen,  durch  welche  die  im 
gesehloesenen  Baum  so  leicht  in  gewissem  Grade  zu  Stande  kommende 
Wärmestauung  beseitigt  wird.  —  Andererseits  befördern  stärkere  Winde 
bei  kaltem  Wetter  in  ausserordentlich  hohem  Grade  schädliche  Wir- 
hmgen  durch  zu  intensiven  Wärmeverlust  (Erkältungen,  Erfrierungen).  — 
Die  CO,-Abgabe  ist  bei  Temperaturen  unter  20^  im  Wind  grösser  als 


124  Witterang  und  Klima. 

bei  Windstille;  bei  20—85®  unverändert  odw  etwas  herabgesetst  — 
Die  Wasserdampfabgabe  wird  bei  20—35®  erheblich  geringer  als  bei 
Windstille  (vgl.  S.  1 1 1).  Diese  Wirkungen  steigern  sich  nicht  proportional 
der  Windstärke,  sondern  in  viel  langsamerer  Progression  (Wolpebt).  —  Der 
Körper  vermag  daher  einer  zu  stark  abkühlenden  Wirkung  des  Windes 
bei  niederer  Temperatur  durch  gesteigerte  Wärmeproduktion,  b^i  höheren 
Temperaturen  durch  Einschränkung  der  Wasserverdunstung  zu  begegnen. 
Ausserdem  scheint  im  Winde  die  Oberflächentemperatur  des  Körpers 
zu  sinken  und  dadurch  die  Entwärmung  durch  Leitung  allmählich 
geringer  zu  werden. 

Ferner  ist  die  zerstörende  Gewalt  der  heftigsten  Stürme  und  Orkane 
zu  erwfthnen,  denen  alljährlich  eine  grosse  Anzahl  von  Menschen  zum  Opfer 
fäUt  Um  die  Seefahrer  zu  schützen,  sind  die  Sturmwarnungen  von  grooser 
Bedeutung.  Sobald  auf  Qrund  telegraphischer  Witterungsberichte  in  der 
deutschen  Seewarte  in  Hamburg  eine  synoptische  Witterungskarte  zusammen- 
gestellt ist  und  sich  aus  dieser  ergiebt,  dass  ein  von  dichtgedrängten  Isobaren 
umgebenes  Minimum  sich  gegen  die  Küste  hin  fortbewegt,  werden  die  Häfen 
mit  telegraphischen  Warnungen  versehen. 

Indirect  haben  die  Winde  insofern  hygienisdie  Bedeutung,  als 
sie  ein  lebhaftes  Durchmischen  der  Atmosphäre  verursachen,  üble  Ge- 
rüche, schädliche  Gase  und  suspendirte  Bestandtiieile  schnell  in's  Un- 
endliche verdünnen,  und  eine  stets  gleiche  Beschaffenheit  der  Luft 
garantiren.  Auch  eine  Lüftung  der  Wohnungen  wird  nicht  zum 
wenigsten  durch  die  Winde  ermö^cht  —  Eine  fernere  Wirkung  der  Winde 
besteht  in  ihrem  mächtigen  Einfluss  auf  die  Wasserverdampfung  von  allen 
freien  Flächen,  speciell  von  der  Bodenoberfläche;  heftigere  Winde  ver- 
mögen grosse  Massen  von  Staub  aufzuwirbeln  und  der  Luft  beizumengen. 

R  Die  NiedersehlXge. 

Die  Niederschläge  entstehen  durch  Condensation  von  atmosphärisohem 
Wasserdampf,  indem  kältere  Luftströmungen  in  wärmere  einbrechen  oder 
umgekehrt;  es  bildet  sich  dann  Nebel,  Thau,  Bei^  Begen  oder  Schnee. 

Nebel.  Zur  Bildung  desselben  ist  ausser  der  Temperaturemiedrignng 
noch  die  Anwesenheit  suspendirter  Bestandtheile  erforderlich  (vergl.  unter  „Luft- 
staub*')* Fehlen  diese  völlig,  so  bleibt  jede  Nebelbildung  aus.  Für  gewöhnlich 
sind  überall  in  der  Atmosphäre  genügend  feste  Körperchen  vorhanden.  Enthftlt 
die  Luft  viel  Rauch,  Russ  und  Staub,  so  kommen  die  stärksten  Nebel  lu  Stande. 

Thau  und  Reif  entstehen  nur  bei  klarem  Himmel,  weil  nur  dann  die 
Ausstrahlung  kräftig  genug  ist  und  besonders  an  den  C^egenständea,  die  sieh 
durch  Ausstrahlung  stark  abkühlen,  so  namentlich  an  Pflanzen.  Jede  Wolke, 
ebenso  jede  leiseste  Bedeckung,  eine  schwache  Rauchschicht  u.  s.  w.,  gewährt 
Schutz  gegen  Reif  bildung. 

Regen  und  Schnee.  Dieselben  werden  gemessen  in  Sammelgeftssen,  bei 
denen  die  auffangende  Fläche  eine  bestimmte  Grösse,  gewöhnlich  500  qem  besitzt. 


Die  einzelnen  meteorologischen  Faktoren.  125 

Die  Angabeo  erfolgen  dann  jedoch  nicht  in  Gubikmetem,  sondern  in  liilli- 
metem  Begenhöhe,  d.  h.  es  wird  die  Höhe  der  Wasserschicht  angegeben, 
welche  durch  den  24st&ndigen  Niederschlag  auf  der  Erdoberfläche  gebildet 
werden  würde,  hÜB  kein  Abfliessen,  Einsickern  oder  Verdonsten  stattflUide. 

Die  grössten  BegenmeDgen  fallen  innerhalb  der  tropischen  Zone. 
Dort  fEihrt  der  ao&teigende  warme  Luftstrom  enorme  Mengen  Wasser- 
dampf in  die  höheren  kälteren  Laftschicbten  and  veranlasst  massen- 
hafte Condensation.  —  Femer  sind  Gebirge,  aosgedelinte  Waldungen 
und  andere  lokale  Momente  von  bedeutendem  Einfluss  (s.  Tab.). 

Regenhöhen. 

Gherrapoonjee  (Ostindien) 12  520  mm 

Maranhaeo  (Brasilien) 7 100    „ 

Sierra  Leone 4  800    „ 

Stye  Pass  (Schottland) 4182    „ 

St  Maria  (Alpen) 2  483    „ 

Chambery  (Savoyen) 1  650    „ 

Baden  (Sc&warzwald) 1  444    „ 

Klausthal  (Harz) 1 527    „ 

Norddeutsche  Tiefebene 613    „ 

Würzburg 401    „ 

Breslau 400    „ 

Ausser  der  Regenmenge  wird  die  Zahl  der  Regen-  und  Schnee- 
tage und  die  Vertheilung  derselben  auf  die  Jahreszeit  registrirt  Die 
Zahl  der  Regentage  nimmt  zu  mit  der  Erhebung  über  das  Meeres- 
oiTeau;  femer  in  Europa  von  Süden  nach  Norden;  ausserdem  mit  der 
Annäherung  an's  Meer.  —  Während  es  in  der  Region  der  Passate 
nur  innerhalb  3—5  Monaten  des  Jahres  zu  Regen  kommt  (z.  B.  in 
Galcutta  Ton  Juni  bis  September),  dann  aber  oft  regelmassig  von  Vor- 
bis  Nachmittag,  vertheilen  sich  in  der  gemässigten  Zone  die  Regentage 
aof  das  ganze  Jahr;  im  Ganzen  ist  in  Deutschland  der  Sommerregen, 
in  Westfirankreich  und  England  der  Herbstregen  vorherrschend.  Im 
Sommer,  resp.  den  Tropen  regnet  es  ausserdem  intensiven 

Die  hygienisehe  Bedeutung  der  Niedersohlftge. 

Ein  directer  Einfluss  liegt  insofern  yor,  als  durch  die  Nieder- 
nhlige  eine  Durchfeuchtung  der  Kleidung,  insbesondere  des  Schuh- 
zaoges,  bewirkt  werden  kann,  die  zu  Erkältungen  Anläse  giebt 

Indireot  sind  die  Niederschläge  bedeutungsvoll  einmal  dadurch, 
diBB  sie  einen  Theilfoktor  des  Klimas  bilden,  der  f&r  die  Vegetation 
uhI  die  Bodencultur  besonders  wichtig  ist  Zweitens  sind  stärkere 
Niedersohlftge  eines  der  wirksamsten  Reinigungsmittel  für  Luft  und 
Boden,  ein  Einfluss,  der  namentlich  in  tropischen  Ländern  scharf  hervor- 


126  Witterung  und  Klima. 

treten  muss;  Staub,  angesammelte  Färdnissstoffe^  Mikroorganismen  und 
eyentaell  Infektionserreger  werden  fortgeschwemmt  und  ans  dem  Be- 
reich der  Menschen  entfernt.  Drittens  können  massige  Niederschläge 
organisches  Leben  und  auch  die  Vermehrung  und  Erhaltung  von 
Mikroorganismen  befördern.  Viertens  ist  von  den  Niederschlägen 
der  Feuchtigkeitsgehalt  der  oberen  Bodenschichten  und  der  Stand  des 
Grundwassers  abhängig.  Allerdings  kommt  genau  genommen  nur  ein 
gewisser  Theil  der  Niederschläge  für  die  Durchfeuchtung  des  Bodens 
und  die  Speisung  des  Qrundwassers  in  Betracht;  nämlich  diejenige 
Wassermeuge,  welche  nicht  oberflächlich  abfliesst  und  auch  nicht  kurze 
Zeit  nach  dem  Eindringen  in  den  Boden  wieder  verdunstet  Wie  gross 
dieser  Antheil  ausfällt,  das  hängt  einerseits  Ton  lokalen  Einflüssen,  yon 
dem  OefaUe  der  Oberfläche,  Ton  der  Durchlässigkeit  des  Bodens,  von 
der  Temperatur,  dem  Sättigungsdeficit  und  der  Bewegung  der  Luft  u.s.  w 
ab;  andererseits  ist  die  Art  des  Regenfalls  massgebend.  Erfolgt 
dieser  plötzlich  in  grossen  Mengen,  so  wird  der  abfliessende  Antheil 
unter  den  gleichen  örtlichen  Bedingungen  viel  grösser,  als  wenn  dieselbe 
Regenmenge  langsam  und  stetig  innerhalb  eines  längeren  Zeitraums 
niedergeht  Um  daher  den  zum  Grundwasser  durchdringenden  Antheil 
aus  der  gemessenen  Gesammt-Regenmenge  abschätzen  zu  können,  muss 
man  die  zeitlichen  Beziehungen  des  Regenfalls  genauer  berücksichtigen. 

F.  Sonnenscheinteuer;  Lieht;  Elektridtlt. 

Die  Wärme-  und  Lichtmenge,  welche  welche  wir  darch  die 
directen  Sonnenstrahlen  erhalten,  ist  Torzugsweise  abhängig  vom 
Einfallswinkel  der  Strahlen,  von  der  Dicke  und  Qualität  der  Atmosphäre 
und  Ton  der  Dauer  der  Bestrahlung;  für  letztere  ist  die  Tageslänge 
und  die  Bewölkung  maassgebend. 

Eine  directe  Messung  der  Sonnenscheindauer  erfolgt  durch 
den  CAMPBELL'schen  Autographen;  unter  einer  als  Brennlinse  wirkenden 
Glaskugel  liegt  ein  Papierstreifen,  auf  dem  die  Tagesstunden  markirt 
sind;  die  Sonne  erzeugt  eine  beim  Dazwischentreten  Ton  Wolken  unter- 
brochene Brandlinie,  deren  addirte  Strecken  der  Sonnenscheindauer  ent- 
sprechen.—  Die  Intensität  der  Sonnenstrahlung  kann  annähernd  durch 
das  S.  92  beschriebene  Vakuumthermometer  bestimmt  werden.  Beide 
Werthe  kombinirt  ergeben  ein  BUd  des  gesammten  Strahlungsefifekts. 

Die  so  gelieferte  Wärmemenge  hat  hygienische  Bedeutung  zu- 
nächst durch  die  directe  Wirkung  auf  den  menschlichen  Körper.  Durch 
anhaltende  Sonnenstrahlung  kann  dem  Menschen  selbst  bei  sehr  kalter 
Aussenluft  ein  langer  Aufenthalt  im  Freien  ermöglicht  werden,  beson- 
ders wenn  die  Strahlungsintensität  in  Folge  der  dünneren  Atmosphären- 


Die  einzelneii  meteoTologiBchen  Faktoren.  127 

sehicht  erheblich  ist^  wie  im  Hoohgebirge.  Andererseits  wird  'bei  hoher 
Loftwänne  durch  directe  Bestrahlung  des  Körpers  die  Qefahr  der 
W&nnestauung  bedeutend  gesteigert  und  es  treten  die  Erscheinungen 
des  Erythema  solare  hinzu  (s.  S.  100).  —  Sehr  bedeutungsvoll  ist  die 
Sonnenstrahlung  aber  noch  dadurch,  dass  von  derselben  im  Sommer 
die  Wandtemperaturen  unserer  Häuser  und  in  Folge  dessen  die  Innen- 
temperatur unserer  Wohnungen  yorzugsweise  abhängt  (s.  Eap.  ,, Woh- 
nung^. Auch  die  Bodenoberfläche  zeigt  unter  dem  Einfluss  der  Inso- 
lation Temperaturen,  die  von  der  Lufttemperatur  wesentlich  differiren 
und  selbst  in  unseren  Breiten  zwischen  50  und  60^  betragen  können. 

Ob  directe  Lichtwirkungen  auf  den  Menschen  durch  die  Sonnen- 
strahlung nur  insofern  zu  Stande  kommen,  als  letztere  die  Quelle  des 
diflusen  Tageslichtes  ist,  oder  ob  der  directen  Sonnen -Belichtung 
spedelle  Wirkungen  (abgesehen  yon  Blendungserscheinungen  u.  dgl) 
nikommen,  darüber  liegen  sichere  Beobachtungen  noch  nicht  vor. 
Einstweilen  sind  daher  die  Licht  Wirkungen  der  Sonnenstrahlung  und 
des  diffusen  Tageslichts  gemeinsam  zu  besprechen. 

Die  hygienische  Bedeutung  des  Lichts  betrifft  zunächst  die 
noimale  Funktion  des  Sehorgans.  Störende  Einflüsse  in  dieser  Beziehung 
kommen  yorzugsweise  innerhalb  der  Wohnungen  zustande;  hier  ist  daher 
eine  genauere  Messung  der  Lichtintensität  erforderlich  (s.  Eap.  „Wohnung^. 

Daneben  besteht  aber  yielleicht  auch  ein  Einfluss  des  Lichts  auf 
andere  Funktionen  und  auf  das  Allgemeinbefinden  des  Menschen. 
Durch  Experimente  an  Thieren  ist  festgestellt,  dass  sie  im  Licht 
grossere  Mengen  Kohlensäure  ausscheiden,  als  im  Dunkel;  und  zwar 
ist  der  Grund  dafür  nicht  etwa  nur  in  einer  Erregung  der  Retina  zu 
Sachen,  sondern  auch  geblendete  Thiere  reagiren  in  derselben  Weise. 
Es  wird  daher  dem  Licht  eine  Reizwirkung  auf  das  Protoplasma 
zugeschrieben,  welche  den  Zerfall  der  organischen  Stoffe  in  der  Zelle 
erhöht  Damit  ist  indess  keineswegs  ein  Beweis  dafür  erbracht,  dass 
das  licht  für  den  thierischen  Organismus  ein  unentbehrliches  Agens  ist, 
dessen  Beschränkung  zu  schweren  Schädigungen  des  Körpers  fuhrt. 
Kleinere  und  grössere  Thiere  gedeihen  in  dunklen  Behausungen,  und 
ein  Weniger  yon  licht  lässt  oft  deutliche  Nachtheile  nicht  erkennen. 

Beobachtungen  an  Menschen  liegen  yor  in  den  Berichten  yer- 
aehiedener  Polarexpeditionen.  Es  wird  in  diesen  mehrfach  die  grün- 
gdbliohe  Gesichtsfarbe  betont^  welche  die  Mit<glieder  der  Expedition 
wahrend  des  Polarwinters  annehmen;  femer  sollen  neryöse  Affectionen, 
Verdauungsstörungen  u.  s.  w.  auftreten.  Doch  ist  es  zweifelhaft,  wie  yiel 
▼on  diesen  Symptomen  auf  den  andauernden  Lichtmangel,  wie  yiel 
tndererseits  auf  die  Monotonie  der  Kost,  der  Beschäftigung  u.  s.  w.  zu 


128  Witterung  und 

schieben  ist  —  Auoh  durch  sonstige  Beobachtungen  an  Menschen,  die 
dem  licht  wenig  aasgesetzt  sind  (Orubenarbeiter,  Eellerbewohner,  die 
Bewohner  englischer  Städte  während  der  nebligen  Wintermonate) 
konnten  erheblichere  krankhafte  Störongen  in  Folge  des  lichtmangols 
beim  Fehlen  anderer  Sdiadlichkeiten  bisher  nicht  nachgewiesen  werden. 

Zweifellos  sprechen  aber  yiele  Erfahrongen  von  Aerzten  und  Laien 
dafür,  dass  eine  grössere  oder  geringere  Liohtf&lle  erhebliche  nervöse 
und  psychische  Einflüsse  änssem  kann,  und  dass  für  unsere  Stimi- 
mung,  unser  Behagen  und  unser  subjektives  Wohlbefinden  die 
Belichtung  von  allergrösster  Bedeutung  ist 

Eine  wichtige  indirecte  hygi^usche  Beziehung  äussert  das  licht 
femer  dadurch,  dass  es  eine  sehr  mädit^  Wirkung  auf  das  Lebm  der 
Mikroorganismen  ausübt  Durch  Sonnenlicht  gehen  Krankheitserreger  aus- 
nahmslos binnen  8  Stunden,  durch  diffuses  Tageslicht  binnen  3 — 4  Ta- 
gen zu  Grunde.  —  In  der  Praxis  darf  man  indess  nicht  allzuviel  von 
dieser  Wirkung  des  Lichts  erwarten,  weil  nur  die  offen  zu  Tage  lie- 
genden Krankheitserreger  davon  betroffien  werden  und  genug  unbelichtete 
Infektionsquellen  in  jedem  Krankenzimmer  vorhanden  sind. 

lieber  das  Verhalten  und  die  Bedeatong  der  Laftelektrioitftt  sind  wir 
noch  ziemlich  im  Unklaren.  Es  ist  nicht  undenkbar,  data  auch  hier  noch 
hygienische  Beziehungen  verborgen  liegen. 

Die  elektrischen  Entladungen  in  Form  von  Qewittem  sind  vom  hygienischen 
Standpunkt  nicht  so  bedeutungsvoll,  als  vielfach  angenommen  wird.  TodesfiUle 
und  Verletzungen  durch  Blitz  sind  in  unserem  Klima  ausserordentlich  selten; 
in  Preussen  sterben  durch  Blitzschlag  jährlich  96  Menseben  (in  den  letzten  Jahren 
mehr)  und  diese  Fälle  machen  1*4  Procent  der  Verunglfiekungen,  0*07  Procent 
aller  Todesfälle  aus. 


n.  Allgemeiner  Charakter  nnd  hygienischer  Einflnss 

von  Witterung  und  Klima. 

A.  Die  Wltlermng. 

Die  Witterangsverhältnisse,  wie  sie  sich  aas  den  meteorologisdien 
Beobachtangen  ergeben,  pflegen  seit  lauge  regelmässig  mit  den  für  die 
gleiche  Zeitperiode  erhaltenen  Morbiditäts-  und  Mortalitatsziffern  zum 
Zweck  der  Auffindung  ätiologischer  Beziehungen  verglichen  zu  werden« 

Sowohl  die  Charakteristik  der  Witterung,  wie  wir  sie  bis  jetzt  auf- 
zustellen pflegen,  wie  auch  die  übliche  Mortalitatsstatistik  ist  indessen 
für  diesen  Zweck  wenig  brauchbar. 

Die  meteorologischen  Daten  berücksichtigen  zu  sehr  die  Mittel- 
werthe;  sie  lassen  die  Intensität  der  Schwankungen  und  das  gleich* 
zeitige  Zusammenwirken  verschiedener  Faktoren  nicht  genügend  hervor- 


Aügemeiner  Charakter  und  hygienischer  Einflose  von  Witterung  u.  Klima.        1 29 


treten;  sie  geben  für  besonders  wichtige  Faktoren,  z.  B.  die  Windstarke, 
TöUig  ongenane  und  unbrauohbare  Werthe. 

Einen  yollkommeneren  Einblick  gewähren  graphische  Dar- 
stellungen der  WitterongsTerhältnisse,  welche  namentlich  auch  die 
Intensität  der  Eicursionen  aller  gleichzeitig  betheiligten  Faktoren 
ZOT  Anschauung  bringeiu  In  Fig.  58  ist  die  Witterung  eines  Theils 
des  Februar  1885  in  solcher  Weise  aufgezeichnet;  ausser  der  Temperatur- 
corre  ist  die  Intensität  der  Winde  darch  die  Höhe  der  verticalen  Striche 
auf  der  untersten  Linie  angegeben  (2*5  mm  =  1  Stufe  der  12stufigen 
Skahi);  ferner  sind  die  Niederschläge  eingezeichnet  und  zwar  so,   dass 


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Flg.  68.    Wittenmg  Tom  17.— 26.  Fabnuur  1886. 


deren  Dauer  der  horizontalen  Ausdehnung  der  Schraffirung  und  deren 
Menge  dem  Inhalt  der  schrafßrten  Rechtecke  entspricht  (1  qmm=0*l  mm 
Begenhöhe).  Ebenso  ist  es  je  nach  Bedarf  leicht,  noch  die  Zahlen  für 
die  relative  Feuchtigkeit  und  für  das  Sättigungsdeficit  übersichtlich 
einzuordnen. 

Falls  die  graphische  Darstellung  nicht  anwendbar  ist,  kann  die 
Methode  der  Auszählung  der  Tage  nach  verschiedenen  Stufen 
der  Temperatursohwankung,  der  Windstärke,  des  Sättigungs- 
deficits  u.s.  w.  zur  Anwendung  kommen.  Für  die  Tagesschwankung  der 
Temperatur  unterscheidet  man  dann  z.  B.  die  Stufen:  0—5®,  5—10®, 
mehr  als  10®;  für  die  Veränderlichkeit  der  Temperatur  von  Tag  zu 
Tag  die  Stufen:  0—2®,  2—4®,  4—6®,  6—8®  und  mehr  als  8®.    Aehnlich 

FLOeoB,  OmndrlM.    V.  Aufl.  9 


130  Wittenmg  und  Klima. 

stuft  man  Windstarke  and  Sattigangsdeficit  ab  und  zahlt  alsdann,  wie 
viele  Tage  Ton  jeder  Stufe  innerhalb  des  untersuchten  Zeitraums 
beobachtet  wurden. 

Eine  Uebersicht  der  hygienisch  wichtigen  Witterungsverhältnisse 
eines  Monats  müsste  sich  danach  ungeMr  folgendermaassen  gestalten: 

Februar  1885. 


Mittlere    tägliche   Temperatarschwan- 
kung  7  •2«. 

Tage  mit  0—2*^  TemperatarBchw.    0 
Tage  mit  2—5^  Temperaturschw.    4 
Tage  mit  5— lO^Temperatarschw.  20 
Tage  mit  mehr  als  10^  Tempe- 
raturschwaukang 4 

Mittlere  VeränderUchkeit  der  Tem- 
peratnr  von  Tag  zu  Tag  1*9^ 

Tage  mit  0—2^  Veränderlichkeit  15 
Tage  mit  2—4^  Veränderlichkeit  7 
Tage  mit  4— 6<^  Veränderlichkeit    4 


Mittlere  relative  Feucht  76  •  9^0* 
Tage  unter  70  %  Feucht  ...     6 
Tage  mit  70—80  •/•  Feucht  .    .     8 
Tage  mit  80—90  Vo  Feucht  .    .  10 
Tage  mit  mehr  als  90  Vo  Feucht     4 
Mittleres  Sättigungsdeficit  0-6  mm. 
Tage  mitNebel  und  0  mm  Sätt.-Def.     9 
Tage  mit  0—5  mm  Sätt-Def.     .  19 
Tage  mit  5—10  mm  Sätt.-Def.  .     0 
Tage  mit  mehr  als  1 0  mm  Sätt-Def.    0 
MittlereWindgeschwindigk.9  •  2  m  p.Sec. 
Tage  mit  0-8  m  Greschwindigk.     0 
Tage  mit  3—6  m  Geschwindigk.     4 
Tage  mit  6—8^  Veränderlichkeit    1  Tage  mit  8—10  m  Geschwindigk.  16 

Tage  mit  Niederschlägen  .    .    .  12    |      Tagemit  10— 15mG^chwindigk.    3 
Tage  mit  Bodennässe    .    .    .    .  12    |      Tage  mit  mehr  als  15  m  G^eschw.    5 

Bei  dieser  Methode  fehlt  indess  ein  Einblick  in  die  gleichzeitige, 
sich  ergänzende  Wirkung  verschiedener  Faktoren.  Erst  wenn  es  gelänge, 
mehrere  bei  einer  hygienischen  Wirkung  betheiligte  Faktoren  zusammen- 
zufassen, z.  B.  Lufttemperatur,  Feuchtigkeit  und  Windstärke  in  ihrer  Wir- 
kung auf  die  Entwärmung  unseres  Körpers,  wird  die  Auszählungsmethode 
der  graphischen  Begistrirung  ungefähr  gleichwerthig  werden  können. 

Soweit  die  ungenügende  Methode  der  Begistrirung  eine  Charakteristik 
der  Witterung  gestattet,  haben  wir  in  Deutschland  zu  An^Emg  des  Jahres, 
genauer  von  Ende  Januar  oder  Anfang  Februar  ab,  eine  Periode,  welche  durch 
besonders  intensive  Schwankungen  der  Temperatur  ausgezeichnet  ist.  Dieselben 
bewegen  sich  häufig  in  kritischen  Temperaturlagen,  so  dass  yöUige  Aenderung 
unserer  Qewohnheiten  erforderlich  wird.  Nicht  selten  sind  sie  von  heftigen 
Winden  und  starken  Niederschlägen  begleitet  Eine  derartige  hygienisch  be- 
denkliche Veränderlichkeit  der  Witterung  erstreckt  sich  über  den  Februar, 
März,  April;  zuweilen  auch  noch  über  einen  Theil  des  Mai.  In  dieser  Zeit  ist 
ausserdem  die  Bodenoberfläche  meist  kalt  und  nass,  das  Sättigungsdeficit  gering. 
Von  da  ab  beginnt  dann  eine  Periode,  in  welcher  zwar  starke  Tagesschwan- 
kungen der  Temperatur,  zuweilen  auch  noch  erhebliche  Variationen  von  Tag 
zu  Tag)  dann  aber  in  wenig  gefährlicher  Tempcraturlage,  vorkommen;  ausser- 
dem werden  heftigere  Winde  selten  und  Niederschläge  gelangen  in  der  stark 
trocknenden  Luft  rasch  zur  Verdunstung.  Hier  und  da  kommt  es  bereits  im 
Mai  und  Juni  zu  Perioden  ausserordentiich  hoher  Temperatur.  Aber  es  erfolgt 
Nachts  gewöhnlich  noch  starke  Abkühlung;  und  die  Wohnungen  pflegen  noch 
gemässigte  Temperaturen  zu  zeigen,  weil  die  Häusermassen  nicht  entsprechend 


ÄllgemeineTCharakteriindhjgieaiBcherEmfliiHTonWitteraDg  U.Klima.       131 

doTchliitst  rfnd.  Ende  Jnoi,  tuunenUidi  aber  im  Juli  nnd  Angnat,  treten  tut 
legelmSaag  Perioden  von  sehr  hoher  Temperatur  auf,  die  bei  langer  Dauer, 
geringer  WindatArke  nnd  botier  Feuchtigkeit  bedenklich  werden  können.  Von 
Ende  August  ab  kommt  durcb  kQhlere  Nftcbte  nnd  interkurrirende  kältere 
Perioden  eine  allmfihliche  Abkühlung  der  Hfiuaer  zu  St&nde.  Vom  September 
ab  Toltcieht  sich  dann  der  Ah&ll  der  Temperatur  und  der  Uebergang  mm 
Winter  in  einer  mehr  allmfiblichen  Weise  und  ohue  die  schroffen  Schwankungen 
dea  FrBlyabrB.  Erat  im  November  und  Anfang  December  kommt  ea  wieder 
nweilen  lu  kritischen  VariaüoDen  der  Temperatur,  und  auch  cn  begleitenden 
heftigeren  Winden,  zu  BodennSsae  und  nebliger  Luft,  bis  dann  Ende  December 
oder  Anfang  Januar  eine  Periode  dauernden  Frostes  einsalrelen  pflegt 

Jahresiettliehe  Vertheilnng  der  Todesfälle. 
Die  Tertheilnng  in  Deatsohland  geht  ans  dem  Diagramm  Nr.  59 
herror.    An   demselben   beobachten  wir  zwei  Erbebongen  der  Cnrre, 
die  allerdings  im  YerhältnisB  zor  üesammtmenge  der  Todesßlle  nur 
gehflgfög^e  ExcuFsionen  darstellen  (bei   dnrchsohnittlich   100  TodeB- 
flilen  betlägt  das   Minimum   91,   das  Uaii- 
Bom  112  Todesfälle  pro  Monat).    Die  eine, 
känere  ond  niedrigere  Erhebung  fällt  in  den 
fiochflommer;  die  zweite,  breitere  in  den  Spät- 
winter resp.  Fröhling. 

Um  die  ätiologiseben  Beziehnngen  dieses 
Vwlanls  der  Mortalitäteonrve  zu  erkennen,  wird 

es  erforderlich   sein,   dif^enigen   Krankheiten 

hennsznfinden,    durch   welche   wesentlich  die 

beiden   jahreszeitlichea    Erhebangeo    bewirkt 

werden.     Die  Statistik   weist   nach,   dass   an 

der   Sommerakme    ganz    öberwiegend    das 

kindliche  Lebensalter  betheiligt  ist,  nnd  dass 

Cholera  ond  Diarrhoea  infantum  in  dieser 

Jahreszeit  die  weitaus  grösste  Zahl  tou  Todes- 

fiUen   veranlassen.     Ausserdem  zeigen  Ruhr, 

Cholera  nostras  Qnd  andere  infektiöse  Darm-  Fif.Gs.  Mortaaut  im  DMUchu 

erkrankungen    der   Erwachsenen   eine  ansge-         "*''*  ""''  Mon«t«n. 

sprocfaene  Sommerakme. 

Die  Winterakme  betriflt  dagegen  mehr  die  höheren  Lebensalter; 

nnd  zwar  sind  die  Krankheiten,  weldie  im  Spätwinter  und  Frühjahr 

liier  so  stark  vermehrte  Opfer  fordern,  hauptsächlich  sog.  Erkältungs- 

krankhiäten,    Pneumonie,    Bronchitis    und    Angina j    femer    ist    die 

Mortalität  an  Phthise  bedeutend  gesteigert;  daneben  ist  eioe  deatliche 

Zunahme  contagiöser  Krankheiten   im  Winter  zn   constatiren,   so  der 

Pocken,  des  St^arlaohfiebers  und  der  Masern. 


132 


Witterang  und  Klima. 


Unter  1000  Todesfällen  an: 


entfallen  auf: 


Septbr., 

October, 

Novbr. 


50 
62 
20 


88 

5 

85 


701 

278 
750 


166 
655 
195 


265 

279 

280 

224 

289 

344 

179 

187 

314 

267 

188 

231 

811 

845 

165 

179 

299 

482 

176 

93 

808 

272 

204 

221 

274 

274 

237 

215 

294 

275 

248 

183 

Krankheiten  mit  Sommerakme: 

Cholera  u.  Diarrhoea  infantum  (Berlin) 
Cholera  asiatica  (Preussen  1848—58) 
Ruhr  und  Darmkatarrh 

Krankheiten  mit  Winterakme 

Tuberkulose  (Berlin  1830—89) 
Bronchitis  (Berlin  1830—39)  . 
Pleuritis  (London  1849—58)  . 
Pneumonie  (Bayern  1871 — 75) 
Pocken  (Bayern  1871—75)  .  . 
„  (London  1849—58).  . 
Scharlach  (Bayern  1871—76)  . 
Masern  (Bayern  1871—75)  .     . 

Aus  einer  genaueren  Betrachtung  dieser  Krankheiten  muss  sich 
ergeben,  ob  die  jahreszeitliche  Steigerung  resp.  Verminderung  auf  directe 
Wirkung  der  Witterung  zurückzuführen  ist,  oder  ob  Lebensgewohn- 
heiten, Beschäftigungsart,  Sitten  und  Oebräuche  wesentlich  betheiligt 
sind  und  die  Anwendung  prophylaktischer  Maassregeln   ermöglichen. 

Eine  genauere  Analyse  der  Krankheiten  mit  Sommerakme 
zeigt,  dass  eine  stärkere  Beeinflussung  der  Curve  der  gesammten  Mor- 
talität nur  ausgeht  von  der  Cholera  infantum  und  anderen  Yer- 
dauungskrankheiten  der  Säuglinge.  Aus  der  Aetiologie  dieser  Affektionen, 
die  im  Kapitel  „Infektionskrankheiten'^  ausführlich  besprochen  werden, 
sei  hier  nur  hervorgehoben,  dass  zwar  eine  gewisse  Höhe  der  Wohnungs- 
temperatur für  ihr  Zustandekommen  Bedingung  ist;  dass  aber  anderer- 
seits bestimmte  Lebensgewohnheiten,  schlechte  Wohnungseinrichtungen 
und  mangelhafte  Conservirung  und  Zubereitung  der  Milch,  die  endemisdie 
Verbreitung  ausserordentlich  befördern.  —  Maassregeln,  durch  welche 
eine  Besserung  dieser  schlechten  Gewohnheiten  herbeigeführt  wird, 
müssen  eine  bedeutende  Abflachung  der  Mortalitatscurve  bewirken,  trotz 
völligen  Gleichbleibens  der  Witterung. 

Auch  die  übrigen  infektiösen  Darmkrankheiten  sind  offenbar 
einer  Einschränkung  durch  gewisse  Sitten  und  Gebräuche  zugänglich, 
wie  dies  z.  B.  bezüglich  der  Cholera  in  eklatanter  Weise  aus  der  re- 
lativen Immunität  hervorgeht,  deren  sich  die  in  Indien  lebenden  Eng- 
länder erfreuen.    Immerhin  wird  der  Sommer  auch  hier  die  disponirende 


Allgemeiner  Charakter  imd  hygienischer  Einflnas  von  Witterung  u.  Klima.       1 33 

Jahreszeit  bleiben,  weil  die  stärkere  Wachenmg  von  Bakterien  in 
Nahnmg  und  Wasser,  der  reichlichere  Wassergenuss  und  andere  Um- 
stände dann  die  yerschiedensten  Darmaffektionen  begünstigen  and  ver- 
mehrte Vorsichtsmaassregeln  zu  ihrer  Verhütung  nothwendig  machen. 

Unter  den  Krankheiten  mit  Winterakme  haben  die  con- 
tagiosen  Krankheiten  den  kleinsten  Antheil  an  der  Erhebung  der  Mor- 
talitätscurve.  Sie  werden  auch  nur  ganz  indirect  von  der  Witterung 
beeinflusst  Ihre  Steigerung  erfolgt  vor  Allem  durch  das  im  Winter 
häufigere  und  innigere  Zusammenleben  der  Menschen  in  den  Woh- 
nungen. Je  grösser  der  Bruchtheil  der  BoTölkerung  ist,  der  im  Freien 
lebt,  und  je  langer  derselbe  sich  im  Freien  aufhält,  um  so  weniger 
Gelegenheit  zur  Ansteckung  ist  gegeben,  und  die  Chancen  für  die 
Ausbreitung  wachsen  um  so  mehr,  je  mehr  sich  das  ganze  Leben  der 
Bevölkerung  innerhalb  des  Hauses  abspielt  —  Ausserdem  ist  für  die 
Wintersteigerung  bedeutungsToU,  dass  in  der  kalten  Jahreszeit  mehr 
Eleidungsstücke  benutzt  werden,  dass  aber  die  Reinigung  der  Wäsche, 
des  Körpers,  der  Wohnung  u.  s.  w.  auf  grössere  Schwierigkeiten  stösst 
und  mehr  guten  Willen  voraussetzt,  als  im  Sonmier.  Jede  Beförderung 
der  Unreinlichkeit  muss  im  Sinne  einer  vermehrten  Ausbreitung  der 
oontagiösen  Krankheiten  wirken.  In  Gegenden,  wo  die  Jahreszeit  die 
stäri[sten  Gontraste  zwischen  Leben  im  Freien  und  Leben  im  Hause 
bedingt,  wo  die  Bevölkerung  ein  mehr  indolentes  Wesen  zeigt,  finden 
sidi  daher  die  stärksten  Gontraste  zwischen  der  Ausbreitung  der  con- 
tagiöeen  Krankheiten  in  der  warmen  und  in  der  kalten  Jahreszeit 
(Constantinopel),  während  andere  Länder  nur  geringe  und  unregel- 
misaige  Differenzen  aufweisen. 

Die  Zunahme  der  Todesfille  an  Phthise,  welche  einen  sehr  be- 
deutenden Procentsatz  der  gesammten  Mortalität  ausmachen,  deutet 
nicht  etwa  darauf  hin,  dass  die  Phthise  vorzugsweise  im  Winter  ac- 
quirirt  und  yerbreitet  wird,  sondern  nur  darauf,  dass  das  tödtliche 
Ende  dieser  Krankheit  hauptsächlich  in  der  zweiten  Hälfte  des  Winters 
und  im  Frühjahr  eintritt.  Die  Ursache  hierfür  liegt  vorzugsweise  darin, 
diss  für  die  Phthisiker  in  diesen  Monaten  eine  erhöhte  Gefahr  für  die 
Aoquirirung  von  Erkältungskrankheiten,  Bronchitis,  Pneumonie, 
gegeben  ist,  die  bei  dieser  Kategorie  von  Kranken  leicht  zum  Tode  führen. 

Dass  die  Erkältungskrankheiten  im  Winter  stark  gesteigert 
sind,  ist  nach  der  oben  gegebenen  Darstellung  der  Witterung  im  All- 
gemeinen wohl  verständlich.  Die  launischen  Schwankungen  der  Tem- 
peratur namentlicli  gegen  Ende  des  Winters  und  ihr  häufiges  Zusammen- 
Mlen  mit  heftigen  Winden,  Bodennässe,  Niederschlagen  müssen  eine 
Steigerung  dieser  Krankheiten  begünstigen.    Ein  genauerer  Einblik  in 


134  Witterung  und  Klima. 

die  ätiologischen  Beziehungen,  eine  Ahsohätznng  der  Bedeutung  der 
einzelnen  betheiligten  Faktoren  und  in  die  Abhängigkeit  der  ver- 
schiedenen Erkrankungsformen  yon  diesen  ist,  wie  bereits  oben  hervor- 
gehoben wurde,  zur  Zeit  nicht  möglich.  Schon  die  Mängel  in  der 
Beobachtung  und  Begistrirung  der  Windstärke  machen  jeden  Versuch, 
den  sicher  vorhandenen  ätiologischen  Zusammenhang  genauer  aufica- 
klären,  zur  Zeit  von  vornherein  aussichtslos.  —  Die  in  den  letzten 
Jahren  erschienenen  Zusammenstellungen  Maooelssbn's,  Bühemakn's 
u.  A.  über  die  Abhängigkeit  der  Krankheiten  von  Witterungsverhält- 
nissen sind  entschieden  verfrüht  und  völlig  unbrauchbar,  weil  diese 
Autoren  einseitig  nur  die  Lufttemperatur  bezw.  die  Sonnenscheindauer 
als  Maassstab  benutzen  und  ausschliesslich  mit  Mittelwerthen  redmen. 

B*  Das  Klima. 

Eine  hygienisch  brauchbare  Gharakterisirung  der  einzelnen  Kli- 
mate  stösst  auf  noch  bedeutendere  Schwierigkeiten,  als  die  Gharakteri- 
sirung einer  Witterung,  weil  wir  dazu  der  Mittelwerthe  aus  mehr- 
jährigen Beobachtungen  nicht  entrathen  können.  Jeden&lls  muss  aber 
auch  hier  eine  Auszählung  der  Tage  von  bestimmter  Variation 
der  Temperatur,  von  bestimmter  Windstärke  u.  s.  w.  erfolgen,  so  dass 
die  Intensität  der  einzelnen  Schwankungen  einigermassen  hervortritt 
(s.  S.  130).  Von  besonderer  Wichtigkeit  scheint  dies  für  die  inter- 
diurnen Temperaturschwankungen  zu  sein  (s.  Tabelle).  Schon 
beim  Vergleich  mit  der  Oesammt-Mortalität  ergiebt  sich  hier  eine  Be- 
ziehung, insofern  (in  den  preussischen  Provinzen)  die  höchste  Veränder- 
lichkeit der  Temperatur  mit  der  höchsten  Mortalität  zusammengeht 
(Kbemseb). 

Ein  sehr  grosser  Fehler  haftet  allen  diesen  Zahlen  dadurch  an,  dass 
das  Zusammenwirken  verschiedener  klimatischer  Faktoren  gar  nicht 
zimi  Ausdruck  kommt  Mehr  noch  als  für  die  Gharakterisirung  der  Witte- 
rung würde  daher  för  Klimaschilderungen  die  Aufstellung  combinirter 
Wirkungsziffem  (z.B.  Entwärmungsziffer  aus  Temperatur,  Feuchtigkeit  und 
Windstärke)  angezeigt  sein.  —  Einstweilen  können  den  pflanzenphäno- 
logischen  Beobachtungen  manche  Hinweise  auf  hygienisch  wichtige 
klimatische  Verhältnisse  entnommen  werden.  Theils  wird  dabei  das 
Vorkommen  verschiedener  Pflanzen  in  diesem  und  jenem  Klima  zur 
Gharakterisirung  benutzt;  namentlich  aber  werden  die  mittleren  Ein- 
trittszeiten der  Vegetationserscheinungen  (Belaubung,  Blüthe,  Frucht- 
reife, Laubverfarbung  und  Laubfall)  bei  verschiedenen  all  verbreiteten 
Pflanzen,  z.  B.  Rosskastanie,  Syringa  vulgaris,  Weinrebe  u.  s.  w.  registrirt 

Auch  die  Morbiditäts-  und  Mortalitätsstatistik  der  einzelnen  KU- 


Allgemeiner  Charakter  und  hygienischer  Einflass  von  Witterung  u.  Klima.       1 35 


MMere  Häufigkeit  von  Temperatarreranderangen  bestimmter  Grösse 

(in  Tagen): 


O 

S 

1 

Januar 

1 
Februar 

2 

IS 

< 

a 
•-5 

«v4 

•-5 

August 

• 

s 

October 

u 

s 

9 

> 
0 

u 

9 

s 

0) 

9 
P 

Berlin. 

£•  10. 8 

11*2 

9.2 

101 

10.3   10.6 

8*6 

6-8 

76 

9.3 

9-4 

11.0 

114-9 

4      2-6 

24 

19 

1.6 

2.0 

3.0 

13 

0*8' 

0.7 

1.5 

1-2 

3.9 

22*9 

6      0.7 

07 

03 

Ü.2 

Ol 

— 

Ol 

0*1 

0-1 

Ol 

1*3 

3.7 

8     0.2 

— 

— 

— 

— 

Ol 

.— 

— 

.— 

— 

— 

0*3 

0*6 

10  ,  Ol 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

0*1 

0*2 

Manchen. 

^  15-9 

12-9 

122 

12. 2 

13.5 

14. 7 

15. 9 

11*4 

8*6 

103 

13*1 

13*2 

123. 9 

4      8*0 

5.4 

27 

8.6 

4.3 

4.8 

3*7 

2*5 

2*3 

1*9 

4.3 

4*3 

47*8 

6      3.1 

1.5 

08 

0.4 

1-2 

0-9 

0*8 

0*8 

06 

0*1 

1*4 

1*6 

12*2 

8      1*3     0-6 

03 

04 

Ol 

03 

Ol 

Ol 

— 

0*5 

07 

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10     0-5 

0-4 

02 

02 

— 

— 

— 

— 

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0-4 

18 

12     02 

Ol 

Ol 

— 

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02 

0.6 

14     Ol 

Ol 

— 

— 

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— 

— 

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— 

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0*8 

16      — 

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— 

Ol 

Ol 

St  Peterst 

1              t               1              1               1               I               1 

urg. 

1 

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15-9 

14.1 

10.5 

12*5 

10-6 

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6*6 

7.4 

9*6 

12.6 

16*4 

142. 7 

4 

10. 1 

8.7 

6-3 

2.9 

3.4 

2.3 

14 

0*9 

14 

23 

4.5 

8-3 

52*6 

6 

5.7 

4*4 

27 

0-7 

07 

0*4 

02 

Ol 

02 

0.4 

1.5 

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20. 1 

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29 

22 

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0.1 

Ol 

Ol 

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8-8 

10      1-3 

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02 



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— 

— 

— 

— 

Ol 

0*8 

38 

12 

0*6 

0.5 

— 

— 

— 

— 

— 

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0*3 

16 

16 
18 

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0.2;   — 

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— 

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0.7 
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0.1 

u.  l 

1 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

1 

— 

mate  ist  noch  durchaus  mangelhaft  Nur  wenige  europäische  Staaten 
bieten  in  dieser  Beziehung  ein  einigermaassen  befriedigendes  Material. 
Wir  müssen  uns  daher  einstweilen  auf  eine  Abgrenzung  und 
Charakterisirung  weniger  grosser  klimatischer  Zonen  beschränken,  und 
zwar  sollen  im  Folgenden  nur  eine  tropische,  eine  arktische,  eine  ge- 
mässigte Zone  und  das  Höhenklima  unterschieden  werden.  Die  be- 
deutenden Differenzen,  welche  die  verschiedenen  Länder  jeder  einzelnen 
Zone  immerhin  noch  darbieten,  müssen  einstweilen  unberücksichtigt 
bleiben. 

1.  Die  tropische  (und  subtropische)  Zone. 

Charakteristik.  Tropische  Klimate  sind  ausgezeichnet  durch  den 
ragelmissigen,  periodischen  Ablauf  der  Witterungserscheinungen,  während  on- 
periodifche  Schwankungen  und  das,  was  wir  „Wechsel  der  Witterung*'  nennen, 


136  Witterang  und  Klima. 

fast  völlig  fehlen.  —  Meistens  sind  allerdings  Jahreszeiten  nnterscheidbar,  aber 
nicht  sowohl  nach  der  Temperatur,  als  vielmehr  nach  Winden  und  Nieder- 
schlägen. In  einem  Theil  des  Jahres  herrschen  die  Passate  und  veranlassen 
trockenes  Wetter.  Mit  dem  Aaf  hören  der  Passate  beginnt  dann  die  Regenzeit, 
und  zwar  stellt  dieser  Regen  eigentlich  Sommerregen  dar,  da  er  in  die  Zeit  des 
höchsten  Sonnenstandes  fällt;  meistens  bringt  aber  die  Regenzeit  in  Folge  der 
Bewölkung  eine  gewisse  Abkühlung  zu  Stande  und  daher  wird  diese  Periode 
in  manchen  Gegenden  fälschlich  als  „Winter^*  bezeichnet 

Bemerkenswerth  ist  der  Einfluss,  den  die  tropische  Regenzeit  oft  gegen- 
über der  Anhäufung  von  Schmutzstoffen  zeigt,  welche  während  der  trockenen 
Jahreszeit  sehr  hochgradig  geworden  zu  sein  pflegt.  Die  Bodenoberfläche  wird 
abgeschwemmt,  stagnirende  Teiche  und  Flüsse  werden  mit  reichlichem,  reinem 
Wasser  gefüllt,  der  Bezug  guten  Trinkwassers  und  die  Reinigung  der  Kleider, 
der  Wohnung  u.  s.  w.  ausserordentlich  erleichtert  Es  ist  ohne  Weiteres  ein- 
leuchtend, dass  in  dieser  Weise  durch  die  massenhaften  Niederschläge  der 
Regenzeit  an  vielen  Orten  contagiöse  und  infektiöse  Krankheiten  in  ihrer  Ver- 
breitung gehemmt  werden  müssen. 

Entsprechend  dem  Wechsel  der  trockenen  und  der  nassen  Jahreszeit,  femer 
je  nach  der  Nähe  der  Meeresküste  variirt  die  Luftfeuchtigkeit  in  den  tropi- 
schen Gebieten,  und  da  bei  hoher  Temperatur  die  Luftfeuchtigkeit  zu  einem 
äusserst  einflussreichen  klimatischen  Faktor  wird,  ist  die  Wirkung  des  tropi- 
schen Klimas,  je  nach  Art  und  Jahreszeit,  ausserordentlich  verschieden.  — 
Eine  fernere  Eigen thümlichkeit  des  Tropenklimas  bildet  die  intensive  Sonnen- 
strahlung. Das  Vakuumthermometer  steigt  auf  der  besonnten  Bodenoberfläche 
bis  über  80^.  Innerhalb  weniger  Minuten  wird  die  entblösste  Haut  des  Europäers 
unter  der  Tropenzone  roth  und  schmerzhaft 

Durch  die  überaus  günstigen  Bedingungen  für  organisches  Leben  kommt 
es  einerseits  zu  doppelten  Ernten;  andererseits  zu  einer  enormen  Anhäufung 
von  zersetzungsfiähigem  Material  und  zu  intensiven  Fäulniss-  und  Gahrungs- 
vorgängen.  Man  begegnet  daher  einer  hochgradigen  Verpestung  der  Luft  durch 
Fäulnissgase,  wenn  nicht  entweder  starke  Trockenheit  die  Zersetzungen  hindert 
oder  lebhafte  Winde  die  Gase  zerstreuen. 

Wesentlich  abweichende  klimatische  Verhältnisse  bieten  Höhenlagen 
(s.  unten)  und  einzelne  insulare  Gebiete. 

Krankheiten  der  Tropenzone. 

Nach  allen  Erfahrungen  ist  die  Gesammt-Mortalität  in  den  Tropen 
—  abgesehen  von  den  eben  erwähnten  Ausnahmelagen  —  eine  sehr 
hohe.  Genauere  Zahlen  fehlen;  angeführt  sei  nur  nachstehend  eine 
Tabelle  über  die  Mortalität  der  europäischen  Truppen  in  den  Tropen: 

Unter  1000  Mann  europäischer  (ftunzösischer  resp.  englischer)  Trappen 
starben  jährlich  in: 


Algier  1847—46     ....      78  Dagegen  in: 

Senegal  1819—55  ....  106 

Sierra  Leone  1819—36   .     .  483 

Bengalen  1838-56     ...      70  Ca^;^i78"7-46'. 

Britisch- Westindienl  81 6-46       75 


Capland  1817—49     ...     14 
Neu-Seeland  1844—56  .    .      9 

...     18 


ADgenemer  Charakter  und  bjgienisctier  Einduss  yon  Witterung  u.  Bllima.        1 37 

Die  Steigerung  der  Mortalität  ist  vorzugsweise  bedingt  durch  fol- 
gesde  Krankheiten: 

Sonnenstich  und  Hitzschlag,  die  unter  den  Truppen  in  Britisch- 
Indien  durchschnittlich  3  p.  m.  Todesfalle  verursachen. 

Schwere  Formen  von  Anämie  und  Leberkrankheiten,  unter 
den  europaischen  Truppen  in  Indien  starben  an  Hepatitis  jährlich 
2*2  p.  m.  In  der  Präsidentschaft  Madras  macht  diese  Krankheit 
6  Procent  aller  bei  den  Truppen  vorgekommenen  Krankheitsfalle  aus. 
Leichtere  Leberaffektionen  sind  enorm  verbreitet. 

Die  vorgenannten  Affektionen  erscheinen  als  schwer  vermeidliche 
Elimakrankheiten.  Zweifellos  kann  durch  die  Lebensweise,  insbesondere 
Nahrung  und  Beschäftigung,  die  Disposition  erhöht  resp.  verringert 
werden.  Aber  selbst  bei  grosser  Vorsicht  pflegt  nach  einer  gewissen 
Zeit  die  eine  oder  andere  dieser  Krankheitserscheinungen  bei  den  in 
trt^ische  Länder  Eingewanderten  au&utreten. 

Malaria  ist  ausserordentlich  verbreitet  und  tritt  vielfach  in  perni- 
döser  Form  auf,  so  zwar,  dass  sie  unbedingt  den  gefährlichsten  Feind 
des  tropischen  Klimas  darstellt  Unter  den  Truppen  an  der  Sierra 
Leone  erkrankten  32  Proccait;  in  Ostindien  41  Procent;  in  Britisch- 
Goiana  und  Cayenne  70—80  Procent  an  Malaria.  In  Bombay  und 
in  Bengalen  liefert  die  Malaria  50 — 60  Procent  aller  Erkrankungen. 

Ruhr  und  schwerer  Darmkatarrh  fordern  nächst  der  Malaria 
die  meisten  Opfer.  Unter  den  Truppen  in  Bengalen  konmien  13  Pro- 
oent^  in  Britisch-Ouiana  50  Procent  Erkrankungen  vor. 

Cholera  asiatica  tritt  in  mörderischen  Epidemieen  auf,  fordert 
aber  nicht  so  viel  Opfer  wie  die  vorgenannten  Krankheiten. 

Cholera  infantum  ist  in  den  meisten  tropischen  Gebieten  stark 
verbreitet 

Auch  von  Erkrankungen  der  Bespirationsorgane  ist  die  tropische 
Zone  nicht  firel  Phthise  ist,  mit  Ausnahme  der  Hochplateaus  und 
einiger  subtropischer  Gebiete,  fast  überall  verbreitet  und  tritt  in  relativ 
schwerer  Form  auf.  Pneumonie  ist  in  einzelnen  Theilen  Indiens» 
ferner  in  Unterägypten  und  Tunis  selten,  konmit  aber  in  anderen 
tropischen  Ländern  häufig  vor.  Bronchitis  und  andere  katarrha- 
lische Erkrankungen  werden  in  den  Tropen  in  grosser  Zahl  be- 
obachtet Nur  gewisse  subtropische  Gegenden,  wie  einzelne  Theile 
^egyptens,  der  Ostküste  Afrikas,  Califomiens  zeigen  eine  relative  Im- 
munität; femer  die  Antillen  und  St.  Helena»  welch'  letzteres  unter  der 
Herrschaft  kühler  südlicher  Winde  steht  und  daher  ein  im  Yerhältniss 
Zü  der  geographischen  Breite  sehr  gemässigtes  Klima  hat 


138  Witterung  und  Klima. 

2.  Die  arktische  Zone. 

Charakteristik.  Im  polaren  Klima  tritt  uns  der  Wechsel  der  Jahres- 
zeiten in  ausgesprochenster  Weise  entgegen. 

Während  desWinters  fehlt  die  Sonnenstrahlung  ganz,  die  Kfilte  ist  intensiv. 
Auch  März  und  April  sind  noch  sehr  kalt;  erst  im  Mai  steigt  die  Temperatur, 
und  die  höchste  Wärme  tritt  im  Juli- August  ein.  Im  Herhst  erfolgt  langsamer 
Abfall  der  Temperatur.  Selbst  im  Sommer  fallen  die  Strahlen  immer  noch  in 
sehr  spitzem  Winkel  auf;  trotzdem  erhebt  sich  die  Temperatur  an  den  meisten 
Tagen  über  0^,  das  geschwärzte  Thermometer  steigt  noch  in  78  Vt^  Breite  bis 
21  ^C.  Der  Sommer  würde  noch  erheblich  wärmer  sein,  wenn  nicht  so  viel 
Wärme  durch  Schmelzen  von  Eis  und  Schnee  absorbirt  würde. 

Die  absolute  Feuchtigkeit  ist  im  Winter  minimal;  der  Himmel  fast  stets 
heiter,  Niederschläge  sind  selten.    Im  Sommer  tritt  oft  Nebel  ein,  ebenso  viel 
fache  Niederschläge. 

Der  Winter  bringt  eine  furchtbare  Monotonie;  überall  zeigt  sich  das  Bild 
vollkommener  Gleichmässigkeit,  Erstarrung  und  Ruhe.  Unter  diesen  psychischen 
Eindrücken  und  unter  dem  Einfluss  des  Lichtmangels  werden  die  Menschen 
Anfangs  schläfrig  und  deprimirt;  später  reizbar.  GkwShnlich  gesellen  sieh 
Djspepsieen,  und  bei  mangelnder  Abwechslung. in  der  Kost  skorbatische  Er- 
scheinungen hinzu. 

Mit  grosser  Begeisterung  wird  von  allen  Polarreisenden  das  erste  Wieder- 
erscheinen der  Sonne  geschildert  Schon  mehrere  Tage  ehe  sie  selbst  am 
Horizont  erscheint,  wird  ihr  Nahen  durch  prachtvolle  Dämmeningsfarben  an- 
gekündigt 

Der  Sommer  bietet  dann  durchweg  angenehme  Witterungsverhältnisse. 
Auch  die  stete  Tageshelle  wird  in  keiner  Weise  lästig  empfunden. 

Krankheiten  des  polaren  Klimas. 

Die  Gesnndheitsyerhältnisse  sind  im  Allgemeinen  sehr  günstig,  ab- 
gesehen davon,  dass  in  Island,  Grönland  n.  s.  w.  ein  verhältnissmassig 
grosser  Theil  der  Bevölkerung  Temnglückt,  beim  Fischen  ertrinkt^  oder 
in  Schneestürmen  umkommt.  Malaria,  infektiöse  Darmkrank- 
heiten, Tor  allem  Cholera  infantum,  fehlen  so  gut  wie  vollständig. 
Auch  die  asiatische  Cholera  hat  in  Nordamerika  den  60.,  in  Bussland 
den  64.  Breitengrad  nicht  überschritten ;  Island,  Lappland,  die  Faroer- 
inseln  sind  bisher  frei  geblieben ;  gleichwohl  liegen  beschrankte  Epidemieen 
in  noch  höheren  Breiten  gewiss  nicht  ausser  dem  Bereich  der  Möglich- 
keit, und  dass  es  bisher  zu  solchen  nicht  gekommen  ist,  daran  tragt 
jedenfalls  die  Erschwerung  der  Einschleppung  die  Hauptschuld.  Auch 
Australien  und  das  Capland  sind  aus  diesem  Grunde  bisher  von  Cholera 
verschont  geblieben. 

Krankheiten  der  Respirationsorgane  sind  in  Island,  Skandi- 
navien, Nord-Bussland  u.  s.  w.  häufig,  jedoch  nicht  häufiger,  als  in  der 
gemässigten  Zone.  Im  hohen  Norden  zeigt  die  Witterung  im  Ganzen 
weniger  gefahrliche  Schwankungen,  als  in  unserem  Winter  und  Früh- 


Allgemeiner  Charakter  and  hygienischer  Einfliiss  von  Witterung  a.  Klima.        1 39 

Jahr;  imd  dabei  sind  dort  die  Einrichtangen  und  Gewohnheiten  oft 
in  zweckmässigerer  Weise  auf  die  Bekampfong  der  Kälte  und  den 
Witterungswechsel  zugeschnitten. 

Phthise  kommt  in  Island,  Spitzbergen,  auf  den  Färoer-  und 
Shetlandinseln,  den  Hebriden  und  im  nördlichen  Norwegen  so  gut  wie 
gar  nicht  vor;  Pnenmonieen  sind  in  denselben  Gebieten  relativ  selten. 
Dagegen  werden  in  West-Grönland  und  Canada  Phthise  und  Pnen- 
monieen ausserordentlich  häufig  angetrofTen.  Wodurch  diese  eigen- 
thümliche  Differenz  zwischen  der  östiichen  und  westlichen  Polarregion 
bedingt  ist,  lässt  sich  zur  Zeit  noch  nicht  ermitteln. 

3.  Die  gemässigte  Zone. 

Charakteristik.  Weder  erschlaffende  Wfirme,  noch  hemmende  Kälte 
herrseht  während  des  ganzen  Jahres,  sondern  es  findet  ein  solcher  Wechsel  der 
Jahreszeiten  nnd  ein  so  häufiges  aperiodisches  Schwanken  der  Witterung  statt, 
dass  einerseits  intensive  Cultur  des  Landes  ermöglicht  ist,  andererseits  scharfe 
Oontraste  und  kräftige  Beize  'auf  den  Körper  einwirken.  Frühling  und  Herbst 
mit  ihrem  stets  wechselnden  Wetter  kommen  erst  in  dieser  Zone  zu  merklicher 
Entwickelung. 

Innerhalb  der  gemässigten  Zone  findet  man  im  Uebrigen  ausserordentlich 
grosse  klimatische  Differenzen.  —  Die  stärksten  Contraste  werden  durch  die 
mehr  maritime  oder  mehr  continentale  Lage  eines  Landes  bewirkt.  Wie  bereits 
frfiher  ausgeführt  wurde  (S.  95),  beobachteten  wir  im  continentalen  Klima 
die  stärksten  Tages-  und  Jahresschwankungen  der  Temperatur;  im  Sommer 
Perioden  unerträglicher  Hitze,  abwechselnd  mit  plötzlicher  hochgradiger  Ab- 
kflhlong;  im  Frühjahr  fortwährend  schroffe  Witterungswechsel;  im  Winter 
Perioden  intensiver  Kälte,  aber  auch  mit  RückfäUen  in  höhere  Wärmegrade 
untttmischt  Die  Luftfeuchtigkeit  ist  im  Sommer  und  Herbst  gering,  die  Luft 
oft  stauberfftllt;  Niederschläge  sind  massig,  Nebel  selten. 

An  den  Küsten  begegnet  man  erheblich  gleichmässigeren  Temperaturen. 
Im  Sommer  fehlt  es  ganz  an  den  längeren  Perioden  stärkerer,  erschlaffend 
wirkender  Hitze;  im  Winter  wird  die  Kälte  weniger  intensiv.  Die  Uebergänge 
im  Frfil\{ahr  und  Herbst  vollziehen  sich  spät,  aber  langsam  und  allmählich, 
ohne  bedeutendere  Rückschläge.  Meist  herrschen  lebhafte  Winde;  das  Sätti- 
gongsdeficit  ist  gering  und  die  Luft  rein  und  staub&ei.  Niederschläge  sind 
relativ  häufig,  der  Himmel  oft  bewölkt;  leicht  kommt  es  zu  Nebelbildung. 

Auch  innerhalb  ein  und  desselben  Küsten-  oder  Binnenlandes  machen  sich 
noch  yiel£M:he  klimatische  Unterschiede  bemerkbar.  So  kann  das  lokale  Klima 
wesentlich  beeinflusst  werden,  indem  durch  Gebirge  (Biviera)  oder  Waldungen 
ein  Schutz  gegen  die  kältesten  Winde  gewährt  wird;  indem  femer  durch  die 
Lage  des  Ortes  an  einem  nach  S  oder  SW  geneigten  Abhang  besonders  starke 
Insolation  erfolgt;  indem  die  Bodenbeschaffenheit  selbst  nach  stärkeren  Nieder- 
•ehlägen  ein  Trockenbleiben  der  Bodenoberfläche  garantirt  u.  s.  w.  —  Von 
mächtigem  Einfiuss  sind  ausgedehntere  Waldungen.  Sie  bewirken,  ähnlich 
wie  grosse  Wassermassen,  ein  Ausgleichen  der  Temperatur,  dadurch  dass  sie 
öner  aa  starken  Insolation  durch  fortwährende  Verdunstung  von  Wasser  ent- 


140 


Witterung  and  Klima. 


gegenwirken,  und  einer  zu  starken  Abkühlung  durch  die  reichlichere  Feuchtif^ 
keit  der  Atmosphäre  und  durch  Wolken-  und  Nebelbildung  vorbeugen.  Ebenso 
ausgleichend  wirken  sie  auf  die  Vertheilung  der  Niederschlfige.  Von  dem  ge- 
fallenen Regen  halten  sie  einen  relativ  grossen  Bruchtheil  in  der  oberen  lockeren 
Bodenschicht  zurück,  und  dieser  Antheil  flUlt  nicht  einer  plötzlichen ,  sondern 
einer  langsamen,  massigen  Verdunstung  anheim,  da  die  Luft  ein  niedriges 
Sftttigungsdeficit  zeigt  und  die  Winde  nur  ganz  abgeschwächt  zur  Wirkung 
kommen.  Die  Jahresmenge  der  Niederschläge  ist  zwar  bedeutend,  aber  dieselben 
gehen  allmählich  und  nicht  mit  plötzlicher  Gewalt  nieder,  weil  keine  Geleg^en- 
heit  zu  schroffen  Abkühlungen  und  starker  Condensation  gegeben  ist  —  Ausser- 
dem hält  sich  die  Luft  innerhalb  der  Waldungen  aromatisch  und  staubfrei,  nnd 
bei  hoher  Luftwärme  wird  die  Ennrärmung  des  Körpers  durch  Abstrahiong 
begünstigt  (S.  97). 

Krankheiten  der  gemässigten  Zone. 

Die  folgende  Tabelle  giebt  eine  Statistik  der  Sterbliehkeit  der 
yerschiedenen  Lebensalter  für  einige  Lander  der  gemässigten  Zone. 
Aus  dieser  Tabelle  ist  ersichtlich,  wie  in  den  Landern  mit  Torzngs- 
weise  continentalem  Charakter  des  Klimas  —  Prenssen  und  Oeater- 
reich  —  vor  allem  die  Säuglingssterblichkeit  höher  ist,  als  in  den 
Ländern  mit  relativ  stärkerer  Küstenentwickelung.  Berücksichtigt 
man  die  Todesursachen  genauer  (ygl.  S.  6),  so  zeigt  sich,  dass  im 
Binnenlande  die  Cholera  und  Diarrhoea  infantum  über  20  Procent 
der  TodesföUe  ausmacht ;  dazu  kommen  zahlreiche  Todesfälle  an  Phthise, 
Pneumonie  und  Bronchitis,  die  zusammen  ebenMls  mehr  als  20  Procent 
der  Gesammtmortalitat  betragen. 


Altersklasse 


Von  10  000  Menschen  jeder  Altersklasse  starben  in : 


0—1 

1—2 

2-3 

8-4 

4—5 

6—10 

10—16 

16—20 

20—25 

25—80 

30—35 

35—40 

40—45 

45—50 

50—55 


106 


146 


r 


106 
126 
149 
181 
242 


127 
185 
160 
171 
208 


Prenssen 

Oesterreich 

Belgien 

Norwegen 

2177 

2682 

1785 

1068 

677 

610 

630 

381 

281 

319 

269 

176 

178 

215 

171 

132 

130 

127 

125 

98 

94 

98 

127 

68 

42 

41 

64 

89 

49 

63 

76 

52 

69 

93 

103 

72 

82 

97 

112 

77 

81 

91 

96 

112 

186 


Allganeiner  Charakter  and  hygienischer  Einflnss  von  Witterung  u.  Klima.       141 

Im  Eüstenklima  ist  die  Mortalität  der  Kinder  viel  geringer,  weil 
hier  die  heissen  Sommermonate  fehlen ,  die  allein  zahlreichere  Opfer  an 
Cholera  infBuitam  fordern.  Femer  tritt  an  den  Küsten  in  ganz  auf- 
filliger  Weise  die  Frequenz  der  Todesfalle  an  Phthise  zurück.  Während 
m  Deutschand  im  Mittel  von  1000  Lebenden  8*6  an  Phthise  sterben 
^  Kassel,  Breslau  u.  s.  w.  8-7 — 3 -8),  werden  in  Danzig,  Stettin,  Amster- 
dam, Haag,  England  2*4— 2-6  Todesfalle  an  Tuberkulose  auf  je 
1000  Lebende  gezahlt  —  Die  klimatischen  Verhältnisse,  denen  dieser 
günstige  Einfluss  auf  die  Phthise  zugeschrieben  werden  muss,  liegen  ver- 
mathlich  hauptsächlich  in  den  selteneren  und  geringeren  Schwankungen 
der  Witterung,  welche  zu  einer  Verminderung  der  Erkältungen  und 
dadurch  zu  günstigerem  Verlauf  der  Phthise  fahren;  femer  in  den 
gemässigten  Hochsommertemperaturen,  welche  es  gestatten,  dass  selbst 
während  dieser  Jahreszeit  an  Stelle  der  körperlichen  Erschlaffung, 
die  der  continentale  Sommer  mit  sich  zu  bringen  pflegt,  reichliche 
Nihrungsaufnahme  stattfindet  und  die  Körperkräfte  erhalten  bleiben; 
Tielleicht  noch  in  der  steten  Bewegung  der  Luft  und  dem  dadurch 
gegebenen  Antrieb  zu  tiefen  Respirationen.  Auch  im  Seeklima  hat 
man  ausserdem  eine  Zunahme  der  rothen  Blutkörperchen,  ähnlich  wie 
im  Höhenklima,  beobachtet  —  Völlig  unrichtig  ist  die  Vorstellung, 
als  ob  das  Freisein  der  atmosphärischen  Luft  von  Tuberkelbacillen 
TOB  wesentlicher  Bedeutung  sei  Die  Infektionen  erfolgen  in  ganz 
überwi^endem  Maasse  innerhalb  der  Wohnungen  und  der  Keim- 
gehalt der  Wohnungsluft  wird  von  den  klimatischen  Differenzen  kaum 
berührt 

Im  üebrigen  spielen  bei  der  Mortalität  einzelner  Landstriche  und 
Städte  die  Erwerbsrerhältnisse,  Ernährung  und  Beschäftigung  eine  grosse 
Bolle.  So  ist  in  manchen  Küstenländern  die  geringere  Entwickelung 
industrieller  Anlagen  und  die  yorzugsweise  Beschäftigung  der  ärmeren 
Berölkerung  mit  Schiflffahrt  und  Fischfang  gewiss  ebenfalls  bei  der 
niederen  Mortalitätsziffer  der  Phthise  betheiligt ;  und  wiederum  die  hohe 
Sterblichkeit  zwischen  dem  10.  und  80.  Lebensjahre  in  Belgien  durch 
die  dortigen  ausgedehnten  Arbeiterdistrikte  bedingt  Auch  die  Bauart 
der  Häuser,  die  Heizeinrichtungen,  die  Tracht  der  ländlichen  Bevöl- 
kerung, eine  Menge  von  Sitten  und  Gebräuchen  findet  man  nicht  sel- 
ten in  benachbarten  Theilen  eines  Landes  sehr  verschieden ;  und  in 
lUen  diesen  Momenten  ist  oft  eher  der  Grund  far  eine  lokale  Steige- 
ning  oder  Verminderung  der  Mortalität  an  einzelnen  Krankheiten  zu 
Sachen,  als  in  klimatischen  Differenzen. 


142  Witterung  und  Klima. 

4.   Das  Höhenklima. 

Charakteristik.  In  der  gemässigten  Zone  beginnen  die  Eigen tbümlich- 
keiten  des  Höhenklimas  etwa  in  400—500  m  Höhe;  in  niederen  Breiten- 
graden jedoch  erst  in  bedeutend  grösserer  Höhe.  An  dem  Aufhören  der  Vege- 
tation und  dem  Beginn  des  ewigen  Schnees  lässt  sich  diese  Abhftngi^eit  des 
Höhenklimas  von  der  geographischen  Breite  am  deutlichsten  verfolgen;  in  den 
Anden  Südamerikas  erhebt  sich  bekanntlich  die  Baumregion  noch  bis  in  eine 
Höhe  von  4000  Meter. 

Die  klimatischen  Eigen thümlichkeiten  des  Höhenklimas  sind  folgende: 
Die  Temperatur  erföhrt  eine  Verminderung  und  ausserdem  eine  Aende- 
rung,  welche  im  Allgemeinen  der  vom  Meere  bewirkten  ausgleiehenden  Be- 
einflussung ähnlich  ist  F£Ur  je  100  m  Erhebung  nimmt  die  Temperatur 
im  Mittel  um  0.57^  ab;  diese  Abnahme  erfolgt  aber  im  Sommer  schn^er, 
nämlich  1^  auf  160  m  Erhebung;  im  Winter  langsamer,  1<^  auf  280  m.  Femer 
nimmt  die  jährliche  und  die  tägliche  Temperaturschwankung  mit  der 
Höhe  ab. 

Die  für  das  Höhenklima  charakteristischen  Verhältnisse  gelten  allerdings 
nur  für  die  Gipfel,  Rücken,  Abhänge  und  breiten  Hochthäler,  nicht  dagegen 
für  grössere  Plateaus  und  für  enge  Hochthäler.  Erstere  können  sehr  starke 
Contraste  zwischen  Tag  und  Nacht,  Sommer  und  Winter  bieten,  namentlich 
wenn  ihnen  die  Bewaldung  fehlt;  und  die  engeren  Thäler  zeigen  Nachts  und 
im  Winter  sehr  niedrige  Temperaturen,  weil  die  kalte  Luft  dann  in  ihnen  herab- 
sinkt und  dort  lagern  bleibt 

Die  absolute  Feuchtigkeit  ist,  entsprechend  den  niederen  Wärmegraden, 
sehr  gering;  die  relative  Feuchtigkeit  meist  hoch  und  das  Sättigungsdeficit 
niedrig.  Da  aber  im  Freien  stets  lebhafter  Wind  herrscht  und  auch  der 
geringe  Luftdruck  die  Verdunstung  erleichtert,  kommt  es  trotzdem  zu  einer 
merklichen,  stark  trocknenden  Wirkung  der  Luft  Diese  wird  sofort  ausser- 
ordentlich gross,  wenn  etwa  durch  Sonnenwirkung  hohe  Temperatur  hergestellt 
wird,  und  ebenso  in  beheizten  Wohnräumen.  Halten  sich  die  Menschen  vor- 
zugsweise in  der  Sonne  und  im  geheizten  Zimmer  auf,  so  werden  sie  das  dann 
sich  herstellende  starke  Sättigungsdeficit  an  der  Trockenheit  der  Kleider  und 
der  unbekleideten  Haut  deutlich  empfinden.  Nur  selten  kommt  es  daher  zu 
Schweissbildung  und  zu  fühlbarer  Durchfeuchtung  der  Kleider. 

Die  Regenmenge  steigt  mit  der  Erhebung;  erst  in  grösseren  Höhen  nimmt 
sie  wieder  ab.  Der  Regen  hinterlässt  aber  bei  der  meist  vorhandenen  Neigung 
des  Terrains  und  bei  dem  starken  Austrocknungsvermögen  der  Luft  selten  an- 
haltendere Bodennässe. 

Die  Luftbewegung  bt  lebhafter  als  in  der  Ebene;  aber  mebt  kann 
leicht  völliger  Windschutz  aufgesucht  werden.  Bei  der  steten  Trockenheit  der 
Haut  und  Kleidung  pflegt  selbst  kalter  massiger  Wind  nur  kräftig  anregend 
zu  wirken. 

Die  niedere  Temperatur  und  der  lebhafte  Wind  vereinigen  sich,  um  sehen 
in  relativ  geringer  Höhe  die  Perioden  der  schwülen  Sommermonate  zu 
beseitigen,  die  so  schwer  auf  den  meisten  Menschen  lastet  und  Kranke  vollends 
herunterbringt  Die  Wärmeabgabe  erfolgt  vielmehr  stets,  auch  bei  reichlichster 
Nahrungszufuhr,  ausserordentlich  leicht  Appetit  und  Stoffwechsel  pflegen  daher 
das  ganze  Jahr  hindurch   ausserordentlich  rege  zu  sein.  —  Ausserdem  führt 


Allgemeiner  Charakter  und  hjgienischer  Einfliias  von  Wittening  u.  Klima.        143 

die  Herabsetxnng  des  Luftdrackes  nnd  die  Vermindemng  der  Sauerstoffinenge 
der  Linft  cn  den  8.  119  geschilderten  Wirkungen. 

Besondere  Effekte  sind  noch  der  überaas  kräftigen  Insolation  zuzu- 
schreiben. Die  niedere  Schicht  der  AtmosphärCt  ihre  grosse  Armuth  an  Wasser- 
dampf, ihre  Klarheit  und  Staubfireiheit  lässt  im  Gkbirge  einen  viel  grösseren 
Bmehdieil  der  Sonnenstrahlen  zur  Erde  gelangen  als  im  Thale.  Alle  Gegen- 
stinde,  welche  Wärme  zu  absorbiren  vermögen,  s.  B.  schneefreier  Boden,  die 
Häuser^  die  Kleider  der  Menschen  u.  s.  w.  müssen  sich  daher  sehr  intensiv 
anter  den  Sonnenstrahlen  erwärmen.  In  der  That  finden  wir  noch  in  grosser 
Höhe  eine  ebenso  grosse  Boden  wärme  wie  im  Thal,  während  die  Lufttemperatur 
der  der  Polargegenden  gleichkommt.  In  Folge  der  intensiven  Insolation  können 
selbet  Kranke  im  Winter  des  Hochgebirges  sich  dauernd  im  Freien  aufhalten ; 
an  besonnten  Plätzen  fühlen  sie  sich  warm  und  behaglich,  während  sie  eine 
enorm  kalte  Loft  einathmen.  Dieser  Contrast  scheint  bei  Leiden  der  Respirations- 
oigane  von  nicht  ungünstiger  Wirkung  zu  sein. 

In  Davoe  (Seehöhe  1560  m)  zeigte  z.  B.  das  Vacuumthermometer  am 
27.  Deeember: 

8  Uhr  20  Min.  Morgens  (vor  Sonnenaufgang)  =  —  18.3^ 

8      „    46      „  „         =  +  22« 

^      »>  I»  >♦  ■■  +  SO 

12      „     -      «  „         =  +  42.4« 

1      ^     45      „  „  =  +  43« 

am  25.  Deeember: 

12  Uhr  in  der  Sonne  »  +  40«:  im  Schatten  »  —  9.1  ^ 
Unter  Umständen  wird  die  Erwärmung  noch  gesteigert  durch  die  reflektirte 
Wftrmestrahlung,  die  bei  Gletschern,  Schnee  und  Wasserflächen  einen  sehr 
beträchtlichen  Theil  der  gesammten  Insolationswärme  ausmacht  Mit  der  Er- 
wärmung durch  die  Sonnenstrahlen  geht  femer  eine  ausserordentlich  intensive 
Belichtung  parallel,  da  die  Atmosphäre  für  die  Lichtstrahlen,  auch  für  die 
chemisch  wirksamen,  viel  durchgängiger  ist. 

Endlieh  ist  zu  erwähnen  die  Reinheit  und  Staubfreiheit  der  Luft 
BAmentlich  in  waldbedeckten  Gebirgen,  welche  anregend  auf  die  Respiration 
wirkt  Das  oft  betonte  Freisein  der  Glebirgsluft  von  Mikroorganismen 
kann  nicht  als  bedeutsam  anerkannt  werden,  ebensowenig  wie  die  gleiche 
Eigenschaft  der  Seeluft,  da  sich  dieses  Freisein  nicht  auf  die  Luft  der  Wohn- 
räume und  auf  die  gewöhnliche  unmittelbare  Umgebung  des  Menschen  erstreckt 

Krankheiten  des  Höhenklimas. 

Die  Mortalitätsyerhältnisse  scheinen  im  Ganzen  gunstig  zu  sein, 
so  weit  sich  dies  aus  den  schwer  unter  einander  vergleichbaren  statisti- 
schen Daten  entnehmen  lässt  —  Von  besonderem  Interesse  ist  es, 
dass  dem  Höhenklima  gegen  eine  Reihe  von  verbreiteten  Infektions- 
krankheiten  relative  oder  vollständige  Immunität  nachgerühmt  wird; 
nämlich  gegen  Cholera  infantum,  Cholera  asiatica  und  andere  infek- 
tiöse Darmkrankheiten;  sodann  gegen  Malaria  und  gegen  Phthise. 

Die  Yerminderung  resp.  das  Fehlen  der  Cholera  infantum  ist 
doroh  die  niederen  Sommertemperaturen  verursacht.    Wo  trotz  der 


144  Witterung  und  Klima. 

Höhenlage  die  Sommerwärme  hochgradig  wird,  z.  B.  auf  kahlen  Plateaus 
und  in  grossen  Städten,  findet  sich  oft  eine  höhere  Kindersterblichkeit 
als  in  der  Ebene.  Von  10  000  Kindern  im  ersten  Lebensjahre  starben 
z.  B.  in  München  (528  m)  3290,  in  Dresden  2270. 

Cholera  asiatica  ist  zwar  an  vielen  hochgelegenen  Orten  noch 
nicht  aufgetreten,  doch  beweist  das  nichts  für  eine  Immunitat  des 
Höhenklimas,  da  auch  in  der  Ebene  manche  Orte  bis  jetzt  verschont 
geblieben  sind  und  da  die  Erschwerung  des  Verkehrs  im  Gebirge  die 
Chancen  für  die  Einschleppung  der  verschiedensten  Infektionskrank- 
heiten sehr  herabsetzen.  Andererseits  ist  es  erwiesen,  dass  selbst  grosse 
Höhenlage  vor  Cholera  nicht  schützt,  sobald  nur  reichliche  Verkehrs- 
gelegenheit gegeben  ist;  so  hat  die  Stadt  Mexico  (2200  Meter)  mehr- 
fache heftige  Epidemieen  erlebt 

Malaria  kommt  in  den  Alpen  bis  zu  einer  Höhe  von  etwa 
500  m  vor,  in  Italien  bis  1000  m,  in  den  Anden  bis  2600  nL  Die 
immune  Zone  beginnt  daher  erst  dann,  wenn  deutliche  Herabsetzung 
der  Temperatur  eintritt  Oleichwohl  ist  die  Kälte  keinesfalls  das 
einzige  Moment,  das  im  Gebirge  wirksam  ist;  denn  in  der  Ebene 
veranlassen  erst  erheblich  niedrigere  Temperaturen,  ein  geradezu 
polares  Klima,  die  Abnahme  resp.  das  Aufhören  der  Malaria.  Wahr- 
scheinlich ist  im  Gebirge  der  Umstand  mit  von  Einfluss,  dass  hier 
Ebenen  oder  muldenförmige  Thäler  mit  starker  und  anhaltender  Boden- 
durchfeuchtung,  wie  sie  fQr  eine  Entwickelung  der  Stechmücken  günstig 
sind,  höchst  selten  vorkommen. 

Die  Todesfölle  an  Phthise  nehmen  mit  der  Höhenlage  entschie- 
den ab.  In  Persien,  Indien,  am  Harz,  im  Riesengebirge,  in  der 
Schweiz,  den  Anden  und  Cordilleren  Amerikas  konnte  diese  Beobach- 
tung bestätigt  werden.  Auf  bewaldeten  Gebirgsrücken  wurde  schon 
in  der  Höhe  von  5—600  m  bereits  Abnahme  der  Phthise  constatirt 
Aber  es  tritt  nicht  etwa  volle  Immunitat  ein,  vielmehr  nur  ein  all- 
mähliches Geringerwerden  der  Mortalität  Auch  in  der  Schweiz  finden 
sich  in  den  höchst  gelegenen  Ortschaften  noch  Fälle  von  Phthise. 
Stark  verwischt  wird  der  Einfluss  der  Höhenlage  indess  in  stark  be- 
völkerten industriereichen  Städten,  wie  die  Beispiele  von  München  und 
Bern  zeigen. 

ünbekünmiert  um  die  Beschäftigung  der  Bevölkerung  und  sonstige 
Lebensverhältnisse,  tritt  der  Einfluss  des  Höhenklimas  auf  die  Phthise 
anscheinend  erst  in  Höhen  über  2000  m  zu  Tage.  In  den  2000—2500  m 
hoch  gelegenen  Städten  (Mexico  mit  850  000  Einw.,  Puebla  mit 
80  000  Einw.,  Quito  mit  60  000  Einwohnern  u.  s.  w.)  kommt  nach  über- 
einstimmenden Berichten  Phthise  nur  in  ganz  verschwindender  Menge  vor. 


AügemeiDer  Charakter  und  hygienisch^  EiafloBS  yon  Witterung  n.  Klima.       1 45 

Die  Erklärung  für  die  ansgesprochene  günstige  Beeinflussung  der 
Phthise  werden  wir  theils  darin  finden  müssen/  dass  die  gieichmässigere 
Witterang  und  die  niedrigere  Temperator  des  Hochsommers  den  Er- 
nähnmgszostand  des  Körpers  in  ähnlicher  Weise  begünstigt  und  Tor 
Erkältungen  schützt  wie  das  Seeklima.  Theils  kommt  möglidierweise 
noch  die  Vermehrung  der  rothen  Blutkörperchen  und  als  besonders 
schützendes  Moment  die  Vermehrung  der  Pulsfrequenz  und  die  aus- 
giebigere Respiration  in  Betracht,  welche  unter  der  Einwirkung  des 
yerminderten  Luftdrucks  und  Lufts^uerstofb  beobadiitet  werden. 


Acclimatisation. 

Vielfach  besteht  die  Ansicht,  dass  es  möglich  sein  müsse,  den 
schädlichen  Einflüssen  eines  Klimas  durch  allmähliche  Gewöhnung  des 
Körpers  —  sei  es  dass  sich  diese  nur  auf  das  einzelne  Individuum, 
oder  aber  auf  eine  Beihe  Ton  Generationen  erstreckt  —  zu  begegnen, 
und  dass  der  Mensch  im  Grunde  beföhigt  sei,  in  jedem  Klima  zu  leben 
und  zu  gedeihen. 

Die  Erfahrung  hat  jedoch  diese  Ansicht,  namentlich  bezüglich  des 
arischen  Völkerstammes,  nicht  bestätigt.  Unter  den  extremen  JBIlimat^n 
kommt  das  arktische  wenig  in  Frage;  es  ist  naturgemäss  selten  das 
Ziel  grösserer  Golonisations versuche.  Jedenfalls  scheint  es  relativ  geringe 
Gefahren  für  die  Gesundheit  zu  bieten;  gesunde  und  mit  guten  Ver- 
dauungsorganen  ausgerüstete  Menschen  pflegen  sich  dort  wohl  zu  be^ 
finden.  Auch  bei  einer  Fortpflanzung  durch  Baiehr^:e  Generationen 
tritt  keine  abnorme  Entwickelung  des  Körpers  zu  Tage.  Eine  Grenze 
wird  der  Existenzföhigkeit  des  Menschen  hier  nur  gesetzt  durch  die 
Schwierigkeit  einer  ausreichenden  Ernährung,  durch  das  Fehlen  einer 
Flora  und  Fauna ,  und  durch  d^  ,  steten  Kampf  mit  elementaren 
Gewalten. 

In  der  gemässigten  Zone  und  auch  in  den  subtropischen  Gebieten 
stösst  die  Colonisation  ebenfaUs  auf  keine  Sdiwierigkeiten.  So  haben 
wir  blühende  europäische  Niederlassungen  im  südlichen  Australien,  in 
Südafrika,  in  Chile,  Argentinien,  dem  südlichsten  Theil  von  Brasilien  u.  a.  m. 

Ungleich  schwieriger  ist  für  die  arischen,  Völker,  speciell  für  die 
Bewohner  des  mittleren  Europas,  eine  Besiedelung  tropischer  Gebiete« 
Zwischen  dem  Aequator  und  16^  nördlicher  und  südlicher  Breite  und 
in  einer  Höhe  von  weniger  als  800  m  vermag  der  Europäer  keine 
dauernden  Wohnsitze  zu  begründen.  Schon  das  eingewanderte  Indi* 
Tiduum  selbst  pflegt  kaum  einen  ununterbrochenen  Aufenthalt  von 

FlOooi,  OmndriM.    V.  Aafl.  10 


146  Witterung  and  Kllima. 

mehreren  Jahrzehnten  ohne  manifeste  GesundheitsstSning  ertragen  zu 
können.  Die  in  den  Tropen  geborenen  Kinder  von  Einwanderern 
(Kreolen)  sind  besonders  leicht  vulnerabel  and  müssen  meist  fQr  Jahr- 
zehnte nach  der  Heimath  oder  in  ansnahmsweise  günstig  gelegene 
Gegenden,  in  Sanatorien  im  tropischen  Hochgebirge  n.  s.  w.  gesandt  werden^ 
falls  sie  zu  gesunden  Menschen  heranwac^en  sollen.  In  der  zweiten 
und  dritten  Kreolen-Oeneration  tritt  bereits  eine  geringere  Vermehrung' 
hervor,  und  schliesslich  bleiben  die  Ehen  unfruchtbar.  Ausnahmsweise 
und  in  relativ  günstig  gelegenen,  namentlich  gebirgigen  tropischen 
Begionen  ist  es  wohl  zu  einer  längeren  Nachkommenreihe  und  zu  einer 
Vermehrung  arischer  Einwanderer  gekommen;  aber  im  Allgemeinen 
sind  die  Ansiedelungsversuche  der  weissen  Basse  in  den  Tropen  als 
fehlgeschlagen  zu  bezeichnen. 

Die  gefiihrlichsten  Gesundheitsstörungen,  durch  welche  diese  Miss- 
erfolge bedingt  werden,  sind,  wie  oben  hervorgehoben  wurde  (S.  128), 
vorzugsweise  die  Tropenanämie  und  die  dieselben  begleitenden 
Leberaffektionen,  Malaria  und  Dysenterie;  in  manchen  Gegenden 
gesellen  sich  noch  Gelbfieber,  Beri-Beri  und  andere  endemische 
Krankheiten  hinzu. 

Diese  IQimawirkungen  kommen  aber  nicht  gegenüber  allen 
Menschen  zustande.  Die  eingeborene  Bevölkerung  zeigt  zwar  meist 
eine  stärkere  Gesammt-Mortalität ,  als  wir  in  der  gemässigten  Zone 
finden ;  ab^  trotzdem  reichliche  Vermehrung,  kräftige  KörperbeschafiTen- 
heit  und  ziemliche  Leistungsfähigkeit  Femer  giebt  es  auch  einige 
sndeuropäische  Völker,  welche  unter  dem  TropenkUma  viel  weniger  zu 
leiden  haben,  und  sich  dort  dauernd  vermehren ;  so  namentlich  Spanier 
und  Portugiesen.  —  Es  muss  von  grosser  Bedeutung  sein,  festzustellen, 
worin  diese  Unterschiede  in  der  klimatischen  Wirkung  begründet  sind 
und  ob  nicht  Aussicht  vorhanden  ist,  dass  Anrdi  Acclimatisation 
auch  die  anderen  europäischen  Völker  eine  gleiche  Unempfindlichkeit 
sich  aneignen  können. 

Für  die  hervorgehobenen  Differenzen  in  dem  Einfluss  des  Tropen- 
klimas ist  nun  1)  angeborene  Bassen-Disposition  maas^ebend. 
Dieselbe  macht  sidi  geltend  durch  eine  angeborene  Immunität  gegen 
die  am  meisten  gefahrdrohenden  Krankheiten.  So  sind  die  Neger 
immun  g^;en  Gelbfieber.  Femer  muss  in  ihrer  KörperbeschaSenheit 
ein  gewisser  Schutz  gegen  die  Tropenanämie  und  deren  Folgen  gegeben 
sein;  alle  Organe,  insbesondere  die  blutbildenden,  verhalten  sich  ver- 
muthlich  so,  dass  die  denkbar  günstigsten  Bedingungen  f&r  den  im 
tn^ischen  Klima  lebenden  Körper  verwirklicht  sind.  Diese  Eörper- 
beschaffenheit  vererbt  sich  von  Generation  zu  Generation,  und  garantirt 


AUgemeiner  Chanikter  nnd  hygienischeir  Einflnss  von  Witterang  u.  Klima.        14t 

für  die  Nachkommen  die  gleiche  Existenzfahigkeit,  Ms  dieselbe  nicht 
durch  fortgesetzte  Kreuzung  mit  weniger  geeigneten  Bässen  beein- 
traehldgt  wird. 

Für  europäische  Völker  ist  es  bezüglich  ihrer  Ansiedlongsfähig- 
keit  in  den  Tropen  von  grosser  Wichtigkeit ,  ob  ihre  Yor&hren  sich 
etwa  mit  Einwanderern  ans  der  tropischen  oder  subtropischen  Zone  ge- 
kreuzt  und  so  eine  Rassenimmunität  erworben  haben.  Es  ist  das 
zweifellos  der  Fall  bei  den  Maltesern,  Spaniern  und  Portugiesen,  die 
siefa  mit  phönizischem  und  maurischem  Blut  gemischt  haben.  Diese 
liefern  daher  noch  jetzt  die  in  der  warmen  Zone  reeistentesten  Colo- 
nisten.  Nordfranzosen  und  Deutsche,  die  ihre  Basse  reiner  erhalten 
haben,  sind  am  Tulnerabelsten.  Besonders  widerstandsfähig  sollen  sich 
die  Juden  erweisen. 

Jedoch  sind  die  betreffenden  statistischen  Belege,  die  in  Algier,  West- 
afrika  n.  s.  w.  für  die  Resistenz  der  yerschiedenen  Rassen  gesammelt  sind,  wenig 
beweisend,  da  dieselben  gewöhnlich  die  verschiedene  Beschlftigong  und  Lebens- 
weiae  der  yerglicbenen  Rassen  nicht  berücksichtigen.  In  Algier  z.  R  sind  die 
eingewanderten  Franzosen  nnd  besonders  Elsässer  die  eigentlichen  Ackerbauer 
gewesen,  die  ins  Innere  des  Landes  yorgedmngen  sind  und  allen  Gefahren 
exponirt  waren;  die  SemiteA  dagegen  haben  sich  wesentlich  in  deA  Städten 
angehalten  und  Handel  getrieben.  Dabei  sind  sie  den  Gefahren  des  Klimas 
in  anaserordentlich  Tiel  geringerem  Grade  ausgesetzt  als  jene  Colonisten;  und 
ein  Vergleich  der  Sterblichkeit  beider  Rassen  gestattet  noch  keinen  endgültigen 
Schlnss  auf  ihre  Resistenz  gegen  die  Wirkungen  des  Klimas. 

2)  Femer  kommt  eine  angeborene  individuelle  Disposition 
fQr  die  Lebensfähigkeit  in  den  Tropen  in  Betracht.  Selbst  unter  den 
Individuen  eines  nordeuropäischen  Volkes  pflegt  es  Einige  zu  geben^ 
welche  eine  angeborene  Immunitat  gegen  die  bedeutsamsten  Infektions- 
krankheiten besitzen,  ausserdem  über  eine  im  Uebrigen  mdgUohst  für 
das  Leben  in  den  Tropen  geeignete  Körperbesohaffenheit  verfügen,  und 
beßhigt  sind,  sich  von  Tropenanämie  frei  zu  erhalten.  Magere,  aber 
kräftige  Menschen  von  nonkialer  BlutfüUe  und  Blutbeschaffenheit,  mit 
wenig  schwitzender  Erat,  scheinen  in  dieser  Beziehung  anämischen^ 
b jdr&mischen ,  fetten  oder  leicht  schwitzenden  Menschen  überlegen 
zu  sein.  —  Derartige  angeborene  Eigenschaften,  deren  genauere  Er- 
kenntniss  ganz  besonders  wichtig  sein  würde,  werden  durdi  Ehen 
mit  weniger  günstig  Gonstituirten  sich  leicht  verlieren;  sie  können 
aber  günstigen  Falls  vererbt  werden,  und  dann  zu  jenen  hier  und  da 
beobachteten  Generationen  ausnahmsweise  existenzfähiger  Europäer 
fuhren. 

3)  Bis  zu  einem  gewissen  Grade  ist  eine  Aenderung  des  Indiri- 
duoms  im  Sinne  einer  Anpassung  an  das  Klima  denkbar.    Dieselbe 

10* 


148  Witterung  und  Klima. 

betrifft  z.  B,  den  Ern&hningszastaQd ;  fette  Menschen  weiden  durch 
allm&hlichen  Fettyerlnst  geeigneter;  gewohnheitsmässige  übennSssige 
Nahrangs-  and  Qetränkznfahr  kann  allmählich  verringert  werden ;  und 
richtig  aasgewahlte  Kost  nnd  massige  Muskelübong  yermögen  bestehende 
Emährang^efekte  za  beseitigen,  die  im  kalten  Klima  kaom  als  störend 
empfanden  werden,  in  den  l^open  aber  ge&hrdrohend  werden.  Femer 
wird  allmählich  die  geistige  and  körperliche  Thatigkeit  weniger  lebhaft^ 
es  bildet  sich  ein  trägeres  Temperament  ans,  bei  welchem  der  materielle 
Umsatz,  im  Körper  nnd  die  Wärmeprodnotion  geringer  ansfiUt  and  dßt 
Wärmehaashalt  erleichtert  wird«  Weiter  ist  eine  erworbene  Immninität 
gegen  Infektionskrankheiten  von  grosser  Bedeatang.  Nach  neaerep 
Beobachtnngen  kann  speciell  gegen  Malaria  eine  langdanemde  Immnnität 
erworben  werden,  and  aach  Dysenterie  nnd  Cholera  gewähren  eine 
karzdaaernde Immonität  —  Eine  Yererbang  dieser  erworbenen  Körper- 
eigenschaften scheint  nicht  vorzakommen« 

4)  Von  grosser  Bedeutang  ist  das  allmähliche  Erlernen  des  hygie- 
nisch richtigen  Verhaltens.  Der  neue  Einwanderer  wird  in  Bezog 
aaf  Wohnong,  Kl^idang,  Emährang,  Beschäftigang  vielfeche  Fehler 
machen,  die  der  ältere  Colonist  vermeidet,  and  hierdnrch  wird  der 
letztere  weniger  valnerabel  sein. 

Aas  dem  Vorstehenden  ergiebt  sich,  dass  eine  „Aoolimatisatioii^ 
in  erheblicherem  umfange  nicht  besteht,  sondern  hauptsächlich  aaf 
das  Erlernen  der  richtigen  Lebensweise  and  aaf  eine  geringfügige  nnd 
wenig  constante  zweckentsprediende  Aenderang  des  Körpers  hinaus- 
kommt Wenn  behauptet  wird,  dass  die  seit  längerer  Zeit  in  den 
Tropen  lebenden  Golonisten  sich  weniger  valnerabel  zeigen,  und  dass 
sie  dies  eben  der  Anpassung  des  Körpers  zu  danken  haben,  so  ist  zu 
erwägen,  ob  in  solchen  Fällen  nicht  vielmehr  eine  Auslese  von  Indi- 
vidü^  vorliegt;  die  von  vornherein  weniger  gut  geeigneten  Golonisten 
erliegen  bald,  oder  sind  gezwungen,  andere  Klimate  aufzusuchen;  die 
von  Anfang  an  körperlich  besser  Disponirten  überdauern  jene  und 
zeigen  auch  bei  längerem  Aufenhalt  eine  relativ  geringere  Vulnera- 
bilität —  In  der  Mehrzahl  der  FSHe  wird  aber  ein  günstiger  Einfluss 
des  verlängerten  Aufenthalts  im  Tropenklima  überhaupt  nicht  wahr- 
genommen. So  hat  man  in  den  meisten  englischen  Colonieen  die 
Erfahrung  gemacht,  dass  die  Mortalität  der  Truppen  sich  bedeutend 
verminderte,  wenn  die  Mannschaften  rasch  wechselten  und  nicht  ftber 
drei  Jahre  in  den  Colonieen  blieben. 

Der  wichtigste  Faktor  für  eine  erfolgreiche  Colonisation  in  den 
Tropen  ist  daher  zweifellos  in  der  Bassendispoeitioti  gegeben.  Wo 
diese  fehlt,  kann  die  angeborene  individuelle  Disposition  nach  Möglidt« 


Ohemiacbes  Verhalten  der  Luft  149 

keit  beräeksiohtigt  werden,  und  die  Colonietten  müssen  von  Anfang  an 
auf  eine  möglichst  sorgsame  Dorchführang  der  erprobten  hygienischen 
Maassregeln  achten.  Von  grösster  Bedeutung  ist  die  Tilgung  der 
Seuchen,  insbesondere  der  Malaria  in  den  Colonialgebieten  nach  den 
im  Kap.  „Parasitare  Krankheiten'^  dargelegten  Orunds&tzen.  Durch  die 
auf  der  neueren  Erforschung  dieser  Krankheiten  beruhenden  Maass- 
nahmen  können  in  Zukunft  Oebiete  besiedelungsfahig  werden,  die  bisher 
für  das  Bewohnen  von  Europäern  als  völlig  ungeeignet  gelten  mussten. 
Unter  solchen  Gautelen  wird,  selbst  wenn  audi  von  einer  „Aodimati- 
sation^  wenig  zu  erwarten  ist,  mindestens  doch  die  Leitung  tro- 
pischer Colonieen  durch  Europaer  ausführbar  sein. 

Literatur:  a)  Methoden:  Jslinbk,  Anleitung  zur  Anstellung  meteoro- 
logiseher  Beobachtungen,  Wien  1876.  —  Flüoqb,  Lehrbuch  der  hygienischen 
Untersnchungsmethoden,  Leipzig  1881.  —  Lbumauk,  Die  Methoden  der  prakti- 
•cben  Hygiene,  Wiesbaden  1890. 

b)  Meteorologie  nnd  Klimatologie:  Hamm,  Handbuch  der  Klima- 
tologie,  188S.  —  Supan,  Orundzflge  der  physischen  Erdkunde,  2.  Aufl.  1895.  — 
WoEiKorp,  Die  Klimate  der  Erdkunde.  Nach  dem  Russischen.  2  Bände.  1887. 
Ratskl,  Anthropogeographie,  1882.  —  tan  Bbbbbb,  Hygienische  Meteorologie, 
1895.  —  AssMAim,  Das  Klima,  im  „Handb.  der  Hygiene*',  1894. 

c)  Hygienischer  Einfluss  yon  Witterung  und  Klima:  Renk,  Die 
Luft,  im  Handbuch  der  Hygiene  yon  ▼.  Pettbnkofbb  u.  y.  Zibmssbm.  —  Hibsch, 
Handbuch  der  historisch-geographischen  Pathologie,  2.  Aufl.  3  Bde.  1881 — 87. 
—  Wbbbb,  Klimatotherapie  in  v.  Zibmssbb^s  Handb.  der  Allgem.  Therapie,  1880.  — 
RüBHBB,  Lehrbuch  der  Hygiene.  6'.  Aufl.  1900.  —  Rubnbr  u.  Wolpbet  im  Arch. 
f.  Hygiene. 

d)  Akklimatisation:  Vibohow,  Ueber  Akklimatisation,  Vortrag  a.  d. 
Natnrl-Vers.  in  Strassburg,  1885.  —  MIhlt  u.  Trbillb,  Referate  auf  d.  hyg. 
Congress  in  Wien,  1887.  —  Schbllono,  Akklimatisation  und  Tropenhygiene,  im 
„Handb.  d.  Hygiene*",  1894. 


Drittes  Kapitel 

Die  gas-  und  staubförmigen  Bestandteile 

der  Luft. 

L  Ghemisclies  YerhalteiL 

Die  chemische  Beschaffenheit  der  Luft  ist  für  den  menschlichen 
Körper  von  grosser  Bedeutung,  weil  zwischen  beiden  ein  inniger 
Wechselyerkehr  besteht.  Der  Mensch  athmet  taglich  etwa  10  cbm 
Luft  ein    nnd   f&hrt    deren  Gase    theilweise    ins    Blat    über;    die 


150  I^ie  gas-  and  staabfSrmigeii  Beatandteile  der  Luft 

gleiche  Menge,  wird,  beladen  mit  allerlei  Excreten,  durch  Lungen  und 
Haut  ausgeathmet  In  ähnlicher  Weise  wird  die  Beschaffenheit  der 
Aussenluft  durch  die  Athmung  der  Thiere  und  Pflanzen,  durch  Faulniss- 
und  Gährungsprocesse,  durch  Verbrennungen  u.  s.  w.  verändert  Es  fragt 
sich,  welchen  Grad  diese  Veränderungen  allmählich  innerhalb  der  freien 
Atmosphäre  und  im  Wohnraum  erreichen  und  welche  Schädlichkeiten 
dem  Körper  eventuell  daraus  erwachsen  können. 

Untersucht  man  die  atmosphärische  Luft,  so  findet  man  im 
Mittel  etwa  20-7  Procent  Sauerstoff;  78-3  Procent  Stickstoff 
(0 :  N  SB  20*9 :  79- 1) ;  eine  kleine  Menge  Argon ;  wechselnde  Quantitäten, 
im  Mittel  etwa  1  Procent  Wasserdampf;  femer  kleine  Mengen 
Kohlensäure;  Spuren  von  Ozon,  Wasserstoffsuperoxyd,  Ammoniak 
Salpetersäure,  salpetrige  Säure ;  zuweilen  auch  schweflige  Säure,  Kohlen- 
oxyd,  Kohlenwasserstoffe  u.  s.  w. 

Die  quantitativen  Schwankungen  und  die  hygienische  Bedeutung 
dieser  verschiedenen  Bestandtheile  sind  im  Folgenden  gesondert  zu 
erörtern.  Bezüglich  des  Wasserdampfe,  der  vorzugsweise  als  klimatisches 
Element  eine  Bolle  spielt,  muss  auf  das  vorhergehende  Kapitel  ver- 
wiesen werden. 

1.  Der  Sauerstoff. 

Derselbe  wird  überall  in  der  Atmosphäre  in  der  gleichen  pro- 
centischen  Menge  gefunden;  die  Schwankungen  des  Gehalts  betragen 
in  maximo  0-5  Procent;  die  niedrigsten  Zahlen  treten  bei  südlichen 
Winden  und  nach  anhaltendem  Bogen  auf.  Für  gewöhnlich  zdgt  die 
Luft  selbst  in  Fabrikstädten  kaum  messbare  Unterschiede  gegenüber 
der  Land-  und  Waldluft. 

Der  Grund  dieser  ConstaDz  liegt  darin,  dass  der  Vorrath  der  Atmosphäre 
an  Sauerstoff  ein  ganz  enormer  ist  Wenn  aucb  in  dem  Maasse,  wie  es  jetzt 
geschieht,  fortgesetzt  Sauerstoff  durch  Verbrennung  und  Athmung  verbraucht 
und  zur  Bildung  von  CO,,  H,0  u.  &  w,  verwandt  wird,  und  wenn  aus  aUen  diesen 
Verbindungen  der  0  nicht  nachträglich  wieder  frei  wird,  so  müssen  doch  etwa 
18000  Jahre  verfliessen,  bis  derO-G^halt  um  1  Procent  abnimmt.  Ein  wesent- 
licher Theil  des  zu  Oxydationen  verwandten  Sauerstoft  wird  aber  bekanntlich 
durch  die  Chlorophyll  führenden  Pflanzen  wieder  in  Freiheit  gesetzt,  so  dass 
thatsächlich  die  Abnahme  nooh  erheblich  langsamer  erfolgt.  —  Ausserdem 
sorgen  für  eine  stets  gleichmässige  Vertheilung  des  Sauerstoffs  und  der  anderen 
Gase  die  Winde,  die  fortgesetzt  ein  kräftiges  Umrühren  und  inniges  Mischen 
der  Luft  bewiiken. 

Auch  in  Folge  des  Sauerstoffconsums  innerhalb  bewohnter  Bäume 
werden  nur  geringe  Abweichungen  von  der  Norm  beobachtet ;  die  vor- 
kommenden Schwankungen  sind  als  hygienisch  bedeutungslos  an- 
zusehen.   Die  absolute  Menge  des  eingeathmeten  Sauerstoffs  kann 


Gfaemiaches  Verhalten  der  lüift.  151 

dagegen  in  erheblichem  Grade  ?ermindert  wardeh  bei  abnehmendem 
Luftdruck  (S.  109);  nnd  eine  geringere  Wirkung  tritt  ein  mit  der 
höheren  Temperatur  und  der  damit  parallel  gehenden  Ausdehnung 
der  Luft,  ohne  dass  jedoch  die  Grosse  dieses  Ausfolls  aa  Sauerstoff- 
zufuhr Symptome  veranlassen  könnte. 

Eine  Bestimmung  des  Saaerstoffgebalts  der  Laft  ist  daher  fiusserst  selten 
im  hygienischen  Interesse  wünschenswerth.  Die  Ausführung  hat  eventuell  nach 
den  Vorschriften  und  unter  den  üblichen  Cautelen  der  Gasanalyse  zu  erfolgen. 

Der  Stickstoff  der  atmosphärischen  Luft  hat  keinerlei  Funktion  im 
thierischen  oder  pflanzlichen  Körper;  er  stellt  nur  ein  indifferentes,  den  Sauer- 
stoff gleichsam  verdOnnendes  Agens  dar,  das  hygienisch  bedeutungslos  ist  Die 
Reiche  Indifferenz  kommt  dem  Argon  zu. 

2.  Ozon  und  Wasserstoffsuperoxyd. 

Beiden  Körpern  ist  ein  sehr  energisches  Oxydationsvermögen  eigen, 
und  sie  machen  daher  zusammen  die  sogenannte  ^oxydirende  Kraft<< 
der  Luft  aus. 

Das  OzonmoldLÜl  wird  aufge£ust  als  ein  Sauerstoffinolekül ,  welchem 
noch  ein  drittes  Sauerstoffatom  angelagert  ist  (0,).  Es  ist  ein  ^bloses  Gas 
von  eigenthümlichem  Gkruch,  das  in  reinem  Zustande  noch  nicht  erhalten  wurde, 
sondern  höchstens  mit  relativ  viel  gewöhnlichem  Sauerstoff  gemengt  In  Wasser 
ist  es  nur  in  Spuren  löslich.  Bei  höherer  Temperatur,  bei  Berührung  mit  den 
yerscbiedenen  oxydablen  Stoffen  wird  es  zersetzt 

Das  Ozon  der  Atmosphäre  entsteht  durch  elektrische  Entladungen  (G^ 
witter);  bei  allen  in  grösserem  Umfange  ablaufenden  Oxydationsprocessen;  ferner 
bei  Verdunstung  von  Wasser.  In  beiden  letzten  Fällen  entsteht  gleichzeitig 
Wasserstofbuperoxyd,  bei  der  Verdunstung  sogar  in  stark  vorwiegender  Menge, 
wenn  nicht  ausschliesslich.  —  Künstlich  lässt  sich  Ozon  am  reinsten  dar- 
stellen, wenn  man  im  BüHmoBFP*8chen  Apparat  elektrische  Schläge  durch  Luft 
oder  Sauerstoff  leitet;  femer  durch  langsame  Oxydation  von  Phosphorstücken, 
die  zur  Hälfte  in  Wasser  eintauchen;  oder  indem  man  einen  erhitzten  Platin- 
draht in  Aetherdampf  bringt  (Princip  der  DÖBSBEiNKa-JlQBB*schen  Ozonlampe); 
oder  dadurch,  dass  man  gepulvertes  Kaliumpermangat  allmählich  mit  Schwefel- 
säure versetzt 

Unter  den  Eigenschaften  des  Ozons  ist  sein  kräftiges  Ozydationsver- 
mögen  am  bemerkenswerthesten.  Farbstoffe  werden  durch  Ozon  zerstört,  Metalle 
ozydirt,  Schwefelmetalle  in  Sulfate,  gelbes  Blutlaugensalz  in  rothes  übergeführt 
Oi^g^ische  Körper  aller  Art,  Staub,  Verunreinigungen  der  Luft  werden  gleich- 
falls oxydirt  und  bewirken  damit  Zerlegung  des  Ozons. 

Zur  Bestimmung  des  atmosphärischen  Ozons  benutzt  man  gewöhnlich 
Jodkaliumstärkepapiere,  welche  24  Stunden  an  einem  gegen  Sonnenlicht  ge- 
schützten Orte  der  Luft  exponirt,  dann  befeuchtet  und  mit  einer  16  stufigen 
Farbenskala  verglichen  werden. 

Diese  Art  der  Messung  ist  durchaus  ungenau;  vor  allem  besteht  der 
Fehler  derselben  darin,  dass  das  Reagenspapier  die  summirte  Wirkung  aller 
Ozontheilchen  anzeigt,  die  in  24  Standen  darüber  gestrichen  sind,  dass  also 
der  Beaktionsgrad  wesentlich  abhängig  ist  von  der  Intensität  der  Luftbewegung, 


152  I^e  gas-  imd  stanbfSnnigen  Bestandteile  der  Luft 

wfthrend  der  Gehalt  der  Luft  an  Ozon,  d^  Concentrationsgrad,  geprüft  werden 
soll  —  Es  kann  dieser  Fehler  dadurch  eliminirt  werden,  dass  man  das  Papier 
in  einer  sog.  Ozonbüchse  einem  Luftstrom  von  constanter  Creschwindigkeit  aus- 
setzt. Aber  auch  dann  sind  immer  noch  zahlreiche  Ungenauigkeiten  vor- 
handen. —  Auch  mit  dem  neuerdings  empfohlenen  Tetramethylparaphenyl- 
endiamin-Papier,  kurz  Tetra- Papier  (Wubsteb),  gelingt  eine  einigermaassen 
sichere  Bestimmung  des  atmosphärischen  Ozons  nicht 

Der  Eifer,  mit  welchem  trotz  der  ünToUkommenheiteii  der  Me- 
thoden Ozonmessungen  betrieben  sind,  mnss  zu  der  Yermuthung  f&hren, 
dass  dem  Ozon  eine  erhebliche  hygienlBche  Bedentong  zukommt. 
Eine  solche  ist  indessen  nicht  nachgewiesen.  Halten  sich  Menschen 
in  einer  künstlich  stark  ozonhaltig  gemachten  Zimmerlnft  anf^  so  treten 
Schläfrigkeit  und  Symptome  einer  Beiznng  der  Respirationsschleim- 
haut ein.  Bei  noch  stärkerem  Ozongehalt  kommt  es  zu  Glottiskrampf 
und  sehr  heftiger  Beizung  der  Schleimhäute.  Von  kleineren,  aber  im 
Vergleich  zum  Gehalt  der  Atmosphäre  immerhin  bedeutenden  Ozon- 
mengen haben  Unbefangene  keinerlei  Empfindung.  Auf  der  Haut 
machen  selbst  stärkste  Concentrationen  keinerlei  Eindruck. 

Wenn  sonach  eine  directe  Wirkung  des  in  der  Luft  enthaltenen 
Ozons  auf  den  Menschen  entschieden  bestritten  werden  muss,  so  hat 
man  doch  emen  indirecten  hygienischen  Einfiuss  vermuthet  darin, 
dass  das  Ozon  vielleicht  Mikroorganismen  und  spedell  Infektionserreger 
zu  tödten  vermag.  Auch  das  hat  sich  indess  nicht  bestätigt  Relativ 
starke  Concentrationen  des  Ozons  sind  ohne  Wirkung  auf  Leben  und 
Entwickelung  der  Mikroorganismen ;  erst  bei  einem  Gehalt  von  2  mg 
Ozon  im  Liter  beginnt  nach  48  Stunden  eine  Schädigung  von  wenig 
resistenten  Bakterien;  gegenüber  resistenteren  erst  bei  einem  Gehalt 
von  14  mg  Ozon  im  Liter.  In  der  atmosphärischen  Luft  werden 
dagegen  im  Mittel  nur  2  mg  in  100  Oubikmeter,  in  maximo  2  mg 
in  1  cbm  Luft  gefunden. 

Auch  aus  den  Resultaten  der  zahlreichen  bis  jetzt  ausgeführten 
Ozonmessungen  lässt  sich  nichts  entnehmen,  was  für  eine  hygienische 
Bedeutung  des  atmosphärischen  Ozons  spräche.  Am  wenigsten  be- 
obachtete man  im  Herbst,  bei  trockenen  Nord-  und  Nordostwinden, 
bei  Windstille  (z.  B.  vor  Gewittern) ;  die  grössten  Mengen  im  Frühjahr, 
bei  feuchter  bewegter  Luft,  nach  Gewittern,  bei  Schneefall  —  Oert- 
liche  Steigerung  findet  sich  in  Wäldern,  am  Meer,  auf  Bergen  u.  s.  w. 
In  den  meisten  grösseren  Städten  (Paris,  London,  Boston,  Frag  u.  s.  w.) 
war  in  der  Strassenluft  resp.  in  bewohnten  Räumen  kein  Ozon  nach- 
weisbar. Schon  diese  letzte  Beobachtung  spricht  dafür,  dass  keine 
irgend  erhebliche  Einwirkung  auf  die  Gesundheit  durch  den  Ozongehalt 
der  Luft  zu  Stande  kommt 


Chemisches  Verhalten  der  Luft.  158 

Statistische  Vergleiche  zwischen  den  Besnltaten  der  Ozonmessung 
und  dem  Auftreten  von  Infektionskrankheiten  sind  mehrfach  angestellt ; 
ebenfalls  ohne  positives  Ergebniss. 

Nur  insofern  ist  ein  Ozongehalt  der  Luft  ?on  Bedeutung,  als  der- 
selbe anzeigt,  dass  die  Luft  frei  von  allem  organischen  Staub,  übel- 
riechenden Substanzen  u.  s.  w.  ist,  da  diese  alle  das  Ozon  rasch  zersetzen 
und  neben  Ozon  nicht  ?orkommen  können.  Diese  Beinheit  der  Luft 
beänfiusst  den  Bespirationstypus  und  von  da  aus  verschiedene  körper- 
liche Funktionen ;  aber  das  Wesentliche  ist  dabei  nicht  der  Ozongehalt, 
der  unter  Umstanden  auch  »  0  sein  kann,  sondern  das  Fehlen  jener 
störenden  Beimengungen  bezw.  das  Vorhandensein  aromatischer,  die 
Athmung  anregender  Substanzen  (Wald-,  Wiesenluft). 

Das  m  der  Atmosphäre  enthaltene  Wasserstoffsuperoxyd,  H,0,,  ent- 
steht durch  dieselben  Processe  wie  das  Oson,  meist  aber  in  viel  grösseren 
Mengen  als  dieses.  —  Die  oxydirende  Kraft  des  H,0,  ist  nicht  so  gross  wie  die 
des  Ozons;  Jodkalium  wird  langsamer  zerlegt,  Indigo  wird  nur  allmählich  ent- 
ftrbt  Die  Oxydationen  erfolgen  indess  momentan,  wenn  einige  Tropfen  Eisen- 
YitrioUösnng  zugefügt  werden.  Femer  vermag  H,Os  auch  reducirendzu 
wirken  (Hfi^  +  0  <=  H,0  +  0^  z.  B.  auf  Kaliumpermanganat,  Ferricyankalium. 

Das  atmosphärische  H,0,  ist  leichter  nachweisbar  als  das  Ozon,  weil  es 
sich  in  den  Niederschlägen  löst  und  dort  gleichsam  gesammelt  wird ;  man  untei^ 
sucht  also  diese  oder  bewirkt  künstliche  Thaubildung.  —  Im  Mittel  findet  man 
in  1  Liter  Niederschlag  0.2  Milligramm;  in  Schnee  und  Hagel  sehr  wenig, 
am  meisten  im  Juni  und  Juli  und  bei  westlichen  Winden. 

Hygienische  Bedeutung  scheint  dem  atmosphärischen  Wasserstoff- 
superoxyd nicht  zuzukommen.  Die  betreffenden  Ck>ncentrationen  sind  sowohl 
auf  den  Menschen  wie  auf  Mikroorgamsmen  ohne  Wirkung. 

S.  Kohlensäure. 

Als  Quellen  der  atmosphärischen  GO^  kommen  in  Betracht: 
a)  Die  Athmung  der  Menschen  und  Thiere ;  ein  Mensch  liefert  stünd- 
lich 22  Liter  CO^ ;  die  gesammte  jährlich  von  den  die  Erde  bewohnen- 
den Menschen  producirte  CO^  berechnet  sich  auf  circa  180  Milliarden 
Cubikmeter.  b)  Die  Fäulniss-  und  Yerwesungsprocesse,  die  namentlich 
hn  gedüngten  Boden  in  grossem  Umfang  verlaufen,  c)  Die  Ver- 
brennung von  Brennmaterial,  besonders  in  Industriebezirken;  jährlich 
drca  800  Milliarden  Cubikmeter.  d)  Unterirdische  CO^-Ansanmilungen, 
die  sich  e?entuell  nach  Bergwerken  offnen  (matte  Wetter)  oder  durch 
Erdspalten  und  Vulkane  ausströmen. 

Der  fortlaufenden  Production  steht  eine  ausgiebige  Fortschaffung 
der  CO,  aus  der  Luft  gegenüber,  und  zwar  erfolgt  diese :  a)  Durch  die 
grünen  Pflanzen,  die  im  Tageslicht  CO,  zerlegen,    b)  Durch  die  Nieder- 


154  I^ie  gas-  und  staabförmigen  Bestandteile  der  Luft 

schlage,  welche  im  Mittel  2  ccm  GO^  in  1  liter  enthalteiu    c)  Durch 
die  kohlensauren  Salze  des  Meerwassers. 

Ausserdem  sorgen  die  Winde  für  eine  gleichmassige  Yertheiliing 
der  vorhandenen  CO^,  so  dass  wir  im  Freien  nur  geringe  Schwankungen, 
zwischen  0*2  und  0*55  pro  mille,  im  Mittel  0-8  pro  mille,  be- 
obachten. Den  höchsten  Gehalt  beobachtet  man  im  Innern  grösserer 
Städte  zur  Winterszeit.  Eine  geringfügige  Steigerung  ist  in  Wäldern, 
bei  windstillem  Wetter  in  Industriebezirken,  femer  bei  Moorrauch  wahr- 
zunehmen«   Die  zeitlichen  Schwankungen  fedlen  ähnlich  aus. 

Weit  höher,  bis  1,  2,  ja  10  pro  mille,  kann  der  CO^-Qehalt  inner- 
halb der  Wohnungen  steigen,  wo  die  Menschen  und  Leuchtmaterialien 
reichlich  CO,  liefern,  ohne  dass  eine  kräftige  Luftbewegung  ausgleichend 
eingreifen  kann. 

Bestimmung  der  KohleDsäure.  Zar  genaueren  quantitativen  Bestim- 
mung fallt  man  die  zu  untersuchende  Luft  in  eine  Flasche  von  bestimmtem 
Volum  und  lässt  in  dieselbe  eine  gemessene  Menge  Bar3rtwa8ser  oder  besser 
Strontianwasser  einfliessen.  Das  Strontianwasser  absorbirt  die  CO,,  trübt  sich 
durch  Strontiumcarbonat  und  enthält  dann  weniger  alkalisch  reagirendes  Stron- 
tiumhydrat als  Torher.  Der  Ausfall  an  Strontiumhydrat  iSsst  sich  durch  Titriren 
mittelst  einer  S&ure  von  bekanntem  Gehalt  leicht  quantitaÜT  ermitteln  und 
giebt  einen  Maassstab  für  die  Menge  CO«,  welche  in  dem  abgemessenen  Luft- 
quantum  enthalten  war  und  auf  das  Strontiumwasser  eingewirkt  hatte. 

Approximativ  lässt  sich  die  CO^  der  Luft  in  der  Weise  bestimmen, 
dass  durch  eine  kleine  Flasche  mit  Sodalösung,  welche  mit  einigen  Tropfen 
PhenolphtaleltnlOsung  versetzt  und  dadurch  roth  gefärbt  ist,  die  zu  unter- 
suchende Luft  hindurchgeleitet  wird,  bis  Entfärbung  auftritt  Je  mehr  Loft 
dazu  erforderlich  ist,  um  so  geringer  ist  ihr  G0t*6ehalt    O^gl.  den  Anhang,) 

Hygienische  Bedeatong  der  Eohlensaore  der  Luft.  Ein  direct 
schädlicher  Einflnss  der  in  der  Luft  enthaltenen  GO^-Mengen  kann 
nicht  angenommen  werden.  Die  CO,  wirkt  erst  in  grossen  Dosen  giftig ; 
ein  Gehalt  der  Luft  von  1  Frocent  kann  für  längere  Zeit,  ein  solcher 
von  5  Procent  vorübergehend  ohne  Schaden  ertragen  werden.  Auch 
wenn  gleichzeitig  Verminderung  des  Sauerstoflfgehalts  zu  Stande  kommt^ 
also  wenn  z.  B.  die  CO,  durch  Verbrennung  oder  Athmung  in  einem 
geschlossenen  Baum  gebildet  ist,  muss  der  CO,-Gehalt  um  mehrere 
Frocent  steigen,  der  0-Gehalt  um  mehrere  Frocent  sinken,  ehe  deutliche 
krankhafte  Symptome  auftreten. 

Trotzdem  ist  durch  vielfache  Erfahrung  festgestellt,  dass  freie 
Luft  von  mehr  als  0-5  pro  mille  CO,,  wie  sie  stellenweise  in  Städten, 
Industriebezirken  oder  bei  Moorrauch  vorkommt,  die  Athmung  beein» 
träcbtigt  und  dass  namentliob  in  Wohnungsluft  von  mehr  als  1  p.  m. 
CO,  häufig  Belästigungen  oder  Gesundheitsstörungen  auftreten. 


Chemisches  Verhalten  der  Luft.  155 

Diese  Wirkungen  können  nach  dem  oben  Gesagten  nicht  durch 
die  CO,  direct  veranlasst  sein,  sondern  müssen  auf  andere  Eigenschaften 
der  beteeffenden  Luft  zurückgeführt  werden,  die  im  Folgenden  genauer 
zu  erörtern  sind,  und  mit  denen  der  Kohlensauregehalt  vielleicht  so 
weit  parallel  geht,  dass  er  uns  einen  Maassstab  für  die  Beurtheilung 
der  Luft  liefern  kann. 

4.  Sonstige  gasförmige  Bestandtheile  der  Luft. 

a)  Kohlenoxydgas  and  Kohlenwasserstoffe. 

Eohlenoxydgas  gelangt  in  die  freie  Atmosphäre  z.  6.  mit  den 
Gichtgasen  der  Hochöfen,  mit  dem  Schornsteinrauch  u.  s.  w.,  jedoch  ohne 
dass  nachweisbare  Mengen  sich  in  der  Luft  halten.  —  Im  Wohn- 
raum kann  es  in  solchen  Mengen,  dass  Vergiftungen  entstehen,  der 
Luft  beigemengt  werden  durch  ausströmendes  Leuchtgas  und  durch 
Eindringen  von  Heizgasen  (vgl  „Heizung^^;  in  sehr  kleiner,  nicht 
nachweislich  schädlicher  Menge  durch  Leuchtflammen,  Gigarren- 
rauch  u.  s.  w. 

Nachweis:  5 — 10  Liter  der  zu  untersuchenden  Luft  werden  in  einer 
Flasche  mit  10  ccm  yerdünnten  Bluts  (1 :  800)  geschwenkt;  das  Blut  wird  spek- 
troskopiflch  untersucht  —  Oder  man  schwenkt  die  Luft  mit  20  ccm  einer 
20procentigen  Blutlösung  und  yersetzt  letztere  1.  mit  Ferrocyankaliumlösung  und 
Ewigafture;  in  COBlut  tritt  vorübergehend  ein  rothbranner,  in  gewöhnlichem 
Blut  ein  grauer  Niederschlag  auf;  2.  mit  der  dreifiächen  Menge  einer  Iprocen- 
tigen  Tanninlösung:  es  bildet  sich  ein  Niederschlag,  der  allmählich  bräunlich- 
rothe  Farbe  annimmt  und  dauernd  behält 

Kohlenwasserstoffe  entstehen  in  grösserer  Menge  in  Sümpfen 
und  Morasten;  femer  sind  sie  als  Produkte  unvollkommener  Verbrennung 
im  Schomsteinrauch  enthalten.  In  Wohnräume  gelangen  sie  event 
mit  letzterem,  mit  Tabaksrauch  u.  s.  w.  Feinere  Nachweismethoden  fehlen. 
Directe  Gesundheitsstörungen  scheinen  von  dem  unter  gewöhnlichen 
Verhältnissen  auftretenden  Gehalt  der  Luft  nicht  auszugehen. 

b)  Chlor,  Salzsäure,  schweflige  Säure,  salpetrige  Säure. 

Chlor  findet  sich  spuren  weise  in  der  Luft  im  Freien  in  nächster 
Nähe  von  Chlorkalkiabriken,  Chlorbleichen  u.  s.  w.  Salzsäure  in  der 
Nähe  ?on  Steinguttöpfereien,  Sodafabriken  u.s.w.  SchwefligeSäure 
(und  Schwefelsäure)  entstammt  vor  allem  dem  S-Gehalt  der  Kohlen  (im 
Mittel  1*7  Procent)  und  findet  sich  daher  reichlich  in  der  Luft  ?on 
Industriestädten;  in  Manchester  in  1  cbm  2*5  mgr.  Femer  liefen  die 
Röstöfen  der  Hütten  grosse  Mengen  SO,,  ebenso  Alaunfabrikeu,  Ultra- 
marinfabriken, Hopfendarren  u.8.  w.  —  Salpetrige  Säure  (bezw.  Salpeter- 
säure) findet  sich  in  kleinster  Menge  fast  stets  in  der  freien  Luft  und 


156  I^io  &^  ^^^  staubförmigen  Bestandtoile  der  Luft. 

entsteht  z.  B.  in  der  Fonn  von  Ammoniomnitrit  ans  dem  Stickstoff 
Sauerstoff  and  Wasserdampf  der  Luft  bei  elektrischen  Entladungen. 
In  den  Niederschlagen  beobachtet  man  0-4 — 16  mg  in  1  Liter. 

In  der  Wohnnngslnft  findet  sich  nnr  salpetrige  Säare  in  kleinen 
Mengen  häufiger  als  Belenchtnngsprodukt  (s.  Kap.  VIII).  Die  anderen 
Gase  und  auch  salpetrige  Säure  kommen  in  messbarer  und  die  Ge- 
sundheit gefährdender  Menge  nnr  in  Fabrikräumen  ?or  (s.  y^Gewerbe- 
hygiene'*). 

Der  Nachweis  dieser  Gk^e  erfolgt  dadurch,  dass  man  grössere  Volomina 
Luft  durch  Kalilauge  (bei  Gl-Verdacht  durch  Jodkaliumlösung)  streichen  Iftsst 
und  in  letzterer  nach  den  üblichen  Methoden  die  absorbirten  Gase  titrimetrisch 
bestimmt 

c)  Schwefelwasserstoff,  Merkaptane,  Schwefeltfmmonium, 
Ammoniumcarbonat,  flüchtige  Fettsäuren,  Indol,  Skatol 

entstehen  bei  Fäulnissprocessen.  Die  Luft  im  Freien  kann  manche 
dieser  Gase  aus  Morästen  und  aus  grösseren  Fäulnissheerden  (Fäkal- 
depots,  Düngerhaufen,  Poudrettefabriken,  Abdeckereien  u.s.  w.)  aufnehmen. 
In  die  Luft  der  Wohnräume  gelangen  Schwefelwasserstoff  und  Schwefel- 
ammonium namentlich  von  Aborten,  Gruben  und  Canälen  aus;  flüchtige 
Fettsäuren  durch  die  Ausdünstung  der  Menschen,  Merkaptane  durch  den 
Küchendunst  beim  Kochen  von  Kohl  u.  s.  w. 

Die  Menge  dieser  Gase  in  der  Luft  der  üblichen  Wohnungen  ist 
kaum  jemals  so  gross,  dass  sie  giftig  wirken  könnten  und  meist  sogar  zu 
gering,  um  sie  chemisch  nachzuweisen.  Schwefelwasserstoff  kann  zwar 
schon  in  sehr  kleiner  Menge  durch  Bleipapier  erkannt  werden.  Aber  ein 
viel  feineres  Reagens  ist  der  Geruch,  durch  den  manche  dieser  Gase  noch 
deutlich  wahrgenommen  werden,  wenn  längst  jedes  chemische  Beagens 
versagt;  in  50  ccm  Siechluft  werden  beispielsweise  noch  Ysooo  ^^ 
Schwefelwasserstoff  und  gar  V^eooooooo  ^S  Merkaptan  erkannt. 

d)  Sonstige  flüchtige  organische  Beimengungen  der  Luft 

Man  hat  früher  angenommen,  dass  mit  den  Ausdünstungen  der 
Thiere  und  Menschen  resp.  mit  Fäulnissgasen  unbekannte  giftige 
Gase  in  die  Luft  übergehen,  die  selbst  in  ausserordentlicher  Ver- 
dünnung noch  wirksam  sind.  Speciell  f&r  die  Exspirationsluft 
wurde  in  neuerer  Zeit  durch  experimentelle  Untersuchungen  eine  akute 
Giftwirkung  vermeintlich  festgestellt  (Bbowk-S^qüabb).  Es  ist  jedoch 
erwiesen,  dass  in  diesen  Experimenten  durch  die  GO^-häuftmg  und 
0-abnahme  und  nur  durch  diese  der  toxische  Effect  bedingt  war;  andere 
Gifte  und  Giftwirkungen  der  Athemluft  konnten  in  vielfach  varürten 
Versuchen  verschiedener  Autoren  nicht  aufgefunden  werden.  —  Dass 
in  den  sonstigen  Ausdünstungen  des  Menschen  flüchtige  Gifte  in  wirk- 


Chemisches  VerhBlten  der  Luft  157 

sanier  Dosis  Yorhanden  sind,  ist  nach  den  bisher  darüber  angestellten 
Yersacben  gleichfalls  unwahrscheinlich.  Wenn  trotzdem  nnter  ge- 
wissen Verhältnissen  flüchtige  Toxine  von  intensiver  Giftigkeit  häufiger 
Tom  Menschen  abgeschieden  werden,  so  muss  jedenfalls  die  indi- 
Tiduelle  Empfänglichkeit  gegen  diese  Qifte  sehr  yerschieden  und 
eine  Gewöhnung  an  dieselben  sehr  leicht  sein.  Denn  wir  sehen, 
dass  Canalarbeiter,  Abdecker,  überhaupt  die  meisten  Menschen  aus 
den  unteren  Volksschichten  völlig  gleichgültig  sind  gegen  übelriechende 
Gase  und  durch  Ausscheidungen  von  Menschen  verunreinigte  Luft, 
und  dass  sie  ohne  Schaden  für  ihren  Gesundheit  geradezu  mit  einem 
gewissen  Behagen  sich  innerhalb  ihrer  Kleidung  und  Wohnung  eine 
mit  solchen  Gasen  imprägnirte  Luft  conserviren. 

Eine  Bestimmnng  der  theils  bekannten,  theils  noch  unbekannten  oiga- 
nischen  flüchtigen  Stoffe  ist  mit  sehr  yerdünnter  Chamftleonlösang  versucht 
worden,  die  durch  organische  Stoffe  entftrbt  wird  (s.  y^Trinkwasseruntersuchung*^ 
Die  Methode  erscheint  aber  ans  verschiedenen  Gründen  nicht  zu  einer  Beurthei- 
luog  der  Luft  verwendbar;  namentlich  geben  Gase,  welche  nicht  von  der  Aus- 
dünstung des  Menschen  oder  von  Fäulnissbeerden  stammen  und  nicht  übel- 
riechend sind  (Schomsteinrauch,  Tabaksrauch  u.  s.  w.)^  gerade  die  stärksten 
Ausschläge. 


Wir  sehen  somit,  dass  weder  in  der  freien  Atmosphäre, 
noch  auch  unter  gewöhnlichen  Verhältnissen  in  der  Wohnungs- 
luft ^  gasformige  Substanzen  in  solcher  Menge  auftreten,  dass  von  ihnen 
häufiger  eineGiftwirkuDg  und  directe  Gesundheitsschädigung  ausgehen 
könnte* 

Dennoch  sprechen  viele  Erfahrungen  dafür,  dass  durch  eine  ver- 
unreinigte „schlechte''  Luft  alltäglich  Beeinträchtigungen  der  Gesundheit 
zu  Stande  kommen. 

Erstens  beobachtet  man,  dass  in  Bäumen,  wo  viele  Menschen  zu- 
sanmiengedrängt  sind,  einzelne  Menschen  akut  von  Schwindel,  Uebel- 
keit,  Ohnmacht  befallen  werden;  der  Zustand  bessert  sich,  sobald  die 
Befallenen  an  die  frische  Luft  gebracht  werden.  Werden  zwangs- 
weise für  längere  Zeit  Menschen  in  geschlossenen  Räumen  zusammen- 
gedrängt, so  werden  sogar  Todesfalle  beobachtet;  z.  B.  im  Zwischendeck 
von  besetzten  Schiffen,  wenn  während  eines  Sturmes  alle  Luken  dicht 
geschlossen  werden  mussten;  ferner  in  den  berüchtigten  Fällen,  wo 
zahlreiche  Kriegsgefangene  in  engen  geschlossenen  Räumen  zusammen 
eingesperrt  wurden. 


1  Fabrikrftnme  sowie  die  Fälle,  wo  Leuchtgas  oder  Heixgase  in  der  Zimmer- 
Inft  tiefa  ansammeln,  kommen  hier  nicht  in  Betracht 


158  Die  gas-  und  staabförmigen  Bestandteile  der  Luft. 

Bei  diesen  akuten  Wirkungen  ist  indess  zweifellos  in  erster  Linie 
die  Wärmestannng  betheiligt.  Durch  die  eng  gedrängten  Menschen 
wird  so  viel  Wärme  und  Wasserdampf  geliefert  und  die  Abstrahlung 
so  erschwert y  dass  die  Wärmeabgabe  schliesslich  unmöglich  wird  (vgl 
unter  „Hitzschlag**  S.  99).  Von  dieser  Seite  droht  Gefahr,  längst  ehe 
eine  Häufung  der  COg  oder  irgend  eines  anderen  Gases  oder  eine  Ver- 
minderung des  Sauerstoffs  in  einem  die  Gesundheit  beeinträchtigenden 
Grade  erfolgen  kann.  —  Die  Wärmestauung  ist  offenbar  das  her- 
vorstechendste Symptom,  das  durch  „schlechte  Luft**  hervorgebracht  wird. 
Unter  „frischer**  oder  „erfrischender**  Luft  verstehen  wir  vorzugsweise 
Verhältnisse,  die  eine  bessere  Entwärmung  des  Körpers  herbeiführen, 
während  die  chemische  Beschaffenheit  der  Luft  bei  weitem  nicht  so  in 
Betracht  kommt 

Zweitens  ruft  eine  durch  übelriechende  Gase  verunreinigte  Luft 
Widerwillen  und  Ekel,  bei  längerem  Aufenthalt  Appetiüosigkat 
und  IJebelkeit  hervor;  der  Respirationstypus  ändert  sich,  die  Athem- 
züge  werden  so  oberflächlich  als  möglich;  man  hat  den  Eindruck,  als 
befinde  sich  der  Körper  in  Gefahr,  und  sucht  instinktmässig  der  übel- 
riechenden Luft  zu  entfliehen.  Diese  Erscheinungen  treten  am  stärksten 
hervor,  wenn  man  einen  bereits  mit  Menschen  dicht  gefüllten  und  schon 
übelriechende  Luft  enthaltenden  Raum  betritt. 

In  dem  Ekelgefühl  und  in  der  ungenügenden  Athmung,  welche 
in  solcher  Luft  zu  Stande  kommen,  liegt  eine  Beeinträchtigung  unseres 
Wohlbefindens  und  unserer  Leistungsfähigkeit;  vielleicht  resultiren  aus 
der  Aenderung  der  Respirationstypus  im  Laufe  der  Zeit  sogar  Störungen 
der  Blutvertheilung  und  der  Ernährung.  Während  eine  reine  oder  mit 
angenehm  aromatischen  Stoffen  geschwängerte  Luft  unwillkürlich  zu 
tiefen  Inspirationen  und  zu  reichlicher  Aufnahme  von  Luft  anregt, 
beeinträchtigen  übelriechende  Beimengungen  die  Aufnahme  der  Luft  in 
derselben  Weise,  wie  ekelerregende  ( —  wenn  auch  nicht  schädliche  — ) 
Zusätze  die  Aufnahme  von  festen  und  flüssigen  Speisen  hindern.  Nun 
ist  zwar  diese  Ekelempfindung  individuell  ausserordentlich  verschieden ; 
aber  zweifellos  haben  auch  die  mit  feineren  Sinnen  ausgerüsteten  Menschen, 
femer  die  oft  besonders  empfindlichen  Kranken  (Asthmatiker,  Emphyse- 
matiker  u.  s.  w.)  Anspruch  darauf,  dass  ihnen  eines  der  wichügst^en 
Nahrungsmittel,  die  Luft,  in  einem  reinen,  nicht  Wider- 
willen erregenden  und  die  Athmung  in  normaler  Weise  unter- 
haltenden Zustande  zur  Verfügung  gestellt  wird;  und  allein  dieser 
Gesichtspunkt  genügt  vollkommen,  um  die  Forderung  einer  reinen 
Luft  und   einer  Beseitigung  belästigender  Verunreinigungen 


Chemiaehes  Verhalten  der  Luft  159 

ans  deiselben  zu  begründen.  —  Chronische  Emährongsstörongen 
Anämie  n.  s.  w.  bei  der  ärmeren  Bevölkerung  werden  oft  ohne  genügende 
Begründung  auf  derartige  übelriechende  Beschaffenheit  der  Luft  zurück- 
gefübrb  Sohlechte  Emährungsrerhältnisse  sind  bei  diesen  Affectionen 
meist  erheblich  stärker  betheiligt;  bei  gleichzeitiger  guter  Ernährung 
(Landleute)  treten  dieselben  trotz  erheblich  verunreinigter  Wohnungs- 
luft nicht  hervor. 

Drittens  hat  man  angeblich  beobachtet,  dass  manche  infektiöse 
Krankheiten  (Malaria,  Typhus)  auf  die  Einathmung  schlechter  Luft 
und  riechender  Gase,  sogenannter  Miasmen,  zurückzufahren  seien. 
Diese  Anschauung  muss  jedoch  jetzt  als  entschieden  irrthümlich 
zurückgewiesen  werden.  Ein  Gift  kann  nur  Intoxication ,  aber  keine 
Infektion  bewirken;  diese  hervorzurufen  sind  ausschliesslich  lebende 
Organismen  befähigt  (vgl.  Kap.  X).  Auch  für  die  Malaria,  welche  früher 
als  axquisiteste  miasmatische  Krankheit  angesehen  wurde,  ist  nachge« 
wiesen,  dass  sie  nur  durch  vermehrungsfähige  Organismen  verbreitet 
wird. 

In  Folge  der  falschen  Vorstellung  von  der  Wirkung  der  Miasmen 
sehen  viele  Aerzte  noch  heute  in  üblen  Gerüchen  die  Ursache  von  In- 
fektionen. Aber  der  Zusammenhang  zwischen  Infektionserregern  und 
stinkenden  Gasen  ist  nur  ein  ganz  entf^nter  und  lockerer.  Die 
Infektionserreger  selbst  produciren  bei  ihrem  Wachsthum  keine  oder 
wenig  intensive  Gerüche;  stärker  riechende  Gase  deuten  stets  auf  die 
Anwesenheit  von  lebhaft  wuchernden  Saprophyten,  welche  der  gleich- 
zdtigen  Ansiedlung  pathogener  Organismen  meist  feindlich  sind  und 
diese  schwer  aufkommen  lassen.  Riechende  Gase  werden  femer  am 
stärksten  von  flüssigen  und  feuchten,  eine  rege  Lebensthätigkeit  der 
Bakterien  gestattenden  Substraten  geliefert;  von  diesen  aus  verbreiten 
sich  aber  mit  Luftströmungen  keine  Organismen;  sondern  erst  dann, 
wenn  die  Substrate  austrocknen  und  das  Bakterienleben  und  die  Pro- 
duktion übelriechender  Gase  abnimmt  bezw.  aufhört,  ist  die  Gefahr 
vorhanden^  dass  in  die  Luft  Mikroorganismen  übergehen.  Es  ist  also 
entschieden  unzulässig,  üble  Gerüche  als  directe  Ursache  einer 
Infektion  aufzufassen,  und  den  Ausbruch  einer  Infektionskrankheit 
mit  dem  Hinweis  auf  irgendwelche  Fäulnissgase  u.  dgl.  zu  erklären. 

Man  hat  auch  wohl  die  Ansicht  geäussert,  dass  durch  die 
Au&ahme  unreiner  Luft  eine  individuelle  Disposition  zu  Infek- 
tionskrankheiten geschaffen  werde.  Weder  experimentell  noch  statistisch 
sind  aber  in  dieser  Bichtung  Thatsachen  ermittelt,  welche  einwandfrei 
auf  eine  solche  vorbereitende  Rolle  der  genannten  Gase  gedeutet  werden 
därfiken.   Dagegen  machen  wir  bei  zahlreichen  Individuen  die  Erfahrung, 


160  I^e  gas-  ^ind  staubfönnigen  Bestandteile  der  Laft 

dass  selbst  langdauernde  Einathmong  yeranreinigter  Lnft  k^e  ge- 
steigerte Empfänglichkeit  für  InfektioDskrankheiten  binterlässt 

Zweifellos  sind  aber  die  F&alnissgase  häufig  Symptome  einer 
angenügenden  Reinlichkeit  in  Bezog  auf  Haut,  E^leidung,  Wohnung, 
Boden  u.  s.  w. ;  und  da  wir  wissen,  dass  durch  peinliche  Reinlichkeit  auch 
eine  Entfernung  vieler  Infektionserreger  gelingt,  dass  dagegen  da,  wo 
Schmutz-  und  Abfallstoffe  sich  häufen,  auch  keine  genügende  Besei- 
tigung eventuell  vorhandener  Infektionserreger  erfolgt  ist,  so  .deutet 
insofern  übelriechende  Luft  indirect  auf  eine  gewisse  Begünstigung 
der  Infektionsgefahr.  Dieser  Indicator  zeigt  aber  bei  weitem  nicht 
immer  richtig  und  ist  daher  nur  mit  grosster  Reserve  zu  verwerthen. 


Die  Beurtheilung  einer  Luft  in  geschlossenen  Räumen  vom 
hygienischen  Standpunkt  aus  hat  somit  in  erster  Linie  die  Verhält- 
nisse der  Ent wärmung  für  die  in  dem  Räume  sich  aufhaltenden 
Menschen  zu  beachten;  in  zweiter  Linie  die  Produktion  übelriechender, 
Ekel  erregender  Oase. 

Eine  directe  Untersuchung  nach  beiden  Richtungen  stösst  auf  grosse 
Schwierigkeiten.  Freilich  haben  wir  relativ  feine  Sinnesempfindung 
für  jene  offensiven  Gase  und  für  die  Erschwerung  der  Wärmeabgabe; 
aber  dieselbe  ist  individuell  sehr  verschieden,  und  wenn  wir  lediglich 
auf  die  Haut-  und  Oeruchsempfindung  oder  auf  den  allgemeinen  Ein- 
druck auf  den  Körper  angewiesen  wären,  würde  sehr  häufig  der  Eine 
dieselbe  Luft  für  gut  erklären,  die  der  Andere  für  schlecht  hält  Wir 
müssen  einen  ziffermässigen,  nicht  von  dem  individuellen  Ermessen 
abhängigen  Maasstab  für  die  Luftbeschaffenheit  wünschen;  und  ins- 
besondere die  Wohnungs-  und  Schulhygiene  kann  eines  solchen  schwer 
entrathen« 

In  der  CO^-Bestimmung  besitzen  wir  wenigstens  einen  theilweise 
brauchbaren  Maassstab.  Die  Produktion  der  CO,  hält  in  den  Wohnräumen 
unter  Umständen  gleichen  Schritt  mit  der  Produktion  von  Wärme  und 
Wasserdampf  einerseits,  mit  der  Ausscheidung  belästigender  und  übel- 
riechender Oase  andererseits.  Der  Parallelismus  ist  allerdings  nicht  unter 
allen  Verhältnissen  vorhanden;  es  macht  einen  erheblichen  Unterschied, 
ob  die  Erwärmung  noch  aus  anderen  Quellen  (Heizung,  bestrahlte  Haus- 
wände) oder  wesentlich  durch  die  Menschen  erfolgt;  und  ebenso  varürt 
die  Luftqualität  bei  gleichem  CO^-Gehalt  bedeutend,  je  nachdem  rein- 
liche oder  unreinliche  Menschen  sich  im  Räume  befinden.  Diese  Verhält- 
nisse sind  daher,  sobald  aus  der  Menge  der  CO,  auf  die  Verschleditening 
der  Luft  geschlossen  werden  soll,  sehr  wohl  in  Rücksicht  zu 


Der  Luftstaub.  161 

Durchschnittlich  wird  man  annehmen  dürfen,  dass  eine  Steigerung  des 
CO^-Gehalts  der  Lnft  in  Wohnräumen  über  1*0  p.m.  mit  lästigen 
Empfindungen  verbunden  sein  wird,  und  dass  daher  eine  solche  Luft 
beanstandet  werden  muss  (?gl.  unter  ,,yentilation'<). 

Für  die  Beurtheilung  der  Luft  im  Freien  giebt  die  CO^-Bestim* 
mung  nicht  ausreichende  Ausschläge  und  ist  als  Indicator  nicht  brauch- 
bar. Hier  sind  wir  einstweilen  auf  die  sinnliche  Wahrnehmung  riechender 
und  belästigender  Beimengungen  angewiesen. 

Literatur:  Ozon:  Sokmtag,  Zeitschr.  f.  Hyg.,  Bd.  8.  —  Ohlküllbb,  Arb. 
a.  d.  Kais.  Ges.- Amt,  Bd.  8.  —  Cubistmas,  Annal.  Pasteur  1898,  Nr.  10.  — 
Kohlensäure:  Bitteb,  Zeitschr.  f.  Hyg.,  Bd.  9.  —  A^olpert,  Theorie  U.  Praxis 
der  Ventilation  und  Heizung,  Bd.  1  u.  2,  1896,  1901.  ~  Toxische  Wirkung  der 
Exspirationsluft:  Bbown-S^qüabd,  Gompt  rend.  1888.  —  Hebmans,  Arch.  f.  Hyg. 
Bd.  1.  —  LiaMAim  u.  Jssssk,  Arch.  f.  Hyg.,  Bd.  10.  —  Raubr,  Zeitschr.  f. 
Hyg.,  Bd.  15.  —  LObbbbt-Sohnbidbb,  Pharmaceutiscbe  Centralhalle  1894. 


IL  Der  Lnftstanb. 

unter  den  in  der  Luft  suspendirten  Elementen  unterscheiden  wir 
gröbere  Staubartikel,    Buss,    Sonnenstäubchen  und  Mikroorganismen. 

Zur  quantitativen  Bestimmung  des  gesammten  Luftstaubes  wird  die 
Luft  durch  ein  Glasrohr  mit  Wattepfropf  aspirirt  und  die  Gewichtszunahme 
des  Bohrs  bestimmt.  Zur  mikroskopischen  Untersuchung  des  Luftstaubs 
setzt  man  z.  B.  eine  Glasplatte,  die  mit  einem  klebrigen  Ueberzug  (Chlor- 
calciumlösung,  Glycerin,  Lävulose)  versehen  ist,  dem  Luftstrom  aus;  nach  Be- 
endigung des  Versuchs  wird  die  Platte  mit  einem  Mikroskop  durchmustert  Um 
einigermaassen  vergleichbare  Resultate  zu  erhalten,  muss  man  die  Geschwindig- 
keit des  Luftstroms,  die  Grösse  der  Einstromungsöfinung  und  den  Abstand  der 
Glasplatte  von  letzterer  in  genau  gleicher  Weise  reguliren  (BiIiqübl).  —  Zur 
Zählung  der  Staubtheilchen  hat  Aitkbk  eine  interessante  Methode  benutzt. 
Bekanntlich  werden  die  kleinsten  Staubtheilchen  sichtbar,  wenn  sie  mit  über- 
sAttigtem  Wasserdampf  in  Berührung  kommen,  da  dann  jedes  Theilchen  zu 
einem  Condensadonskem  wird,  der  zu  einem  leicht  sichtbaren  Tröpfchen  an- 
wächst AiTUBM  construirte  nun  einen  Apparat,  der  es  gestattet,  die  Unter- 
suehnngsluft  mit  staubfreier  Luft  beliebig  zu  mischen  und  dann  mittelst  Luft- 
pumpe zu  verdünnen.  Die  Mischung  wird  stets  so  weit  getrieben,  bis  alle 
Staubtheilchen  des  Gemisches  zu  Condensationskemen  werden,  so  dass  weitere 
Drackemiedrigung  keine  weitere  l'ropfenbUdung  veranlasst.  Die  Tröpfchen 
werden  mittelst  eines  mit  feiner  Theilung  versehenen  Spiegels  gezählt  Unter 
Berüekiicbtigung  des  Mischungsverhältnisses  mit  staubfreier  Luft  ergiebt  sich 
daraus  die  Zahl  der  Btäubchen  in  der  Volumeinheit  der  Untersuchungsluft. 

Zur  Zählung  und  Untersuchung  der  lebenden  Mikroorganismen  der 
Luft  lässt  sich  keine  dieser  Methoden  verwenden;  bei  der  mikroskopischen 
Prüfung  des  gesammten  Staubes  verdecken  die  gröberen  Objecte  die  etwa  vor- 
handenen Bakterien,  Sporen  werden  vollends  leicht  übersehen  und  bei  den 
aichtbaren  Mikroorganismen  bleibt  ihre  Lebensfähigkeit  in  Frage. 
V^«a«%  Onuidrisi.    V.  Aail.  H 


132  Die  gAs-  and  stanbfSrmigeD  BeBtandtheile  der  Lnft. 

Eine  EeuntnUs  der  lebenden  Loftmikroben  kSnnen  wir  vielmebr  nnr  dnich 
CnlturmethodenerbtJten.  Soll  das  Ver&bTen  qiuuititatiTe  ÄufachlilsBe  geben, 
so  mÜBBen  dabei  alle  in  der  Luft  enthaltenen  Bakterien  aufgefangen  werden, 
zugleich  aber  jedes  Individuatn  oder  jeder  Coroplei  von  Individuen  ieolirt  zar 
Entwicklung  kommen;  wenn  möglich  mDsaea  ftncb  die  N&hranbstrate  und 
Booetigeu  Lebenibedingongen  Tuiirt  werden.  Diese  Fardemngen  werden  am 
voUstfindigstan  erfüllt: 

])  Durch  das  HiSBi'ache  Verfahren.  Ein  Glurohr  von  70  cm  Unge 
und  3.0  cm  Weite  wird  mit  NShrgelatine  bescbickt,  dann  aterilisirt  und  bori- 
xontal  gelEkgert,  so  dass  die  Gelatine  nach  dem  Erstarren  in  dünner  Schiebt  die 
ganse  Wandung  auskleidet  Dann  wird  langsam  Luft  hindurch  aapirirt,  etwa 
1  Liter  in  2—4  Minuten,  bis  10—20  Liter  durchgeströmt  aind.  Die 
Stäubchen  und  BaklerienTerb&nde  fallen  nieder  und  entwickeln  sich  anf  der 
Gelatine  su  isolirten  Colonieen,  die  gezählt  und  qualitativ  weiter  untersucht 
werden  können. 

S)  Das  PRTKi'sche  Verfahren.  In  ein  kurzes  ca.  2  cm  weites  Gl aarohr 
wird  ein  Stück  Drahtnetz  eingeklemmt,  darauf  kommt  eine  etwa  S  cm  dicke 
Schicht  grober  Sond  von  0-4  mm  Komgrösse,  dann  wieder  ein  Drahtnetz.  Das 
so  hergestellte  Filter  wird  ateriliairt,  mit  einem  krtftigen  Äspii&tor  verbanden 
Dnd  die  Lnft  in  raschem  Strome  dnrchgesogen. 
Das  Filter  hSlt  nachweislich  alle  Keime 
lieber  znrDck.  Nach  Beendigung  des  Ver- 
svchs  wird  der  Sand  und  das  Drahtnets  des 
Filters  in  ScbUchen  mit  Gelatine  oder  Agar 
gebraebt,  und  die  gewachsenen  Colonieen  wer- 
den gez&hlt  and  nntersacht  —  Die  Colonieen 
werden  besser  sichtbar  and  sShlbar,  wenn  num 
statt  des  Sandes  gestossenes  und  geeiebtea  Q I  SB 
beantat.  Ausserdem  ist  es  zweckmässig,  dem 
Qlasrohr  mit  dem  Filter  eine  bauchige  Er- 
weiterung zn  geben  und  das  Bohr,  du  die 
Luft  tnf&hrt,  in  das  Glaapulver  dieser  Enrei- 
ternng  hineinzufBhrea,  am  völlig  sichere  Ab- 
sorption zu  erzielen  (Fickbr). 

3)  Falls  es  nicht  auf  Tollstindiges  Anf- 
fangen  aller  Kdme  abgeaehen  ist:  Aspiration 
der  Lnft  durch  ein  Glasrohr,  das  mehifaeh 
auf-  und  ahwKrts  gekrümmt  und  mit  Urnloso- 
löBung  ausgekleidet  ist;  dasRohrwird  nachAof- 
nähme  der  Luftkeime  mit  Wasser  wiederholt  ausgespült,  das  Waschwaseer  ge- 
sammelt imd  auf  Platten  vertheilL  —  Oder  der  Lnftstrom  streicht  durch  eine 
Beihe  unter  einander  mittelst  Glasrohren  verboadener  BeagensglJiser,  dereu 
jedes  eine  kleine  Waaaerscfaicht  enthält;  beim  langsamen  Durchgang  duich 
letztere  bleiben  die  Keime  zurück,  das  gesammelte  Wasser  wird  auf  Platten 
gebracht  (Bcijwid).  —  Bei  aebr  atarken  LnftstrQmen  erhält  man  durch 
alle  Apparate,  die  mit  schwächeren  Aspirationiströmen  arbeiten,  keine  Ausbeute. 
Hier  musa  man  trieb terfSrmige  OefSaae,  innen  mit  Lävulose  ausgekleidet,  dem 
Wind  entgegeurichten,  um  wenigstens  einen  Theil  der  schwebenden  Keime  ab- 
Bufangeo. 


Der  Luftstaab.  168 

Ueber  den  Ursprung  and  die  Verbreitung  der  einzelnen 
Elemente  des  Luflstaubs  haben  neuere  Untersuohungen  Folgendes 
ergeben : 

1)  Grob  sichtbarer  Stanb.. 

Derselbe  ist  in  der  Strassenluft  europäischer  Städte  zu  0-2 — 25  mg 
in  1  cbm  Luft  gefunden;  die  Zahl  der  Staubteilchen  betrug  nach 
AiTKEN  auf  dem  Lande  500  bis  5000,  in  grossen  Städten  100000  bis 
500000  in  1  com;  die  grössten  Mengen  treten  bei  trockener  Boden- 
oberfläche und  austrocknenden  heftigen  Winden ,  die  geringsten  nach 
Regen  und  bei  feuchtem  Boden  auf.  Im  Durchschnitt  zeigt  der  Sommer 
die  höchsten,  das  Frühjahr  die  niedrigsten  Werthe. 

Die  wesentlichste  Quelle  des  Staubes  ist  die  Bodenoberfläche. 
Wo  die  obersten  Schichten  des  Bodens  aus  einem  Gesteinsmaterial  be- 
stehen, das  rasch  verwittert  und  dabei  relativ  viel  feinste  Partikelchen 
liefert;  femer  in  einem  Klima  oder  in  einer  Witterungsperiode,  wo 
starkes  Sättigungsdefidt  und  lebhafte  Winde  herrschen,  werden  die 
reichlichsten  Staubmengen  gefunden.  Besonders  in  der  tropischen 
und  subtropischen  Zone,  speciell  im  Pendschab,  in  Aegypten,  der 
Sahara  u.  s.  w.  kommt  es  in  einem  Theil  des  Jahres  zu  heftigen  Staub- 
winden, die  mit  enormen  Massen  von  Staub  die  Luft  im  Freien  und 
selbst  im  Innern  der  Wohnräume  erfüllen  und  zu  einer  höchst  lästigen 
Plage  werden. 

Genauere  Untersuchungen  über  die  Qualität  des  Staubes  er- 
gaben, dass  er  zu  'Z,  bis  7«  &^s  anorganischer  Substanz,  aus  Gesteins- 
splittem,  Sand-  und  Lehmtheilchen  besteht  Der  Rest  besteht  grössten- 
theils  aus  organischem  Detritus,  in  städtischen  Strassen  namentlich  aus 
Pferdedünger,  Haaren,  Pflanzen theilchen,  Fasern  von  Kleidungsstoffen, 
Stärkemehl  u.  s.  w.  Femer  finden  sich  viel  todte  und  lebensfähige  Keime 
Ton  höheren  Pflanzen,  Pollenkörner  und  Sporen  von  Krjptogamen. 
Der  Blüthenstaub  von  Nadelhölzern  wird  oft  Meilen  weit  fortgetragen 
(Sohwefelregen).  —  Endlich  haften  vielfach  noch  Mikroorganismen, 
theils  im  todten,  theils  im  lebenden  Zustand,  an  den  gröberen  Staub- 
(heilchen. 

2)  Rauch  und  Bnss 

bestehen  aus  dichten  Kohlewasserstoffen  und  Kohletheilchen ,  die  den 
Feuenuigsgasen  in  Folge  der  stets  unvollständigen  Verbrennung  der 
Kohle  beigemengt  sind.  In  Industriestädten,  beim  Moorbrennen  finden 
sieh  dieselben  oft  in  enormer  Menge  in  der  Luft,  und  zwar  immer 
neben  den  S.  165  aufgeführten  gasigen  Verunreinigungen.  —  Die  ein- 

ir 


164  Die  gas-  und  staubfönnigen  Bestandtheile  der  Luft 

geathmeten  Eobletheilohen  können  sich  massenhaft  in  die  Bronchial- 
drüsen  einlagern  und  auch  nach  Leber,  Milz  und  anderen  Organen  ver- 
schleppt werden. 

8)  Die  Sonnenetäubchen. 

Sehr  kleine  Fartikelchen  von  organischem  Detritus^  feinste  Theile 
?on  WoU-  und  Baumwollfasem,  abgestorbene,  selten  lebensfähige 
Mikroorganismen  u.  s.  w.  Sonnenstäubchen  sind  für  gewöhnlich  nicht 
in  der  Luft  sichtbar;  lässt  man  aber  in  ein  sonst  dunkles  Zinmier 
einen  Lichtstrahl  einfallen,  so  können  sie  mit  blossem  Auge  deutlich 
wahrgenommen  werden;  durch  die  stete  Anwesenheit  dieser  Staubchen 
wird  erst  der  Lichtstrahl  auf  seinem  Wege  durch  die  Luft  sichtbar 
(Tyndall). 

Die  Sonnenstäubchen  sind  so  leicht,  dass  sie  selbst  in  ruhiger 
Luft  sich  nicht  yoUstandig  absetzen  und  bis  zu  den  grössten  Höhen 
in  der  Atmosphäre  verbreitet  sind. 

4)  Die  Mikroorganisinen. 

Die  ttuelle  der  Luffkeime  sind  die  verschiedensten  Oberflächen,  auf 
welchen  Bakterienansiedlungen  etablirt  waren,  in  erster  Linie  die 
Bodenoberfläche,  aber  auch  Kleider,  Haut  und  oberflächliche  Schleim- 
häute der  Menschen  u.  s.  w.  Von  feuchten  Flächen  oder  von 
Flüssigkeiten  gehen  mit  der  einfachen  Wasserverdunstung  und  bei 
schwachen  Luftströmen  keine  Bakterien  in  die  Luft  über. 
Lässt  man  einen  solchen  Luftstrom  über  eine  Flüssigkeit  oder  über 
feuchte  Substanzen,  die  eine  bestimmte  leicht  erkennbare  Bakterienart 
enthalten,  hinwegstreichen  und  dann  ein  mehrfach  gekrümmtes  Auf- 
fangrohr passiren,  so  finden  sich  in  letzterem  keine  Keime  der  be- 
treSenden  Art.  Wenn  aber  ein  Luftstrom  von  mehr  als  4  m  Ge- 
schwindigkeit so  auf  die  Oberfläche  der  Flüssigkeit  auftrifit,  dass 
Wellenbildung  und  beim  Anprall  der  Wellen  gegen  feste  Flächen  Zer- 
stäubung eintritt,  oder  wenn  Verspritzen  der  Flüssigkeit  durch  brechende 
Wellen,  heftiges  Schlagen  oder  Platzen  oberflächlicher  Blasen  erfolgt, 
können  Wassertröpfchen  und  mit  diesen  Mikroorganismen  in  die  Luft 
übergeführt  werden.  Im  Freien  kommt  es  beim  Anbranden  des 
Meeres,  durch  Mühlräder,  femer  sehr  häuflg  dann,  wenn  stärkere 
Winde  die  vom  Bogen  befeuchteten  Baumblätter  bewegen,  zur  Ablösung 
von  Tröpfchen.  In  Wohnräumen  können  dieselben  bei  jedem  Aus- 
giessen  von  Flüssigkeiten,  beim  Waschen  u.  s.  w.  entstehen;  vor  allem 
aber  dadurch,  dass  die  Menschen  beim  Niesen,  Husten  und 
lauten  Sprechen  nachweislich  fast  stetsTröpfchen  vonSpeichel 


Der  Luftstaab.  165 

and  Spatam  verscblendern,  die  mit  blossem  Ange  nicht  wahrge- 
nommen werden  können,  die  aber  lebende  Mikroorganismen  enthalten. 
Zum  Weitertransport  dieser  einmal  losgelösten  Tröpfchen  genügen 
tarn  Theil  Loftströme  yon  sehr  geringer  Starke;  selbst  solche  von 
0*1 — 0-2mm  Gtesohwindigkeit  pro  Sekunde  können  die  feinsten  Tröpf- 
chen noch  Meter  hoch  in  die  Höhe  tragen. 

Nach  dem  Eintrocknen  einer  Bakterienansiedlang  geht  der 
üebertritt  der  Keime  in  die  Luft  zunächst  schwierig  yon  statten.  Sie 
kleben  den  Flächen  relativ  fest  an,  fixirt  durch  die  zu  einer  Kruste 
emtrocknenden  schleimigen  oder  eiweissartigen  Stoffe  ihrer  Hüll-  und 
Intercellularsubstanz.  Selbst  kräftige  Luftströme  führen  von  solchen 
trockenen  Ueberzügen  nichts  fort.  Es  müssen  vielmehr  erst  durch 
stärkere  Temperaturdifferenzen  oder  durch  mechanische  Gewalt  Conti- 
nuitätstrennungen  und  theil  weise  Ablösungen  erfolgen;  die  Kruste  zer- 
splittert, und  erst  dann  sind  Luftströme  von  4 — 5  m  Geschwindigkeit 
im  Stande,  kleine  Theilchen  auf7*unehmen  und  zu  transportiren.  Bildet 
feiner  Sand  oder  Lehm  die  Unterlage  der  Bakterienanäedlung,  oder 
haften  sie  z.  B.  an  porösen  leicht  fasernden  Kleidungsstoffen  (Sputum, 
Dcgektionen  u.  s.  w.  an  Wäsche),  so  geschieht  die  hauptsächlichste  Ver- 
breitung nicht  sowohl  in  Folge  einer  Ablösung  der  Bakterien,  sondern 
dadurch,  dass  Theile  des  Substrats  selbst  in  die  Luft  übergehen.  An 
den  mineralischen  Staubpartikelchen  sowie  an  den  gröberen 
and  feineren  Fasern,  welche  sich  von  Kleider-  und  Möbelstoffen  los- 
lösen, haften  daher  die  hauptsächlichsten  Mengen  der  in  der 
Luft  befindlichen  Mikroorganismen. 

Dieser  Entstehungsart  entsprechend  gehören  die  in  Staubform  in  der 
Luft  enthaltenen  Mikroorganismen  nicht  durchweg  zu  den  feinsten 
and  leichtesten  Staubelementen;  vielmehr  ist  der  grösste  Theil  derselben 
anter  dem  grob  sichtbaren  Staub  zu  suchen,  und  sie  sind  durchschnitt- 
lich gröber  und  schwerer  transportabel  als  die  bakterienführenden 
Tröpfchen. 

Nur  für  Schimmelpilzsporen  liegen  die  Verhältnisse  anders.  Auch 
wenn  diese  auf  feuchtem  Substrat  wuchern,  ragen  die  trockenen  Sporen 
in  die  Luft,  werden  einzeln  durch  leichte  Erschütterungen  abgelöst, 
und  in  solchem  isolirten  Zustande  durch  die  schwächsten  Luftströme 
fortgeführt.  Die  Schimmelpilzsporen  sind  daher  die  kleinsten  und 
leichtesten  Elemente  des  Luftstaubs. 

Die  verhältnissmässige  Grösse  und  Schwere  der  Bakterien - 
stäubchen  ist  durch  verschiedene  Beobachtungen  und  Experimente 
bestätigt  So  zeigen  die  Versuche  mit  der  Hssss'schen  Röhre,  dass 
in  den  ersten  Theilen  derselben,  gleich  nach  dem  Eintritt  der  Luft, 


Iß6  Die  gas-  und  8taabf5rmigeD  Bestandtheüe  der  Luft 

vorzugsweise  die  schweren  bakterienfahrenden  Staubelemente  abgesetzt 
werden y  während  im  letzten,  von  der  Eintrittsstelle  der  Luft  entfern- 
testen Theil  weniger  Bakterien  und  hauptsächlich  Schimmelpilze  zur 
Entwicklung  kommen.  —  Dieselben  Besultat^  erhält  man,  wenn  in 
ruhiger  Luft  (Zimmerluft)  Staub  aufgewirbelt  wird.  Anfiemgs  finden 
sich  dann  grosse  Mengen  von  Bakterien  in  der  Luft;  aber  schon  nach 
ca.  30  Minuten  sind  die  Bakterien  grösstentheils,  nach  emer  Stunde 
fast  sämmtlich,  durch  Absetzen  des  Staubes  aus  der  Luft  entfernt 
und  es  bleiben  im  Wesentlichen  nur  Schimmelpilzsporen  übrig.  Selbst 
Luftströmungen  bis  0*2  m  Geschwindigkeit  sind  nicht  im  Stande,  die 
gröberen  Bakterienstaubchen  schwebend  zu  erhalten  oder  dieselben  fort- 
zutransportiren;  während  allerdings  die  leichteren  Bakterienstaubchen, 
von  denen  sich  fast  immer  einige  in  der  Luft  finden,  schon  durch 
Luftströme  von  0*2 — 2.0  mm  Geschwindigkeit  horizontal  weitergeführt 
resp.  schwebend  erhalten  werden.  —  Solche  leichteste  Stauhöhen  ent- 
stehen vorzugsweise  von  der  Kleidung,  von  Taschentüchern,  Möbel- 
überzügen u.  dergl.,  während  der  Fussbodenstaub  durchschnittlich 
schwerer  ist 

Für  die  Qualität  der  Luftkeime  ist  es  dann  noch  von  grosser 
Bedeutung,  dass  viele  Bakterienarten  ein  so  vollständiges  Austrocknen, 
wie  es  für  den  Uebergang  in  die  Luft  in  Form  von  feinstem,  leicht 
flugfähigem  Staub  erforderlich  ist,  nicht  vertragen.  Fängt  man 
feinen,  mit  bestimmten  Bakterien  beladenen  Staub  auf,  nachdem  ein 
Luftstrom  von  4  mm  Geschwindigkeit  (der  Luftbewegung  in  stark  venti- 
lirten  Wohnräumen  entsprechend)  denselben  80  cm  hoch  aufwärts  ge- 
trieben hat,  so  sind  Cholerabakterien,  Pestbacillen,  Pneumokokken,  In- 
fluenzabacillen,  Diphtheriebacillen  ausnahmslos  abgestorben.  Diese 
alle  können  daher  nur  in  Form  von  feinsten  Tröpfchen  auf  weitere 
Strecken  durch  die  Luft  fortgeführt  werden.  Dagegen  bleiben  unter 
den  angegebenen  Verhältnissen  auch  im  feinsten  trockenen  Staube 
lebendig:  Tuberkelbacillen,  Milzbrandsporen,  Staphylokokken.  Eine 
Mittelstellung  nehmen  Typhusbacillen  und  Streptokokken  ein,  die 
wenigstens  in  Form  von  etwas  gröberen  Stäubchen  und  bei  Anwendung 
von  stärkeren  Luftströmen  noch  lebend  transportirt  werden  können.  — 
Schimmelpilzsporen  vertragen  das  Austrocknen  sämmtlich  gut  und 
können  lange  in  Form  von  feinstem  Staub  existiren,  ohne  ihre  Keim- 
fähigkeit einzubüssen.  Sie  werden  daher  in  älterem  und  feinerem  Staab 
leicht  prävaliren,  auch  wenn  in  dem  stäubenden  Material  ursprünglich 
mehr  Bakterien  vorhanden  waren. 


Der  Laftotaab.  167 

Zahl  und  Arten  der  Lnftkeime.  Im  Freien  werden  sehr  ver- 
schiedene Mengen  von  Loftkeimen  gefunden;  im  Mittel  in  1  cbm  Lnft 
500—1000  Keime,  darunter  100—200  Bakterien,  der  Best  Schimmel- 
pilze; manchmal  erheblich   mehr  and  auch   relativ  mehr  Bakterien. 

Die  geringste  Keimzahl  wird  in  Einöden,  auf  unbewohnten 
Bergen  und  im  Winter  zu  finden  sein,  weil  es  hier  an  stärkerer 
Ausbildung  d^  Bakterienansiedlungen  fehlt  Femer  beobachtet  man 
wenig  Keime  bei  feuchtem  Wetter  und  feuchter  Bodenoberfläche  (nach 
Regen,  im  Frühjahr)  und  bei  massigen  Winden.  Nur  Schimmelpilz* 
sporen  sind  auch  bei  feuchtem  Wetter  reichlicher  in  der  Luft  enthalten, 
weil  die  Pilzrasen  dann  am  besten  gedeihen  und  weil  deren  Sporen 
audi  von  feuchtem  Substrat  aus  leicht  in  die  Luft  gelangen.  —  Auf 
hohem  Meere  ^t  die  Luft  in  500—1000  km  Entfernung  vom  Lande 
keimfrei  gefunden,  jedoch  nur  bei  Anwendung  schwacher  Aspirations- 
strome; es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dass  auch  die  Luft  auf  offenem 
Meere  bei  bewegtem  Wasser  je  nach  dem  Keimgehalt  desselben  Tröpf- 
dien mit  lebenden  Keimen  führt. 

Die  grössten  Mengen  von  Keimen  werden  in  die  Luft  dann  auf- 
genommen, wenn  hohe  Temperatur,  starkes  Sattigungsdeficit  und  heftige 
Winde  zusammenwirken.  Bei  vorübergehender  Bodentrockenheit  können 
sich  in  den  breiten  städtischen  Strassen  zwar  auch  schon  grössere 
Staubmassen  bilden;  aber  erst  eine  Periode  anhaltender  Dürre  und 
trockener  Winde  führt  aus  allen  Winkeln  und  Höfen  und  von  den 
Stätten,  wo  die  Abfallstoffe  abgelagert  zu  werden  pflegen,  mannigfaltige 
und  zahlreiche  Bakterien  in  die  Luft  über. 

In  geschlossenen  Bäumen  finden  sich  bei  ruhiger  Luft  sehr 
wenig  oder  gar  keine  Luftkeime;  dagegen  kommt  es  bei  jedem  Ver- 
spritzen von  bakterienhaltiger  Flüssigkeit  (Hustenstösse)  und  in  noch 
grösserer  Menge  heim  Aufwirbeln  trockenen  Staubes  (Bürsten,  Fegen 
u.  8.  w.)  zu  einem  theils  vorübergehenden,  theils  anhaltenden,  oft  ausser- 
ordentlicb  hohen  Keimgehalt  der  Luft 

Wichtiger  als  die  Zahl  der  Luftkeime  ist  die  Feststellung  ihrer 
Arten  und  speciell  das  Verhalten  der  patbogenen  Keime.  In  dieser 
Beziehung  muss  jedoch  scharf  unterschieden  werden  zwischen  der  Luft 
im  Freien  und  der  Luft  in  geschlossenen  Wohnräumen. 

Im  Freien  scheint  sich  immer,  in  Folge  der  steten  Bewegung 
der  Luft,  die  selbst  bei  sogenannter  Windstille  noch  7i — ^  ^  P^o 
Sekunde  beträgt,  eine  starke  Verdünnung  der  Keime  zu  vollziehen. 
Seltenere  Arten,  die  ausnahmsweise  und  in  relativ  kleiner  Zahl  in  die 
Luft  gelangen,  müssen  daher  so  gut  wie  ganz  verschwinden;  und  da 
die  saprophy tischen  Bakterienansiedlungen  in  unendlich  viel  grösserer 


168  I^ie  gas-  und  stanbfonnigen  Bestandtheile  der  Luft 

Ausdehnung  vorkommen,  als  Herde  von  pathogenen  Bakterien,  so  kann 
nur  ein  besonderer  seltener  Zufall  dahin  föhren,  dass  einmal  eine  patho- 
gene  Bakterienart  bei  der  Luftuntersuchung  geftinden  wird.  In  der  That 
haben  die  verschiedensten  Beobachter  bei  ihren  zahlreichen  Luftanalysen 
gewöhnlich  nur  Saprophyten  und  niemals  specifische  pathogene 
Keime  (mit  Ausnahme  der  weitverbreiteten  Eitererreger)  erhalten;  nur 
bei  directen  Uebertragungen  von  grösseren  Mengen  Strassenstaub  und 
Strassenschmutz  auf  Versuchsthiere  hat  man  z.  B.  Tetanus-  und  Oedem- 
bacillen,  und  angeblich  in  vereinzelten  Fällen  auch  Tuberkelbacillen  nach- 
weisen können. 

Die  Luft  im  Freien  bietet  daher  fast  niemals  Infektionschancen. 
In  früherer  Zeit  hat  man  diese  Gefahr  erheblich  überschätzt,  weil  man 
über  die  im  Vergleich  zum  Bakteriengehalt  des  Wassers,  vjeler  Nahrungs- 
mittel u.  s.  w.  sehr  geringe  Zahl  der  Luftkeime,  über  das  rasche  Ab- 
sterben vieler  pathogener  Bakterien  beim  Austrocknen  und  über  das 
enorme  TJeberwiegen  saprophytischer  Keime  im  Luftstaub  nicht  hin- 
reichend orientirt  war.  Unsere  in  dieser  Beziehung  jetzt  geklärten 
Vorstellungen  decken  sich  aber  im  Grunde  auch  viel  besser  als  die 
früheren  Annahmen  mit  den  Erfahrungen  über  die  Verbreitungsweise 
kontagiöser  Krankheiten.  In  unmittelbarster  Nähe  von  Pockenhospitälem 
sollen  zwar  Infektionen  beobachtet  sein;  aber  schon  in  einer  Entfernung 
von  wenigen  Metern,  in  benachbarten  Strassen  mit  freier  Luft- 
bewegung kommt  nach  allen  Erfahrungen  eine  Infektion  nicht  mehr 
vor,  sondern  nur  solche  Personen,  welche  mit  Kranken  verkehrt  oder 
das  Haus  eines  Pockenkranken  betreten  haben,  setzen  sich  dieser  Oe&hr 
aus.  Ebenso  werden  die  Erreger  von  Scharlach,  Masern,  Flecktyphus, 
denen  wir  die  Fähigkeit  durch  die  Luft  verbreitet  zu  werden,  zweifellos 
zuerkennen  müssen,  so  gut  wie  niemals  aus  der  freien  Luft  aufgenommen, 
sondern  nur  im  directen  oder  indirecten  Verkehr  mit  dem  Kranken. 
—  Ebenso  wissen  wir  von-  den  verschiedensten  Thierseuchen ,  dass  sie 
durch  Berührungen  und  Objekte,  nicht  aber  durch  die  freie  Luft  ver- 
breitet werden,  und  dass  deshalb  Sperrmaassregeln  und  Grenzcordons, 
obwohl  sie  sich  um  die  Luft  nicht  kümmern,  ausreichenden  Schutz 
gewähren. 

Auch  Tuberkelbacillen  konnten  im  Luftstaub  städtischer  Strassen 
nicht  nachgewiesen  werden,  weil  offenbar  die  Verdünnung  selbst  dieser 
so  relativ  reichlich  producirten  und  in  der  Luft  sich  lange  lebens^ig 
haltenden  Bacillen  zu  bedeutend  ist.  In  interessanter  Weise  wird  die 
Ungefahrlichkeit  des  Strassenstaubes  bestätigt  durch  eine  Statistik  der 
Berliner  Strassenkehrer,  die  doch  der  Infektion  mit  Strassenstaub  fort- 
gesetzt in   höchstem  Grade  exponirt  sind,  von  denen  aber  nur  ein 


Der  Loftstaab.  169 

relativ  sehr  kleiner  Bmchtheil  (2  Procent)  an  Langen-  und  Bronchial- 
katarrb  (mit  eventaellem  Ausgang  in  Phthise)  erkrankt  Dabei  haben 
70  Procent  dieser  Strassenkehrer  eine  Diensteeit  yon  über  5  Jahren, 
55  Procent  eine  solche  yon  über  10  Jahren  (Cornet).  —  Die  Erreger 
Ton  Typhus,  Diphtherie,  Influenza  u.  s.  w.  werden  erst  recht  kaum  jemals 
aas  der  Luft  im  Freien  auf  den  Menschen  übergehen^  da  sie  immer 
in  noch  erheblich^  geringerer  Menge  in  der  äusseren  Umgebung  des 
Menschen  vorhanden  resp.  weniger  resistent  sind,  wie  die  Tuberkel- 
bacQlen. 

Nur  wenn  etwa  eine  pathogene  Mikrobenart  in  ähnlicher  Aus- 
dehnung auf  todtem  Substrat  gedeihen  könnte,  wie  die  Oährungs-  und 
f^nlnisserreger,  würde  eine  Luftinfektion  Chancen  gewinnen.  Nach 
den  zahlreichen  bis  jetzt  vorliegenden  Untersuchungen  des  Bodens, 
des  Wassers,  der  Nahrungsmittel  ist  aber  für  die  Mehrzahl  der  be- 
kannten Lifektionserreger  eine  so  ausgedehnte  saprophytische  Wucherung 
völlig  unwahrscheinlich.  Am  ehesten  könnte  vielleicht  noch  eine  ge- 
legentliche Infektion  vorkommen  bei  den  weitverbreiteten  Ei t er kokken, 
die  aber  auch  jedenfalls  in  der  freien  Luft  ungleich  seltener  vor- 
kommen, als  auf  der  Haut,  im  Wohnungsstaub  und  an  Gebrauchsgegen- 
ständen, und  die  in  der  Begel  von  diesen  aus  in  die  Wunden  eindringen ; 
ferner  begegnet  man  im  Strassenstaub  den  Bacillen  des  malignen 
Oedems  und  des  Tetanus,  die  eigentlich  an  saprophytische  Lebens- 
bedingungen angepasst  sind,  aber  in  praxi  gleichfalls  nur  durch  Be- 
rührungen in  die  zu  ihrer  parasitären  Ebustenz  nothwendigen  tiefen  Ver- 
letzungen gelangen. 

In  geschlossenen  Räumen  (zu  denen  auch  Treppenhäuser,  Corri- 
dore,  ringsum  geschlossene  Höfe,  Strassen-  und  Eisenbahnwagen  u.  s.  w. 
zu  rechnen  sind)  wird  dagegen  eine  Infektion  von  der  Luft  aus  weit 
leichter  und  häufiger  zu  Stande  kommen,  sobald  Kranke  da  sind, 
deren  Excrete  sich  der  Luft  beimengen.  —  In  einem  Raum  von  60  cbm 
Inhalt  athmet  der  bewohnende  Mensch  täglich  ^/^  des  ganzen  Luft- 
volums ein;  hier  können  ausserdem  die  pathogenen  Bakterien  einen  er- 
heblichen Bmchtheil  der  gesammten  Luftkeime  ausmachen.  Bei  In- 
fluenza werden  die  Bacillen  durch  das  reichliche  Niesen  und  Husten 
in  grosser  Menge  in  Tröpfchenform  in  die  Luft  übergeführt;  stark 
hustende  Phthisiker,  Masernkranke  im  Initial-  oder  Prodromal- 
stadium, Pockenkranke,  Lepröse,  Kranke  mit  Pest  Pneumonie, 
Kinder  mit  Keuchhusten,  gelegentlich  auch  Diphtherie,  werden 
mit  dem  Gontagium  beladene  Tröpfchen  in  die  Luft  liefern  und  diese 
bald  in  geringerem,  bald  in  hohem  Grade  infektiös  machen.  Je  länger 
gesunde  Menschen  sich  in  solcher  Luft  aufhalten  und  je  mehr  sie  sich 


170  1^16  gas-  und  staubförmigen  Bestandtheile  der  Luft 

dem  Kranken  nähern,  um  so  grösser  wird  für  sie  die  Oefahr  der  In- 
fektion (vgl.  Kap.  X).  —  Bei  manchen  Krankheiten,  namentlich  bei 
Phthise  und  den  Wundinfektionskrankheiten,  gesellt  sich  die  Mög- 
lichkeit einer  Infektion  durch  trockenen,  leicht  in  der  Luft  schwebenden 
Wohnungsstaub  hinzu,  der  noch  lebensfähige  Erreger  enthält  Am 
gefährlichsten  wird  in  dieser  Beziehung  die  Wohnungsluft,  wenn  sie 
grob  sichtbaren  Staub  enthält,  der  durch  Bewegung  des  Kranken  oder 
Uantirungen  mit  inficirten  Betten,  Kleidern  oder  Möbeln  aufgewirbelt  ist. 

Zu  abweichenden  Anschanangen  bezüglich  der  Infektiosität  der  atmosphä- 
rischen Luft  ist  man  früher  durch  statistische  Zusammenstellungen  gelangt,  aus 
welchen  hei  vorgehen  sollte»  dass  die  Frequenz  aller  möglichen  infektiösen  Krank- 
heiten mit  der  Zahl  der  in  1  cbm  Luft  gefundenen  (saprophy tischen!)  Bakterien 
parallel  geht  Diesen  Zusammenstellungen  liegt  von  vornherein  ein  unrichtiger 
Gedanke  zu  Grunde,  insofern  die  atmosphärische  Luft  für  keinen  der  Infektions- 
erreger den  einzigen  oder  auch  nur  den  hauptsächlichsten  Transportweg  dar- 
stellt; vielmehr  kommen  Berührungen,  Wasser,  Nahrung  u.  s.  w.  immer  als  mehr 
oder  weniger  mitbetheiligte  Infiektionsquellen  iu  Betracht;  eine  Verbreiterung 
oder  Verengerung  jenes  einen  Weges  muss  daher  durchaus  nicht  in  der  Zahl 
der  gesammten  Krankheitsfiälle  ihren  Ausdruck  finden.  Wenn  trotzdem  ein 
Parallelismus  zwischen  den  Ergebnissen  der  Luftanalysen  und  den  Mortalitäts- 
und Morbilitätsziffem  herausgerechnet  ist,  so  zeigt  das  nur,  wie  leicht  durch 
statistische  Zusammenstellungen  CoYncidenzen  erhalten  werden  können,  die  in 
keiner  Weise  auf  einen  ätiologischen  Zusammenhang  hindeuten. 

Literatur:  Renk,  Die  Luft,  Abth.  aus  v.  Zibmssen's  und  v.  Pettemkofer^s 
Handbuch,  d.  Hygiene,  1885.  —  Mk^uel,  Les  Organismus  vivants  de  Tatmosph^re, 
Paris  1881.  —  Aitken,  Nature,  Bd.  41  u.  45.  —  Cobnet,  Die  Verbreitung  der 
Tuberkelbacillen  ausserhalb  des  Körpers,  2ieitschr.  f.  Hygiene,  Bd.  5,  Heft  2.  — 
Flüqqe,  Ueber  Luftinfektion,  ibid.  Bd.  25. 

Methoden:  FLttooB,  Lehrbuch  d.  hyg.  Untersnchungsmethoden,  1881.  — 
HüBPPB,  Die  Methoden  der  Bakterienfbrschung,  4.  Aufl.,  1889.  —  LBmcAinr,  Die 
Methoden  der  praktischen  Hygiene,  1890.  —  Pbtei,  Zeitschr.  f.  Hyg.,  Bd.  8 
(dort  die  ältere  Lit).  —  Fickeb,  ibid.  Bd.  23. 


Der  Boden.    Oberflächengestaltung  und  geognostisches  Verbalten.     171 


Viertes  Kapitel. 

Der  Boden. 


Es  ist  eine  von  Alters  her  yerbreitete  Ansicht,  dass  der  Mensch 
Ton  der  Beschaffenheit  seines  Wohnbodens  in  gewisser  Weise  abhängig 
ist  Je  nach  seiner  Oberflächenbeschaffenheit  ist  der  Boden  ein  wesent- 
licher Theilfactor  des  Klimas;  ferner  ist  bei  der  Fundamen tirung  des 
Wohnhauses,  bei  der  Trinkwasserversorgung ,  bei  der  Entfernung  der 
Abfollstoffe,  bei  der  Anlage  der  Begrabnissplätze  in  erster  Linie  auf 
das  Verhalten  des  Bodens  Rücksicht  zu  nehmen. 

Eine  weitergehende  hygienische  Bedeutung  hat  in  den  letzten  Jahr- 
zehnten der  Boden  dadurch  erlangt,  dass  einige  Forscher  denselben  als 
ausschlaggebend  für  die  Entstehung  und  Verbreitung  mancher  epi- 
demischer Krankheiten  angesprochen  haben.  Seitdem  sind  erst  die 
Eigenschaften  des  Bodens  genauer  und  mit  specifischer  Berücksichtigung 
der  hygienischen  Gesichtspunkte  studirt 

Die  Darstellung  der  durch  diese  Forschungen  gewonnenen  Resul- 
tate hat  zunächst  die  Oberflächengestaltung  und  das  geognostische  Ver- 
halten des  Bodens  flüchtig  zu  streifen,  um  dann  die  mechanische  Struktur 
und  die  Ton  dieser  abhängigen  Bodeneigenschaften,  femer  die  Tem- 
peraturverbältnisse  und  die  chemische  Beschaffenheit  des  Bodens  ein- 
gehender zu  erörtern.  Specielle  Berücksichtigung  erfordert  schliesslich 
noch  das  Verhalten  der  Luft,  des  Wassers  und  der  Mikroorganismen 
im  Boden. 


I.   Oberflächengestaltung  und  geognostisches  Verhalten. 

Die  (Gestalt  der  Bodenoberfläche  bietet  vielerlei  Variationen  und 
nicht  selten  hygienisch  interessante  Beziehungen.  So  führt  eine  zu 
geringe  Neigung  des  Terrains  oder  eine  muldenförmige  Einsenkung 
leicht  zu  oberflächlichen  Wasseransammlungen,  zu  feuchtem  Boden  und 
m  Malariagefahr.  Bei  scharf  entscheidenden  engen  Thälem  kann  es 
zu  stagnirender  Luft,  starker  Bodenfeuchtigkeit  und  eTcntuell  nächt- 
licher Einlagerung  kalter  Luftschichten  kommen.  Bergrücken  oder 
Pisse  und  Sättel  sind  oft  den  Winden  ausserordentlich  stark  exponirt 
VegetationBloae  Hochplateaus  bieten  extreme  Temperatarcontraste.  Nach 


172  Der  Boden. 

Norden  gerichtete  Abhänge  zeigen  relativ  niedrige ,  Südabhänge  ent- 
sprechend höhere  Temperaturen  in  Folge  der  verschiedenen  Insolation« 
—  Von  erheblichem  Einfloss  auf  das  Verfahren  der  Luftfeuchtigkeit 
und  der  Niederschläge  und  somit  des  ganzen  Klimas  ist  femer  die 
Bewaldung  der  Bodenoberfläche  (s.  S.  139). 

Neben  der  äusseren  Gestaltung  kommt  der  geognostische  und 
petrographische  Charakter  der  oberflächlichen  Bodenschichten  in 
Betracht 

Man  onterscheidet  vier  geologiBche  Fonnationen:  1)  Die  azoische,  in 
deren  Gesteinen  keinerlei  Spuren  eines  organischen  Lebens  gefunden  werden. 
Repräsentanten  dieser  Formation  sind  Granit,  Gneiss,  Glimmerschiefer  n.  s.  w. 

2)  Die  palftozoYsche  Formation,  gekennzeichnet  durch  Beste  von  Algen,  Gefttss- 
kryptogamen,  Protozoon,  Arthrozo^n  u.  s.  w.  als  Anftnge  der  organischen  Welt. 
Diese  Formation  ist  vertreten  z.  B.  durch  Grauwacke,  Thonschiefer,  Steinkohle. 

3)  Die  mesozoische  Formation,  welche  in  der  Kreide,  dem  Jura,  und  in  dem 
Keuper,  Muschelkalk  und  Buntsandstein  des  sogenannten  Trias  zahlreiche  Am- 
phibien und  Reptilien,  sowie  die  Anftnge  von  Vögeln  und  Säugethieren  er- 
kennen lässt  4)  Die  känozolsche  Formation,  deren  älteste  Periode  man  als 
Tertiär  bezeichnet.  Das  Tertiär  weist  Spuren  von  Palmen  und  Angiospermen, 
von  Säugethieren  und  den  ersten  Menschen  auf.  Zu  demselben  gehören  Kalk- 
stein-, Sand-,  Thon-,  Braunkohlenlager  u.  s.  w.,  femer  manche  in  Folge  vulka- 
nischer Thätigkeit  entstandene  Trachjte,  Basalte.  Auf  das  Tertiär  folgt  zeitlich 
das  Diluvium,  auf  dieses  das  Alluvium;  beide  bestehen  aus  Trümmern  ver- 
witterter Gesteine  und  diese  Trämmer  haben  sich  theils  durch  Ablagerung  aus 
Fldssen,  theils  unter  der  Einwirkung  der  früher  bis  nach  Mitteldeutschland  und 
weit  in  Nordamerika  hereinreichenden  nordischen  Gletscher  zu  ausgedehnten 
Kies-,  Sand-  und  Lehmschichten  au%ehäuft 

Unser  Wohnboden  besteht  in  seinen  oberflächlichsten  Lagen  fast 
stets  aus  Diluvium  oder  AlluviunL  Da  Ortschaften  sich  gewöhnlich 
in  Fluss-  oder  Bachthälem  zu  etabliren  pflegen,  bedeckt  dort  alluviales 
Schwemmland  die  Gesteinslager  früherer  Formationen;  in  den  meisten 
Fällen  folgen  unter  dem  Alluvium  diluviale  Schichten,  oft  in  ungeheurer 
Mächtigkeit.  Nur  ganz  ausnahmsweise  kommt  es  vor,  dass  Ortschaften 
unmittelbar  auf  älterem  Gestein  liegen. 

Früher  hat  man  dem  geologischen  und  petrographischen  Charakter 
der  tieferen  Schichten  erhebliche  hygienische  Bedeutung  bei- 
gemessen. Allerdings  sind  von  der  Formation  und  der  Gesteinsart  in 
gewissem  Grade  die  Gestaltungen  der  Bodenoberfläche  und  damit  das 
klimatische  Verhalten,  die  Bodenfeuchtigkeit,  femer  die  Art  der  Wasser- 
ansammlung im  Boden,  die  Neigung  zur  Staubbildung,  die  Beschaffen- 
heit des  Trinkwassers  u.  s.  w.  abhängig.  Aber  aUe  diese  Einflüsse  bilden 
nicht  regelmässige  Charaktere  der  Gesteinsarten;  letztere  variiren 
vielmehr  ganz  erheblich  in  Bezug  auf  ihre  äussere  Gestaltung,  auf  ihre 
physikalische  Beschaffenheit  und  auf  ihre  chemische  Zusammensetzung; 


Die  mechanische  Straktnr  der  oberen  Bodenschichten.  173 

Ausserdem  werden  auf  der  bewohnten  Erdoberfläche  durch  die  Auf- 
lagerung alluvialen  und  diluvialen  Schwemmlandes  jene  Einflüsse 
grösstentheils  verwischt 

Es  ist  daher  höchst  selten  zulässig,  von  einem  bestinmiten  klima- 
tischen und  hygienischen  Charakter  dieser  oder  jener  Gesteinsformationen 
zn  sprechen.  Hygienisch  bedeutungsvoll  sind  wesentlich  nur  die  obersten 
Bodenschichten  und  auch  bei  diesen  ist  es  nicht  sowohl  von  Interesse, 
ob  sie  dem  Diluvium  oder  dem  Alluvium  angehören,  sondern  höch- 
stens, ob  sie  innerhalb  der  letzten  Jahre  oder  Jahrzehnte  etwa  durch 
Menschenhand  (Aufschuttboden)  oder  bereits  vor  Jahrhunderten  oder 
Jahrtausenden  durch  natürliche  Einflüsse  entstanden  sind. 


U.  Die  mechanische  Struktur  der  oberen  Bodenschichten. 

Das  Verhalten  flüssiger,  gasiger  und  suspendirter  Stoffe  im  Boden 
ist  in  erster  Linie  von  seiner  mechanischen  Struktur  abhängig,  und 
diese  ist  daher  für  die  hygienischen  Beziehungen  des  Bodens  von  be- 
sonderer Wichtigkeit  Die  mechanische  Struktur  umfasst  die  Eom- 
grösse,  das  Forenvolum  und  die  Porengrösse;  aus  den  Strukturverhält- 
nissen resultiren  dann  unmittelbar  jene  eigenthümlichen  Eigenschafton 
des  Bodens,  welche  unter  der  Bezeichnung  „Flächen Wirkungen'^  zu- 
sammengefasst  werden. 

a)  KomsrrSsse,  Porenvolum,  PorengrSsse. 

Die  mechanische  Struktur  zeigt  —  abgesehen  von  dem  Gegensatz 
zwischen  dem  compacten  Boden  und  dem  Qeröllboden  —  die  auf- 
fallendsten Unterschiede  je  nach  der  Qrösse  der  componirenden  Oe- 
steinstrümmer;  man  scheidet  in  dieser  Weise  Eies  (die  einzelnen  Kömer 
messen  mehr  als  2mm),  Sand  (zwischen  0*3  und  2-0 mm  Eomgrösse), 
Feinsand  (unter  0*3  mm  Eorngrösse),  Lehm,  Thon,  Humus  (ab- 
schlänunbare  Theile).  Thon  besteht  aus  den  allerfeinsten  Partikelchen; 
enthält  er  gewisse  Verunreinigungen,  so  bezeichnet  man  ihn  als  Leiten, 
Flinz;  bei  einem  Qehalt  von  feinem  Sand  und  geringen  Eisen bei- 
mengungen  als  Lehm.  Humus  ist  Sand  oder  liChm  mit  reichlicher  Bei- 
mischung organischer,  namentlich  pflanzlicher  Beste. 

Der  Untergrund  der  Städte  erhält  durch  die  verschiedene  Eorn- 
grösse des  Bodens  ein  sehr  charakteristisches  Gepräge.  Bald  liegt  ein 
lockerer,  grober  Kies  vor  (München);  bald  ein  gleichmässiger  mittel- 
feiner Sand  (Berlin);   bald  vorwiegend  Lehmboden  (Leipzig).     Grober 


1 74  Der  Boden. 

Kies  kann  mit  feinerem  Kies  und  Sand  oder  mit  dichtem  Lehm  ge- 
mengt yorkommen.  Oft  ist  auch  der  Sand  aus  verschiedenen  Kom- 
grössen  und  eTentuell  noch  mit  lehmigen  Theilen  gemischt  Nicht 
selten  findet  sich  beim  Aufgraben  stadtischer  Strassen  bis  in  mehrere 
Meter  Tiefe  ein  dunkel  gefärbter  humusartiger  Boden,  der  durch  Reste 
von  Mauer-  und  Pflastersteinen,  Mörtel,  Holz  u.  s.  w.  als  Aufschuttboden 
zu  erkennen  ist. 

Um  zu  bestimmen,  welche  Rorngrössen  ein  Boden  enthfilt  und  in 
welchem  Verhältniss  die  einzelnen  RorngröBsen  gemischt  sind,  wird  eine  Probe 
des  Bodens  zunächst  getrocknet,  dann  zerrieben,  gewogen  und  nun  auf  einen 
Siebsatz  gebracht,  welcher  fiinf  oder  sechs  Siebe  von  verschiedener  Maschen- 
weite  enthält.  Die  auf  jedem  Sieb  zurückbleibende  Masse  wird  wieder  gewogen 
und  auf  Procente  des  Gesammtgewichts  der  Probe  berechnet  Die  feinsten 
Theile  (unter  0.3  mm)  können  noch  durch  Schlämmapparate  in  weitere  Stufen 
zerlegt  werden;  doch  ist  eine  solche  Trennung  häufiger  im  landwirthschaft- 
liehen,  als  im  hygienischen  Interesse  indicirt.  —  Das  Resultat  der  Analyse  wird 
beispielsweise  in  folgender  Form  gegeben :  Charakter  des  Bodens;  Grober  Sand; 
enthält:  12  Procent  Feinkies,  79  Procent  Grobsand,  9  Procent  Feinsand  and 
abschlämmbare  Theile. 

Ausser  der  Eomgrösse  kommt  die  Porosität  und  das  Poren- 
Tolum  des  Bodens  in  Betracht.  Die  Eigenschaft  der  Porosität  fehlt 
dem  städtischen  Untergrund  nur  in  den  seltenen  Ausnahmefallen,  wo 
compakter  Felsboden  die  Wohnstätten  trägt.  Auch  dann  ist  nicht 
selten  nur  scheinbar  dichte  Struktur  vorhanden;  Kalk-  und  Sandstein- 
felsen zeigen  oft  eine  poröse  Beschaffenheit  und  können  grosse  Mengen 
Wassers  schnell  aufsaugen.  —  Der  aus  Gesteinstrümmem  aufgeschichtete 
alluviale  oder  diluviale  Boden  enthält  selbstverständlich  stets  eine  Menge 
von  feinen  Poren  zwischen  seinen  festen  Elementen.  Diese  Zwischen« 
räume  sind  von  besonderer  Wichtigkeit;  denn  was  immer  sich  im 
Boden  findet^  Luft,  Wasser,  Verunreinigungen,  Mikroorganismen,  muss 
in  denselben  sich  aufhalten  und  fortbewegen. 

Zunächst  ist  die  Frage  aufzuwerfen,  wie  gross  das  Porenvolom 
ist,  d.  h.  wie  viel  Procent  des  ganzen  Bodenvolums  von  den  Poren  ein- 
genommen wird.  —  Es  hängt  dies  wesentlich  davon  ab,  ob  die  Elemente 
des  Bodens  unter  einander  annähernd  gleich  gross,  oder  aber  aus  ver- 
schiedenen Grössen  gemischt  sind.  Sind  dieselben  gleich  gross,  so 
beträgt  das  Porenvolum  circa  88  Procent,  und  zwar  ebensowohl  wenn 
es  sich  um  Kies,  als  wenn  es  sich  um  Sand  oder  Lehm  handelt  So 
haben  z.  B.  alle  abgesiebten,  und  daher  aus  unter  einander  gleich  grossen 
Elementen  zusammengesetzten  Bodenproben  38  Procent  Poren;  die 
kleineren  Komgrössen  haben  um  so  viel  feinere  Zwischenräume,  aber 
entsprechend  mehr  an  Zahl,  so  dass  die  Yolumprocente  gleich  bleiben. 


Die  mechanische  Strqktnr  der  oberen  Bodenschichten.  175 

Wesentlich  kleiner  wird  das  Forenvolum,  wenn  yerschiedene  Kom- 
grössen  gemischt  sind,  so  zwar,  dass  die  feineren  Theile  die  Poren 
zwischen  den  grösseren  Elementen  ausfüllen.  Dann  kann  eine  grosse 
Dichtigkeit  und  ein  sehr  geringes  Forenyolum  resultiren.  Sind  z.  B. 
die  Poren  des  Kieses  mit  grobem  Sand,  und  dann  die  Poren  des  Sandes 
mit  Lehm  ausgefüllt,  so  geht  das  Porenvolum  auf  5 — 10  Procent 
herunter  und  der  Boden  bekommt  eine  ausserordentliche  specifische 
Schwere  (Leipziger  Eiesboden). 

Das  Porenvolum  lässt  sich  leicht  mathematisch  berechnen,  wenn  man 
die  Kömer  des  Bodens  als  Kugeln  ansieht.  —  Eine  directe  Bestimmung  ist 
dadurch  möglich,  dass  mau  in  ein  bekanntes  Volum  trockenen  Bodens  von  unten 
her  langsam  Wasser  aufsteigen  Iftsst,  bis  alle  Poren  gefüllt  sind  und  die  Ober- 
flficbe  feucht  geworden  ist;  die  Menge  des  zur  Fülluug  der  Poren  verbrauchten 
Wassers  ist  durch  Messung  oder  Wägung  zu  bestimmen.  —  Wenn  es  auf  genaue 
Reaoltate  ankommt,  so  ist  es  besser,  die  in  den  Poren  enthaltene  Luft  durch 
Kohlensäure  auszutreiben  und  im  Eudiometer  zu  messen.  Eine  solche  Be- 
stimmung erfordert  indess  einen  complicirteren  Apparat  und  ist  im  hygienischen 
Interesse  in  den  seltensten  FftUen  nothwendig. 

In  ein^her  Weise  lässt  sich  das  Porenvolum  auch  aus  dem  Gewicht 
eines  bekannten  Boden  v  o  1  u  m  s  berechnen.  Das  specifische  Gewicht  der  einzelnen 
vorzugsweise  in  Betracht  kommenden  Bodenelemente  beträgt  nämlich,  einerlei 
ob  es  sich  um  Kies,  Sand  oder  Lehm  handelt,  etwa  2*6.  Dividirt  man  dann 
das  wahre  Gewicht  eines  Boden volums  durch  dieses  specifische  Gewicht,  so 
erhält  man  das  Volum  der  festen  Gesteinsmasse;  und  durch  Abzug  dieses  Vo- 
lums von  dem  Gesammtvolum  die  Summe  der  Zwischenräume.    Hat  man  z.  B. 

500  ecm  Boden  und  diese  wiegen  1000  g,  so  sind  — -—  =  379  ccm  feste  Masse 

und  also  121  com  Poren;  das  Porenvolum  folglich  24  Procent 

Die  Porengrösse  schwankt  in  derselben  Weise  wie  die  Komgrosse 
nnd  ist  bei  Thon,  Lehm,  sowie  bei  den  ans  diesen  feinsten  Elementen 
mid  gröberen  Körnern  gemischten  Bodenarten  am  geringsten.  Hanfig 
sind  grössere  nnd  kleinere  Poren  in  demselben  Boden  neben  einander. 
An  den  gröberen  Poren  sind  ausserdem  ungleichwerthige  Antheile  zu 
unterscheiden:  die  Ausläufer  entsprechen  feinsten  Poren  und  wirken 
eventuell  diesen  ähnlich  durch  die  relatiy  grosse  Ausdehnung  der  den 
Hohlraum  umgebenden  Flächen;  der  Rest  der  Poren  zeigt  dagegen  eine 
im  Verhältniss  zum  Hohlraum  geringe  Ausdehnung  der  begrenzenden 
Flächen  und  ist  daher  zu  sogen.  Flächenwirkungen  ungeeignet 

Je  feiner  die  Poren  sind,  um  so  mehr  Widerstände  bieten  sie  der 
Bewegung  yon  Luft  und  Wasser.  Die  Durchlässigkeit  (Permeabilität) 
eines  Bodens  für  Luft  und  Wasser  ist  daher  in  erster  Linie  Ton  der 
Porengrösse,  daneben  noch  vom  Porenvolum  abhängig,  und  zwar  haben 
genauere  Bestimmungen  ergeben,  dass  sie  den  vierten  Potenzen  der 


176  Der  Boden. 

Porendorchmesser    proportional  ist,    also  mit  dem  Eleinwerden  der 
Poren  ausserordentlich  rasch  abnimmt 

Die  Darchgängigkeit  für  Luft  lässt  sich  in  der  Weise  bestimmen,  dasB 
man  bei  gleichem  Dmck  Luft  durch  eine  bestimmte  Schicht  des  Bodens  hin- 
durchtreten  Iftsst  und  dann  die  Mengen,  die  in  der  Zeiteinheit  passirt  sind,  mit 
Hülfe  einer  Gasuhr  misst.  —  Die  Durchlfissigkeit  für  Wasser  ist  im  Labora- 
torium nicht  zu  ermitteln,  weil  die  in  den  Poren  eingelagerten  und  nicht  völlig 
zu  beseitigenden  Luftblasen  sehr  ungleiche  Widerstände  bedingen. 

fiefeucbtet  man  absichtlich  den  Boden,  so  hört  bei  feinerem  Boden 
schon  alle  Laftbewegung  auf,  sobald  etwa  die  Hälfte  der  Poren  mit 
Wasser  gefällt  ist  —  Noch  bedeutender  ist  die  Abnahme  der  Per- 
meabilität im  gefrorenen  Boden. 

b)  FUtchenwirkungen  des  Bodens. 

Der  poröse  Boden  bietet  in  den  Begrenzungen  seiner  Zwischen- 
räume eine  ganz  enorme  Oberfläche  dar,  welche  im  Stande  sein  muss, 
energische  Attraktionswirkungen  auszuüben.  Dieselben  werden  um  so 
stärker  ausfallen,  je  feinkörniger  der  Boden  ist.  Bei  grobem  Eies  zählt 
man  in  1  cbm  Boden  etwa  180000  Körner  und  diese  repräsentiren 
eine  Oberfläche  von  56  qm;  feiner  Sand  enthält  dagegen  in  1  cbm 
ca.  50000  Millionen  Körner  mit  einer  Oberfläche  von  über  10000  qm 
—  Die  Attraktion  erstreckt  sich: 

1)  auf  Wasser.  Lässt  man  durch  einen  vorher  trockenen  Boden 
grössere  Wassermengen  hindurchlaufen,  so  gewinnt  man  nach  dem 
Aufhören  des  Zuflusses  nicht  alles  Wasser  wieder,  sondern  ein  Theil 
wird  in  dem  Boden  durch  Flächenattraktion  zurückgehalten.  Dieser 
Best  giebt  ein  Maass  für  die  wasserhaltende  Kraft  oder  die  soge- 
nannte „kleinste  Wassercapacität^'  des  Bodens.  Je  grösser  das 
gesammte  Porenvolum  und  je  grösser  der  Procentsatz  der  feinen 
Poren  ist,  um  so  mehr  Wasser  vermag  im  Boden  zurückzubleiben.  Bei 
reinem  Kiesboden  werden  nur  12 — 18  Prozent  der  Poren  dauernd  mit 
Wasser  gefüllt;  1  cbm  Kiesboden  vermag  daher  höchstens  50  Liter 
Wasser  zurückzuhalten  (1  cbm  nimmt  bei  38  Procent  Porenvolum 
380  Liter  in  den  gesammten  Poren  auf^  in  13  Procent  derselben  also 
50  Liter).  Dagegen  findet  man  beim  Feinsand  etwa  84  Procent  feine 
Poren ;  1  cbm  solchen  Bodens  hält  dementsprechend  820  Liter  Wasser 
zurück.  —  Ist  der  Boden  aus  verschiedenen  Komgrössen  gemengt,  so 
verringert  sich  schliesslich  die  Wassercapacität,  weil  das  Oesammtvolum 
der  Poren  erheblich  kleiner  wird. 

Die  Bestimmung  der  Wassercapacität  erfolgt  dadurch,  dass  ein  mit 
trockenem  Boden  gefÜUtes,  unten  durch  ein  Drahtnetz  verschlossenes  Blech- 
oder Qasrohr  gewogen  und  dann  langsam  in  ein  grösseres  Gtofitss  mit  Wasser 


Die  mechanische  Struktur  der  oberen  Bodenschichten.  177 

eiogesenkt  wird;  ist  das  Wasser  bis  eot  Oberflftche  durcbgedrongen ,  so  hebt 
man  das  Rohr  heraas,  lässt  abtropfSen  und  wägt  wieder. 

Eine  fernere  Wirkang  des  Bodens  gegenüber  dem  Wasser  (oder 
anderen  Flüssigkeiten)  besteht  in  dem  capillaren  Aufsaugnngs- 
vermogen.  Nor  die  engsten  Porentheile  oder  Poren  yermögen  solche 
Gapillarattraktion  zn  äussern  und  durch  dieselben  das  Wasser  seiner 
Schwere  entgegen  fortzubewegen.  Oft  wirken  hier  nur  die  feineren 
Auslaufer  der  Poren;  die  Füllung  durch  die  gehobene  Wassersäule  er- 
streckt sich  aber  schliesslich  auf  die  ganzen  Porenräume  und  ist  daher 
bedeutender  als  die  Wassermenge,  welche  der  kleinsten  Wassercapacität 
entspricht 

Man  prüft  die  CapiUaritftt  durch  aufrecht  stehende  Glasröhren,  welche 
mit  verschiedenem  Boden  gef&llt  sind  und  mit  ihrem  unteren  Ende  in  Wasser 
eintauchen;  man  beobachtet  dabei  theils  die  Höhe,  bis  zu  welcher  das  Wasser 
schliesslich  gehoben  wird,  theils  die  Geschwindigkeit  des  Aufsteigens. 
Letztere  ist  in  Kies  und  grobem  Sand,  der  geringen  Widerst&nde  wegen,  be- 
deutender; im  Feinsand  und  namentlich  im  Lehm  steigt  die  Sftule  erheblich 
langsamer,  erreicht  aber  dafür  innerhalb  30—85  Tagen  eine  Höhe  von  120  cm 
und  mehr,  während  ein  grobporiger  Boden  nur  5 — 10  cm  hoch  durchfeuchtet  wird. 

2)  Watserdampf  und  andere  Dämpfe  und  Gate  werden  durch 
Flächenwirkung  im  Boden  absorbirt  (unabhängig  yon  einer  Condensation 
durch  Temperaturemiedrigung).  Energische  Wirkung  zeigt  nur  der 
feinporige,  trockene  Boden.  Bekannt  ist  dessen  momentane  Absorption 
riechender  Gase;  die  aus  Fäkalien,  Faulflüssigkeiten  u.  s.  w.  sich  ent- 
wickelnden Qeröche,  die  riechenden  Bestandtheile  des  Leuchtgases  u.  s.  w. 
können  durch  eine  Schicht  feiner,  trockener  Erde  Tollständig  zurück- 
gehalten werden. 

3)  Absorption  gelöster  Substanzen.  Verschiedene  chemische  Körper 
unterliegen  einer  Art  absorbirender  Wirkung  durch  chemische  Um- 
setzung mit  Hülfe  gewisser  Doppelsilikate  des  Bodens;  in  dieser  Weise 
erfolgt  die  für  den  Ackerbau  so  wichtige  Fixirung  der  Phosphorsäure, 
des  Kalis  und  Ammoniaks. 

Für  uns  ist  eine  Reihe  von  Absorptionserscheinungen  yon  besonderer 
Bedeutung,  die  durch  reine  Flächenattraktion  zu  Stande  kommen  und 
sich  namentlich  gegenüber  organischen  Substanzen  von  hohem  Mole- 
kulargewicht: Ei  Weissstoffen,  Fermenten,  Alkalolden,  Bakterientoxinen, 
Farbstoffen  u.s.w.  geltend  machen.  Kohle,  Platinschwamm,  Thonfllter, 
kurz  jeder  poröse  Körper  mit  grosser  Porenoberfläche  zeigt  ähnliche 
Wirkung.  Von  Bodenarten  ist  nur  Humus,  Lehm  und  feinster  Sand 
zu  stärkeren  Effekten  befähigt;  bei  Kies  und  Orobsand  kommt  keine 
merkliche  Absorption  zu  Stande. 

FlOmb,  QnmdriM.    V.Aufl.  12 


178  I>er  Boden. 

Am  leichtesten  zu  demonstriren  ist  die  schnelle  und  gründliche  Zurück- 
haltung der  Farbstoffe;  femer  die  Retention  der  Gifte.  Qiesst  man  z.B. 
auf  eine  Rohre  mit  400  com  Feinsand  sehr  allmflhlich  1  procentige  Strychnin- 
lösung  (tftglich  etwa  10  ccm)  oder  eine  entsprechende  Lösung  von  Nikotin, 
ConiTn  u.  s.  w.,  so  ist  in  den  nach  einigen  Tagen  unten  ablaufienden  Portionen 
nichts  von  diesen  Giften  mehr  nachzuweisen.  —  Am  vollstftndigsten  ist  die 
Wirkung,  wenn  der  Boden  nicht  mit  Wasser  gesättigt  wird,  sondern  wenn  die 
Poren  zum  Theil  lufthaltig  bleiben,  oder  wenn  ein  Wechsel  von  Befeuchtung 
und  Trockenheit  stattfindet,  -r-  Wählt  man  zu  concentrirte  Losungen  oder  bringt 
man  zu  schnell  neue  Portionen  auf,  so  wird  der  Boden  übersättigt  und  die 
Absorption  bleibt  unvollständig. 

Für  gewöhnlich  bleibt  es  nicht  nur  bei  der  Fixirung  der  bezeich- 
neten Stoffe,  sondern  es  erfolgt  auch  Zerstörung  und  Oxydirung 
der  organischen  Moleküle;  aller  C  und  N  wird  vollständig  minerali- 
sirt,  d.  h.  in  Kohlensaure  und  Salpetersäure  übergeführt,  und  nur 
diese  Mineralisirungsproducte  findet  man  im  Filtrat  des  Bodens.  Aller- 
dings ist  die  Zerstörung  nicht  etwa  ausschliesslich  auf  die  Flachen- 
attraktion und  eine  durch  diese  gesteigerte  Oxydation  zurückzuführen, 
sondern  es  sind  hierbei  saprophytische  Mikroorganismen  wesentlich 
betheiligt.  Sterilisirt  man  den  Boden,  so  tritt  nur  oberflächliche  Zer- 
legung der  organischen  Stoffe  ein;  z.  B.  in  den  Versuchen  mit  Strychnin- 
lösung  erscheint  viel  Ammoniak  und  sehr  wenig  Salpetersäure  im  Fil- 
trat unter  natürlichen  Verhältnissen  sind  aber  stets  Mikroorganismen , 
welchen  die  Fähigkeit  der  Nitrifikation  zukommt,  im  Boden  vorhanden; 
und  daher  leistet  jeder  feinporige  Boden  eine  Mineralisirung 
der  organischen  Stoffe,  sobald  diese  in  nicht  zu  starker  Conoen- 
tration  und  nicht  zu  häufig  auf  den  Boden  gebracht  werden  und  sobald 
femer  eine  wechselweise  Füllung  der  Poren  mit  Wasser  und  Luft  statt- 
findet —  WmoGRADSKY  ist  die  Isolirung  einiger  die  Nitrifikation  be- 
wirkenden Bakterien  durch  Verwendung  eines  an  Nährstoffen  besonders 
armen  Nährbodens  gelungen.  Er  fand  zwei  Art«n,  welche  Ammoniak 
in  Nitrit,  und  eine  andere  Art,  welche  Nitrit  in  Nitrat  zu  verwandeln 
vermögen.  Diese  Arten  sind  anscheinend  überall  im  Boden  verbreitet 
Ihren  Bedarf  an  Kohlenstoff  vermögen  sie  den  kohlensauren  Salzen 
oder  der  CO,  der  Luft  zu  entnehmen;  derselbe  ist  im  Ganzen  sehr 
gering  gegenüber  den  N-Mengen,  die  sie  oxydiren.  —  Bei  concentrirter 
Nährlösung  und  mangelndem  Luftzutritt  treten  die  Wirkungen  der 
oxydirenden  Bakterien  in  den  Hintergrund  und  es  werden  dann 
andere  Bakterienarten  begünstigt,  bei  deren  Lebensthätigkeit  Re- 
duktionsvorgänge ablaufen. 


Temperatur  des  Bodens.  179 


ni.  Temperatur  des  Bodens. 

Das  Yerhalten  der  Bodentemperator  lässt  sich  entweder  nach  den 
für  die  Erwärmung  des  Bodens  einflossreichen  Momenten  abschätzen 
oder  durch  directe  Messungen  bestimmen. 

Für  die  Erwärmung  des  Bodens  kommt  tbeils  die  Intensität  und  der  Ein- 
fallswinkel der  Sonnenstrahlung  (Neigung  des  Terrains)  in  Betracht;  theib  eine 
Reihe  von  Bodeneigenschaften:  das  Absorptionsvermögen  für  Wärmestrahlen, 
das  bei  dunklem  Boden  weit  stärker  ist  als  bei  hellfarbigem;  die  Wärmeleitung 
nnd  die  Wärmecapacität,  die  namentlich  in  feuchtem,  feinkörnigem  Boden  zu 
höheren  Werthen  fuhren;  endlich  die  Verdunstung  resp.  Condensation  von 
Wasserdampf,  durch  welche  einer  extremen  Erwärmung  und  Abkühlung  ent- 
gegengewirkt wird,  und  welche  ebenfalls  im  feinkörnigen  Boden  am  stärksten 
zur  Wirkung  gelangen.  Dementsprechend  weist  ein  grobkörniger,  dunkler, 
trockener  Boden  die  höchsten  Wärme-  und  niedrigsten  Kältegrade  auf;  während 
feinkörniger,  feuchter  Boden  sich  nachhaltiger,  aber  nicht  so  hochgradig  zu  er- 
wärmen vermag.  —  Stellen  des  Bodens,  welche  stark  mit  organischen  Stoffen 
verunreinigt  sind,  können  ausserdem  durch  die  Fäulniss-  und  Oxydationsvorgänge 
eine  Erwärmung  bis  zu  einigen  Graden  über  die  Temperatur  des  umgebenden 
Bodens  er&hren. 

Die  Messung  lokaler  Bodentemperaturen  erfolgt  dadurch,  dass  Eisenrohre 
(Ghisrohr)  bis  zu  verschiedener  Tiefe  in  den  Boden  eingesenkt  und  in  diese, 
unter  möglichstem  Abschluss  gegen  die  Aussenluft,  unempfindlich  gemachte 
Thermometer  (deren  Gefäss  mit  Kautschuk  und  Parafiin  umhüllt  ist)  herab- 
gelassen werden.  —  Zu  fortgesetzten  exakten  Messungen  dienen  in  die  Erde 
eingefügte  G^telle  von  Holz  oder  Hartgummi,  die  nur  da,  wo  die  Thermometer- 
gefasse  angebracht  sind,  von  gut  leitendem  Material  unterbrochen  sind. 

Aus  den  Beobachtungen  geht  hervor,  dass  je  mehr  man  sich  von 
der  Oberfläche  nach  der  Tiefe  hin  entfernt,  1)  die  Excursionen  der 
Temperatur  mehr  und  mehr  yerringert  werden,  2)  die  Temperaturen 
sieb  zeitlich  entsprechend  verschieben,  8)  die  Schwankungen  yon  kürzerer 
Dauer  allmahlicb  zum  Schwinden  konunen.  —  Schon  in  0*5  m  Tiefe 
kommt  die  Tagesscb wankung  fast  gar  nicht  mehr  zum  Ausdruck;  auch 
die  Differenzen  zwischen  Terschiedenen  Tagen  sind  verwischt ;  die 
Excursionen  der  Monatsmittel  sind  um  mehrere  Orade  geringer;  die 
Jahresschwankung  betragt  nur  noch  ca.  10^  In  4  m  Tiefe  sinkt 
letztere  bereits  auf  4^,  in  8  m  Tiefe  auf  1^.  Zwischen  8  und  30  m 
Tiefe  —  verschieden  je  nach  dem  Jahresmittel  der  Oberfläche  —  stellt 
sich  das  ganze  Jahr  hindurch  die  gleiche  mittlere  Temperatur 
her  und  jede  Schwankung  f&llt  fort  Von  da  ab  findet  beim  weiteren 
Vordringen  in  die  Tiefe  eine  Zunahme  der  Temperatur  statt  in  Folge 
der  Annäherang  an  den  beissen  Erdkern.  Auf  je  35  m  steigt  die 
Temperatur  um  etwa  1  ^  (im  Ootthardtunnel  bis  +  31  %  —  Die  nach- 

12* 


180 


Der  Boden* 


stehende  Tabelle    giebt  einen  genanen   üeberblick  über  die  Boden« 
temperatnr  in  den  ons  interesdrenden  Tiefen. 


Janaar 
Februar 
März  . 
April 
Mai    . 
Juni  . 
Jtdi    . 
Augnst 
September 
October . 
November 
December 


AeoBsere    ' 
Luft 


-3.r 

-0-8 

+  4.4 

71 

101 

16-5 

19 

18 

13. 

10 

5 

1 


5 
5 
1 
7 
1 
4 


0-5  m 
Tiefe 


+  1.8« 

2*0 

3.5 

60 

101 

14-1 

16*1 

16*8 

17-8 

13. 7 

8-2 

7.0 


Boden  in 


l'O  m 
Tiefe 


+3 

4 

4 

6 

10 

18 


,70 

2 
5 
8 
5 
5 


14. 9 
15. 7 
16.5 
14. 4 
10.2 
8.7 


8.0  m 
Tiefe 


+  7.8*' 
72 


7. 

7 

8 


4 
9 
5 


10. 0 
121 

13. 6 
14. 2 
13.2 

11. 7 
10*2 


6*0  m 
Tiefe 


+  11. 3« 

10-5 

9-8 

9.4 

9.4 

98 

10.5 

11.5 

123 

12. 8 

12. 6 

120 


An  der  Boden  Oberfläche  können  bei  kräftiger  Insolation  auch 
in  unseren  Breiten  sehr  hohe  Temperaturen  zu  Stande  kommen;  so 
betragt  das  Maximum,  welches  mit  dem  geschwärzten  Yacuumthermo- 
meter  beobachtet  wurde,  in  Magdebui^  im  Mai  +44^,  im  Juni  +47®, 
im  Juli  +54^ 

Die  Boden temperatur  erhält  ihre  hygienlBche  Bedeutung  einmal 
durch  ihren  Einfluss  auf  die  localen  klimatischen  Verhältnisse;  ferner 
durch  ihre  Wirkung  auf  das  Leben  der  Mikroorganismen.  Es  ist  von 
grosser  Tragweite,  dass  schon  in  etwa  1  m  Tiefe  die  höchste,  längere 
Zeit  herrschende  Temperatur  unter  derjenigen  bleibt,  welche  fOr  eine 
ausgiebige  Vermehrung  pathogener  Bakterien  Bedingung  ist  Dieses 
Verhalten  der  Temperatur  allein  ist  ausreichend,  um  eine  Wucherung 
z.  B.  Ton  Cholera-,  Typhusbacillen  u.  s.  w.  im  tieferen  Boden  auszu- 
schliessen.  —  In  heiBsen  Elimaten,  resp.  im  Sommer,  werden  übrigens 
an  der  äussersten  Oberfläche  die  Temperaturen  sogar  so  hoch,  dass  die- 
selben eine  Schwächung  und  Tödtung  von  Mikroorganismen  zu  yeran- 
lassen  im  Stande  sind. 


IV.  Chemisches  Verhalten  des  Bodens. 

Die  verschiedenen  Gesteine,  aus  welchen  der  Boden  aufgebaut  ist, 
enthalten  hauptsächlich  Kieselsäure,  Kohlensäure,  Thonerde,  Kali,  Natron, 
Kalk,  Magnesia;  alle  diese  aber  in  Verbindungen^  die  in  Wasser  an- 


Chemisches  Verhalten  des  Bodens.  181 

löfilioh  resp.  in  Spuren  löslich  und  daher  för  die  biologischen  Vorgänge 
im  Boden  indifferent  sind.  Ausser  diesen  eigentlichen  mineralischen 
Bestandtheilen  enthält  aber  der  städtische  Boden  in  den  Poren  zwischen 
seinen  Elementen  noch  yielfaohe  Beimengungen,  organische  und 
anorganische  Stoffe,  aus  den  Abfallstoffen  des  menschlichen  Haushaltes, 
aus  pflanzlichem  und  tbierischem  Detritus  und  aus  den  Niederschlägen 
stammend.  Gerade  diese  beigemengten  Stoffe  des  Bodens  resp.  ihre 
Zersetzungsprodukte  sind  für  uns  von  Interesse. 

Die  Untersuchung  richtet  sich  vonrngs weise  anf  die  Menge  der  vorhan- 
denen verbrennlichen  Stoffe,  auf  die  Menge  des  Säckstoflb,  sowie  anf  Ammoniak, 
salpetrige  Säure,  Salpetersäure  u.  s.  w.;  letstere  werden  im  wässrigen  Eztract 
aus  einer  gewogenen  Bodenprobe  bestimmt  In  vielen  Fällen  ist  eine  chemische 
Untersuchung  des  Bodens  dadurch  überflfissig,  dass  im  Brunnenwasser  der  be- 
treffenden Lokalität  eine  natürliche  Lösung  der  uns  interessirenden  Bestandtheile 
gegeben  ist  und  dass  die  Wasseruntersuchnng  Böckschlüsse  auf  die  Boden- 
beschafienheit  gestattet  (s.  folg.  Kap ). 

Eine  besondere  Schwierigkeit  bietet  die  Bestimmung  des  Wassergehalts 
des  Bodens  dadurch,  dass  es  von  Bedeutung  ist  zu  erfahren,  auf  welchen 
Raum  im  Boden  eine  bestimmte  Wassermenge  sich  vertheilt  Da  das  specifischc 
Oewicht  des  aus  verschiedenen  Komgrössen  gemengten  Bodens  stark  variirt 
and  das  Volum  also  nicht  einfach  aus  dem  Gewicht  entnommen  werden  kann, 
muss  die  zur  Wasseruntersuchung  bestimmte  Bodenprobe  entweder  gleich  mit 
einem  Cyliuder  von  bekanntem  Volum  ausgestochen  oder  es  muss  der  ausge- 
grabene Boden  nachträglich  so  dicht  als  möglich  in  ein  Gefäss  von  bekanntem 
Volum  eingestampft  werden.  Die  Probe  wird  dann  gewogen,  an  der  Luft  ge- 
trocknet, bis  keine  Gewichtsabilahme  mehr  eintritt,  und  eventuell  noch  einer 
Temperatur  von  100®  ausgesetzt,  um  auch  das  hygroskopische  Wasser  zu  ent- 
fernen.   Die  Berechnung  erfolgt  schliesslich  auf  Liter  Wasser  pro  1  cbm  Boden. 

Die  hygienisohe  Bedeutung  der  chemischen  Beschaffenheit  des 
Bodens  ist  in  früherer  Zeit  sehr  hoch  angeschlagen.  Namentlich  war 
man  der  Meinung,  dass  ein  Boden  um  so  disponirter  zur  Verbreitung 
von  Infektionskrankheiten  sei,  je  höheren  Gehalt  an  organischen  Stoffen 
er  zeigt  Die  verunreinigenden  Abfallstoffe  im  Boden  sollten  das  Nähr- 
material fOr  die  Entwicklung  von  Infektions^regem  darstellen;  und 
wo  der  Boden  frei  von  grosseren  Mengen  organischer  Stoffe  blieb,  sollte 
keine  Mögliobkeit  bestehen  zur  Ausbreitung  von  Lifektionskrankheiten. 

Diese  Ansicht  stiess  jedoch  bereits  früher  auf  manchen  Wider- 
spruch, indem  z.  B.  Städte  und  Stadttheile  mit  hervorragend  stark 
verunreinigtem  Untergrund  von  Typhus,  Cholera  u.  s.  w.  relativ  verschont 
blieben,  wälirend  harteäckige  Infektionsherde  auf  geringer  verunreinig- 
ten Bodenparthieen  lagen. 

Seit  die  Culturbedingungen  der  pathogenen  Bakterien  genauer 
atudirt  sind,  kann  nicht  mehr  angenonmieu  werden,  dass  ein  Mehr 
oder  Weniger  der  in  Rede  stehenden  Abfallstoffe  einen  so  entscheiden- 


182  Der  Boden. 

den  Einflüss  auf  die  Lebens-  nnd  Yermehrangsfahigkeit  der  Infektions- 
erreger ausübt,  dass  sich  ein  Parallelismus  zwischen  Bodenvereinigong 
und  Ausbreitung  der  Infektionskrankheiten  herstellt..  Die  in  den  Boden 
gelangenden  Abfallstoffe  enthalten  stets  Massen  von  Saprophyten ;  deren 
Wucherung  schreitet  im  Boden  rasch  weiter  Tor,  und  in  der  Goncurrenz 
mit  diesen  und  bei  den  ungünstigen  Temperaturverh&ltnissen  des  Bodens 
kann  ein  Unterschied  in  der  Menge  der  Abfallstoffe,  wie  er  zwischen 
gedüngtem  Ackerland  und  stadtischem  Boden  oder  zwischen  dem  Unter- 
grund der  einen  oder  anderen  Stadt  innerhalb  der  Culturlander  vorkommt^ 
den  Infektionserregern  nicht  zu  wesentlich  besserem  Wachsthum  yerhelfen. 

Die  Beziehung  zwischen  dem  Grade  der  Impragnirung  des 
Bodens  mit  Abfallstoffen  und  der  Frequenz  der  Infektionskrankheiten 
liegt  vielmehr  Vorzugs  weise  darin,  dass  dort,  wo  die  Abfallstoffe  in 
geringem  Grade  in  den  Boden  gelangen,  Einrichtungen  zu  bestehen 
pflegen,  durch  welche  die  Hauptmasse  der  AbMlstoffe,  damit  zugleich 
aber  auch  Massen  von  Infektionserregern  aus  dem  Bereich  der  Menschen 
entfernt  werden;  dass  dagegen  in  den  Städten,  wo  alle  Abfallstoffe  ohne 
Yorsichtsmaasregeln  dem  Boden  überantwortet  werden,  auch  zahlreiche 
Infektionserreger  in  der  nächsten  Umgebung  der  Menschen  verbleiben. 

Der  Gehalt  des  Bodens  an  organischen  Substanzen  führt  nur  dann 
zur  Benachtheiligung  der  Bewohner,  wenn  auf  und  in  dem  Boden  so 
intensive  Fäulnissprocesse  verlaufen,  dass  riechende  Produkte  sich  in 
merkbarer  Menge  der  atmosphärischen  oder  der  Wobnungsluft  bei- 
mischen (s.  unten). 


V.  Die  Bodenluft 

Die  Poren  des  Bodens  sind  bald  nur  zum  Theil,  bald  ganz,  mit 
Luft  erfüllt.  Diese  Luft  stellt  gleichsam  eine  Fortsetzung  der  Atmo- 
sphäre dar  und  steht  mit  letzterer  in  stetem  Verkehr.  Die  Bodenluft 
kann  sich  unter  bestimmten  Bedingungen  über  die  Bodenoberfläche 
erheben  und  der  atmosphärischen  Luft  beimengen ;  umgekehrt  wird  sie 
aus  dieser  ergänzt. 

Ein  Ausströmen  der  Bodenluft  ist  namentlich  in  folgenden  Fällen 
denkbar:  1)  wenn  das  Barometer  sinkt  und  Me  Bodenluft  dement- 
sprechend sich  ausdehnt;  2)  wenn  heftige  Winde  auf  die  Erdobtf- 
flache  drücken,  während  auf  die  von  Häusern  bedeckten  Stellen  dieser 
Druck  nicht  einwirkt;  hierdurch  muss  ein  Eindringen  von  Bodenluft 
in  die  Häuser  stattfinden  können;  8)  in  ähnlicher  Weise  wirken 
stärkere  Niederschläge,  welche  auf  der  freien  Erdoberfläche  einen  Theil 


Die  Bodenlaft.  183 

der  Poren  mit  Wasser  f&llen  und  dabei  eine  Spannung  der  Bodenluft 
Teranlassen,  die  sich  eyentuell  durch  Abströmen  in  die  Wohnhäuser 
ausgleicht;  4)  als  Folge  von  Temperaturdiflferenzen.  Besonders  kann 
wahrend  der  Heizperiode  ein  Ueberdruck  seitens  der  kälteren  Bodenluft 
und  entsprechendes  Einströmen  derselben  in  das  erwärmte  Haus  be- 
obachtet werden. 

Directe  Messungen  (mit  empfindlichen  Manometern  oder  besser 
mit  Reokkaoel's  Differentialmanometer  angestellt)  ergeben  indess,  dass 
thatsächlich  nur  selten  ein  merkliches  Einströmen  Ton  Bodenluft  in 
die  Wohnhäuser  stattfindet  Sobald  die  Sohle  des  Hauses  aus  einiger- 
maassen  dichtem  Material  (Pflaster)  besteht,  sind  die  Widerstände  für 
eine  ausgiebigere  Luftbewegung  dort  zu  gross  und  der  Ausgleich  von 
Druckdifferenzen  erfolgt  ausschliesslich  durch  die  grösseren  Communi- 
cationen,  welche  zwischen  Aussenluft  und  Hausluft  stets  vorhanden  zu 
sein  pflegen.  —  Fehlt  die  Pflasterung  der  Eellersohle,  so  lässt  sich 
bei  durchlässigem  Boden  im  Mittel  ein  Ueberdruck  von  0*05  mm  Wasser 
constatiren,  entsprechend  einer  Qeschwindigkeit  der  Luftbewegung  von 
0*08  m  pro  Sekunde.  Bei  heftigem  Sturm  ist  ein  Ansteigen  des  Ueber- 
druckes  auf  0-76  mm  (=  0-lm  Geschwindigkeit)  beobachtet. 

Die  ohemisohe  Analyse  weist  in  der  Bodenluft  eine  stete  Sätti- 
gung mit  Wasserdampf  nach ;  eine  grosse  Menge  von  CO,  (0-2— 14  Pro- 
oent,  im  Durchschnitt  2 — 8  Procent);  eine  entsprechend  geringere 
Menge  0,  der  zur  Bildung  der  CO,  verbraucht  war. 

Ansserdem  enthält  die  Bodenlaft  noch  Spuren  von  NH,  und  geringe 
Mengen  anderer  Zersetsungsgase.  In  tiefen  Brunnenschächten  kommt  es  even- 
taeU  2U  toxischer  Wirkung  seitens  der  Bodenluft  durch  ezcessive  Anhäufung 
von  CO,  und  O-Mangel ,  äusserst  selten  durch  beigemengten  H^S  und  Kohlen- 
wasserstoffe. (Ueber  Leuchtgasvergiftung  aus  Strassenrohren  s.  unter  Kapitel 
y^leucbtung^ 

Die  CO)  wird  am  besten  mit  gewogenen  KOH- Apparaten  bestimmt.  — 
Früher  hat  man  geglaubt  in  der  CO,  der  Bodenluft  einen  Maassstab  für  die 
Verunreinigung  des  Bodens  mit  organischen^Substanzen  zu  besitzen.  AUerdings 
findet  man  hohe  CO^-Zahlen  nur  in  einem  Boden,  der  mit  organischen  Stoffen 
imprägnirt  war;  in  der  Ijbischen  Wüste  dagegen  nicht  mehr,  wie  in  der  Atmo- 
sphäre. Aber  als  ein  richtiger  Ausdruck  für  den  Grad  der  Verunreinigung  ist 
der  COa-G^halt  doch  nicht  zu  gebrauchen.  Die  Production  von  CO,  schwankt 
nicht  aUein  nach  der  Menge  des  vorhandenen  zersetzlichen  Materials,  sondern 
auch  nach  der  Temperatur,  dem  Grad  der  Durchfeuchtung  u.  s.  w.;  und  vor 
AUem  ist  die  Concentration  der  CO,  ausser  von  der  Production  noch  abhängig 
von  der  Luftbewegung  im  Boden;  bei  grosser  Permeabilität  des  Bodens  und 
unter  dem  Einfluss  kräftig  yentilirender  Winde  bleibt  der  CO,- Gehalt  der  Boden- 
luft niedrig,  während  die  nämliche  Production  bei  einem  dichten  Boden  und 
bei  fehlenden  Winden  hohen  CO,-Gehalt  bewirkt 


184  Der  Boden. 

Mikroorganismen  werden  in  der  Bodenloft  ansnahmslos  yer- 
misst  Nnr  von  der  änssersten  Oberflache  werden  im  Freien  mit  den 
Bodenpartikelohen  Mikroorganismen  losgerissen  and  als  Stanb  in  die 
Luft  übergeführt;  die  ans  dem  Boden  unterhalb  der  Oberflache  stam- 
mende Luft  ist  dagegen  wegen  ihrer  überaus  schwachen  Bewegung  und 
ihrer  steten  Sättigung  mit  Wasserdampf  nicht  im  Stande  Mikroorga- 
nismen fortzuführen;  und  wenn  dies  etwa  geschähe,  so  müssten  die 
Bakterien  beim  Durchstreichen  der  Lufb  durch  die  darüber  liegende 
Bodenschicht  völlig  zurückgehalten  werden,  da  ja  schon  dünne  Erd- 
schichten nachweislich  ein  völlig  dichtes  Filter  für  Luftbakterien  dar- 
stellen. 

Auch  in  die  Wohnhäuser  werden  mit  der  Bodenluft  niemals 
Bakterien  eingeführt  Dort  kann  nicht  einmal  eine  Ablösung  von 
der  äussersten  Oberflache  erfolgen,  weil  an  der  Kellersohle  des  Hauses 
der  erforderliche  Grad  von  Austrocknung  und  die  zum  Losreissen  und 
Fortführen  des  Staubes  nothwendige  Windstärke  fehlt. 

Da  somit  eine  infektiöse  Wirkung  der  Bodenluft  durch  ihre  Keim- 
freiheit auszuschliessen  ist,  kommen  für  eine  hygienisohe  Bedeutung 
der  Bodenluft  nur  toxische  oder  übelriechende  gasförmige  Be- 
standtheile  in  Betracht^  die  mit  der  Bodenluft  in  die  Atmosphäre  oder 
in  die  Wohnungslufc  gelangen.  Wenn  namentlich  die  Kellerpflasterung 
fehlt,  so  kann  unter  der  Einwirkung  der  oben  aufgezählten  treibenden 
Kräfte  übelriechende  CO^-reiche  Luft  in  grosser  Menge  in  die  Wohn- 
häuser eindringen.  Ein  toxischer  ESekt  kommt  hierdurch  (ausser  bei 
Leuohtgasausströmungen)  zwar  nicht  zu  Stande;  wohl  aber  kann  eine 
hygienische  Beeinträchtigung,  wie  sie  S.  168  beschrieben  ist,  aus  der 
dauernden  Luftverunreinigung  resultiren.  —  ITebrigens  ist  durch  Dich- 
tung der  Kellersohle  des  Hauses  resp.  durch  dichte  Pflasterung  der 
Strassen  das  Einströmen  der  Bodenluft  leicht  ganz  zu  verhindern. 


VI.  Verhalten  des  Wassers  im  Boden. 

Im  porösen  Boden  begegnen  wir  gewöhnlich  in  einer  Tiefe  von 
einigen  Metern  einer  mächtigen  Wasseransammlung,  die  als  „Grund- 
wasser'^  bezeichnet  wird;  die  darüber  gelegenen  Schichten  zeigen  einen 
geringeren  und  wechselnden  Wassergehalt.  Beide  Zonen  erfordern  eine 
gesonderte  Betrachtung. 


Verhalten  des  Wassers  im  Boden.  185 

A.  Dm  Gmndwasser. 

Bodenwasser  oder  Grundwasser  nennt  man  jede  ausgedehntere 
unterirdische  Wasseransammlung,  welche  die  Poren  des  Bodens  Töllig 
und  dauernd  ausf&llt  In  einem  durchlässigen  Boden  kann  eine  solche 
Ansammlung  nur  dadurch  zu  Stande  kommen,  dass  undurchlässige 
Schichten,  Felsen,  Thon-  oder  Lehmlager  das  Wasser  tragen  und  am 
Tieferfliessen  hindern.  Oft  finden  sich  mehrere  Etagen  von  undurch- 
lässigen Schichten  und  darauf  gelagertem  Grundwasser  über  einander, 
die  dann  an  einzelnen  Stellen  communiciren;  manchmal  haben  die 
Thon-  und  Lehmlager  nur  geringe  Ausdehnung,  bilden  kleine  Liseln, 
auf  welchen  sich  eine  geringe  und  nicht  constante  Wasseransammlung 
etablirt  (sogenanntes  ,JSchicht-^  oder  „Sickerwasser'O* 

Das  Grundwasser  passt  sich  im  Ganzen  der  Oberfläche  der  tragen- 
den undurchlässigen  Schicht  an,  ohne  dass  jedoch  kleinere  Erhebungen 
und  Senkungen  die  Gestalt  des  Qrundwassemiveaus  beeinflussen.  Die 
Bodenoberfläche  dagegen  zeigt  oft  starke  Abweichungen  vom  Verlauf  so- 
wohl der  undurchlässigen  Schicht  wie  des  Grundwasserspiegels  (vergL 
das  Profil  S.  188). 

Die  ftuellen  des  Grundwassers  sind  1)  die  Niederschläge,  oder 
richtiger  derjenige  Bruchtheil  der  Niederschläge,  welcher  bis  zum  Grund- 
wasser gelangt,  also  nicht  oberflächlich  abfliesst  und  auch  nicht  nach 
dem  Eindringen  in  den  Boden  wieder  verdunstet.  Es  ist  bereits  oben 
(S.  124)  betont»  dass  der  das  Grundwasser  speisende  Antheil  der  Nieder- 
schläge verschieden  gross  ist  nach  der  Neigung  des  Terrains,  der  Durch- 
lässigkeit und  Temperatur  des  Bodens  und  der  austrocknenden  Kraft 
der  Luft;  dass  femer  auch  die  Art  des  Begenfalles  von  Belang  ist 
Bei  abschüssigem,  felsigem  Boden,  ebenso  bei  sehr  warmem  Boden  und 
sehr  trockener  Luft  gelangt  nur  wenig  von  den  Niederschlägen  in  die 
Tiefe;  dagegen  lässt  ein  poröser,  kalter,  ebener  Boden  relativ  grosse 
Mengen  zum  Grundwasser  durchtreten.  2)  Condensation  von  atmo- 
sphärischem Wasserdampf,  die  jedoch  nur  dann  etwas  leistet,  wenn 
die  Aussenluft  erheblich  wärmer  ist  als  der  Boden  und  relativ  viel 
Feuchtigkeit  enthält,  also  in  den  Monaten  April  bis  September;  auch 
in  dieser  Jahreszeit  aber  nur  an  einzelnen  Tagen  und  in  unbeträcht- 
lidier  Menge.  3)  Zuströmung  von  Grundwasser  von  anderen 
Orten.  Wenn  die  undurchlässige  Schicht  und  dementsprechend  das 
Niveau  des  Grundwassers  stärkere  Neigung  zeigt  und  wenn  gleichzeitig 
der  Boden  leicht  durchlässig  ist,  kommt  eine  deutliche  horizontale  Fort- 
bewegung des  Grundwassers  zu  Stande,  die  den  Grundwasserstand  an 
tieferen  Punkten  wesentlich  beeinflussen  kann.  Bei  dichteren  Boden- 
arten und  geringen  Niveaudifferenzen  fehlt  eine  solche  Bewegung,  und 


186  Der  Boden. 

die Oraudwassenoasse  kann  als  stftgnirend  angesehen  werden.   4)  FlüaB& 
Meist  liegt  das  Qrandwasser  tiefer  als  das  Flosabett,  and  man  wird 
dann  leicht  za  der  Annahme  geführt,  dass  Wasser  am  dem  Fluss  oder 
Bach  in  das  Qrimdwasser  übertreten  müsse.     Dennooh  ist  dies  viel- 
fach   nicht    der  FalL     Die  Betten    der    Ftusslänfe    sind    oft    durch 
allmähliche  Ablagerung  lehmiger  oder  thoniger  Hassen  Tollkemmen 
wasserdicht  geworden,  so  dass  selbst  bei  starken  NiTeaodifferenzen 
kein   Darchtritt  Ton  Wasser  stattfindet.     Werden   anmittelbar  neben 
einem  solchen  Flosebett  Brannenscbächte  in  das  Onindwasser  gegraben, 
so  lässt  sich  durch  die  Besultate  der  chemischen  Untersaohai^,  z.  B. 
dnrch  das  Öleiohbleiben  des  Härtegrades,   noch  leichter  and  genaner 
dnrch  Tergieiohende  Temperatnrbeob- 
achtongen  feststellen,  dass  kein  Wasser 
von  dem  höher  liegenden  Flosse  in 
das  Grandwasser  dringt    Fehlen  aber 
TerHohlammende     Bestandtbeile     im 
Flasse    and    besteht    das    Bett    ans 
lockerem    Sand,    dann    erfolgt   eine 
Speisnng  des  Grandwassers  Tom 
Flasse    ans,    in    besonders    hohem 
Qrade,  wenn  der  Flosa  abnorm  hohes 
Wasser  fährt  oder  känstlich  gestaot  ist. 
Unter  and  neben  dem  Flosalaof 
zieht    der    breite    Onmdwasserstrom 
der  Niederang  zu;  hier  nnd  da  tritt 
das  Grundwasser  in  Form  von  Seen 
oder  Sümpfen  za  Tage;  allm&hlich, 
bei  grösserer  Annäherang  an's  Heer, 
dorohdringt    es    die    oberen    Bodeit- 
sohichten  and  kommt  in  den  Uarschen 
an  die  Oberfläche.     Langsam,  aber 
in   nngebenrer  Masse  vollzieht  sich 
diese  nnterirdiscbe  Wasserbewegong. 
Flg.  61.  onmdviwmiHuii.  ZuweÜen  wlrd  sie  in  ihrem  natürlichen 

l^dllÄ'r^»":?^^*- i«^u=,''rt  Abflnse  gehemmt  durch  das  An- 
aS»"";^'.  o1S?',tSSS;?,'i  ^g.*  schwellen  der  Flüsse,  welche  das  ganze 
Thal  ausfüllen;  dann  kommt  es  zu 
einem  Ao&tanen  des  Grandwassers,  and  eine  solche  Staowelle  addirt 
sich  eventuell  zu  der  durch  den  Zutritt  von  Flosswasser  bewirkten 
Ansohwellong  des  Grandwassers. 

Von  besonderem  Interesse  sind  die  leitUohen  Schwutkongen  des 


Verhalten  des  Wassers  im  Boden. 


187 


GnmdwasserniveaQS,  die  man  dadurch  xoiasty  dass  man  den  Abstand 
der  Orondwasseroberflache  von  der  Bodenflache  ermittelt. 

Die  Messung  wird  gewöhnlich  an  Schachtbrunnen  ausgefährt,  die  bis  in's 
Grundwasser  reichen;  die  Bohlendeckung  des  Schachtes  wird  abgehoben  und 
ein  Metermaass,  an  dessen  Ende  sich  ein  Schwimmer  oder  ein  sogen.  Schaalen- 
apparat  (ev.  auch  eine  mit  Kreide  bestrichene  Holzleiste)  befindet,  herabgelassen. 
Mit  Hülfe  dieser  Instrumente  ist  der  Abstand  zwischen  oberer  Kante  der  Brunnen- 
Tierung  und  der  Wasseroberflftche  genau  zu  messen.  Bei  dichtem  Boden  darf 
mehrere  Stunden  vor  der  Messung  nicht  an  dem  Brunnen  gepumpt  werden; 
besser  werden  stets  besondere  eiserne  Standrohre  benutzt  Jener  obere  Rand 
der  Vierung,  oder  irgend  eine  andere  leicht  kenntliche,  festliegende  Marke,  bis 
zu  welcher  der  Abstand  jedesmal  gemessen  wird,  ist  der  locale  Fizpunkt 

In  solcher  Welse  beobachtet  man  an  ein  und  derselben  Station 
erhebliche  zeitliche  Schwankungen.  Man  ermittelt  einmal  den  höchsten 
und  niedrigsten  Stand,  der  im  Laufe  der  Jahre  erreicht  wird;  das 
Maximum  ist  uns  wichtig  für  die  Fundamenürung  unserer  Hauser, 
die  womöglich  nicht  unter  dieses  Maximum  herabreichen  soll;  und  das 
M'mimum  ist  da  von  Bedeutung,  wo  man  den  Wasserbedarf  aus  Brunnen 
bezieht.  Zweitens  beobachtet  man  die  Schwankungen  innerhalb  des 
Jahres  und  der  Jahreszeiten;  und  dieser  Messung  kommt  ein  Interesse 
zu,  weil  sie  uns  Au&chluss  giebt  über  gewisse  gleich  zu  besprechende 
Zustande  der  obersten  Bodenschichten. 

In  der  norddeutschen  Ebene  verhalten  sich  die  Schwankungen 
des  Grundwassers  im  Ganzen  so,  dass  auf  den  April  das  Maximum,  auf 
den  September  oder  October  das  Minimum  fallt.  Das  liegt  nicht  etwa 
wesentlich  an  der  Regenvertheilung,  sondern  wie  aus  der  untenstehenden 


Berlin 

Nieder- 
schläge 

in  mm 

München 

Nieder- 
schläge 

in  mm 

Sättigungs- 
deficit 

in  mm 

Grund- 
wasser 

tn  m  Ob.  d. 
Mmto 

Sättifi[ungs- 
dencit 

in  mm 

Grund- 
wasser 
in  m  &b.  d. 

Januar  .  .  . 

40*3 

0.71 

82. 72 

58*8 

0*15 

515.55 

Februar    .  . 

■      84.8 

0-91 

82. 79 

29. 6 

0*41 

515*55 

Min    .  .  .  . 

46-6 

1.55 

82.88 

48*5 

081 

515.60 

April  .... 

82*  1 

2. 78 

82*96 

55*6 

1*78 

515.64 

Mai 

89*8 

8. 95 

32.88 

95*1 

2. 84 

515*67 

Juni 

62. 2 

513 

32.69 

111-9 

8. 00 

515*72 

JuU 

66.2 

5. 64 

32-56 

108.8 

3. 48 

515-73 

August  .  .  . 

60. 2 

4. 88 

32. 45 

104.4 

318 

515-72 

September  . 

40. 8 

3-77 

32. 40 

68.1 

1.98 

515. 63 

October .  .  . 

1.      57. 5 

172 

32. 38 

53. 1 

0*93 

515*54 

November   . 

44.5 

101 

32- 47 

50. 0 

0-39 

515-49 

Deeember   . 

462 

1 

i 

0.59 

32.50 

42. 9 

0.20 

515*51 

188  Der  Boden. 

Tabelle  ersichtlich  ist,  an  dem  Sätti^ngsdefioit  der  Loft  und  dn  höh« 
Bodentemperatar,  velche  im  Sommer  allen  Regen  zam  Verdunste 
briagen  und  nnr  den  WiDt«r-  und  Frühjahrsniederschlt^  in  den  Boden 
eindringen  lassen.  —  Anders  ist  es  in  MäncheD;  dort  ^It  Tal- 
herrschend Sommerregen  in  yerhältnissmässig  eehr  grossen  Massen  nnd 
ebendort  ist  zar  selben  Zeit  das  Sättigongsdeficit  erheblich  ^ringe. 
Offenbar  dringt  denn  anch  in  München  der  Somtnerregen  bis  itm 
Grundwasser  dorch  und  bewirbt  dort  einen  wesentlich  anderen  Tyi»s 


\-.:':\  Civber  Sand..  i>-GrBBdioaaa:^itaeL 

^^  Undurchlässig  Id/enschüitt.    o-hAM^  c^aMr^äeHitniJxaatta^ 
Die  Ij'inyen  sinil  50  mal  slär^tr  redacüi  als  die  Ißhm 
F1(.  G3,    BodanpnlU. 

der  Gnindwasserbewegnng,  nämlich  Hocbetand  im  Juni  bis  Anguat, 
tieften  Stand  im  November  bis  December.  AUerdings  wirkt  biwbei 
noch  ein  wesentlicher  Faktor  —  die  Dnrchläss^keit  dee  Bodens  —  mit, 
dessen  Einfloss  unten  zu  erörtern  ist. 

Beim  Studium  der  UntergTundverhältiiisge  eiDer  SUdt  man  mao  ferner 
veraucheD,  eine  Vorat«lluag  van  der  Gestalt  der  Gruudwasseroberfllehe 
zu  bekommen.  Da  die  verachiedenen  lokalen  Fiipunkte  in  Folge  der  Cnebes- 
heilen  der  Bodenoberflftcbe  sehr  vcrechiedene  AbstAude  aucb  von  dem  gleichen, 
ebenen  Grundwaaserniveau  zeigen,  sind  die  an  Terschiedenen  Orten  filr  den 
Onindwaaaerabstand  gewonnenen  Zahlen  nicht  direct  vergleichbar  und  man  mn» 
die  lokalen  Fixpunkte  auf  einen  gemeinsamen  oberen  oder  unteren  Fiipunkt 
einnivelliren.     Dabei  geht  man  gewöhnlich  ans  von  der  Oberkante  der  Schienen 


Verhalten  des  Wassers  im  Boden.  189 

des  BahnhoCs,  deren  Höhenlage  über  dem  allgemeinen  Nullpunkt,  dem  Spiegel 
der  Nordsee  (Marke  bei  WUbelmshafen)  oder  der  Ostsee  resp.  des  adriatischen 
Meeres,  bekannt  ist  In  dieser  Weise  werden  die  Höhen  der  Lokalfixpunkte 
über  dem  gemeinsamen  Nullpunkt  und  nach  Abzug  des  Abstandes  der  Grund- 
wasseroberflfiche  vom  lokalen  Fixpunkt,  die  Höhenlage  jedes  Punktes  der 
Grundwasseroberfläche  über  dem  allgemeinen  Nullpunkt  erfahren  und  auf- 
gezeichnet 

Die  Darstellung  der  Besultate  erfolgt  am  besten  durch  Profile  ähnlich  der 
vorstehenden  schematischen  Zeichnung  (Fig.  62).  Die  Stadt  wird  in  eine  Anzahl 
von  Bohrlinien  zerlegt  und  von  jeder  Bohrlinie  gewinnt  man  ein  Profil,  indem 
in  gewissem  Abstand  Bohrlöcher  in  den  Boden  getrieben  werden,  deren  hori- 
zontaler Abstand  unter  einander  und  deren  Höhenlage  über  dem  allgemeinen 
Nullpunkt  auf  der  Zeichnung  markirt  wird.  Der  beim  Bohren  ausgehobene 
Boden  wird  beobachtet  und  gesammelt;  sobald  Proben  neuer  Schichten  (von 
anderer  Komgrösse,  Farbe  u.  s.  w.)  herausgefordert  werden,  wird  die  Tiefe  des 
Bohrloches  gemessen  und  auf  dem  Profil  ist  dementsprechend  die  Höhenlage 
des  Beginnes  der  neuen  Schicht  über  dem  allgemeinen  Nullpunkt  einzu- 
zeichnen. Verbindet  man  dann  auf  dem  Profil  die  Punkte  der  verschiedenen 
Bohrlöcher,  an  welchen  die  Beschaffenheit  des  Bodens  wechselt,  so  erhält  man 
ein  Bild  der  Neigung  der  einzelnen  Bodenschichten  und  insbesondere  auch  der 
undurchlässigen  Schicht  ~  Um  femer  das  Grundwassemiveau  zu  erhalten, 
wird  der  Abstand  des  Grundwassers  von  der  Bodenoberfläche  in  den  verschie- 
denen Bohrlöchern  gemessen  und  die  augenblickliche  Höhe  über  dem  allge- 
meinen Nullpunkt,  bei  länger  fortgesetzten  Messungen  auch  das  Maximum  und 
das  Minimum,  auf  dem  Profil  eingetragen;  die  Verbindungslinie  dieser  Punkte 
cfgiebt  dann  die  Grestalt  der  Grundwasseroberfläche. 

Bei  der  Zeichnung  der  Profile  werden  übrigens  gewöhnlich  die  Längen 
in  viel  (50faoh  und  mehr)  stärkerem  Maasse  reducirt  als  die  Höhen;  bei 
gleichmässiger  Reduktion  würden  die  Höhendifierenzen  kaum  sichtbar  werden.  — 
Auch  Karten,  auf  denen  Isohypsen  (d.  h.  Horizontale,  welche  die  Punkte  gleicher 
Erhebung  über  dem  Nullpunkt  mit  einander  verbinden)  der  Bodenoberfläche, 
des  Grundwassemiveaus  und  der  Oberfläche  der  undurchlässigen  Schicht  ein- 
getragen sind,  geben  anschauliche  Bilder  von  den  Verhältnissen  des  Unter- 
grundes. 

An  einzelnen  Orten  ist  auch  die  horizontale  Fortbewegung  des 
Gmnd Wassers  gemessen  und  zwar  dadurch,  dass  man  an  einer  Reihe  von  um- 
liegenden Brunnen  die  Zeit  des  Eintritts  von  Niveauänderungen  beobachtete, 
während  an  einem  Bronnen  durch  auqgiebiges  Pumpen  eine  starke  Depression 
des  Ni?eans  hergestellt  wurde;  oder  dadurch,  dass  man  feststellte,  wie  lange 
Zeit  die  durch  Hochwasser  eines  Flusses  erzeugte  Fl uth welle  gebraucht,  um 
•ich  zu  verschiedenen  Stationen  der  Grund wasserbeobachtung  fortzupflanzen. 
Femer  ist  an  den  Deichen  nach  Hochwasser  die  Durchtrittszeit  des  einge- 
drungenen Wassers  ermittelt  —  Es  hat  sich  bei  diesen  Messungen  heraus- 
gestellt, dasi  die  Fortbewegung  sehr  verschieden  ist  je  nach  der  Bodendnrch- 
Ussigkeit  und  der  Neigung  der  undurchlässigen  Schicht,  unter  allen  Um- 
ständen aber  ausserordentlich  langsam.  Die  bisher  gefundenen  Werthe 
betragen  3—8 — 35  m  pro  24  Stunden,  also  im  Mittel  nur  etwa  25  cm  pro 
Stunde. 


B.  Du  Wuser  d«r  oberen  Bodensehieliten. 

Id  den  aber  dem  Ornodirassei  gelegenen  Bodensobicbten  nntet- 
scfaeideD  wir  3  Zonen  (Hofhahb): 

1)  Die  VerduDstnngszone,  die  tod  der  Oberdäcbe  soneit  herab- 
reicbt,  wie  sieb  nocb  eine  anstrooknende  Wirkung  der  atmospbäriBchen 
Luft  bemerkbar  macbt,  und  wo  abo  der  Wassergehalt  eventuell  unter 
die  kleinst«  Wassercapacität  des  Bodens  sinken  kann.     Hat  in  dieser 
Zone  einmal  stärkere  Aostrocknung  bis  zu  gewisser  Tiefe  stattgefunden, 
so  ist  dieselbe  im  Stande  sehr  grosse  Wassermengen  zurückzuhalten. 
Dichter  Boden  fasst  pro  1  qm  bis  zu  25  cm  Tiefe  40 — 50  Liter  Wasser 
(Tgl.  S.  176),  da  aber  ein  Regenfall 
Ton  10  mm  Höhe  nur  10  Liter  Wasser 
wne.      '"      auf  I  qm  liefert,  so  können  mehr- 
fache starke  Niederschläge  voll- 
auf in  den  Poren  dieser   Zone 
Platz    finden.      Je    nachdem    der 
»ae.  Boden  mehr  oder  weniger  feine  Poren 

w^^TTtltSt^     enthält,  wird   natürUcb  die  zurück- 
'*™'dM'B^m.^™''    gehaltene    Begeomenge    verschieden 
gross  sein;    in   einigennaasseD  fein- 
porigem Boden  ist  aber  im  Sommer 
zoD«  im  stpiiimr  ge-  unseTcs    KUmas    die    Aostrocknong 
mn         www«,    jm^^gp  gg  bedeutend,  dass  dann  gar 
nichts,  weder  von  Begen  noch  von 
ng.  ea  w^-jrt^t^«  oter.»  Bod^-     verunreinigenden  Flüssigkeiten  in  die 
Tiefe   eindringt,    sondern  dass  alles 
in  der  oberflächlichen,   wie  ein  trockener  Schwamm  wirkenden  Zone 
zurückbleibt 

2]  Unterhalb  der  Verdunstungazone  folgt  eine  Schicht,  die  von  der 
austrocknenden  Wirkung  der  Luft  nicht  mehr  erreicht  wird,  in  der 
aber  andererseits  keine  vollständige  Füllung  der  Poren  mit  Wasser  be- 
steben kann,  weil  die  den  Ablauf  hemmende,  undurchlässige  Schicht 
noch  zu  weit  entfernt  ist  In  dieser  „Durchgangszone"  mnss  also 
stets  so  viel  Wasser  in  den  Poren  vorhanden  sein,  wie  der  kleinsten 
Wasseroapacit&t  des  Bodens  entspricht  Bei  feinporigem  Boden  reprtoen- 
tirt  dies  immerhin  eine  sehr  bedeutende  Wassermenge,  im  Mittel  ver- 
schiedener directer  Bestimmungen  150—350  Liter  in  1  cbm  Boden.  Es 
ist  letcbt  zu  berechnen,  dass  in  einer  1 — 2  m  hoben  Schicht  solchen 
Bodens  die  Niederschläge  eines  ganzen  Jahres  haften  bleiben.    Bei 


Verbalten  dee  Wassers  im  Boden.  191 

einiger  Ansdehnang  der  Durohgangszone  stellt  dieselbe  also  ein  enorm 
grosses  Wasserreservoir  dar. 

8)  Zwischen  Durchgangszone  nnd  dem  Grundwasser  befindet  sich 
die  Zone  des  durch  Capillarität  gehobenen  Wassers.  Je  nach 
der  Porengrösse  der  über  dem  Grundwasser  liegenden  Schicht  wird 
dasselbe  wenige  Centimeter  bis  eyentuell  1  m  und  mehr  gehoben  und 
füllt  dann  fast  sämmtliche  Poren  des  Bodens. 

Der  Durchtritt  von  irgend  welchen  Flüssigkeiten,  Nieder- 
schlägen, verunreinigenden  Abwässern  u.  s.  w.  zum  Grundwasser  erfolgt 
durch  die  genannten  3  Zonen  in  wesentlich  verschiedener  Weise,  je 
nachdem  grob-  oder  feinporiger  Boden  vorliegt 

In  grobporigem  Kiesboden  sind  breite,  zugängliche  Wege  vor- 
banden; in  diesen  findet  ein  rasches  Fortbewegen  aller  Flüssigkeiten 
zu  jeder  Jahreszeit  statt.  Auch  im  Sommer  gelangen  die  Niederschläge 
rasch  zum  Grundwasser.  Verunreinigungen  werden  durch  stärkere 
Niederschläge  schnell  in  die  Tiefe  gespült.  Nur  in  den  feineren  Poren- 
antheilen  (Seitenstrassen)  können  Verunreinigungen  längere  Zeit  haften 
bleiben. 

In  feinporigem  Boden  fehlt  es  an  den  breiteren  Strassen;  es 
kommt  in  den  vorhandenen  engen  Wegen  nur  zu  einem  langsamen 
Fortrücken  Schicht  um  Schiebt,  so  dass  die  unten  ans  Grandwasser 
reichende  Wasserzone  von  der  oberen  in  Bezug  auf  ihr  chemisches  und 
bakteriologisches  Verhalten  total  verschieden  sein  kann.  Ist  die  Durch- 
gangszone  stark  entwickelt,  so  muss  es  enorm  lange,  1 — 3  Jahre  und 
mehr  dauern,  bis  die  auf  die  Oberfläche  des  Bodens  gelangenden  Nieder- 
schläge das  Grundwasser  erreichen.  Ebenso  werden  alle  Verunreinigungen 
nur  ganz  langsam  tiefer  gespült  und  dringen  meist  erst  nach  Jahren 
bis  zum  Grundwasser  vor. 

Unter  den  Häusern  und  unter  gepflastertem  Boden,  wo  keine  neuen 
Flüssigkeiten  in  den  Boden  gelangen,  stagnirt  die  ganze  im  Boden 
enthaltene  Wassermasse  und  ein  Weiterrücken  der  Niederschläge  oder 
der  Verunreinigungen  findet  überhaupt  nicht  mehr  statt 

Ueber  den  jeweiligen  Feuchtigkeits-  und  B^inlichkeitszustand  der 
oberen  Bodenschichten  bekommen  wir  nun  wichtige  Auskunft  durch 
die  zeitlichen  Schwankungen  des  Grundwasserspiegels.  Sinkt 
derselbe,  so  wird  dadurch  angezeigt,  dass  tiefer  spülende  Zuflüsse  von 
oben  spärlicher  geworden  sind  oder  aufgehört  haben;  dies  kann  —  abge- 
sehen von  lokaler  Aenderung  der  Bodenfläche,  Pflasterung  u.  s.  w.  —  vor- 
logsweise  dadurch  bewirkt  sein,  dass  sich  oben  eine  grössere  trockene 
Zone  gebildet  hat,  in  welcher  von  da  ab  alle  Niederschläge  und  ebenso 


192  Der  Boden. 

alle  YeranreinigUDgen,  Abfallstofife  u.  s.  w.  verbleiben.  Steigen  des  Orund- 
Wassers  erfolgt  dagegen  erst  dann^  wenn  die  .trockene  Zone  wieder 
entsprechend  der  kleinsten  Wassercapacitat  mit  Wasser  gesattigt  ist  und 
nunmehr  ein  Vorrücken  der  ganzen  Wassennasse  und  Tieferspülen  der 
Verunreinigungen  stattfinden  kann. 

Der  verschiedene  Ghmg  der  Grundwasserbewegung  in  dem  feinporigen 
Berliner  Boden  einerseits,  in  dem  grobporigen  Müncbener  Boden  andererseits 
wird  hierdurch  verständlich.  (Vgl.  Tab.  S.  187).  In  Berlin  finden  die  Nieder- 
schläge des  Winters  keine  ausgetrocknete  Bodenschicht  vor;  dieselbe  ist  viel- 
mehr mit  Wasser  gesättigt,  der  Boden  kalt.  Kommt  es  einmal  zum  Aufhören 
der  Niederschläge,  so  stellt  sich  doch  höchstens  eine  ganz  geringfügige  trockene 
Zone  her.  Ehe  nur  der  Grundwasserspiegel  durch  die  fortlaufende  Wasser- 
entnahme und  den  fehlenden  Zufluss  sinken  kann,  kommen  neue  Niederschläge, 
die  sofort  die  Continnität  der  Wassermassen  wieder  herstellen.  Dann  aber 
treten  die  hohen  Temperaturen  und  das  starke  Sättigungsdeficit  des  Mai  und 
Juni  in  Action.  Setzen  jetzt  die  Niederschläge  eine  Zeit  lang  aus,  so  ist  sofort 
eine  beträchtliche  Austrocknungszone  da,  die  nicht  mehr  —  oder  nur  in  Aus- 
nahmefallen —  wieder  von  den  nächsten  Niederschlägen  ausgefüllt  werden  kann. 
Dann  sinkt  das  Grundwasser  und  damit  ist  der  Verbleib  aller  Flüssigkeit  in 
der  obersten  Zone  angezeigt  Erst  nach  dem  Eintritt  niederer  Temperatur  und 
höherer  Feuchtigkeit  sind  anhaltende  Niederschläge  im  Stande,  die  starke  Schicht 
trockenen  Bodens  ausreichend  zu  fiillen. 

In  München  vermag  der  grobporige  Boden  viel  weniger  Wasser  zu  fassen 
und  eine  trockene  Zone  hat  daher  einen  viel  geringeren  Eftekt.  Zu  einem  län- 
geren Aufhören  aller  Zuflüsse  zum  Grundwasser  kommt  es  kaum.  Namentlich 
aber  dringt  im  Sommer  von  den  massenhaft  niedergehenden  Niederschlägen  ein 
grosser  Theil  zum  Grundwasser  durch ;  eine  trockene  Zone  stellt  sich  in  dieser 
Zeit  immer  nur  vorübergehend  her;  alle  Verunreinigungen  werden  kräftig  in 
die  Tiefe  gespült.  Erst  im  Spätsommer  und  Herbst,  wenn  die  Niederschläge 
nachlassen,  kommt  es  zu  länger  dauernder  Trockenheit  des  oberflächlichen 
Bodens,  zum  Verbleib  der  Verunreinigungen  in  der  obersten  Schicht  und  zom 
Sinken  des  Grundwassers.  Diese  Periode  dauert  aber  viel  kürzer  und  das  Ab- 
sinken des  Grundwassers  ist  erheblich  geringer,  als  im  feinporigen  Boden;  be- 
reits im  December  beginnt  wieder  eine  Durchfeuchtung  des  Bodens  und  ein 
Ansteigen  des  Grundwassers,  das  bis  zum  August  anhält. 

Uebrigens  haben  die  geschilderten  Verhältnisse  nur  Geltung  für  eine  ge- 
wisse durchschnittliche  Beschaffenheit  des  natürlichen  Bodens.  Wird  feinporiger, 
lehmhaltiger  Boden  bearbeitet  (z.  B.  auf  Aeckem,  Rieselfeldern),  so  finden  sich 
immer  gröbere  Spalten  und  Risse,  durch  welche  ein  Theil  der  Flüssig- 
keiten rasch  in  grössere  Tiefen  gelangt  Auch  durch  Ratten,  Maulwürfe,  Regen- 
würmer können  abnorme  Wege  für  die  Beförderung  von  Flüssigkeiten  im  Boden 
geschaffen  werden. 

HygieniBohe  Bedeutung  des  Grundwassen.  Während  ein  zu 
grosser  Abstand  des  Grandwassers  von  der  Bodenoberfläohe  nnr  die 
Beschaffung  von  Trink-  und  Nntzwasser  erschwert,  hat  ein  zn  geringer 
Abstand  erheblich  grössere  Nachtheile  im  Gefolge.  H&lt  sich  das 
Grandwasser  wahrend  eines  grosseren  Theils  des  Jahres  nahe  der  Boden- 


Die  MikiD<«(      -uusmeii  des  Bodens. 


^'*^\-j>  «atateht  sumpfi 
■>^  .^  dasselbe  nur  -v- 

^W  Keller,  mwdif 
Vm  AbainkeD  e 
Dmoirong 


des  Haushalts,  die  Düngstoffe  der 

'akterien  von  den  Niederschlägen 

■n  Tiefen  von  Vi— 2  m  gespült 

'ohe  zur  Aufnahme  der  Abfall- 

'en  und  dann  die  bakterieu- 

von  1—2—3  m  unter  der 


^muRg  des  Vt . 

ri.  181).     In  dieser  ij, 

.dung  nur  ein  Maassstab,  ein 

.üsüiche  Mittel  (Drainage)  die  G: 

.n  oder  beseitigen,  so  werden  wir  dai 

.L'itezostand   der  oberen  Bodeuscbicbteo 

wir  bewirken,  dass  die  Uhr,  die  uns  bi 

diesen  Zustand  belehrt  hat,  fortab  oichl 

)  nicht  zu  verwenden  ist 


VII.  Die  Mikroorganismen  des  Bodens. 

Die  UntersuchuDg  des  BodeDS  auf  MikroorganiBmen  erfolgt  in  der  Weise 
dui  man  mit  einem  kleinen  PlatiDlöBel,  der  etwa  '/i»ccm  fasst,  eiae  Probe 
mnwticbt,  id  Gelatine  bringt,  mit  dem  Platindraht  möglichat  zerkleinert,  and 
dMin  das  Böhrehen  ausrollt.  Sehr  wichtig  ist  es,  die  UotersuchuDg  qd- 
mittelbar  nach  der  Probenahme  vorzunehmen,  da  bei  der  höheren  Tempe- 
ratni  des  Laboralorinms  und  nach  Luftzutritt  sehr  rasche,  meist  kolossale 
nachtrilgliche  Vermehrung  der  Bakterien  eintritt  —  Aus  tieferen  Schichten 
entnimmt  man  Proben  mittelst  eines  besonderen  Bohrers,  der  sich  erst  in  der 
gewQnschten  Tiefe  öffnet  und  dann  wieder  schlieast 

Zahl  ond  VertheilnnK  der  Bodenbakteriea.  Die  angestellten  Unter- 
suchungen haben  gezeigt,  dass  der  Boden  das  wesentlichste  Reservoir 
der  Mikroorganismen  darstellt  £3  finden  sich  im  Durchschnitt  selbst 
im  sogenannten  jungfränlicheo,  unbebauten  Boden  ca.  100000  Keime 
in  1  com  Boden,  oft  noch  erheblich  mehr.  Femer  ist  ermitt«It,  dass 
weitaus  die  grösste  Zahl  dieser  Mikroorganismen  an  der  Oberfläche 
nnd  in  den  oberflächlichsteD  Schichten  enthalten  ist  Nach  der 
Tiefe  zn  nimmt  die  Zahl  der  Bakterien  allmählich  ab,  nnd  in  l  bis 
3  m  be^nnt  meist  eine    geradezu  bakterien  freie  Zone.     Auch  die 

FlOohb,  OnindrlH.    V.  AuH.  13 


194  Der  Boden. 

Partieen,  in  welchen  bereits  Grundwasser  steht,  werden  fQr  gewöhn- 
lich frei  von  Bakterien  gefanden.  —  Der  Grund  für  die  Eeim- 
fireiheit  der  tieferen  Schichten  liegt  darin,  dass  poröser  Boden  nicht 
nur  für  Luft,  sondern  auch  für  Flüssigkeiten  ein  bakteriendichtes 
Filter  büdet. 

Laboratoriumsversiiehe  scheinen  das  allerdings  zunächst  nicht  zu  bestätigen. 
Giesst  man  anf  eine  Schiebt  Grob*  oder  Feinsand  eine  bakterienhaltige  Flüssig- 
keit, so  gehen  die  Bakterien  ungehindert  durch  die  Poren  des  Bodens  hindurch. 
Der  Versuch  fallt  aber  vöUig  anders  aus,  wenn  man  die  Filtration  zunächst  so 
langsam  vor  sich  gehen  lässt,  dass  die  feinsten  Theile  des  Bodens  und  die 
suspendirten  Theile  der  Flüssigkeit  Gelegenheit  haben,  die  nächstgelegenen 
Poren  zu  füllen,  und  dass  femer  die  Bakterien  Zeit  gewinnen,  mit  einer  schlei- 
migen Schicht  die  Wege  auszukleiden.  Sobald  dies  geschehen,  ist  die  Filtra- 
tion eine  sehr  vollständige.  (Vgl.  im  folg.  Kapitel).  —  Unter  natürlichen 
Verhältnissen  und  bei  der  enorm  langsamen  Fortbewegung  des  Wassers  werden 
sich  solche  filtrirende  Auskleidungen  der  Poren  regelmässig  herstellen  und  zwar 
in  der  ersten  Schicht  der  „Durchgangszone",  wo  die  für  die  Filtration  er- 
forderliche Dichtung  ungestört  bestehen  bleiben  kann. 

Ausnahmsweise  kann  es  indess  auch  zu  eiuem  Bakteriengehalt 
tieferer  Bodenschichten  kommen,  namentlich  in  abnorm  durchlässigem 
oder  künstlich  aufgelockertem  Boden,  ferner,  wenn  gröbere  Spalten 
(in  zerklüftetem  Felsboden,  zusammengetrocknetem  Lehmboden),  oder 
Ratten-  und  Maulwurfsgange  Flüssigkeiten  unfiltrirt  nach  abwärts  ge- 
langen lassen. 

Was  die  ftualitat  der  im  Boden  gefundenen  Bakterien  betrifft, 
so  herrschen  einige  Arten  entschieden  vor,  kommen  stets  zur  Beobach- 
tung und  können  sich  offenbar  im  Boden  ausgiebig  vermehren.  Dahin 
gehören  namentlich  die  Bakterienarten,  welche  lebhafte  Oxydationen 
hervorrufen  und  bei  der  Nitrifikation  und  Eohlensäurebildung  im  Boden 
betheiligt  sind  (s.  oben).  In  den  oberflächlichsten  Schichten  sind  viel 
Sporen,  darunter  zuweilen  enorm  resistente  Dauersporen  enthalten,  die 
selbst  nach  4 — 5  stündigem  Erhitzen  in  strömendem  Dampf  noch  keim- 
fähig bleiben;  in  tieferen  Schichten  scheint  es  an  Sporen  ganz  zu  fehlen. 

Pathogene  Bakterien  sind  durch  Cultur  nur  in  den  seltensten 
Fällen  aus  dem  Boden  isolirt  Dagegen  konnte  man  durch  directe 
Yerimpfting  grösserer  Dosen  von  Erdproben  auf  Yersuchsthiere  die 
häufige  Anwesenheit  der  Bacillen  des  malignen  Oedems  und  des 
Wundtetanus  in  gedüngter  Erde  nachweisen;  auch  einige  andere 
septisch  wirkende  Arten  wurden  in  solcher  Weise  durch  den  Thier- 
körper  herausgezüchtet 

Die  ftuelle  der  aufgezählten,  in  der  ganz  überwiegenden  Mehrzahl 
saprophytischen  Bakterien  sind  vorzugsweise  die  Verunreinigungen  der 


Die  Mikrooiganismen  des  Bodens.  195 

Boden oberfläohe,  die  Abfisülstoffe  des  Haushalts,  die  Düngstoffe  der 
Gärten  und  Aecker  u.  s.  w.,  deren  Bakterien  von  den  Niederschlägen 
allmahlioh  unter  die  Oberfläche,  bis  in  Tiefen  von  V2 — 2  m  gespult 
werden«  Ferner  Gruben  und  Canäle,  welche  zur  Aufnahme  der  Abfall- 
stoffe bestimmt  sind,  aber  oft  undicht  werden  und  dann  die  bakterien- 
reichen Flüssigkeiten  gleich  in  einer  Tiefe  von  1 — 2—3  m  unter  der 
Oberfläche  in  den  Boden  übertreten  lassen. 

Einige  dieser  Bakterienarten  können  im  Boden,  wie  dies  aus 
Culturversuchen  und  directen  Bodenuntersuchungen  hervorgeht,  lebhaft 
proliferiren,  pathogene  Arten  jedoch  nur  an  der  Oberfläche  des 
Bodens  in  den  Abfallflüssigkeiten  selbst^  wenn  noch  wenig  saprophy  tische 
Concurrenten  vorhanden  sind,  und  während  hohe  Temperatur  mitwirkt, 
während  im  tieferen  Boden  die  Wucherungsbedingungen  für  solche 
Bakterienarten  ausnahmslos  zu  ungünstig  liegen. 

Dagegen  scheint  der  Boden  sehr  wohl  im  Stande  zu  sein,  auch 
pathogene  Bakterien  lange  zu  conserviren.  Der  Reich thum  der 
oberflächlichen  Bodenschichten  an  Sporen  deutet  darauf  hin,  dass  die 
Bedingungen  für  die  Sporenbildung  hier  günstig  sind;  und  Versuche 
mit  Milzbrandbacillen  haben  ergeben,  dass  die  Fruktifikation  derselben 
in  einem  Gemisch  der  Culiur  mit  porösem  Boden  verhältnissmässig 
rasch  erfolgt 

Ein  Austritt  der  in  tiefere  Bodenschichten  gelangten  Bakterien 
an  die  Oberfläche  und  eine  Verbreitung  derselben  durch  Luft,  Wasser 
u.  dgL  findet  für  gewöhnlich  nicht  statt  Wie  oben  begründet  wurde» 
ist  namentlich  die  Bodenluft  niemals  im  Stande,  Keime  in  die  Aussen- 
lufb  mitzuführen.  Auch  das  Grundwasser  ist  erwiesenermaassen  fast 
immer  bakterienfrei  und  kann  nur  ausnahmsweise  durch  gröbere  Com- 
munikationen  einen  Verkehr  zwischen  tieferen  Bodenschichten  und  dem 
Menschen  herstellen.  In  gleicher  Weise  ist  zuweilen  wohl  ein  Trans- 
portweg gegeben  durch  Tbiere,  welche  aus  tieferen  Schichten  Boden- 
partikel an  die  Oberfläche  tragen  (Maulwürfe,  Ratten,  Regenwürmer); 
oder  dadurch,  dass  der  Boden  aufgegraben  und  tiefere  Schichten  zu 
Tage  gefordert  werden. 

Wesentlich  bessere  Chancen  für  die  Weiterverbreitung  der  Bakterien 
bietet  die  oberflächlichste  Schicht  des  Bodens.  Von  hier  aus 
kann  die  Verbreitung  erfolgen:    1)  durch  staubaufwirbelnde   Winde. 

2)  Durch  Nahrungsmittel,  die  in  der  Erde  wachsen  (Kartoffeln,  Garten- 
gemüse u.  s.  w.)  und  welche  theils  roh  genossen  werden  und  direct  Infek- 
tionen veranlassen  können,  theils  indirect,  indem  sie  die  anhaftenden 
Erdpartikel    und  Mikroben    in   Wohnung    und   Küche    transportiren. 

3)  Durch  Schuhzeug  und  Geräthschaften   der  Menschen,  welche  den 

13» 


196  Der  Boden. 

yeranremigten  Boden  betreten  oder  denselben  bearbeiten,  sowie  durch 
Hausthiere. 

Oelegentlich  wird  es  so  zur  Yerbreitong  von  Infektionserregern 
kommen ;  weniger  durch  die  atmosphärische  Luft^  welche  bald  unendlich 
yerdännend  wirkt  (vgl.  S.  168),  als  Tielmehr  durch  Verschleppung 
(Nahrungsmittel,  Schuhzeug  u.  s.  w.)  von  den  einzelnen  Infektionsherden 
aus,  welche  auf  der  Bodenoberfläche  durch  zufallig  dorthin  gelangte 
Absonderungen  von  Kranken,  z.  B.  Dejektionen,  Sputa  u.  a.  m.,  gebildet 
werden. 

Eine  bestimmte  Phase  im  Zustand  der  oberflächlichen  Boden- 
schichten wird  besonders  geeignet  sein  zu  dieser  Verbreitung  von  Keimen; 
nämlich  die,  wo  eine  trockene  Zone  an  der  Oberfläche  besteht  und  inter- 
currirende  Niederschläge  höchstens  einige  Millimeter  tief  eindringen,  so 
dass  alle  Bodenverunreinigungen  in  der  oberflächlichsten  Schicht  ver- 
bleiben. In  dieser  Zeit  bestehen  f&r  Verschleppungen  aller  Art  ent- 
schieden grössere  Chancen,  als  wenn  der  Boden  durchfeuchtet  ist  und 
auftreffende  Niederschläge  die  Verunreinigungen  rasch  abschwemmen 
oder  in  eine  Tiefe  spülen,  welche  sie  dem  Verkehr  entzieht  —  Femer 
liefern  die  Jahreszeiten,  in  welchen  die  Ernte  der  Gemüse  resp.  das 
Aufbringen  des  Gruben-  und  Tonneninhalts  auf  das  benachbarte  Land 
stattfindet^  vermehrte  Gelegenheit  zur  Verschleppung  mancher  infektiöser 
Bakterien. 

Somit  wird  eine  zeitliche  Steigerung  der  Infektionsge&hr  zur 
Zeit  des  tiefeten  Grundwasserstandes  resp.  in  den  Herbstmonaten  ein- 
treten können ;  insbesondere  bei  solchen  Krankheiten,  deren  Erreger  in 
den  Dejektionen  ausgeschieden  werden  und  mit  diesen  auf  den  Boden 
gelangen. 

Hygienische  Bedeutung  der  Mikroorganismen  des  Bodens.  Nach 
den  vorstehenden  Darlegungen  erscheint  es  zweifellos,  dass  der  ober- 
flächlichste Boden  —  aber  auch  nur  dieser  —  zur  Verbreitung 
von  Infektionskrankheiten  zuweilen  Anlass  giebt  Indessen  bildet  der 
Boden  ausserhalb  der  Wohnstätte  dabei  immer  nur  ein  selten  in  Be- 
tracht kommendes  Zwischenglied.  Das  infektiöse  Material  ist  stets  viel 
reichlicher  in  der  Nähe  des  Kranken  und  innerhalb  der  Wohnstätte  vor- 
handen. Dort  ist  far  gewöhnlich  die  beste  Gelegenheit  zur  Infektion 
gegeben.  Nur  zuweilen  wird  es  vorkonmien,  dass  die  Infektion  hier 
vermieden,  das  gefahrliche  Material  entfernt  und  vermeintlich  unschäd- 
lich gemacht  wird,  indem  man  es  an  irgend  welcher  Stelle  den  ober- 
flächlichen Schichten  des  Bodens  überantwortet,  und  dass  von  diesen 
aus  das  Material  auf  den  oben  bezeichneten  Wegen  wieder  in  den 
Bereich  der  Menschen  gelangt    Es  ist  nicht  wahrscheinlich,  dass  dieser 


Das  Wasser.  197 

weite  Umweg  häufig  eingeschlagen  wird  and  dass  ein  grösserer  Procent- 
satz der  Infektionen  durch  Yermittelung  des  Bodens  zu  Stande  kommt 
Die  oben  hervorgehobene  zeitliche  Steigerung  der  Infektionschancen 
beim  Sinken  des  Grundwassers  resp.  im  Herbst  wird  sich  daher 
bei  gewissen  infektiösen  Krankheiten  auch  nur  bei  einem 
kleinen  Bruchtheil  der  Erkrankungen,  nicht  etwa  bei  der 
grossen  Masse  derselben,  bemerkbar  machen  (vgl.  Eap.  X). 

Eine  Verhütung  der  Infektion  vom  Boden  aus  ist  am  vollstäa- 
digsten  dadurch  erreichbar,  dass  Strassen,  Höfe  und  Sohlen  der  Häuser 
gepflastert,  asphaltirt  oder  cementirt  werden.  Femer  ist  es  erforderlich, 
die  Oberfläche  einer  häuflgen  Reinigung,  die  durch  passendes  Gefall 
und  gute  unterirdische  Ableitung  unterstützt  wird,  auszusetzen  und  so 
oberflächliche  Ansammlungen  von  AbfiGÜlstofi'en  zu  yerhüten.  Acker- 
und  Gartenland  in  der  näheren  Umgebung  einer  Ortschaft  ist  von 
demjenigen  Abgängen  des  menschlichen  Haushaltes,  welche  leicht  in- 
fektiöse Organismen  enthalten,  nach  Möglichkeit  frei  zu  halten.  Beim 
Genuss  von  Nahrungsmitteln  aus  solchem  Boden  ist  Vorsicht  anzu- 
rathen. 

Litteratnr:  Sotka,  Der  Boden,  Abtheilimg  aus  v.  Pettbnkofbb^s  and 
y.  Zibmssem's  Handb.  d.  Hygiene,  Leipzig  1887.  —  v.  Fodob,  Der  Boden,  in 
,3ftndb.  d.  Hygiene"  von  Weyl,  1894.  —  Frankbl,  Untersuchungen  über  das 
Vorkommen  von  Mikroorganismen  in  verschiedenen  Bodenschichten,  Zeitschr.  f. 
Hyg.,  Bd.  2.  —  ibid.  Bd.  6.  —  Vgl.  femer  die  von  verschiedenen  städtischen 
Verwaltungen  (München,  Berlin,  Frankfurt  u.  s.  w.)  herausgegebenen  Berichte 
über  die  Vorarbeiten  zur  Ganalisation  und  VITasserversorgung. 


Fflnftes  Kapitel 

Das  Wasser, 


Im  Folgenden  ist  zunächst  die  allgemeine  Beschaffenheit  der  natür- 
lichen, zur  Deckung  des  Wasserbedarfe  in  Betracht  kommenden  Wässer 
zu  besprechen.  Zweitens  sind  die  hygienischen  Anforderungen  an  ein 
Wasser  zu  präcisiren;  drittens  ist  zu  erörtern ,  in  welcher  Weise  sich 
ein  Urtheil  darüber  gewinnen  lässt,  ob  ein  Wasser  diesen  Anforderungen 
entspricht;  und  schUeeslich  ist  die  Ausführung  der  Wasserrersorgung 
zu  schildern.  • 


198  I>as  Wasser. 


A.  Allgemeine  Beschaffenheit  der  natfirlichen  Wässer. 

Die  Deckung  des  Waseerbedarfe  des  Menschen  mnss  aas  den 
natürlichen  Wasseryorrathen  erfolgen,  welche  in  Form  von  Meteor- 
wasser, von  Grundwasser,  von  Quellwasser,  von  Fluss-  und  Seewasser 
sich  vorfinden. 

Meteorwasser,  das  in  Cistemen  aufgesammelt  wird,  enthält  die 
Bestandtheile  der  atanosphänschen  Luft,  also  Salpetersaure,  salpetrige 
Säure,  Ammoniak,  femer  zahlreiche  Mikroorganismen  und  aus  den 
Sammelbehältern  gewöhnlich  organische  Stoffe.  Es  entwickelt  sich  leicht 
Faulniss  darin,  ausserdem  ist  es  fade  von  Geschmack;  es  ist  daher  nur 
im  Nothbehelf  für  den  Wassergenuss  zu  verwenden,  indess  zu  manchem 
häuslichen  Gebrauch  geeignet 

Grundwasser  rekrutirt  sich  ebenfalls  vorzugsweise  aus  den  Nieder- 
schlägen. Diese  nehmen  zunächst  von  der  Bodenoberfläche  noch  grosse 
Mengen  gelöste  und  suspendirte  Stoffe  auf  und  die  Qualität  des  Wassers 
wird  schlechter.  Dann  aber  findet  beim  Durchgange  durch  den  Boden 
gleichsam  eine  Veredelung  des  Wassers  statt;  suspendirte  und  gelöste 
Stoffe  werden  theils  zurückgehalten,  theils  oxydurt  und  mineralisirt; 
ausserdem  bewirkt  die  Kohlensäure  des  Wassers  eine  partielle  Lösung 
von  Bodenbestandtheilen,  Calciumcarbonat,  Magnesiumcarbonat,  Kiesel- 
säure u.  a.  m.,  gehen  in  das  Wasser  über;  endlich  wird  die  Temperatur 
des  Wassers  auf  eine  gleichmässige,  eventuell  für  den  Genuss  ange- 
nehme Höhe  gebracht 

Besonders  starken  Verunreinigungen  ist  das  Grundwasser  im 
städtischen  Boden  ausgesetzt  Das  Material  dieser  Verunreinigungen 
bilden  Harn  und  Fäces  von  Menschen  und  Thieren,  pflanzliche  und 
thierische  Abfalle  aus  Küche  und  Haus.  Von  chemischen  Körpern  sind 
in  den  Abfallstoffen  vorzugsweise  enthalten:  Harnstoff,  Hippursäure, 
Kochsalz,  Natriumphosphat,  Kaliumsulfat,  Kalk-  und  Magnesia  Verbin- 
dungen ;  ferner  die  verschiedensten  Produkte  der  Faulniss  von  Eiweiss- 
körpem  (Amide,  Fettsäuren,  Indol,  Skatol,  Ptomaine),  und  der  Zersetzung 
von  Fetten  (Fettsäuren)  und  Kohlenhydraten  (Huminsubstanzen).  Da- 
neben enthalten  die  Abfallstoffe  unzählige  saprophytische  und  gelegent- 
lich auch  pathogene  Mikroorganismen. 

Diese  Stoffe  gelangen  auf  zwei  sehr  wohl  auseinander  zu  haltenden 
Wegen  in  das  Wasser  (s.Fig.  64).  Erstens  sickern  sie  langsam  von  der 
Bodenoberfläche  oder  von  dem  die  Gruben  und  Canäle  umgebenden  Erd- 
reich durch  Schichten  gewachsenen  Bodens  in  das  Grundwasser,  und 
sind    dann   dem'  veredelnden  Einfluss  des  Bodens  in  vollem  Maasse 


Allgemeine  Beschaffenlieit  der  natürlichen  WBsser.  199 

Dabei  werden  vor  allem  die  soapendirten  Bestsndtheile  nnd 
die  Mikroorganismen  vollständig  abfiltrirt.  Sodann  werden 
HarnatofF,  Hippnrsäure,  sowie  di«  stdckstoSlialtigen  Fänlnissprodokte  fQr 
gewöhnlicli  ganz  in  Nitrate  überführt  Die  FhOBphorsäore  bleibt 
gänzlich  im  Boden  zurück,  die  Chloride  dagegen  erscheinen  roUständig 
im  Wasser,  die  Sulfat«  ivaa  grossen  TbeiL  —  In  einem  stark  ver- 
nnreinigten  Boden  enthält  das  Orandwasser  grosse  Mengen  Nitrate, 
^el  Chloride  «.  s.  w.;  aber  die  Filtration  der  Mikroorganismen  kommt 
aacb  in  solchem  Boden  Tollkommen  m  Stande.  —  Unter  mancherlei 


Flf.  U.    Die  Tsnchled«nsn  Wegr  tUr  dia  VoruiiraiDlguag  da  tirundwu»»,  ulienutiiicb. 

Verhältnissen,  z.  B.  wenn  nicht  genügend  Sauerstoff  vorbanden  ist^ 
finden  sich  wenig  Nitrate,  kleine  Mengen  von  Nitriten,  von  Ammo- 
niak and  grössere  Mengen  von  noch  nicht  mineralisirten  organischen 
Stoffen  im  Wasser.  —  Ist  endlich  der  Boden  übersättigt,  so  er- 
scheinen die  organischen  Stoffe,  daneben  Nitrate,  Chloride  u.  s.  w.,  stark 
vermehrt;  aber  anch  dann  kann  die  Zarückhaltong  der  Mikrooi^anismen 
gerade  so  gut  erfolgen,  wie  im  reinen  Boden. 

Zweitens  können.  Venmreinignngen  ins  Grundwasser  gelangen, 
welche  dem  Bodeneinfluss  nicht  ausgesetzt  waren.  Sie  kommen 
von  der  Bodenoberfiäohe  durch  Undichtigkeiten  der  Brunnendeckung 
direct  ins  Wasser,  oder  von  Gruben  und  Canälen  aus  durch  infällig 


200 


Das  WasBer. 


vorhandene  gröbere  Communikationen  mit  dem  Brunnenschacht  Dann 
werden  die  Mikroorganismen  nicht  abfiltrirt  und  eine  Mineralisirung 
der  organischen  Stoffe  findet  nicht  statt  Diese  Yeronreinigongen 
föhren  daher  dem  Wasser  die  verschiedensten  Mikroorganismen, 
daneben  organische  Stoffe  und  auch  wohl  Ammoniak,  oft  in  einer  im 
Yerhältniss  zu  den  anorganischen  Bestandtheilen  sehr  grossen  Menge, 
zu.  Vom  hygienischen  Standpunkt  aus  erscheinen  derartige  Zuflüsse 
weit  bedenklicher,  als  die  durch  den  Boden  passirten  Verunreinigungen. 
Die  chemische  Zusammensetzung  des  Grundwassers  ist  naturgemäss 
eine  sehr  wechselnde.    Man  beobachtet  folgende  Mengen  gelöster  Stoffe : 


MUligramme  in  1  Liter: 


Minimum 


Maximum 

in  reinem 

Wasser 


Maximum 

in  abnormem 

Wasser 


100 
0 
0 
0 
0 


500 
40 
2 
Spuren 
Spuren 


5000 

1300 

65 

180 

200 


1 

15 

1    1800 

4 

30 

900 

25 

120 

900 

0 

50 

500 

2 

100 

1000 

Summe  der  gelösten  Bestandtheile  .    . 

Organische  Stoffe 

Dieselben  verbrauchen  Sauerstoff 

Ammoniak 

Salpetrige  Sfture  (haupts.  Kaliumnitrit) 
Salpetersäure  (Calcium-,   Kaliumnitrat 

U*    D*      "'•/     ••••••••••• 

Chlor  (hauptsächlich  Kochsalz)    .    .     . 

Kalk 

Magnesia 

Schwefelsäure   (haupts.    Calciumsulfat) 

Femer  Kalium,  Natrium,  Kieselsäure, 

Kohlensäure,  Elisen  als  Ferrosalz. 


Daneben  vielerlei  suspendirte  Bestandteile,  z.  B.  Thon,  Eisen- 
oxyhydrat;  ferner  niedere  Thiere,  Algen,  Bakterien. 

Quellwasser  nennt  man  ein  Grundwasser,  welches  freiwillig  zu 
Tage  tritt  Das  geschieht  z.  B.  dann,  wenn  die  geneigte,  undurchlässige 
Schicht  an  die  Oberfläche  tritt  Handelt  es  sich  dabei  um  Wasser, 
welches  sich  auf  der  obersten  Schicht  gesammelt  und  keine  starken 
Bodenschichten  durchflössen  hat,  so  kann  es  ganz  gleiche  Zusammen- 
setzung zeigen,  wie  kunstlich  gehobenes  Grundwasser.  Meist  aller- 
dings stammen  die  Quellen  aus  tiefer  gelegenen  Schichten  und  sind 
relativ  rein  von  organischen  Stoffen  oder  deren  Zersetzungsprodukten, 
Directe  der  Bodenwirkung  nicht  unterworfene  Zuflüsse  können  gewöhn- 
lich bei  der  Fassung  der  Quellen  leichter  fem  gehalten  werden,  als 
bei  Grundwasserbrunnen.  Im  Uebrigen  richtet  sich  die  Zusammen- 
setzung ganz  nach  der  Bodenformation. 


Allgemeine  Bcschafienheit  der  natürlichen  Wflsser.  201 

Zaweilen  finden  sich  in  grösserer  Tiefe  Wassermassen  zvrisohen 
zwei  undurchlässige  Schichten  eingeschlossen,  welche  sich  mit  starkem 
Gefalle  senken.  Werden  solche  Schichten  in  ihrem  unteren  Theile  an- 
gebohrt, so  strömt  das  Wasser  unter  hohem  Drucke  aus  (Artesische 
Brunnen).  Auch  deren  Wasser  ist  sehr  verschieden  zusanunengesetzt, 
oft  nicht  so  rein,  als  man  gewöhnUch  annimmt 

Bäche  und  Flüsse  erhalten  durch  die  Meteorwässer  zahlreichste 
Verunreinigungen  von  der  Bodenoberfläche  zugeführt:  häufig  nehmen 
sie  die  Canal-  oder  Spüljauche  von  ganzen  Ortschaften  auf,  ferner  den 
Ablauf  von  gedüngten  Aeckem,  die  Abwässer  der  SchiflFe,  sowie  übel- 
riechende oder  giftige  Abgänge  der  Industrie.  So  enthalten  z.  B.  die 
Abwässer  der  Textilindustrie  Leim,  Blut»  Seife,  Farbstoffe;  Zuckerfabriken, 
Gerbereien  liefern  grosse  Mengen  faulender  und  fäulnissfähiger  Sub- 
stanzen; Schlachthäuser  gleichfalls  Massen  leicht  zersetzlichen  Materials; 
Gasfabriken  Ammoniakverbindungen  und  theerige  Produkte. 

Viele  Bestandtheile  dieser  Abwässer  sind  nicht  gelöst,  sondern 
suspendirt  und  unt^r  diesen  finden  sich  zahlreichste  Mikroorganismen. 
Allmählich  tritt  allerdings  im  Verlauf  des  Flusses,  wenn  keine  neuen 
Verunreinigungen  hinzukommen,  eine  gewisse  Selbstreinigung  ein. 
Die  suspendirten  Bestandtheile  setzen  sich  ab  und  reissen  auch  viel 
Mikroorganismen  zu  Boden;  die  Kohlensäure  der  Bicarbonate  des 
Calciums  und  Magnesiums  entweicht  und  es  entstehen  unlösliche  Erd- 
Terbindungen,  welche  gleichfalls  niederschlagend  wirken.  Ausserdem  tritt 
ein  allmähliches  Verzehren  der  organischen  Stoffe  durch  Mikroorganis- 
men, Algen  und  Bakterien,  ein;  endlich  werden  durch  die  Belichtung  viele 
Bakterien  abgetödtet.  Im  grossen  Ganzen  ist  das  Flusswasser  jedoch 
80  bedeutenden  Verunreinigungen  und  so  grossen  Schwankungen  der 
Beschaffenheit  unterworfen,  dass  es  ohne  besondere  Vorbereitung 
nicht  zu  häuslichen  Zwecken  yerwendbar  ist  Manche  Krankheits- 
erreger scheinen  hauptsächlich  an  Anhängseln  der  Flussufer  wuchern 
zu  können;  sie  werden  dann  von  jener  Selbstreinigung  nicht  mit  be- 
troffen, sondern  höchstens  theilweise  durch  den  Einfluss  des  Lichts  und 
conourrirende  Saprophyten  geschädigt 

Landseen  bieten  ein  günstigeres  Material  für  Wasserversorgung 
als  Flüsse.  Die  suspendirten  Bestandtheile  und  die  Mikroorganismen 
sind  meist  ausserordentlich  vollständig  abgesetzt  und  das  Wasser  ist 
diemisch  und  bakteriologisch  verhältnissmässig  rein.  Doch  kommen 
auch  hier  grosse  Schwankungen  vor  und  es  ist  eine  Beurtheilung  von 
Fall  zu  Fall  erforderlich.  In  neuerer  Zeit  kommt  von  oberflächlichen 
Wasseransammlungen  noch  das  Wasser  der  Thalsperren  in  Betracht, 


202  E^  Wasser. 

die  das  Niederschlagswasser  ans  grösseren  Gebieten  in  kolossalen  Beser- 
Yoiren  anfeammeln.  Sie  föhren,  wenn  das  Niederschlagsgebiet  ans  un- 
bewohntem waldigem  Terrain  besteht,  ein  relativ  reines  Wasser. 


B.  Die  hygienischen  Anfordernngen  an  Trink-  nnd 

Branchwasser. 

Das  Wasser,  das  den  Menschen  zum  Gennss  nnd  Wirthschafts- 
betrieb  geboten  wird,  soll  1)  wohlschmeckend  nnd  von  appetit- 
licher Beschaffenheit  sein,  so  dass  es  gern  genossen  wird;  2)  soll  es 
nicht  zu  hart  sein;  3)  soll  es  nicht  zur  Krankheitsursache 
werden  können;  4)  soll  die  Menge  zureichend  sein. 

Zuweilen  macht  man  in  Bezug  auf  die  zu  stellenden  Anforderungen  scharfe 
Unterschiede  zwischen  Trink-  und  Brauchwasser.  Vom  hygienischen 
Standpunkt  aus  ist  (ine  solche  Untersuchung  meist  nicht  gerechtfertigt.  Das 
Wasser,  mit  welchem  die  roh  genossenen  Nahrungsmittel  gewaschen,  die  Wäsche 
gereinigt,  die  Ess-  und  Trinkgeschirre  gespült  werden,  muss  ebensowohl  frei 
von  Krankheitskeimen  sein,  wie  das  zum  Trinken  bestimmte. 

Nur  hinsichtlich  des  Wohlgeschmacks  und  der  appetitlichen  Beschaffen- 
heit und  besonders  hinsichtlich  der  Temperatur  sind  nicht  so  strenge  Anforde- 
rungen an  ein  Brauchwasser  zu  stellen.  Wenn  daher  ein  reichlich  und  leicht 
zu  beschaffendes  Wasser  z.  B.  nur  oder  vorzugsweise  wegen  seiner  hohen  Tem> 
peratur  zum  Genuss  ungeeignet  erscheint  (Flusswasserleitung  mit  guter  Filtration, 
zu  warmes  Quellwasser),  so  kann  sehr  wohl  die  Frage  aufgeworfen  werden, 
ob  nicht  dies  Wasser  zu  Gebrauchszwecken  beizubehalten  und  durch  eine 
andere,  lediglich  für  Trinkwasser  bestimmte  Anlage  zu  ergänzen  sei. 

1)  Für  den  Wohlgeschmack  und  die  Appetitlichkeit  eines  Wassers 
ist  erforderlich: 

Geruchlosigkeit,  insbesondere  das  Fehlen  jedes  Faulnissgeruches. 
Fluss-  oder  Seewässer,  die  durch  Aufnahme  von  Fabrikabwässern  auch 
nur  zeitweise  Geruch  nach  Petroleum,  Carbol  und  dergl.  zeigen  können, 
sind  von  der  Benutzung  auszuschliessen.  Grundwässer  aus  Boden- 
schichten, die  reichlich  Huminsubstanzen,  Braunkohle  und  dergL  ent- 
halten, weisen  neben  einem  Gehalt  an  gelösten  Eisenverbindungen  häufig 
Geruch  nach  flüchtigen  Schwefelverbiudungen  auf.  Lasst  sich  dieser 
Geruch  nicht  vollständig  beseitigen,  so  sind  auch  solche  Wässer  nicht 
benutzbar.  Ferner  ist  die  Abwesenheit  jeden  Beigeschmacks  er- 
forderlich; z.  B.  nach  fouligen,  modrigen  Substanzen,  oder  auch  nach 
gelöstem  Eisen.  Dagegen  soll  ein  erfrischender  Geschmack  vor* 
banden  sein,  der  in  erster  Linie  von  der  Temperatur  des  Wassers  be- 
einflusst  wird,  ausserdem  vom  CO,-  und  0- Gehalt;  auch  ein  gewisser 


r 


Die  hygienischen  Anforderungen  an  Trink-  und  Brauchwasser.       203 

Oehalt  an  Kalksalzen  wirkt  günstig,  zu  kalkarme  Wässer  schmecken 
leicht  fade.  Die  Temperatur  soll  sich  wo  möglich  das  ganze  Jahr 
zwischen  7  und  11^  bewegen;  höher  temperirtes  Wasser  bietet  keine 
Erfrischung,  kälteres  wird  vom  Magen  schlecht  vertragen.  Die  gleich- 
mäsdge  und  bekömmliche  Temperatur  ist  bei  Wasser  aus  Orundwasser- 
brunnen  nur  vorhanden,  wenn  sie  mindestens  3  m  unter  der  Boden- 
oberfläche liegen.  Flusswasser  zeigt  —  abgesehen  von  hoher  Gebirgslage 
—  im  Winter  0^,  im  Hochsommer  +25^.  Dadurch  fehlt  dem  Wasser 
gerade  im  Sommer,  wo  am  meisten  Wasser  konsumirt  wird,  die  er- 
forderliche Frische,  und  dieses  Verhalten  allein  ist  ausreichend,  um 
das  Flusswasser  ungeeignet  für  die  Benutzung  als  Trinkwasser  er- 
scheinen zu  lassen. 

Farblosigkeit  und  Klarheit  Färbung  oder  Trübung,  stamme 
sie  woher  sie  wolle,  macht  ein  Wasser  unappetitlich  und  ungeeignet 
zum  Genuss.  Gelbe  Farbe  tritt  bei  Grundwasser  aus  moorigem  Boden 
und  häufig  bei  Flusswasser  auf.  Trübung  kann  bei  Flusswasser  bewirkt 
werden  durch  Lehm-  und  Thontheile.  Am  häufigsten  kommt  eine 
Trübung  durch  Ferrihydrat  in  Betracht  Das  Eisen  pflegt  in  Form 
von  Eisenoxydulverbindungen  (hauptsächlich  Ferrobicarbonat)  in's  Wasser 
überzutreten,  die  aus  Eisenoxyd  Verbindungen  des  Bodens  unter  dem 
Einfluss  reducirender  organischer  Substanzen  (Braunkohle,  vermoderndes 
Holz,  Moor,  Humus  u.  s.  w.)  entstanden  sind.  Die  Ferrosalze  trüben 
zunächst  das  Wasser  nicht  Steht  dasselbe  aber  einige  Zeit  an  der 
Luft^  oder  wird  es  erhitzt,  so  entweicht  die  Cö^  des  Bicarbonats  und  es 
erfolgt  Oxydation,  so  dass  sich  braune  Flocken  von  Eisenoxydhydrat 
abscheiden,  die  dem  Wasser  ein  unappetitliches  Aussehen  verleihen  und 
dasselbe  f&r  Wäsche,  für  die  Bereitung  von  Thee,  Kaffee  u.  s.  w. 
völlig  unbrauchbar  machen.  In  eisenhaltigem  Wasser  kommt  es  ausser- 
dem besonders  leicht  zur  Entwickelung  von  Crenothrix  (s.  S.  80),  deren 
weissliche  oder  durch  Einlagerung  von  Eisen  braun  geiürbte  Pilzrasen 
die  Trübung  und  Unappetitlichkeit  des  Wassers  noch  vermehren. 

Fehlen  grob  sichtbarer  Verunreinigungen.  Eine  Wasser- 
entnahmestelle in  verschmutzter  Umgebung  und  mit  offenbarer  Be- 
rührung mit  AbfalMoffen  des  menschlichen  Haushalts,  ebenso  eine 
Vernachlässigung  der  Brunnenanlage  selbst  macht  das  Wasser  unappe- 
titlich und  für  empfindlichere  Menschen  zum  Genuss  ungeeignet  Da- 
her ist  Flusswasser  zu  verwerfen,  das  die  Entleerungen  von  Schiffern 
und  Dampferpassagieren,  die  Abflüsse  von  Aborten,  Düngstatten  u.  s.  w. 
aufnimmt;  femer  Wasser  aus  Brunnen,  in  deren  Umgebung  die  Boden- 
oberfläohe  stark  verunreinigt  ist  und  in  deren  Nähe  Abortgruben, 
Düngerhaufen,  Rinnsteine  sich  befinden.    Auch  Defekte  am  Brunnen, 


204  I>aB  Wasser. 

undichte  DecknngeD,  Yermodem  der  Holztheile  können  UnappetiÜioh- 
keit  des  Wassers  bedingen  und  sind  zu  beanstanden. 

2)  Die  Härte  eines  Wassers  ist  bedingt  durch  Kalk-  und  Mag- 
nesiasalze, die  entweder  aus  Bodenbestandtheilen  gelöst  sind  (z.  B.  aus 
Gipslagem  als  CaSO^,  aus  CaCOj-lagem  unter  Mitwirkung  von  CO^  als 
Ca(HC03),)  oder  dem  Harn  und  Fäces  entstammen.  Calcium-  und  Mag- 
nesiumbicarbonat  machen  die  vorübergehende  Härte  aus,  d.  h.  die 
Härte,  welche  nach  dem  Kochen  oder  längerem  Stehen  des  Wassers 
verschwindet,  weil  die  lösende  CO,  abdunstet  und  unlösliche  Mono- 
carbonate  als  Niederschlag  an  Wandungen  und  Boden  des  Qefasses 
(Kesselstein)  zurückbleiben.  Calcium-  und  Magnesiumsulfat,  -nitrat 
u.  s.  w.  dagegen  bedingen  die  bleibende  Härte,  die  auch  nach  dem 
Kochen  des  Wassers  unverändert  fortbesteht  —  Man  bemisst  die  Härte 
eines  Wassers  nach  (deutschen)  Härtegraden,  von  denen  ein  Grad  so 
viel  Kalk-  und  Magnesiaverbindungen  anzeigt,  dass  sie  in  Bezug  auf 
die  Zerlegung  einer  Seifenlösung  sich  verhalten  wie  eine  Lösung  von 
1  mg  CaO  in  100  cc  Wasser. 

Zu  weiches  Wasser  ist  nur  insofern  nicht  angenehm,  als  es  etwas 
faden  Geschmack  haben  kann.  Zu  hartes  Wasser  hat  mancherlei  Un- 
annehmlichkeiten: es  ist  zum  Kochen  mancher  Speisen  (Hülsenfrüchte, 
Thee,  Kaffee)  ungeeignet,  weil  sich  unlösliche  Verbindungen  zwischen 
den  Kalksalzen  und  Bestandtheilen  dieser  Nahrungsmittel  herstellen. 
—  Technisch  konmit  ausserdem  in  Frage,  dass  zum  Waschen  mit 
hartem  Wasser  eine  abnorm  grosse  Menge  von  Seifen  consumirt  werden 
muss,  weil  ein  grosser  Theil  der  Seife  durch  die  Kalksalze  zerlegt  wird ; 
femer  dass  hartes  Wasser,  namentlich  solches  mit  vielen  Blcarbonaten, 
wegen  massenhafter  Kesselsteinbildung  zur  Speisung  der  Dampfkessel 
ungeeignet  ist 

Ein  sehr  hoher,  20^  überschreitender  Gehalt  an  Kalksalzen  (nament- 
lich Calciumsulfat  und  Magnesiasalzen)  scheint  bei  manchen  Menschen 
gastrische  Störungen  zu  bewirken  oder  setzt  wenigstens  eine  allmähliche 
Gewöhnung  voraus. 

8)  Wasser  als  Krankheitsursache.  Mehrfach  sind  durch  Wasser- 
genuss  Vergiftungen  hervorgerufen,  und  zwar  durch  einen  Gehalt 
an  Arsen-  oder  Bleiverbindungen.  Arsen  gelangte  früher  namentlich 
durch  Abwässer  der  Anilinfobriken  in  großen  Mengen  ins  Grundwasser. 
Femer  ist  in  den  AbfiaUstoffen  der  Gerbereien,  welche  Arsen  Verbin- 
dungen zur  Enthaarung  benutzen,  reichlich  Arsen  enthalten  und  dieses 
kann  bei  geeigneten  Bodenverhältnissen  von  den  Lagerstätten  aus 
nachhaltig  und  weit  in  das  Grundwasser  vordringen.  —  Ein  bedenk- 


Die  hygienischen  Anforderungen  an  Trink-  und  Braachwasser.       205 

lieber  Bleigehalt  des  Wassers  kommt  häufiger  nur  vor  durch  Auf- 
nahme aus  den  Bleirohren  der  Wasserleitungen  (s.  unter  „Wasserver- 
sorgung^. 

Viel  bedeutungsvoller  ist  die  Rolle,  welche  das  Wasser  beim  Zu- 
standekommen parasitärer  Erkrankungen  spielt 

Oelegentlich  kommt  es  durch  Wasser  zur  Infektion  mit  thieri- 
schen  Parasiten.  Eier  von  Taenia  solium,  Ascaris  lumbricoldes, 
Qxyuris  vermicularis,  Distoma  haematobium  und  hepaticum,  Embryonen 
von  Botriocephalus  latus  können  mit  Wasser  aufgenommen  werden, 
allerdings  nur  bei  primitivem  Wasserbezug  aus  unfiltrirtem  Oberflachen- 
wasser. —  Bei  bestimmten  Kategorieen  von  Arbeitern  werden  häufiger 
die  Eier  von  Anchylostomum  duodenale  mit  Wasser  eingeführt 
Dieser  6 — 8  mm  lange  Wurm  bewohnt  beim  Menschen  den  oberen 
Theil  des  Dünndarms,  dringt  dort  in  die  Schleimhaut  ein  und  saugt 
fflch  mit  Blut  voll;  seine  massenhafte  Ansiedlung  ruft  pemiciöse  Anämie 
hervor.  Mit  den  Fäces  der  Kranken  werden  die  Eier  entleert;  ge- 
langen diese  in  feuchte  Erde  von  25—30^  Temperatur,  so  schlüpft 
nach  4 — 5  Tagen  der  Embryo  (die  Larve)  aus;  darauf  folgt  die  Mn- 
kapselung,  nach  welcher  die  Larve  in  Wasser  lange  lebensfähig  bleibt 
Der  Genuss  solchen  Wassers  führt  zur  Infektion.  —  Die  Gefahr  der 
Ansteckung  liegt  nur  vor  bei  primitivem  Wasserbezug  und  ausreichender 
Wärme  (26^  Bei  Tunnelarbeitem,  bei  Lehmarbeitem  im  Sommer, 
namentlich  aber  bei  Bergleuten,  die  in  tiefen,  warmen  Gruben  arbeiten, 
sind  diese  Bedingungen  häufig  vorbanden.  —  Durch  das  Nilwasser 
scheint  auch  die  ägyptische  Dysenterie  verbreitet  zu  werden,  die  auf 
bestimmte  Amöben  zurückzuführen  ist  (s.  S.  82). 

Infektionen  durch  pathogene  Bakterien,  die  mit  Wasser  ein- 
geführt sind,  kommen  häufig  zur  Beobachtung.  Die  meisten  explosions- 
artigen Massenausbrüche  von  Cholera  asiatica  sind  durch  Wasser 
und  die  in  diesem  enthaltenen  Cholerabacillen  verursacht  Die  Yer- 
iheilung  der  Erkrankungen  bei  der  Choleraepidemie  in  Hamburg  1892 
and  verschiedene  ähnliche  Beobachtungen  beseitigen  jeden  Zweifel  daran, 
dass  das  Wasser  oft  das  gemeinsame  Transportmittel  für  die  infektiösen 
Keime  ist  —  Ebenso  sind  zahlreiche  kleinere  Gruppenepidemieen  und 
Massenausbreitungen  von  Typhus  abdominalis,  die  durch  das  gleich- 
zeitige plötzliche  Auftreten  der  Erkrankungen  ausgezeichnet  waren,  auf 
Trinkwasserinfektion  zurückzuführen,  weil  das  Gebiet  des  gleichen 
Wasserbezugs  und  das  der  Typhusausbreitung  sich  genau  deckte  und 
andere  gemeinsame  Vehikel  ausgeschlossen  werden  konnten.  In 
mehreren  derartigen  Fällen  ist  es  auch  gelungen,  Typhusbacillen  in 
dem  verdächtigen  Wasser  aufzufinden.  —  Manche  andere   gastrische 


206  Daa  Wasser. 

Erkrankungen  sind  ebenfolls  mit  höchster  Wahrscheinlichkeit  aaf  Wasser- 
genuss  und  damit  eingeführte  Krankheitserreger  zu  beziehen;  z.  B. 
nach  Flussbädern  beobachtete  Fälle  von  sog.  WEiL'scher  Krankheit^ 
die  durch  den  Bac.  proteus  fluorescens  hervorgerufen  wird.  Auch  Be- 
ziehungen zwischen  der  Cholera  infantum  und  dem  Bakteriengehalt 
des  Trinkwassers  sind  in  Hamburg  und  Dresden  hervorgetreten. 

III.  In  ausreichender  Menge  ist  ein  Wasser  dann  vorhanden, 
wenn  pro  Tag  und  Kopf  etwa  150  Liter  zur  VwfQgung  stehen.  Das 
Minimum  des  Bedarfs  für  den  Genuss  und  die  Speisenbereitung  ist  auf 
Schiffen  zu  etwa  4  Liter  pro  Kopf  und  Tag  ermittelt.  Bei  frei  ge- 
stelltem Consum  beziffert  sich  der  Bedarf  incl.  des  zur  Reinigung  des 
Körpers,  des  Hauses  u.  s.  w.,  femer  des  von  den  industriellen  Anlagen 
verbrauchten  Wassers  auf  100 — 200  Liter,  verschieden  je  nach  den 
Lebensgewohnheiten  der  Bevölkerung  und  der  Ausdehnung  der  In- 
dustrie. Von  der  gesammten  Verbrauchsmenge  entfallen  etwa  */,  auf 
die  Tagesstunden  von  8  Uhr  früh  bis  6  Uhr  Abends;  der  stärkste 
Consum  trifft  die  Stunden  von  11—12  Uhr  Vormittags  und  3—4  Uhr 
Nachmittags. 

Dass  das  Wasser  in  reichlichsten  Mengen  zur  Disposition  gestellt 
wird,  ist  eine  vom  hygienischen  Standpunkt  aus  sehr  wichtige  Forderung. 
Nur  dann  kann  die  Wasserversorgung  zu  grösserer  Reinlichkeit  der 
Bevölkerung  und  damit  zur  Beseitigung  grosser  Mengen  von  Infektions- 
erregern Anlass  geben. 


C.  Die  üntereuchung  und  Beurtheilung  des  Trinkwassers. 

Keine  der  natürlichen  Bezugsquellen  des  Wassers  entspricht  unter 
allen  Umstanden  den  hygienischen  Anforderungen ;  in  jedem  Einzelfall 
hat  vielmehr  hierüber  eine  besondere  Untersuchung  zu  entscheiden. 
Diese  umfasst:  1.  die  sog.  „Vorprüfung**;  2.  die  chemische  Unter- 
suchung; 3.  die  mikroskopische  und  bakteriologische  Untersuchung; 
4.  die  Lokalinspektion. 

1.  Die  Vorprüfang  soll  vorzugsweise  über  Wohlgeschmack  und 
Appetitlichkeit  des  Wassers  entscheiden.  Ausser  einfacher  sinnlicher 
Prüfung  auf  Geruch,  Geschmack  und  Temperatur  kann  letztere 
durch  Thermometer  ermittelt  werden,  und  zwar  da,  wo  das  Wasser 
geschöpft  werden  muss,  mit  unempfindlich  gemachten  Thermometern 
(s.  S.  179)  oder  mit  sog.  Schöpfthermometern,  bei  welchen  die  Kugel 
in  einem  kleinen  mit  Wasser  sich  füllenden  Behalter  steckt 


Die  Untersacbung  und  Beurtheilong  des  Trinkwassers.  207 

Farbe  und  Klarheit  sind  nach  dem  Augenschein  an  Proben 
Ton  grösserer  Schichthöhe  zu  beurtheilen.  —  Am  wichtigsten  ist  die 
Ermittelung  von  gelöstem  Eisen,  das  anfanglich  das  Wasser  völlig 
klar  erscheinen  lässt  und  erst  nachträglich  Trübung  bewirkt.  Man 
muss  daher  die  Probe  beobachten,  nachdem  man  sie  längere  Zeit  in 
Berührung  mit  Luft  hat  stehen  lassen  oder  nachdem  man  dieselbe 
gekocht  hat 

2.  Die  chemische  Untersuchung. 

Dieselbe  hat  zunächst  die  Vorprüfung  des  Wassers  auf  Klarheit 
zu  ergänzen,  indem  man  einen  Gehalt  an  gelöstem  Eisen  nachzuweisen 
sucht  Falls  nicht  zu  kleine  Mengen  Ferrosalz  vorliegen,  erhält  man 
direct  beim  Einwerfen  eines  kleinen  Krystalls  Ferricyankalium  grün- 
blaue Färbung.  Kleinere  Quantitäten  sind  zu  ermitteln,  indem  eine 
Probe  des  Wassers  ^4  Stunde  gekocht,  der  Niederschlag  mit  HCl  gelöst 
und  dann  mit  Ferrocyankalium  geprüft  wird.  —  Quantitative  Bestim- 
mung des  Ferrosalzes  gelingt  unmittelbar  nach  der  Entnahme  durch 
Titriren  mit  Chamäleonlösung  in  der  Kälte. 

Femer  giebt  die  chemische  Untersuchung  über  die  Härte  eines 
Wassers  Auskunft  Die  Bestimmung  erfolgt  entweder  gewichtsanalytisch ; 
oder  durch  Titriren  mit  Seifenlösung:  Die  Seife  setzt  sich  mit  den 
kalk-  und  Magnesiasalzen  um  (es  entsteht  unlöslicher  fettsaurer  Kalk 
und  die  Säure  der  Kalksalze  verbindet  sich  mit  dem  Alkali  der  Seife), 
so  lange  noch  Kalk  und  Magnesia  vorhanden  sind ;  erst  nachher  bleibt 
bei  weiterem  Zusatz  Seife  als  solche  bestehen  und  dies  wird  kenntlich 
durch  die  starke  Schaumbildung  beim  Schütteln  (Nüheres  s.  im  Anhang). 

Von  Krankheitsursachen  vermag  die  chemische  Analyse  die 
Gegenwart  von  Blei  und  Arsen  zu  ermitteln.  Zum  Nachweis  von 
Blei  versetzt  man  die  Probe  mit  etwas  Essigsäure  und  Schwefelwasser- 
stoff; ein  Bleigehalt  verrath  sich  durch  braune  bis  braunschwarze 
Färbung.  —  Arsen  ist  durch  H^S  abzuscheiden,  dann  in  Oxydver- 
bindung überzuführen  und  im  MABSH'scheu  Apparat  zu  prüfen. 

Ausserdem  hat  man  aus  der  chemischen  Untersuchung  Schlüsse 
zu  ziehen  versucht  auf  die  Infektionsgefahr  und  die  Appetitlich- 
keit eines  Wassers.  In  dieser  Absicht  hat  man  namentlich:  a)  die 
„organischen  Stoffe^'  bestimmt  Da  die  Ermittelung  der  gesammten 
organischen  Stoffe  auf  Schwierigkeiten  stösst,  begnügt  man  sich,  nur 
einen  Bruchtheil  der  organischen  Stoffe  zu  bestimmen,  welcher  leicht 
oxydabel  ist,  und  zwar  denjenigen,  welcher  bei  einer  bestimmten  Be- 
handlung mit  Kaliumpermanganat-Lösung  den  Sauerstoff  der  letzteren 
absorbirt    und   dieselbe   dadurch   entfärbt     b)  Ammoniak,   das  fest 


208  Das  Wasser. 

stets  nur  in  Sparen  vorhanden  ist,  qaalitatiy  durch  das  NsssLEB^sche 
Reagens,  c)  Nitrite,  ebenfalls  stets  in  sehr  geringer  Menge  vertreten, 
durch  Zinkjodidstäoke  oder  Diamidobenzol  und  Schwefelsäure,  d)  Nitrate, 
qualitativ  durch  Brucinlösung  oder  durch  Diphenylamin ;  quantitativ 
durch  Titriren  mit  Indigolösung  oder  Ueberfähren  der  Salpetersaure 
in  Stickoxyd  und  Messen  des  letzteren  im  Eudiometer.  e)  Chloride 
durch  Titriren  mit  Silbemitratlösung  von  bekanntem  Oehalt  —  Ge- 
naueres über  alle  diese  Untersuchungsmethoden  s.  im  „Anhang'^ 

Die  Resultate  der  chemischen  Untersuchung  sind  indess  nicht 
geeignet,  um  Folgerungen  für  die  Gesundheitsgefahrlichkeit  eines 
Wassers  abzuleiten.  —  Zunächst  sei  betont,  dass  alle  untersuchten 
Substanzen  Nitrate,  Nitrite,  Chloride  u.  s.  w.  selbst  in  der  Menge,  die 
in  sehr  stark  verunreinigten  Wässern  vorkommt,  nicht  direct  die  Ge- 
sundheit zu  beeinflussen  vermögen.  Auch  den  organischen  Stoffen 
kann  eine  toxische  Wirkung  nicht  zukommen. 

Allerdings  werden  bei  der  Fäulniss  auch  giftige  Substanzen  pro- 
ducirt,  aber  immer  in  ausserordentlich  geringer  Menge  gegenüber  den 
anderen  Fäulnissprodukten.  Es  ist  von  vornherein  völlig  unwahr- 
scheinlich, dass  in  den  geringen  Quantitäten  organischer  Stoffe,  welche 
ein  Trink-  oder  Brauchwasser  enthält,  jemals  Gifte  in  ausreichender 
Menge  vorhanden  sind,  um  toxische  Symptome  zu  veranlassen.  Ausser- 
dem ist  aber  experimentell  auf  das  Bestimmteste  erwiesen ,  dass  selbst 
die  unreinsten  Wässer,  wenn  sie  bei  niederer  Temperatur  stark  con- 
centrirt  und  Thieren  injicirt  werden,  erst  dann  giftige  Wirkung  äussern, 
wenn  auch  der  eingeäscherte  Rückstand  in  der  gleichen  Dosis  wirkt. 
Irgend  welche  organische  Gifte  sind  daher  gänzlich  auszuschliessen. 

In  direct  könnte  aber  eine  Geßhrdung  der  Gesundheit  von  jenen 
Stoffen  insofern  angezeigt  werden,  als  sie  auf  die  Anwesenheit  von 
Infektionserregern  im  Wasser  oder  in  der  Umgebung  des  Wassers  hin- 
deuten. Speciell  für  die  Verhältnisse  des  Grundwassers  hat  man 
sich  in   dieser  Beziehung    früher  unrichtige  Vorstellungen   gemacht 

Man  glaubte,  dass  Zersetzungs-  und  Fäulnissprocesse  identisch 
seien  mit  Infektionsgefahr,  und  man  hielt  jedes  Wasser  für  infektions- 
verdächtig, welches  Spuren  von  Abfallstoffen  und  Fäulnissprocessen 
aufwies.  In  diesem  Sinne  sah  man  grössere  Mengen  organischer  Stoffe 
im  Wasser  als  bedenklich  an  und  glaubte,  namentlich  in  den  durch 
Chamäleon  rasch  oxydabeln  Stoffen  leicht  zersetzliche  und  besonders 
gefahrliche  Verbindungen  erblicken  zu  müssen.  Ammoniak  und  Nitrite 
sollten  als  Zeichen  dafür  angesehen  werden,  dass  nicht  die  normale 
Nitrifikation  der  organischen  Stoffe  im  Boden  stattfindet,  sondern  ab- 
norme Fäulniss-  und  Reduküonsprocesse.    Femer  sollte  die  Menge  der 


Die  Unteranchung  und  Beurtbeilong  des  Trinkwassera.  209 

Nitrate  der  Menge  der  in  den  umgebenden  Boden  eingetretenen  Ab&ll- 
stoffe  entsprechen;  ebenso  sollten  die  Chloride,  die  hauptsächlich  dem 
Kochsalz  des  Harns  entstammen  und  unverändert  den  Bod^  passiren, 
sich  gut  als  Indikator  der  Verunreinigung  mit  Abfallstoffen  eignen. 

In  den  letzten  Jahrzehnten  sind  wir  indess  zu  der  Erkenntniss 
gelangt,  dass  Fäulniss-  und  Zersetzungspfocesse  mit  Infektionsgefahr 
keineswegs  identisch  sind;  für  letztere  sind  nur  specifische  Mikro- 
organismen, nicht  saprophytische  Bakterien  von  Belang.  Ausserdem 
besteht  aber  kein  Parallelismus  zwischen  jenen  durch  die  chemische 
Analyse  im  Wasser  ermittelten  Stoffen  und  seinem  Gehalt  an  irgend- 
welchen saprophytischen  und  infektiösen  Mikroorganismen.  Denn  die 
Wege,  auf  denen  jene  Stoffe  und  andererseits  die  Organismen  ins 
Wasser  gelangen,  sind,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  ganz  verschieden 
und  völlig  unabhängig  von  einander.  Organische  Stoffe,  Nitrate, 
Ammoniak,  Nitrite,  Chloride  gehen  langsam  durch  den  gewachsenen 
Boden  in^  Grundwasser;  fui  die  Organismen  dagegen  ist  dieser  Weg 
verschlossen,  sie  gerathen  nur  durch  Undichtigkeiten  der  Entnahme- 
stelle ins  Wasser.  Ist  ein  Boden  noch  so  reichlich  mit  organischen 
Stoffen,  Nitraten  u.  s.  w.  durchsetzt,  und  treibt  man  durch  solchen 
Boden  ins  Grundwasser  ein  eisernes  Bohr,  das  man  von  den  von  der 
Oberfläche  verschleppten  Bakterien  durch  Desinfektion  befreit,  so  ge- 
winnt man  aus  diesem  Rohr  anhaltend  ein  keimfreies,  aber  chemisch 
sehr  stark  verunreinigtes  Wasser.  —  Gelegentlich  können  wohl 
Defekte  der  Entnahmestelle  und  grobe  Zutrittswege  für  Organismen 
mit  Bodenverunreinigung  zusammentreffen;  aber  meist  fehlt  jeder 
Parallelismus. 

Noch  eine  andere  Beziehung  ist  zwischen  den  chemisch  nachweis- 
baren Yemnreinigungen  eines  Trinkwassers  und  infektiösen  Organismen 
denkbar:  jene  könnten  dem  Wasser  erst  die  erforderlichen  Nährstoffe 
zufQhren,  ohne  welche  eine  Wucherung  der  Infektionserreger  nicht 
zu  Stande  konmit  Aber  auch  diese  Annahme  lässt  sich,  wie  unten 
erörtert  wird,  nicht  aufrecht  erhalten.  In  stärker  gebrauchtem  Trink- 
wasser kommt  es  anscheinend  überhaupt  zu  keiner  Wucherung  hinein- 
gelangter Ejrankheitserreger,  sondern  nur  zu  einer  Conservirung,  die 
für  zahlreichste  Infektionen  ausreicht 

Somit  ist  das  Besultat  der  chemischen  Untersuchung  belanglos 
für  die  Feststellung  der  Infektionsgefahr  eines  Wassers. 

Dagegen  lässt  sich  aus  der  chemischen  Analyse  häufig  ein  Anhalt 
gewinnen  für  die  Beurtheilung  der  Appetitlichkeit  der  Anlage. 
Sind  reichlich  organische  Stoffe,  viel  Chloride  und  Nitrate  vorhanden, 
90  entstammt  das  Wasser  einem  mit  Abfallstoffen  übersättigten  Boden, 

Flüoqb,  OrandriM.    V.  Aafl.  14 


210  I>M  WaeMr. 

und  das  Wasser  kann  bei  weiterer  Verscbmatznng  der  UmgebiiDg  in 
grobsinnlicher  Weise  unappetitlich  werden. 

Freilich  iat  auch  hier  Vonicht  im  Urtheil  angezeigt:  bei  gleicher  Boden- 
Ternnreinignng  leigt  du)  Orandwasser  sehr  verschiedeii  Htarke  Veninreinignug 
je  nach  der  Dnrchläasi^eit  des  Bodens,  nach  der  Benntanng  dea  Bninnens, 
nach  dem  Zutritt  von  Ploeswaaber  n.  8.  W.  Nor  wenn  gleichzeitig  an  mehcerei) 
Stellen  die  chemische  Beschaffenheit  des  Grundwassers  feJitgestellt  wird,  fDr 
daa  fragliche  Wasaer  aber  erheblich  hdhere  Zahlen  gefunden  werden,  iat  der 
ScbloBS  auf  eine  aboonne  Verschmutzung  der  Anlage  berechtigt  —  Selbst- 
vent&Ddlich  eind  auch  Wäaser  Tenobicdener  Herkunft,  FInes-,  Quell-  und 
ßTnndwSeser,  in  dieser  BeiiehiiDg  nicht  mit  einander  vergleichbar.  —  Sind  nur 
eincelne  Substanien  in  grSsserer  Menge  vorhanden,  t.  B.  organioche  Stofie  and 
Ammoniak,  bo  können  diese  auch  alten  Huminlagem  entstammen  nnd  mit  Ab- 
faUatoffbn  nichts  lu  thnn  haben. 

3.  Die  mikroikopUohe  und  bakterioIogiBoha  Untersnohnn^. 
Im  mikroskopischen  Präparat,  das  man  aas  dem  Absatz  des 
12 — 14  Standen  gestandenen  Wassere  anfertigt,  findet  man  neben 
mineralischen  Bestandtheüen   zunächst    mancherlei    pfianzlichen    oder 


Flf.es.  H«l 

SOÖ:!.     e  DMxIb«,  ipIMr«  B 

Botrionphalui  libu.    fiOO:  1.     , .. .^ ..  _  . 

"^   -       -  -9  TOD  TrldiMMphiliii  dlipar.    H»:i. 

thierischen  Detritos.  Beste  von  mehr  oder  weniger  verdaateo  Fleisoh- 
fasern  sind  bedenklich,  weil  sie  auf  Vernnreinigong  des  Wassers  mit 
Fäkalien  deuten.  Erheblich  bedeutungsroller  ist  der  Nachweis  thie- 
rischer  Parasiten  in  Form  von  Eiern  von  Anchylostomam  duodenale, 
Distoma,  Taenia  solinm,  Asctois  lumbricoldes,  Oxynris  Termicnlaris  o.  s.  w. 
(Fig.  65> 

In  grooser  Menge  nnd  Mannigfaltigkeit  finden  rieh  laprophTtiscIke  Rhiso- 
podeu,  SporoioBn  und  Infusorien  im  Wasser.  Einige  der  am  häufigsten 
vorkommenden  sind  tuFigg. 66)1.67  znsammeDgeatellt  ZurUnterauehnng  lässt  man 
daa  Wasser  in  sterilen  Geßssen  6  Tage  stehen  und  fertigt  dann  von  der  Ober- 
flfiche  G  Präparate  an.  Es  iat  wahrscheinlich,  dasa  gelegentlich  anch  krank- 
heitaerregende  Protozoen  dnrch  Wasser  verbreitet  werden,  z.  B.  die  Amflben 
der  egyptischen  Dysenterie  (s.  S.  82).  Indess  ist  die  Keuntniu  dieser  nio- 
dersten  Thiere  nicht  so  weit  vorgeschritten,  daas  man  durch  daa  Mikroskop 
die  wenigen  infektiösen  Arten  nnter  den  sehr  viel  zahlreicheren  nnschfidlichen 
heraoafinden  kSnute. 

Ferner  kommen  b&afig  Algen,  Diatomeen  nnd  die  S.  80  beachriebenea 


Die  Untemchnug  und  BenrthaQang  des  Trinkvasaera.  21 1 

Wuserpilze  im  Wasser  verschiedenster  Herkunft  vor.  Sie  sind  an  ond  tut  sieb 
nnschädlich,  können  aber  durcfa  massenhafte  Entwickelang  das  Wasser  trüben 
und  Eum  GeniiBB  ungeeignet  machen.  —  Ueber  die  in  Induatricabwtlsaern  wuchern- 
den Organismen  s.  im  IX.  Kap. 

Ob  manchen  jener  kleinsten  Thiere  und  Pflanzen  eine  symptomatische 
Bedeutung  fBr  die  Benrtheilung  eiaes  Wassers  znkommt,  ist  noch  zweifelhaft. 


mK 


»1.66.  iDtniarloi 
290: L     il  Vortl 

Die  Aperen  Beobachtnngen  sind  meist  ohne  die  nothigen  Cftuteleo  gegen 
DBcbtrSgliches  Eindringen  von  Keimen  (nicht  alerilisirte  OefSase  n.  s.  w.)  ge- 
macht; ebenso  sind  Herkunft,  Wuchcrongsbedingungen  u,  s.  w.  nicht  geoSgend 
berücksichtigt.     Untersuchungen,  bei  welchen  auf  alle  diese  Homeote  Bück- 


Flc.«T 


a  ActlDOpbrU.     A  Trlduiinoi»i 


CDlpodlum  eolpada. 


■icht  geDommen  ist,  haben  bisher  keinerlei  symptomatische  Bedeutung  der 
Prolosoeu  des  Wassers  erkennen  lassen. 

Zur  bakteriologischen  UnterBnchung  des  Wassers  ist  stets  das 
CultniTerfahren  anzawendeii. 

Man  bedient  sich  fUr  gewöhnlich  der  oben  8.  41  beschriebenen  Qelatine- 
plattencnltur.  —  Besondere  Voraioht  ist  bei  der  Probenahme  des  Wassers  zu 


212'  I^aa  Wasser. 

beachten,  damit  fremde  Bakterien  vollkommen  ausgeschlossen  bleiben.  Das 
Wasser  ist  entweder  in  sterilisirte  und  mit  Wattepfropf  verschlossene  Beagens- 
gläser  einzufüllen,  die  sofort  nach  der  Füllung  wieder  mit  dem  Wattepfropf 
zu  schliessen  sind.  Wenn  längerer  Transport  erforderlich  ist,  benutzt  man 
sterilisirte  Glaastopfenflaschen  oder  Flaschen  mit  Patent  Gnmmiverschluss.  — 
DieProbe  muss  stets  sofort,  innerhalb  SStunden  untersuchtwerden, 
da  viele  Bakterien  sich  in  dem  Wasser  nachträglich  massenhaft  vermehren. 
Eine  nach  24  Stunden  oder  später  angestellte  Untersuchung  giebt  völlig  un- 
brauchbare Resultate. 

Es  werden  4  Platten  in  PETRi*schen  Schälchen  angelegt  und  zwar  eine 
°^^  ^/loo)  d^c  zweite  mit  Vio»  <^o  dritte  nut  1,  die  vierte  mit  10  Tropfen  des 
Wassers  (20  Tropfen  =  1  ccm);  zum  Abmessen  von  Vioo  ^^^  Vio  Tropfen  ver- 
dünnt man  1  ccm  des  Wassers  mit  100  bezw.  10  ccm  sterilisirten  Wassers, 
mischt  und  entnimmt  der  Mischung  1  Tropfen.  Nach  dem  Auswachsen  der 
Oolonieen  werden  dieselben  mittelst  eines  Zählapparates  gezählt;  die  einzelnen 
Golonieen  werden  mit  dem  Mikroskop  durchmustert  und  verdächtige  in  Gelatine- 
röhrchen  behufs  weiterer  Untersuchung  übertragen.  —  Die  Untersuchung  auf 
Typhus-  und  Cholerabacillcn  hat  durch  besondere  Methoden  zu  erfolgen;  siehe 
im  Anhang. 

Die  bakteriologische  Untersachang  ist  vor  allem  dadurch  be- 
deutungsvoll, dass  es  mittelst  derselben  unter  Umständen  gelingt^ 
Infektionserreger,  wie  Typhus-  und  Cholerabadllen,  direkt  nach- 
zuweisen. Cholerabacillen  sind  im  Wasser  eines  indischen  Tanks,  in 
Hafenwasser,  in  Leitungs-  und  Brunnenwasser  wiederholt  angefunden; 
ebenso  ist  in  vereinzelten  Fällen  der  Nachweis  von  Typhusbacillen  im 
Leitungswasser  geglückt  In  weitaus  der  Mehrzahl  solcher  Unter- 
suchungen ist  freilich  das  Resultat  negativ  auch  dann,  wenn  das 
Wasser  zweifellos  bei  der  Ausbreitung  der  Krankheit  ursächlich  be- 
theiligt ist;  theils  deshalb,  weil  die  Untersuchung  des  Wassers  so  spät 
vorgenommen  wird,  dass  die  hineingelangten  Bakterien  mechanisch 
entfernt  oder  abgestorben  zu  sein  pflegen;  theils  weil  die  Erkennung 
der  immer  in  starker  Minderzahl  vorhandenen  pathogenen  Bakterien 
unter  den  saprophytischen  auf  grosse  Schwierigkeiten  stösst 

Unter  diesen  Umständen  hat  man  versucht,  die  bakteriologische 
Untersuchung  noch  in  anderer  Weise  zum  Nachweis  der  Infektions- 
gefahr auszunutzen,  indem  man  die  Zahl  der  gesammten  im  Wasser 
enthaltenen  Keime  und  die  unter  diesen  vorhandenen  Arten  als 
Symptome  der  Infektionsgefahr  aufge&sst  hat  Dies  wird  weit 
eher  zulässig  sein,  als  die  Annahme  symptomatischer  Beziehungen 
zwischen  den  gelösten  chemisch  nachweisbaren  Stoffen  und  Infektions- 
gefahr, weil  auch  die  nicht  pathogenen  Bakterien  doch  wenigstens  auf 
denselben  Wegen  in's  Wasser  gelangen,  wie  die  pathogenen,  während 
für  die  chemisch  nachweisbaren  Verunreinigungen  eine  ganz  andere 
Art  des  Zutritts  in  Betracht  kommt 


Die  Untersuchung  und  Beurtheilung  des  Trinkwassers.  213 

Diese  symptomatische  Yerwerthimg  setzt  indessen  eine  genauere 
Kenntniss  darüber  voraus,  von  welchen  Einflüssen  die  Zahl  und  das 
Auftreten  verschiedener  Arten  der  in  einem  Wasser  vertretenen  Bak- 
terien abhängt;  vielleicht  wird  dnroh  solche  Einflüsse  eine  symptoma- 
tische Beziehung  zwischen  saprophytischen  and  pathogenen  Keimen 
nnmöglich  gemacht. 

Vor  allem  kommen  die  Herkunft  und  die  Zutrittswege  der 
Bakterien  in  Betracht.  Es  bestehen  hier  vorzugsweise  zwei  Wege: 
a)  Einwanderung  vom  Boden  aus,  in  erster  Linie  von  der  Boden- 
oberfläche. Von  dieser  aus  werden  die  Bakterien  durch  Niederschläge, 
Schneeschmelze  u.  s.  w.  den  Bächen,  Flüssen  und  offenen  Leitungen 
zugeführt  Sehr  oft  gelangen  sie  aber  auch  in  Grundwasserbrunnen, 
indem  sich  unter  der  Deckung  des  Brunnens,  durch  Spalten  zwischen 
der  undichten  Wandung  und  dem  angrenzenden  Erdreich,  durch  Spalten, 
die  vom  Schlammfang  durch  die  Mauerung  des  Brunnens  hindurch- 
führen, gröbere  Wege  und  mittelst  dieser  Zuflüsse  zum  Brunnenschacht 
herstellen  (s.  Fig.  68).  —  In  tieferen  Bodenschichten  finden  sich  solche 
CJonununicationen  viel  seltener;  sie  können  gelegentlich  durch  tief- 
reichende Klüfte  in  felsigem  Boden,  oder  durch  Spalten  in  trockenem 
Lehmboden,  oder  auch  durch  Batten-  und  Maulwurfegänge  hergestellt 
werden,  b)  Zweitens  kommen  solche  Keime  in  Betracht^  die  von  der 
Herrichtung  der  Wasserentnahmestelle  herrühren.  Beim  Bau 
eines  Brunnens,  und  wenn  dieser  auch  nur  im  Einti*eiben  eines  eisernen 
Rohres  besteht,  bei  der  Fassung  einer  Quelle,  bei  der  Anlage  und  bei 
Reparaturen  einer  Leitung  u.s.w.  werden  durch  Verschleppung  oberfläch- 
licher Bodentheilchen,  durch  das  verwendete  Material  und  durch  die 
Arbeiter  zahlreiche  Keime  eingebracht 

Das  weitere  Schicksal  der  so  in  das  Wasser  gelangten  Keime 
ist  dann  sehr  verschieden;  sie  können  sich  dort  entweder  vermehren; 
oder  conservirt  werden;  oder  absterben  bezw.  mechanisch  wieder 
entfernt  werden. 

Bezüglich  der  Yermehrungsfähigkeit  im  Wasser  verhalten  sich 
die  einzelnen  Bakterienarten  so,  dass  einige  im  Wasser  häufig  vor- 
kommende Arten  sich  ungemein  reichlich  vermehren,  wenn  auch  das 
Wasser  noch  so  rein  und  frei  von  organischen  Beimengungen  ist 
Dahin  gehören  sowohl  mehrere  die  Gelatine  festlassende,  wie  auch  einige 
verflüssigende  Arten,  die  gemeinsam  als  sog.  „Wasserbakterien'^ 
bezeichnet  werden.  —  Andere  Arten  und  speciell  die  meisten  patho- 
genen Bakterien  vermehren  sich  im  Wasser  nicht  oder  doch  nur  für 
kurze  Zeit  und  in  unerheblichem  Orade.  Der  Oehalt  eines  Wassers 
an  organischen  Substanzen  zeigt  zu  der  Zahl  der  entwickelten  Bakterien 


214  Das  Wasser. 

weniger  Beziehung  als  ein  gewisser  Salzgehalt  Erst  bei  relativ  grossen 
Mengen  von  organischen  Stoffen  scheinen  vorzugsweise  saprophjtische 
Arten  günstig  beeinflusst  zu  werden.  Anhaltende  Yermehrong  von 
pathogenen  Arten  erfolgt  hauptsachlich  an  schwimmenden  festen  Par- 
tikeln aus  pflanzlichem  und  thierischem  Detritus. 

Conservirung  der  Bakterien  wird  von  allen  Wässern,  die  den 
üblichen  Salzgehalt  aufweisen,  geleistet;  für  pathogene  Arten  mindestens 
für  Wochen,  für  viele  Saprophyten  erheblich  länger. 

Wiederentfernung  der  Bakterien  erfolgt  theils  durch  Absterben; 
theils  durch  Absetzen,  namentlich  in  ruhendem  Wasser;  bei  benutzten 
Leitungen  und  Brunnen  hauptsächlich  durch  die  häufige  Wasserentnahme. 
Pathogene,  nicht  fortgesetzt  wuchernde  Keime  werden  auf  diese  Weise 
gewöhnlich  nach  einigen  Wochen  wieder  entfernt  sein,  falls  nicht  conti- 
nuirliche  Zufuhr  zum  Wasser  stattfindet  Ein  Theil  der  Bakterien 
pflegt  aber  jeder  Art  von  Entfernung,  auch  der  mechanischen,  sehr 
energisch  zu  widerstehen.  Leitungsrohre,  Brunnenrohre  und  -Kessel 
zeigen  meist  eine  schleimige  Auskleidung  der  Wandungen,  die  haupt- 
sächlich aus  Bakterien  besteht  und  die  selbst  durch  stark  fliessendes 
Wasser  nicht  vollständig  beseitigt  wird. 

Selbstverständlich  kommen  in  ein  und  demselben  Wasser  zeit- 
liche Schwankungen  des  Bakteriengehaltes  vor.  Manche  Flusswässer  und 
Wasser  aus  Flachbrunnen  zeigen  im  Sommer  mehr  Bakterien  als  im  Winter ; 
plötzliche  starke  Regengüsse  bewirken  in  offenen  oder  undichten  Wasser- 
reservoiren erhebliche  Steigerungen  des  Bakteriengehaltes.  Femer  pflegt 
durch  längeres  Pumpen  die  Anzahl  der  Mikroorganismen  in  den 
Brunnenwässern  zu  sinken;  doch  bleibt  bei  manchen  Brunnen  dieser 
Effekt  aus,  wenn  das  Grundwasser  selbst  bakterienhaltig  ist  oder  wenn 
starke  verunreinigende  Zuflüsse  fortwährend  in  den  Brunnen  gelangen. 
Zuweilen  bewirkt  das  Pumpen  sogar  eine  Steigerung  der  Bakterienzahl 
durch  Aufrühren  des  abgelagerten  bakterienreichen  Schlammes. 

Aus  Vorstehendem  ergiebt  sich,  dass  aus  der  Zahl  der  Bakterien 
Fbigerungen  für  die  Infektionsgefahr  nur  mit  grosser  Einschränkung 
gezogen  werden  dürfen. 

Nur  wenn  keine  oder  sehr  wenige  (unter  20  in  1  com)  Keime 
in  einem  Wasser  gefunden  werden,  ist  ein  sicherer  Schluss  zu  ziehen, 
nämlich  der,  dass  keine  Infektionsgefohr  vorliegt  Ein  solches  Resultat 
ist  unbedingt  erforderlich  z.  B.  bei  der  Untersuchung  eines  far  centrale 
Wasserversorgung  bestimmten  Quell-  oder  Grundwassers. 

Werden  massige  Mengen  von  Bakterien  (20 — 200  in  1  ccm) 
in  einem  Wasser  nachgewiesen,  so  ist  Infektionsgefahr  nicht  sicher 
ausgeschlossen,  weil  z.  B.  die  groben  Wege,  auf  denen  die  Bakterien 


Die  Untersachimg  und  Beurtheilong  des  Trinkwassers.  215 

zatreten,  dnroh  vorübergehende  Trockenheit  yersiegt  und  die  vorher 
eingeführten  Bakterien  dnroh  lebhafte  Wasserentnahme  wieder  entfernt 
sein  können. 

Sind  zahlreiche  Bakterien  (200—5000  und  mehr)  vorhanden, 
80  können  diese  alle  von  der  Brunnenanlage  herrühren,  zum  grossen 
Theil  aus  vermehrungsföhigen  Wasserbakterien  bestehen  und  daher 
unverdächtig  sein;  oder  sie  können  z.  B.  aus  Dachtraufen  in  den 
Brunnen  gelangt  sein,  dessen  Lage  im  Übrigen  jeden  Infektionsverdacht 
ausschliesst;  oder  aber  sie  können  von  dem  Bestehen  grosser  Zufuhr- 
wege und  vom  Hineingelangen  suspekter  Zuflüsse  herrühren.  —  Eine 
Entscheidung  über  die  Bedeutung  der  gefundenen  Zahl  von  Bakterien 
ist  daher  in  den  meisten  Fällen  bei  einmaliger  Untersuchung  nicht 
zu  liefern. 

Dagegen  ist  die  Bakterienzählung  von  grosser  Bedeutung  bei 
fortlaufender,  täglicher  Gontrole.  Alsdann  ergiebt  sich  eine  Durch- 
schnittsziffer, deren  Ueberschreitung  ein  vortreffliches  Wamungszeichen 
liefert  Eine  derartige  Gontrole  ist  namentlich  für  die  Filterbetriebe 
bei  Flusswasserversorgungen  von  grösster  Bedeutung  (s.  unten). 

Die  Arten  von  Bakterien,  die  im  Wasser  angetroffen  werden,  sind 
ausser  den  erwähnten  stark  vermehrungsfähigen  Wasserbakterien  sehr 
mannigfaltig.  Nicht  selten  begegnet  man  chromogenen  Arten;  femer 
Cladothricheen;  auch  Schimmelpilzen.  Sehr  verbreitet  sind  Goli-Art«n, 
die  keineswegs  stets  auf  Zutritt  von  Fäkalien  zum  Wasser  hindeuten, 
sondern  die  von  der  Anlage  herrühren  können,  oder  durch  Luftstaub 
oder  durch  ganz  unverdächtige  Zuflüsse  in  das  Wasser  gelangt  sind. 
Bestimmte  Arten,  aus  welchen  eine  Infektionsgefahr  gefolgert 
werden  dürfte,  sind  bisher  nicht  bekannt  Nur  insofern  ist  die 
Feststellung  der  saprophytischen  Arten  bei  der  bakteriologischen  Unter- 
suchung von  Bedeutung,  als  eine  grössere  Mannigfaltigkeit  der  Arten 
Verdacht  auf  das  Bestehen  gröberer  verunreinigender  Zuflüsse  erwecken 
muss,  während  die  Wasserbakterien  und  die  von  der  Anlage  her- 
rührenden Keime  meist  keine  solche  Verschiedenartigkeit  der  Golonieen 
verursachen. 

4.  Die  Lokalinspektion.  Da  bezüglich  der  Beurtheilung  der  In- 
fektionsgefahr eines  Wassers  die  chemische  Untersuchung  ganz,  die 
bakteriologische  Untersuchung  sehr  häufig  im  Stich  lässt,  ist  eine 
weitere  Ergänzung  der  Methoden  dringend  erwünscht  Diese  wird 
durch  die  LokaUnspektion  der  Wasser -Entnabmestelle  geliefert,  die 
darauf  ausgebt,  festzustellen,  ob  gröbere  Wege  für  Verunreinigung  des 
Wassers  vorhanden  sind  und  ob  gelegentlich  von  diesen  aus  eine  In- 
fektion des  Wassers  erfolgen  kann.    Die  Lokalinspektion  will  also  nicht 


Du  WftHer. 


nur  eine  momentan  etwa  Torhandene  bedenkliche  Veranreinigung  des 
Wassers  feststellen,  sondern  sie  geht  weiter,  indem  sie  ermittelt,  ob  in 
absehbarer  Zeit  überbanpt  die  Möglichkeit  einer  Infektion  des  Wassers 
vorliegt 

Die  Lokalinspektion  hat  bei  Bach-  and  Flnsswftssern  daraaf 
zu  achten,  ob  irgendwo  Abwässer  des  mensehtiohen  Haashalts,  Dejekte 
von  Menschen  nnd  Thieren  u.  s.  w.  Zugang  zom  Wasser  finden;  ob 
Reinigung  von  Wäsche  stattfindet  (Waschbänke);  ob  Schiffe  anf  dem 
FlDRse  verkehren  and  in  welchem  Umfang.  —  Bei  Qaellwässem  ist 
festzustellen,  ob  ihr  unterirdischer  Lauf  nicht  etwa  kurz  ist  und  ob 
sie  nicht  weiter  oberhalb  aus  oberflächlichen  Rinnsalen  entstehen;  ob 
im  Bereich  der  letzteren  gedOngte  Wiesen  liegen;  ob  gelegentlich  eine 
grössere  Anzahl  von  Wald-,  Wegearbeitem  n.  s.  w.  sioh  dort  aofbält, 
ob  Commanicationen  mit  Bächen  nnd  Flüssen  bestehen. 

Bei  Qmodwasserbrunnen  ist  zunächst  die  oberflächliche  Um- 
gebung zu  mustern;  es  ist  zu  ermitteln,  ob  das  Terrain  so  geneigt  ist, 


Flg.  68.    B«lilMihl*r  SolikahtbraiiB«!!. 

dass  oberflächlich  sich  sammelndes  Wasser  nach  dem  Brunnen  zu  ab- 
läuft. Sodann  ist  zq  beachten,  ob  der  Brunnenicranz  das  Niveau  Qber- 
ragt,  ob  Defekte  in  der  Mauerung,  in  der  Deckung,  am  Schlammf^ng 
oder  an  dem  das  übersohQssig  ausgepumpte  Wasser  abführenden  Rinn- 
stein vorhanden  sind,  durch  welche  Spülwasser  von  Wäsche,  Ge- 
schirren Q.  a.  w.  in  den  Schacht  gelangen  kann.  Sodann  ist  der 
Brunnen  womöglich  aufzudecken  und  der  Schacht  im  Inneren  abza- 
leuchten;  finden  Einlaufe  von  Abwässern,  SpQIflfiBsigkeiten  oder  Nieder- 
echlagswasser  statt,  so  pfl^en  sich  dunkle  oder  weissliohe  Streifen  an 
der  Wandfläche  zu  zeigen.  Auch  in  grösserer  Tiefe  zutretende  Einlaufe 
können  oft  in  dieser  Weise  erkannt  werden.  —  Sind  trotz  dringenden 
Verdachts  gröbere  Wege  zwischen  Oberfläche  und  Brunnen  oder  z.  B. 
zwischen  Quellen  und  Flüssen  nicht  ohne  weiteres  zu  ermitteln,  so  kann 


Die  Waaservenorgang.  217 

4iiroh  Eingiessen  yod  Flnorescin-  (Uraninkali)  oder  SaproUösnngen  oder 
auch  von  Aüfsohwemmiingen  von  Hefe,  B.  prodigiosus  bezw.  Wasser- 
vibrionen  auf  bestehende  Commnnicationen  geprüft  werden. 

Die  in  dieser  W^se  yorgenommene  Lokalinspektion  ist  geeignet^ 
werthvoUe  Au&chlüsse  über  die  InfektionsgeMr  eines  Wassers  geben, 
meistens  besser  als  die  bakteriologische  und  stets  besser  als  die  chemische 
Untersuchung.  Der  letzteren  ist  sie  ausserdem  noch  überlegen  in  dem 
Nachweis  der  Appetitlichkeit  des  Wassers.  Diese  ergiebt  sich  aus 
der  Besichtigung  der  Umgebung  ein&cher  und  zuyerlässiger  als  aus 
dem  Tieldeutigen  Resultat  der  chemischen  Prüfung. 

Entschieden  verwerflich  ist  die  Methode,  welche  man  jetzt  vielfach  noch 
anwendet,  um  festznstellen,  ob  durch  Wasser  die  Ausbreitung  einer  Epidemie 
verursacht  ist  Dieselbe  besteht  darin,  dass  das  verdächtige  Wasser  einem 
Chemiker  oder  Apotheker  zur  Untersuchung  zugesandt  wird.  Dieser  giebt  sein 
„Gutachten"  dahin  ab,  dass  das  Wasser  wegen  hohen  Gehaltes  an  organischen 
Stoffen,  Chloriden,  Nitraten  u.  s.  w.  schlecht,  gesundheitsgefahrlich  und  infektions- 
verdächtig sei.  Damit  ist  dann  gewöhnlich  die  Beweisaufoahme  geschlossen 
und  die  Aetiologie  wird  als  genügend  aufgeklärt  angesehen:  Das  „schlechte" 
Wasser  hat  den  Typhus  veranlasst  —  Wir  wissen  nun  aber  aus  zahlreichen 
vergleichenden  Untersuchungen,  dass  oft  gerade  die  typhusreichsten  Städte  ein 
chemisch  reines,  typhusfreie  Städte  ein  enorm  verunreinigtes  Wasser  haben;  das- 
selbe Verhältniss  ist  für  einzelne  Stadttheile  und  Strassen  zu  konstatiren. 
Würde  man  sich  in  deigenigen  Fällen,  wo  ein  Brunnen  in  solcher  Weise  ver- 
dächtig ist,  die  Mühe  geben,  auch  die  benachbarten  Brunnen  aus  typhus  freien 
Häusern  zur  Untersuchung  heranzuziehen,  so  würde  man  sicher  dort  oft  noch 
wesentlich  höhere  Zahlen  finden.  Nach  den  oben  gegebenen  Darlegungen  über 
die  Verschiedenheit  der  Wege  für  die  Infektionserreger  einerseits,  für  die  ge- 
lösten, chemisch  nachweisbaren  Verunreinigungen  des  Wassers  andererseits 
kann  ein  solches  Verhalten  auch  durchaus  nicht  überraschen.  Angesichts  der 
ungeheuren  Verbreitung  unreiner  Brunnen  innerhalb  der  Städte  ist  es  daher 
völlig  unzulässig,  in  der  chemisch  schlechten  Beschaffenheit  eines 
einzelnen  Brunnens  einen  Beweis  ffSat  die  Infektiosität  des  Wassers  zu  sehen. 
Erst  wenn  eine  Untersuchung  nach  den  oben  angeführten  Elriterien  eine  In- 
fektionsgefahr für  das  Wasser  festgestellt  hat,  wächst  die  Wahrscheinlichkeit, 
dass  Infektionen  durch  das  Wasser  erfolgt  sind;  aber  auch  dann  sind  in  jedem 
Erkrankungsfiftll  die  übrigen  Verbreitungswege  der  Krankheitserreger  sehr  wohl 
in  Kechnung  zu  ziehen. 


D.  Die  Wasserversoi^ng. 

1.   Lokale  Wasserversorgung. 

Für  einzelne  Haushaltungen  kommt  die  Entnahme  von  Bach- 
wasser, Quellwasser  oder  Grundwasser  in  Betracht  Bach-  (und  Teich-) 
waaser  ist  stets  suspekt  und  es  bedarf  genauer  Lokalinspektion,  ehe 


218  Dm  Waaser. 

ausnahmsweise  die  BeDotznng  solchen  Wassers  als  Trink-  oder  Bianch- 
waaser  gestattet  werden  kann.  Quellen  sind  in  einer  Weise  za  fossen, 
dass  sie  gegen  jede  Verunreinigung  von  aussen  geschützt  sind;  auch 
die  Leitung  muss  Tollkommen  geschlossen  sein. 

Für  die  Hebung  des  Grundwassers  sind  EeseelbrunneD  oder 
Röhrenbrunnen  in  Gebrauch.  Die  E«Bi«lbrunnen  (Schachtbrunnen) 
mflssen  völlig  dicht  gemauert  sein,  so  dass  das  Etadringen  des  Wassers 
nur  von  unten  her  erfolgt;  ferner  müssen  sie  oben  völlig  dicht  ab- 
gedeckt sein  und   dem  Terrain  mnss  eine  solche  Neigung  gegeben 


Flg.  B9.    OnUr  Sohichlbniimeii. 

werden,  dass  das  Brunnenrobr  auf  dem  höchsten  Ponkte  steht.  Sehr 
zweckmässig  ist  es,  den  Brunnenschaoht  1 — l'/i  m  unter  der 
Bodenoberfläche  zu  decken  und  dann  eine  Schicht  von  Feinsand  anf- 
zulagem,  so  dass  etwaige  Zuflüsse  diese  Sandschicht  passiren  müssen. 
Femer  ist  es  empfehlenswerth,  das  Saagrohr  aus  dem  Kessel  unter- 
irdisch eine  Strecke  weit  horizontal  zu  führen,  so  dass  die  Pumpe 
an  ganz  anderer  Stelle  sich  befindet,  wie  der  nach  oben  dicht  abge- 
schlossene und  von  einer  starken  Erdschicht  überlagerte  EesseL  Für 
das  ablaufende  Wasser  ist  ein  wasserdichter  Trog  mit  gut  gedichteter 
Äblaufrinne  herzustellen  (F^.  69). 

Fast  immer  sind  indess  die  Kesselbrannen  einer  Infektion  relativ  leicht 
ausgesetzt ;  ausserdem  ist  eine  Beinignng  and  Desinfektion  rdativ  schwielig. 


Die  WaeaerrerBOTgiing.  219 

Viel  besser  Bind  die  sogenannten  abessinisohen  BÄhrenbrannen 
zoi  WasseirerBOi^iing  geeignet,  bei  welchen  eia  onten  durcblochtea 
eisernes  Bohr  in  die  Orandwasser  fübrende  Schicht  des  Bodens  ein- 
gerammt wird  (Fig.  70).  Das  umgebende  Erdreich  legt  sich  diesem 
Bohr  als  fester  Mantel  an,  so  dass  ein  Einüiessen  yon  Teninreinigongen 
ganz  unmöglich  ist.  Nor  durch  die  Oeffhnng  der  oben  auf  das  Bohr 
aufgesetzten  Säugpumpe  können  mit  Staub  oderBegen  minimale  Mengen 
uQscbädlicher  Bakterien  in  das  Pumpenrohr  gelangen,  die  sich  all- 
mäblioh  zu  einer  schleimigen  Auskleidung 
des  Bohres  entwickeln. 

Diese  Brunnen  sind  sehr  leicht  zu 
desinficiren.  Schon  einfaches  Auspumpen 
und  mechanisobe  Säuberung  des  Bohrs  mittelst 
geeigneter  Bürsten  liefert  fast  keim&eies  Was- 
ser; durch  Eingiessen  einer  5  procentigen 
Mischung  von  roher  Carbolsäuie  und  Sohwefel- 
säore  oder  auch  durch  Einleiten  von  Dampf 
von  100"  für  einige  Standen  kann  das 
Wasser  für  mehrere  Te^  völlig  keimfrei  ge- 
macht werden. 

Wir  haben  also  in  diesen  Röhrenbrunnen 
ein  Torz^liohes  Mittel,  völlig  angefährliches 
Wasser  zu  beschaffen.  Gegenfiber  den  Kessel- 
bronnen  haben  die  Röhrenbrunnen  nur  dann 
einen  erheblichen  Nachtheil,  wenn  Innerhalb 
kurzer  Zeit  ausgiebige  Wasserentnahme  er- 
forderlioh  ist;  in  diesem  Fall  ist  das  bei  den 
Eessetbrunnen  vorhandene  grössere  Reservoir 
onentbehrticb. 

Ist  das  Grundwasser  eisenhaltig,  so        n»  70  Mhrmbninnen. 
läset  sich  das  Wasser  in  manchen  Fällen 

eiaenfrei  zu  Tage  fordern,  wenn  der  Brunnenschacht  einen  Mantel  be- 
kommt, der  mit  Stücken  Aetzkalk  (Weisskalk)  gefüllt  ist,  und  wenn 
auch  der  Boden  des  Schachts  mit  einer  Kalklage  bedeckt  wird.  Eine 
solche  Vorkehrung  ist  im  Stande  für  viele  Jahre  alles  gelöst«  Eisen 
des  zuströmenden  Wassers  abzuscheiden  und  zurückzuhalten.  —  Bei 
vielen  eisenhaltigen  Wässern  versagt  indess  dies  Verfahren.  Hier  muss 
dann,  entsprechend  der  unten  erläuterten,  im  Grossbetrieb  angewendeten 
Methode,  eine  Filtration  des  Wassers  durch  ein  Grobsandfilter  einge- 
richtet werden,  der  bei  reichlichem  Eisengehalt  noch  eine  Lüftung  dee 
Wassers  durch  Niederfall  aus  einer  Brause  vorausgehen  muss. 


220  Ou  WuMc. 

In  einhcfaBter  Fonn  etallt  Fig.  71  den  dazu  erforderlichen  Apparat  dar, 
der  aue  einem  FUterfass  uDd  einem  FasB  Air  da«  durcbfiltrirte  leioe  Wasser 
besteht  Enteree  erhält  eioe  80  cm  hohe  Schicht  Sand  von  1— 1'/|  mm  Koni- 
grCsae;  die  Sandschicht  wird  mit  einem  1  mm  dicken,  vielfach  dnrchlochten 
Zinkblech  bedeckt  Der  Einlauf  des  Hahns  wird  durch  HesBingdrahtnetz  gegen 
Eindringen  von  Sandtheilchen  geschütst  Das  Filter  mnss  fiber  Nacht  bei  ge- 
öffnetem Hahn  leer  stehen;  alle  S  bis  4  Uonate  muss  das  Filter  durch  Aof- 
r&hren  nnd  Waschen  des  Sandes  gereinigt  werden.  —  In  Fig.  TS  ist  der  Apparat 
mit  ÄnneaduDg  einer  FlQgelpnmpe  und  Brause  abgebildet;  hier  ist  ein  SpQl- 
rohr  angeschloBsen,  durch  das  die  Keiniguug  bequemer  erfolgen  kann. 


Flg.  71.  Flj.  73. 

Eatelaramig  d«g  Wüten  b<I  BnioDitiUDUgiin. 

2.  Centrale  WasBerTersorgnng. 
CcDtrale  YersorgaDgen  sollten  so  viel  als  m^lich  in  grösseren 
nnd  kleineren  Städten  eingeführt  werden.  Auf  diese  Weise  kann  der 
stets  verunreinigte  städttscbe  Untergnmd  omgangen  nnd  also  ein  Tiel 
appetitlicheres  Wasser  beschafft  werden;  die  Gefahr,  dass  gelegentlich 
pathogene  Filze  in  das  Wasser  gelangen,  kann  hei  guter  Auswahl  der 
Entnahmestelle  nnd  gnter  Deckoug  der  ganzen  Anlage  anf  ein  Uinimum 
redacirt  werden.  Dabei  wird  durch  die  ausserordentlich  bequeme 
Lieferung  reichlichster  Wasaermasseu  die  Berölkerung  geradezu  zur 
Reinlichkeit  erzogen  nnd   damit  eine  ausserordentlich  wirksame  Be- 


Die  Wauerrenorgnag.  221 

der  Infektionsgefahr  erzielt;  ferner  wird  ein  Quantum  von 
Arbeitskraft  nnd  Zeit  erspart,  das  in  nationalökonomisober  BeziehuDg 
nicht  zu  onterscliätzen  ist,  und  es  wird  eine  wesentlich  grössere  Garantie 
fOr  das  Löschen  entstandener  Brände  g^ben. 

Die  Entnahme  geschieht  dabei  entweder  aas  Quellen.  Die 
Quellen  müssen  nach  anftaerksamer  Lokalinspektion  und  wiederholter 
bakteriologiflcber  PrQftmg  (namentlich  nach  reichlichen  Kiedersoblägen) 
ge&sst  werden,  um  den  Bestand  derselben  zn  sichern,  gleiotunässigen 
Betrieb  zn  erzielen  und  Temnreinigangen  fernzuhalten.  Reichliche 
Quellen  in  der  Nähe  der  Stadt  liefern  die  beste  und  billigste  Bezugs- 
quelle; bei  sehr  laugen  I^itungen  (wie  z.  B.  Wieu  97  km,  Frankfurt  82  km) 
werden  die  Kosten  bedeutend.  Die  Qualität  des  Wassers  ist  meist  gat^ 
doch  oft  die  des  Grnndwassers  nicht  öbertreffend.  Die  Quantität  ist 
schwer  abzuschätzen  und  schwankt  in  wenig  erwünschter  Weise;  es 
sind  dorch  plötzliche  Verminderung  der  Wassermenge  schon  grosse 
pAl&mitätAn    ontfutflniifln.      Daher    ist    eine    un- 


222  I^M  Wasser. 

land,  sondern  besser  Wiese  and  Wald,  und  dass  die  filtrirende  Bodenschicht 
feinkörnig  und  Ton  genügender  Höhe  ist  Das  Wasser  ist  auf  seine  Eeim- 
freiheit  durch  Eintreiben  eines  Röhrenbrunnens,  Desinfektion  desselben  und 
Probenahme  nach  anhaltendem  Abpumpen  zu  prüfen.  Ausserdem  ist  es 
einer  genauen  chemischen  Analyse  zu  unterwerfen ;  namentlich  ist  auch 
darauf  zu  achten,  ob  Eisen  im  Wasser  auftritt  Findet  sich  letzteres  in 
solcher  Menge,  dass  das  Wasser  trübe  und  unappetitlich  wird,  ist  aber 
im  übrigen  nichts  gegen  das  betreffende  Wasser  einzuwenden,  so  braucht 
darum  noch  nicht  auf  die  Benutzung  desselben  zur  Wasserversorgung 
verzichtet  zu  werden.  Das  Eisen  lässt  sich  Tielmehr  relativ 
leicht  aus  dem  Wasser  entfernen,  wenn  man  letzteres  zunächst 
regenartig  herabÜBillen  und  über  eine  Schicht  von  Cokesstücken  rieseln 
oder  auch  nur  durch  ein  relativ  grobes  Eiesfilter  fliessen  lasst;  auf 
diese  Weise  wird  es  so  stark  durchlüftet,  dass  die  ganze  Menge  des 
Eisenbicarbonats  die  Kohlensaure  verliert  und  durch  den  Sauerstoff 
der  Luft  rasch  und  vollständig  in  Eisenoxydhydrat  verwandelt  wird; 
die  Flocken  von  Eisenoxydhydrat  bleiben  im  Filter  zurück;  1  qm  eines 
solchen  Filters  filtrirt  pro  Tag  20  cbm  eisenfreies  Wasser  (s.  Fig.  73). 

In  das  ausgewählte  Wasserterrain  werden  dann  ein  oder  mehrere 
grosse  Sammelbrunnen  (jetzt  gewöhnlich  eiserne  Böhrenbrunnen)  ein- 
gebaut, welche  eventuell  noch  mit  horizontalen  Sammelstollen  unter 
einander  yerbunden  sind;  oder  es  werden  aus  Sickergräben  und  Drain- 
rohren Sammelgallerien  gebildet 

Gewöhnlich  ist  Orundwasser  relativ  billig  zu  haben;  allerdings 
werden  die  Kosten  der  Anlage  dadurch  erhöht,  dass  es  im  Gegensatz 
zu  dem  Quellwasser  künstlich  gehoben  werden  muss.  Aber  dafür  ist 
die  Entfernung  und  die  Länge  der  Leitung  unbedeutend.  Die  Qualität 
steht  gewöhnlich  dem  Quellwasser  kaum  nach;  die  Quantität  bietet 
meist  keine  Schwierigkeiten,  das  Quantum  ist  bei  sorgsamer  Auswahl 
des  Terrains  je  nach  der  Vergrösserung  der  Stadt  beliebig  zu  erweitem. 

Drittens  wird  auch  Flusswasser  benutzt;  jedoch  sollte  dies 
nie  ohne  vorhergehende  Beinigung  geschehen  (s.  S.  201).  Eine  solche 
erfolgt  in  unvollkommener  und  vorbereitender  Weise  wohl  durch  Klär- 
bassins, in  genügender  Weise  aber  erst  mittelst  Filtration  durch 
porösen  Boden,  der  in  grosse  Bassins  eingefüllt  ist 

Die  Bassins  sind  gewöhnlich  2—4000  qm  gross,  aas  Mauerwerk  und  Ce- 
meut  wasserdicht  hergestellt,  in  manchen  Städten  zur  Vermeidung  von  Eisbildung 
überwölbt  Am  Boden  befindet  sich  eine  Reihe  von  Sammelcanälen.  Das 
Filter  selbst  ist  folgendermaassen  zusammengesetzt;  von  unten  bb  305  mm  Höhe 
grosse  Feldsteine,  dann  kleine  Feldsteine  in  Schichthöhe  von  102  mm,  darauf 
grober  Kies  76  mm,  mittlerer  Kies  127  mm,  feiner  Ries  152  mm,  grober  Sand 


Die  Waaaerveraoi^ng.  223 

Kl  mm,  acharfer  Sand  559  mm;  geaammte  HShe  1872  mm.   Nur  die  Sandsckicht 
von  50—60  cm  Höhe  wird  als  eigentliche  Filtrirecbicht  augeaehen. 

Ein  solches  Filter  wird  lunäcbet  gefüllt,  bis  dos  Wasaer  circa  1  m  hoch 
aber  der  Oberflüche  steht  Dann  läast  man  aa  24  Stunden  oder  länger  ateheo, 
damit  eine  Haut  von  Sinkstoffen  sieb  bildet.  Diese  bildet  nämUcfa  den 
wesentlichen  Theil  des  Filters,  fQr  das  der  Sand  nur  die  StBtze  darstellt; 
tfauls  durch  die  oberflächliche  Hant,  theils  durch  den  achleimigen  Ueberzug, 
den  gewisse  Bakterienarten  in  den  Poren  des  ganzen  Filters  etabliren,  findet 
erst  die  eigentliche  Zardckhaltting  der  im  Wasser  enthaltenen  Bakterien  statt. 
Nimmt  man  das  Filter,  ehe  die  Decke  sieb  gebildet  bat,  in  Betrieb,  so  gehen 
&st  alle  Bakterien  durch.  Im  Anfong  ist  die  Filtration  immerhin  noch  nicht 
sehr  vollkommen;  dafllr  genügt  aber  ein  Drack  von  wenigen  Centimetem,  um 
die   normale  Fdcdemng  dea  Filters  in  erzielen.    Allmählich  bei  Ennehmender 


rtg.  Ti.    PlltcT  mit  BsgDlInuii  nidi  Otu. 

a  FDMrhaat.     b  Suduhliht.     c  TtlaUm.     d  Orobkl».     e  Qn»e  FUdaMna.     In  der  dem  Filier 

Hmlchit  ffllegmaa  JUtouner  wird  durch  die  DlfTereiu  dar  beiden  BchwImmentlDde  die  Fllter- 

dTBcUiMie  fnintiiiitn      In  der  nreltea  Ksrnmer  wird  durch  BcgoUruDf  der  BchlebanMUani  dte 

lltrlrta  Wueermenge  oonitant  erhilten. 

Verscbleiinong  dea  Filters,  miua  man  aber  mit  dem  Dnick  immer  höher  steigen, 
um  die  gleiche  Waasermenge  durchzutreiben;  dabei  nird  die  qualitative  Leistung 
immer  besser.  Zuletzt  kommt  mau  an  eine  Grenze;  Beträgt  die  Drackdifierenz, 
bei  welcher  die  mindestens  erforderliche  Waasermenge  gewährt  wird,  mehr  als 
SO  cm,  so  ist  6e&hr,  dass  die  Decke  dea  Filters  Eeirissen  wird.  Bei  geringerem 
Drttck  wird  aber  ecbliesslicb  die  Wassermenge  zu  gering,  und  es  bleibt  dann 
nichts  flbrig,  als  Eeinignng  des  Filters,  d.  h.  es  wird  lunächat  durch  eine  be- 
sondere Entwässerungsanlage  alles  Wasser  abgelassen,  und  dann  wird  die  oben 
lagernde  braunschwarze  Schlammschicht,  die  gewöhnlich  nur  einige  Millimeter 
dick  ist,  abgetragen,  bdchstenH  bis  2  cm  in  den  Sand  hinein.  Es  macht  fBr 
die  Filterwirkniig  nichts  ans,  wenn  atieh  die  Saadechicht  bis  auf  */■  ihrer  Stärke 


224  I^M  Wasser. 

aufgebraucht  wird.  Der  schmutzige  Sand  wird  gewaschen  und  demnächst  wieder 
verwandt 

Filtrationsdruck  und  Fördermenge  müssen  fortgesetzt  beobachtet  werden. 
Die  Sammelcanäle  der  Filter  stehen  mit  dem  gemeinsamen  Reinwasserreservoir 
der  Art  in  Verbindung,  dass  der  Spiegel  des  letzteren  etwa  50  cm  tiefer  liegt, 
als  der  Wasserspiegel  der  Filter.  Am  Ausfluss  des  Reinwassercanals  ist  eine 
Schiebervorrichtung,  mittelst  welcher  die  Menge  des  abfliessenden  Wassers  re- 
gulirt  werden  kann.  Aus  der  Stellung  dieses  Schiebers  wird  auf  den  Filtrations- 
druck geschlossen.  Die  quantitative  Leistung  des  einzelnen  Filters  dagegen 
wird  aus  der  Stellung  des  Schiebers  in  der  Zuflussleitung  bestimmt 

Die  Geschwindigkeit  der  Wasserbewegung  beträgt  bis  jetzt  gewöhnlich 
100  mm  pro  Stunde;  die  Fördermenge  stellt  sich  dann  auf  0*1  cbm  pro  Stunde 
und  1  qm  Filterfläche.  Rechnet  man  pro  Kopf  und  die  Stunde  des  maximalen 
Consums  10  Liter  Wasserverbrauch,  so  ist  bei  der  angegebenen  Geschwindigkeit 
für  je  10  Menschen  1  qm  Filterfläche  erforderlich;  fOr  800000  also  30000  qm. 
Dazu  würde  dann  noch  eine  beträchtliche  Reservefläche  konmien,  welche  der  zeit- 
weisen  Ausschaltung  eines  Filters  behufs  Reinigung  resp.  Auffüllung  Rechnung  trägt 

Die  Leistung  der  Filter  bezüglich  der  Qualität  des  Wassers 
besteht  darin,  dass  zunächst  die  organischen  Stoffe  und  das  NH,  ziem- 
lich erheblich  verringert  werden;  HNO,  wird  wenig.  Gl  gar  nicht  be- 
einflussb  —  Die  Bakterien  werden  im  Ganzen  gut  abfiltrirt  Im 
Durchschnitt  findet  man  50 — 200  in  1  ccul  Diese  stammen  zum 
Theil  Yon  den  Bakterien  her,  welche  dem  Material  der  tieferen  Filter- 
schichten Ton  vornherein  anhaften;  zum  Theil  entstammen  sie  aber 
dem  unreinen  Wasser.  Es  hat  sich  gezeigt,  dass  die  Filter  niemals 
völlig  keimdicht  arbeiten,  sondern  dass  ein  kleiner  Bruchtheil  der 
aufgebrachten  Bakterien  regelmässig  in  das  Filtrat  geräth;  je  zahl- 
reicher die  Bakterien  im  unfiltrirten  Wasser  sind,  um  so  höher  steigt 
auch  der  Bakteriengehalt  des  Filtrats.  Am  günstigsten  ist  die  Wirkung 
der  Filter  bei  langsamer  Filtration,  ferner  bei  Vermeidung  stärkerer 
Druckschwankungen  und  überhaupt  aller  Unregelmässigkeiten  im  Filter- 
betrieb. Unter  solchen  Umständen  wird  die  Zahl  der  Bakterien  etwa 
auf  ^liQoo  reducirt,  und  damit  kommen  die  Infektionschanoen  so  gut 
wie  ganz  in  Wegfall. 

Eine  sehr  gefahrliche  Periode  bleibt  aber  immerhin  die  Zeit,  wo 
ein  gereinigtes  Filter  neu  in  Benutzung  genommen  wird.  Alsdann  soU 
das  Wasser  mindestens  24  Stunden  ruhig  sedimentiren;  und  die  danach 
während  weiterer  12 — 24 Stunden  durchfiltrirten  Wassermengen  sollen  un- 
benutzt bleiben.  —  Femer  konuoaen  bei  jedem  Filtrirbetrieb  gelegentlich 
noch  ausserge wohnliche  Störungen  des  Betriebes  vor;  entweder  kann 
die  Reinigung  nicht  zur  Zeit  erfolgen  und  die  Filterdecke  reisst;  oder 
es  müssen  grössere  Reparaturen  vorgenommen  werden;  oder  das  Fluss- 
wasser ist  durch  Hochwasser  stark  mit  lehmigen  Partikeln  getrübt^ 
und  es  stellt  sich  auf  den  Filtern  rasch  eine  undurchlässige  Schicht 


Die  Wasseryeraorgiing.  225 

her,  die  fortwährend  mechaniseh  beseitigt  oder  durch  abnorm  hohen 
Druck  überwunden  werden  muss.  In  allen  diesen  Fällen  treten  grosse 
Mengen  yon  Bakterien  im  Filtrat  auf,  und  das  ist  natürlich  um  so 
bedenklicher,  als  das  Flusswasser  einer  Verunreinigung  mit  pathogenen 
Keimen  ganz  besonders  exponirt  ist. 

Die  Flusswasserleitungen  sind  daher  hygienisch  nur  zulässig  bei 
strenger  üeberwachung  des  Betriebes.  Vor  Allem  muss  durch  täg- 
liche bakteriologische  Untersuchung  der  einzelnen  Filterabläufe 
oontrolirt  werden,  dass  in  keinem  Ablauf  mehr  als  100  Bakterien 
in  1  com  auftreten.  Dies  Resultat  ist  erfahrungsgemäss  nur  zu  er- 
reichen, wenn  in  keinem  Filter  zu  irgend  einer  Zeit  die  Filtrations- 
geschwindigkeit 100  mm  pro  Stunde  überschreitet,  wenn  nach  der 
Reinigung  eines  jeden  Filters  eine  ausreichende  Schonzeit  gewährt  wird, 
und  wenn  auch  sonst  irgend  welche  den  Durchtritt  von  yerdächtigen 
Keimen  gestattende  Betriebsstörungen  nicht  vorliegen. 

Bei  einigen  Wasserwerken  verwendet  man  statt  der  Sandfilter  sogen. 
Filtersteine  (System  Fischbb-Pbtbbs).  Es  sind  dies  1  qm  grosse,  aus  ge- 
waschenem Flusssand  von  bestimmter  Komgrösse  mit  Natron-Kalksilikat  als 
Bindemittel  hergestellte,  im  Inneren  hohle  Steine.  Die  Filtration  geschieht  yon 
aussen  nach  innen ;  die  Schmutzschicht  fällt  von  den  senkrechten  Wänden  kon- 
tinnirlich  ab.  Die  Reinigung  der  Filterelemente  erfolgt  durch  Umkehren  der 
Stromrichtung  des  Wassers.  Die  Filter  beanspruchen  namentlich  viel  weniger 
Raum  ab  die  Sandfilter  und  sollen  den  Betrieb  erleichtem. 

Zu  der  Infektionsgefahr  der  Flusswasserleitungen  gesellt  sich  als 
erheblicher  Nachtheil  die  hohe  Temperatur  des  Wassers  während 
des  Sommers;  es  wird  demselben  dadurch  die  erforderliche  Frische  und 
Appetitlichkeit  gerade  zu  einer  Zeit  benommen,  wo  am  meisten  Wasser 
consumirt  wird. 


Alle  neueren  Wasserrersorgungen  sind  mit  hoch  gelegenen  Reser- 
Toiren  f&r  das  Beinwasser  versehen.  Bei  Quellwasserversorgung  könnte 
man  allerdings  das  Wasser  durch  den  natürlichen  Druck  direct  bis  in 
die  Häuser  leiten.  Aber  es  wird  dann  oft  vorkommen,  dass  bei  starkem 
Consum  die  Lieferung  nicht  ausreicht,  während  bei  fehlendem  Gonsum 
eine  solche  Anhäufung  von  Wasser  stattfindet,  dass  ein  Theil  durch 
Sicherheitsventile  unbenutzt  abfliessen  muss.  —  Besser  ist  es  daher,  in 
allen  Fällen  Reservoire  einzuschalten,  in  welchen  das  Yerbrauchsquan- 
tum  für  mehrere  Stunden  Platz  findet,  von  dem  aus  allen  Ansprüchen 
genügt  werden  kann,  und  das  namentlich  auch  für  Feuerlöschzwecke 
jeder  Zeit  die  grössten  Wasserquantitäten  zur  Verfügung  stellt 

Zu  den  Hochreservoiren  gelangt  das  Quellwasser  mit  natürlichem 
Gefalle  (Gravitationsleitung),    Grundwasser    und  filtrirtes  Flusswasser 

FlOoob,  Qnindrisa.    V.  Aufl.  15 


226  Dm  Wasser. 

werden  künstlich  gehoben.  Die  Hochreservoire  werden  auf  einer  nah 
gelegenen  Anhöhe  angelegt  nnd  dann  dicht  gemaaert,  oben  gewöhnlich 
mit  Erdschicht  bedeckt,  die  im  Sommer  mit  Wasser  berieselt  wird; 
oder  eigens  für  diesen  Zweck  erbaute  Thürme  tragen  die  Beservoire. 
Von  da  aus  verzweigen  sich  dann  die  Ganäle  in  die  Stadt  Das  Ba- 
servoir  liegt  so  hoch,  dass  das  Wasser  mit  natürlichem  Gefalle  bis  in 
die  obersten  Etagen  der  Häuser  steigt 

Die  Leitungen  bestehen  bis  zur  Sammelstelle  hin  in  gemauerten 
oder  aus  Cement-  oder  Thonröhren  hergestellten  Ganälen.  Für  das 
unter  Druck  stehende  Wasser  dienen  Röhren  aus  Qusseisen,  die  auf 
hohen  Druck  geprüft  sind  und  die  zum  Schutz  gegen  Rostbildung  in 
eine  Mischung  von  Theer  und  Leinöl  eingetaucht  sind.  —  In  den 
Häusern  sind  Qusseisenrohre  nicht  zu  verwenden,  weil  hier  zu  viele 
Biegungen  vorkommen.  Schmiedeeiserne  Röhren  verrosten  zu  stark. 
Daher  wird  meist  Bleirohr  verwendet 

Allerdings  bilden  die  Bleirohre  die  Gefahr  der  Bleivergiftungen. 
Dieselbe  liegt  namentlich  bei  einem  sehr  reinen  und  salzarmen  Wasser 
vor;  femer  wenn  die  bleiernen  Leitungsrohre  zeitweise  mit  Luft  gefällt 
sind.  Es  bildet  sich  alsdann  Bleib jdrat,  das  nicht  sowohl  im  ge- 
lösten, sondern  in  fein  suspendirtem  Zustand  im  Wasser  vorhanden 
ist  Grössere  Mengen  gehen  nur  in  Wasser  über^  welches  längere 
Zeit  (über  Nacht)  im  Rohre  gestanden  hat  Wasser,  das  reich  an 
organischen  Verbindungen,  namentlich  Ealksalzen,  ist,  femer  ein  solches, 
welches  organische  Stoffe  oder  kleine  Mengen  von  Eisen  enthält,  pflegt 
kein  Blei  oder  doch  nur  unschädliche  Spuren  davon  aufzunehmen. 

Versuche,  das  Bleirohr  mit  innerem  Zinnmantel  herzustellen  oder 
dasselbe  mit  unlöslichen  Ueberzügen  zu  versehe;i,  sind  noch  nicht  mit 
völlig  befriedigendem  Resultat  zu  Ende  geführt  —  Sehr  zweckmässig 
ist  es,  in  Städten,  welche  bleieme  Hausleitungen  haben,  von  Zeit  zu 
Zeit  öffentliche  Belehrungen  darüber  zu  erlassen,  dass  das  erste 
über  Nacht  in  den  Rohren  gestandene  Wasser  imbenützt  abfliessen 
müsse.  —  Im  Nothfall  sind  auch  Hausfilter  zur  Retention  des  Bleis 
zu  verwenden. 

Die  Wasserversorgungen  werden  gewöhnlich  von  der  Gemeinde 
ausgeführt  Entweder  wird  das  Wasser  dann  frei  geliefert  und  die 
Kosten  werden  nach  Zahl  der  bewohnbaren  Räume,  unter  Berück- 
sichtigung des  Miethzinses,  mit  1*8 — S-5  Mark  pro  Jahr  und  Raum; 
oder  nach  Grundstücken;  oder  nach  Procenten  des  Miethzinses  der 
Wohnungen  (2—6  Procent  jährlich)  berechnet  Oder  es  sind  Wasser- 
messer eingeführt  und  es  werden  pro  1  cbm  verbrauqhtes  Wasser 
0.1— 0«2  Mark  bezahlt 


Die  WasserTsnotgang.  227 

Eine  Reinigung  uud  Beiienmg  rerdächtigen  Wassers  kann  am 
einfaoIisteD  erfolgen  durch  Kochen  des  Wassers.  Hält  man  das  Wasser 
5  Minuten  im  Sieden,  so  bietet  dasselbe  keine  Infektionsgefahr  mehr. 
Bei  stärkerem  Consam  empfehlen  sich  besondere  Wasser-Kochapparate 
(z.  B.  von  Siemens  &  Co.,  Berlin).  Allerdings  ist  der  Geschmack  des 
gekochten  nnd  wieder  abgekühlten  Wassers  fade  uud  ist  daher  ein 
Corrigens  zuzusetzen  in  Form  von  EafFee,  Theo,  Fruchtsaft,  Citronen- 
saft    o.  B.  w.   —    Zur    chemischen 

Desinfektion  des  Wassers  ist  von  Schuh-  ; 

BüBQ  der  Zusatz  von  Brom  und  naoh- 
trägUche  Neatralisimng  duroh  Ka- 
triomsalfit  und  Natr.  bicarb.  siccum 
empfohlen.  Oegenüber  grösseren  Men< 
gen  trüben  Wassers  wird  die  sichere 
Wirkung  bestritten. 

Femer  kann  eine  Filtration  im 
Hause  in  Frage  kommen.  FQr  diesen 
Zweck  sind  zahlreichste  Filter  constmirt, 
die  sich  indess  bis  Jetzt  meist  nicht 
bewährt  haben.  Filter  aas  plastischer 
Kohle  oder  mit  Füllung  von  Sand, 
Kohlenpulver ,  Filz,  Wolle  oder  dgl. 
halten  wohl  gröbere  Trübungen  (Eisen- 
hydiat),  aber  nicht  Bakterien  zurück. 
Bei  längerer  Benutzung  bilden  sich  in 
solchen  Filtern  au^^ehnte  Wuche- 
rungen von  Bakterien,  die  geradezu 
zur  Vernnreinigung  des  darchfiltrirten 
Wassers  fahren.  —  Ein  sicher  bak- 
terienfreies  Filtrst  liefern  wenigstens 
zeitweise  die  Pabtbüb-Chambbblahd'- 
schen  Thonfilter  und  die  Bxbceefeldi'- 
sohen  Eieeelguhrfilter. 

Entere  b«atehen  nxu  einer  Ke«e  von       "«  ^^  '^'^-  "■"  Ki-.ip.hriUUf. 
Ponellanthon   {e),    die   innen    einen   Hohi 

ranm  (d)  enthält  and  an  einem  Ende  in  eine  Hanschette  aus  gluirtem  Ponel- 
Iah  (/)  übergehL  Die  filtrirende  Plüaaigkeit  dringt  toq  aussen  (ans  dem  Raum  t, 
in  daa  Innere  dei  Eeize  nnd  flieBst  aus  dem  Äusfliusrohr  (t)  der  Manschette 
ab.  Um  das  Filter  mit  der  Wasaeileitung  io  Verbindung  zu  setzen,  wird 
die  Kerze  in  eine  weitere  HetallhiilBc  (b)  eingesetst,  deren  unterer  Abschuitt 
aiusen  ein  Gewinde  trägt.  Zwilchen  den  unteren  Band  der  Hülse  und  die 
Fonellaamaiuichette    wird   ein  Kantichokring  (A)  eingesebaltet  und  nun  eine 

16* 


228  ^'^  WMier. 

Metallkapsel  (g)  auf  das  Gewinde  anfgeschranbt,  so  dass  die  Manschette  fest 
gegen  den  Kautschukring  resp.  die  Hülse  angepresst  and  der  Zwischenraum  (e) 
zwischen  Hülse  und  Kerze  nach  unten  dicht  abgeschlossen  wird.  Am  oberen 
£nde  der  Hülse  ist  ein  Verbindungsrohr  zum  Hahn  der  Wasserleitung  ein- 
geschraubt, durch  welches  das  Wasser  von  a  her  einfliesst 

Bei  einem  Druck  von  circa  drei  Atmosphären  liefert  eine  Kerze  Anfangs 
1  Liter  Wasser  innerhalb  20 — 80  Bünuten;  schon  nach  1—2  Stunden  nimmt 
die  £rgiebi^eit  erheblich  ab.  Um  die  quantitative  Leistung  zu  erhöhen,  sind 
Combinationen  von  vier  und  mehr  Kerzen  construirt  —  In  den  ersten  Tagen 
ist  das  Filtrat  zuverlässig  keimfrei.  Aber  schon  nach  8—8  Tagen,  wechselnd 
insbesondere  je  nach  der  Temperatur,  wachsen  einige  Bakterienarten  durch  das 
Filter  hindurch,  gelangen  auf  dessen  innere  Fläche  und  theilen  sich  von  da  ab 
in  steigender  Menge  dem  Wasser  mit  Ausserdem  wird  der  quantitative  Ertrag 
um  so  geringer,  je  dicker  die  Schicht  der  abfiltrirten  snspendirten  Stoffe  auf 
der  Aussenfläche  der  Kerze  wird;  nach  einigen  Tagen  filtriren  stündlich  nur 
noch  wenige  Cubikcentimeter.  Man  muss  daher  die  Filter  häufig,  wenigstens 
alle  acht  Tage,  aus  der  Metallhülse  herausnehmen,  an  ihrer  äusseren  Fläche 
mit  Bürsten  reinigen,  und  dieselben  dann  längere  Zeit  kochen,  um  die  Bakterien 
im  Innern  des  Filters  abzutodten. 

Ein  in  der  äusseren  Form  dem  Chamberlandfilter  ähnliches  Filter  ist 
von  Bbrckbfbldt  a  Nordtmeteb  aus  Kieseiguhr  hergestellt  Dasselbe  liefert 
weit  grössere  Mengen  eines  zuverlässig  bakterienfreien  Filtrats  (1  Liter  in 
5 — 10  Minuten);  ausserdem  wird  durch  eine  im  Innern  der  Metallhülse  an- 
gebrachte automatisch  funktionirende  Wischvorrichtimg  die  äussere  Filterfläche 
immer  wieder  gereinigt  und  dadurch  die  quantitative  Leistung  constant  auf 
nahezu  der  gleichen  Höhe  gehalten.  Auch  diese  Filterkerzen  sind  übrigens 
alle  acht  Tage  von  neuem  durch  einstündiges  Kochen  der  Kerze  in  Wasser 
zu  sterilisiren.  Die  Kerzen  sind  sehr  zerbrechlich;  um  sicher  zu  sein,  dass 
nicht  feine  Risse  enstanden  sind,  ist  eine  häufige  bakteriologische  Prüfung  des 
Filtrats  unerlässlich. 

Drittens  kann  eine  Desinfektion  der  Anlage  vorgenommen 
werden.  Am  leichtesten  sind  Röhrenbrannen  zu  desinficiren  (s.  oben).  — 
Schachtbrunnen  sind  am  sichersten  zu  desinficiren,  wenn  man  heissen 
Wasserdampf  mittelst  einer  Lokomobile  in  das  Wasser  des  Schachts 
einleitet,  bis  dasselbe  80 — 90^  warm  geworden  ist  Von  chemischen 
Mitteln  ist  Kupferchlor ür,  Aetzkalk,  Schwefelsaure  (1 :  1000)  empfohlen.  — 
Reservoire  und  Leitungsrohre  grösserer  Wasserleitungen  sind  mehrfach 
mit  Erfolg  durch  Schwefelsäure  (1:1000,  2ständige  Einwirkung)  des- 
inficirt^  ohne  dass  das  Eisen  oder  Blei  der  Rohre  angegriffen  wäre. 


Eis.    Künstliches  Selterwasser. 

Früher  hat  man  wohl  geglaubt,  dass  lebende  Organismen  im  Eis  nicht 
vorhanden  sein  könnten.  In  der  That  haben  directe  Versuche  ergeben,  dass 
viele  Bakterien  bei  0^  zu  Grunde  gehen,  namentlich  von  einer  grossen  Zahl 
von  Individuen  der  gleichen  Art  vermuthlich  alle  älteren,  nicht  mehr  so  wider- 
standsiahigen  Exemplare.    Weiter  aber  ist  ein  sehr  verschiedenes  Verhalten  der 


Die  WaaBervenorgufig.  229 

einzelnen  Arten  beobachtet;  manche  scheinen  sehr  wenig  widerstandsfähig  zu 
sein,  andere  besser,  einige  leisten  sogar  bei  0*  noch  eine  gewisse  Vermehrung.  — 
Da  das  Eis  gewohnlich  aas  sehr  unreinem  Wasser,  Flüssen,  Teichen  u.  s.  w. 
entnommen  wird,  findet  man  entsprechend  dieser  relativ  grossen  Widerstands- 
flUiigkeit  der  Bakterien  in  1  ccm  Schmelzwasser  im  Durchschnitt  2000, 
als  Minimum  50,  als  Maximum  etwa  25000  lebende  Keime.  —  Es  sind 
diese  Befunde  offenbar  durchaus  nicht  ohne  Bedenken.  Im  Sommer  wird 
viel  Eis  roh  genossen;  femer  wird  es  nicht  selten  auf  Wunden  applicirt. 
Ersteres  sollte  nie,  letzteres  nur  über  undurchlässigen  Unterlagen  geschehen. 
—  Ohne  Bedenken  ist  dagegen  innerlich  imd  äusserlich  das  Kunsteis  zu 
verwenden,  das  durch  Verdunstung  von  comprimirtem  Ammoniak  aus 
destillirtem  Wasser  bereitet  wird.  Dies  Eis  enthält  Im  Mittel  0—10  Keime 
pro  1  ccm.  Das  destillirte  Wasser  führt  zwar  auch  oft  Massen  von  sog. 
Wasserbakterien,  aber  diese  scheinen  eben  zu  den  leicht  durch  Gefrieren  zu 
schädigenden  Arten  zu  gehören. 

Die  künstlichen  kohlensauren  Wässer  sind  im  Durchschnitt  sehr 
reich  an  Bakterien;  selbst  7  Monate  langes  Lagern  ändert  daran  nichts.  Auch 
bei  solehem  Selterwasser,  das  aus  destillirtem  Wasser  bereitet  wurde,  ist  der 
Bakteriengehalt  ein  sehr  hoher.  Dagegen  ist  die  Mannich  faltigkeit  der 
Arten  in  mit  Brunnenwasser  bereitetem  Selterwasser  weit  grösser;  und  hier  ist 
jedenfalls  die  Gefahr  einer  Infektion  ungleich  bedeutender.  Im  destillirten 
Wasser  ist  nur  auf  indifferente  saprophytische  Bakterien  zu  rechnen,  während 
ein  Brunnenwasser  ebensowohl  in  Form  des  Selterwassers,  wie  im  natürlichen 
Znstand  zu  Infektionen  Anlass  geben  kann. 

Absichtlicher  Zusatz  pathogener  Keime  zu  künstlichem  Selterwasser  hat 
ergeben,  dass  zwar  einige  Arten  (Cholera-,  Milzbrandbacillen)  rasch  absterben, 
dass  aber  z.  B.  Typhusbacillen,  Microc.  tetragenus  u.  s.  w.  einige  Tage  bis 
Wochen  lebensfähig  bleiben.  Mit  Rücksicht  auf  diese  Besultate  ist  unbedingt 
nur  das  aus  destillirtem  Wasser  oder  aus  völlig  unverdächtigem  Brunnen- 
(Leitung8-)wasser  bereitete  Selterwasser  zu  empfehlen. 

Literatur:  Lobffler,  Obstek  und  Sbndtnbr,  Die  Wasserversorgung  in 
Wbtl*s  Handb.  d.  Hygiene,  189^.  —  Tibmakk  und  GIbtnbr,  Die  ehem.  n. 
mikrosk.  bakteriol.  Untersuchung  des  Wassers,  1896.  —  Plaqqb  u.  Pboskaubr» 
Zeitschr.  f.  Hyg.,  Bd.  2.  —  Frankbl,  ibid.  Bd.  6.  —  Koch,  Wasser filtration  u. 
Cholera,  Zeitschr.  f.  Hyg.,  Bd.  14.  —  OhlmOllbb,  Die  Untersuchung  des  Wassers, 
Berlin  1894.  —  Bbix,  „Wasserversorgung^*  in  Bbhbino's  „Bekämpfung  der  In- 
fektioBskrankhelten'^,  hygienischer  Theil,  1894.  —  Kbusb,  Kritische  u.  experi- 
mentelle Beiträge  zur  hygienischen  BeurtheUung  des  Wassers.  Zeitschr.  f.  Hyg« 
u.  Inf.,  Bd.  17.  —  PiBPBB,  Ueber  die  Betriebsführung  von  Sandfiltem,  ibid. 
Bd.  16.  —  Flüoob,  Verh.  d.  Ver.  f.  öffentl.  Ges.  in  Stuttgart,  1895.  —  Zeitschr. 
f.  Hyg.,  Bd.  22. 


230  Ernfthrnng  and  Nahrungsmittel. 


Sechstes  Kapitel. 

Emähruiig  und  Nalirungsmittel. 


Die  Aufgaben  des  folgenden  Abschnitts  umfassen  erstens  die  Er- 
örterung des  Näbrstoffbedar&  des  Menschen  und  dessen  Deckung  durch 
Nahrungsmittel;  und  zwar  ist  dabei  zunächst  die  Bedeutung  der  ein- 
zelnen Nährstoffe  y  dann  .der  quantitative  Bedarf,  und  schliesslich  die 
Auswahl  und  Zusammensetzung  einer  rationellen  Kost  zu  erörtern. 
Zweitens  sind  die  Eigenschaften  der  einzelnen  Nahrungsmittel  und  die 
hygienischen  Nachtheile ,  welche  aus  einer  abnormen  Beschaffenheit^ 
aus  Verunreinigungen  und  Verfälschungen  derselben  hervorgehen  können, 
zu  besprechen. 

A.  Die  Deckung  des  Nährstoffbedarfs  des  Menschen. 

L  Die  Bedeutung  der  einielnen  Ntthrstoffe« 

Der  Zweck  der  Ernährung  ist  eine  solche  Erhaltung  (unter  Um- 
ständen, z.  B.  beim  wachsenden  Körper,  eine  solche  Zunahme)  des  sub- 
stantiellen Bestandes  der  gesammten  Organe,  dass  deren  Funktionen 
stets  in  normaler  Weise  yor  sich  gehen.  Dieser  Zweck  ist  ohne  Zufuhr 
von  Nahrung  offenbar  nicht  zu  erreichen,  da  der  Körper  einerseits  stetig 
Stoffe  zerstört,  die  seinem  Zellbestande  angehörten,  andererseits  für 
seine  Kraft-  und  Wärmeentwicklung  fortwährend  Stoffe  yerbraucht 
Der  Verbrauch  zum  Zwecke  des  Kraft  wechseis  übertrifft  den  zum 
Stoffersatz  nöthigen  Verbrauch  bei  weitem.  Da  es  f&r  den  Kraftwechsel 
nicht  specifischer  Stoffe,  sondern  nur  der  in  den  Stoffen  aufgespeicherten 
chemischen  Spannkräfte  bedarf,  so  ist  es  selbstyerständlich,  dass  die 
einzelnen  Nährstoffe  in  ihrer  Fähigkeit  das  Leben  zu  unterhalten,  sich 
wesentlich  nur  nach  dem  Maasse  ihrer  chemischen  Spannkraft  resp. 
ihrer  Verbrennungswärme  im  Körper  yertreten.  Diese  Verbrennungs- 
wärme betragt  unter  den  im  Organismus  yorliegenden  Verhältnissen 
(die  für  das  Eiweiss  nur  eine  unyollständige  Verbrennung  ermöglichen) 
im  Durchschnitt 

für  1  g  Eiweiss    .    .4,1  Calorien 
„    1  g  Fett     ...  9,3        „ 
„lg  Kohlehydrat    4,1        „ 


Die  Deckung  des  Nährstoffbedarfs  des  Menschen.  231 

100  g  Fett  sind  also  nngeföhr  gleichwerthig  227  g  trockenem  Eiweiss 
oder  Kohlehydrat  y  bezw.  gleich  1000  g  frischer  Muskelsabstanz 
(Rübneb). 

Daneben  ist  auch  der  kleine  Theil  von  Nahrungsstoffen,  welcher 
dem  Stoffwechsel,  dem  Ersatz  resp.  Ansatz  von  Eörperstoffen  dient^ 
von  grosser  Bedeutung,  jn  dieser  Beziehung  können  die  einzelnen 
Nährstoffe  sich  nicht  beliebig  vertreten,  sondern  jeder  Stoff  hat  seine 
spedfisohe  Bedeutung,  die  ihn  zum  nothwendigen  Bestandtheil  der 
Nahrung  macht 

In  jeder  zureichenden  Kost  finden  wir  Eiweissstoffe,  Fette, 
Kohlehydrate,  Wasser  und  Salze,  und  ausserdem  noch  eine  Gruppe 
von  Substanzen,  welche  als  „Genussmittel^'  zusammengefasst  werden. 
TTeber  die  Bedeutung  dieser  einzelnen  Stoffe  für  die  Ernährung  ist 
Folgendes  her?orzuheben: 

1.  Die  Eiweissstoffe. 

Die  Grösse  des  Eiweisszerfalls  im  Körper  ist  abhängig: 

1)  von  der  Masse  der  Organe  und  Säfte;  je  grösser  dieselbe  ist^ 
um  so  mehr  wird  ceb  par.  zerlegt  Für  die  Einheit  Körpergewicht 
berechnet  zeigen  dagegen  die  kleineren  Individuen,  bei  welchen  das 
Yerhältniss  der  Körperoberfläche  zum  Körpervolum  grösser  ist,  den  be- 
deutenderen Umsatz. 

2)  von  der  Energie  der  Zellen.  Wie  schon  die  Zellen  der  ver- 
schiedenen Organe  nicht  gleichwerthig  sind,  so  liegen  vermuthlich  auch 
individuelle  Differenzen  vor.  Femer  können  bei  demselben  Individuum 
Ernährungszustand,  Nervenreize  der  verschiedensten  Art,  psychische 
Affekte  die  Zellthätigkeit  verschieben. 

3)  von  der  Menge  des  in  der  Nahrung  zugeführten  Eiweissmaterials. 
Je  grösser  diese  wird,  um  so  mehr  Eiweiss  wird  zerstört  Die  Menge 
des  in  der  Nahrung  gegebenen  und  in  die  Säfte  aufgenommenen 
Eiweisses  ist  also  auf  den  Eiweissumsatz  im  Körper  von  be- 
stimmtem Einfluss.  —  Am  ausgesprochensten  tritt  dies  an  Yersuchs- 
tiiieren  hervor,  welche  ausschliesslich  mit  Eiweiss  genährt  werden. 
Befindet  sich  ein  solches  Yersuchsthier  z.  B.  mit  täglich  500  g  Fleisch 
im  Stiokstoffgleichge wicht,  d.  h.  scheidet  es  im  Harn  1 7  g  N  (100  g  Fleisch 
==  8-4  g  N)  aus,  und  man  füttert  nunmehr  täglich  1500  oder  2500  g 
Fleisch,  so  ist  nach  kurzer  Zeit  wieder  N-Gleichgewicht  eingetreten 
nnd  das  Thier  scheidet  51  resp.  85  g  N  im  Harn  aus.  Es  ergiebt 
sich  hieraus  die  wichtige  Folgerung,  dass  es  nicht,  oder  doch  nur  bei 
überreichlicher  Eiweisszufuhr  gelingt,  in  einem  an  Eiweiss  verarmten 


232  Ernährung  nnd  NahrangsmitteL 

Körper  Eiweiss  durch  ausschliessliche  Ernährung  mit  Eiweiss  zur  Ab- 
lagerung zu  bringen. 

4)  von  den  sonstigen  in  den  Eörpersäften  vorhandenen  Nährstoffen. 
Fassiren  Fett  oder  Kohlehydrate  neben  Eiweiss  die  Zellen,  so 
werden  sofort  die  Zerfallsbedingungen  in  der  Weise  yerschoben,  dass 
viel  weniger  Eiweiss  zerstört  wird.  Giebt  man  in  dem  vorerwähnten 
Experiment  dem  Yersuchsthier  statt  1500  g  Fleisch  1000  g  Fleisch  und 
300  g  Fett,  so  wird  nun  bei  weitem  nicht  der  ganze  dem  Nahrungs- 
eiweiss  entsprechende  N  im  Harn  ausgeschieden,  sondern  es  bleibt  ein 
TheU  des  Eiweisses  unzerstört  im  Körper  zurück,  wird  abgelagert  Um 
den  Eiweissvorrath  des  Körpers  zu  conserviren  oder  Eiweissansatz  zu 
erzielen,  ist  es  daher  am  zweckmässigsten,  Fett  oder  Kohlehydrate  zu 
geben  und  dadurch  die  Eiweisszerlegung  zu  beschränken  (Yorr). 

Das  unter  dem  Einfluss  der  aufgezählten  Faktoren  in  stärkerem 
oder  geringerem  Grade  zerstörte  Eiweiss  muss  in  voller  Me-nge  durch 
Nahrungseiweiss  ersetzt  werden;  in  erster  Linie  zur  Erhaltung  des 
Eiweissbestandes  und  zur  Regeneration  der  Muskeln,  des  Hämoglobins 
u.  s.  w.;  ausserdem  weil  die  Zerfallsprodukte  des  Eiweissstoffwechsels  be- 
stimmte Reize  für  unser  Centralnervensystem  liefern,  und  weü  bei  Ei- 
Weissmangel  sehr  bald  die  Yerdauungsfermente  spärlicher  gebildet  werden. 

Ist  einmal  der  Ersatz  für  das  zerstörte  Eiweiss  ungenügend,  so 
bietet  die  oben  betonte  Abhängigkeit  des  Eiweissumsatzes  von  der 
Menge  der  circulirenden  Eiweissstoffe  wesentliche  Yortheile.  Nur  am 
1.  Tage  einer  Hungerperiode  wird  noch  eine  N- Menge  ausgeschieden, 
welche  derjenigen  der  vorausgegangenen  Nahrungstage  ungefähr  gleich- 
kommt Yon  da  ab  aber  geht  mit  der  Yerringerung  des  Eiweissvorraths 
auch  eine  stete  Yerringerung  des  Umsatzes  einher,  so  dass  die  Eiweiss- 
verarmung  nur  langsam  erfolgt  Erst  dann,  wenn  durch  andere  die 
Zerlegung  beeinflussende  Momente  —  z.  B.  psychische  Erregung, 
Fieber  u.  s.  w.  —  der  Umsatz  künstlich  hochgehalten  wird,  konunt  es 
zu  rascherem  und  stärkerem  Eiweissverlust 

Andrerseits  gelingt  es  aber  auch  nicht  leicht,  einem  an  Eiweiss 
verarmten  Körper  wieder  einen  besseren  Eiweissbestand  zu  verschaffen. 
Mit  einer  vermehrten  Eiweisszufuhr  hält  die  Zerlegung  immer  wied^ 
gleichen  Schritt,  und  erst  eine  richtige  Gombination  von  Eiweiss,  Fett 
und  Kohlehydraten  vermag  eine  Besserung  des  Körperzustandes  herbei- 
zuführen (8.  S.  243). 

Das  im  Körper  zerstörte  Eiweiss  kann  nur  auf  einem  Wege  er- 
setzt werden:  durch  Zufuhr  von  Eiweiss  in  der  Nahrung.  Eine 
Bildung  von  Eiweiss  aus  anderem  Nährmaterial,  wie  sie  die  Pflanzen 
in  grossem  Umfange  bewirken,  vermag  der  Körper  nicht  zu  leisten. 


Die  Deckung  des  Nähntoffbedarfs  des  Menschen.  233 

Aosser  den  echten  Eiweisdörpem  kommen  in  der  Nahrung  noch  andere 
N-haltige  Stoffe  vor,  welche  nicht  vollwerthige  Eiweisskörper  darstellen,  und 
auch  för  die  Emfthrung  nicht  die  gleiche  Bedeutung  haben  wie  diese.  Es  sind 
dies  die  leimgebenden  Substanzen,  Glutin  und  Ohondrin,  femer  Albumosen, 
Pepton,  Nudeln,  Lecithin,  Kroatin,  Asparagin  und  andere  Amidoverbindungen. 

Nur  die  Albumosen  scheinen  das  Eiweiss  voll  ersetzen  zu  können.  — 
Was  den  Leim  betrifit,  so  ist  derselbe  chemisch  insofern  von  den  Eiweisskörpem 
verschieden,  als  in  ihm  die  aromatische  Gruppe  fehlt,  die  bei  gewisser  Zerlegung 
von  Eiweiss  zum  Auftreten  von  Tyrosin  führt  Früher  wurde  er  gleichwohl  für 
besonders  nahrhaft  und  dem  Eiweiss  sogar  an  Nährstoffwerth  überlegen  be- 
trachtet Durch  VoiT*s  Versuche  ist  indess  ermittelt,  dass  allerdings  ein  grosser 
Theil  der  im  Körper  zerstörten  Eiweissmenge  durch  Leim  ersetzt  werden  kann; 
der  in  der  Nahrang  genossene  Leim  übt  eine  Eiweiss  sparende  Wirkung  aus, 
der  Art,  dass  100  g  Leim  circa  36  g  Eiweiss  vor  dem  Zerfall  schützen.  Aber 
wenn  auch  die  Leimzufnhr  beliebig  gesteigert  wird,  so  ist  es  doch  nicht  mög- 
lich, ganz  ohne  Eiweisszufuhr  auszukommen.  Fortwährend  wird  vielmehr  ein 
kleines  Plus  von  N  ausgeschieden,  das  muthmaasslich  dem  organisirten  Eiweiss 
entstammt,  und  diesen  Hieil  des  Eiweissumsatzes  vermag  man  daher  mit  Leim 
nicht  zu  decken.  —  Auch  die  Peptone  haben  nach  Voit*b  Versuchen  eine 
Shnliche  Bedeutung  wie  der  Leim.  In  der  vollen,  zusammengesetzten 
Nahrung  können  wir  freilich  Leim  und  Pepton  als  dem  Eiweiss  gleich- 
werthig  betrachten,  weil  dann  immer  so  viel  Eiweiss,  als  neben  Leim  und 
Pepton  eingeführt  werden  muss,  in  der  Nahrung  enthalten  zu  sein  pflegt 

Die  Nuclei'ne,  die  z.  B.  in  den  Zellkernen  enthalten  sind,  können  nicht 
als  Nährstoffe  angesehen  werden,  da  sie  nicht  unverändert  resorbirt  werden. 
Die  Lecithine,  im  Eidotter,  Gehirn  in  grösserer  Menge  enthalten  und  sehr 
verbreitet,  werden  vom  Pankreaesaft  inNeurin,  Glycerinphosphorsäure  und  Stearin- 
säure zerlegt,  und  haben  ebenfalls  keine  den  Eiweissstoffen,  sondern  höchstens 
eine  den  Fetten  ähnliche  nährende  Wirkung.  DieAmidoverbindungen  äussern 
beim  Menschen  durchaus  keine  sparende  Wirkung  auf  den  Eiweissumsats;  nur 
für  Pflanzenfresser  wird  eine  dem  Leim  analoge  Bolle  des  Asparagins  behauptet. 

2.  Die  Fette. 

Das  Fett  wird  im  Gegensatz  za  den  Eiweissstoffen  im  Körper  sehr 
schwer  zerlegt,  f&r  gewöhnlich  nur  in  einer  Menge  von  50 — 100  g. 
Wird  mehr  Fett  anfgenommen,  so  wird  der  Rest  in  den  Depots  abgelagert; 
es  hat  also  die  Yermehning  des  Fettes  keinen  den  Umsatz  steigern- 
den Einfluss.  Dagegen  werden  bei  Muskelarbeit  ansserordentUch  viel 
grössere  Fettmengen  zerstört  als  bei  Rabe.  Die  Steigerung  der  Fett- 
zerlegung  kann  das  8 — 4  fache  betragen,  und  je  grösser  die  Arbeits- 
leistung, um  so  mehr  Fett  wird  zerstört  Die  Leistungen  des  Fettes 
bei  seiner  Zerlegung  bestehen:  1)  darin,  dass  es  bedeutende  Mengen 
Ton  Wärme  erzeugt;  2)  wird  der  Eiweisszerfall  wesentlich  verringert^ 
wenn  Fett  neben  Eiweiss  im  Saftestrom  drculirt  Wird  allerdings  bei 
wenig  Eäweiss  reichlich  Fett  in  der  Nahrung  gegeben,  so  tritt  die  er- 
sparende Wirkung  nicht  deutlich  hervor.  —  Von  grosser  Bedeutung 


234  Emährong  und  Nahrangsmittel. 

ist  die  sparende  Wirkung  des  Fettes  in  den  Fällen,  wo  die  Nahrongs- 
znfnhr  wegen  Eranklieit  n.  s.  w.  stark  absinkt  oder  aufhört  Es  werden 
dann  stets  die  Fettdepots  des  Körpers  in  betrachtUchem  Grade  ange- 
griffen,  nnd  die  Zerstörong  der  Eiweissstoffe  wird  bedeutend  herabge- 
setzt Die  Yerbrennungswarme  des  in  einem  Gesunden  abgelagerten 
Fettes  betragt  8  mal  so  viel,  als  die  Yerbrennungswarme  des  gesammten 
Zelleiweisses  und  des  leimgebenden  Gewebes  zusammengenommen 
(Rübneb). 

Das  im  Körper  zerstörte  Fett  ist  durch  Fett  der  Nahrung  zu 
ersetzen.  Es  eignen  sich  dazu  die  Fette  sowohl  der  thierischen,  wie 
auch  der  pflanzlichen  Nahrungsmittel.  Dabei  ist  nur  zu  beachten, 
dass  lediglich  solche  Fette  einer  Resorption  und  einer  Zerlegung  im 
Körper  föhig  sind,  welche  unter  40^  flüssig  sind;  Stearin  z.  B.  ist  yoll- 
kommen  unverdaulich. 

Es  besteht  indess  auch  die  Möglichkeit,  das  Fett  aus  Kohle- 
hydraten im  Körper  zu  bilden,  wenn  letztere  in  überreichlicher 
Menge  gegeben  werden.  Indess  stösst  die  dauernde  Resorption  solcher 
Kohlehydratmengen  auf  erhebliche  Schwierigkeiten. 

Sehr  gat  geeignet  zur  Vertretung  des  Fettes  sind  die  Fettsänrön,  die 
einen  so  grossen  Procentsatz  im  Fettmolekül  ausmachen ,  dass  sie  ungef&hr  die 
gleiche  ersparende  Wirkung  ausüben,  wie  die  Fette  selbst  Das  Glycerin  da- 
gegen hat  keinerlei  Einfluss,  weder  auf  den  Eiweiss-,  noch  auf  den  Fettumsatz. 

8.  Die  Kohlehydrate. 

Mit  Eiweiss  und  Fett  sollte  der  Mensch  eigentlich  seinen  Nahrungs- 
bedarf vollständig  decken  können;  indessen  gelingt  dies  schwer,  weil 
die  Grenzen  für  Resorption  der  Fette  beim  Menschen  relativ  eng  ge- 
zogen sind.  Wir  sehen  daher,  dass  in  der  Nahrung  noch  ein  anderer 
stickstofifreier  Bestandtheil  in  ausserordentlich  grossen  Mengen  genossen 
wird,  n&mlich  die  Kohlehydrate  (Glykosen  von  der  Formel  CgHj,0^ 
resp.  Anhydride  derselben).  Merkwürdigerweise  finden  wir  aber  im 
Körper  stetig  nur  Spuren  von  Kohlehydraten,  kleine  Mengen  von 
Glykogen,  die  gegenüber  den  4 — 500  g  genossener  Kohlehydrate  völlig 
verschwinden.  Es  erklärt  sich  dies  dadurch,  dass  die  Kohlehydrate 
unter  allen  Umstanden  bei  Ruhe  und  Arbeit  rasch  und  voUständig  im 
Körper  zerfallen  und  zu  den  Endprodukten  Kohlensaure  und  Wasser 
verbrannt  werden.  Sie  werden  also  nie  zu  bleibender  Körpersubstanz 
umgewandelt,  ausgenommen  wenn  bei  sehr  grossen  Gaben  ein  Theil 
zur  Fettbildung  verwandt  wird. 

Bei  ihrer  völligen  und  schnellen  Verbrennung  liefern  dann  die 
Kuhlehydrate  1)  erhebliche  Mengen  Wärme;  2)  äussern  sie  eine  den 


Die  Deckung  des  Nähntoffbedarfb  des  Menschen.  235 

Eiweissnmsatz  herabsetzende  Wirkung,  und  zwar  unter  allen  Umstanden, 
einerlei  ob  viel  oder  wenig  Ei  weiss  in  den  Säften  drculirt,  also  voll- 
kommener als  die  Fette;  8)  bewirken  die  Kohlehydrate  eine  geringere 
Zerstörung  des  Fettes,  und  fuhren  häufig  eine  Ablagerung  von  Fett 
im  Körper  herbei;  4)  können  die  Kohlehydrate  selbst  eine  Umwandlung 
in  Körperfett  er&hren. 

Die  Deckung  des  Kohlehydratbedarfe  geschieht  durch  die  Kohle- 
hydrate der  Nahrung,  durch  Rohr-  und  Milchzucker,  hauptsächlich 
aber  durch  Stärke,  die  allmählich  und  langsam  im  Darm  in  resor- 
birbaren  Zucker  übergeht  und  also  gleichsam  ein  nachhaltiges  Reserroir 
darstellt,  aus  welchem  der  Körper  für  lange  Zeit  fortgesetzt  kleinere 
Mengen  von  Kohlehydraten  in  den  Säfbestrom  äberfOhrt. 

4.  Das  Wasser. 

Das  Wasser  bildet  einen  wesentlichen  Bestandtheil  der  Organe 
imd  Säfte;  es  ist  als  Lösungsmittel  und  zum  Transport  der  löslichen 
Substanzen  Ton  grosser  Bedeutung;  es  betheiligt  sich  an  der  Wärme- 
regulirung  des  Körpers. 

Daher  ist  fast  stets  voller  Ersatz  der  ausgeschiedenen  Wasser- 
menge erforderlich,  und  dieser  erfolgt  vorzugsweise  durch  Zufuhr  von 
Wasser,  kann  aber  auch  durch  Zufuhr  verbrennbaren  Wasserstofis 
(Kohlehydrate  u.  s.  w.)  geschehen.  Manche  Thiere  (Pflanzenfresser)  kommen 
nur  mit  der  letzteren  Art  von  Zufuhr  und  ohne  Wassergenuss  längere 
Zeit  aus.  Für  den  Menschen  ist  indess  präformirtes  Wasser  in  einer 
Menge  von  1 — 2  Liter  und  mehr  erforderlich. 

Eine  abnorme  Verminderung  der  Wasserzufuhr  kommt  bei  frei 
gestellter  Nahrungsaufnahme  kaum  vor;  dagegen  kann  sehr  leicht  ein 
üebermaass  von  Wasser  eingef&hrt  werden. 

Yor&bergehende  Erhöhung  der  Wasserzufuhr  bewirkt  dann  zu- 
nächst eine  vermehrte  Stickst^^fiTausscheidung,  die  indess  wesentlich  auf 
Ausspülung  angesammelter  Exkrete  beruht.  Anhaltende  abnorm  starke 
Wasserzufuhr  bat  insofern  gewisse  Nachtheüe  im  Gefolge,  als  leicht 
eine  starke  Verdünnung  der  Verdauungssäfte  und  nach  Angabe  einiger 
Beobachter  eine  Ueberbürdung  des  Ffortaderkreislaufs  entsteht,  welche 
auf  die  allgemeinen  Verhältnisse  des  Blutdrucks  zurückwirkt  Femer 
wird  dabei  den  circulatorisohen  Apparaten  übermässige  Arbeit  zuge- 
muthet,  und  die  Zellfunktionen  scheinen  weniger  energisch  vor  sich  zu 
gehen.  Allerdings  verfügt  der  Körper  über  gute  regulatorische  Vor- 
richtungen, und  der  völlig  gesunde  Körper  kann  daher  auch  den  Oenuss 
grosser  Flüssigkeitemengen  lange  Zeit  ohne  Schaden  ertragen.    Aber 


236  Ernfihnuig  und  Nahrangsmittel. 

wenn  geringe  Abnormitäten,  Herzschwäche,  Yerdaaungsstörungen, 
Anämie  n.  s.  w.  bereits  vorliegen,  sollte  nnnöthige  Wasserzufahr  yer- 
mieden  werden. 

5.  Die  Salze. 

Werden  die  ausgeschiedenen  Salze  des  Körpers  nicht  ausreichend 
ersetzt,  so  giebt  derselbe  zunächst  eine  Zeit  lang  aus  seinem  Bestände 
her;  bei  andauernd  salzarmer  Nahrung  treten  eigenthümliche  nervöse 
Erscheinungen  und  schliesslich  der  Tod  ein.  Derartige  Folgen  be- 
obachtet man  aber  nur  bei  Ernährung  mit  künstlich  salzfrei  ge- 
machter Nahrung;  in  der  üblichen  gemischten  Eost  sind  die  nöthigen 
Salzmengen  gewöhnlich  vollauf  enthalten,  während  eine  einseitige  Er- 
nährung z.  B.  mit  animalischer  Eost  und  Mehlpräparaten  Defekte  in 
der  Blutbildung  zur  Folge  zu  haben  scheint  Yermuthlich  sind  die 
grünen  Gemüse  als  Lieferanten  der  dem  Eörper  nöthigen  Salze  von 
besonderer  Bedeutung. 

Beim  Hund  kommt  es  durch  ausschliessliche  Fleischnabrang  in  einem 
Kalk  deficit  und  damit  zu  rachitischen  Erscheinungen.  —  Bei  ausschliesslicher 
Pflanzennahrung  entsteht  femer  ein  Kochsalzdeficit,  indem  die  Kalisalze  der 
Vegetabilien  sich  mit  dem  Kochsalz  des  Körpers  umsetzen;  es  werden  Natrium- 
phosphat und  Kaliumchlorid  gebildet,  und  es  kommt  so  eine  fortgesetzte  Ver- 
armung  an  ClNa  zu  Stande.  —  Ein  Mangel  an  Kalisalzen  in  Folge  ausschliess- 
lich animalischer  Kost  soU  Skorbut  hervorrufen;  doch  ist  dies  unwahrscheinlich, 
da  auch  bei  vorwiegender  Pflanzenkost  (Gefangene)  oft  Skorbut  beobachtet 
wird;  in  beiden  Fällen  fehlt  es  wohl  eher  an  grünen  Gemüsen. 

Sehr  empfindlich  scheint  endlich  der  Körper  gegen  eine  zu  geringe  Zu- 
fuhr von  Eisen  zu  sein.  Man  nimmt  an,  dass  das  Eisen  aus  der  Nahrung  in 
organischen,  den  NudeYnen  fthnlichen  Verbindungen  resorbirt  wird,  von  denen 
im  Ganzen  nur  sehr  kleine  Mengen  für  den  Körper  erforderlich  sind.  Auch  das 
Eisen  ist  vorzugsweise  in  den  grünen  Gemüsen  (Spinat,  Bohnen  u.  s.  w.)  enthalten. 

6.   Die  Genuss-  und  Reizmittel. 

Eine  aus  reinem  Eiweiss,  Fett,  Kohlehydraten,  Wasser  und  Salzen 
zusammengesetzte  Nahrung  würde  immer  in  einem  wesentlichen  Punkt« 
noch  einer  Ergänzung  bedürfen:  sie  würde  nur  mit  Widerstreben  ge- 
nossen  werden,  so  lange  nicht  eine  Gruppe  von  Stoffen  vertreten  ist, 
die  wir  regelmässig  in  der  Nahrung  aller  Völker  beobachten,  nämlich 
die  sogenannten  „GenussmitteP'.  Theils  versteht  man  unter  dieser  Be- 
zeichnung die  in  der  Nahrung  enthaltenen  oder  ihr  zugesetzten 
schmeckenden  Stoffe  (die  schmeckenden  Stoffe  des  gebratenen  Fleisches; 
das  Aroma  der  Früchte;  organische  Säuren,  wie  Weinsäure,  Citronen- 
säure;  auch  den  Zucker;  femer  die  sog.  Würzmittel,  wie  Sabs,  Pfeffer, 
Senf  U.S.  w.);  theils  Substanzen,  welche  weniger  wegen  ihres  Geschmacks, 


Die  Deckung  des  Nährstoffbedarfs  des  Menschen.  237 

als  yielmehr  wegen  ihrer  anregenden  Wirkung  auf  das  Nervensystem 
genossen  werden ,  also  mehr  als  Beizmittel  fungiren  (Thee,  Kaffee, 
Alkohol,  Tabak). 

Früher  hat  man  manchen  dieser  Substanzen  einen  nährenden  oder 
die  Zersetzung  von  Nährstoffen  ersparenden  Effekt  zugeschrieben.  Diese 
Ansicht  ist  jedoch  als  unrichtig  erwiesen;  kleinere  Dosen  haben  (ab- 
gesehen Yon  Zucker)  keinerlei  stoffliche  Wirkung;  grössere  Gaben  ?on 
Thee,  Kaffee  u.  s.  w.  f&hren  eher  zu  einer  Steigerung  des  Eiweissumsatzes, 
während  allerdings  für  den  Alkohol  eine  Eiweiss  sparende  Wirkung 
nachgewiesen  ist 

Sodann  hat  man  sich  wohl  vorgestellt,  dass  wenigstens  die  Aus- 
nutzung der  Nahrung  im  Darm  wesentlich  durch  den  Zusatz  der  Genuss* 
und  Reizmittel  beeinflusst  werde.  Auch  das  hat  sich  nicht  bestätigt. 
Yon  Thieren  und  Menschen  wird  eine  geschmacklose  oder  gar  wider- 
liche, mit  Ekel  genossene  Nahrung  trotzdem  gut  ausgenutzt 

Die  Bedeutung  der  Genussmittel  liegt  vielmehr  darin,  dass  sie 
zunächst  zur  Aufnahme  von  Nahrung  anregen.  Selbst  Versuchsthiere 
weisen  eine  künstlich  geschmacklos  gemachte  Kost  hartnäckig  zurück, 
auch  wenn  ihnen  keine  andere  Nahrung  geboten  wird.  Der  Mensch 
ist  insofern  weit  empfindlicher,  als  gewisse  Aeusserlichkeiten,  ein  fremdes 
Aussehen,  ein  ungewohnter  Geruch,  ein  unappetitliches  Arrangement 
bereits  die  Aufnahme  der  Nahrung  hindern;  femer  stumpft  er  sich 
gegen  die  gleichen  Geschmacksreize  ausserordentlich  leicht  ab  und  ver- 
langt eine  häufige  Abwechslung  derselben.  In  den  Geföngnissen  ist 
nichts  mehr  gefürchtet  als  das  ewige  Einerlei  der  breiigen  Consistenz 
der  Kost  und  des  Hülsenfruchtaromas;  und  sehr  häufig  beobachtet  man 
dort  den  Zustand  der  „Abgegessenheit'',  in  welchem  die  gleiche  Nah- 
rung hartnäckig  verweigert  wird,  die  vor  Wochen  oder  Monaten  gern 
genossen  wurde.  Dieser  zwingende  Einfluss  der  Geschmacksreize  auf  die 
Nahrungsaufnahme  ist  in  früherer  Zeit  viel  zu  wenig  gewürdigt  worden. 

Zweitens  äussern  viele  unter  den  Genuss-  und  Beizmitteln  eine 
günstige  Wirkung  auf  die  Yerdauungsorgane,  regen  (wie  z.  B.  kleine 
Dosen  Alkohol,  Nicotin  u.  a.  m.)  Magen-  und  Darmbewegung  an  oder 
befördern  (wie  Zusatz  von  Kochsalz,  Pfeffer,  Senf)  die  Sekretion  der 
Yerdauungsäfte.  Dazu  äussern  noch  manche  dieser  Substanzen  eine 
hemmende  und  regulirende  Wirkung  auf  das  Bakterienleben  im 
Darm;  besonders  die  ätherischen  Gele,  Senfol,  in  geringerem  Grade 
auch  Alkohol,  Kaffee  u.  s.  w.  sind  geradezu  Desinficientien  und  können 
daher  sehr  wohl  die  Zersetzungen  im  Speisebrei  und  den  Besorptions- 
modus  beeinflussen.  —  Ist  also  auch  die  schliessliche  Ausnutzung  einer 
Kost  mit  und  ohne  Beizmittel  ziemlich  die  gleiche,  so  treten  doch  im 


238  Emfthnmg  und  NahnuigsmitteL 

letzten  Falle  leioht  allerlei  Störungen  der  Verdauung  auf,  welche 
in  der  Folge  die  Nahrungsaufnahme  herabsetzen;  und  es  ist  eben 
Aufgabe  der  genannten,  je  nach  Bedarf  abzustufenden  Reizmittel,  die 
Verdauung  so  zu  leiten,  dass  sie  ohne  alle  Belästigung  ablauft  und 
die  weitere  Nahrungszufuhr  nicht  beeinträchtigt 

Drittens  sind  dann  die  eigentlichen  Beizmittel  noch  dadurch 
wichtig,  dass  sie  die  Empfindung  ungenügender  Ernährung  und 
Leistungsfähigkeit  verdecken.  Ihre  die  Nerven  anregende,  den  Blut* 
druck  und  die  Energie  steigernde  Wirkung  steht  mit  psychischen  Ein- 
drücken, begeisternden  Ideen  u.  s.  w.  auf  einer  Stufe.  In  unserer  Zeit 
regen  Schaffens  uud  Strebens  sind  derartige  Beizmittel,  welche  ohne 
Schlaf  oder  störende  Nahrungsaufnahme  die  Leistungs&higkeit  des 
ermüdeten  Körpers  wieder  herstellen,  von  grosser  Bedeutung.  Zweck- 
mässig werden  dabei  nur  solche  Mittel  verwendet^  welche  von  störenden 
Neben-  und  Nachwirkungen  möglichst  frei  sind,  und  eine  feine,  dem 
jeweiligen  Bedarf  angepasste  Abstufung  gestatten. 

B^ben  somit  die  Genuss-  und  Beizmittel  unleugbar  eine  grosse 
und  vielseitige  Bedeutung  für  die  Ernährung,  so  ist  doch  andererseits 
ein  Maasshalten  in  ihrem  Gebrauch  aufs  dringendste  indicirt  Vor 
allem  ist  beim  Gebrauch  der  Reizmittel  darauf  zu  achten,  dass  nicht 
etwa  Gewöhnung  an  kleine  Dosen  eintritt,  welche  zur  Anwendung 
stetig  grösserer  verleitet;  femer  dass,  wenn  der  Körper  durch  Reizmittel 
über  das  Nahrungsbedürfniss  weggetäuscht  wurde,  die  Nahrungszufuhr 
in  vollem  Maasse  nachgeholt  wird.  Andernfalls  ist  eine  schnelle  und 
schwer  reparable  Verschlechterung  des  Ernährungszustandes  unaus- 
bleiblich. 

Zu  schweren  Folgen  führt  insbesondere  der  Alkoholmissbrauch. 
Derselbe  ruft  Erkrankungen  des  Herzens,  der  Leber,  der  Nieren  und 
des  Centrainer vensjstems  hervor,  so  dass  Alkoholiker  eine  erheblich 
grössere  Mortalität  zeigen  als  solche  Menschen,  die  nur  wenig  Alkohol 
geniessen  oder  sich  des  Alkoholgenusses  völlig  enthalten  (Temperenzler, 
Abstinenzler).  Ausseriiem  hebt  der  Alkoholgenuss  bei  vielen  Menschen 
die  sittliche  Selbstbeschränkung  auf;  leichtsinnige  Handlungen,  Roh- 
heiten, Vergehen  und  Verbrechen  sind  sehr  oft  auf  Alkoholrausch 
zurückzuführen. 

Eine  Bekämpfung  des  Alkoholmissbrauohs  muss  erfolgen  theils 
durch  repressives  Eingreifen  (Controle  der  Schankstätten,  Beschränkungen 
für  die  Gewohnheitstrinker,  Trinkerasyle  u.  s.  w.),  theils  durch  präventive 
Maassregeln.  Bei  der  Auswahl  der  letzteren  darf  man  nicht  vergessen, 
dass  in  den  unteren  Volksschichten  in  Folge  fortgesetzter  Unterernährung 
ein  mächtiger  Trieb  nach  Reizmitteln  vorhanden  ist,  und  dass  der  Be- 


Die  Deckung  des  Nähntoffbedarfs  des  Menschen.  239 

Tölkening  andere  weniger  schädliche  Reizmittel ,  Kaffee,  Thee  o.  s.  w., 
erentuell  sogar  unter  Beigabe  kleiner  Alkoholmengen,  in  bequemster 
Weise  und  für  billigsten  Preis  dargeboten  werden  müssen,  wenn  der 
Kampf  gegen  Alkoholmissbrauch  erfolgreich  sein  solL  Zahlreichste 
kleine,  aus  öffentlichen  oder  privaten  Mitteln  unterstützte  Kaffee*  und 
Theehäuser  sind  am  besten  im  Stande,  dem  Schankstattenunwesen  Ab- 
bruch zu  thun.  In  Verfolgung  femer  liegender  Ziele  ist  die  Besserung 
der  Ernährung  und  der  Wohnung  der  arbeitenden  BeTölkerung,  sowie 
deren  gesamte  sociale  Hebung  anzustreben,  aus  der  sidi  ohne  weiteres 
eine  Einschränkung  des  Alkoholmissbrauchs  ergeben  wird. 

IL  QnantitatiTe  YerhSltnisse  des  NXhrstoffbedarfiB. 

Zur  Ermittelung  der  erforderlichen  Nährstofimengen  dienen  folgende 
Wege: 

1)  Unteranchnngen  im  Respirfttionsapparat  and  Stickstoffbestimmangen 
im  24  stündigen  Harn  bei  einzelnen  gesnnden  Menschen.  Da  aber  richtige 
Mittelwerthe  nnr  dann  erhalten  werden,  wenn  grosse  Beobachtongsreihen  zu 
Grande  liegen,  so  geben  die  folgenden  Methoden  bessere  Aufschlüsse. 

2)  Ausgehend  von  der  Erwägung,  dass  das  Menschengeschlecht  durch  In- 
stinkt und  uralte  Tradition  im  grossen  Ganzen  eine  richtige  Zusammensetzung 
der  Nahrung  gefunden  hat,  können  wir  aus  der  Kost  frei  lebender  gesunder 
Individuen  die  nothwendige  Menge  und  das  richtige  Mischnngsverhältniss  der 
Nahrung  entnehmen.  Man  erhält  um  so  brauchbarere  Zahlen,  je  zahlreichere 
Untersuchungen  ausgeführt  werden.  Das  VerfiBihren  besteht  darin,  dass  stets 
eine  der  genossenen  gleiche  Portion  der  Nahrung  in*8  Laboratorium  geschaflft 
und  dort  einer  genauen  Analyse  unterworfen  wird.  Womöglich  ist  die  Stick- 
stoffbestimmung im  24 stündigen  Harn  zuzufügen,  damit  man  sich  von  dem 
Gleichgewichtszustand  des  Körpers  der  untersuchten  Individuen  überzeugt 
Femer  ist  die  Menge  der  erfiahrungsgemSss  nicht  resorbirten  Nährstoffe  zu 
berücksichtigen.  —  Bei  zahlreichen  Arbeitern,  Aerzten  u.  s.  w.  sind  in  dieser 
Weise  Erhebungen  angestellt 

3)  Mit  Hülfe  sorgföltig  geführter  Haushaltungsbücher,  wie  sie  sich  in 
manchen  Familien,  in  öffentlichen  Anstalten,  beim  Militär  u.  s.  w.  vorfinden, 
kann  man  die  gewünschten  Bedarfszahlen  durch  einfache  Berechnung  finden. 
Auch  die  statistisch  festgestellte,  in  einem  ganzen  Lande  verzehrte  Menge  be- 
stimmter Nahrungsmittel  gestattet  derartige  Berechnungen.  Aus  den  Haus- 
haltnngsbüchem  ist  die  pro  Monat  (Jahr)  eingekaufte  und  verwendete  Menge 
der  einzelnen  rohen  Nahrungsmittel  festzustellen.  Von  diesen  sind  in  Abzug 
an  bringen  die  Abfälle,  und  zwar  ist  zu  rechnen  bei: 

Fische 26  /^  Abfall 

Kartoffeln 40  «/o  „ 

Weiss-  und  Bothkohl    .  28<»/o  „ 

Kohbüben 887o  „ 

Mohrrüben SO^j^  „ 

(je  nach  den  Lieferungsverträgen  kom-     Kohlrabi 28%  „ 

men  starke  Schwankungen  vor;  daher  | 

wo  mOglidi  besonders  zu  controliren.)  I 


Bindfleisch     .    .    . 

.    16    7o  Abfall 

Hammelfleisch    .    . 

.      11     Vo         ,, 

Kalbfleisch     .    .    . 

.     18,5  7o        „ 

Schweinfleisch    .    . 

.     10,ö«/o        „ 

Fleisch  im  Mittel    . 

.     18    7«        ., 

240  Ernährung  nnd  Nahrangsmittel. 

Die  übrig  bleibenden  Nahrungsmittel  gelten  als  verzehrt.  Für  diese  ist 
nach  der  Tab.  S.  251  die  Menge  der  physiologisch  verwerthbaren  Calorien; 
oder  nach  S.  252  die  consumirte  Menge  von  Eiweiss,  Fett  und  Kohlehydraten 
zu  berechnen,  dabei  aber  der  nicht  resorbirbare  Antheil  von  Eiweiss  und  Kohle- 
hydraten nach  der  Tab.  S.  247  in  Abzug  zu  bringen. 

Man  erhält  so  die  Summe  der  verzehrten  verdaulichen  Mengen  an  Calorien^ 
Eiweiss,  Fett  und  Kohlehydraten,  und  mittelst  Division  durch  die  Kopfzahl 
die  pro  Kopf  und  Monat  (resp.  nach  Division  durch  die  Zahl  der  Tage  die  pro 
Kopf  und  Tag)  entfallende  Ration  an  Nährstoffen. 

Ans  den  nach  vorstehenden  Methoden  angestellten  Untersuchungen 
haben  sich  bestimmte  Mittelzahlen  für  den  Bedarf  des  Körpers  ergeben, 
der  verschieden  ausfallt,  wenn  nur  der  Bestand  erhalten,  oder  wenn 
Ansatz  von  Eiweiss  oder  Fett,  oder  aber  Verlust  von  Fett  erzielt 
werden  soll. 

1.  Erhaltung  des  Körperbestandes  (Erhaltungskostmaass). 

Die  Mittelzahl  für  den  24  ständigen  Nährstoff  bedarf  erwachsener 
Männer  ist,  sofern  nur  der  Oesammt-Kraftwechsel  in  Frage  kommt, 
»  3000  Galerien;   und  unter  Berücksichtigung  der  Yertheilung  auf 
die  verschiedenen  Nährstoffe: 
105  g  verdauliches  Eiweiss,  56  g  Fett,  500  g  Kohlehydrate  (Yoir). 

Diese  Zahlen  unterliegen  durch  den  Einfluss  verschiedener  Mo- 
mente erheblichen  Schwankungen: 

1)  durch  die  Körpergrösse,  oder  genauer  den  Umfang  der  thä- 
tigen  Muskel-  und  Drüsenzellen.  Dieselbe  ist  von  grosser  Bedeutung; 
oft  treten  bei  der  Vergleichung  ganzer  Völker  oder  Bevölkerungsklassen 
ausgeprägte  Differenzen  hervor  ^  z.  B.  sind  durchschnittlich  bei  den 
kleineren  und  schwächlichen  sächsischen,  italienischen,  japanischen 
Arbeitern  wesentlich  niedrigere  Zahlen  beobachtet  als  bei  dem  grösseren 
und  kräftigeren  oberbaierischen  Arbeiter.  Im  Mittel  sind  40 — 50  Ca- 
lorien pro  Kilo  Körpergewicht  zu  rechnen.  —  Zu  beachten  ist  anderer- 
seits, dass  die  Wärmebildung  bei  verschieden  grossen  Individuen  von 
der  Oberflächenentwicklung  abhängt,  so  zwar,  dass  je  kleiner  ein  Thier 
ist,  um  so  grösser  die  auf  1  Kilo  Körpergewicht  treffende  Oberfläche 
und  um  so  grösser  auch  die  pro  Kilo  Körpergewicht  gebildete  Wärme  ist 

2)  durch  die  individuelle  Energie  und  Beizbarkeit.  Leb- 
hafte, leicht  erregte,  immer  geistig  thätige  Menschen  bedürfen  grösserer 
Nahrungsmengen  zur  Erhaltung  ihres  Körperbestandes  als  trägere 
Temperamente.  Auch  derartige  Gegensätze  finden  sich  oft  bei  ganzen 
Yölkerracen  ausgeprägt  (Yankees  und  Kreolen). 

3)  durch  die  Arbeitsleistung.  Bei  der  Arbeitsleistung  wird 
erheblich  mehr  Wärme  gebildet  unter  Steigerung  der  Zerlegung  von 


Die  DeckuDg  des  Nährstoffbedarfs  des  Menschen.  241 

Fett  und  Kohlehydraten.  Es  sind  also  dem  Arbeitenden  mehr  Fett 
und  Kohlehydrate  in  der  Nahrung  zuzuführen.  Einseitige  Steigerung 
der  Kohlehydrate  belästigt  leicht  die  Yerdauungsorgane;  daher  ist 
jedenfalls  ein  Theil  des  Kohlenstoffs  in  Form  von  Nahrungsfett  zu- 
zuführen. —  Bei  andauernder  angestrengter  Arbeit  ist  aber  nicht 
minder  eine  Erhöhung  der  Eiweisszufuhr  noth wendig,  weil  dann  die 
zerlegenden  Zellen  verhältnissmassig  grossen  Umfang  haben  und  sich 
stark  abnutzen,  und  weU  auch  ein  starker  Eiweissgehalt  der  Säfte  für 
die  Unterhaltung  der  energischen  Leistung  forderlich  zu  sein  scheint 

4)  durch  das  Lebensalter.  Mit  dem  Alter  pflegt  der  StofFumsatz 
abzunehmen;  jedoch  tritt  dieser  Zeitpunkt  oft  sehr  spät  ein,  und  bei 
Erhaltung  der  geistigen  Regsamkeit  vermindert  sich  auch  der  Nahrungs- 
bedarf nur  wenig.  —  Ueber  den  Bedarf  des  kindlichen  und  wachsenden 
Körpers  s.  unten. 

5)  Das  Geschlecht.  Frauen  haben  im  Allgemeinen,  entsprechend 
ihrem  kleineren  Körper  und  der  geringeren  Arbeitsleistung  geringeren 
Nährstoffbedarf.  Bei  alten  sich  ruhig  verhaltenden  Frauen  (Spittel- 
bewohnerinnen)  finden  wir  das  niedrigste  Kostmaass,  das  überhaupt  zur 
Beobachtung  gelangt 

6)  Eine  Ausnahme  machen  die  Frauen  zur  Zeit  der  Gravidität 
und  namentlich  zur  2ieit  der  Laktation.  Während  der  Laktation  ist 
in  erster  Linie  reichliche  Eiweisszufuhr  nothwendig,  weil  bei  einer  Ver- 
minderung derselben  die  Sekretion  der  Milch  rasch  beeinträchtigt  wird 
und  Schrumpfen  der  Milchdrüse  eintritt  Erhöhte  Fett-  und  Kohle- 
hydratzufuhr wirkt  bei  zu  wenig  Eiweiss  in  keiner  Weise  steigernd  auf 
die  Milchsekretion. 

7)  Witterung  und  Klima.  Je  nach  der  Aussentemperatur 
varürt  der  Eiweisszerfall  relativ  wenig;  dagegen  wird  die  Wänne- 
bildung  durch  Kälte  gesteigert  (s.  S.  98).  Bei  gleichbleibender  Kost 
müssten  wir  daher  eigentlich  im  Sommer  an  Gewicht  zu-,  im  Winter 
abnehmen.  Thatsächlich  tritt  indess  in  praxi  häufig  das  Gegentheil 
ein,  weil  im  Sommer  der  Appetit  geringer  ist,  leichter  Yerdauungs- 
st-örungen  auftreten,  und  weU  reichlichere  Bewegung  im  Freien  zu 
starker  Schweisssekretion   und  lebhafterer  Fettzerlegung  Anlass  giebt 

Im  Sommer  und  im  heissen  Klima  ist  der  Kraftwechsel  des 
Arbeitenden  der  gleiche  wie  im  kalten  Klima.  Für  den  Ruhenden 
besteht  bei  massiger  Ernährung  keine  wesentliche  Aenderung  im  körper- 
lichen Verhalten,  dagegen  wird  der  Kraftwechsel  in  belästigender  Weise 
gesteigert  durch  Uebemährung,  besonders  durch  Eiweissüberschuss. 

FlOogb,  Qrundriw.    V.  Aafl.  16 


242 


Em&hnmg  nnd  Nahmngsmittel. 


Im  kalten  Klima  ist  energische  Wärmeprodoktion ,  femer  die 
Ablagerung  einer  gewissen  Fettschicht  im  Körper,  welche  die  Wärme- 
abgabe einschrankt  y  von  Vortheil;  sodann  sind  gewöhnlich  ausgiebige 
willkürliche  und  unwillkürliche  Bewegungen  zu  bestreiten.  Für  alle 
diese  Zwecke  ist  reichlichste  Nahrungszufuhr  indicirt. 

Für  die  wichtigsten  Schwankungen  im  Erhaltungskostmaass  ergiebt 
sich  sonach  folgende  Uebersicht: 


Kräftiger  Mann,  vorzugsweise 

rohend 

Schwächlicher  Mann,  ruhend  . 
Schwächlicher  Maun,  arbeitend 

Alte  Frau,  ruhend 

Kräftiger  Mann,  arbeitend  .  . 
Kräftiger  Mann,  stark  arbeitend 
Frau  zur  Zeit  der  Laktation    . 


Calorien 


Verd. 
Eiweiss 


Fett 


2400 
ISOO 
2400 
1600 
8000 
4S90 
3800 


105  g 

76 

76 

60 
122 
188 
180 


» 


i9 


w 


91 


» 


» 


50  g 

40  „ 

60  „ 

30  „ 

75-100  g 

100—150 

100  g 


Kohle- 
hydrate 


4— 600  g 

3—400 

4—500 

250 
4—500 


» 


1» 


w 


w 


iy 


6-600  „ 
450 


» 


Für  Kranke  und  Beconvalescenten  in  Bettruhe  sind  pro  Kilo 
Körpergewicht  20  GaL  zu  rechnen. 

2.  £iweiss-(Fleisch-)Ansatz  beim  Erwachsenen. 

Ein  Fleischansatz  ist  z.  B.  erforderlich  bei  Beconvalescenten,  ins- 
besondere nach  fieberhaften  Krankheiten,  wo  wir  einen  erheblich 
erhöhten  Umsatz  im  Körper,  eine  gesteigerte  Ausscheidung  von  Stick- 
stoff, Kohlensaure,  Salzen  (namentlich  Kalisalzen)  und  in  Folge  dessen 
rasche  Abnahme  des  Körpergewichts  beobachten.  —  Was  zunächst  die 
Ernährung  während  der  Krankheit  betrifft,  so  hegte  man  früher 
wohl  die  Befürchtung,  dass  durch  Darreichung  von  Nahrung  die 
Temperatur  erhöht  werde.  Aus  Stoffwechselversuchen  weiss  man  aber, 
welch'  enorme  Mengen  von  Nahrungsstoffen  zerlegt  werden  können, 
ohne  dass  die  Körpertemperatur  sich  irgendwie  ändert  Die  Zufuhr 
von  Nahrung  ist  dsJier  für  die  Körpertemperatur  relativ  belanglos  und 
erst  wenn  die  regulatorischen  Apparate  nicht  richtig  fnnktioniren,  kann, 
unbekümmert  um  die  Nahrungszufuhr,  Temperaturerhöhung  eintreten. 
Insofern  ist  daher  eine  Aufnahme  von  Nahrung  während  des  Fiebers 
nicht  contraindicirt;  wohl  aber  kommt  es  häufig  vor,  dass  es  im  Magen- 
saft an  Salzsäure  fehlt,  dass  der  Darmtractus  der  Kranken  sehr  em- 
pfindlich ist  und  durch  die  Nahrungszufuhr  gereizt  wird.  Mit  Bück- 
sicht hierauf  wird  man  gewöhnlich  nur  ein  geringes  Quantum  leicht 
verdaulicher  Nahrung  reichen  können;  so  viel  irgend  statthaft  ist^  sollte 


Die  Deckung  des  NährstofiTbedarfis  des  Menschen.  243 

man  aber  zufahren^  damit  nicht  eine  zu  rasche  Verarmung  des  Körpers 
an  Eiweiss  und  Fett  eintritt 

In  erster  Linie  sind  in  solchen  Fällen  Kohlehydrate  indicirt, 
da  durch  diese  der  EiweisszerMl  in  wirksamster  Weise  beschränkt  und 
die  Fettdepots  des  Körpers  geschont  werden.  Fette  sind  als  zu  schwer 
verdaulich  auszuschliessen ;  Eiweiss  oder  Pepton  ist  erst  dann  in  ge- 
ringer Menge  zu  geben,  wenn  bereits  eine  Zufuhr  von  Kohlehydraten 
besteht 

In  der  Beconvalescenz  ist,  so  lange  noch  kein  grösseres  Nah- 
rungsYolum  aufgenommen  werden  kann,  aus  denselben  Gründen  das 
Hauptgewicht  auf  Kohlehydrate  zu  legen.  In  einer  späteren  Periode, 
wo  bereits  so  viel  genossen  werden  kann,  dass  der  Gesammtbedarf  des 
Körpers  durch  die  Nahrung  voll  gedeckt  ist,  muss  das  Eiweiss  über 
den  Bedarf  des  Krafbwechsels  hinaus  gesteigert  werden,  um  reichlichen 
Ansatz  zu  erzielen.  Nahrungsfett  ist  in  geringer  Menge  zu  geben, 
da  es  leicht  Widerwillen  erregt  Die  Vegetabilien ,  mit  welchen  der 
grösste  Theil  des  Kohlehydratbedar&  gedeckt  werden  muss,  liefern  zu- 
gleich einen  Ersatz  der  im  Fieber  vermehrt  ausgeschiedenen  Kalisalze. 

Ein  besonderer  Fall  einer  auf  Fleischansatz  berechneten  Ernährung 
liegt  dann  vor,  wenn  durch  eine  länger  währende  irrationelle  Kost 
Eiweissverarmung  des  Körpers  eingetreten  und  vorzugsweise  Fett 
an  Stelle  der  verlorenen  Eiweissstoffe  zur  Ablagerung  gekommen  ist 
Solche  „aufgeschwemmte"  Individuen  müssen  vor  Allem  reichlich  Eiweiss, 
daneben  die  gewöhnliche  auch  in  der  Buhe  zerstörte  Fettmenge  und 
relativ  wenig  Kohlehydrate  (130—150  g  Eiweiss,  50  g  Fett,  300  g 
Kohlehydrate)  erhalten.  Um  das  Volum  der  Nahrung  zu  ergänzen 
und  Sättigung  zu  erzielen,  sind  cellulosereiche  Gemüse  und  Früchte 
zuzufügen.  Femer  sind  systematische  Muskelbewegungen  erforderlich, 
um  das  überschüssige  Körperfett  zu  zerstören.  Der  Wassergenuss  ist 
möglichst  einzuschränken  resp.  wenigstens  während  der  Mahlzeiten  zu 
vermeiden.  Die  Insufficienz  der  Verdauungssäfte  eiweissarmer  Individuen 
macht  es  ausserdem  oft  nothwendig,  dass  nur  leicht  verdauliche  Kost^ 
eventuell  unter  Zufügung  von  Salzsäure  und  Pepsin,  gereicht  wird. 

3.  Fettansatz. 

Eine  stärkere  Fettablagerung  wird  beim  Menschen  nicht  ange- 
strebt, da  sie  die  Leistungsfähigkeit  des  Körpers  hemmt  und  oft  ge- 
radezu pathologisch  wird.  Wohl  aber  kommt  es  unabsichtlich  nicht 
selten  zu  hochgradiger  Obesität  durch  eine  irrationelle  Ernährung,  und 
es  ist  wichtig  zu  wissen,  welche  Lebensweise  den  Fettansatz  am  meisten 

16* 


244  Ern&hrang  und  NahraDgsmittel. 

befördert^  damit  eine  solche  vermieden  werden  kann.  Im  Allgemeinen 
gelingt  die  intensivste  ^yMästong^  durch  genügende  Eiweiss-  und  reich- 
liche Fett-  und  Kohlehydratznfohr  neben  möglichster  Eörperruhe. 
Ob  Fett  oder  Kohlehydrate  besser  wirken,  das  hängt  namentlich  ab 
von  der  Leistungsfähigkeit  der  Yerdauungsorgane.  Bei  Pflanzenfressern 
gelingt  die  Mästung  lediglich  mit  Eiweiss  und  Kohlehydraten,  wobei 
allerdings  die  Eiweissmenge  gleichfalls  etwas  zu  steigern  ist.  Beim 
Menschen  zeigt  die  Combination  von  Fett  und  reichlich  Kohlehydraten 
gewöhnlich  den  schnellsten  Effekt  (etwa  120  g  Eiweiss,  100  g  Fett, 
500  g  Kohlehydrate).  Körperruhe  ist  eine  der  wesentlichsten  Be- 
dingungen zum  Gelingen  der  Mästung.  Ausserdem  gehört  aber  auch 
eine  gewisse  individuelle  Disposition,  ein  phlegmatisches  Temperament, 
dazu,  das  sich  bei  Manchen  erst  im  Alter  einstellt. 

4.  Fettverlust 

Abgesehen  von  der  Darreichung  von  Medicamenten,  namentlich 
Laxantien,  kann  eine  Entfettung  des  Körpers  erzielt  werden: 

a)  Durch  forcirte  Körperbewegung  ohne  gleichzeitige  Steigerung 
der  Nahrung;  das  Körperfett  muss  dann  der  Zerstörung  anheimfiEdlen. 
Der  Fettansatz  beginnt  aber  wieder,  sobald  die  Bewegung  vermindert 
oder  die  Nahrungszufuhr  erhöht  wird;  letzteres  geschieht  um  so  leichter, 
als  die  forcirte  Bewegung  den  Appetit  lebhaft  anzuregen  pflegt 

b)  Durch  fast  völliges  Fortlassen  des  Fettes  und  der  Kohlehydrate 
und  fast  ausschliessliche  Ernährung  mit  Eiweiss  (Bantingkur).  Die 
Kost  ist  alsdann  zur  Deckung  der  Gesammtausgaben  des  Körpers  un- 
zureichend, daher  wird  das  Fett  des  Körpers  in  den  Zerfall  einbezogen ; 
durch  reichliche  Bewegung  ist  dieser  Zerfall  zu  beschleunigen.  Häufig 
wird  bei  einem  derartigen  Regime  das  Hungergefühl  zu  lästig;  ferner 
entstehen  leicht  Verdauungsstörungen,  und  bei  langer  Fortsetzung  der 
Kur,  nachdem  das  Körperfett  grösstentheils  zerstört  ist,  kann  eine  nicht 
unbedenkliche  Eiweissverarmung  des  Körpers  sich  ausbilden. 

c)  Ebstein's  Methode,  bei  welcher  eine  sehr  geringe  Menge  von 
Kohlehydraten,  aber  reichlich  Fett  und  massig  Eiweiss  gegeben  wird. 
Die  Gesammtmenge  der  Nahrung  ist  unzureichend;  das  Hungergefühl 
soll  aber  durch  die  reichlichen  Fettmengen  unterdrückt  und  die  Kur 
somit  für  längere  Zeit  durchführbar  werden.  Bei  Vielen  erzeugen 
indess  die  grossen  Fettgaben  Widerwillen  oder  Verdauungsstörungen; 
und  dann  kommt  es  zu  rascher  Eiweissverarmung,  die  gerade  bei  fetten 
Individuen  gefahrlich  ist  Für  solche,  die  viel  Fett  consumiren  und 
vertragen  können,  ist  die  Kur  erfolgreich  und  ohne  Beschwerden. 


Die  Deckung  des  NfthrstoffbedarfB  des  Menschen.  245 

d)  Am  meisten  empfiehlt  sich  eine  Ernährungsweise,  die  im  Princip 
von  Vorp,  Oertel  und  Schwenningeb  empfohlen  wird  und  —  mit 
gewissen  Modificationen  —  in  Folgendem  besteht:  Reichliche  Eiweiss-^ 
normale  Fett-^  zu  niedrige  Kohlehydratzufuhr;  daneben  starke  Körper- 
bewegung; die  Wasseraufuahme  soll  beschrankt  und  zwischen  die  Mahl- 
zeiten verlegt  werden;  um  das  Hungergefühl  zu  beschwichtigen,  ist  die 
Nahrung  auf  zahlreiche  kleine  Mahlzeiten  zu  vertheilen.  Sehr  em- 
pfehlenswerth  ist  es,  Früchte,  zarte  Gemüse  u.  s.  w.,  welche  weiche 
Cellulose  liefern  und  nicht  nähren,  aber  sättigen,  nach  Bedarf  zuzu- 
fügen. Allmählich  ist  die  Kohlehydratmenge  zu  steigern,  damit 
keinesftlls  Eiweissverarmung  des  Körpers  eintritt. 

Sorgfaltiges  Individualisiren  ist  bei  der  Auswahl  und  Durchführung 
der  Entfettungskuren  durchaus  erforderlich;  bei  fanatischem  Festhalten  an 
einem  Schema  kommen  oft  schwerere  Ernährungsstörungen  zu  Stande. 


lieber  den  Bedarf  des  wachsenden  Körpers  s.  unten  im  Kapitel 
„Die  Ernährung  des  Kindes  mit  Milch  und  Milchsurrogaten'^ 

nL  Die  Auswahl  der  Kahinngsmittel  zur  Deekiing  des  Nlhrstoffbedarfs. 

An  die  tägliche  Kost  sind  vom  hygienischen  Standpunkte  aus 
zunächst  die  im  Vorstehenden  näher  begründeten  Anforderungen  zu 
stellen,  dass  dieselbe  die  nöthigen  Nährstoffe  enthält,  und  dass  sie  ge- 
nügende Oeschmacksreize  in  entsprechender  Abwechselung  bietet 

Ausserdem  ist  aber  des  weiteren  noch  zu  fordern: 

1)  dass  die  Nahrung  gut  ausnutzbar  und  leicht  verdaulich  sei; 

2)  dass  sie  wo  möglich  durch  entsprechende  Zubereitung  verdau- 
licher und  schmackhafter  gemacht  werde,  dass  sie  aber  beim  Auf- 
bewahren und  Zubereiten  keine  schädlichen  Bestandtheile,  Parasiten, 
Fäulnissgifte,  metallische  Gifte  u.  s.  w.  aufnimmt; 

8)  dass  sie  ein  zur  Sättigung  ausreichendes  Volum,  jedoch  kein 
zu  grosses  Volum  ausmacht; 

4)  dass  sie  richtig  temperirt  genossen  wird. 

1.    Die  Ausnutzbarkeit  und  Verdaulichkeit  der  Nahrungs- 
mittel. 

Früher  glaubte  man  für  die  Abschätzung  des  Nährwerthes  der 
einzelnen  Nahrungsmittel  nur  der  Resultate  der  chemischen  Analyse  zu 
bedürfen.  Aber  es  hat  sich  gezeigt,  dass  in  unserem  Verdauungstraktus 
durchaus  nicht  dieselben  Mengen  Eiweiss,  Stärke  u.  s.  w.  zur  Resorption 
gelangen,  die  bei  der  chemischen  Analyse  aus  einem  Nahrungsmittel 


246  Emfihnmg  und  Nahrungsmittel. 

erhalten  werden.  Namentlich  ist  das  Eiweiss  oft  in  Cellalosehüllen 
eingeschlossen,  welche  im  Darm  nicht  gelöst  werden  können.  Ausser- 
dem bestimmt  man  den  Eiweissgehalt  der  Nahrang  gewöhnlich  dadurch, 
dass  man  die  Stickstoffinenge  ermittelt  and  aas  dieser  durch  Maltipli- 
kation  mit  6-25  die  Eiweissmenge  berechnet.  Nun  enthalten  aber 
viele  Yegetabilien  reichliche  Mengen  von  Amiden  and  Amidosäaren 
(in  der  Kartoflfel  z.  B.  50  Procent  der  N-haltigen  Stoffe,  ebenso  viel 
oder  noch  mehr  in  manchen  Gemüsen).  Andere  Nahrungsmittel  ent- 
halten Nuclelne,  Leim  u.  s.  w.,  kurz  eine  Menge  von  Stoffen,  welche 
alle  viel  Stickstoff  bei  der  Analyse  liefern,  aber  entweder  gar  keine 
oder  doch  nicht  dem  Eiweiss  gleichwerthige  Nährstoffe  darstellen.  Es 
muss  daher  für  jedes  Nahrungsmittel  erst  gesondert  festgestellt  werden, 
wie  viel  resorptionsfähigen  Nährstoff  es  enthält 

Die  Versache  werden  entweder  in  der  Weise  angestellt,  dass  der  Eiweiss-, 
Fett-  and  Rohlehydratgehalt  einer  genossenen  Nahrang  genau  bestimmt  nnd 
dann  in  den  £a  dieser  Nahrang  gehörigen  Fäces  die  Menge  der  anresorbirten 
Nährstoffe  ermittelt  wird.  Um  zu.  erkennen,  welche  Fftees  als  unverdaater  Theil 
einer  bestimmten  Nahrang  anzusehen  sind,  ftOirt  man  vor  and  nach  dem  Genoss 
der  Versachsnahrang  sogenannte  markirende  Stoffe  ein,  die  sich  leicht  wieder 
erkennen  lassen,  £.  B.  Preisselbeeren,  Kohle,  grosse  Portionen  Milch,  welche 
letztere  einen  wenig  gef^bten,  festen  Koth  liefern  a.  s.  w.  —  Oder  man  stellt 
künstliche  Verdanongsversache  im  Brütofen  an,  und  vermag  dabei  namentlich 
die  peptonisirbaren  Eiweissstoffe  von  den  übrigen  stickstoffhaltigen,  aber  dem 
Eiweiss  nicht  gieichwerthigen  Stoffen  zn  scheiden. 

Es  hat  sich  bei  diesen  Versuchen  ergeben,  dass  die  Ausnutzung 
zuweilen  individuell  nicht  unerheblich  verschieden  ist;  bei  demselben 
Individuum  treten  dann  aber  noch  Schwankungen  auf,  je  nach  der 
Beschaffenheit  der  Nahrung,  und  zwar  ist  zunächst  das  Volumen  der 
Nahrung  von  Einfluss.  Ein  zu  grosses  Volumen  setzt  die  Besorption 
herab,  bewirkt  ausserdem  noch  leicht  Magenerweit^rung,  und  in  Folge 
davon  stetes  Hungergefühl,  sobald  nicht  die  Nahrung  in  abnormer 
Menge  zugeführt  wird.  Femer  setzt  die  Beimengung  von  Cellulose 
die  Resorption  sämmtlicher  Nährstoffe  herab  und  zwar  um  so  stärker, 
in  je  grosserer  Menge  und  in  je  gröberer  Form  sie  vorhanden  ist 
Auch  sehr  grosse  Fettmengen  haben  bei  vielen  Individuen  ähnliche 
Wirkungen;  und  ebenso  beeinträchtigt  ein  Ueberschuss  von  Kohle- 
hydraten die  Ausnutzung  dadurch,  dass  Gährungen  und  Gährungs- 
produkte  entstehen,  welche  reizend  auf  die  Darmschleimhaut  und  die 
Darmbewegung  wirken.  Sehr  verschieden  gestaltet  sich  femer  die  Aus- 
nutzung je  nach  der  Mischung  verschiedener  Nahmngsmittel.  — 
Von  grosser  Bedeutung  für  die  Ausnutzbarkeit  ist  die  Zubereitung 
der  Nahmngsmittel,  durch  welche  das  Volumen  derselben   geändert, 


Die  Deckang  des  NährstoffbedarEs  des  Menseben. 


247 


Gellulose  entfernt^  Fett  und  Kohlehydrate  zugefügt  oder  beseitigt  werden 
(s.  unten). 

Trotz  dieser  zahlreichen .  einflussreichen  Momente  lassen  sich  ge- 
wisse Durchschnittszahlen  aufstellen  (s.  Tabelle).  Die  Zahlen  zeigen  in 
sehr  ausgesprochener  Weise,  dass  die  animalische  Nahrung  im  Ganzen 
eine  weit  bessere  Ausnutzung  gestattet,  während  bei  Yegetabilien  die 
gesammte  Ausnutzung  der  Nährstoffe  schlechter  und  die  Ausnutzung 
der  Eiweissstoffe  in  ganz  besonderer  Weise  verringert  ist 

In  neuerer  Zeit  ist  es  zweifelhaft  geworden,  ob  der  Roth,  den  man  als  den 
nicht  resorbirten  Theil  der  Nahrang  betrachtet,  nicht  zum  wesentlichsten  Theil 
aus  Darmsecreten  entsteht,  die  bei  schwer  resorbirbarer  Nahrung  in  grosserer 
Menge  abgesondert  werden.  Insofern  ist  es  richtiger,  von  mehr  oder  weniger  Roth 
bildenden  Nahrungsmitteln  zu  sprechen,  ab  von  mehr  oder  weniger  ausnutzbaren 
(Pra.üsshitz). 

Es  wurden  nicht  resorbirt  in  Procenten  (Bübmeb): 


Nahrungsmittel 


Von  der 
Trocken- 
substanz 


Vom 
Eiweiss 


Vom 
Fett 


Von  den 
Kohle- 
hydraten 


Gebratenes  Fleisch 

Schellfischfleisch 

Harte  Eier 

Müch 

MUch  und  KSse 

Weizenbrot,  feinstes  Mehl     .    . 

„  grobes  Mehl  .    .    . 

Roggenbrot,  grobes  Mehl .    .    . 

„  aus  ganzem  Korn  . 

Macoaroni 

Beis  (Risotto) 

Mais  (Polenta) 

Erbsen 

Bohnen 

Kartoffelbrei 

Gelbe  Rfiben 


5-3 
4-8 
5-2 

8-8 
6-4 

4-2 
12-2 
13. 1 
20*9 

4-8 
41 

6-7 

9-1 
18-8 

9*4 
20-7 


2-6 
2-5 
2-6 
7-1 
8-8 

21*8 
305 
86. 7 
46*6 

17. 1 
20*4 
15.5 

17.5 
30-:^ 
30-5 
39.0 


4*4 

5*8 
5-2 


1.1 

7.4 

7.9 

14. 3 

12 
0'9 
3.2 

3.6 

7.4 
18*2 


Von  der  Ausnutzbarkeit  verschieden  ist  die  Leichtverdaulich- 
keit der  Nahrungsmittel.  Erstere  misst  den  Antheil  der  Nährstoffe, 
welcher  überhaupt  schliesslich  zur  Resorption  gelangt,  unbekümmert 
um  etwa  dabei  auftretende  Verdauungsbeschwerden.  Unter  einem 
leicht  verdaulichen  Nahrungsmittel  dagegen  verstehen  wir  ein  solches, 
welches  auch  in  grösserer  Menge  genossen,  rasch  resorbirt  wird«  und 


248  Ernfthrong  und  Nabrnngsmittel. 

selbst  bei  empfindlichen  Menschen  keine  Belästigang  in  den  Yerdanongs- 
wegen  hervorruft.  Dasselbe  Nahrungsmittel  (z,  B.  der  Käse)  kann  gut 
ausnutzbar  aber  schwer  verdaulich  sein;  harte  und  weiche  Eier,  Starke 
und  Zucker  sind  in  gleichem  Grade  ausnutzbar,  aber  in  Bezug  auf 
die  Schnelligkeit  der  Verdauung  erheblich  verschieden. 

Als  leicht  verdaulich  sind  namentlich  gut  zerkleinerte,  von  den 
Verdauungssäften  leicht  zu  durchdringende,  fett-  und  cellulosefreie 
Nahrungmittel  zu  bezeichnen.  Für  schwer  verdaulich  gelten  concen- 
trirte,  stark  fetthaltige  compakte  Nahrungsmittel,  welche  dem  Durch- 
dringen der  Verdauungsäfte  viel  Widerstand  entgegensetzen  (Käse, 
harte  Eier,  wenig  zerkleinertes  Fleisch,  mit  Fett  und  Zucker  bereitete 
Backwaaren)  oder  welche  durch  scharfe  Stoffe,  Cellulose,  spätere  (Nah- 
rungen den  Darm  abnorm  reizen  (ranzige  Butter,  Pumpernickel,  ganze 
Leguminosen  u.  s.  w.).  —  Auch  auf  die  Leichtverdaulichkeit  einer 
Nahrung  ist  die  Zubereitung  derselben  von  grossem  Einfluss. 

2.  Aufbewahrung  und  Zubereitung  der  Nahrungsmittel. 

Bei  der  Aufbewahrung  der  zum  G^nuss  bestimmten  Nahrungs- 
mittel muss  darauf  gesehen  werden,  dass  dieselben  keinerlei  Gerüche, 
schädliche  Stoffe  und  namentlich  keine  Infektionserreger  aufiiehmen 
können.  Besondere  reinlich  gehaltene  und  ventilirbare,  von  den  Wohn- 
und  Schlafräumen  getrennte  Vorrathsräume  sind  dazu  unerlässlich, 
fehlen  aber  nicht  selten  selbst  in  den  elegantesten  städtischen 
Häusern.  —  Da  ferner  die  meisten  Nahrungsmittel,  besonders  die 
animalischen,  rascher  Zersetzung  durch  Saprophyten  unterliegen,  sind 
antifermentative  Mittel  anzuwenden,  wenn  eine  längere  Conservirung 
der  Nahrungsmittel  beabsichtigt  ist  Hierzu  eignet  sich  vor  Allem  die 
Kälte;  Keller  von  ausreichender  Tiefe  oder  Eisschränke  finden  am 
häufigsten  Anwendung.  Zu  beachten  ist,  dass  in  den  Eisschränken 
die  Speisen  höchstens  auf  +  7^  abgekühlt  zu  werden  pflegen,  dass 
also  die  Bakterienentwickelung  keineswegs  ganz  aufhört,  sondern  nur 
verzögert  wird;  die  Speisen  sind  daher  nur  eine  begrenzte  Zeit  haltbar. 

Sonstige  Mittel  zur  Conservirung  bestehen  im  Kochen;  Kochen  in 
verschlossenen  Gefassen;  Trocknen;  Räuchern;  Zusatz  von  Salicylsäure 
u.  dergl.,  oder  in  einer  Combination  mehrerer  Verfahren.  Dieselben 
finden  namentlich  für  Milch,  Fleisch  und  Gemüse  Anwendung  (s.  dort). 

Eine  Zubereitung  der  Nahrungsmittel  ist  noth wendig,  einmal 
um  die  Speisen  schmackhafter  zu  machen,  so  dass  sie  zum  Genuss  an- 
regen; dann  um  sie  ausnutzbarer  und  leichter  verdaulich  zu  machen. 


Die  Deckung  des  NährstofiTbedarfe  des  Menseben.  249 

Dieser  Zweck  wird  erreicht  a)  dnrcb  Abtrennen  der  Abfälle.  Die  ans 
grober  Cellolose  bestehenden  Hüllen  der  Gemüse,  die  Sehnen  nnd  Fascien  des 
Fleisches  o.  s.  w.  werden  entfernt.  Ueber  die  Menge  der  Abfälle  siehe  die 
Tabelle  S.  239.  b)  Durch  mechanisches  Bearbeiten.  Klopfen  des  Fleisches  sprengt 
die  Bindegewebi^üUen;  Zerkleinem  und  Zermahlen  bewirkt  bei  vegetabilischen 
Nahrungsmitteln  eine  Trennung  der  das  Eliweiss  und  die  St&rke  einschliessenden 
Hüllen,  vergrössert  die  Oberflftche  und  arbeitet  dem  Kauen  der  Nahrung  vor.  c)  Durch 
Kochen  mit  Wasser,  Dftmpfen,  Braten,  Backen  werden  Cellulosehüllen  gesprengt, 
Stfirkekömer  in  lösliche  Stärke  oder  Dextrin  Übergeführt,  das  Ei  weiss  £um 
Gkrinnen  gebracht  Die  Nahrungsmittel  verlieren  dabei  theils  Wasser,  theils 
nehmen  sie  mehr  Wasser  auf.  Manche  lösliche  Stoffe  gehen  in  das  Koch- 
wasser über.  —  Anhaftende  Parasiten  und  Infektionserreger  werden  vernichtet 
d)  Durch  Glhrungsprocesse,  mittelst  deren  Brotteig,  Backwerk  u.  s.  w.  aufge- 
trieben und  gelockert,  oder  Fleisch  oder  cellulosereichere  Vegetabilien  verdau- 
licher gemacht  werden  (Einlegen  von  Fleisch  in  saure  Milch;  Gährung  des 
Sauerkohls). 

Beachtenswerth  sind  die  neueren  Kochverfahren  von  Bbckkb,  Gbovs  und 
Anderen,  welche  in  öffentlichen  Anstalten  bereits  vielfach  Eingang  gefunden 
haben.  Bei  denselben  lässt  man  Dampf  von  60—70^  sehr  lange  auf  die  Speisen 
einwirken.  Ein  Anbrennen,  Ueberkochen  u.  s.  w.  kann  nicht  stattfinden,  die  Be- 
aufsichtigung ist  daher  sehr  einfach;  femer  findet  kein  Auslaugen  der  Speisen 
statt  Fleisch  wird  sart  und  saftig,  Gkmüse  werden  völlig  weich,  die  Stärke 
wird  besser  angeschlossen.  Ob  wirklich,  wie  Einige  behaupten,  auch  eine 
bessere  Ausnutzung  der  vegetabilischen  Eiweissstoffe  durch  dies  Kochverfahren 
möglich  wird,  ist  noch  nicht  mit  Sicherheit  zu  entscheiden. 

Bezüglich  des  Materials  der  Kochgeschirre  ist  Vorsicht  geboten, 
da  nicht  selten  Gifte  ans  denselben  in  die  Speisen  übergehen  nnd  zu 
Vergiftungen  Anlass  geben.  —  Kupfer-  und  Messinggefasse  sind 
mit  Vorsicht  zu  verwenden.  Dieselben  dürfen  nur  in  TöUig  blankem 
Zustande  ohne  jeden  Ansatz  von  sog.  Grünspan  zum  Kochen  benutzt 
werden.  Sauere  Speisen  dürfen  überhaupt  nicht  in  Kupfergeschirren 
bereitet  werden;  verschiedenste  mehl-  und  zuckerhaltige  Speisen  dürfen 
nicht  in  denselben  aufbewahrt  werden,  weil  durch  allmähliche  Bildung 
organischer  Sauren  Kupfer  gelöst  werden  könnte.  Zweckmassig  kommen 
nur  verzinnte  oder  besser  vernickelte  Kupfergeschirre  in  Gebrauch.  — 
Verzinnte  Kochgefösse,  Conservebüchsen  u.  s.  w.,  femer  glasirte  resp. 
emaillirte  irdene  oder  eiserne  Gewisse  enthalten  oft  Blei  Ueber 
die  mit  Bezug  hierauf  gebotenen  Vorsichtsmaassregeln  s.  Kap.  IX.  — 
Vernickelte  Gefasse  lassen  in  sauere  Speisen  geringe,  aber  wie  es 
scheint  unschädliche,  Spuren  von  Nickel  übergehen.  Aehnlich  ver- 
halten sich  Aluminiumgeschirre. 

Da  mit  den  Nahrungsmitteln  vielfistch  Krankheitserreger  einge- 
schleppt werden,  ist  peinlichste  Reinlichkeit  in  Bezug  auf  alle  Küchen- 
utensilien und  gelegentliche  Desinfektion  mit  kochender  Sodalösung 
erforderlich. 


250  Emähmng  und  Nahnrngsmittel. 

3.  Das  Volum  der  Nahrung. 

Eine  an  Nährstoffen  ausreichende,  aber  zu  wenig  yoluminöse  Kost 
würde  kein  Sättigungsgefühl  hervorrufen  und  dadurch  an  einem  schweren 
Fehler  leiden.  Im  Mittel  ist  zur  Sättigung  eines  Erwachsenen  die 
fertig  zubereitete  feste  Nahrung  in  einem  Quantum  von  1800  g  er- 
forderlich; doch  kommen  bedeutende  individuelle  Abweichungen  vor  und 
namentlich  ist  bei  Menschen,  die  wesentlich  von  Yegetabilien  und  fett- 
armer Kost  leben,  das  Volum  höher  (auf  2500—3000  g)  zu  bemessen. 

Das  Volum,  in  welchem  die  einzelnen  Speisen  die  gleichen  Mengen 
von  Nährstoffen  gewähren,  hängt  ab  von  den  nach  der  Bereitung  vor- 
handenen Wassermengen.  Im  Allgemeinen  sind  die  animalischen 
Nahrungmittel  die  concentrirteren,  weil  sie  bei  der  Zubereitung  noch 
Wasser  verlieren,  während  die  Vegetabilien  als  fertige  Speise  sehr  viel 
mehr  Wasser  enthalten,  als  im  Boh zustande.  Es  beträgt  der  Wasser- 
gehalt von: 

Bindfleisch,  frisch       75  Procent 

„  gekocht    57        „ 

„  gebraten  59       „ 

Kalbfleisch,  frisch       78       „ 

„  gebraten  62       „ 


Weizenmehl 

13  Procent 

Weizenbrod 

38 

79 

Erbsen,  roh 

14 

7J 

Erbsenbrei 

78 

79 

Erbsensuppe 

90 

77 

Kartoffel,  roh 

75 

» 

Kartoffelbrei 

78 

9« 

Leguminosen,  Kartoffeln  und  die  meisten  anderen  Gemüse  können 
deshalb  überhaupt  nicht  über  ein  gewisses  Maass  hinaus  ge- 
nossen werden,  weil  sonst  das  Volum  der  Gesammtnahrung  ganz  ab- 
norm vermehrt  und  die  Ausnutzung  wesentlich  herabgesetzt  werden 
würde. 

Handelt  es  sich  allerdings  dämm,  eine  möglichst  leicht  verdauliche 
Kost  herzustellen,  so  ist  flüssige  oder  breiige  Consistenz  im  Allgemeinen  vor- 
zuziehen. Im  Rindesalter  ist  zweifellos  eine  solche  Beschaffenheit  der  Kost 
einzig  indidrt;  ebenso  ist  sie  bei  Kranken  und  Reconvalescenten  empfehlena- 
werth,  obwohl  hier  in  vielen  FäUen  consistentere,  aber  gut  zerkleinerte  Nahrung 
ebenso  gut  vertragen  wird. 

Für  den  gesunden  Erwachsenen  ist  breiige  und  flüssige  Kost  nur  in  Ab- 
wechselung mit  fester  Nahrung  zulässig,  weil  sonst  die  nöthige  Nfthrstoflmenge 
nicht  zugeführt  werden  kann,  und  die  reizlose  Beschaflenheit  der  Kost  leicht 
Widerwillen  hervorruft  (G^efängnisskost). 

4.  Die  Temperatur  der  Nahrung. 

Als  normal  ist  für  den  Säugling  eine  Temperatur  der  Nahrung 
zwischen  +  35  ®  und  -f  40  **,  für  den  Erwachsenen  zwischen  -f  7  *  und 
+  55*^  zu   bezeichnen.     Niedriger  temperirte  Speisen  und  Getr&nke 


Die  Deckung  des  N&hntoffbedarfe  des  Menschen. 


251 


führen  leicht  zu  gastrischen  Störungen,  bedingen  ausserdem  Verlang- 
samung der  Herzthätigkeit  und  bei  grösseren  Flüssigkeitsmengen  ein 
Absinken  der  Körpertemperatur.  —  Habitueller  Eisgenuss  in  der 
warmen  Jahreszeit  ist  entschieden  bedenklich,  ganz  abgesehen  yon  der 
Infektionsgefohr,  der  man  sich  durch  den  Genuss  des  Boheises  aussetzt 
Zu  heisse  Speisen  können  Verbrennung  oder  wenigstens  Hyper- 
ämieen  und  Epithelschädigungen  der  Mund-  und  Magenschleimhaut 
bewirken;  vielleicht  sind  sie  im  Stande  die  Verdauungsfermente  zu 
beeinträchtigen;  ausserdem  erfolgt  durch  heisse  Getränke  Steigerung 
der  Pulsfrequenz  und  eventuell  der  Körpertemperatur. 


Bei  der  Zusammensetzung  einer  rationellen  Kost  genügt  es  viel- 
fach, wenn  man  nur  den  Kraftwechsel  ins  Auge  fasst  und  den  Nähr- 
werth  der  Nahrungsmittel  nach  Galerien  berechnet.  Folgende  Tabelle 
giebt  für  einige  der  wichtigsten  Nahrungsmittel  den  Betrag  der  physio- 
logisch verwerthbaren  Calorien: 


100  g  mageres  Fleisch  liefern  100  Cal. 


100  „  Fisch 

70    „ 

1      Ei 

» 

80   „ 

1       Eigelb 

»> 

60    „ 

100  „  MUch 

65    „ 

100  „  Butter 

770    „ 

Schwarzbrot        liefern  220  Cal. 


100  g  Schwarzbr 
100  „  Weissbrot 
100  „  Beis 
100  „  Mehl 
100  „  Erbsen 
100  ,,  Karto£Fehi 


1» 


210  „ 
350  „ 
880  „ 
810  „ 
90-,, 


Eine  Kost^  welche  die  erforderlichen  Galorienmenge  deckt,  kann 
indess,  wie  sich  aus  den  vorstehenden  Ausführungen  ergiebt,  durch 
eine  unrichtige  Vertheilung  von  Eiweiss,  Fett  und  Kohlehydraten  doch 
noch  zu  Belästigungen  und  Schädigungen  des  Körpers  führen.  Auch 
die  einzelnen  Nährstofife  werden  daher  in  rationeller  Weise  gruppirt 
werden  müssen.    Dabei  kommen  folgende  Gesichtspunkte  in  Betracht: 

Es  stehen  uns  zur  Deckung  des  Nahrungsbedarfs  theils  vege- 
tabilische,  theils  animalische  Nahrungsmittel  zur  Verfügung.  Die 
Zusanmiensetzung  der  wichtigsten  derselben  geht  aus  nebenstehenden 
Tabellen  hervor.  Vergleicht  man  den  Gehalt  beider  an  Nährstoffen, 
80  ist  ersichtlich,  dass  bezüglich  des  Eiweissgehaltes  die  animali- 
schen Nahrungsmittel,  z.  B.  Fleisch,  Milch,  Käse,  den  ersten  Platz  ein- 
nehmen. Sie  enthalten  procentisch  die  grösste  Menge  Eiweiss  und 
dieses  in  einer  völlig  ausnutzbaren  Form;  unter  den  Vegetabilien 
zeichnen  sich  nur  die  Leguminosen  durch  einen  höheren  Eiweissgehalt 
aus,  der  aber  wesentlich  dadurch  beeinträchtigt  wird,  dass  diese  Eiweiss- 
sftoffe  nur  zu  50  bis  70  Procent  ausnutzbar  sind.  Kartoffeln,  Kohl 
und  andere  Gemüse  kommen  bezüglich  der  EiweiBszufuhr  so  gut  wie 


252 


Em&hrang  und  Nahrungsmittel. 


Chemische  Zusammensetzung  der  Nahrungsmittel. 

Animalische  Nahrungsmittel. 


Kohlehydrate 

und  Ni-freie 

Extractiv- 

Wasser 

Eiweiss 

(6.25XN) 

Fett 

Asche 

stofle 

Procent 

Procent 

Procent 

Procent 

Prooent 

Frauenmich    .... 

89-2       ^ 

21 

3*4 

5*0 

0*2 

Kuhmilch  .    . 

87-5 

3*4 

8*6 

4*8 

07 

Ziegenmilch    . 

86*91 

8*69 

4*09 

4-45 

0-86 

Stutenmilch 

90-71 

1*99 

2*05 

5*70 

0*37 

Eselsmilch .     . 

90*04 

201 

1*39 

6*25 

0*31 

Butter    .... 

14*14 

0*68 

8311 

0-70 

1*19 

Käse  (fett) .    . 

85. 75 

27*16 

30-43 

2*53 

4*13 

„     (halbfett) 

46*82 

27*12 

20*54 

1*97 

3-05 

„     (mager) .    . 

t 

48*02 

32*65 

8*41 

6*80 

4*12 

Abgerahmte  Kuhmilch 

90*63 

3*06 

0*79 

4*77 

0*75 

Ochsenfleisch^mittelfett 

72*  25 

21*39 

519 

— 

117 

Kalbfleisch,  mager .    . 

78-82 

19*86 

0*82 

1*33 

Schweinefleisch,  fett   . 

47*40 

14*54 

37*34 

0*72 

Schinken,  geräuchert  . 

27-98     , 

23*97 

36*48 

150 

10*  07 

Leberwurst     .... 

48*70 

15-93 

26*33 

6*38 

2*66 

Häring,  frisch 

»                < 

80*71 

10*11 

7*11 

— 

2-07 

„       gesalzen 
Schellfisch  .... 

1 

46*28 

18*90 

16*89 

157 

16*41 

1 

80*92 

1709 

0*35 

— . 

1*64 

Pökling.    .    .     . 

4 

■ 

69*49 

21*12 

8*51 

—           1 

1*24 

Vegetabilische  Nahrangsmittel. 


Wasser 


Procent 


Eiweiss 

(6*25 

xN) 


Procent 


Weizen  . 

• 

• 

■         • 

13-56 

12-42 

Roggen 

15-26 

11*43 

Weizenmehl,  feinstes 

14-86 

8-91 

Roggenmehl    .    .    . 

14-24 

10*97 

G  erstemehl  (dries) . 

15*06 

11-75 

Weizenbrot,  feines  . 

38-15 

6*82 

Roggenbrot,  frisch  . 

44*02 

6*02 

Pumpernickel,  westf. 

43*42 

7-69 

Nudeln 

13*07 

9*02 

Reis  (enthabt) 

13*23 

7*81 

Bohnen  . 

13-60 

23*12 

Erbsen   .    , 

14*31 

24-81 

Steinpilze  . 

12*81 

36*12 

Kartoffeln  . 

75*77 

1*79 

Möhren  .     . 

87*05 

1*04 

Rothkraut 

90*06 

1-83 

Gurke    .    , 

. 

95- 60 

1*02 

Aepfel    .    . 

,         1 

83-58 

0-39 

Weintrauben  . 

7817 

0-59 

Wallnuss    . 

« 

1 

468 

16. 87 

Fett 


Procent 


Zucker 


1 
1 
1 
1 
1 
0 
0 

1 

0 

0 

2 

1 

1 

0- 

0 

0. 

0. 


70 
71 
11 
95 
71 
77 
48 
51 
28 
69 
28 
85 
72 
16 
21 
19 
09 


62-68 


Procent 

1-44 
0*96 
2*32 
3*88 
3-10 
37 
54 


Sonstige 
N-freie 
Extrac- 
tivstoffe 


Procent 


2 
2 


3-25 


6-74 
174 
0-95 
773 
14-36 


66 
66 
71 
65 
67' 
40 
45 
41 
76« 
76- 
53 
54- 
37. 
20- 
2' 


45 
86 
86 
86 
80 
97 
33 
87 
79 
40 
63 
78 
26 
56 
66 
412 
133 
6*01 
275 
7*89 


Holz- 
faser 


Asche 


Procent 


Procent 


2 

2 

0 

1 

0- 

0 

0 

0- 


66 
Ol 
33 
62 
11 
38 
30 
94 


0*78 
3*84 
8*85 
6*71 
0*75 


1 
1 


40 
29 


ü-62 


1 
3 


98 
60 


1 
1 
0 
1 
0 
1 
1 
1 
0 
1 
3 
2 


•77 

•77 

61 

-48 

-47 

18 

81 

42 

-84 

09 

53 

47 


6-38 
0*97 


6*17 


0 
0 
0 
0 
0 
2 


90 
77 
39 
31 
53 
08 


Die  Deckung  des  Nähntoffbedarfs  des  Menschen.  258 

gar  nicht  in  Betracht  —  Eine  Fettzufahr  wird  nur  durch  fettes  Fleisch, 
Milch,  Butter  und  fetten  Käse  gewährt  Die  für  die  tägliche  Kost  in 
Betracht  kommenden  Yegetabilien  enthalten  Fett  in  kaum  nennens- 
werther  Menge.  —  Kohlehydrate  dagegen  sind  ausschliesslich  in 
Yegetabilien  enthalten;  nur  die  Milch  ist  ausgenommen,  welche  indess 
für  eine  reichlichere  Zufuhr  bei  Erwachsenen  ausser  Betracht  bleibt 

Daraus  ist  nun  ohne  Weiteres  zu  entnehmen,  dass  wir  in  Folge 
unseres  bedeutenden  Bedarfs  an  Kohlehydraten  auf  eine  gewisse 
grosse  Menge  von  Yegetabilien  durchaus  angewiesen  sind. 
Während  wir  mit  den  Yegetabilien  den  Bedarf  an  Kohlehydraten 
decken,  bekommen  wir  einen  kleinen  TheU  Fett  und  eine  nicht  un- 
beträchtliche Menge  Eiweiss  gleichzeitig  zugeführt,  und  es  wird  darauf 
ankommen,  die  Menge  auch  dieser  anderen  Nährstoffe  genauer  zu  be- 
stimmen, um  darnach  herauszurechnen,  was  noch  fär  weitere  Nahrungs- 
mittel der  täglichen  Kost  zuzuf&gen  sind. 

Rechnen  wir  für  den  körperliche  Arbeit  leistenden  Mann  einen 
Bedarf  von  500  g  Kohlehydrate,  so  sind  diese  z.  B.  enthalten  in 
650  g  Reis  oder  1100  g  Brot  oder  2500  g  Kartoffeln  oder  900  g 
Leguminosen.  Für  gewöhnlich  wird  der  grösste  TheU  durch  Brot 
gedeckt;  bei  Soldaten  und  Arbeitern  hat  man  festgestellt,  dass  pro 
Kopf  und  Tag  500—700  g  Brot  zu  rechnen  sind,  im  Mittel  600  g. 
In  diesen  finden  sich  230  g  Kohlehydrate;  es  bleiben  dann  also  noch 
170  g  Kohlehydrate  anderweitig  zu  decken  und  diese  sind  enthalten 
in  circa  200  g  Reis  oder  800  g  Kartoffeln  oder  270  g  Leguminosen. 

Wie  viel  Eiweiss  haben  wir  nun  durch  die  Einführung  dieser 
Yegetabilien  gewonnen?  In  600  g  Brot  sind  36  g  Eiweiss  enthalten, 
in  200  g  Reis  15  g,  in  800  g  Kartoffeln  14  g,  in  270  g  Leguminose 
65  g  Eiweiss.  Yon  diesem  Eiweiss  dürfen  wir  aber  nur  einen  TheU 
als  ausnutzbar  rechnen;  im  Brot  erhalten  wir  28  g  yerdauliches 
Eiweiss,  im  Reis  10  g,  in  den  KaFtoffeln  9  g,  in  den  Leguminosen  45  g, 
in  Summa  der  Tagesration  also  38  oder  37  oder  73  g  verdauliches 
Eiweiss. 

Bei  Zugabe  von  Leguminosen  ist  die  Eiweisszufuhr  demnach  weit 
beträchtlicher;  es  ist  indessen  nicht  möglich,  pro  Tag  eine  Menge  von 
270  g  Leguminosen  zu  verzehren.  Diese  sind  nämlich,  wie  bereits 
oben  erörtert  wurde,  stets  nur  in  sehr  wasserreicher  Form  aufzunehmen 
und  bieten  ein  ausserordentlich  grosses  Nahrungsvolumen  dar.  270  g 
Leguminose  liefern  in  Form  von  dickstem  Brei  etwa  900  g,  in  Form 
von  Suppe  etwa  2500  g  fertiger  Speise!  Es  kann  daher  stets  nur  ein 
kleiner  TheU  des  Kohlehydratbedarfs  mit  Leguminose  gedeckt  werden, 


254  Erafthmng  und  Nahnmgsmittel. 

während  für  den  Best  stickstofiarmere  Nahrungsmittel,  Earto£feln  n.  dergL 
an  die  Stelle  zu  setzen  sind. 

Sonach  gewinnt  man  durch  die  Yegetabilien  im  Mittel  nur  etwa 
45  g  verdauliches  Eiweiss.  Es  fehlen  dann  noch  zu  einer  yoll- 
standigen  Deckung  des  Eiweissbedarfs  60  g  verdauliches  Eiweiss. 

Wollte  man  nun  diese  60  g  verdauliches  Eiweiss  auch  noch  durch 
vegetabilische  Nahrung  decken,  so  würde  man  offenbar  einen  grossen 
Fehler  begehen.  Wir  würden  dann  unvermeidlich  noch  mehr  Kohle- 
hydrate bekommen  und  den  gesammten  Eraftwechsel  in  lästiger  Weise 
steigern;  ausserdem  würde  die  Ausnutzung  der  gesammten  Nahrung 
verschlechtert,  und  das  ganze  Volumen  der  Nahrung  würde,  weil  alle 
Yegetabilien  bei  der  Zubereitung  viel  Wasser  aufnehmen,  entschieden 
zu  gross  werden.  Versucht  man  es  trotzdem  mit  ausschliesslich  vege- 
tabilischer Eost  auszukommen,  so  wird  meistens  nicht  vollständig  ge- 
nügend Eiweiss  in  den  Körper  aufgenommen,  dagegen  ein  entschiedener 
TJeberschuss  von  Kohlehydraten,  und  es  entsteht  bei  dieser  Art  der 
Ernährung  leicht  ein  eiweissarmer,  dagegen  fettreicher  Körper. 

Einzig  rationell  ist  es  vielmehr,  jene  60  g  verdauliches  Eiweiss 
durch  animalische  Kost  zu  decken.  Dieselben  sind  z.  B.  enthalten 
in  ca.  300g  Fleisch,  1500  ccm  Milch,  500g  (=  10  Stück)  Eiern,  250g 
Käse.  Selbstverständlich  sind  auch  hier  verschiedene  Nahrungsmittel 
zu  combiniren,  also  z.  B.  200  g  Fleisch  +  ^j  I^ter  Milch  oder  200  g 
Fleisch  =  3  Eier  u.  s.  w. 

Nicht  selten  fehlt  es  der  Nahrung  noch  an  Fett.  Nur  wenn 
Milch,  Käse,  fettes  Fleisch  zur  Deckung  des  Eiweissbedarfes  verwendet 
wird,  ist  Fett  meist  genügend  vorhanden;  andernfalls  muss  dasselbe 
noch  extra  in  Form  von  Butter,  Speck  u.  s.  w.  zugefügt  werden,  und 
auf  diese  Ergänzung  ist  bei  körperlich  arbeitenden  Menschen  besonderer 
Werth  zu  legen. 


Mit  der  vorstehenden  Rechnung  haben  wir  auch  eine  präcise  Antwort  auf 
die  Frage  erhalten,  in  welchem  Verhältniss  Pflanzen-  und  Thierkost 
genossen  werden  soll  und  ob  wir  etwa  ausschliesslich  auf  Pflanzenkost  an- 
gewiesen sind.  Das  Fehlen  eines  ausgedehnteren  Blinddarms,  die  verhältniss- 
massig  geringe  Länge  unseres  Darms,  die  vergleichsweise  kurze  Aufenthaltszeit 
der  Nahrung  im  Darm  steUen  uns  entschieden  den  Fleischfressern  näher.  In- 
dessen ist  auf  diese  Vergleiche  wenig  Werth  zu  legen;  maassgebend  ist  allein 
die  Thatsache,  dass  die  meisten  Menschen  mit  ausschliesslicher  Pflanzenkost 
nicht  existiren  können,  ohne  Einbusse  an  Körpereiweiss  und  an  Energie  zu  er- 
fahren. Manche  Menschen  können  wohl  die  vegetabilische  Nahrung  so  vortreflPlich 
ausnutzen,  dass  sie  sich  mit  solcher  Kost  im  Gleichgewicht  halten;  sehr  leicht 


Die  Deckung  des  Nähratoffbedarfis  des  Menschen.  255 

tritt  aber  anch  in  solchen  Fftllen,  sobald  die  übergrosse  Nahrnngsanfiiahme  ans 
irgend  welchen  GrOnden  beschränkt  werden  moss,  eine  gewisse  Eiweissverarmang 
des  Körpers  ein.  Die  Vegetarianer  weisen  vielfach  hin  auf  fremde  Völker, 
welche  rein  yegetabUische  Kost  gemessen  und  dabei  hoher  Kraftentwic.kelung 
f&hig  sein  sollen:  es  ist  indess  durch  zahlreiche  gute  Beobachtungen  constatirt, 
dass  auch  die  Japaner,  Chinesen,  Inder  u.  s.  w.  eine  kleine,  allerdings  nicht 
in  die  Augen  fallende  und  daher  oft  übersehene  Menge  von  animalischem  Ei- 
weiss  in  Form  von  Käse,  getrockneten  Fischen  u.  dergl.  gemessen.  Auch  bei 
uns  ist  ja  die  Menge  der  animalischen  Nahrung  im  Vergleich  zur  vegetabilischen 
ausserordentlich  gering;  namentlich  in  gewissen  Schichten  der  Bevölkerung,  so 
bei  der  ganzen  ländlichen  Bevölkerung,  besteht  die  ganz  überwiegende  Menge 
der  Nahrung  aus  Vegetabilien,  und  die  animalische  Kost  tritt  scheinbar  gänzlich 
zurück.  Wie  wichtig  aber  gerade  die  kleine  Zuthat  animalischer  Kost  für  den 
Menschen  ist,  das  sehen  wir  z.  B.  in  denjenigen  Distrikten,  wo  die  Bevölkerung 
zu  arm  ist,  um  irgend  welche  animalische  Kost  zu  gemessen,  femer  an  den 
G«£Euigenen,  welche  bis  vor  wenigen  Jahren  ausschliesslich  als  Vegetarianer 
genährt  wurden.  Erst  in  Folge  der  ausserordentlich  schlechten  Erfahrungen, 
die  man  mit  diesem  Kostregime  der  GefEmgenen  machte,  ging  man  schliesslich 
zu  einer  geringen  animalischen  Zukost  über,  und  seitdem  ist  der  Ernährungs- 
zustand derselben  entschieden  gebessert 

Etwas  Gutes  liegt  übrigens,  wie  in  allen  derartigen  Agitationen,  auch  in 
der  vegetarianischen  Bewegung;  sie  hat  uns  vor  der  Ueberschätzung  der  ani- 
malischen Kost  gewarnt,  welche  fniher  unter  dem  Einflüsse  der  LiEBio*schen 
Lehren  vorherrschend  geworden  war. 


Ein  Moment)  das  sehr  oft  zn  einem  nnzweckmassigen  Ueberwiegen 
der  vegetabilischen  Nahrung  verführt,  ist  der  Preis  der  Nahrungs- 
mittel. Kommt  es  auf  diesen  nicht  an,  so  ist  eine  rationelle  Composition 
der  Kost  verhältnissmässig  leicht;  wo  aber  mit  dem  Gelde  gespart  werden 
muss,  da  fallt  gewöhnlich  gerade  das  animalische  Eiweiss  und  das  Fett 
zu  knapp  aus,  weil  beides  relativ  theuer  ist. 

Gewöhnlich  sucht  man  ein  Urtheil  über  die  Preis  Würdigkeit  der  Nahrungs- 
mittel in  folgender  Weise  zu  gewinnen  (Demuth):  Im  Durchschnitt  aus  den 
verschiedensten  Nahrungsmitteln  bekommt  man  für  1  Mark  185  g  Eiweiss, 
107  g  Fett,  495  g  Kohlehydrate.  Kauft  nuin  Fett  allein,  so  stellt  sich  der 
Preis  von  1  g  auf  durchschnittlich  0*12  Pfennig.  Da  240  g  Kohlehydrate 
100  g  Fett  in  der  Leistung  fQr  den  Körper  zu  vertreten  im  Stande  sind ,  be- 
ziffert sich  demnach  der  Werth  von  1  g  Kohlehydrate  auf  0*05  Pfennig.  In 
der  obigen  Durchschnittsberechnung  hat  man  somit:  100  Pfennige  «  107.0*12 
+  495.0*05  +  185.a;;  rechnet  man  das  x  aus,  so  erhält  man  den  Werth  von 
1  g  Eiweiss  zu  0*33  Pfennig.  Auf  Grund  dieser  Zahlen  lässt  sich  der  „Nähr' 
geld werth**  jedes  Nahrungsmittels  berechnen  und  bestimmen,  in  wie  weit 
der  Kaufyreis  von  dem  wirklichen  Werth  der  darin  enthaltenen  Nährstoffe 
abweicht  Die  folgende  Tabelle  giebt  eine  Uebersicht  des  Kaufpreises,  der  ge- 
lieferten Nährstoffe  und  Wärmemenge  und  des  Nährgeld  werth  s  verschiedener 
Nahrungsmittel: 


256 


Ernährung  und  Nahrungsmittel. 


Für  eine  Mark  erhält  man: 


Nahrungsmittel 


Gewichts- 
menge 


Besorbirbare 
Nährstoffe  (Gramm' 


j 


9 


Wärme- 
einheiten 
(grosse) 


Nährgeld- 

werth 
(Pfennige^ 


Rindfleisch 
Kalbfleisch 
Häringe 
Milch     .    . 
Magermilch 
Magerkäse  . 
Koggenbrot 
Kartoffeln  . 
Reis  .    .    . 
Erbsen  .    . 
Gelbe  Rüben 


666  g 
727, 
1000, 
6250 

10000 
1250 
4000 

16666 
1500 
2500 

50000 


186 
134 
184 
203 
296 
420 
188 
221 
70 
457 
312 


33 

51 

161 

217 

70 

185 

16 

28 

26 

41 

99 


8 

1 

16 

307 

475 

68 

1890 

8292 

1167 

1481 

4320 


1027 
1197 
2531 
4409 
4173 
3783 
8878 

14874 
5400 
8640 

20801 


48-7 

50. 3 

55-4 

108*0 

129.7 

158. 1 

158.8 

240*3 

84*0 

227-2 

830*8 


In  den  meisten  Fällen  sind  indess  vegetabilische  nnd  animalische 
Kost  gar  nicht  direct  in  Bezag  auf  ihren  Preis  vergleichbar,  weil  sie 
ganz  verschiedene  Funktionen  haben.  Nur  diejenigen  Nahrungsmittel 
lassen  sich  mit  einander  in  Vergleich  setzen,  mit  welchen  man  den 
gleichen  Zweck  erreicht^  also  entweder  nur  diejenigen,  mit  welchen  man 
die  Kohlehydrate,  oder  aber  diejenigen,  mit  welchen  man  die  Eiweiss- 
stoffe  einfuhrt 

Handelt  es  sich  um  Deckung  der  Kohlehydrate,  dann  concur- 
riren  ausschliesslich  Yegetabilien  unter  einander  und  die  Preiswürdigkeit 
dieser  geht  aus  folgender  Tabelle  hervor. 


500  g  Kohlehydrate  sind  enthalten  in: 


und  diese  Nah- 
rang kostet* 


650  g  Reis 

1100  „  Brot 

3340  „  Kartoffeln  =  2500  g  geschält 

900  „  Erbsen 

15000  „  Kohlrüben 


31  Pfennige 


26*5 
20 
19 
75 


Handelt  es  sich  dagegen  um  Deckung  jener  60  g  Ei  weiss  und 
60  g  Fett,    welche   nach   der  Zufuhr  der  Vegetabilien  noch   übrig 


^  Brcslauer  Marktpreise. 


Die  Deckung  des  NfihrstoflFbedarfs  des  Menschen. 


257 


bleiben y  so  kommen  die  Yegetabilien  gar  nicht  in  Betracht,  weil  sie 
för  diesen  Zweck  nicht  die  richtigen  Nährstoffe  bieten.  Znr  Deckung 
jener  60  g  müssen  wir  daher  unter  den  animalischen  Nahrangs- 
mitteln billige  herauszufinden  suchen;  und  solche  existiren  in  der 
That  Fleischpräparate,  z.  B.  billige  Würste,  namentlich  aber  Fische 
(im  frischen  wie  im  geräucherten  und  gesalzenen  Zustande),  abgerahmte 
Milch  und  die  Terschiedenen  Arten  Eäse  liefern  Eiweiss  und  eventuell 
auch  Fett  zu  relativ  billigem  Preise  (s.  Tabelle). 


60  g  verdauliches  Eiweiss  sind 
enthalten  in 


Diese  Nah- 
rung kostet 


Dieselbe  enthält  ausser 
Eiweiss 


SSO  g  Fleisch  (80  g  Abfall)  . 

500,,  Ei 

1500,,  Milch 


550  „  Blutwurst 


500  „  Schellfisch  (150  g  Abfall)    . 

800,,  fri8cherHftring(200gAbfUl) 

450  „  SaUhäriDg  (130  g  Ab^l  . 
1500,,  abgerahmte  Milch  .    .    .    . 

300  „  Magerkftse 

1050,,  Reis 

1300,,  Koggenbrot 

1200,,  Weissbrot 

6000  „  Kartoffeln 

830,,  Erbsen 


II 


49  Pfennige 
40 

22  V. 
44 

25 

16 

20 

10  V. 

10 
50 
28 
40 
80 
7 


f) 


>i 


I» 


»« 


>» 


>» 


♦> 


»I 


»> 


»I 


» 


I» 


60  g  Fett 

60 

60 


1»    II 


60  g  Kohlehydrate 


II    II 


42 
54 

16  „ 


II     II 


II     II 


II 


II 


II 


60  g  Kohlehydrate 

800  g  Kohlehydrate 

580,, 

490,, 

900,, 

180 


II 


II 


I» 


II 


II 


In  Form  von  Yegetabilien  ist  das  Eiweiss  durchaus  nicht  etwa 
billiger  zu  beschaffen.  Wie  aus  vorstehender  Tabelle  hervorgeht, 
kommen  wir  höchstens  mit  Leguminosen  zu  einer  ebenso  billigen  oder 
billigeren  Deckung  des  Eiweissbedarfe,  die  jedoch  aus  den  oben  an- 
geführten Gründen  praktisch  gar  nicht  in  Concurrenz  treten  können. 


Demnach  lässt  sich  die  Nahrung  eines  Arbeiters  z.  B.  in  folgender 
Weise  zusammensetzen: 


Verdau]. 
Eiweiss 


Fett 


Preis 


600  g  Schwarzbrot 

1360 ,,  roh  =  1000  g  gesch.Kartoffeln 
250  „  roh  -  200  g   rein    Salzhftring 

200  „  Wurst 

75  „  Magerkäse  .     .    .    .    .    .    , 


FlOmib,  QmndriM.    V.  Aufl. 


'    28    g 

3g 

1 
290  g 

'       l-5„ 



200,, 

20    „ 

1*.. 

— 

22     „ 

24  „ 

23  •  5„ 

«» 

— 

105  g 

«g 

«Og 

n 

159  Pf. 

8 

10 
16 

4 


II 
»I 


V 


58-9  Pf. 


258 


Em&hrang  und  Nahmogsmittel. 


Für  einen  Menschen,  der  nicht  körperlich,  sondern  geistig  arbeitet» 
und  kleinere  Mengen  von  Kohlehydraten,  mehr  Fett  und  Eiweiss,  und 
einer  leicht  verdaulichen  Kost  bedarf  stellt  sich  die  Berechnung  etwa 
folgendermaassen : 


* 

Verdanl. 
£iweiss 

Fett 

Kohle- 
hydrate 

Preis 

800  g  Weissbrot 

580  „  roh  »400  g  geschalte  Kartoffeln 

100  „  Beis  zu  MUchreis 

500  ccm  Milch  za  Milchreis    .    .    . 

100g  (»llOg  roh)  Ei 

250,,  (»317  g  roh)  Fleisch     .    .    . 
60  „  Butter 

17.0g 
5.4  „ 
5.8„ 
20.0,, 
12.5,, 
50.0,, 

1 

20  „ 
12  „ 

60  „ 

186  g 
80  „ 
76  „ 
20  „ 

• 

10    Pf. 
8      „ 

B      » 
7-6  „ 

8      „ 
48      „ 
16      „ 

110.7g 

86  g 

311g 

90 -6  Pf. 

Die  ausserdem  erforderlichen  Geschmacksmittel,  Gewürze,  Bratfett 
und  sonstige  Zubereitungskosten,  sowie  die  ebenso  unentbehrlichen  Oe- 
nussmittel  sind  auf  mindestens  20 — 30  Ft  zu  veranschlagen. 

Die  zu  Grunde  gelegten  Bedarfszahlen  gelten  f&r  einen  kraftigen, 
stark  arbeitenden  Mann;  im  Mittel  darf  man  den  Eiweissbedarf  um 
20  g,  die  Kohlehydrate  um  50  g  niedriger  rechnen.  Unter  Berück- 
sichtigung dieser  beiden  Momente  stellt  sich  der  Minimal -Preis  der 
täglichen  Arbeitemahrung  inclusive  Genussmittel  auf  etwa  70  Pf.  Für 
eine  Familie,  bestehend  aus  Mann,  Frau  und  2 — 8  Kindern,  die  ins- 
gesammt  drei  Erwachsenen  gleich  zu  rechnen  sind,  ist  also  ein  Auf- 
wand für  Nahrung  erforderlich  in  der  Höhe  von  2  M.  10  Pf.  Da  die 
Nahrung  in  dem  Budget  einer  Arbeiter&milie  sich  auf  circa  60  Procent 
der  Ausgaben  beziffert,  so  kann  erst  ein  tägliches  Einkommen  (Sonn- 
und  Feiertage  nicht  ausgenommen!)  von  etwa  3  M.  50  Pf.  einer 
Arbeiterfamilie  eine  rationelle  Ernährung  ermöglichen. 

Wo  die  Lage  der  Industrie  und  des  Handwerks  der  Art  ist,  dass 
dieser  Forderung  der  Hygiene  nicht  entsprochen  werden  kann,  muss 
versucht  werden,  dem  Arbeiter  die  nothwendigen  Nahrungsmittel  zu 
billigerem  Preise  zu  verschaffen. 

Dies  kann  einmal  dadurch  geschehen,  dass  dem  Arbeiter  die 
Nahrungsmittel  nicht  zu  Markt-  sondern  zu  Engrospreisen  geboten 
werden,  wie  in  den  öffentlichen  Anstalten,  beim  Militär  u.  s.  w.  Hier 
werden  alle  Nahrungsmittel  so  viel  als  möglich  direct  und  in  grossen 
Massen  gekauft,  das  Vieh  selbst  geschlachtet  u.  s.  w.  Die  Preisunter- 
schiede sind  schon  in  Bezug  auf  Yegetabilien  und  Brot  erheblich,  noch 


Die  Deckung  des  Nährstoffbedarfs  des  Menschen.  259 

bedeutender  aber  in  Bezug  auf  Fleisch,  das  pro  1  kg  im  Engrospreise 
80—90  Pf^  ohne  Abfall  1  M.  kostet.  Für  die  Ernährung  eines  Ge- 
fangenen brauchen  daher  nur  28 — 36  Pf.,  für  die  Ernährung  eines 
Soldaten  30—35  Pf.  pro  Kopf  und  Tag  verausgabt  zu  werden.  — 
Auch  die  ärmere  Bevölkerung  kann  die  Nahrung  zu  derartig  niedrigem 
Preise  beziehen  durch  Vermittelung  von  Consumvereinen,  ferner 
durch  Benutzung  von  Volksküchen,  welche  ein  ausreichendes  Mittag- 
essen für  billigsten  Preis  gewähren. 

Ausserdem  kann  für  die  Arbeiteremährung  viel  genützt  werden 
durch  Anleitung  zu  einer  rationellen  Auswahl  der  Nahrungs- 
mittel Aufklärungen  über  den  Nährstoffgehalt  der  Nahrungsmittel 
und  speciell  über  diejenigen,  welche  Eiweiss  und  Fett  billig  liefern, 
sind  durch  Koch-  und  Haushaltungsschulen  und  durch  Flugblätter  zu 
verbreiten.  Selbstverständlich  müssen  die  empfohlenen  Nahrungsmittel 
Geschmacksreize  haben,  die  dem  Arbeiter  gewohnt  und  angenehm  sind; 
von  der  Anpreisung  von  Nahrungsmitteln,  die  fremde  Geschmacksreize 
und  ungewohntes  Aussehen  haben,  ist  nichts  zu  erwarten.  Aber 
gerade  aach  unter  den  heimischen  beliebten  Nahrungsmitteln  werden 
oft  die  billigen  Eiweisslieferanten  bei  weitem  nicht  genügend  geschätzt  — 
Besonders  wichtig  in  dieser  Beziehung  sind  die  frischen,  gesalzenen 
und  geräucherten  Fische,  durch  welche  der  Eiweissbedarf  in  ausser- 
ordentlich billiger  Weise  zu  ergänzen  ist  Eine  ähnliche  Rolle  spielen 
die  Molkereiproducte;  Magerkäse,  Quark  und  insbesondere  ab- 
gerahmte Milch  haben  auf  dem  Lande  fast  keinen  Werth,  können 
aber  bei  der  jetzigen  Behandlungsweise  der  Milch  sehr  wohl  in  nahe 
gelegene  Städte  transportirt  und  dort  der  Bevölkerung  zu  ausser- 
ordentlich billigen  Preisen  verkauft  werden. 

Endlich  sucht  man  in  der  Neuzeit  Surrogate  herzustellen,  wie 
z.  B.  die  Eunstbutter,  welche  billige  Fette  schmackhaft  und  im  Haus- 
halt verwendbar  zu  machen  sucht 

Wenig  bewährt  hat  sich  bis  jetzt  ein  Fleisch-Import  von  überseeischen 
Lftndem,  in  welchen  die  Production  des  Fleisches  wenig  oder  gar  nichts  kostet 
(s.  n.  „Fleisch^*)-  Vor  einigen  Jahren  erregte  namentlich  das  ,,Came  pnra" 
(s.  ebenda)  viel  Aufisehen.  Aber  auch  dieses  Präparat  war,  ebenso  wie  die 
ttbrigen  importirten  Fleischarten  entschieden  zu  thener,  als  dass  es  f&r  die 
Volksemährang  ernstlich  in  Betracht  kommen  konnte.  60  g  verdauliches  Ei- 
weiss waren  beispielsweise  enthalten  in  86  g  Game  pura  und  kosteten  26  Pf.; 
neben  dem  Eiweiss  wurden  in  dieser  Portion  nur  noch  4  g  Fett  geliefert  Das 
Prl^^arat  war  demnach  durchaus  nicht  billiger,  wie  manche  einheimische  Prä- 
parate, war  aber  selbstverständlich  dem  Geschmack  ausserordentlich  viel  weniger 
angepasst,  wie  die  letzteren.  —  €knau  das  gleiche  gilt  von  den  zahlreichen  im 
Inland  hergestellten  eiweissreicheu  Präparaten,  z.  B.  Tropon.  Auch  bei  diesem 
erscheint  das  Eiweiss  nur  relativ  billig,  wenn  man  mit  reinem  fettfreien  Rind- 

17» 


260  Ernfthrong  und  Nahrangamittel. 

fleisch  vergleicht;  nicht  aber  wemi  man  die  fQr  die  Volksernfthning  wiiUicfa  in 
Betracht  kommenden  billigen  heimischen  Fleisch-,  Fisch-  und  Milchpr&parate 
als  Maassstab  nimmt  Und  dabei  fehlen  dem  Tropon  völlig  die  angenehmen  Ge- 
sohmackBreice  dieser  Nahrangsmittel. 


Die  Frage,  wie  die  Tageskost  in  zweckmässigster  Weise  auf  Mahl- 
zeiten vertheilt  wird,  lässt  sioh  nicht  mit  einer  allgemein  gültigen 
Regel  beantworten.  Empfindliche  Individuen  von  geringer  Capacitat 
des  Magens  und  geringer  Yerdauungskrafb  bedürfen  einer  stärkeren 
Bepartirung  der  Nahrung  als  robuste  Menschen.  Beim  Gesunden  varürt 
die  Eintheüung  nach  der  Beschäftigung  und  nach  der  Art  der  Kost 
Bei  körperlicher  Arbeit  und  vorzugsweise  vegetabilischer,  voluminöser 
Eost  sind  häufigere  (5)  Mahlzeiten  zweckmässig,  in  der  Tagesmitte  die 
stärkste,  welche  ungefähr  die  Hälfte  der  ganzen  Bation  umfasst  Bei 
geistiger  Arbeit  und  eiweiss-  und  fettreicher  Eost  ist  die  englische  Sitte, 
früh  eine  reichliche  Fleischmahlzeit,  im  Laufe  des  Tages  nur  wenig 
leichte  Speisen  und  die  Hauptmahlzeit  am  späten  Nachmittag  resp. 
Abend  einzunehmen,  am  empfehlenswerthesten. 

Bei  Arbeitern  sind  im  Mittel  40 — 50  Procent  der  täglichen  Eiweiss- 
ration,  50—60  Procent  des  Fettes,  30  Procent  der  Eohlehydrate  in  der 
Mittagsmahlzeit  gefunden;  etwa  30  Procent  vom  Eiweiss,  30  Procent 
vom  Fett  und  30  Procent  von  den  Eohlehydraten  entfallen  auf  die 
Abendmahlzeit;  der  Best  der  Eohlehydrate  vertheilt  sich  in  Form  von 
Brot  auf  die  verschiedenen  kleinen  Mahlzeiten. 


Besonders  wichtig  ist  die  richtige  Anwendung  der  in  Vorstehendem 
entwickelten  Emährungsgrundsätze  bei  der  Eost  in  öffentlichen  An- 
stalten, in  welchen  der  Einzelne  nicht  entsprechend  seinem  indivi- 
duellen Bedürfniss  und  geleitet  von  einem  im  Allgemeinen  zuverlässigen 
Instinkt  seine  Eost  wählen  darf,  sondern  wo  er  auf  die  von  der  Auf- 
sichtsbehörde zugetheilte  und  von  dieser  als  ausreichend  erkannte 
Durchsohnittskost  angewiesen  ist 

In  der  verantwortlichen  Lage,  in  welcher  sich  hier  die  Au&ichts- 
behörde  befindet,  ist  genaueste  Berücksichtigung  der  einzelnen  Anforde- 
rungen an  eine  Normalkost^  insbesondere  an  ausreichenden  Nährwerth 
der  Eost  und  an  eine  entsprechende  Abwechselung  der  Geschmacks- 
reize, durchaus  noth  wendig.  Die  Ausführung  ist  indess  um  so  schwie- 
riger, als  der  Preis  der  Eost  gewöhnlich  auf  einer  ausserordentlich 


Die  Deckung  des  Nfthrstoffbedarfs  des  Menschen.  261 

niedrigen  Stufe  gehalten  werden  mnss  und  daher  nur  ein  für  kleinere 
Individuen  und  für  massige  Arbeitsleistung  geltender  Eostsatz  zu  Grunde 
gelegt  wird.  Ein  gewisser  Ausgleich  der  sehr  verschiedenen  Ansprüche 
hat  so  viel  als  möglich  durch  eine  individuell  variirte  Zukost  zu 
erfolgen.  In  der  Armee  sind  nur  Wenige,  welche  nicht  in  der  Lage  sind, 
fühlbaren  Defekten  ihrer  Eost  etwas  nachzuhelfen;  und  auch  in  den 
Gefangenenanstalten  kann  theils  durch  Verordnungen  des  Anstaltsarztes, 
theils  durch  eine  aus  dem  Erlös  der  Arbeit  beschaffte  Zukost  einem 
individuellen  Mehrbedarf  Rechnung  getragen  werden. 

In  Folgendem  seien  einige  RofltsfttEe  ans  öffentlichen  Anstalten  als  Bei- 
spiele angeführt: 

1.  Kost  im  Münchener  Waisenhaase. 

Tftglich  im  DarchscbniU  275  ccm  Milch,  97  g  Fleisch,  248  g  Brot,  162  g 
KartofißBln,  97  g  Gemüse;  nnd  darin: 

79  g  Eiweiss,  87  g  Fett,  247  g  Kohlehydrate. 

2.  Deatsche  Armee. 

a)  Kleine  Friedensportion;  bietet  im  Mittel  103  g  Eiweiss,  21  g  Fett,  501  g 
Kohlehydrate;  in  Form  von: 

750  g  Brod,  150  g  Fleisch,  90  g  Beis  oder 

120  g  Graupen  oder 
280  g  Leguminosen  oder 
1500  g  Kartoffeln. 

b)  Grosse  Friedensportion;  107  g  Eiweiss,  77  g  Fett,  511g  Kohlehydrate; 
in  Form  von: 

750  g  Brot,  250  g  Fleisch  oder  150  g  Speck,  25  g  Salz,  15  g  gebr.  Kaffee, 

125  g  Beis  oder 
125  g  Graupen  oder 
250  g  Leguminosen  oder 
1500  g  Kartoffeln. 

c)  Kleine  Kriegsportion;  135,8  g  Eiweiss,  89  g  Fett,  504  g  Kohlehydrate; 
in  Form  von: 

750gBrotoder    87 5g Fleisch  oder  125gReisod.    25g  Sali,  25g  gebr. Kaffee. 

500gZwieback,  200g Rauchfleisch  od.    125gGraupen 

200gFleischconserven.       u.  s.  w. 

d)  Grosse  Kriegsportion;  154  g  Eiweiss,  47  g  Fett,  504  g  Kohlehydrate, 
bezw.  165  g  Eiweiss,  48  g  Fett,  555  g  Kohlehydrate;  in  Form  von: 

750g  Brot,  500g  Fleisch  oder  267g  Rauchfleisch,  170g  Reis,  828g  Hülsen- 
früchte u.  s.  w. 

e)  Eiserner  Bestand,  d.  h.  die  Ration,  welche  für  jeden  Soldaten  in  Kriegs- 
und Manöverzeiten  stets  mitsuführen  ist,  und  die  aus  einer  haltbaren,  compen- 
diösen,  möglichst  leichten  und  rasch  zuzubereitenden  Nahrung  bestehen  muss. 


262  Emfthrung  und  Nahrungsmittel. 

Der  eiserne  Bestand  soll  pro  Tag  29  g  Eiweiss,  180  g  Fett  und  270  g  Kohle- 
hydrate enthalten,  z.  B.  in  Form  von:  150  g  Gemüsekonserven  (Erbswurst), 
250  g  Zwieback,  25  g  KafißBe,  25  g  Salz.  Oder:  400g  Fleischzwieback,  200  g 
Fleischgemttseconserven,  25  g  gebr.  Kaffee  und  25  g  Salz. 

3.  Gefangenenkost. 

Die  tägliche  Kost  enthält: 

in  den  preussischen  Strafanstalten,  alter  Etat:  110  g  Eiw.,  25  g  Fett,  677  g  K. 
„  „  ;,  „  neuer  „  100  g  „  50  g  „  553  g  „ 
im  Grefängniss  Plötzensee 117  g      „      32  g     „      597  g   „ 

und  zwar  in  Form  von  625—650  g  Brot,  80— 43  g  Fleisch;  im  übrigen  Kar- 
toffeln, Leguminosen,  abgerahmte  Milch,  Häring  u.  s.  w. 

4.  Volksküchen. 

Die  Mittagsmahlzeit,  die  in  Volksküchen  gereicht  wird,  soll,  entsprechend 
den  S.  260  mitgetheilten  Zahlen,  im  Mittel  enthalten: 

40—50  g  Eiweiss,  30  g  Fett,  160  g  Kohlehydrate. 

In  den  Berliner  Volksküchen  werden  für  den  Preis  von  25  Pf.  beispiels- 
weise verabreicht: 

a)  Gelbe  Erbsen  und  Kartoffeln,  1000  g;  Speck  50  g;  darin: 

55*5  g  Eiweiss,  41  g  Fett,  120  g  Kohlehydrate. 

b)  Milchreis,  1000  g;  Schmorfleisch  100  g;  und  darin: 

38  g  Eiweiss,  18  g  Fett,  120  g  Kohlehydrate. 

c)  Kohl  und  Kartoffeln,  1000  g;  Schweinefleisch  100  g;  und  darin: 

39  g  Eiweiss,  68  g  Fett,  163  g  Kohlehydrate. 

d)  Grüne  Bohnen,  1000  g;  fettes  Schweinefleisch  oder  Speck  60  g;  und  darin: 

20  g  Eiweiss,  53  g  Fett,  133  g  Kohlehydrate. 

Das  Minus  an  Fett  und  Eiweiss,  das  an  einzelnen  Tagen  hervortritt,  wird 
durch  ein  Plus  dieser  Nährstoffe  an  anderen  Tagen  ungefähr  ausgeglichen.  Im 
Mittel  werden  35  g  Eiweiss,  20  g  Fett  und  180  g  Kohlehydrate,  von  letzteren 
also  etwas  zu  viel,  von  ersterem  etwas  zu  wenig  geliefert 

Litteratur:  C.  v.  Voit,  Physiologie  des  allgemeinen  Stoffwechsels  und  der 
Ernährung,  Leipzig  1881.  —  Fobstbr,  Ernährung  und  Nahrungsmittel,  Handbuch 
der  Hygiene  von  v.  Pettbkkofbr  und  v.  Ziemssbn,  Theil  1.  —  Massenemährung, 
ebendas.,  Theil  2, 1882.  —  Kubneb,  Lehrbuch  der  Hygiene,  Leipzig  und  Wien  1900. 
—  König,  Die  menschlichen  Nahrungs-  und  Genussmittel,  5.  Aufl.  —  Munk  und 
Uffblmann,  Die  Ernährung  des  gesunden  und  kranken  Menschen,  Wien  und 
Leipzig,  2.  Aufl.  1895.  —  Vorr,  Untersuchung  der  Kost  in  einigen  öffentlichen 
Anstalten,  München  1877.  —  Mbinert,  Wie  ernährt  man  sich  gut  und  billig? 
Berlin  1882.  —  Meinert,  Armee-  und  Volksemährung,  Berlin  1880.  —  E.  imd 
E.  Hitzig,  die  Kostordnung  der  psychiatrischen  und  Nervenklinik  der  Universität 
Halle,  Jena  1897. 


Die  einzelneik  NahnmgsiDittel.  263 

B.  Die  einzelnen  Nahrnngsmittel. 

1.  Die  Kuhmileli. 

Im  Folgenden  soll  zunächst  nur  die  Euhmilch  besprochen  werden, 
wie  sie  als  Marktwaare  und  als  Nahmng  f&r  Erwachsene  und  ältere 
Kinder  in  Betracht  kommt  In  einem  besonderen  Abschnitt  ist  sodann 
die  Milch  als  Eindemahrong  zu  behandeln. 

Die  Kuhmilch  ist  eine  Emnlsion  von  Fett  in  einer  Lösang  von 
Eiweiss,  Zacker  und  Salzen.  Normaler  Weise  zeigt  sie  gelblichweisse 
Farbe,  ist  schon  in  dünnen  Schichten  undarchsichtig,  hat  einen  eigen- 
thümlichen  Oerach,  leicht  süsslichen  (Geschmack  und  amphotere 
Reaktion  (gleichzeitig  schwach  alkalisch  und  schwach  sauer).  Im  mi- 
kroskopischen Präparat  erscheint  sie  erfallt  von  zahlreichen  Fetttröpfchen 
verschiedener  Grösse.  Die  chemische  Analyse  ergiebt  im  Mittel 
folgende  Zusammensetzung:^  spec.  Gewicht:  1029 — 33;  Wassergehalt: 
87,75  Procent,  schwankend  von  86,0—89,5  Procent;  3-5  Procent  Ei- 
weiss,  darunter  2*9  Procent  Kasein,  0*5  Procent  Albumin;  3-5  Pro- 
cent Fett;  4*6  Procent  Zucker  und  0-75  Procent  Salze.  Das  Kasein 
befindet  sich  nicht  eigentlich  in  gelöstem,  sondern  in  nur  gequollenem 
Zustande. 

Wie  bei  allen  thierischen  Sekreten  kommen  auch  bei  der  Milch 
bedeutende  Schwankungen  in  der  chemischen  Beschaffenheit  vor; 
diese  sind  abhängig  einmal  von  der  Basse  und  Individualität,  dann  von 
der  Zeitdauer  der  Laktation,  von  der  Tageszeit  u.  s.  w.  Ganz  bedeutende 
Differenzen  resultiren  femer  aus  der  Fütterung.  Die  Landwirthe  unter- 
scheiden namentlich  zwischen  der  Fütterung  mit  frischem  Gras  und 
auf  der  Weide,  und  andererseits  der  sogenannten  Trockenfütterung  (Heu, 
Gerstenschrot,  Boggenkleie,  Bunkelrüben).  Bei  ersterer  wird  die  Milch 
wasserreicher  und  zeigt  überhaupt  bedeutende  Schwankungen,  Trocken- 
futter dagegen  liefert  die  gehaltreichste  und  gleichmässigste  Milch. 
Ferner  ist  auch  die  Zusammensetzung  der  Nahrung,  der  Gehalt  der- 
selben an  Eiweiss  u.  s.  w.  von  Einfluss.  Manche  aromatisch  riechende 
und  schmeckende  Stoffe  des  Futters  gehen  leicht  in  die  Milch  über 
und  können  sie  widerlich  machen,  so  namentlich  Schlempe  und  Büben- 
schnitzeL  —  Eine  eigenthümlich  starke  Yerschiedenheit  ergiebt  sich 
noch  für  die  einzelnen  Melkportionen;  die  erste  Portion  ist  immer 
bedeutend  —  um  das  zwei-  bis  dreifache  —  fettärmer  als  die  letzte, 
während  Eiweiss  und  Zucker  weniger  Schwankungen  zeigen. 


'  Die  ZasammenBetxiing  der  Milch  anderer  Thiere  s.  in  der  Tabelle  8.  252. 


264  Ernfthmag  und  Nahnrngsmittel. 

Trotz  dieser  Differenzen  bietet  die  zum  Markt  gebrachte  Milch 
im  Ganzen  doch  eine  gleichmässige  Zusammensetzung  dar,  namentlich 
innerhalb  der  gleichen  Jahreszeit  Es  rührt  dies  wesentlich  daher,  dass 
die  zu  verschiedenen  Zeiten  und  Ton  Terschiedenen  Kühen  gewonnene 
Milch  vor  dem  Transport  gemischt  wird.  Es  lassen  sich  daher  sehr 
wohl  Durchschnittsziffern  aufstellen,  so  dass  man  berechtigt  ist^ 
jede  Milch  zunächst  als  verdächtig  anzusehen,  welche  erheblich  von 
diesem  Mittel  abweicht 

Die  Ausnutzung  der  in  der  Milch  gebotenen  Nährstoffe  ist  eine 
relativ  gute,  wenn  auch  weniger  gut  als  die  des  Fleisches.  Das  Eiweiss 
wird  zu  mindestens  90  Procent,  das  Fett  zu  etwa  95  Procent,  die  Salze 
zu  50  Procent,  der  Zucker  vollständig  resorbirt  Bei  Eindem  ist  die 
Ausnutzung  eine  noch  bessere  (s.  unten). 

Demnach  stellt  die  Milch  ein  vorzügliches  Nahrungsmittel  dar, 
das  bei  kleinen  Eindem  zur  vollen  Ernährung  ausreicht^  bei  Eindem 
vom  zweiten  Jahre  an  und  bei  Erwachsenen  eine  rationelle  Emähmng 
sehr  wesentlich  unterstützt  Zu  ausschliesslicher  Ernährung  Erwachsener 
ist  die  Milch  nicht  geeignet,  weil  selbst  in  der  schwer  resorbirbaren 
Menge  von  4  Litem  kaum  genügend  Calorieen  vorhanden  sind. 

Die  Milch  ist  als  Nahrungsmittel  um  so  bedeutungsvoller,  als  sie 
für  sehr  billigen  Preis  das  sonst  so  schwer  zu  beschaffende  Eiweiss 
und  Fett  gewährt  (vergl.  die  Tabelle  S.  257). 

Der  billige  Preis  erklärt  sich  indess  daraus,  dass  die  Milch  eme 
Reihe  von  Nachtheilen  aufweist,  die  ihre  Verwendbarkeit  beeinträchtigen. 
Einmal  geht  sie  ausserordentlich  rasch  unter  dem  Einfiuss  von  Mikro- 
organismen Zersetzungen  ein,  die  sie  zum  Genuss  ungeeignet  machen; 
zweitens  ist  kein  anderes  Nahmngsmittel  so  leicht  zu  fälschen  und 
im  Nährwerth  zu  verschlechtern  als  gerade  die  Milch;  drittens  ist  sie 
zur  Verbreitung  pathogener  und  infektiöser  Bakterien  und 
eventuell  von  Giftstoffen  besonders  disponirt  —  Auf  diese  drei 
hygienisch  wichtigen  Nachtheile  der  Milch  ist  im  Folgenden  näher 
einzugehen. 

a)  Die  Zersetzungen  der  Milch. 

Die  Veränderungen,  welche  die  frisch  gemolkene  Milch  allmählich 
durchmacht,  bestehen  1)  darin,  dass  bei  mhigem  Stehen  die  Milch- 
kügelchen  an  die  Oberfläche  steigen  und  dort  die  Bahmschicht 
bilden.  Diese  erscheint  nach  24  Stunden  als  dicke,  feste  Decke,  die 
sich  abheben  lässt.  Man  erhält  dadurch  im  Gegensatz  zur  ursprüng- 
lichen ,,Vollmilch<<  2  Theile,  den  Bahm  und  die  „abgerahmte  Milch'' 


Die  einsehieD  Nahrungsmittel.  265 

oder  y^Magermilch'',  welohe  letztere  je  nach  der  Yollstandigkeit  des 
Anfrahmens  mehr  od^r  minder  fettfrei  ist;  werden  Gentrifiigen  znm 
Entrahmen  benutzt,  so  verbleiben  nur  etwa  0*15  Procent  Fett  in  der 
Magermilch. 

2)  Bei  längerem  Stehen  der  Milch  beobachtet  man  sodann,  dass 
auf  der  Oberfläche  ein  weisslicher,  pilziger  Ueberzng  sich  etablirt  Dieser 
besteht  im  Wesentlichen  ans  Oidium  lactis  (s.  oben).  Gleichzeitig  ent- 
wickeln sich  in  der  Flüssigkeit  nnter  dem  Bahm  zahlreiche  Bakterien, 
am  schnellsten  bei  einer  Temperatur  von  25 — 30^.  Am  üppigsten 
pflegen  sehr  verbreitete  Arten  zu  wnchem,  die  man  schlechthin  als 
Milchsänrebakterien  bezeichnet  (vergl.  Gap.  1). 

Dnrch  diese  Bakterien  wird  der  Milohzacker  vergohren,  so  dass 
freie  Milchsäure  (durch  einige  Arten  ausserdem  gasformige  Producte, 
wie  GOj)  entsteht  Ist  etwa  0*2  Procent  Milchsäure  gebildet,  so  tritt 
Gerinnung  des  Kaseins  ein,  der  untere  Theil  der  Milch  scheidet 
sich  damit  wieder  in  2  Abschnitte,  in  den  Eäse  und  das  Serum 
(Molke).  Frsterer  enthält  gewöhnlich  die  Beste  von  Fett  eingeschlossen, 
so  dass  das  Serum  nur  noch  Milchzucker,  Salze  und  Albumin  auf- 
weist —  Sehr  häufig  kommt  es  übrigens  vor,  dass  Bakterien  die  Ober- 
hand gewinnen,  welche  keine  saure  Beaktion,  aber  trotzdem  beim  Er- 
wärmen Easeingerinnung  bewirken;  letztere  erfolgt  dann  durch  ein 
labähnliches  Ferment,  das  von  zahlreichen  Bakterienarten  pro- 
ducirt  wird. 

3)  Lässt  man  Milch  8 — 10  Tage  stehen,  so  bekommt  sie  ein  ver- 
ändertes Ansehen;  es  entwickelt  sich  Gestank  nach  Buttersäure  und 
es  entsteht  reichliches  Gas  (Wasserstofl);  zuweilen  wird  gleichzeitig  das 
Kasein  peptonisirt  Alsdann  sind  Buttersäurebacillen  in  den 
Vordergrund  getreten.  Die  meisten  betheUigten  Arten  sind  AnaSroben, 
sind  nach  Gbam  farbbar,  bewirken  Buttersäuregährung  aus  dem  Milch- 
zucker und  liefern  daneben  oft  reichlich  Milchsäure.  —  Will  man  die 
reine  Wirkung  der  Buttersäurebacillen  ohne  die  Milchsäuregährong 
zur  Anschauung  bekommen,  dann  muss  man  die  Milchsäurebakterien 
abtödten.  Es  gelingt  dies  meist  durch  Ya^^^i^diges  Erhitzen  der 
Milch  auf  100^.  Die  Sporen  der  Buttersäurebacillen  bleiben  bei  dieser 
Behandlung  am  Leben;  werden  die  Flaschen  mit  der  erhitzten  Milch 
dann  fest  verschlossen  und  bei  einer  Temperatur  zwischen  30  und  35^ 
gehalten,  so  ist  binnen  20  Stunden  die  MUch  in  lebhafter  Buttersäure- 
gährung. 

4)  Hält  man  die  durch  Erhitzen  von  Milchsäurebakterien  befreite 
MQch  in  offenen  Gefässen  bei  30—40^;  oder  kocht  man  die  Milch 
vorher  mindestens  eine  Stunde  lang,  so  dass  auch  die  Sporen  der 


266  E^fthning  und  Nahrungsmittel. 

Bnttersaurebacillen  abgetödtet  smd,  dann  wird  wieder  eine  andere 
Gruppe  von  Bakterien  und  eine  andere  Zerlegung  bemerkbar.  Die 
Milch  verändert  sich  nunmehr  äusserlich  wenig,  das  Kasein  gerinnt 
nicht,  sauere  Reaktion  fehlt  oder  ist  geringfügig.  Dass  solche  Milch 
überhaupt  von  Bakterien  erfüllt  und  zersetzt  ist,  sieht  man  nur  daran, 
dass  sich  unter  der  Bahmschicht  langsam  eine  transparente  Zone  aus- 
bildet, die  allmählich  breiter  wird.  Die  Milch  giebt  dann  deutliche 
Peptonreaktion;  gleichzeitig  ist  der  Geschmack  bitter  und  kratzig  ge- 
worden. —  Diese  langsame  Zersetzung  wird  durch  Bakterien  aus  der 
Gruppe  der  Heubacillen  bewirkt  Die  Sporen  derselben  sind  gleich- 
falls sehr  verbreitet;  sie  vertragen  1—6  stündige  Erhitzung  auf  100*^. 
Unter  den  häufig  vorkommenden  Heubacillen  der  Milch  wurden  mehrere 
Arten  gefunden,  deren  Beinkultur  in  Milch  toxische  Wirkungen  aus- 
übt (s.  unten). 

Alle  die  beschriebenen  Phasen  des  Bakterienlebens  lassen  sich  mit 
geringfügigen  Abweichungen  in  jeder  Milch  beobachten;  die  betreffenden 
Bakterien  sind  offenbar  überall  verbreitet  Theils  entstammen  dieselben 
den  Ausführungsgangen  der  Euter,  in  denen  sich  Massen  von  Bak- 
terien zwischen  den  Melkzeiten  zu  entwickeln  pflegen;  theils  gelangen 
sie  durch  Euhexcremente  in  die  Milch;  fast  jede  Milch  lässt  nach  dem 
Absitzen  sogar  makroskopisch  eine  Beimengung  von  Euhexcrementen 
erkennen.  Auch  die  zum  Sammeln  der  Milch  dienenden  Eimer  und 
Gefasse,  die  Hände  des  Melkenden,  die  in  die  Milch  fallenden  Fliegen, 
der  Heustaub,  der  beim  Yerfüttern  trockenen  Heus  oft  in  Massen  die 
Luft  erfüllt,  sind  Quellen  der  Milchbakterien. 

Wird  der  Inhalt  der  Eutergänge  zu  Anfang  jedes  Melkens  ent- 
fernt und  nicht  mit  in  den  Eimer  gebracht,  wird  der  Euter  sorgfältig 
gereinigt,  der  Schwanz  der  Euh  festgebunden,  werden  Hände  und  Ge- 
fasse völlig  sauber  gehalten  und  wird  das  Heu  nur  in  angefeuchtetem 
Zustand  in  den  Stall  gebracht,  um  Heubacillen-haltigen  Staub  zu  ver- 
meiden, so  kann  eine  nahezu  sterile,  ausserordentlich  bakterienarme 
Milch  gewonnen  werden. 

Zuweilen  kommen  Abweichungen  von  den  normaler  Weise  in  der  Milch 
ablaufenden  Zersetzungen  vor,  und  zwar  dadurch,  dass  weniger  verbreitete 
Bakterienarten  zufällig  in  grösserer  Menge  in  die  Milcb  gelangen  und  dort  die 
Oberband  gewinnen,  so  z.  B.  die  Bacillen  der  blauen  Milch,  welche  ein 
Chromogen  produciren,  das  bei  Luftzutritt  und  saurer  Keaktion  dunkelblau 
wird.  Sind  diese  Bacillen  in  einer  MOchkammer  erst  einmal  zur  Entwickelung 
gelangt,  so  befallen  sie  dort  immer  wieder  neue  Vorräthe,  bis  sie  durch  gründ- 
liche Desinfektion  des  Raumes  und  der  Gefasse  vernichtet  sind.  —  Zuweilen 
tritt  rothe  oder  gelbe  Milch  auf  durch  Wucherung  anderer  Bakterienarten, 
zuweilen  schleimige  fadenxiehende,  in  anderen  Fftllen  bittere  Milch.    Alle 


Die  einzelneii  Nahrungsmittel.  267 

diese  abnonnen  Bakterienansiedelongen  haben  nicht  gerade  directe  hygienische 
Bedeutung,  aber  machen  die  Milch  wegen  der  starken  Veränderung  ihres  Aus- 
sehens oder  Gkschmacks  unveiiLäuflich. 

b)  Die  Fälsohnngen  der  Miloh. 

Die  Fälschung  besteht  gewöhnlich  im  Entrahmen  oder  im 
Wasserznsatz  oder  in  einer  Gombination  Ton  beiden  Manipulationen. 
Solche  theilweis  entfettete  und  verdünnte  Milch  hat  natürlich  einen 
entsprechend  geringeren  Nährwerth.  Ausserdem  können  durch  den 
Wasserzusatz  Infektionserreger  in  die  Milch  gelangen.  —  Andere 
Fälschungen,  z.  B.  Zusatz  von  Stärke,  Dextrin,  Gyps,  Gehirn  u.  s.  w., 
sind  nur  Curiosa  ohne  grössere  Bedeutung.  Dagegen  werden  der  Milch 
sehr  häufig  Gonservirungsmittel  zugefügt,  welche  bestimmt  sind, 
die  Milch  länger  haltbar  zu  machen.  Der  Händler  wendet  aber  diese 
Mittel  gewöhnlich  dann  an,  wenn  schon  ein  gewisser  Bakterienreichthum 
der  Milch  vorhanden  ist  und  die  bald  zu  erwartende  äusserlich  sicht- 
bare Veränderung  der  Milch,  die  Gerinnung,  noch  eine  Zeit  lang 
hinausgeschoben  werden  soll.  Zu  diesem  Zweck  wird  am  häufigsten 
Soda  oder  Natron  bicarbonicnm  oder  Borax  benutzt  Alle  diese 
Mittel  hindern  aber  das  Bakterienleben  in  der  Milch  in  keiner  Weise, 
dasselbe  wird  im  Gtegentheil  eher  begünstigt,  und  lediglich  die  Ent- 
wickelung  freier  Säure  und  damit  die  Gerinnung  wird  (übrigens  auch 
nur  für  sehr  kurze  Zeit)  verzögert.  Diese  Mittel  sind  also  ganz  be- 
sonders gefahrlich,  weil  sie  nur  das  äussere  Kennzeichen  einer 
schlechten  Beschaffenheit  der  Milch  verdecken,  während  sie  dagegen 
Zahl  und  Arten  der  Bakterien  nicht  vermindern.  Sehr  häufig  wird  im 
Hochsommer  die  Milch  in  den  Handlungen  aufgekocht,  ehe  der 
Säuregrad  bis  zur  Gerinnung  der  Milch  gesteigert  ist  Auch  dadurch 
wird  eine  zu  lange  oder  unzweckmässige  Aufbewahrung  und  in  Folge 
dessen  eine  intensive  Zersetzung  der  Milch  nur  verschleiert,  und  das 
Bakterienleben  oft  derartig  verschoben,  dass  gerade  die  bedenklicheren 
Zersetzungserreger  bei  fortgesetzt  unzweckmässiger  Aufbewahrung  in 
den  Vordergrund  gelangen.  —  Borsäure  zeigt  so  gut  wie  gar  keine 
conservirende  Wirkung.  Besseren  Effekt  haben  Salicylsäure  und 
Wasserstoffsuperoxyd,  die  in  einer  Menge  von  0*75  resp.  2-0 
pro  mille  die  Ent Wickelung  der  Bakterien  kräftig  hemmen,  ohne  den 
Geschmack  der  Milch  zu  sehr  zu  alteriren.  Wasserstofiisuperoxyd 
tödtet  sogar  in  der  angegebenen  Concentration  die  meisten  saprophy- 
tischen  und  pathogenen  Bakterien.  Alle  derartige  Gonservirungsmittel 
der  Milch  dürfen  indess  nicht  geduldet  werden,  weil  sie  bei  anhaltendem 
(}enu88  keineswegs  als  indifferent»  insbesondere  für  den  kindlichen  Or- 
ganismus, anzusehen  sind. 


268  ErnfthroDg  und  Nabrungsmittel. 

c)  Krankheitserreger  und  Gifte  der  Milch. 

Die  gewöhnlichen,  bei  Temperaturen  unter  24^  gewucherten  Sapro- 
phyten  der  Milch  scheinen  selbst  in  grosser  Menge  unschädlich  zu 
sein.  Die  in  den  Milchstuben  geronnene  Milch,  ebenso  Eephir  und 
ähnliche  Präparate,  welche  enorme  Mengen  von  Milchsäurebakterien 
enthalten,  werden  im  Allgemeinen  ohne  Nachtheil  ertragen.  —  Auch 
den  Buttersäurebacillen  scheint  keine  erheblichere  schädigende  Wirkung 
zuzukommen;  dieselben  finden  sich  in  jedem  menschlichen  Darm,  fast 
in  jedem  Wasser  u.  s.  w. 

Nicht  unbedenklich  erscheinen  dagegen  einige  Arten  aus  der 
Heubacillengruppe,  welche  heftige  Giftwirkung  veranlassen.  Ver- 
futtert man  Milch,  die  eine  Reincultur  dieser  Bacillen  enthält,  an  junge 
Hunde  oder  Meerschweinchen,  so  erkranken  dieselben  schon  nach 
wenigen  Stunden  an  profusen  Durchfallen  ulid  gehen  nach  4 — 6  Tagen 
zu  Grunde.  Wird  die  inficirte  Milch  nach  1 — 2  Tagen  durch  sterile 
Milch  ersetzt,  so  erholen  sich  die  Thiere  wieder.  Sehr  deutlich  tritt 
die  toxische  Wirkung  einer  Cultur  der  Heubacillen  in  Milch  bei  intra- 
peritonealer Injektion  hervor;  schon  1  ccm  einer  12  Stunden  alten 
Cultur  tödtet  die  Thiere  innerhalb  eines  Tages.  —  Das  Toxin  ist 
in  der  Leibessubstanz  der  lebenden  Bacillen  enthalten;  Filtrate 
oder  abgetödtete  Culturen  sind  unwirksam.  —  Diese  Bacillen  sind 
gegenüber  dem  empfindlichen  Organismus  des  Kindes  jedenfalls  nidit 
indifferent;  sie  sind  möglicher  Weise  bei  einem  Theil  der  im  Hochsommer 
vorkoDunenden  akuten  Darmkrankheiten  der  Säuglinge  betheiligt,  zu- 
mal sie  sich  gerade  bei  höherer  Temperatur  (über  24^  erst  lebhafter 
vermehren,  die  Milch  nicht  sichtbar  verändern  und  durch  Koch^  der 
Milch  nicht  getödtet  werden. 

Nicht  selten  werden  femer  durch  die  Milch  die  Erreger  mensch- 
licher Infektionskrankheiten  verbreitet  Kommt  in  einer  Milchwirth- 
schaft  ein  solcher  Krankheitsfall  vor,  so  vollzieht  sich  die  Uebertragung 
der  Infektionserreger  auf  die  Milch  theils  dadurch,  dass  die  mit  dem 
Kranken,  dessen  Wäsche  u.  s.  w.  beschäftigten  Personen,  selbst  wenn 
sie  sich  nach  ihrer  Meinung  gründlich  reinigen,  Infektionserreger  an 
den  Händen  behalten,  und  in  die  Milch  bringen,  wenn  sie  nachher 
mit  dieser  hantiren;  theils  durch  das  Wasser  eines  inficirten  Brunnens 
gelegentlich  der  Spülung  der  Gefässe  oder  der  Fälschung  der  Milch. 
Die  auf  diese  Weise  in  die  Milch  gelangten  pathogenen  Bakterien 
finden  dort  einen  guten  Nährboden  und  können  sich  in  sterilisirter 
Milch,  meist  ohne  jede  sichtbare  Veränderung  derselben,  lebhaft  ver- 
mehren.   In  der  nicht  sterilisirten,  natürlichen  Milch  ist  allerdings  die 


Die  einzelnen  Nahrangsmittel.  260 

YermehroDg  dieser  Bakterien  durch  die  Concorreuz  mit  den  gewöhn- 
lichen Milchsaprophyten  einigermaassen  erschwert,  und  namentlich  die 
Sanreprodoktion  der  letzteren  hemmt  die  Entwickelang  der  meisten 
pathogenen  Arten.  Jedoch  werden  dieselben  mindestens  längere  Zeit 
conservirt  —  In  manchen  Fällen  werden  die  Uebertragongen  vom 
Erankenpersonal  direct  oder  durch  Yermittelung  der  Geßsse  u.  s.  w. 
ausgehen. 

Zahlreiche  Erfahrungen  zeigen,  dass  in  der  That  Infektionen 
durch  Milch  häufig  stattgefunden  haben.  In  einer  Anzahl  von  Typhus-, 
Cholera-,  Diphtherie-  und  Scharlach epidemieen  konnte  die  Milch 
mit  Bestimmtheit  als  Vehikel  der  Keime  angeschuldigt  werden,  weil 
der  Yersorgungsbezirk  einer  bestimmten  Milch  sich  genau  mit  der 
Ausbreitung  der  Krankheit  deckte. 

Weiter  ist  die  Milch  noch  dadurch  bedeutungsvoll,  dass  sie  vom 
erkrankten  Thier  aus  Infektionserreger  auf  den  Menschen  über- 
tragen kann.  In  erster  Linie  ist  hier  die  Tuberkulose  zu  nennen, 
die  Perlsucht  des  Bindviehs.  Man  darf  annehmen,  dass  in  städtischen 
Milchwirthschaften  mehr  als  10  Procent  der  Kühe  tuberkulös  sind;  sie 
häufen  sich  dort,  weil  tuberkulöse  Kühe  nicht  concipiren  und  nicht 
fett  werden,  und  deshalb  aus  den  auf  Thierzucht  oder  Mast  eingerichteten 
ländlichen  Wirthschaften  möglichst  ausrangirt  werden.  Etwa  die  Hälfte 
der  tuberkulösen  Kühe  liefert,  auch  wenn  keine  Erkrankung  des  Euters 
bemerkbar  wird,  eine  Tuberkelbacillen-haltige  Milch.  —  Betrefis  den 
neuerdings  au^etauchten  Zweifel  an  der  Identität  der  menschlichen 
Tuberkulose  und  der  Perlsucht  s.  Gap.  1. 

Femer  wird  in  seltenen  Fällen  die  Maul-  und  Klauenseuche 
der  Binder  auf  den  Menschen  übertragen.  Einzelne  Kinder  erkranken 
nach  dem  Genuss  frischer  Milch  von  solchen  Kühen  unter  Fieber, 
Verdauungsstörungen  und  bekommen  einen  Bläschenausschlag  auf 
Lippen  und  Zunge,  zuweilen  an  den  Händen.  —  Ob  Milzbrand  und 
Wuth  durch  Milch  übertragen  werden  können,  ist  zweifelhaft.  — 
Wiederholt  sind  von  Kühen,  die  an  Mastitis  erkrankt  waren,  Strepto- 
kokken durch  die  Milch  übertragen,  die  Darmkatarrhe  veranlasst  haben. 
Auch  die  Erreger  von  Enteritis  der  Kühe  sind  zweifellos  durch  In- 
fektion der  Milch  mittelst  Kuhkoththeilchen  auf  Menschen  übertragen. 

Von  Giften  kommen  anscheinend  hauptsächlich  Colchicin,  viel- 
leicht auch  die  Gifte  von  Hahnenfuss,  Dotterblumen  u.  s.  w.  in  Be- 
tracht, die  mit  dem  Futter  aufgenommen  werden  und  Darmaffektionen 
bei  Kindern  veranlassen  können.  Auch  das  Solanin  verdorbener  Kar- 
toffeln, femer  gewisse  Medikamente  gehören  vielleicht  hierher. 


270  Ernfthning  und  Nabraiigsiiiittel. 

Die  prophylaktischen  Maassregeln  gegen  die  aas  dem  Milch- 
genuss  erwachsenden  Gefahren  bestehen  1)  in  der  Con trolle  der  Markt- 
milch, 2)  in  der  Ueberwachung  der  Milchwirthschaften,  3)  im  Pri^Mriren 
der  Milch  im  grossen  Maassstabe  yor  dem  Verkauf  derselben,  4)  im 
Präpariren  der  Milch  durch  den  Einzelnen  nach  dem  Kauf. 

1.  Die  Untersuchung  und  Controlle  der  Milch. 

Eine  normale  Milch  soll  keinerlei  Fälschung  oder  Zusatz  erfahren 
haben,  frisch  und  unzersetzt  sein  und  keine  Krankheitserreger  ent- 
halten. Die  Controlle  kann  zunächst  Fälschungen  dadurch  erkennen 
oder  ausschliessen,  dass  sie  a)  das  specifische  Gewicht  ermittelt 
(dasselbe  schwankt  bei  normaler  Milch  zwischen  1029  und  1033;  der 
Trockenrückstand  beträgt  mindestens  10*5  Procent);  b)  durch  die  Fett- 
bestimmung; normale  Milch  enthält  mindestens  2*7  Procent  Fett; 

c)  durch  Auffindung  von  Nitraten,  die  in  normaler  Milch  fehlen 
und  deren  Anwesenheit  auf  einen  Zusatz  von  Brunnenwasser  deutet; 

d)  durch  den  Nachweis  conservirender  Zusätze. 

Zweitens  ist  es  Aufgabe  der  Controlle,  nachzuweisen,  dass  die  Milch 
unzersetzt  und  vom  völligen  Verderben  noch  hinreichend  weit  ent- 
fernt ist. 

Drittens  ist  auf  pathogen  e  Bakterien  arten  und  auf  Gifte  zu 
untersuchen. 

a)  Die  Bestimmung  des  specifischen  Gewichts:  Zwei  Com- 
ponenten  wirken  auf  eine  Abweichung  des  specifischen  Gewichts  der 
Milch  von  dem  des  Wassers.  Eiweiss,  Zucker,  Salze  machen  die  Milch 
schwerer,  das  Fett  dagegen  leichter;  das  Gesammtresultat  ist,  dass  sie 
immer  schwerer  ist  als  Wasser,  aber  um  so  weniger,  je  mehr  Fett  oder 
je  mehr  Wasser  vorhanden  ist  Hohes  specifisches  Gewicht  kann  durch 
Beichthum  an  festen  Bestandtheilen  und  Wasserarmuth ,  ebensowohl 
aber  auch  durch  Fettmangel  bedingt  sein;  niedriges  specifisches  Gewicht 
durch  abnorme  Verdünnung  mit  Wasser  oder  durch  Fettreichthum. 
Abrahmen  und  nachfolgender  Wasserzusatz  lässt  daher  das  ursprüng- 
liche specifische  Gewicht  der  Milch  eventuell  wieder  hervortreten. 
Weiss  der  Fälscher,  dass  das  specifische  Gewicht  controUirt  wird,  so 
kann  er  in  der  That  in  der  Weise  verfahren,  dass  er  durch  Abrahmen 
und  Wasserzusatz  eine  stark  gefälschte  Milch  von  normalem  specifischen 
Gewicht  liefert  Indess  gehört  zu  dieser  Manipulation  Zeit  und  Sorgfalt, 
und  für  gewöhnlich  weicht  jede  gefälschte  Milch,  entrahmte  oder 
gewässerte,  von  dem  durchschnittlichen  specifischen  Gewicht 
ab.     In   vielen  Fällen   wird   man  daher  durch  die  Bestimmung  des 


Die  eilUEelnen  Nahrungsmittel«  271 

spedfisohen  (Jewiohts  allein  die  Fälschung  entdecken,  wenn  es  aach 
immerhin  sicherer  ist,  daneben  die  Fettbestimmong  auszuführen. 

Zur  BestimmuDg  des  specifiBchen  Gewichts  benutzt  man  Aräometer  (so- 
genannte Milchwaagen,  Laktodensimeter).  An  dem  gebräuchlichsten  Instrument 
von  QuEysMHS-MüLLEB  finden  sich  an  der  Spindel  zur  Bezeichnung  des  speci- 
fischen  Gkwichts  nur  zweistellige  Zahlen,  vor  welchen  die  Zahlen  1*0  fortgelassen 
sind,  also  statt  1*029  nur  die  Zahl  29.  Beim  Ablesen  ist  das  Auge  in  gleiches 
Niveau  mit  dem  Skalentheil  zu  stellen;  femer  ist  vor  der  Prüfung  die  Milch 
gut  durchzumischen  und  mit  Hülfe- von  Tabellen  eine  Temperatur-Correction 
anzubringen,  resp.  die  Milch  auf  15^  zu  erwärmen  oder  abzukühlen.  —  Die 
Grade  des  MttLLBa'schen  Laktodensimeters  sind  sehr  eng  und  die  Ablesung  des- 
halb ungenau.  Sollen  die  Grade  grösser  ausfallen,  so  muss  die  Spindel  dünner 
und  leichter  werden.  Nach  diesem  Princip  sind  die  neueren  Instrumente  von 
SoxHLBT  und  Apbl  construirt;  femer  giebt  das  RscKMAGBL^sche  Aräometer  aus 
Hartgummi  gute  Resultate. 

b)  Die  Fettbestimmung  geschieht  entweder: 

Mit  dem  Cremometer.  Man  lässt  die  Milch  24  Stunden  bei  mittlerer 
Temperatur,  86—48  Stunden  bei  niederer  Temperatur,  stehen  und  liest  dann 
die  Höhe  der  Rahmschicht  an  einer  Skalentheilung  ab.  Gute  Milch  liefert 
10 — 14 Procent  Rahmschicht;  8*2  Skalentheile  enstprechen  ungefähr  1  Procent 
Fett    Die  Resultate  sind  oft  fehlerhaft 

Oder  mit  optischen  Methoden.  Je  fettreicher  die  Milch,  um  so  un- 
durchsichtiger wird  sie.  Darauf  sind  eine  Reihe  von  Instrumenten  gegründet, 
von  denen  das  beste  das  FssEB'sche  Laktoskop  ist  In  dasselbe  werden 
4  com  Milch  eingeblasen  und  dann  wird  allmählich  Brunnenwasser  zugefügt,  bis 
schwarze  Linien  auf  einem  am  Boden  des  Gefösses  befindlichen  Milchglaszapfen 
eben  sichtbar  werden.  An  einer  Skalentheilung  liest  man  direct  die  Fett- 
procente  ab.  —  Alle  optischen  Methoden  sind  dadurch  unzuverlässig,  dass  viel 
auf  die  Beleuchtung  und  das  Auge  des  Beschauers  ankommt,  namentlich  aber 
dadurch,  dass  die  Durchsichtigkeit  von  der  Zahl  und  Grösse  der  Milchkügelchen 
abhängt;  Milch  von  gleichem  procentischen  Fettgehalt  kann  je  nach  der  Grösse 
der  einzelnen  Fetttröpfchen  sehr  verschieden  durchsichtig  sein.  Ausser  dem  Fett 
kommt  aber  auch  noch  das  Kasein  für  die  Durchsichtigkeit  in  Betracht 

Oder  durch  das  MAR0HAKD-ToLLBK8*sche  Laktobutjrometer.  Die 
Milch  wird  mit  Aether  geschüttelt,  dieser  löst  das  Fett  und  zwar  am  leichtesten, 
wenn  ein  Paar  Tropfen  Natronlauge  hinzugefügt  werden.  Dann  wird  Alkohol 
zugemischt  und  man  erhält  nun  eine  Aetherfettlösung,  welche  oben  auf  dem 
Chemisch  schwimmt  Die  Höhe  derselben  liest  man  ab  und  entnimmt  dann  aus 
einer  Tabelle,  welche  dem  Apparat  beigegeben  wird,  den  Fettgehalt  der  Milch. 
—  Bei  Magermilch  giebt  die  Methode  ungenaue,  bei  voller  Milch  dagegen 
brauchbare  Resultate. 

Eine  genauere  Bestimmung  des  Fettes  ist  möglich  mit  Hülfe  des  Soxhlbt- 
schen  Verfahrens,  bei  welchem  man  das  specifische  Gewicht  des  Aether* 
extractes  der  Milch  zu  bestimmen  sucht  200  ccm  Milch  werden  mit  10  ccm 
Kalilauge  und  60  ccm  Aether  kräftig  geschüttelt  Nach  einer  Viertelstunde 
wird  die  oben  angesammelte  Aetherfettlösung  in  ein  Glasrohr  gebracht,  das 
aoaeen  von  einem  Kühlrohr  umgeben  ist  und  mit  Hülfe  dessen  stets  die  genau 
gleiche  Temperatur  von  nVi^  hergesteUt  wird.    In  der  Aetherfettlösung  lässt 


272  Em&hraag  und  Nahrungsmittel. 

man  dann  ein  Arfiomet^  achwimmen  und  bestimmt  deren  speeifiBchet  Gewicht 
Mittels  einer  Tabelle  findet  man  aus  dieser  Ablesung  den  Fettgehalt. 

Femer  gelingt  die  Fettbestimmung  schnell  und  sicher  mittels  des 
GBBBBB*schen  Butyrometers.  In  besonders  construirten,  an  einer  Stelle  sn 
einer  graduirten  Bohre  verjüngten  Glasgefössen  wird  die  Milch  (11  ccm)  mit 
conoentrirter  Schwefelsäure  und  etwas  Amylalkohol  versetzt;  es  entsteht  eine 
Lösung  aller  Stoffe,  aus  welcher  sich  durch  Centrifugiren  auf  einer  kleinen 
Handcentrifage  (Laktokrit)  die  Fettlösung  so  ab&cheidet,  dass  ihr  Volum  an 
der  Theilnng  des  graduirten  Bohrs  abgelesen  werden  kann. 

c)  Nachweis  von  Nitraten  und  Zusatz  von  Brunnenwasser. 

Die  Milch  wird  durch  Zusatz  von  Essigsäure  oder  Ohlorcalciumldsung 
(pro  100  ccm  Milch  1-5  ccm  einer  20  procentigen  Lösung)  und  Kochen  coagolirt, 
und  das  Filtrat  tropfenweise  einer  Lösung  von  DiphenylainiB  in  conoentrirter 
Schwefelsäure  zugefügt 

d)  Conservirungsmittel. 

Die  alkalisch  reagirenden  (Soda,  Katr.  bic,  Borax)  erkennt  man  am  ein- 
fachsten daran,  dass  sie  die  Milch  nach  1 — 2 stündigen  Kochen  dunkelgelh 
bis  braun  ftrben.  —  Femer  deutet  Rosafärbnng  nach  Zusatz  von  Alkohol  und 
einigen  Tropfen  Rosolsäure  auf  alkalische  Beimengungen.  —  Salicjlsäure  ist 
durch  die  Yiolettfarbung,  die  einige  Tropfen  Eisenchlorid  in  der  Milch  hervor- 
rufen, Wasserstoffsuperoxyd  durch  die  Blänung  von  Jodkaliumstärkepi^ier 
leicht  zu  erkennen.  —  Um  gekochte  Milch  nachzuweisen,  übersättigt  man 
die  Milch  mit  Kochsalz,  erwärmt  auf  80—40^,  filtrirt  und  prüft  im  Filtrat,  ob 
noch  durch  Kochen  gerinnendes  Albumin  vorliegt« 

Um  die  Zersetzung  der  Milch  zu  erkennen,  kann  man  1)  gleiche 
Volumina  Milch  und  TOprocentigen  Alkohol  mischen;  zersetzte  Milch  ge- 
rinnt. —  2)  Zur  genaueren  Feststellung  des  Grades  der  Zersetzung 
ist  die  von  Soxhlbt  angegebene  Titrirung  des  Säuregrades  zu 
verwenden.  50  ccm  Milch  werden  mit  Phenolphtaleln  versetzt,  und  dann 
mit  ^/^  Normalnatronlauge  titrirt  bis  zur  Bothfarbung.  Für  Verkauüsmilcfa, 
welche  keine  zu  lange  „Inkubationszeit^'  hinter  sich  hat  bezw.  nicht  zu 
warm  aufbewahrt  war,  findet  man  etwa  3*5  cm  Verbrauch  von  Natron- 
lauge. Die  Anzahl  ccm  74  NormaLnatronlauge,  welche  zur  Neutra- 
lisation von  100  ccm  Milch  erforderlich  sind,  bezeichnet  man  als 
„Säuregrade^^;  zulässig  sind  also  noch  7  Säuregrade.  —  3)  Nicht  selten 
tritt  bei  einer  bakterienreichen  Milch  die  saure  Reaktion  zurück,  zumal 
wenn  die  Milch,  wie  es  im  Hochsommer  häufig  geschieht,  aufgekocht 
und  dann  bei  hoher  Temperatur  aufbewahrt  war.  Die  unter  diesen 
Umständen  entwickelten  Bacillen  (darunter  die  HeubaoiUen)  produoiren 
wenig  Säure,  statt  dessen  aber  Labferment,  und  dieses  bringt  die 
Milch  beim  Erwärmen  zum  Gerinnen.  Sicherer  ist  daher  die  Fest- 
stellung der  Bakterien  zahl,  die  durch  Grelatineplatten  mit  7ioo'  Vio 
und  1  Tropfen  Milch  und  Zählung  der  Colonieen  leicht  gelingt  Bein- 
lich behandelte  ganz  frische  Milch  enthält  im  Mittel  hödistens  2000  bis 


Die  einzelnen  Nahrungsmittel.  273 

3000  Keime  in  1  ccm;  deutliche  Zunahme  ist  erst  nach  4— 5  ständigem 
Aufeiiihalt  der  Milch  bei  20 — 25  ^  zu  bemerken.  Ein  Gehalt  von  mehr 
als  100  000  Keimen  in  1  ccm  deutet  auf  längere  unzweckmässige  Auf» 
bewahrung  der  Milch  oder  starke  Bakterieneinsaat  und  zeigt  an,  dass 
die  Milch  nur  kurze  Zeit  von  dem  Stadium  der  vollständigen  Zersetzung 
und  Oerinnung  entfernt  war. 

Eine  Prüfung  auf  pathogene  Arten  von  Bakterien  durch  Cultur 
wird  in  den  meisten  Fällen  vergeblich  sein.  Perlsuchterreger  sind 
durch  IJeberimpfung  eines  Gemenges  aus  Bahm  und  Bodensatz 
der  Milch  auf  Meerschweinchen  nachzuweisen.  —  Für  die  Auffindung 
von  Futtergiften  bestehen  gleichfalls  keine  praktisch  verwendbaren  ein- 
fachen Methoden. 

Zu  einer  Controle  auf  dem  Markte  und  in  den  Verkau&läden  wird  nur 
die  Arftometerprobe  und  höchstenB  noch  das  FESBa'sche  Laktoakop  benutzt.  Ist 
das  specifische  Gewicht  abnorm,  so  wird  der  weitere  Verkauf  der  Milch  einst- 
weilen inhibirt  und  eine  Probe  im  Laboratorium  mittels  des  GBRBER*schen 
ButTrometers  oder  der  SoxHLBT*sohen  Methode  auf  den  Fettgebalt  geprüft.  Wird 
hierdurch  eine  zu  niedrige  Fettmenge  oder  im  Verein  mit  der  Aräometerprobe 
ein  zu  hober  Wassergehalt  erwiesen,  so  ist  die  betreffende  Milch  unter  allen 
Umständen  als  minderwerthig  zu  confisciren,  nebenbei  die  Herkunft,  Anzahl 
der  Kühe  u.  s.  w.  sorgflUtig  zu  notiren.  Es  fragt  sich  dann  aber  noch,  ob  eine 
Fälschung  vorliegt,  die  nach  dem  Nahrungsmittelgesetz  streng  bestraft  wird, 
oder  ob  etwa  die  abnorme  Beschaffenheit  der  Milch  durch  die  Art  der  Fütterung 
bedingt  ist 

Zu  diesem  Zweck  wird  eine  weitere  Probe  der  Milch  der  genaueren  Ana- 
lyse (z.  B.  auf  Nitrate)  unterworfen.  Ergiebt  sich  daraus  mit  Sicherheit  die 
Fälschung,  so  wird  die  Bestrafung  erkannt  oder  Anklage  erhoben.  Ist  auch 
nach  der  genauen  Analyse  die  Einrede  möglich,  dass  mangelhafte  Fütterung 
die  Ursache  der  Abweichung  sei,  so  ist  eventuell  die  „Stallprobe"  vorzu- 
nehmen. Dieselbe  soll  mindestens  innerhalb  dreier  Tage  nach  der  Confiscation, 
ohne  dass  inzwischen  die  Fütterung  der  Thiere  geändert  ist,  ausgeführt  werden 
und  zwar  in  der  Weise,  dass  alle  betheiligten  Kühe  gut  ausgemolken,  die  Milch 
gemischt  und  dann  untersucht  wird.  Dieselbe  darf  höchstens  um  2  Grad  im 
specifischen  Qewicht,  um  0*3  Procent  Fett  von  der  beanstandeten  Milch  ab- 
weichen, widrigenfalls  die  Fälschung  als  erwiesen  anzunehmen  ist. 

Bis  jetzt  berücksichtigt  die  marktpolizeilicbe  Controlle  der  Milch 
lediglich  die  etwaige  Fälschung.  Vom  hygienischen  Standpunkt  aus 
ist  diese  aber  nicht  als  so  bedeutungsvoll  anzusehen,  wie  eine  zu  fort- 
geeohrittene  Zersetzung  der  Milch.  Diese  lässt  sich  mit  den  uns  zu 
Gebote  stehenden  Mitteln  sehr  wohl  controlliren ,  und  es  wäre  zu 
wünschen,  dass  eine  solche  Controlle  neben  oder  statt  der  bisherigen 
Untersuchung  stattfönde,  und  dass  das  wiederholte  Vorkommen 
eines  abnormen  Säuregrades  oder  einer  abnormen  Bakterienzahl 
zur  Bestrafung  des  Händlers  führte.  —  Bezüglicdi  der  Gefahr 

FlOoob,  QrundriM.    V.  Aufl.  18 


274  Enifthrung  und  Nahningsmittel. 

einer  Infektion  oder  Intoxikation  vennag  die  Controle  nichts  zu 
leisten^  und  wir  sind  in  dieser  Beziehung  auf  andere  prophylaktische 
Maassregeln  angewiesen. 

2.  Die  Ueberwachung  der  Milchwirthschaften. 

Eine  Verschleppung  von  Perlsucht,  Maul-  und  Klauenseuche  kann 
dadurch  theilweise  gehindert  werden,  dass  die  Thiere  der  Milchwirth- 
schaften in  regelmässigen  Zwischenräumen  von  einem  Thierarzt,  unter 
Zuhülfenahme  von  Tuberculininjektionen,  untersucht  und  eventuell  so- 
fort ausrangirt  werden.  Neuerdings  wird  allerdings  die  Ansicht  ver- 
treten, dass  es  genügt,  wenn  nur  die  klinisch  diagnosticirbaren  Er- 
krankungen und  namentlich  diejenigen  mit  Eutertuberculose  ausgemerzt 
werden;  ist  die  Reaktion  auf  Tuberculin  das  einzige  Symptom,  so  soll 
die  Milch  Uebertragungen  auf  andere  Thiere  nicht  bewirken  können. 

Um  femer  die  TJebertragung  von  Typhus-  und  Cholerabacillen 
oder  anderen  Infektionskrankheiten  zu  verhüten,  sind  Krankheitsfälle 
dieser  Kategorie  in  Milchwirthschaften  mit  besonderer  Vorsicht  zu  be- 
handeln, für  Absperrung  und  Desinfektion  ist  zu  sorgen,  die  Brunnen- 
anlage zu  revidir^n  und  eventuell  der  Milch  verkauf  zeitweise  zu  ver- 
bieten. 

Die  Einsaat  abnormer  Saprophyten  ist  durch  peinliche  Reinlichkeit 
aller  Räume  und  Gegenstände,  die  mit  der  Milch  in  Berührung 
kommen,  zu  vermeiden.  Der  Stall,  die  Euter  der  Kühe  sind  möglichst 
rein  zu  halten;  die  Oefösse,  Milchkühler  u.s.  w.  sollen  durch  Ausscheuem 
mit  heisser  Sodalösung  stets  völlig  frei  bleiben  von  MDchresten,  ausser- 
dem sind  sie  eventuell  von  Zeit  zu  Zeit  nach  erfolgter  Reinigung  mit 
Sodalösung  auszukochen  oder  mit  Wasserstoffsuperoxyd  (1:200)  zu  des- 
inficiren.  Die  Aufbewahrangsräume  sollen  kühl,  luftig,  leicht  zu  rei- 
nigen und  geschützt  gegen  Fliegen  sein.  Jede  Unsauberkeit  ist  zu 
bestrafen. 

Eine  derartige  Ueberwachung  der  Milchwirthschaften  und  Verkaufe- 
locale  ist  vom  hygienischen  Standpunkt  entschieden  bedeutungsvoll, 
aber  bis  jetzt  kaum  irgendwo  in  vollem  Umfiing  durchgeführt. 

3.  Präparation  der  Milch  vor  dem  Verkaut 

Theils  die  finanzielle  Schädigung  durch  das  leichte  Verderben  der 
Milch,  theils  die  Q^fahr  der  Uebertragung  pathogener  Mikroorganismen 
hat  zu  Versuchen  geführt,  vor  dem  Verkauf  der  Milch  die  hinein  ge- 
langten Bakterien  zu  tödten  und  dadurch  die  Milch  haltbarer  und  frei 
von  pathogenen  Keimen  zu  machen. 


Die  einzelnen  Nahmngsmittel.  275 

Nachdem  der  Zusatz  chemischer  Substanzen  sich  als  entschieden 
unzureichend  erwiesen  hatte,  sind  Kälte  und  Hitze  als  die  am  leich- 
testen anwendbaren  desinficirenden  Mittel  in  Gebrauch  gezogen. 

Durch  sofortiges  Abkühlen  der  frisch  gemolkenen  Milch,  Auf- 
bewahren in  kühlen  Bäumen  und  Transport  in  Eispackung  lasst  sich 
die  Bakterienentwickelung  in  der  Milch  und  die  Zersetzung  derselben 
betrachtlich  verzögern;  insbesondere  wenn  gleichzeitig  durch  die  oben 
aufgeführten  Vorsichtsmaassregeln  für  geringe  Bakterieneinsaat  gesorgt 
wird.  Diese  Mittel  sollten  daher  in  jeder  Milohwirthschaft  so  viel  als 
möglich  Verwendung  finden. 

Der  Effekt  ist  jedoch  immerhin  unvollkommen,  zumal  die  Abküh- 
lung im  Mittel  der  ganzen  Zeit  bis  zum  Verkauf  höchstens  bis  auf  10^ 
gelingt;  eine  gewisse  Vennehrung  der  Bakterien  findet  auch  bei  niederer 
Temperatur  noch  statt;  ausserdem  bleiben  die  pat bogen en  Keime 
lebensfähig.  Von  Casse  und  HeiiM  wird  gleichwohl  die  Herstellung 
von  Eismilch  empfohlen ;  die  Milch  wird  mittelst  Kaltluftmaschine  gekühlt 
und  für  den  Transport  mit  15 — 80  Procent  gefrorener  Milch  versetzt 
Für  die  Conservirung  leistet  dies  Verfahren  Gutes;  hygienisch  einwand- 
frei ist  aber  solche  Milch  erst,  wenn  vor  dem  Abkühlen  die  pathogenen 
Keime  durch  Hitze  (Pasteurisiren)  abgetödtet  sind,  oder  wenn  die  Eis- 
milch zunächst  in  Centralmolkereien  kommt,  wo  nachträglich  pasteurisirt 
werden  kann. 

Vollkommenere  Besultate  namentlich  gegenüber  den  Krankheits- 
erregern können  durch  Hitze  erzielt  werden.  Hier  kommen  drei  Me- 
thoden in  Frage: 

a)  Das  Pasteurisiren,  d.  h.  kurzes  Erhitzen  auf  65 — 90^  und 
nachfolgendes  rasches  Abkühlen,  so  dass  der  Bohgeschmack  der  Milch 
möglichst  erhalten  bleibt. 

Das  Pnatenrisiren  wurde  früher  gewohnlich  so  ausgeführt,  dass  man  die 
Milch  langsam  über  die  gewölbten  inneren  Wandungen  eines  Cylinders  fliessen 
Hess,  der  an  seiner  äusseren  Flftche  durch  Wasserdampf  oder  Wasser  erhitzt 
wird.  Znfluss  und  Abfluss  ist  so  geregelt,  dass  die  in  ganz  dünner  Schicht 
herablaufeude  Milch  zuletzt  auf  die  Temperatur  von  70^,  aber  allerdings  nur 
für  sehr  kurze  Zeit,  gebracht  wird.  Aus  dem  Ablauf  kommt  die  Milch  sofort 
in  einen  Kühler. 

Bei  solcher  Behandlung  der  Milch  geht  von  den  Saprophyten  nur  ein 
Bmchtheil'zu  Grunde;  Typhusbacülen,  Tuberkelbaoillen,  Staphylokokken  werden 
nicht  sicher  vernichtet.  Die  Un Vollkommenheit  der  Wirkung  beruht  darauf, 
dass  die  Erhitzungsdauer  zu  kurz  ist,  und  dass  speciell  die  höchste  Temperatur 
von  60—70^  nur  für  einen  Moment  einwirkt 

Die  angeführten  Fehler  der  älteren  Pasteorisirapparate  werden  vermieden 
durch  die  Apparate  mit  sogenannter  gezwungener  Führung,  in  welchen  die 
Milch  mehrere  Minuten  auf  der  Mazimaltemperatur  verbleibt   Am  günstigsten  ist 

18» 


276  Em&hnmg  und  Nahrnngsmittel. 

die  Einwirkung  von  85^  zwei  Minuten  lang;  dabei  werden  auch  Tuberkel- 
bacillen  sieber  abgetödtet  und  der  Gkscbmaek  der  Mileb  sehr  wenig  yerfindert 

b)  Partielles  Sterilisiren  durch  Erhitzen  der  in  bakteriendicht 
verschlossene  Flaschen  eingefällten  Milch  während  30 — 60  Minuten 
auf  100— 103<>. 

Gewöhnlich  benutzt  man  strömenden  Dampf  von  100 — 103^  und  die 
gebräuchlichen  Desinfektionsöfen,  z.  B.  THTTB8FiEU>*scher  Construction,  denen 
leicht  eine  für  die  Aufnahme  von  Milchflaschen  passende  Einrichtung  gegeben 
werden  kann.  Als  Flaschen  sind  solche  mit  Patentverschluss  (wie  bei  den  Bier- 
flaschen) zu  Vt  od®^  Vs  Liter  Inhalt  besonders  geeignet  Die  Flaschen  werden 
mit  lose  aufgelegtem  Verschluss  in  den  Ofen  eing^esetzt,  dann  wird  erhitzt  bis  zur 
Maximaltemperatur;  hat  diese  5  Minuten  eingewirkt,  so  ö£fnet  man  den  Ofen, 
rollt  den  Einsatz  mit  Milchflaschen  heraus  und  schliesst  dieselben  durch  An- 
drücken des  Verschlusses*  Dann  schliesst  man  den  Ofen  wieder  und  Iftsst  die 
Temperatur  von  100 — 103®  noch  */»  Stunde  bis  1  Stunde  einwirken.  —  Von  ver- 
schiedenen Fabrikanten  sind  Oefen  construirt,  in  welchen  der  definitive  Ver- 
schluss der  Flaschen  ohne  Oeffiaen  des  Ofens  vorgenommen  werden  kann. 

Die  Wirkung  dieses  Sterilisirens  ist  die,  dass  die  Infektionserreger 
und  die  Saprophyten  mit  Ausnahme  der  Sporen  der  Heubacillen 
abgetödtet  werden.  Letztere  können  bei  warmer  Aufbewahrung  der 
Milch  wuchern  und  Toxine  liefern.  Solche  Milch  ist  daher  kühl 
aufzubewahren,  und  hat  begrenzte  Haltbarkeit;  sie  darf  nicht  als 
„keimfreie  Dauermilch"  Terkauft  werden. 

Bei  längerer  Aufbewahrung  tritt  ausserdem  eine  Veränderung  des 
Rahms  ein,  der  Art,  dass  derselbe  beim  Schütteln  nicht  mehr  vollständig 
emulgirt  wird,  sondern  zum  Theil  in  grosse,  nicht  mehr  zertheilbare  Fetttropfen 
umgewandelt  ist  Namentlich  beim  Schütteln  der  unvollständig  gefüllten 
Flaschen  auf  dem  Transport  wird  diese  Zersetzung  des  Rahms  begünstigt 
Anhaltender  Land-  oder  Seetransport  pflegt  vollständiges  Ausbuttem  der  Milch 
zu  veranlassen.  —  Für  kleinere  Kinder  ist  schon  aus  diesem  Grunde  die  käuf- 
liche sterilisirte  Milch  nicht  als  gleichwerthig  mit  der  im  Hause  gekochten 
anzusehen.  Femer  ist  aber  nach  dem  anhaltenden  Grebrauch  sterilisirter  Milch 
bei  Kindern  mehrfach  die  BARLOw'sche  Krankheit  beobachtet,  eine  Art  von 
Scorbut,  der  vielleicht  auf  einen  Mangel  der  lange  erhitzten  Milch  an  resorbir- 
baren  Phosphaten  (oder  Eisen?)  zurückzuführen  ist. 

c)  Vollständige  Sterilisation  der  Milch  kann  erzielt  werden 
durch  etwa  6  stündiges  Erhitzen  auf  100^;  dabei  wird  aber  die  Milch 
braun  und  im  Geschmack  völlig  verändert.  Besser  geeignet  ist  die 
Anwendung  gespannten  Dampfis  von  ca.  120 — 126^  Die  Sterilisation 
erfolgt  dann  innerhalb  erheblich  kürzerer  Zeit,  und  Farbe,  Geruch  und 
Geschmack  der  Milch  werden  wenig  verändert 

Die  „Natura-Milch'*- Gesellschaft  in  Waren  in  Mecklenburg  stellt  nach 
letzterem  Verfahren  eine  in  der  That  völlig  sterile  Milch  her,  bei  welcher 
auch  das  Ausbuttem  auf  dem  Transport  vermieden  wird,  dadurch  dass  sie 
ohne  jeden  Schüttelraum  zum  Versandt  gelangt 


Die  einzelnen  Nahrungsmittel.  27 f 

d)  Condensirte  Milch.  Die  Milch  ist  im  Yacaum  eingetrocknet 
bis  ^/,  oder  ^6  i^r^  Volumens,  dann  in  zugelötheten  Büchsen  auf  100** 
erhitzt  —  Damit  das  Präparat  auch  nach  dem  Oeffhen  der  Büchsen 
besser  haltbar  sei,  wird  meistens  so  Tiel  Rohrzucker  zugesetzt,  dass 
keine  Bakterien-Entwickelung  stattfinden  kann,  für  1  liter  Milch  ca. 
80  g  Zucker.  

Die  Indikationen  für  die  Anwendung  der  genannten  Conser- 
TirungsTorfahren  gehen  ziemlich  weit  auseinander.  In  milchreichen 
Landern  ist  es  —  ganz  abgesehen  yon  den  oben  bezeichneten  Oefahren 
für  kleinere  Kinder  —  keinesfalls  empfehlenswerth,  die  partiell  oder  völlig 
sterilisirte  Milch  in  grösserem  Umfang  auf  den  Markt  zu  bringen, 
schon  wegen  der  erheblichen  Vertheuerung.  Mit  der  Veränderung  der 
Farbe  und  mit  dem  Verlust  des  Greschmacks  und  des  Geruchs  der 
rohen  Milch  sind  ausserdem  alle  die  Kriterien  verschwunden,  deren 
sich  bisher  das  Publikum  mit  Recht  bediente,  um  eine  normale,  gehalt- 
reiche, in  sauberen  Stallungen  gewonnene  und  reinlich  behandelte  Milch 
von  abnormer  und  verschmutzter  Milch  zu  unterscheiden. 

In  grösserer  Ausdehnung  empfiehlt  sich  für  den  Markt  milchreicher 
Länder  nur  das  Pasteurisirverfahren,  das  alle  jene  Kriterien  für  die 
Beurtheilung  der  Milch  intakt  erhält,  dabei  sicher  vor  Infektionskeimen 
schützt,  einer  übermässigen  Ent Wickelung  von  Saprophyten  vorbeugt, 
sofern  nicht  eine  abnorm  verschmutzte  und  bereits  halb  verdorbene 
Milch  dem  Fasteurisiren  unterworfen  wird,  und  dabei  so  billig  ist, 
dass  die  Vertheuerung  weniger  als  1  Pf.  pro  Liter  Milch  beträgt  Zu 
einer  Art  von  Pasteurisirzwang  würde  z.  B.  eine  gesetzliche  Vorschrift 
über  die  Grenze  der  Bakterienzahl  in  der  Verkaufismilch  führen.  Ist 
ein  Gehalt  von  100000  Bakterien  pro  1  ccm  normirt,  so  kann  dieser 
durch  penibelste  Reinlichkeit  und  sorgfältigste  Eiskühlung,  oder  aber 
einfacherer  und  sicherer  durch  Pasteurisieren  erzielt  werden.  —  Zu 
beachten  ist,  dass  beim  Pasteurisiren  die  Heubacillen  nicht  vernichtet 
werden,  dass  also  kühle  Aufbewahrung  und  für  Säuglinge  Aufkochen 
vor  dem  Gebrauch  unbedingt  erforderlich  bleibt 

Für  die  Versorgung  milcharmer  Länder,  femer  für  Reisende, 
für  die  Schifiisversorgung  u.  s.  w.  ist  die  total  sterilisirte  Milch  in 
Büchsen  ohne  Schüttelraum  von  grosser  Bedeutung  und  weit  mehr  zu 
empfehlen  wie  die  condensirte  Milch.  Die  durch  Verdünnen  mit  Wasser 
aus  condensirter  Milch  hergestellte  Milch  steht  einer  gut  sterilisirten 
Milch  in  Aussehen,  Geruch  und  Geschmack  erheblich  nach,  ist  umständ- 
lich zu  bereiten  und  zeigt  in  der  Zusammensetzung  fast  stets  gewisse 
Abweichungen  von  der  frischen  Milch. 


y 


878 


Emfibrung  und  Nahrungsmittel. 


4.  Präparation  der  Milch  nach  dem  Kauf. 

Der  Einzelne  kann  sich  gegen  die  ans  dem  Gehalt  der  Milch  an 
Bakterien  hervorgehenden  Gefahren  leicht  schätzen  durch  Kochen  der 
Milch.  Erhitzt  man  dieselbe  10  Minuten  lang  auf  97 — 100^  so  sind 
alle  Milchsäurebakterien,  die  Ton  kranken  Menschen  oder  Thieren 
'  stammenden  Parasiten,  sowie  die  sporenfreie  Buttersäure*  und  Heu- 
baciUen  vernichtet.  Nur  die  Sporen  der  letzteren  bleiben  am  Leben, 
können  indess  durch  Eühlhalten  der  Milch  (unter  20  ®C.)  an  der  Wuche- 
rung verhindert  werden.  Bekanntlich  gehört  aber  eine  gewisse  Auf- 
merksamkeit zu  einem  anhaltenderen  Erhitzen  der  Milch;  es  tritt  dabei 
leicht  Ueberkochen  und  Anbrennen  ein,  und  daher  ist  es  Sitte,  Milch 
nur  aufzukochen,  d.  b.  dieselbe  nur  für  kürzeste  Zeit  hü  in  die  Nähe 
des  Siedepunktes,  gewöhnlich  aber  auf  noch  geringere  Wärmegrade  zu 
erhitzen.    Dabei  erfolgt  keine  Tödtung  der  pathogenen  Keime. 

Um  ohne  die  Gefahr  des  Ueberkochens  Milch  mehrere  Minuten 
lang  zu  erhitzen,  bedient  man  sich  daher  zweckmässig  der  „Milch- 
kocher'' die  im  folgenden  Abschnitte  näher  beschrieben  sind. 


3.  Die  EmSlining  der  Kinder  mit  Mileh  und  Milehsnrrofaten» 

Der  Nährstoffbedarf  des  Kindes. 

Die  Gewichtszunahme  des  wachsenden  menschlichen  Körpers  erhellt 
aus  folgender  Tabelle: 


Alter 

TSgUche 
Zunahme 

Absolutes 
Gewicht 

Alter 

3    Tägliche 
i    Zunahme 

Absolutes 
Gewicht 

Alter 

TftgUche 
Zunahme 

Absolutes 
Gewicht 

Onunm 

Kflo 

Kilo 

Oramm 

KUo 

0 

0 

35 

7  Monate 

12 

8.33 

9  Jahre 

5.0 

24.1 

1  Woche 

0 

84 

8     „ 

10 

8.63 

10      „ 

5.5 

26. 1 

2  Wochen 

48 

8*85 

»     ,. 

10 

8.93 

H      « 

5.0 

27.9 

8       „ 

50 

4. 25 

10     „ 

9 

9-2 

12      „ 

8.8 

81. 0 

*           V 

48 

4-25 

H      ,, 

8 

9.45 

13      „ 

11.8 

85. 3 

5        „ 

43 

4*8 

12     „ 

6 

9.6 

14           y, 

14-0 

40*5 

6        „ 

80 

50 

2  Jahre 

6.7 

12.0 

15           „ 

16.2 

46.4 

7        „ 

30 

5  2 

3      „ 

4-6 

13. 6 

16      „ 

19.2 

58. 4 

8        ,, 

30 

54 

*     „ 

46 

15.1 

17      ,. 

11. 0 

57.4 

8  Monate 

28 

6*85 

5      » 

4>4 

16. 7 

18      „ 

10.7 

61. 8 

4        „ 

22 

7-05 

6      „ 

8-5 

18. 0 

19      „ 

5.5 

68. 8 

ö        „ 

18 

7. 55 

'      ,, 

6*0 

20*2 

20      „ 

4.7 

65. 0 

6        „ 

14 

7-97 

8      „ 

6.0 

22. 3 

1 

Demnach   ist  die  Zunahme 
deutendsten  in  den  ersten  3 — 4 


des  Körpergewichts  weitaus  am  be- 
Lebensmonaten ;  von  da  ab  beginnt 


Die  einzelnen  Nahrangsmittel. 


279 


der  Verlauf  der  Corve  sich  allmählich  abzuflachen,  bis  zwischen  dem 
18.  und  16.  Jahre  nochmals  ein  steileres  Ansteigen  erfolgt^  so  dass  im 
16.  Jahre  die  tagliche  Gewichtszunahme  derjenigen  des  4. — 6.  Lebens- 
monats gleichkonmit. 

Es  würde  jedoch  irrig  sein,  wollte  man  wesentlich  aus  dieser 
Oewichtszunahme  die  Noth wendigkeit  einer  erheblich  gesteigerten  Nah- 
rangsznfahr  ableiten.  Die  beim  Wachsthom  angesetzte  Eörpersnbstanz 
macht  nur  in  den  ersten  Lebenswochen  wohl  einen  bedeutenden,  später- 
hin aber  einen  sehr  geringen  Bruchtheil  der  erforderlichen  Nahrung  aus. 
Auf  feste  Substanz  berechnet  setzt  das  10  wöchentliche  Kind  taglich  etwa 
8  g  Eiweiss  und  Fett  an,  die  im  5.  bis  10.  Theil  der  taglich  aufge- 
nonmienen  Nahrung  enthalten  sind. 

Der  hauptsSchlichste  Grund  für  das  relativ  grosse  Nahrungs- 
bedürfniss  des  jugendlichen  Körpers  ist  vielmehr  darin  zu  suchen,  dass 
in  Folge  der  relativ  grösseren  Oberflache  die  Wärmebildung  auf  die 
Eörpergewichtseinheit  berechnet  bedeutend  höher  ist  als  beim  Erwach- 
senen. Experimente  im  Respirationsapparat  haben  gezeigt,  das«  Kinder 
noch  im  Alter  von  3 — 7  Jahren  pro  1  Kilo  Körpergewicht  mehr  als 
doppelt  so  viel  Kohlensaure  ausscheiden  als  Erwachsene.  Ein  5  wöchent- 
liches Kind  von  4,6  Kilo  Gewicht  lieferte  pro  Tag  862  Calorieen,  also 
pro  Kilo  80  Calorieen,  wahrend  beim  Erwachsenen  nur  40  Calorieen 
pro  Kilo  zu  rechnen  sind. 

Aus  dem  Kostmaass  gesunder,  in  der  Sauglingszeit  theils  mit  Frauen- 
milch, theils  mit  Kuhmilch  genährter  Kinder  sind  folgende  Zahlen  für 
den  Nahrungsbedarf  des  Kindes  gewonnen: 


Bedarf  pro  1  Kilo 
Körpergewicht 

Eiweiss 

Gramm 

Fett 

Kohle- 
hydrate 

Calorieen 

1 

Gnunm 

Gramm 

8.  Tag 

Ende  der  1.  Woche 

»         n     3«         n 
»»         n     8.         ,, 

„     des  5.  Monats 
„       „    2.   Jahres 

2*4 
87 
4-8 
45 
45 
40 
40 
4.0 

2-8 
4*8 
6.0 
5*2 
4.8 
4.0 
85 
1       30 

2*9 
44 
5.7 
5.4 
5*6 
80 
,        9.0 
10-0 

47.8 
78. 2 
89-6 
88*6 
86-2 
86.2 
85-8 
858 

Vollbefriedigendes  Wachsthum  findet  nur  statt,  wenn  der  Energie- 
quotient  der  Nahrung  (d.  h.  die  tägliche  Calorieenzufohr  pro  Kilo 
Körpergewicht)  nicht  unter  100  Cal.  sinkt  (Heubneb). 


280 


ErnfthroDg  und  NabniiigsmitteL 


Beachtenswerth  ist,  dass  erfahrnngsgemäss  etwa  Tom  7.  Monat  ab 
die  Zufahr  von  Eiweiss  und  Fett  ungefähr  gleich  bleiben  darf,  während 
die  Menge  der  zerlegten  Kohlehydrate  wesentlich  ansteigen  muss;  d.  h. 
es  hat  von  da  ab  das  Milchquantum  annähernd  gleich  zu  bleiben,  aber 
es  sind  Kohlehydrate  in  anderer  Form  zuzufügen. 

Auch  bei  älteren  Kindern  ist  die  Ernährung  genau  zu  überwachen, 
besonders  in  den  Jahren  der  Pubertätsentwickelung.  Die  Gewichts- 
zunahme ist  immer  noch  bedeutend,  der  Umsatz  relativ  hoch,  und  die 
Nahrungszufahr  muss  daher  quantitativ  und  qualitativ  sorgfaltig  an- 
gepasst  sein.  Nach  Heübneb  und  Camebeb  braucht  ein  Kilo  Kind 
an  Nahrung: 


Bei  Kindern,  welche  reichliche  körperliche  Bewegung  im  Freien 
haben,  pflegt  in  dieser  Zeit  Appetit  und  Yerdauungskraft  derartig  zu  sein, 
dass  sie  auch  ohne  besondere  Auswahl  der  Kost  stets  die  ausreichenden 
Nährstofife  erhalten.  Bei  mehr  ruhiger,  sitzender  Lebensweise  in  Zimmer- 
luft (Schüler  höherer  Lehranstalten,  Handwerkerlehrlinge  u.  s.  w.)  ist 
dagegen  Fürsorge  für  einen  ausreichenden  Gehalt  der  Nahrung  an 
Eiweiss,  Fett  und  Salzen  (Eisen)  durchaus  erforderlich,  wenn  nicht  der 
Orund  zu  dauernden  Ernährungsstörungen,  Eiweissverarmung,  Anämie 
und  Hydrämie,  sowie  auch  zu  der  Unfähigkeit  der  Mütter  zum  Selbst- 
stillen  der  Kinder  gelegt  werden  solL 


Der  Säugling  bedarf  nicht  nur  einer  besonders  reichlichen  Nah- 
rungszufuhr, sondern  er  ist  auch  in  Bezug  auf  die  Qualität  der 
Nahrung  weit  empfindlicher  als  der  Erwachsene.  Das  nöthige  Nah- 
rungsquantum muss  daher  dem  Säugling  ausschliesslich  in  Form  einer 
leicht  verdaulichen,  in  den  ersten  Monaten  amylumfreien,  reizlosen  und 
keine  Bakterien  enthaltenden  Kost  geboten  werden. 

a)  Die  Ernährung  des  Kindes  mit  Frauenmilch. 

Den  vorstehenden  Anforderungen  entspricht  naturgemäss  am  besten 
die  Frauenmilch  und  zwar  soll  der  Säugling,  wenn  irgend  möglich, 
von   der  eigenen  Mutter  genährt  werden;   nur  übertragbare  Krank- 


Die  einzelnen  Ni^irnngsmittel.  281 

beiten,  hochgradige  Anämie  und  Verdacht  auf  Tuberkulose  sollten  von 
dem  Versuch  einer  solchen  naturgemässen  Ernährung  zurückhalten. 

Die  Frauenmilch  ist  gelblich  weiss,  von  stark  süssem  Geschmack, 
zeigt  alkalische  Beaktion,  ein  specifisches  Gewicht  von  1028 — 34  und 
enthält  nach  Hbübneb  und  Bubneb  folgende  Bestandtheile: 

88 «6  Procent  Wasser;  11  «4  Procent  Trockensubstanz;  0*16  Pro- 
cent Eiweiss-Stickstoflf  =  circa  1  Procent  Eiweiss  (etwa  1 2  Pro- 
cent das  Gesammt-N.'s  ist  auf  Extraktivstofife  zu  rechnen); 
8-0  Procent  Fett,  7-0  Procent  Salze.  —  100  g  Milch  liefern 
58  nutzbare  Calorieen. 

Die  Eiweissstoffe  bestehen  grosstentheils  aus  Albumin,  daneben 
aus  kleinen  Mengen  Kasein,  Protalbumin  und  Pepton ;  durch  Magensaft 
gerinnt  das  Eiweiss  in  weichen  Flocken;  das  geronnene  Kasein  reagirt 
alkalisch,  wird  leicht  gelöst  und  peptonisirt  —  Das  Fett  besteht  aus 
Triglyceriden  der  Olein-,  Palmitin-  und  Stearinsäure.  —  An  Aschen- 
bestand theilen  enthält  die  Frauenmilch  in  1  Liter: 

0-7  g  Kali,  0-25  Natron,  0-88  Kalk,  0*06  Magnesia,  0-004 
Eisen,  0-47  Phosphorsäure,  0-43  Chlor. 

Die  Zusammensetzung  schwankt  ähnUch  wie  die  der  KuhmUch 
je  nach  dem  Alter  und  der  Individualität,  nach  der  Zeitdauer  der 
Laktation,  nach  der  Nahrung  und  dem  Ernährungszustand,  namentlich 
aber  je  nachdem  die  Probe  zu  Anfang  des  Saugens  der  noch  vollen 
Brust  oder  aber  gegen  Ende  der  fast  entleerten  entnommen  ist. 

Die  Ausnutzung  der  Frauenmilch  durch  den  Säugling  ist  eine 
ausserordentlich  vollkommene;  von  den  gelieferten  Calorieen  sind  91*6 
Procent  verwerthbar.  Auch  die  Salze  werden  zu  90  Procent  ausgenutzt. 
Die  Fäces  enthalten  vorzugsweise  Fettsäuren,  Kalk,  geringe  Spuren  von 
Eiweiss  und  machen  etwa  8  Procent  der  genossenen  Nt^rung  aus. 

Bezüglich  der  Menge  der  dem  Säugling  zu  gewährenden  Frauen- 
milch besteht  die  Vorschrift,  dass  am  ersten  Tage  nach  der  Geburt 
2 — 8,  an  den  folgenden  Tagen  im  Mittel  6 — 7  Mahlzeiten  gereicht 
werden  und  zwar  stets  in  den  gleichen  regelmässigen  Abständen  mit 
Pausen  von  mindestens  27, — 87,  Stunden.  Jede  Mahlzeit  dauert 
etwa  20  Minuten.    Der  Säugling  verzehrt: 

pro  Mahlzeit:  pro  24  Stunden: 

am  1.  Tag  10  g      am    6.  Tag  60  g       in  der  1.  Woche  298  g 


jy 

2. 

n 

20  „ 

„  10. 

„  70  „ 

» 

„   2. 

V 

363,, 

w 

3. 

19 

30  „ 

„  20. 

„  100  „ 

n 

„  10. 

V 

986  „ 

n 

4. 

V 

40  „ 

„  40. 

„   130  „ 

V 

„  12. 

}f 

940  „ 

w 

5. 

» 

50  „ 

„  100. 

„  150  „ 

V 

„20. 

n 

950,,. 

282  Emihrang  and  Nahrangsmittel. 

Zeigen  die  mit  Fraaenmileh  genährten  Kinder  keine  normale  Entwickelang, 
80  kann  —  soweit  die  Nahrung  in  Betracht  kommt  —  die  Ursache  zanftchst  in 
der  Art  der  Darreichung,  namentlich  in  zu  kurzen  Pausen  und  zu  häufigen 
Mahlzeiten  liegen.  Ist  dies  ausgeschlossen,  so  muss  in  einer  quantitativ  unzu- 
reichenden Produktion  der  Milch  oder  in  einer  qualitativ  abnormen  Beschaffen- 
heit derselben  die  Ursache  gesucht  werden.  Die  Quantität  der  von  der 
Mutter  resp.  Amme  gelieferten  Milch  lässt  sich  leicht  dadurch  feststellen,  dass 
der  Säugling  an  einem  Tage  vor  und  nach  jedem  Anlegen  gewogen,  dass  dann 
die  einzelnen  so  ermittelten  Nahrungsmengen  addirt  und  mit  dem  normalen 
24  stündigen  Nahrungsquantum  verglichen  werden.  Ist  die  Quantität  genügend 
gefunden,  so  ist  an  eine  abnorme  Beschaffenheit  der  Frauenmilch  zu  denken, 
z.  B.  an  einen  zu  hohen  Fettgehalt  u.  s.  w. 

Vom  7.  Monat  ab  ist  eine  Zugabe,  namentlich  von  Kohlehydraten 
und  Salzen  erforderlich;  erstere  können  in  Form  yon  Zwieback, 
Gries  u.  s.  w.,  letztere  hauptsachlich  in  Form  von  Spinat,  Carotten  u.  dgL 
gereicht  werden.  Etwa  vom  10.  Monat  ab  ist  die  iYauenmilch  durch 
Kuhmilch  zu  ersetzen. 

b)  Die  Ernährung  des  Kindes  mit  Kuhmilch. 

Ist  Frauenmilch  nicht  zu  beschaffen,  so  muss  dem  Säugling  das 
der  Frauenmilch  immerbin  ähnlichste  Nahrungsmittel,  die  Thiermilch, 
gegeben  werden.  Die  Milch  von  Stuten  und  Eselinnen  scheint  die 
weitgehendste  Aehnlichkeit  mit  der  Frauenmilch  zu  haben;  doch  liegen 
zu  wenig  Erfahrungen  ober  ihre  Bekömmlichkeit  vor  und  ihre  Beschaffung 
in  ausgedehnterem  Maassstabe  stösst  auf  grosse  Schwierigkeiten. 

Wir  sind  daher  fast  lediglich  auf  die  Kuhmilch  angewiesen,  die 
allerdings  sehr  bedeutende  Differenzen  gegenüber  der  Frauenmilch  er- 
kennen lässt    Dieselben  betreffen: 

1)  Die  chemische  Zusammensetzung.  Die  Kuhmilch  enthält 
im  Mittel:  87-5  Procent  Wasser,  3-4  Procent  Eiweiss,  3*6  Procent 
Fett,  4-8  Procent  Zucker,  0-7  Procent  Salze;  an  Salzen  enthält  1  Liter 
Milch:  l-8g  Kali,  M  Natron,  1-6  Kalk,  0*2  Magnesia,  0-003  Eisen, 
2*0  Phosphorsäure,  1*7  Chor.  Die  hauptsächlichsten  Differenzen  lassen 
sich  folgendermaassen  zusammenfassen: 

Frauenmilch  Kuhmilch 

Weniger  Eiweissstoffe.  Mehr  Eiweissstoffe. 

Mehr  Zucker.  Weniger  Zucker. 

Alkalische  Reaktion.  Amphotere  Reaktion. 

Wenig  Kasein.  Die  Eiweissstoffe   bestehen  haupt- 
sächlich aus  Kasein. 

Mit  Magensaft  weiche  flockige  Ge-  Mit  Magensaft  derbe  Gerinnsel, 
rinnsei. 


Die  einzelnen  Nafarangsmitte).  283 

Frauenmilch  Knhmileli 

Das  Kaselngerinnsel  reagirt  alka-     Das  Easelngerinnsel  reagirt  sauer. 

lisch. 
Viel    weniger    Salze,    namentlich     £rheblich  mehr  Salze. 

Fhosphorsanre,  Kalk  und  Chlor. 

Dazu  konmit,  dass  die  Kuhmilch  sehr  bedeutenden  Schwankungen 
ihrer  Zusammensetzung  unterliegt,  und  dass  diese  Yerschiedenheiten 
vom  Säugling  schlecht  vertragen  werden.  Es  ist  das  nicht  dadurch 
auszugleichen,  dass  die  Milch  van  ein  und  derselben  Kuh  bezogen 
wird;  vielmehr  treten  auch  dann  je  nach  dem  Futter,  der  Tageszeit  u.  s.  w. 
grelle  Wechsel  in  der  Beschs^enheit  der  Milch  auf.  Im  Gegentheil 
zeigt  die  von  mehreren  Kühen  und  Tageszeiten  gemischte  Milch  die 
const^mtere  Zusammensetzung  und  wird  erfährungsgemass  vom  Säug- 
ling besser  vertragen. 

2)  Die  Ausnutzung  und  Verdaulichkeit  Die  Ausnutzung 
ist  im  Granzen  bei  der  Kuhmilch  etwas  schlechter  als  bei  der  Frauen- 
milch. Die  Menge  der  Fäces  betragt  6 — 7  Procent  der  Nahrung;  das 
Eiweiss  wird  zu  98  Procent,  das  Fett  zu  94  Procent,  die  Salze  nur  zu 
56  Frocent,  der  Kalk  nur  zu  30  Procent  ausgenutzt  Der  Koth  besteht 
grösstentheils  aus  fettsaurem  Kalk,  enthält  aber  auch  deutliche 
Spuren  von  Eiweiss.  —  Femer  ist  die  Kuhmilch  schwerer  verdaulich, 
weil  sie  gehaltreicher  ist  und  insbesondere  viel  derbere  Kaselngerinnsel 
liefert,  in  welche  die  Yerdaunngssafte  nur  langsam  vordringen. 

3)  Der  Bakteriengehalt  Die  Frauenmilch  enthält  nicht  selten 
Bakterien,  die  von  der  äusseren  Haut  her  in  die  Ausführungsgänge  der 
Drüsen  hineingewuchert  sind  und  daher  in  den  erstentleerten  Milch- 
portionen am  reichlichsten  vorkommen.  Vorzugsweise  handelt  es  sich 
dabei  um  Staph.  pyog.  albus.  Im  Uebrigen  ist  die  Frauenmilch  frei 
von  schädigenden  Keimen.  Dagegen  können  mit  der  Kuhmilch  die 
zahlreichen  oben  aufgezählten  saprophytischen  und  infektiösen  Bakterien 
in  den  Darm  des  Kindes  gelangen. 

Man  versucht,  diese  Abweichungen  der  Kuhmilch  nach  Möglichkeit 
zu  beseitigen: 

1)  Durch  Kindermilchanstalten,  wie  sie  jetzt  in  den  meisten 
grösseren  Städten  eingericht>et  sind,  und  durch  welche  eine  gleich- 
massige  und  möglichst  reinlich  gehaltene  Milch  geliefert  wird. 

Die  dazu  benutzten  Kühe  gehören  Rassen  an,  welche  f&r  Perlsucht  mög- 
lichst wenig  empfänglich  sind;  dieselben  werden  bis  höchstens  10  Monate  nach 
dem  Kalben  zur  Milchproduktion  verwendet;  das  ganze  Jahr  hindurch  wird  ein 
bestimmtes  gleichmässiges  Trockenfutter  (pro  Tag  18  Kilo  Heu  und  Grummet, 


284  Ernährung  und  Nahrungsmittel. 

8  Kilo  Gentenmehl,  8  Kilo  Kleie  oder  2  Kilo  Weizen-  oder  Maismehl,  6  g  Salx) 
gereicht;  und  die  Milch  aller  Kühe,  ebenso  die  Morgen-  und  Abendmilch  wird 
gemischt.  —  Gleichzeitig  ist  auf  möglichstes  Femhalten  saprophytischer  und 
pathogener  Bakterien  Bedacht  genommen.  Ein  Thierarzt  untersucht  die  neu 
angekauften  Thiere  und  monatlich  einmal  die  Standthiere.  Femer  werden  der 
Stall,  die  Futtertröge,  die  Thiere,  namentlich  aber  die  QefSese  und  Flaschen 
penibel  reinlich  gehalten.  Die  Flaschen  oder  Kannen  sind  mit  sicherem  Ver- 
schluss (Plomben)  versehen;  der  Transport  geschieht  im  Sommer  in  Eispackung. 

—  Der  geschilderte  Betrieb  der  Anstalten  verursacht  selbstverstftndlich  be- 
deutendere Kosten  und  der  Preis  solcher  Kindermilch  stellt  sich  daher  auf 
80—50  Pf.  pro  Liter.  Der  Preisunterschied  g^^nüber  beliebiger  Marktmilch 
beträgt  also  im  Mittel  20  Pf.;  was  bei  einem  durchschnittlichen  täglichen 
Consum  von  1  Liter  immerhin  nur  6  Mark  im  Monat  und  für  die  gesammte 
Ernährung  eines  Säuglings  etwa  60  Mark  ausmacht 

2)  Durch  eine  Präparation  der  Milch,  die  darauf  hinausgeht,  die 
Kuhmilch  in  Bezug  auf  die  chemische  Zusammensetzung  der  Mutter- 
milch ähnlicher  zu  machen.  Am  einfachsten  sucht  man  durch  Wasser- 
zusatz die  Eiweissstoffe  und  Salze,  die  in  der  Kuhmilch  in  zu  grosser 
Menge  Torhanden  sind,  zu  verdünnen  und  durch  Zuckerzusatz  das  Minus 
der  Kuhmilch  in  dieser  Beziehung  auszugleichen.  Erfahrungsgemäss 
ist  an  den  ersten  Lebenstagen  1  Theil  Milch  mit  8  Theilen  Wasser  zu 
verdünnen,  vom  3.  bis  30.  Tage  1  Theil  Milch  mit  2  Theilen  Wasser, 
vom  30.  bis  60.  Tage  1  Theil  Milch  mit  1  Theil  Wasser  und  so  all- 
mählich abnehmend,  bis  etwa  vom  8.  Monat  ab  reine  Kuhmilch  ge- 
reicht wird.  Femer  sind,  um  den  Zuckergehalt  der  Kuhmilch  dem 
der  Frauenmilch  zu  nähern,  pro  1  Liter  fertiges  Gemisch  26  g  Zucker 
zuzufügen  (am  besten  Milchzucker). 

Nach  Hbubkib-Hofmakn  soll  der  Säugling  pro  Tag  erhalten: 
im  1.  Monat:  300  ccm  Milch  +  800  ccm  Wasser  +  6  Kaffeelöffel  voll  Milchzucker 

(vertheilt  auf  8  Flaschen  4  75  ccm); 
im  2.  n.  3.  Monat:  450  ccm  Milch  +  450  ccm  Wasser  +  9  EaffeelöfiEel  voll  Milch- 
zucker (vertheilt  auf  7  Flaschen  4  125  ccm); 
im  8.-9.  Monat:  600  ccm  Milch  +  600  ccm  Wasser  +  12  Kaffeelöffel  voll  Milch- 
zucker (vertheilt  auf  6—8  Flaschen  k  150  ccm). 

Die  so  präparirte  Milch  hat  dann  noch  einen  abnorm  geringen 
Fettgehalt,  1,5  Procent  statt  3  Procent.  Um  dies  aoszugleichen,  lässt 
man  die  Milch  vor  dem  Yerdünnen  mit  Wasser  circa  1  Stnnde  in  flachen 
Gefiassen  stehen  xmd  schöpft  nur  die  oben  angesammelte  Sahne  in  das 
Milchgefass.    Die  verdünnte  Milch  enthält  dann  etwa  2,6  Procent  Fett 

—  Noch  vollkommener  ist  der  Ausgleich  in  der  GlBXNEB'schen  Fettmilch, 
die  aber  nur  partiell  sterilisirt  in  Flaschen  und  relativ  theuer  zu  be- 
ziehen ist 

3)  Durch  Tödtung  der  in  der  Kuhmilch  enthaltenen  Bakterien, 
also  durch  Kochen,  Pasteurisiren,  Sterilisiren. 


Die  einzelnen  Nahrungsmittel.  286 

Soll  die  Milch  im  Hanse  gekocht  werden,  so  genügt  es,  dieselbe 
in  geeigneten  Milchkochapparaten  5—10  Minuten  auf  97 — 100® 
durchzuhitzen,  um  die  vorhandenen  Erankheitskeime  und  fast  alle 
Gährungserreger  zu  vernichten. 

Hierbei  kommen  folgende  Q^sichtuponkte  in  Betracht: 

Höhere  Temperaturen,  durch  Erhitzen  nnter  Druck  gewonnen,  sind  völlig 
fiberflüssig,  ebenso  ist  es  unnöthig,  die  Temperatur  von  97—100^  länger  ab 
10  Minuten  einwirken  zu  lassen;  denn  eine  Abtödtung  auch  der  widerstands- 
fähigeren Milchbakterien  gelingt  doch  erst  bei  6  stündiger  Erhitzung.  Auch  ist 
es  gar  nicht  erforderlich,  dem  Säugling  eine  völlig  keimfreie  Milch  zu  liefern. 
Bakterien  gelangen  in  den  Darm  des  Säuglings  unter  allen  Umständen  durch 
seine  Finger  und  verschiedenste  Berührungen.  Es  kommt  nur  darauf  an,  die 
Milch  von  parasitären  Bakterien  zu  befreien  und  eine  Wucherung  tozin- 
bildender  Saprophyten  in  der  Milch  zu  verhüten. 

Femer  ist  zu  beachten,  dass  die  gekochte  Milch  meistens  längere  Zeit 
—  bis  zu  24  Stunden  —  aufbewahrt  werden  soU. 

Dies  ist  ohne  Zersetzung  der  Biilch  nur  dann  möglich,  wenn  die  Milch 
nach  dem  Rochen  rasch  abgekühlt  und  bei  einigermaassen  niederer 
Temperatur  (unter  20^  Celsius)  aufbewahrt  wird.  Diejenigen  Gährungserreger, 
welche  durch  das  voraufgehende  Erhitzen  nicht  getödtet  werden  —  und  solche 
sind  fast  immer  vorhanden  — ,  vermehren  sich  bei  niederer  Temperatur  äusserst 
langsam,  dagegen  rasch  bei  einer  Wärme  von  mehr  als  20  ^  Am  bedenklichsten 
bt  in  dieser  Beziehung  ein  langsames  Abkühlen  grösserer  Portionen  ge- 
kochter Milch.  Dieselben  halten  sich  viele  Stunden  auf  Temperaturen  zwischen 
25  und  45^,  d.  h.  auf  Wärmegraden,  bei  denen  rascheste  Wucherung  der  re- 
stirenden  Bakterien  erfolgt 

Ausserdem  aber  muss  die  aufbewahrte  Milch  vor  dem  Hineingelangen 
neuer  Krankheitskeime  und  solcher  Gährungserreger  geschützt  werden,  welche 
auch  bei  niederer  Temperatur  rasch  wuchern  und  die  Milch  verderben.  Dazu 
ist  vor  allem  nöthig,  dass  man  die  Biilch  während  der  ganzen  Zeit  in  den 
Koohge fassen  belässt,  und  aus  diesen  eventuell  nur  die  jeweils  gebrauchten 
Portionen  in  Saugflaschen,  Tassen  u.  s.  w.  abgiesst  Wollte  man  die  Milch  in  Ge- 
fasse,  welche  in  üblicher  Weise  gereinigt  sind,  umgiessen  und  in  diesen  auf- 
bewahren, so  würde  sie  rasch  verderben,  weil  solche  Gestose  stets  zahlreiche, 
sich  schnell  vermehrende  Gährungserreger  enthalten. 

Auch  der  Luft  soll  die  Milch  während  ihrer  Aufbewahrung  keine  zu 
grosse  Berührungsfläche  darbieten;  es  fallen  sonst  Staub  und  Schmutz  und  mit 
diesen  reichliche  Bakterien  hinein.  Eine  kleine  Berührungsfläche  mit  der  Luft 
schadet  dagegen  nichts;  die  Luft  führt  gewöhnlich  nur  spärliche  Bakterien, 
und  diese  sind  in  der  Form  des  trockenen  Staubes  so  lebensschwach,  dass  sie 
in  Milch  gelangt,  erhebliche  Zeit  gebrauchen,  ehe  sie  anfangen,  sich  zu  ver- 
mehren. Stellt  man  z.  B.  zwei  Saugflaschen  mit  der  gleichen  sterilisirten  Milch, 
die  eine  mit  Wattepfropf,  die  andere  offen,  in  demselben  Zimmer  resp.  Brütofen 
auf,  so  macht  sich  kaum  ein  Unterschied  bezüglich  der  Haltbarkeit  der 
Proben  geltend,  und  jedenfüb  nicht  innerhalb  der  ersten  24  Stunden. 

Vorstehende  Gesichtspunkte  wurden  in  firüheren  Jahren  nicht  ausreichend 
beachtet;  daher  ging  man  bei  den  älteren  Apparaten  zum  Milchkochen  vielfach 
darauf  hinaus,  die  Töpfe  beim  Rochen  möglichst  hermetisch  zu  schliessen,  Tem- 


286  EmShruog  und  NabningBinittfll. 

peraturan  Qber  100°  en  eraeleo,  diese  sehr  lauge  einwirken  za  Immd  and  bei 
der  Aufbewahrung  Damentlicli  die  Luft  von  der  Uilcli  fem  zu  lialten.  In  Polfte 
dessen  waren  die  Constmctionen  sehr  complicirt,  und  Geschmack  und  Fai^ 
der  Milch  wurden  stark  verändert 

Für  das  Eocben  kleinerer  Portionen  TAücii,  die  nicht  aafbe- 
wahrt^  sondern  kurz  nach  dem  Kochen  rerbrancht  werden  sollen,  dienen: 

1.  WsBserbtider.  Ein  grosser  offener  Blechtopf,  der  innen  drei  ror- 
spriugende  Leisten  trügt,  dient  als  Wasserbad;  in  den  AuHSchnitt  der  I^eisten 
passt  ein  kleinerer  emaillirter  oder  porzellanener,  mit  Deckel  rereehener  Milch- 
topf. Das  Erhitzen  der  Milch  bedarf  keiner  Beaufsichtigung;  Ueberkochen 
kann  nicht  stattfinden;  nach  20  Minuten  vom  Sieden  des  Wassers  ab  gerechnet 
sind  seihet  Milzbrandsporen  vernichtet 

2.  Solthahh's  Milchkocher.  Durch  einen  besonders  construiiten  Blecb- 
einsatz  wird  ein  stetes  RQcklaufen  der  aufwallenden  Milch  in  das  KochgeAss 
bewiilt  und  dadurch  ein  Ueberkochen  vermieden.  —  Da  das  GeflUs  offen  sein 
muss,  kocht  die  Milch  sehr  stark  ein. 

3.  Irdene  Tdpfe  mit  dorchlochtem  Deckel;  die  aufwallende  Milch  länft 
durch  die  Löcher  wieder  in  das  GeAss  zorack.  Das  Einkochen  ist  geringer, 
wie  beim  SoLTMANH'scben  Kocher;  a.  unten. 

Die  Milchkocher  von  Bektlind,  Cohh,  Robdkk,  HAaTHARH  haben 
nur  unnöthige  Complikationen. 

Für  das  Kochen  grösserer  Furtionen  Milch,  insbesondere  der 
ganzen  Tagesration  des  Säuglings  sind  zu  empfehlen: 

1.  Soxhlet's  Milchkocher.  Die  mit  Wasser  und  Zucker  gemischte 
Milch  wird  je  nach  dem  Bedarf  des  Säuglings  in  6 — 10  kleine  Sangflaschen 


Flg.  TS.    60X10»'«  Ullchk«chsr. 

gefüllt;  diese  werden  mit  durchbohrten  Kantschnkatopfen  verschlossen  im  Waaser- 
bad  erhitzt;  war  das  Wasser  einige  Minuten  im  Kochen,  so  wird  die  Bahrung 
des  Stopfens  mit  einem  Glasstäbchen  verschlossen,  und  dann  wird  noch  weitere 
10  Minuten  erhitzt  tSämmtliche  Fläschchen  bleiben  dann  an  kühlem  Orte  stehen; 
unmittelbar  vor  dem  Gehrauch  wird  der  Stopfen  des  cinaelnen  Flftschchens  durch 
den  Sxugstopfen  eraelzt  —  Bürsten  a.  s.  w.  zur  Reinigung  der  Flaschen  werdon 
beigegeben. ' 

'  Zu  beEteheoi  von  Dr.  Lebhakk,  Berlin  G.,  Heilig«geiatstrasH  43  filr  den 
Preis  von  IS  bis  20  Mark. 


Die  eioielnen  Nabmngamittel.  287 

Der  SoxHLBT'sche  Apparat  war  der  erste,  der  in  ratioDeller  Weise  die 
Anf  bewahmng  grösserer  Milchquaatitflten  ermögliclite;  er  hat  mit  Recht  weiteste 
Verbreitcuig  gefaiiden. 

Einige  Nachtheile  des  Apparats  werden  bei  einer  netiereo  Gonstroction 
TCnnieden,  welche  kleine  Gnmmischeiben  als  Versch lose  der  Flaschen  rer- 
wendet  Die  Scheiben  werden  lose  auf  die  Fiaicheii  aufgelegt,  nor  seidich 
darch  eine  Hetallhülse  fiiiit,  und  lassen  während  des  Kochens  Luft  und  Wasser- 


dsmpf  entweichen,  beim  Erkalten  werden  sie  aber  durch  den  Luftdruck  derartig 
angepresat,  das«  sie  einen  feiten  Verschluss  bilden. 

Der  Kautschuk  verschluss,  der  zu  schlechtem  Geschmack  Anlass  gicbt,  lässt 
sich  ganz  vermeiden  dadurch,  dass  die  Fl&schchen  mit  kleinen  GlasliQtchen 
bedeckt  werden;  Einkerbungen  an  deren  nnterem  Eand  (Fig.  78 c)  verhüten 
ein  Abgleiten  der  U&tcben.     Dieselben  haben  solchen  Abstand  vom  Flaschen- 


Fl(.  TS.    HlkbHucbeii  mit  QluhlltctHD. 

Ä  m«  Flucti«!  Im  Koofatopr.    B  FlkacbontuiLi  mit  IIDIohau,  li^t  a  Elnkerbungvn,  um  du  AbgleKca 

n  Undarn.    C  FUMbtalijiii  und  Hlltctian  Im  (Juancbiilu;  a  EtnlHrbunMD,  6  Hand  da»  UOichdu, 

c  Flucbenbili. 

hals,  das*  die  Auasenluft  in  freier  Communication  vom  FlHschenhats  mit  dem 
Innenranm  der  Flasche  steht,  dass  nlso  der  Waeserdampf  beliebig  entweichen 
und  beim  Erkalten  Luft  in  die  Flasche  eintreten  kann. ' 

Trete  der  freien  Communication  mit  der  Aussenluft  ist  der  Verschluss 
vSUig  bakteriendicht    Es  ist  Ifingst  erwiesen  (s.  Knp.  1),  dass  den  in  der  Luft 

'  Zd  beliehen  von  BUrai^a,  Breslau,  Carlstrasse;  ausserdem  nach  den 
Angaben  im  Text  in  jedem  Geschäft  fiir  chemische  Utensilien  leicht  beranstellen. 


288  Ernährung  und  Nahrungsmittel. 

schwebenden  Bakterien  meist  eine  gewisse  Schwere  sokommt,  dass  sie  daher 

—  abgesehen  von  sehr  heftigen  Loftströmongen  —  für  gewöhnlich  nicht  vertikal 
aufwärts  geführt  werden  können.  Dass  auch  thatsächlich  die  Biilch  in  den 
mit  Hütchen  verschlossenen  Fläschchen  genau  ebenso  lange  Haltbarkeit 
zeigt,  wie  in  den  mit  Kautschukstopfen  oder  Watte  verschlossenen,  ist  durch 
besondere  Versuchsreihen  erwiesen. 

Der  Kochtopf  wird  zweckmässig  nach  Art  des  Kocu^schen  Dampfofens 
mit  konischem,  oben  durchbohrtem  Deckel  verschlossen  (Weite  der  Bohrung 
nicht  über  0*5  cm).  Sobald  der  Dampf  aus  der  Oefinung  in  kräftigem  Strahl 
ausströmt,  ist  derselbe  100^  warm;  von  diesem  Moment  ab  belässt  man  das 
Wasser  noch  10  Minuten  im  Sieden.  Man  hat  also  nur  die  gefüllten  und  ver- 
schlossenen Fläschchen  in  den  Kochtopf  einzusetzen,  anzuheizen,  bei  gelegent- 
lichem Vorbeigehen  nachzusehen,  wann  der  Dampf  kräftig  ausströmt,  und  von 
da  ab  noch  10  Minuten  auf  dem  Feuer  zu  belassen. 

Mag  man  die  eine  oder  die  andere  Art  von  Soxhletkochem  benutzen,  in 
jedem  Falle  ist  es  von  Wichtigkeit,  die  gekochte  Milch  rasch  abzu- 
kühlen. Am  besten  lässt  man  den  Einsatz  mit  Flaschen 
zunächst  Vi  Stunde  in  der  Luft  sich  abkühlen;  dann  füllt 
man  in  den  Kochtopf  kaltes  Wasser  und  belässt  die  Flaschen 
hierin  1  Stunde;  daraufbewahrt  man  den  Einsatz  im  leeren 
Topf  in  einem  kühlen  Baum  auf. 

2.  Milchkocher  in  Kannenform.  Eine  2  Liter 
fassende  Kanne  aus  emaillirtem  Blech  passt  in  den  beim 
vorigen  Apparat  verwendeten  Kochtopf.  Sie  wird  mit  Milch 
gefüllt  und  in  strömendem  Dampf  von  100^  10  Minuten 
erhitzt.  Die  herausgenommene  Kanne  wird  zweimal  in 
kaltem  Wasser  gekühlt,  und  bleibt  dann  in  dem  entleerten 
Kochtopf  an  kühlem  Orte  stehen;  aus  derselben  wird  un- 

pj    -g    Mflchkocher    ™^^*®^^*''  ^^^  ^6™  Gebrauch  die  jedesmal  nöthige  Portion 
in  Kannenform.       Milch   ausgeschenkt  —  Die  Milch    ist   in    solcher  Kanne 

auch   bei   häufigem   Ausschenken   nach    24   Stunden   noch 
nahezu  bakterienfrei  und  kann  Kindern  ohne  jede  Gefahr  verabreicht  werden. 

—  Erheblich  billiger  als  SoxHLET-Apparate. 

S.  Töpfe  mitdurchlochtem  Deckel  für  halbe  Tagesportionen  (12  Stun- 
den). Die  Deckel  haben  in  der  Mitte  ein  kurzes  Rohr  von  ca.  2  cm  weitem 
Durchmesser,  in  der  Peripherie  4  oder  5  Löcher  von  1  cm  Durchmesser  (s.  Fig.  80). 
Kocht  man  die  Milch  in  solchem  Topf  auf  lebhaftem  Feuer,  so  wallt  sie  durch 
die  mittlere  Oefinung  in  die  Höhe  und  fliesst  durch  die  anderen  Löcher  des 
Deckels  wieder  in  den  Topf  zurück;  Ueberkochen  findet  auf  Herdfeuer  nie  statt 
Die  Töpfe  werden  aus  emaillirtem  Eisenblech  oder  aus  glasirtem  Thon  (Bunz- 
lauer  Geschirr)  hergestellt;  letztere  kosten  bei  iVi  Liter  Inhalt  60  Pf. 

Die  Milch  ist  bei  24  stündiger  Aufbewahrung  nicht  so  keimarm  wie  bei 
den  vorgenannten  Methoden;  es  ist  daher  in  diesen  Töpfen  besser  2 mal  täg- 
lich eine  Portion  Milch  zu  kochen.  Nothwendig  ist  die  Einhaltung  folgender 
Gebrauchsvorschriften,  die  zweckmässig  jedem  Topf  gedruckt  beizugeben 
sind: 

„Man  messe  so  viel  Milch  ab,  wie  das  Kind  in  einem  halben  Tage  trinkt 
und  verdünne  dieselbe  für  jüngere  Säuglinge  in  der  üblichen  Weise  mit  Wasser 
(bis  zum  Alter  von  1  Monat  1  Tb.  Milch  und  2  Th.  Wasser,  von  da  ab  1  Th. 


Die  einzelnen  NahmngBmittel.  289 

Milch    und  1  Tb.  Wasser,   vom  4.  Monat  das  Wasser    allmfibüch    abnehmend, 
vom  8.  Monat  ab   reine  Milch;  fernei   in  je  1  Liter  fertigen  Oemischee  2E>  g 
Milchzucker).    Jedem  Liter  der  zu  kochenden  Milch,  sei  dieselbe  unverdünnt  oder 
verdanat,  füge  man  ferner  5  Theilstriche  der  Sangflasche  (=  '/„  Liter)  Wasser 
vor   dem  Kochen    zn;    dieaee  Waaser  ver- 
dampft    wieder     bei     dem     nachfolgenden 
Kochen.    Sodann  setze  man  den  Topf  aufs  , 
Feaer  und  beobachte,   wann  die  Milch  an- 
ffingt,    über    den    Deekel    heraofzasteigen. 
Von   da  ab   ISsst  man   noch    10  Minnlea 
kochen.    Hat  man  einen  kQhlen  Raum  rur 
VerfttgODg,  ao  bewahre  man  den  Topf  mit 
der  Milch  ohne  weiterea  dort  auf.  Muss  die 
Milch  im  warmen  Zimmer  aufbewahrt  wer- 
den (z.'B.  im  Hochsommer),  so  setze  man 
den   Topf  mit  der   Milch   in  eine   irdeae 
Schale   mit  ca.  2  Litern   kalten  Wassern; 
bei  starker  Sommerbilae  ist  nach  '/i  Stunde 

noch    ünmal    fiisches    KOhlwaeser    einza-  f^  eo    Miichkoctaiopr 

giessen.    Hat  der  Topf  im  Ganzen  1  Stunde  »"  JunbJ«hWm  DtcM. 

im  Wasser  gestanden,  so  nimmt  man  ihn 

herana  und  liest  ihn  im  Zimmer  stehen.  Die  Saugflasche  ist  jedesmal  erst  un- 
mittelbar vor  dem  Trinken  mit  Milch  ta  fallen  und  gleich  nach  dem  Trinken 
zu  reinigen." 

Sind  PolikÜDiken  und  Armenärzte  in  der  Lage,  ffli  bereits  er- 
krankt« Kinder  ans  den  ärmsten  Berülkerungsblassen  bereits  sterili- 
sirte  Milch  gratis  abzugeben,  so  kann  dadurch  zweirellos  viel  Segen 
gestiftet  and  manche  sonst  zum  Tode  führende  gastrische  Stömng  der 
Heilang  entgegengefahrt  werden.  Für  diese  Fälle  iat  am  besten  eine 
Milch  zu  verwenden,  die  bereits  dem  Alter  des  Säuglings  enteprechend 
mit  Wasser  und  Zucker  vermischt  und  dann  in  kleinen  Saugfläsoh- 
chen  partiell  sterilisirt  ist,  damit  jedes  Manipnliren  mit  der  Milch 
im  Uaose  vermieden  wird.  Das  an  einem  Tage  hergestellte  Milch- 
quantum  muss  kühl  gehalten  und  binnen  24  oder  höchstens  48  Stunden 
verbraocht  werden. 

Für  Reisen  oder  fikr  den  Fall,  dass  das  Kuchen  im  Hause  momentan 
nicht  mit  der  erforderlichen  Sorgfalt  geschehen  kann,  empfiehlt  sich 
die  Benutzung  der  in  Blechdosen  total  sterilisirten  Milch  (s.  oben).  Die- 
selbe ist  ans  den  Büchsen  stets  direct  in  die  Sangflaschen  zu  giessen 
und  in  diesen  eventuell  mit  gekochtem  Wasser  zu  mischen. 

Eine  weitergehende  Verwendung  der  vor  dem  Kauf  sterilisirten 
Säuglingsmilch  erscheint  nicht  zweckmässig.  Vollständig  sterilisirte 
Milch  ist  zn  thener;  die  partielle  Sterillairung  hefert  ein  nur  bei 
strenger  Gontrole  unbedenkliches  Präparat  Jede  einigermaassen 
sorgsame  Mutter  wird  sich  auf  solche  Präparate  nur  im  Nothfall  ver- 


290 


ErnähniDg  und  Nahrungsmittel. 


lassen,  dagegen  für  gewöhnlich  den  Einkauf  guter  roher  bezw.  pasteu- 
risirter  Kindermilch  und  deren  Zubereitung  im  Hause  vorziehen. 

Neuerdings  sind  auch  Apparate  construirt,  um  im  Hause  die  Mijch  bei 
relativ  niederer  Temperatur,  60 — 70®,  ebenso  zu  sterilisiren ,  wie  durch  das 
Soxhletkochen;  die  Zeitdauer  der  Elrbitzung  muss  dann  entsprechend  ausgedehnt 
werden  (auf  iVi  Stunden  und  mehr).  Es  soll  dadurch  chemischen  Veränderungen 
der  Milch  noch  besser  vorgebeugt  werden.  Hierher  gehören  Kobback'b 
Pasteurisirapparat  sowie  die  Thermophore;  letztere  scheinen  nicht  ganz 
gleichmässig  zu  wirken. 

c)  Die  Ernährung  des  Kindes  mit  besonders  präparirter 

Kuhmilch  und  Milchsurrogaten. 

Die  Beobachtung,  dass  manche  Kinder  die  nach  dem  S.  284  ge- 
gebenen Vorschriften  mit  Wasser  und  Milchzucker  versetzte  Kuhmilch 
nicht  vertragen,  hat  zu  zahlreichen  Versuchen  geführt,  die  Kuhmilch 
der  Frauenmilch  ähnlicher  zu  machen.  Entweder  hat  man  eine  leichtere 
Verdaulichkeit  und  eine  Gerinnung  des  Kaseins  in  weicheren  Flocken 
herbeizufahren  gesucht  durch  Zusätze  von  Hafer-  oder  Gerstenschleim 
zur  Milch;  oder  das  Kasein  ist  durch  Behandlung  mit  Verdauungs- 
fermenten theil weise  in  Albumosen  übergeführt  (Präparate  von  Voltmer 
in  Altena,  und  von  Loeflund). —  Ueber  Buttermilch  s.  S.  295. 

In  einer  zweiten  Gruppe  von  Präparaten  hat  man  das  am  meisten 
gefürchtete  Kasein  ganz  oder  fast  ganz  fortgelassen,  oder  auch  andere 
Eiweisskörper  in  die  kaseinfreie  Milch  einzuführen  versucht  (Backhaus* 
Milch;  Mischung  aus  Rahm  und  Molke,  so  dass  nur  Molkenproteln  und 
Albumin  übrig  bleiben.  —  Biedert's  Rahmgemenge;  Emulsion  aus  Eier- 
eiweiss,  Butterfett,  Milchzucker  und  Milchsalzen). 

Einer  dritten  Gruppe  gehören  die  sog.  Kindermehle  an,  die  theils 
mit  Wasser  bereitet  als  zeitweises  Surrogat  der  Kuhmilch  dienen  sollen, 
theils  der  Milch  zugesetzt  werden. 


Was- 
ser 


Ei- 
weiss 


Proceut  Procent 


Kohlehydrate 

Fett 

in 
Wasser 
lösUch 

on- 
lösUoh 

Salze 

Procent   Procont 

Procent 

Procent 

6-6 

9-6 

48 

42. 9 

8-8 

12. 5 

2-0 

21-9 

63 

16-7 

56 

48-2 

10-0 

12-6 

6-1 

56 

Nestlömehl  (Vevey) 

Kufbke's  Kindermehl 

Lakto-Legaminose(GERBBB  in  Thun) 

Praparirtes   Hafermehl  (Knorr   in 

Heilbronn) 

In  fast  allen  Präparaten  ist  ein  Teil  des  Amylums  durch  Hitze  oder  durch 
Erhitzen  mit  wenig  Säure  oder  durch  diastatisches  Ferment  in  lösliche  Stärke, 


34-4 

20 

52-2 

2.1 

24. 4 

8.0 

63-7 

14 

Die  eiiLEelnen  NahmngsmitteL  291 

Dextrin,  resp.  Zacker  dbergefährt;  die  meiBten  enthalten  aber  immer  noch  ziem- 
lich beträchtliche  Mengen  unveränderter  Stärke,  andere  haben  in  Folge  von 
Bohrzuckerzusatz  einen  widerlich  süssen  Geschmack.  Einige  der  gebräuch- 
lichsten haben  die  in  obiger  Tabelle  angegebene  Zusammensetzung. 

Besonders  günstige  Er&hrungen  liegen  vor  über  die  LiiBBiG*sche  Suppe, 
die  nach  Libbiq*s  alter  Vorschrift  durch  allmähliches  und  anhaltendes  Er- 
wärmen von  Milch  mit  Weizen-  und  Malzmehl,  unter  Zugabe  von  etwas  Kali- 
carbonicum,  bereitet  werden  sollte,  und  bei  welcher  das  Amylum  fast  voll- 
kommen in  Maltose  verwandelt  war.  —  Neuerdings  haben  Czbbny  und  Kbllbb 
f&r  diese  „Malzsuppe^^  eine  verbesserte  Vorschrift  gegeben:  50  g  Mehl  sollen 
mit  Va  Lilch  gequirlt  werden,  dann  ist  eine  Mischung  von  100  g  Malzextrakt 
in  '/t  Liter  Wasser  und  10  ccm  einer  11  procentigen  Kalicarbonicum-Lösung 
zuzufügen,  und  das  Ganze  kurz  auf  Siedetemperatur  zu  erhitzen. 

Die  aufgezählten  Präparate  kommen  nur  für  den  relativ  kleinen  Bruch- 
theil  von  Kindern  in  Frage,  welche  die  übliche  Kuhmilchmischung  nicht  ver- 
tragen, oder  welche  vorübergehend  an  Verdauungsstörungen  leiden.  Ueber  die 
Indikationen  für  das  eine  oder  andere  Präparat  hat  im  Einzelfall  der  Kinder- 
arzt zu  entscheiden.  Die  ausgedehnteste  günstige  Wirkung  scheint  der  Malz- 
suppe zuzukommen. 

Ausserdem  sind  die  Mehlpräparate  im  späteren  Säuglingsalter  als  Zugabe 
zur  Biilch  zu  verwenden. 

3.  Molkerelprodukte. 

Butter  wird  aus  Rahm  oder  Milch  durch  Schlagen  hergestellt 

Der  Vorgang,  der  dabei  zum  Ausscheiden  der  Butter  führt,  ist  noch  nicht 
vollständig  aufgeklärt;  am  wahrscheinlichsten  ist  es,  dass  das  Milchfett  flüssig 
ausgeschieden  wird  und  flüssig  bleibt,  trotzdem  die  Milch  unter  den  Erstarrungs- 
punkt abgekühlt  wird.  Bei  Bewegung  findet  dann  plötzlicher  Uebergang  in 
den  festen  Zustand  und  dabei  leichte  Vereinigung  zu  grösseren  Massen  statt 
Aus  Milch  wird  die  Butter  nicht  so  fettreich  und  so  wohlschmeckend,  daher 
wird  die  Darstellung  aus  Rahm  vorgezogen.  Um  letzteren  Zugewinnen,  ohne 
dass  die  Milch  sauer  wird,  ist  die  Milch  entweder  in  sehr  dünnen  Schichten 
auszubreiten,  oder  sie  wird  nach  dem  SwABTz*schen  Verfahren  in  höheren  Schichten 
mit  Eiskühlung  behandelt;  oder  aber  nach  ^em  BECKSR^schen  Verfahren  auf  50 
bis  70^  2  Stunden  erwärmt,  wodurch  sie  ebenfalls  gute  Haltbarkeit  erlangt. 
Neuerdings  werden  indessen  hauptsächlich  Centri fugen  (Separatoren)  be- 
nutzt, ursprünglich  von  Lehfbld  construirt  in  Form  einer  rotirenden  Trommel, 
in  welcher  die  Milch  sich  vertikal  aufrichtet  und  in  mehrere  Schichten  theilt, 
je  nach  der  Schwere  der  Bestandtheile.  Zu  innerst  lagert  sich  der  Rahmi 
aussen  die  Magermilch',  in  der  Mitte  die  frisch  zulaufende  Milch;  die  beiden 
Produkte  kommen  gesondert  zum  Ablau£  —  Später  sind  vielfache  abweichende 
Constructionen  in  den  Handel  gekommen. 

Ein  besonderer  Vortheil  der  Centrifugen  liegt  darin,  dass  man  in 
Folge  des  schnellen  Betriebes  frische  und  gut  benutzbare  abgerahmte 
Milch  bekommt  Früher,  wo  das  Aufrahmen  36 — 48  Stunden  dauerte, 
war  die  abgerahmte  Milch  ein  Artikel,  der  nur  mit  grosstem  Miss- 
trauen gekauft  werden  konnte  und  unter  den  Händen  verdarb.    Jetzt 

19* 


292  Elrnährung  and  Nahrungsmittel. 

ist  die  abgerahmte  Milch  so  haltbar  wie  Vollmilch,  zumal  wenn  sie 
pasteurisirt  wird,  besitzt  hohen  Nährwerth  und  deckt  ausserordentlich 
billig  den  Eiweissbedarf  des  Menschen;  für  15 — 18  Pfennig  wird  der 
ganze  Tagesbedarf  an  Eiweiss  geliefert  Die  Magermilch  wird  von  der 
ärmeren  Bevölkerung  noch  viel  zu  wenig  consumirt,  da  dieselbe  den 
Vortheil  des  jetzigen  centrifiigirten  Produktes  gegenüber  dem  früheren 
nicht  hinreichend  beachtet. 

Die  Butter  soll  demnächst  durch  Kneten  vom  Wasser  und  den 
anderen  Bestandtheilen  der  Milch,  Kasein,  Milchzucker,  Salzen,  mög- 
lichst befreit  werden ;  die  andernfalls  zurückbleibenden  Beimengungen 
machen  die  Butter  minderwerthig  und  beschleunigen  erheblich  die 
Zersetzung. 

Die  mittlere  Zusammensetzung  der  Butter  ist  folgende:  18,6  Procent 
Wasser,  84,4  Procent  Fett,  0,7  Procent  Casetu,  0,5  ProcentMilchzucker,  0,66  Procent 
Salze.  Der  Schmelzpunkt  der  Butter  liegt  gewöhnlich  zwischen  81  und  87®,  der 
Erstarrungspunkt  zwischen  19  und  24®. 

Marktfähige  Butter  soll  mindestens  80  Procent  Fett  und  höchstens  2  Pro- 
cent  Kochsalz  enthalten.  Oft  findet  man  Butter  mit  30 — 35  Procent  Wasser  und 
erhält  dann  in  1  Pfiind  Butter  nur  815  g  Fett  statt  425  g.  —  Um  das  leichte 
Verderben  solcher  wasserreicher  Butter  zu  hindern,  wird  Kochsalz  zugesetzt, 
80  g  pro  1  kg  und  mehr.  Dadurch  wird  der  Profit  der  Händler  noch  grösser. 
Die  süddeutsche  Sitte,  die  Butter  ungesalzen  in  den  Handel  zu  bringen,  ist 
weit  empfehlenswerther,  weil  solche  Butter  sehr  sorgfältig  behandelt  werden 
muss,  wenn  sie  nicht  schnellem  Verderben  ausgesetzt  sein  soll. 

Die  Butter  enthält  meistens  sehr  zahlreiche  lebende  Bakterien, 
oft  1 — 10  Millionen  in  lg;  und  zwar  nicht  nur  die  aus  längere 
Zeit  gestandenem  Rahm  bereitete  Butter,  sondern  auch  Butter  aus 
Centrifugen-Sahne,  weil  beim  Centrifugiren  die  Rahmtheilchen  Bakte- 
rien mechanisch  mitreissen.  Enthält  die  Milch  Tuberkelbacillen, 
so  gehen  diese  nachweislich  beim  Centrifugiren  in  Sahne,  Magermilch, 
Buttermilch  und  Centrifugenschlamm  über.  In  Folge  dessen  finden  wir 
Tuberkelbacillen  —  und  unter  Umstanden  andere  infektiöse  Milch- 
bakterien —  reichlich  in  der  Butter  vertreten.  Sehr  häufig  begegnet 
pian  femer  in  der  Butter  den  S.  67  erwähnten  „säurefesten" 
Bacillen,  die  Ton  der  Ackererde  auf  Futtergräser,  mit  diesen  in  die 
Kuhexkremente  und  mit  letzteren  in  die  Milch  zu  gelangen  scheinen.  — 
Pasteurisiren  des  zur  Butterbereitung  verwendeten  Rahms  würde 
gegen  die  bakterielle  Gefahr  des  Buttergenusses  Schutz  gewähren. 
Dasselbe  stösst  um  so  weniger  auf  Schwierigkeiten,  als  das  zu  pasteu- 
risirende  Quantum  relativ  klein  ist,  und  als  die  Butter  bei  Einhaltung 
von  85®  und  2  Minuten  (s.  S.  276)  nicht  an  Geschmack  einbüsst 

Eine  erhebliche  Geschmacksalteration  und  vermuthlich  auch  eine 


Die  einzelnen  Nahrungsmittel.  293 

für  die  Yerdannngsorgane  nicht  belanglose  Aendernng  erleidet  die 
Butter  beim  Aufbewahren  dnrch  das  Banzigwerden,  das  haupt- 
sächlich auf  einem  Freiwerden  von  Fettsäuren  bezw.  auf  der  Entstehung 
von  Oxyfettsäuren  beruht.  Es  wird  in  erster  Linie  durch  Belichtung 
und  durch  Luftzutritt  begünstigt,  ausserdem  durch  Bakterienwucherung. 
Abschluss  der  Butter  gegen  Luft  und  Licht  ist  die  zweckmässigste 
SchutzmaassregeL 

Von  Fälschungen  der  Butter  kommt  in  Frage  ein  zu  grosser 
Wasser-  und  Kochsalzgehalt  (s.  oben);  femer  Beimengungen  von  Farb- 
stoff, Mehl,  Schwerspath  u.  s.w.,  namentlich  aber  von  fremden  Fetten. 
Letzteres  erklärt  sich  aus  den  Preisverbältnissen ;  1  kg  Butter  kostet 
im  Mittel  2.60  Mark,  IkgBindstalg  oder  Schweineschmalz  1.30  Mark; 
noch  billiger  sind  die  importirten  pflanzlichen  Fette,  Palmöl,  Cocus- 
butter  u.  s.  w. 

Untersuchung  der  Butter.  Zur  Wasserbestimmung  werden  5  g 
Butter  in  flacher  Nickebchale  80 — 40  Minuten  im  Vakuumtrockenapparat  ge- 
trocknet und  gewogen.  —  Der  Kochsalz  gebalt  wird  durch  die  Bestimmung 
des  Chlors  im  wässrigen  Extrakt  der  Asche  ermittelt  —  Zur  Feststellung  des 
Grades  der  Banzigkeit  werden  5  g  Butter  in  Aether  gelöst  und  mit  alko- 
holischer Vio  Normal-KaUlauge  nach  Zusatz  von  PhenolphtaleYn  titrirt  Als 
Sfiure grade  bezeichnet  man  die  zur  Sättigung  von  100  g  Fett  verbrauchten 
Cubikcentimeter  Normal  -  Kalilauge.  Gute  Tafelbutter  hat  meist  weniger  als 
5  Säuregrade;  doch  kommen  höhere  Sfiuregrade  ohne  ausgesprochene  Ranzig- 
keit vor  und  umgekehrt 

Genauere  Erkennung  der  fremden  Fette  ist  möglich  durch  das  Mengen- 
verhältniss  der  niederen  und  höheren  Fettsäuren.  Butter  enthält  87  bis 
88  Procent  höhere  und  12  bis  13  Procent  niedere  Fettsäuren.  Andere 
thierische  und  pflanzliche  Fette  dagegen  95—96  Procent  höhere  und  nur 
sehr  wenig  niedere  Fettsäuren.  Die  höheren  Fettsäuren  sind  im  Wasser 
unlöslich,  nicht  fldchtig  und  bilden  grosse  Moleküle  (Cia .  . . .).  Eine  Lösung 
von  1  g  braucht  daher  eine  relativ  geringe  Zahl  Alkalimoleküle  zur  Neu- 
tralisation. Die  niederen  Fettsäuren  sind  löslich  in  Wasser,  flüchtig  und 
haben  kleinere  Moleküle  (C4  . . .),  so  dass  für  die  Neutralisation  von  1  g  Substanz 
mehr  Alkalimoleküle  verbraucht  werden.  —  Zur  Untersuchung  der  Art  der 
Fettsäuren  werden  die  Fette  zunächst  verseift,  die  Seife  wird  in  Wasser  gelöst 
und  mit  Schwefelsäure  zersetzt  Man  bekommt  so  in  der  wässerigen  Lösung 
die  zwei  Antheile  der  Fettsäuren  in  freiem  Zustande:  die  unlöslichen,  die  durch 
Filtration  abgetrennt  und  gewogen  werden,  und  die  löslicheD,  welche  im  Filtrat 
enthalten  sind  und  durch  Destillation  desselben  von  der  Schwefelsäure  abge- 
trennt werden  können.  Das  DestiUat  enthält  bei  Butter  grosse  Mengen,  bei 
anderen  Fetten  nur  Spuren  von  Säuren.  Die  Menge  derselben  lässt  sich  mit 
Alkalilösung  von   bekanntem  Gehalt  leicht   quantitativ   bestimmen.    (Hehneb, 

KöTTSTORFBB,   ReIOHERT-BIsISSl). 

Femer  ist  für  die  Unterscheidung  fremder  Fette  die  Bestimmung  des 
Schmelz-  und  Erstarrungspunktes  benutzbar;  oder  die  Bestimmung  des 
Brechongsvermögens  mit  dem  ZEiss'schen  Butterrefraktometer. 


294  Erafthrang  und  Nahrungsmittel. 

Die  Eunstbutter. 

Die  Einfuhrnng  guter  Surrogate  der  Butter  ist  von  grosser  hy- 
gienischer Bedeutung,  da  das  Fett  eine  sehr  theuere  Nahrung  bildet 
und  billigere  Fette,  Talg  und  Schmalz,  nur  zu  wenigen  Speisen  zu 
gebrauchen  sind. 

Es  gelang  zuerst  M^b-Moubi^  ein  Surrogat  f&r  Butter  zu  finden.  Er 
verarbeitete  Rindstalg  so,  dass  zunächst  durch  Pepsin  in  Form  von  Schaf-  oder 
Schweinemagen  die  einhüllenden  Membranen  des  Fettes  gelöst  wurden ;  die  er- 
starrte Masse  wurde  dann  im  Pressbeutel  bei  25^  unter  eine  hydraulische  Presse 
gebracht,  es  blieben  40—50  Procent  Stearin  zurück,  während  50 — 60  Pröcent 
flüssiges  Oleomaigarin  durchgingen.  Letzteres  wurde  mit  Kuhmilch,  Wasser  und 
den  löslichen  Theilen  von  Kuheuter  im  Butterfass  verarbeitet  —  Später  ist  das 
Verfahren  mannigfach  modificirt  worden;  namentlich  wird  das  Stearin  nicht  ab- 
getrennt, sondern  I'flanzenöl,  das  vorher  mit  überhitztem  Wasserdampf  behandelt 
ist,  zugemengt  Die  Fabrikation  ist  in  Deutschland,  Gestenreich  und  namentlich 
Nord- Amerika  eine  sehr  ausgedehnte.  Die  in  Düsseldorf  etablirten  Fabriken 
produciren  allein  jährlich  mehrere  Millionen  Pfand. 

Die  Kunstbuttei  kommt  jetzt  unter  den  Namen  Margarine  (auch 
Oleomargarin,  Sparbutter,  Wiener  Sparbutter,  Holländische  Butter  u.  s.  w.) 
in  den  Handel.  Sie  kostet  im  Durchschnitt  1  Mark  pro  1  kg;  Bäcker 
und  Konditoreien,  Gast-  und  Speisewirthschaften  verwenden  sie  in  aus- 
gedehntem Maasse.  Sie  soll  nicht  zum  Bohgenuss  dienen,  namentlich 
ist  das  unmöglich,  seit  gesetzlich  verboten  ist,  die  Kunstbutter  mit 
Naturbutter  zu  vermengen.  Dagegen  ist  sie  sehr  zweckmässig  fOr 
Kochen  und  Braten  zu  verwenden  und  einer  schlechten  Butter  vorzu- 
ziehen, weil  sie  ein  reineres  Fett  darstellt  und  weniger  leicht  ranzig 
wird.  In  Bezug  auf  die  Ausnützung  und  die  Bedeutung  als  Fett- 
nahrung ist  die  Kunstbutter  der  Naturbutter  ungefähr  gleichwerthig. 
Wir  haben  also  vom  hygienischen  Standpunkt  ein  entschiedenes  Inter- 
esse an  ihrer  Verbreitung  als  Volksnahrungsmittel. 

Allerdings  ist  eine  gewisse  Ueberwachung  der  Produktion  nöthig; 
es  könnten  sonst  ekelerregende  Fette  von  Abdeckereien  u.  s.  w.  benutzt 
werden,  und  es  ist  das  um  so  unzulässiger,  als  bei  der  Herstellung  der 
Kunstbutter  nicht  immer  Temperaturen  angewendet  werden,  die  zur 
Tödtung  von  Parasiten  ausreichen.  Die  Ueberwachung  stosst  indess  auf 
geringe  Schwierigkeit<en,  da  die  Herstellung  fast  nur  in  grossen  Be- 
trieben erfolgt 

In  Deutschland  ist  durch  Gesetz  vom  15.  Juni  1897  bestimmt,  dass  Ver- 
kaufsstellen ftlr  Margarineprftparate  durch  deutliche  Plakate  als  solche  kenn^ 
lieh  gemacht  werden  müssen.  Zugleich  ist  jede  Vermischung  von  Butter  und 
Margarine  verboten,  und  die  zu  Handelszwecken  benutzten  Maigarinepr&parate 
müssen  einen  die  Erkennbarkeit  mittelst  chemischer  Untersuchung  erleichternden 
Zusatz    enthalten.    —    Als   solcher    ist    Sesamöl   angeordnet,    welches   beim 


Die  einzelnen  Nahrungsmittel.  295 

Schütteln  mit  alkoholischer  FurfnroQösttng  und  Salzsäure  Rothftrhung  gieht 
Beim  Vorhandensein  gewisser  Farbstoffe  ist  allerdings  eine  complicirtere  Vor- 
bereitung erforderlich. 

Buttermilch  bleibt  vom  Buttern  des  Rahms  zurück,  enthält  noch  Vi 
bis  1  Procent  Fett,  8  Procent  in  Flocken  geronnenes  Kaseün,  ca.  8  Procent 
Milchzucker  und  etwas  Milchsäure.  Bei  der  gewöhnlichen  Herstellungsweise 
gelangen  sehr  zahlreiche  Bakterien  in  das  Präparat.  Aus  Centrlfugenrahm  ge- 
wonnene Buttermilch  wird  als  leicht  verdauliches  Kindemährmittel  empfohlen. 

Käse  bereitet  man  durch  Fällen  des  Kaseins  mittelst  Lab  (Ex- 
trakt ans  Kälbermagen). 

Etwa  80  Minuten  nach  dem  Labzusatz  und  Erwärmen  auf  85®  erfolgt  Ge- 
rinnung der  Milch.  Aus  10—12  Liter  erhält  man  1  kg  Käse,  letzterer  wird  durch 
Pressen  und  Liegenlassen  an  der  Luft  unter  häufigem  Umwenden  getrocknet, 
sodann  lässt  man  ihn  reifen.  Man  unterscheidet  Weichkäse,  bei  niederer 
Temperatur  coagulirt  und  wenig  gepresst:  femer  über  fette  Käse  aus  Kahm, 
resp.  Kahm  mit  wenig  Milchzusatz  (z.  B.  Fromage  de  Brie,  Gervaiskäse  u.  s.  w.), 
fette  Käse  aus  ganzer  Milch  (z.  B.  Holländer,  Schweizer  u.  s.  w.X  Magerkäse 
aus  der  abgerahmten,  meist  sauren  Milch  (Quark,  Handkäse). 

Beim  Keifen  tritt  Verlust  von  Wasser  ein,  sodann  eine  Umwandlung  des 
Kaseins  in  Pepton  und  Amide  und  sogar  Ammoniak.  Es  entstehen  niedere 
Fettsäuren,  femer  scharfe,  bittere  oder  aromatische  Produkte.  Offenbar  sind 
dies  Bakterieneinwirkungen,  die  im  Einzelneu  noch  nicht  genau  bekannt  sind. 

Der  Käse  repräsentirt  ein  sehr  concentrirtes  Nahmngsmittel,  das 
namentlich  Eiweiss  nnd  Fett  in  grosser  Menge  enthält  Die  Zusammen- 
setzung siehe  S.  252. 

Mit  Rücksicht  auf  den  Preis  können  die  feineren  Sorten  nur  als 
Luxusartikel  gelten,  aber  schon  Schweizer-  und  Holländerkäse  sind 
ziemlich  billige  Eiweiss-  und  Fettlieferanten;  der  Magerkäse  kostet 
freilich  nur  Y4  so  viel  als  die  vorgenannten  und  repräsentirt  geradezu 
das  billigste  Eiweiss. 

Die  Ausnutzung  des  Käses  ist  eine  gute  und  vollständige,  aber 
für  viele  Menschen  ist  derselbe  ein  schwerverdauliches  Nahrungsmittel, 
das  namentlich  die  Magenverdauung  lange  in  Anspruch  nimmt  Da- 
her ist  der  Käse  nur  in  kleineren  Mengen  und  fein  zerkleinert  ver- 
wendbar und  steht  an  hygienischer  Bedeutung  hinter  der  abgerahmten 
Milch  zurück. 

Der  Bakteriengehalt  des  Käses  ist  immer  ein  sehr  bedeutender. 
Hauptsächlich  sind  Saprophyten  vertreten,  indess  ist  auch  die  Möglich- 
keit gegeben,  dass  Parasiten  vorhanden  sind  oder  dass  solche  Sapro- 
phyten sich  stärker  entwickeln,  welche  toxische  StofiFwechselprodukte 
liefern  und  durch  diese  „Käsevergiftungen''  hervorrufen. 

Molken  enthalten  Milchzucker,  etwas  Milchsäure,  Salze  und  Pepton;  sie 
haben  eine  leicht  laxirende  Wirkung,  können  daher  wohl  den  Emfthrnngszustand 


296  Emfthrung  and  Nahrungsmittel. 

indirect  bessern,  sind  aber  nicht  selbst  ein  gutes  Nfthrmittel,  ihr  geringer  G^ 
halt  an  Pepton  kommt  hierfOr  nicht  in  Betracht 

Von  sonstigen  Milchpräparaten  sei  noch  Kumis  und  Kefyr  erwähnt, 
ersterer  aus  Stutenmilch,  letzterer  aus  Kuhmilch  bereitet  und  auch  bei  uns  jetzt 
yielfach  ab  Diäteticum  gebraucht  —  Durch  das  Kefyrferment,  das  aus  üefe 
und  verschiedenen  Bakterienarten  besteht  und  in  der  gleichen  Gombination  sich 
gut  weiter  züchten  lässt,  wird  der  Milchzucker  zum  Theil  in  Gljcose  umge- 
wandelt. Aus  dieser  entsteht  durch  die  Hefe  Alkohol  und  Kohlensäure,  so  dass 
ein  schwach  berauschendes  und  moussirendes  Getränk  resultirt  Der  Alkohol- 
gehalt beträgt  ca.  1  Procent  Ein  anderer  Theil  des  Milchzuckers  wird  ausser- 
dem in  Milchsäure  verwandelt  Fertiger  Kefjr  enthält  von  letzterer  etwa  1  ^/,  Pro- 
cent. Femer  gerinnt  das  Kasetn  in  ausserordentlich  feinen  Flöckchen  (rahm- 
ähnlich) und  wird  theilweise  peptonisirt,  so  dass  es  sehr  leicht  verdaulich  ist 
—  Bei  den  mohamedanischen  Bergvölkern  des  Kaukasus  ist  die  Bereitung  des 
Kefyr  von  Alters  her  in  Gebrauch  und  geschieht  einfach  dadurch,  dass  die 
frische  Milch  in  Schläuche  gefüllt  wird,  in  welchen  schon  Kefyr  bereitet  war. 
Man  hält  die  Schläuche  massig  warm,  von  Zeit  zu  Zeit  müssen  sie  geschüttelt 
oder  gestossen  werden.  —  Bei  uns  erfolgt  die  Bereitung  in  Flaschen  mit  trockenen 
Körnern,  die  vorher  in  Wasser  und  dann  in  Milch  zum  Quellen  gebracht  sind ; 
oder  mit  frischen  Körnern,  die  elx^n  von  fertigem  Kefjr  abgesiebt  sind.  Die 
Flaschen  müssen  gut  verschlossen  1—2  Tage  bei  etwa  18^  gehalten  und  häufig 
geschüttelt  werden. 

Kefyr  scheint  bei  Verdauungs-  und  Ernährungsstörungen  oft  günstig  zu 
wirken.  Der  Bakterienreich thum  ist  durchaus  nicht  bedenklich,  die  grosse  Menge 
Milchsäure  wirkt  kräftig  entwickelungshemmend  und  tödtend  auf  alle  firemden 
und  insbesondere  pathogenen  Bakterien. 

Litteratur  (Milch  und  Molkereiprodukte):  Kibchmbr,  Handbuch  der 
Milchwirthschaft,  S.  Aufl.  —  Czbbmy  und  Keller,  Des  Kindes  Ernährung  u.  s.  w. 
Ein  Handbuch  für  Aerzte.  Leipzig,  Wien  1901.  —  Biedert,  Die  Kinder- 
ernährung, Stuttgart  1897.  —  Hbübner  und  Rubner,  verschiedene  Arbeiten  Über 
Stoffwechsel  und  Ernährung  des  Kindes  im  Archiv  f.  Hygiene,  Zeitschr.  f. 
Biologie  und  Jahrbuch  f.  Kinderheilkunde  1896—1902.  —  FLttaaB,  Die  Aufgaben 
und  Leistungen  der  Milchsterilisirung,  Zeitschr.  f.  Hygiene,  Bd.  17.  —  Lübbbrt, 
Die  Giftwirkung  der  peptonisirenden  Bakterien  der  Milch,  ibid.  Bd.  22.  — 
Yergl.  Muhe  und  Uffblmamn,  König,  Förster,  1.  c.  —  Untersuchung  von  Milch 
und  Milchpräparaten:  Thoms-Gilq,  Nahrungsmittelchemie,  Leipzig  1891. 

4.  Fleisoh. 

Als  Marktwaare  kommt  vorzugsweise  das  Fleisch  von  landwirth- 
schafUichen  NutzthiereD,  nebenbei  das  Fleisch  von  Wild,  Geflügel, 
Fischen,  Austern  u.  s.  w.  in  Betracht  Die  Hauptmasse  des  Fleisches 
bilden  die  Muskeln;  daneben  Fett,  Bindegewebe,  Knochen,  Drüsenge- 
webe u.  s.  w.  Ausser  Fett,  leimgebender  Substanz  und  Salzen  findet 
man  Eiweissst^ffe:  Syntonin,  Myosin,  Muskelalbumin,  Serumalbumin; 
ferner  zahlreiche  Extractivstoffe,  wie  Kroatin,  Xanthin,  Hypoxanthin, 
Milchsäure;  kleine  Mengen  Inosit  und  Glycogen. 


Die  einaelnen  NahnmgsmitteL  297 

Die  Znsammensetzuiig  des  Fleisches  (yergl.  Tab.  S.  252)  schwankt 
sehr  bedeatend  je  nach  der  Thierspecies,  nach  dem  Mästungsznstande 
und  Alter  des  Thieres.  Auch  die  verschiedenen  Muskeln  des  gleichen 
Thieres  zeigen  Unterschiede,  jedoch  vorzugsweise  nur  im  Fettgehalt 
Viel  bedeutender  sind  die  Differenzen  zwischen  den  einzelnen  Fleisch- 
sorten in  Bezug  auf  specifischen  Geschmack,  Zartheit  der  Faser  und 
Derbheit  des  Sarkolemms  sowie  des  eingelagerten  Bindegewebes.  Diese 
Differenzen  sind  für  den  Preis  einer  Fleischsorte  viel  mehr  maassgebend 
als  der  Gehalt  an  Eiweiss  und  Fett 

Beim  Ochsen  werden  als  die  zartesten  und  wohlschmeckendsten  Partieen 
geschätzt :  Schwanzstück,  Lendenbraten,  Yorderrippe,  Hüftenstück,  Hinterschenkel- 
stück; die  schlechtesten  nnd  billigsten  sind  Kopf,  Beine,  Hals  and  Wanne; 
die  übrigen  Stücke  rangiren  dazwischen.  —  Als  besonders  zart,  fettarm  und  leicht 
verdanlich  gilt  das  Fleisch  von  jungem  Geflügel  nnd  Wild;  letzteres  hat 
aber  starkes  Bindegewebe  und  mnss  daher  längere  Zeit  abhängen  oder  in  saore 
Milch  eingelegt  werden.  Kalbfleisch  enthält  mehr  Wasser  und  Leimsabstanz 
and  weniger  Extractivstoffe  als  Ochsenfleisch;  übrigens  ist.  Gkschmack  und 
Nährwerth  ganz  abhängig  vom  Alter  nnd  Mastznstand.  Schweinefleisch  ist 
meist  fettreich  und  deshalb  schwerer  verdaalich;  als  Yolksnahrongsmittel  be- 
sonders beliebt,  weil  Schweine  beim  Schlachten  die  geringsten  Abfälle  and  leicht 
herstellbare  Gonserven  liefern.  Pferdefleisch  hat  einen  anangenehm  süss- 
liehen  Geschmack;  ansserdem  kommen  meist  abgetriebene  oder  vernnglückte 
Thiere  zar  Schlachtbank.  Fische  haben  theils  ein  fettarmes,  leicht  verdauliches, 
theils  ein  durch  starke  Fetteinlagerung  in*s  Sarkolemm  schwer  verdauliches 
Fleisch  (Aal,  Lachs).  —  Austern,  Muscheln  u.  s.  w.  haben  grossen  Wassergehalt, 
nur  5 — 6  Procent  Eiweiss,  und  ihr  absolutes  Gewicht  ist  so  gering,  dass  sie  für 
aie  Ernährung  kaum  ernstlich  in  Betracht  kommen  können. 

Die  Ausnutzung  sämmtlicher  Fleischsorten  ist  eine  vorzügliche. 
Eiweiss  und  Leim  werden  im  Mittel  zu  98  Procent,  das  Fett  zu  95  Pro- 
cent, die  Salze  zu  80  Procent  resorbirt 

Der  Fleischgenuss  ist  indess  mit  zahlreichen  Gefahren  für  die 
Gesundheit  verbunden.  Erstens  können  im  Fleich  thierische  Para- 
siten (Trichinen y  Finnen)  enthalten  sein,  die  sich  im  Menschen  an- 
siedeln; zweitens  können  pflanzliche  Parasiten  der  Schlachtthiere  im 
Fleisch  enthalten  sein ;  drittens  kann  das  Fleisch  nach  dem  Schlachten 
pathogene  und  saprophytische  Bakterien  aufnehmen  und  in  den 
Menschen  einführen;  viertens  sind  einige  seltenere  und  weniger  wichtige 
Anomalien  des  Fleisches  im  Stande,  die  Gesundheit  zu  beeinträchtigen. 

1.  Thierische  Parasiten  des  Fleisches. 

a)  Trichinen  (Fig.  81 — 84).  Die  Trichinen  werden  vom  Menschen 
nur  im  Schweinefleisch  genossen. 


298  Ernäbrang  und  Nahningsroittel. 

Sie  findea  sich  iu  den  Mnakeln   des  Schweins  in  Kapseln  (b.  Fig.  BS,  84} 
eingeschloseeD;  diese  werden  im  Mugen  des  Menseben  gelöst,  die  0-T— 1-0  mm 
langen  Wünner  werden  frei  and  wachsen  im  Dann,  bis  das  Männchen  2,  das 
Weibchen  9  mm  lang  ist.    Nach  2'f,  Tagen  sind  die  Darmtrichinen  geatshlechts- 
reif,    sie    begatten    sich   and    7   Tage   nach    der 
Begattung    gebiert   jedes   Weibebeo    1000—1300 
Embryonen.     Nach    5~8    Wochen    sterben    die 
Darmtrichinen  ab,  die  Embryonen    aber   bohren 
sich  durch  die  Darmwand  hindurch  und  gelangen 
schliesslich  in  die  MuHkelprimitivfasem  (F^g.  B2). 
Eine  geringe  Zahl  von  Trichinen  ruft  keine  Krank- 
Kg  Bl.   EfngekuxMli«  uad  .>,-      heitssjTnptome     hervor.       Die    Schwere    der    Er- 
kükta  Mnsksltrlcblnan,  ut  Qr.      krankung  richtet   sich   direct   nach   der  Zahl   der 
eingewanderten  Embryonen. 
Die  Trichinen  werden  beobachtet  beim  Schwein,  bei  der  Katze, 
Balte,  Maus,  beim  Fuchs,  Marder  u.  s.  w.    Die  Schweine  acquiriren  sie 
namentlich  dorch  Ratten  oder  darch  Abfälle  von  trichinösem  Schweine- 
fleisch.   Kunstlich,  d.  h.  durch  absichtliche  Fütterung  von  trichinösem 


Fig.  83.     Wandernd«  Triehlneo.    B0:1 

Fleisch  sind  sie  auch  auf  Kaninchen,  Meerschweinchen,  Hunde  n.  s.  w. 
zu  übertragen. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  auf  Trichinen  erfolgt  dadurch, 
dass  7«  <^  breite  und  lange  Streifen  mit  einer  aufs  Blatt  gebogenen 
Scheere  vom  rothen  Thell  des  Zwerchfelles,  Ton  den  Interkostalmuskeln, 
von  den  Bauch-  und  Kehlkopfmusketu  abgetrennt  werden.  Von  jedem 
Stück  werden  6  Präparate  angefertigt;  die  Muskeln  werden  etwas  zer- 
fasert  und  dann  mit  Wasser  oder  verdünnter  Kalilauge  oder  Gljcerin 
befeuchtet;  zur  Besichtigung  genügt  SOfache  Vergrösserung.  —  Zur 
Feststellung,  ob   die  unter  dem  Mikroskop  gesehenen  eingekapselten 


Die  einaelneD  Nabraogsmiltel.  299 

Triohinen  noch  lebend  nnd  infeMonsfahig  sind,  mfissen  Fütterongs- 
versuche  angeetellt  werden. 

a)  Finnen  (Fig.  85,  86).  Die  Finnen  stellen  ein  Entwickelnngs- 
stadinm  der  Bandwürmer  dar;  werden  die  in  Fleisch,  Leber  n.  s.  w.  an- 
gesiedelten Finnen  genossen,  so  geht  eventuell  ans  jeder  Finne  ein 
neaer  Bandwurm  her- 
vor. —  Beim  Menschen 
kommt  am  häufigsten 
vor  Taenia  solium. 


Flg.  SS.    FlDDOi  Im  FIbIhIi,  tulOrl,  Qr. 

Bandwnrm  von  2—3  m  Lfinge,  dessen  Kopf  (von  der  Grösae  eines  Steck- 
nadelkopfes) mit  gaagnSpfchen  nnd  doppeltem  Hakenkranz  veraeheu  ist  und 
am  Darm  haftet  Derselbe  fnngirt  dann  als  Amme  und  aas  ihm  geht  durch 
KnospuDg  eine  Reihe  von  Gliedern  hervor.  In  jedem  Glieds  liegen  nahe  bei 
einander  mfiunliche  und  weibliche  Gescblechtso^tme ;  in  den  letzteren  ent- 
stehen befrachtete  Eier,  kugelig,  allmKhlich  mit  dicker  Haut  umgeben;  diese 
enthalten  schon  einen  fertigen  Embryo  mit  Häkchen.  Die  Bandwurmglieder 
und  die  befmchteten  Eier  gehen  fortgesetzt  mit  dem  Koth  ab,  gelangen  unter 
die  Abfallstoffe,  auf  den  Acker,  in  Brunnenwasser  n.  b.  w.  Von  da  aus  werden 
sie  Ton  Schweinen  aufgenommen.  Oeiathen  sie  in  den  Magen  junger  Schweine 
(unter  6  Monaten),  so  wird  die  HUlle  der  Eier  gelöst,  die  Embryonen  bohren 
sich  durch  die  Darmwand  und  wandeln  sich  innerhalb  2 — 3  Monaten  in  irgend 
unem  Organe,  mit  Vorliebe  in  dem  intermuskalUren  Bindegewebe  des  Herzens 
und  der  Zunge,  in  eine  Finne  nm  (CTsticercus  cellulosae). 

Die  Finnen  erscheinen  als  mit  blossem  Auge  sichtbare  1 — 20  mm 
lange  Blasen  mit  wässerigem  Inhalt  (Fig.  85).  Man  unterscheidet  an 
ihnen  ein  eingestülptes  Receptaculnm  und  in  diesem  den  Scolex,  den 
neuen  Bandwurmkopf  (Fig.  86).  Die  Kapsel  der  Finne  wild  im  Magen 
des  Menschen  gelöst,  der  scolex  wird  frei  nnd  setzt  sieh  wieder  an 
der  Darmwand  fest,  einen  neuen  Bandwurm  bildend.  Taenia  solium 
haftet  nur  beim  Menschen,  die  Finne  kommt  gelegentbch  auch  bei 
Hunden,  Ratten  u,  s.  w.  vor. 

Der  im  Darm  parasitirende  Bandwurm  veranlasst  oft  ziemlich 
schwere  Verdanungs-  und  ErnäbningHsti')mngen.   Ausserdem  aber  kann 


300  Ernährung  and  Nabrongsmittel. 

von  den  menschlichen  Bandwürmern  aus  die  Cysticercenkrankheit 
des  Menschen  bewirkt  werden  dadurch,  dass  im  Menschen  selbst 
Bandwurmeier  zu  Finnen  auswachsen  (vgl.  Fig.  87).  Es  müssen  dazu 
Bandwurmeier  in  den  Magen  des  Menschen  gelangen;  das  kann  ent- 
weder, in  seltenen  Fällen,  durch  antiperistaltische  Bewegungen  ge- 
schehen, sodann  durch  unbewusste  und  unabsichtliche  Berührungen  und 
Verschleppungen,  die  durch  den  bei  Bandwurmkranken  gewöhnlich  be- 
stehenden Juckreiz  am  After  befordert  werden;  oder  aber  es  können 
mit  Wasser,  rohen  Gemüsen  und  allerhand  Esswaaren  solche  Band- 
wurmeier eingeführt  werden,  namentlich  wenn  Diejenigen,  welche  mit 


TUdU  Hgnack  Tatu  toll 


Sdmem  (Cjftt  cell  i  J/ensch 

a.  Wiriluvtchsel  der  THckina  spiraUs.      b.  Wirthvedtsel  von.  Tamia  soliwru     ^^^  <^^^ 

MmiA  iTaensoßi  mad  fTo£ßu§e7iBucf 


c.  IVirÜavecbsd  vm  TamU  stufimaia.  cL.WtrOovedtsd  vm  Eüänoooecus. 

Flg.  87.  SchematiBche  Dantellang  des  Wirthwechsela  der  Fleisohparasiten,  nach  Bolumobr. 

den  Esswaaren  beschäftigt  sind  (Verkäufer,  Bäckerjungen,  Köchinnen), 
am  Bandwurm  leiden. 

Taenia  mediocanellata  s.  saginata  ist  ein  Bandwurm  mit 
grösseren  Gliedern,  ohne  Hakenkranz,  mit  4  Saugnäpfen,  der  ausschliess- 
lich beim  Menschen  vorkommt  und  dessen  Finne  in  den  Muskeln  (Kau- 
muskeln,  masseter)  und  inneren  Organen  des  Rindviehs  sich  ent- 
wickelt. Der  Mensch  acquirirt  diesen  Bandwurm  durch  den  Genuss 
finnigen  Rindfleisches. 

Botriocephalus  latus  kommt  beim  Menschen  vor  als  Bandwurm 
mit  kurzen,  breiten  Gliedern  und  ovalen  Eiern ;  die  Finne  soll  im  Hecht, 
Lachs  und  anderen  Fischen  sich  entwickeln. 

Taenia  ecbinococcus  lebt  als  Bandwarm  im  Darm  des  Hundes,  wird 
nur  4  mm  lang;  die  Eier  gelangen  mit  den  Handeexcrementen  aaf  Weide-  und 


Die  einselnen  Nahmngsmittel.  301 

Fntterkräater  und  von  da  in  den  Magen  verschiedener  landwirthschaftlicher 
Nutzthiere.  In  diesen  ko